Vorrat von der Mondblume zu sammeln . Seine Altezza der Herzog zu Friedland will morgen auf der Höhe des Korkonosch einen Bären hetzen , und bei dieser Gelegenheit mag die Mondblume gesucht werden . Wir reiten noch heute abend gen Rochlitz . « Außer mir vor Freude , fiel ich auf meine Knie und küßte Senos Hand , indem ich ihn meinen Befreier nannte . » Vollende nun der Herr sein gütig Werk und erlöse auch die junge Gräfin Schlick aus dieser Burg . « Kalt jedoch gab Seno zur Antwort : » Nichts davon ! Sei Er zufrieden , daß Er selber hinausgelangt . Wegen der Tochter eines gerichteten Rebellen mag ich nicht Händel mit dem Grafen Slawata beginnen . « Wie flehentlich ich bat , Seno verharrete bei seiner Entscheidung und ließ mich barsch an . Es blieb mir nur der Trost : kommt Zeit , kommt Rat ! Nachdem ich auf Senos Geheiß Papier herbeigeholt hatte , hüllte er die Metallstücke sorgfältig hinein und steckte das Päcklein in seine Tasche . » Nehm Er jetzo « , so sprach er , » sämtliche Geräte und Stoffe , so zur Goldbereitung wertvoll , auch den Schmelztiegel , an sich und mach Er sich bereit , sofort die Burg zu verlassen . « Während ich den Auftrag ausführte , rief Seno seine Leute herbei und sprach zum Vogt , den sie umgaben : » Diesen Chymisten nehm ich mit mir . Ihn hier festzuhalten , hat niemand ein Recht . So ihn aber Euer Herr zurückfordert , mag er sich an Seine Altezza wenden . « Der Vogt versuchte Widerrede : » Der Gefangene ist ein Zauberer und soll vor Gericht . « Kopfschüttelnd winkte Seno ab : » Macht nichts . Herr Graf Slawata weiß ja nun , wo das Gericht den Zauberer finden kann . « Zu mir gewendet , fügte er spöttisch hinzu : » Das Vöglein kommet halt aus Herrn Slawatas Käfig in den meinen . « Seno ging hinaus , und inmitten der Soldaten verließ ich mein Gefängnis . Wiewohl Senos Worte eine trübe Aussicht eröffneten , ließen sie die Vorwürfe verstummen , die ich mir selber heimlich machte , weil ich ja einen Betrug an Seno verübt . Jetzo durfte ich mir sagen : mit Feinden hast du zu tun , und im Kriege ist Täuschung erlaubt , zumal wenn sie einem Schuldlosen zur Freiheit verhilft . Da Seno den Befehl zum Abmarsch gab , bestieg alles die Rosse , auch mir war eins gesattelt . Aufatmend ritt ich inmitten der Soldaten durch das Burgtor über die Grabenbrücke , hinunter ins Waldtal . Einen letzten Blick warf ich zurück . Da lag nun auf dem Berge die Veste , wo ich länger denn ein Jahr ein Gefangener gewesen . Stolz und wehrhaft ragete sie mit ihren Türmen , Mauern und Zinnen . Ich fand die Stelle , wo ich übers Dach geklettert war , und die beiden Schornsteine . Der heißgeliebten Gräfin galt mein Herzenspochen . O daß ich sie jetzo grüßen könnte mit der heimlichen Seelenmagie ! Thekla ! Frei bin ich - und alles will ich dransetzen , auch dich zu befreien - meine Braut ! Das sechste Abenteuer Wie die Jungfer zu mir sagte » Wag ' s Knab ! « Im warmen Sonnenschein , den ich als Gefangener entbehrt hatte , begrüßt von den rauschenden Tannen und Bergwässern , von Buchfink und Kuckuck , ritt ich mit stillem Jubel dahin , versucht , meinem Roß in die Flanken zu treten und dahinzufliegen wie ein Falk . Ich wollte ein Gespräch mit den Soldaten anknüpfen , ward aber abgewiesen . Wir kamen an einen schäumenden Fluß und verfolgten ihn aufwärts . Auf einer Bergmatte lagen Bauden , und ich vernahm