, wenn ich fragen darf ? « » Ich weiß ganz gut « , sagte Eißler lächelnd und ließ das Monokel fallen , » daß Sie auf meine Protektion nicht angewiesen sind , aber andererseits kann ich mir denken , daß es ihnen vielleicht nicht unsympathisch wäre , auf die Vermittlung von Agenten und andere Annehmlichkeiten dieser Art verzichten zu dürfen ... ich meine nicht wegen der Perzente . « Georg blieb kühl . » Wenn man einmal entschlossen ist eine Theaterkarriere einzuschlagen , so weiß man ja auch , was man alles mit in den Kauf zu nehmen hat . « » Kennen Sie vielleicht den Grafen Malnitz ? « fragte Eißler , unbekümmert um Georgs Lebensweisheit . » Malnitz ? Meinen Sie den Grafen Eberhard Malnitz , von dem vor ein paar Jahren eine Suite aufgeführt worden ist ? « » Ja , den mein ich . « » Persönlich kenn ich ihn nicht und was die Suite anbelangt ... « Durch eine Handbewegung gab Eißler den Komponisten Malnitz preis . » Seit Beginn dieser Saison « , sagte er dann » ist er Intendant in Detmold . Darum hab ich Sie gefragt , ob Sie ihn kennen . Ein guter , alter Freund von mir . Er hat früher in Wien gelebt . Seit zehn oder zwölf Jahren treffen wir uns jedes Jahr , in Karlsbad oder in Ischl . Heuer wollen wir um Ostern eine kleine Mittelmeerreise machen . Erlauben Sie mir , lieber Baron , bei dieser Gelegenheit Ihren Namen zu nennen und von Ihren kapellmeisterlichen Absichten ein Wort zu sagen ? « Georg zögerte zu antworten und lächelte höflich . » O , fassen Sie meinen Vorschlag nicht als Zudringlichkeit auf , lieber Baron . Wenn Sie nicht wollen , halt ich natürlich das Maul . « » Sie mißverstehen mein Schweigen « , entgegnete Georg liebenswürdig , doch nicht ohne Hochmut . » Aber ich weiß wirklich nicht « » So ein kleines Hoftheater « , fuhr Eißler fort , » stell ich mir gerade für den Anfang als den richtigen Boden für Sie vor . Daß Sie von Adel sind , wird Ihnen gerade auch nicht schaden , sogar bei meinem Freunde Malnitz nicht , obwohl der gerne den Demokraten spielt , zuweilen sogar den Anarchisten ... mit Nachsicht der Bomben selbstverständlich . Aber er ist ein charmanter Mensch und wirklich enorm musikalisch ... wenn er nicht grad komponiert . « » Nun « , erwiderte Georg etwas befangen , » wenn Sie die Güte haben wollen , mit ihm zu reden ... man biete dem Glücke die Hand . Jedenfalls dank ich Ihnen sehr . « » Keine Ursache . Ich garantiere ja nicht für den Erfolg . Es ist eben eine Chance unter andern . « Frau Oberberger und Sissy traten ein , von Demeter Stanzides begleitet . » Was haben wir da für ein interessantes Gespräch unterbrochen ? « fragte Frau Oberberger . » Der erfahrene Platoniker und der unerfahrene Wüstling ! Da hätt man dabei sein sollen . « » Beruhigen Sie sich , Katharina « , sagte Eißler , und seine Stimme hatte wieder ihren tremolierend tiefen Klang . » Man spricht zuweilen auch von anderen Dingen , als von der Zukunft des Menschengeschlechts . « Sissy nahm eine Zigarette zwischen die Lippen , ließ sich von Georg Feuer geben und setzte sich in die Ecke des grünen Lederdiwans . » Sie kümmern sich ja heute gar nicht für mich « , begann sie mit dem englischen Akzent , den Georg so sehr an ihr liebte . » Als wenn man überhaupt gar nicht auf der Welt wäre . O , es ist so . Ich bin doch eine treuere Natur als Sie . Bin ich nicht ? « » Sie treu , Sissy ... ? « Er schob einen Fauteuil ganz nahe zu ihr hin . Sie sprachen von dem vergangenen Sommer und von dem kommenden . » Voriges Jahr « , sagte Sissy , » haben Sie mir Ihr Wort versprochen , daß Sie hinkommen werden , wo ich bin . Sie haben es nicht getan . Heuer aber müssen Sie Ihr Wort halten . « » Gehn Sie wieder nach der Isle of Wight ? « » Nein , wir werden diesmal ins Gebirge gehen , nach Tirol oder ins Salzkammergut . Ich will Ihnen schon sagen . Werden Sie kommen ? « » Sie dürften jedenfalls wieder ein großes Gefolge haben ? « » Ich werde mich für keinen kümmern als für Sie , Georg . « » Auch wenn Willy Eißler sich zufällig in Ihrer Nähe aufhalten sollte ? « » O « , sagte sie mit einem verworfenen Lächeln und drückte das Feuer ihrer Zigarette gewaltsam in der gläsernen Aschenschale aus . Sie redeten weiter . Es war eines jener Gespräche , wie sie es in den letzten Jahren so oft geführt hatten . Scherzend und leicht fing es an und glühte am Ende von zärtlichen Lügen , die einen Augenblick lang Wahrheit waren . Georg war wieder einmal berückt von Sissy . » Am liebsten möcht ich mit Ihnen eine Reise machen « , flüsterte er ganz nah bei ihr . Sie nickte nur , ihr linker Arm lag auf der breiten Lehne des Diwans . » Wenn man könnte , wie man wollte « , sagte sie und hatte einen Blick , der von hundert Männern träumte . Er beugte sich über ihren zitternden Arm , redete weiter und berauschte sich an seinen eigenen Worten . » Irgendwo , wo niemand uns kennt , wo man sich um keinen Menschen kümmern müßte , möchte ich mit Ihnen zusammen sein , Sissy . Viele Tage und Nächte . « Sissy bebte . Das Wort Nächte jagte ihr Schauer durchs Blut . Anna erschien in der Tür , gab Georg mit dem Blick ein Zeichen und verschwand gleich wieder . Er lehnte sich innerlich auf , und doch war es ihm ganz recht , daß er sich gerade jetzt von Sissy verabschieden durfte . In der Tür zum Salon begegnete er Heinrich , der ihn ansprach . » Wenn Sie gehen , sagen Sie mir ' s bitte , ich möchte gern noch mit Ihnen reden . « » Mit Vergnügen . Aber ich muß ... ich habe nämlich Fräulein Rosner versprochen , sie nach Hause zu begleiten . Dann komm ich gleich ins Kaffeehaus . Auf Wiedersehen also . « Ein paar Minuten später stand er auf der Schwarzenbergbrücke . Der Himmel war voller Sterne , die Straßen lagen weiß und still . Georg schlug den Kragen auf , obwohl es gar nicht mehr kalt war und ging hin und her . Ob aus der Detmolder Geschichte was werden wird ? dachte er . Nun , ist es nicht Detmold , so ist es irgendeine andre Stadt . Jedenfalls wird es nun ernst . Und vieles , vieles wird bis dahin hinter mir liegen . Er versuchte in Ruhe zu überlegen . Wie wird das alles nur werden ? Nun haben wir Ende Dezember . Im März müßten wir fort spätestens ... Man wird uns für ein Ehepaar halten . Ich werde Arm in Arm mit ihr spazieren gehen , in Rom , am Posilipp , in Venedig ... Es gibt Frauen , die sehr häßlich werden in diesem Zustand ... Sie nicht , nein , sie nicht ... Immer hatte sie so was Mütterliches in ihrem Aussehen ... Im Sommer wird sie in irgendeiner stillen Gegend wohnen , wo niemand sie kennt ... Im Thüringer