wieder das traute Brüllen der Kühe . Dann ging es durch Wildnis , bis wir um Sonnenuntergang in ein Dorf kamen . Hinter den Hütten erhub sich das Gebirge , und der Wald vermochte die höchsten Gipfel nicht zu erreichen . Wir kamen wieder an den rauschenden Fluß , und nachdem wir eine Stunde seinem Lauf entgegengeritten waren , schoß von rechts ein Bach daher , den sie Mummel nannten . Zwischen Scheuern und Bauden stund allda ein herrschaftlich Haus , wir machten Halt und stiegen ab . Seno begab sich hinein , willkommen geheißen von einem Herrn . Während die Rosse durch Knechte in den Stall geführt wurden , ging auch ich mit den andern in das Haus , wo in einer großen Stube ein Tisch mit Speise und Trank bereitet war . Nach der Mahlzeit gingen zween Soldaten mit mir in ein Gemach , wo eine Streu war . Die Tür schloß der eine Soldat hinter sich ab , das Fenster war vergittert . Die Soldaten wiesen mir meine Lagerstatt an und plauderten mitsammen über die befürstehende Jagd . Ich vernahm , daß andern Morgens der Herzog von Friedland aus den Sieben Gründen zum Hohen Rad hinanreiten werde , wo eines Bären Spur gefunden sei , und daß Herr Seno mit uns auf dem Wege durchs Mummeltal zur Jagdgesellschaft stoßen wolle . Ein Soldat meinte mit mürrischem Blicke auf mich : » Es wäre fürwahr unterhaltsamer , der Bärenhatz beizuwohnen , als diesen Goldmacher bei seinem Kräutersuchen zu begleiten . « - » Begleite du nur , ich entspringe dir ! « dachte ich lächelnd und sank in tiefen Schlaf . Bei Morgengrauen ertönte das Jagdhorn und Rossegewieher , und sogleich waren wir auf den Beinen . Nach einem hastigen Imbiß ging ' s an dem rauschenden Mummelbach durch wilden Tann höher und höher . Wo das Wasser einen donnernden Absturz tut , hielten wir an und stiegen von den Rossen ; sie sollten hier bleiben , da der fürdere Weg zu steil . Lange Wanderstäbe wurden Herrn Seno und den anderen hohen Herren gereicht , und nun stiegen wir den Felsenpfad hinan . Seno wandte sich zu mir : » Droben auf der Elbwiese werd ich mich zu Seiner Altezza begeben . Derweilen mag Er seiner Mondblume nachgehen , aber Soldaten werden Ihn überall hin begleiten , wo Er die Blume sucht . So Er sich unterstehet , wegzulaufen , wird Er niedergeknallt . « Ein paar Stunden waren wir gestiegen , als die Tannen kurz und knorrig wurden . Dann kam eine blumige Matte und ganz oben eine weite sumpfige Ebene . Da gab es rostrotes Wasser und Binsen und verstreute Blöcke mit Moos bedeckt . Diese Moorwiese bildet den Quellengrund der Elbe . Zur rechten wie ein Höcker der kahle Korkonosch . Geradeaus ein steiler Absturz . Drunten die Sieben Gründe , hinein springt die rauschende Elbe . Dahinter wieder hohes Gebirge , gekrönt von der Schneekoppe . Links kahle , felsige Gipfel , der Reifträger , die Veilchensteine , das Hohe Rad . Auf einmal schollen aus der Ferne Fanfaren , und Seno ließ einen Hornisten antworten . Vom Elbfall kam ein Trupp mit kläffenden Hunden dahergezogen . Unter den grünen Jagdgewändern leuchtete ein Scharlachmantel , und Seno sagte : » Seine Altezza ! « Dann wandte er sich zu mir : » Er mag jetzo gehen , wie Er will . « Ich und zween der Soldaten blieben zurück , während Seno mit den andern unter Horngetön seinem Herzog entgegenzog . Nachdem ich eine Weile gerastet und mich besonnen hatte , deutete ich nach dem Hohen Rade und sprach zu den Soldaten : » Dorthin muß ich , in die Schneegrube , allwo mein Kraut wächst . « Hierauf prüften die Soldaten ihre Schießrohre und verwarnten mich . Beruhigend winkte ich ab , und dann ging es über die Elbwiese . Von Block zu Block mußten wir hüpfen , um nicht in den Sumpf zu patschen . Endlich auf trocknem Felsenboden , sahen wir den Nebel wirbeln , so hier gern über den Gebirgskamm jagt . Noch einen Blick taten wir zurück ; die Jagdgesellschaft hatte sich in mehrere Haufen geteilt , deren jeder unter Führung einer kläffenden Meute seine besondere Richtung verfolgte . Gleich darauf stund ich auf dem hohen Felsen , der gen Morgen ins Schlesierland ausblickt . Mit wehmütigem Glücke sahe ich drunten die Hütten von Schreiberhau , Auen und Waldberge , weiter die Veste Kynast und Herrmannsdorf , auch etliche Dächer von Warmbrunn und ganz hinten Hirschberg mit seinen Türmen . Hold lächelte die Heimat , und mein Blick taumelte über das Waldgewoge , verwirrt vom Sonnengold und blauen Dufte der Ferne . Und es hüpfte mein Herz . Bevor diese Sonne sinket , bin ich frei , und schlafen tu ich in Oheims Häusel . Frei - oder tot ! Ich hatte mir ausgedacht , die Soldaten in die Schneegrube zu führen , wo steile Wände , Schneefelder , unwegsame Blöcke und Knieholzgestrüpp das Gehen schwer machen , wofern der Wanderer nicht mit solchem Gelände vertraut ist . Hier wollt ich einen günstigen Augenblick nutzen und entspringen . Unter meiner Führung begaben wir uns auf jenen schroffen Felsen , der ähnlich einer Burg zwischen der Kleinen und der Großen Schneegrube emporragt , und sahen in die Große Schneegrube zur Rechten , einen Felsenkessel , groß genung , ein ganzes Dorf zu fassen . War aber nur Wildnis innen . Der Rand des Kessels ging an manchen Stellen senkrecht , an andern war ein Abrutsch von Geröll . In Felsenspalten und an schattigen Hängen lag Schnee , draus rannen Wasseradern in den Grund . Im Kessel waren abgerissene Felsenblöcke nebeneinander gesäet , vom Wasser rundlich gespült . Aus ihren Spalten wuchs das Knieholz , ein kriechend Kieferngebüsch , hart wie Rippen großer Tiere . Das Liebliche an diesem Bilde war neben ein paar klaren Wasserbecken ein runder Teppich von Gras und bunten Blumen . Einen Felsenhübel klommen wir hinab und gelangten auf den blumigen Teppich , allwo wir rasteten . Heimlich sandte ich den Blick die steilen Hänge hinan , einen Ort zu küren , so für meinen Plan paßte . Hatten wir bisher in der Schneegrube nur Windes Sausen , der Wässerlein Rinnen und das Zwitschern der Berglerche vernommen , so horchten wir jetzo auf das Jagdgetöse , das verworren und schwach von den Rändern des Kessels herniederscholl . Hörner bliesen , Hunde bellten , Treiber knallten mit Peitschen und jauchzten . Da sprach ein Soldat : » Es scheint , sie hetzen den Bären schon . « Zufrieden , abseits von den Jägern zu sein und so leichter entspringen zu können , erhub ich mich : » Ich muß nun den Hang hinan , mein Kraut zu suchen . « Am Ranfte eines Bächleins klomm ich zur Höhe , die immer schroffer ward . » Halt ! « rief ein Soldat , » wir sind keine Ziegenböcke . « Finster gab ich zur Antwort : » Ich soll ein Kraut suchen , so nur droben gedeihet . Hindert ihr mich , so werde ich es Herrn Seno melden . « Da die Soldaten schwiegen , setzte ich mein Aufwärtsklimmen fort . Überschritt ein steil Schneegefild , das dem Fuße kaum Halt gab . Ein Soldat wäre abgerutscht , wenn er sich nicht an einem Zacken festgehalten hätte . Des Kletterns überdrüssig , fluchte er und setzte sich auf einen Felsen , der aus dem Schneefeld ragte . Das Gewehr über seinen Schoß gelegt , rief er dem Kameraden zu : » Mag der vermaledeite Goldmacher seinen Hals brechen ! Er klettere , wie ihm beliebt . Nach oben kann er ja doch nicht entrinnen , weil die Felsenwände zu steil . Hier unten aber bewachen wir den Paß . « Das war dem andern Soldaten recht , und er postierte sich einen Steinwurf seitwärts zwischen Knieholz . Ich tat , als ob ich Kräuter suche . Ein Wässerlein aber floß aus dem höchsten Schneefeld , und wie es gleich einem Schlänglein zwischen Felsen dahinschlüpfte , klang es silberhell , lachte und lockte wie eine ferne Schalmei . Und des Lebens Lust , zwischen den grünen Wäldern und den Schäflein der Himmelsaue hauchend , webend , schien mit diesem Stimmchen zu raunen : » Nun sei frei ! Der Augenblick ist da ! « Auch klang mir im Ohre meiner geliebten Jungfer Raunen : » Wag ' s Knab ! « Schon tat ich spähende Blicke ringsum , schon spannten sich meine Glieder zum Sprunge , als auf einmal unter mir Hundekläffen erscholl . Und sieh , um den Hübel , den wir herabgestiegen waren , kam eine Koppel Hunde gehastet , von einem Pagen gehalten . Hinterdrein ein Jäger mit einem Spieß , ferner jener Rotmantel , und der war kein andrer , als Wallenstein , Herzog zu Friedland . Wie ich eben sein ansichtig geworden , strauchelt er und gleitet mit einem Beine derart in eine Felsenspalte , daß er es nicht herauszuziehen vermag . Dabei ist ihm das Jagdgewehr entfallen . Auf seinen Zuruf wendet sich der andre Jäger und sucht den Herzog aus dem Felsenspalt herauszuziehen . In diesem Augenblicke erschallt über mir ein gellend Posaunen , und wie ich emporblicke , kommt ein schwarzbrauner Bär auf dem Hinterteil über das steile Schneefeld herabgerutscht , gerade auf den einen Soldaten los . Dieser will hastig ausweichen , strauchelt und stürzt mit dem Kopfe voran den Hang hinab . Der andere Soldat legt sein Gewehr auf den Bären an und feuert . Unverwundet gleitet Petz weiter , springt mit gewandten Sätzen über die Knieholzbüsche und ist nur noch wenige Schritte vom Herzog entfernt . Indessen lässet der Page die Hunde frei , und mit wütendem Geheul packen sie an . Zugleich stürmet der Jäger mit dem Spieß auf den Bären los , der sich auf die Hinterfüße setzt und mit den Tatzen um sich haut . Vom Spieße gestochen , brüllt er und streckt mit einer Ohrfeige den Jäger nieder . Da beut sich mir nun die beste Gelegenheit zur Flucht : niemand kann ja schießen , und die Gefahr des Herzogs lenkt die Obacht von mir ab . So springe ich denn mit langen Sätzen den steilen Hang hinunter . Wie ich nun ganz nahe dem Untier bin , das aufsätzig mit den Tatzen nach den Hunden haut und , mein ansichtig , mit der glühenden Wut seiner roten Augen mich versengen möchte , da zuckt auf einmal in meiner Brust ein wilder Grimm , und mir ist , als müsse ich meine Kraft nur daran wenden , die Bestie unschädlich zu machen . Auch höre ich den Pagen um Hilfe schreien , dann ins Jagdhorn stoßen , den Herzog aber mir zurufen : » Her zu mir ! Nimm mein Gewehr ! « Und ich springe hin , hebe das Gewehr vom Boden und lege auf den Bären an . Eben hat er sich von den blutenden Hunden freigemacht , stürzt heran und richtet sich dicht vor mir auf den Hinterfüßen empor , zu seiner ungeheuerlichen Größe , reißt den geifernden Rachen auf und starrt mich mit glasigen Augen an . Schon holt die Tatze aus , da hab ich ihn gut aufs Korn genommen , genau in der Richtung des Herzens , und brenne los . Dem Krachen folgt ein dumpfes Stöhnen , das Untier stürzt vornüber , wälzt sich mir zu Füßen , mit den Tatzen um sich schlagend , und verröchelt , indes ihm Blut aus dem Maule schießt , und die Hunde , heulend vor Wut , sich in sein Fell verbeißen . Noch einmal bin ich in Versuchung , mich zur Flucht zu wenden . Aber der Herzog Wallenstein ruft mir zu : » Braver Schütze ! Her zu mir ! Helf Er mir ! « Da trete ich zu ihm . Nun kommt auch der Page gelaufen , und wir wälzen den Stein weg , der des Herzogs Bein festgeklemmt hat . Wallenstein erhebt sich und streckt das Bein , um es gelenkig zu machen ; dann schaut er nach dem andern Jäger , den des Bären Tatze traf , und spricht zum Pagen : » Flugs dem Grafen Max beigestanden ! « Indem ist der Verwundete schon selber zu sich gekommen , richtet sich auf , wischt sich das Blut von der Wange und nimmt seinen Filzhut ab , der glücklich den Tatzenhieb gedämpft hat . Was nun meine beiden Wächter betrifft , so richtet sich der abgestürzte ebenfalls auf . Der andere , so den vergeblichen Schuß auf den Bären getan , kommt atemlos herbeigerannt ; wie von Sinnen reißt er des Herzogs Gewehr aus meiner Hand und packt mich am Kragen . Wallenstein herrscht ihn an : » Mordsblitz ! Was hat ' s denn ? Was packest du den Mann ? « » Der Goldmacher ist das « - stammelt der Soldat - » ihn sollen wir bewachen . « Verächtlich lacht der Herzog : » Ha ha , der Goldmacher ! Senos Mann ! Und den solltest du mit deinem Kameraden bewachen ? Ihr seid mir ein paar Wächter ! Bequem hätte euch der Goldmacher durch die Lappen gehen können . « Hierauf wendet Wallenstein den starren Blick seiner düsteren Augen auf mich : » Und warum ist Er nicht durch die Lappen gegangen - he ? « - Wie ich dem gewaltigen Manne ins Auge sehe , kommt mir der Gedanke : » Der hält dein Geschick in Händen , und jetzo gilt ' s , eine günstige Entscheidung herbeizuführen ! « Es war das einzige Mal , daß ich diesem Helden der Geschichte von Angesicht zu Angesicht genüber gestanden bin . Der Mordstahl hat ihn hinweggerafft , doch lebendig herrscht er noch in meinem Herzen . Majestätisch seine hagere Gestalt . Wie einen König kleidete ihn der scharlachene Mantel , so über das silbern betreßte Jagdhabit niederwallte . Das Angesicht schmal , die Stirne hoch , das Haupthaar schwarz und straff , der Knebelbart ergraut . Die gelbliche Haut verriet mürrischen Sinn , das feine Geäst der Runzeln ein rastlos Grübeln , allezeit wache Gedanken . Unter buschigen Brauen sprang die Nase wie ein Adlerschnabel herfür , jedoch nicht spitz , sondern abgestumpft . Die Augen hatten schwarze Sterne , und der bannende Blick verkündete den unbeugsamen Herrscher . Es wandelte mich jedoch keine Furcht an , da ich auch seine gedankenvolle Ruhe und adlige Großmut spürte . Fand dahero meinen Freimut , zog den Hut , neigte mich und begegnete aufrecht dem Blicke des Herzogs . » Altezza fragen , warum ich nicht durch die Lappen gegangen bin ? Ei , es war doch besser , den Bären zu erlegen ! « Der Herzog spähete mich noch immer an . Dann huschte Heiterkeit über sein Antlitz : » Besser ? Nun freilich , für mich war ' s schon besser , sonsten hätte die Bestie mir den Garaus machen können . Auch für den Grafen Max ! Ob es aber für einen Gefangenen besser ist , seine Flucht zu versäumen , ist noch die Frage . « Mit Bestimmtheit erwiderte ich : » Auch für mich war es besser , denn durch Euer Altezza Gnade werde ich eher frei als durch Ausreißen . « Der Herzog zog die Augenbrauen hoch : » Er tut ja , als hab Er meine Gnade allbereits im Sack ! « Schon wollte ich niederknien und meine Bitte aussprechen , als sich der Herzog umwandte . Es kamen mehrere Jagdherren hinter dem Felsenhübel herfür . Auch Seno war dabei . Lebhaft trat er auf seinen Herzog zu und neigte sich : » Heil dem Schützen ! « Kalt erwiderte der Herzog , auf mich weisend : » Der da ist der Schütz ! « Seno stutzte : » Das ist ja der Goldmacher - ? « Wallensteins Auge blickte träumerisch : » Es ist derselbe Mann , dessen Nativität ergeben hat , er werde dem künftigen König von Böheim einen Dienst leisten . « Zu mir gewandt , fuhr er fort : » Er ist doch jener Magdeburger , anno 1606 geboren am Tage Sankt Johannis ? « - » So ist es , Altezza . « » Und ein Pfaff wird aus Ihm werden , « fuhr der Herzog mit Bestimmtheit fort , » in den Sternen stehet geschrieben , daß Er ' s zum Hohenpriester bringet . Er sollte machen , daß Er in ein Kloster kommt . Bedenk ich freilich , welch einen Schuß Er getan , so mein ich , auch zum Kriegsmann hab Er das Zeug . Werd Er beides : ein Kriegsmann und ein Pfaff - nach der Mode des französischen Kardinals , haha ! « Seno hub die Hand : » Verzeihen Altezza , nach meiner Berechnung kommt es mit diesem Menschen anders . Nicht Hohepriesterschaft liegt ihm bei , sondern ein Goldschatz . Daß ihn die Sterne dazu berufen , dem künftigen Böhmerkönige einen Dienst zu leisten , ist allerdings wahr . « » Hat ihn wohl allbereits geleistet ! « raunte Wallenstein seinem vertrauten Sterndeuter zu ; » nur weiß man nicht , ob ich der künftige König bin , oder obs mein lieber Erbe Max hier ist . Jedenfalls hat der Mann uns beiden die Bestie vom Leibe gehalten . Falls aber der Dienst , den er leisten soll , erst in Zukunft zu erwarten , so ist es klug für unsereinen , sich gut mit ihm zu stellen . « Graf Max , der sich vom Hieb des Bären erholt hatte , war herangetreten , ein Tuch an seine Wunde haltend . » Ich zahle « - sprach er kleinlaut - » hundert Taler für seinen Schuß . « Spöttisch meinte Wallenstein : » Wer Gold machen kann , braucht deine hundert Taler nicht . Hab ich nicht recht , Seno ? Du willst ja dabei gewesen sein , wie er mit Erfolg tingieret hat - he ? « - Ernsthaft nahm Seno aus seinem Gewande ein Papier und wickelte das Gold heraus , das wir im Laboratorio gegossen hatten . » Dies Gold hat er vor meinen Augen tingieret . « Wallenstein betrachtete nur flüchtig das Metall und gab verächtlich zur Antwort : » Gaukelei ! Alle Goldmacher sind Gaukler , und du , mein Seno , bist geprellt , so du dich von diesem Menschen zum besten haben lässest . Sollst mir endlich glauben , Seno : weise zwar bist du als Sterndeuter , doch deine Alchymie ist närrischer Wahn . Ich wette , dieser Mensch nasführet dich , und daß ich ihn frei lasse , ist das Beste für dich wie für uns alle . « - Warnend erhub Seno die Hand : » Will Euer Altezza die Henne fliegen lassen , so jeden Tag ein gülden Ei legen kann ? « Da warf mir Wallenstein einen gebieterischen Blick zu : » Gesteh Er , daß Seine Goldmacherei eitel Blendwerk . Die Wahrheit will ich hören , und damit Er nicht aus Angst zur Lüge greift , hat Er mein Wort , daß ich Ihn zur Stunde freilasse , Ihn auch behüten will , wofern mein Seno sich rächen möchte für seine Nasführung . « Aufatmend spähte ich dem Herzog ins Auge , ob seiner Gnade zu trauen , dann ließ ich mich aufs Knie nieder : » Altezza sollen die Wahrheit vernehmen . Zuvor aber vergönnet mir eine Bitte . Wie die hundert Taler , die mir vom Herrn Grafen geboten wurden , so würde ich auch ein Geldgeschenk zurückweisen , falls Euer Altezza mich damit belohnen wollten . Dafür aber flehe ich untertänigst um eine andere Gabe ... « Ungeduldig unterbrach mich Wallenstein : » Will Er Bedingungen stellen ? Hab ich Ihm nicht befohlen , unverzüglich die Wahrheit zu gestehen ? So Er zu bitten hat , mag ' s hinterher geschehn . Zuvörderst kommt mein Wille ! « » Zu Befehl , Altezza , und wollet verzeihen ! « entgegnete ich , noch immer auf den Knien , » es ist , wie Ihr sagtet . Kein Goldmacher bin ich , sondern nur ein Gaukler . Doch bei Gott , nicht einer von jenen , so schnöden Gewinst suchen . Nach dem edlen Gut der Freiheit tracht ich , ein schuldlos Gefangener ; und ferner noch einen zweiten Menschen , einen gänzlich unschuldigen , möcht ich befreien . « Der Herzog unterbrach mich : » Einen zweiten Menschen ? Und wer ist das ? « - » Das ist die Tochter des Grafen Andreas Schlick , den man zu Prag enthauptet hat ; die junge Gräfin Thekla ist es , eingekerkert in derselben Burg , die auch mein Gefängnis war . Manch nächtliche Stunde hab ich gemeinsam mit dem Fräulein durchgrübelt , uns beide frei zu machen , und rund herausgesagt : die Gabe , so ich von Euer Altezza erbitten möchte , ist der Jungfer Gräfin Befreiung . « Belustigt blickte Wallenstein auf Seno , wandte sich dann wieder zu mir und meinte : » Ei warum flog Er ins Freie , wenn sein Gefängnis ein so weich Vogelnestlein ? Als Goldmacher mit einer holden Gräfin hausen , ist doch kein übel Los . Mich wundert nur , daß der Slawata die beiden Vögelein zusammensperrte . Oder wie seid ihr beide zusammenkommen ? Das alles soll Er jetzo beichten , dieweilen wir auf diesem Blütenteppich rasten wollen . « Und der Herzog schritt nach dem Rasenplatze inmitten der Schneegrube und setzte sich auf einen Block . Die Jagdherren folgten und lagerten sich rings , während Pagen und Diener , darunter meine beiden Wächter , ehrerbietigen Abstand hielten . Auf Wallensteins Wink trat ich vor und berichtete nun alles so ziemlich der Wahrheit getreu . Wie ich aufs Dach gekrochen und durch den Schornstein der Jungfer Gräfin vor die Füße gefallen sei , als sie gerade zur Harfe sang . Der Herzog nebst seiner Begleitung brach in Gelächter aus . Ich erzählte ferner von meiner erfundenen Tinte und dem geheimen Brief an den Oheim . Glaubte aber verschweigen zu sollen , daß ich einen Schatz des Grafen Schlick gefunden , und daß der Buchstabe Z ihn angedeutet habe . Sagte bloß , Jungfer Thekla habe mir Dukaten gegeben aus dem Erbe ihres Vaters , und ich habe dies Gold angewandt , um Seno vorzugaukeln , daß ich ein Adepte sei . « Wütend blitzte mich Seno an . Wallenstein aber lachte und ermunterte mich , frei zu reden . So schilderte ich denn , wie ich an Stelle des unverfänglichen Tiegels den andern mit dem verborgenen Golde gebracht hatte . Abermals erhub sich Gelächter . Seno machte ein mürrisch Gesicht . An seinem Verdruß weidete sich der Herzog und sprach übermütig : » Goldmachen ist gewiß eine wackere Kunst , doch mir ist nur ein einzig Rezept dafür bekannt , auf das man sich verlassen kann . Nimm Salpeter , Schwefel , Kohle und mache Schießpulver . Das kann zu Golde werden , so du es recht verwendest . Gelb Metall ist genung von unserm Herrgott geschaffen worden , wir Menschen brauchen dem Schöpfer nicht ins Handwerk zu pfuschen . Es stehet uns auch übel an , Kohlen zu blasen und im stinkigen Laboratorio unter Hüsteln und Spintisieren die Lebenszeit zu vertrödeln , genasführet von abergläubischen Idolen und wurmstichigen Scharteken . Ist es denn nicht würdiger , der Drommete und Trommel folgend , das Gold aufzuraffen , wie es Gott geschaffen hat ? Zusammenzuscharren , wo er es über die Lande hin verstreute ? « Noch einmal richtete Wallenstein sein Aug auf mich : » Diese wahrhaftige Goldmacherei sollte Er sich zu eigen machen , und ich will Ihm dabei helfen . Mag Er mir als Chymiste dienen , aber nur in meinen Salpetermühlen und Pulverwerken . Ich rate Ihm gut - zwingen mag ich Ihn nicht . Denn Er ist hinfüro frei und kann auf der Stelle gehen , wohin Er will . Auch seine Jungfer Gräfin will ich in Freiheit setzen . « Außer mir vor Freude stürzte ich vor dem Herzog nieder und wollte seine Hand küssen , die er mir jedoch entzog . Seno machte ein Bedenken geltend : » Das wird Slawata Euer Altezza verübeln . « Grimmen Hohnes gab Wallenstein zurück : » Um so besser ! Diesen Oberstkanzler ärgere ich gern . Die böhmischen Rebellen taten nicht klug , daß sie ihn aus dem Fenster stürzten - hätten lieber capite rapite machen und ihn zu Stücken hauen sollen . Die Canaglia ist schuld , daß wir morgen nach Bayern aufbrechen , wo die Kurhüte sich zusammenrotten , mir das Generalat abzunehmen . Wohlan denn , wofern ' s die Sterne wollen ! Mag der Kaiser probieren , ohne mich auszukommen . Mir ist es unerträglich , von jemand zu dependieren . Doch Ferdinandus dependiere von mir ! Bald soll er mich von neuem rufen . Es wehet allbereits ein rauher Wind aus Mitternacht . Den nordischen Leuen hör ich brüllen . Cave leonem , Ferdinande ! « Bei diesen Worten war Wallenstein heftig und schiefrig worden , indessen seine Begleiter in Spannung lauschten . Mir gab das dankbare Herz eine treffliche Losung ein . Ich schwenkete meinen Hut und rief : » Vivat Altezza ! « Da sprangen die Herren vom Rasen und umjubelten unter Hüteschwenken den Herzog : » Vivat Altezza ! Evviva ! « Auch in böheimischer Sprache erschollen Zurufe . Stolz blickte Wallenstein in die Runde . Dann verabschiedete er mich mit einem Wink und sprach zu einem Offizier , der mit Seno in Wasenstein gewesen : » Unverzüglich soll Er nach Wasenstein zurück , die junge Gräfin Schlick zu befreien . Nehm Er aber mehr Leute mit und schau Er , daß Er mit gutem Vorwande in die Burg komme . Will unser Bärenschütz mitgehn , so stehet ihm das frei . « Noch einmal beugte ich das Knie vor dem Herzog , neigte mich vor dem Grafen Max und den andern Herren und trat zum Offizier , der allsogleich den anwesenden Soldaten den Befehl zum Abrücken gab . Ich schloß mich an , und