Wald vielleicht , oder am Rhein ... Wie sonderbar sie das heute sagte : das Haus , in dem das Kind zur Welt kommen wird , das existiert schon . Ja ! ... Irgendwo in der Ferne , oder vielleicht auch ganz nah steht dieses Haus und Leute wohnen drin , die wir nie gesehen haben . Wie seltsam ... Wann wird es zur Welt kommen ? Im Spätsommer ... Anfangs September ungefähr . In dieser Zeit werde ich am Ende schon fort sein müssen . Wie werd ich das nur machen ? ... Und heut ein Jahr ist das kleine Wesen schon vier Monate alt . Es wird aufwachsen ... groß werden . Eines schönen Tags ist ein junger Mann da , mein Sohn . Oder ein junges Mädchen . Ein schönes Mädchen von siebzehn Jahren , meine Tochter ... Dann bin ich vierundvierzig ... Mit sechsundvierzig kann ich Großvater sein ... Vielleicht auch Direktor einer Opernbühne und ein berühmter Komponist , trotz Elses Prophezeiungen . Aber dazu muß man arbeiten , das ist schon wahr . Mehr als ich es bisher getan habe . Else hat recht , ich laß mich zu sehr gehen . Das muß anders werden ... Es wird auch . Ich fühle ja , wie es in mir sich regt . Ja auch in mir regt es sich . Von der Heugasse her kam ein Wagen , jemand beugte sich aus dem Fenster . Unter dem weißen Shawl erkannte Georg Annas Antlitz . Er war sehr froh , stieg zu ihr ein und küßte ihr die Hand . Sie plauderten vergnügt , spotteten ein wenig über die Gesellschaft , aus der sie eben kamen , und fanden es im Grunde lächerlich , einen Abend in so leerer Weise hinzubringen . Er hielt ihre Hände in den seinen und war ergriffen von ihrer Gegenwart . Vor ihrem Hause stieg er aus und klingelte , dann trat er zu dem offenen Wagenschlag , und sie verabredeten ein Wiedersehen für den nächsten Tag . » Ich glaube , wir haben manches zu besprechen « , sagte Anna . Er nickte nur . Das Haustor wurde geöffnet , sie stieg aus dem Wagen , ließ einen innigen Blick auf Georg ruhen und verschwand im Flur . Geliebte , dachte Georg mit einem Gefühl von Glück und Stolz . Das Leben lag vor ihm , als etwas ernst-geheimnisvolles , voll Aufgaben und Wundern . Als er ins Kaffeehaus trat , saß Heinrich in einer Fensternische , neben ihm ein sehr junger , bartloser , grünlich blasser Mensch , den Georg schon einige Male flüchtig gesprochen hatte , in Smoking mit Samtkragen , aber mit einer Hemdbrust von zweifelhafter Reinheit . Als Georg herzutrat , sah der junge Mensch eben mit glühenden Augen von einem Heftchen auf , das er in unruhigen , nicht sehr gepflegten Händen hielt . » O ich störe « , sagte Georg . » Durchaus nicht « , erwiderte der junge Mann mit irrsinnigem Lachen . » Je mehr Publikum , je lieber . « » Herr Winternitz « , erklärte Heinrich , während er Georg die Hand reichte , » liest mir eben einen Gedichtenzyklus vor . Wir werden ' s vielleicht für diesmal unterbrechen . « Georg , von dem enttäuschten Blick des jungen Mannes ein wenig gerührt , behauptete , daß er mit Vergnügen zuhören möchte , wenn es gestattet sei . » Es dauert auch nicht mehr lange « , erklärte Winternitz dankbar . » Nur schade , daß Sie den Anfang versäumt haben . Ich könnte ... « » Ja , ist es denn zusammenhängend ? « fragte Heinrich erstaunt . » Wie , das haben Sie nicht bemerkt ? « rief Winternitz und lachte wieder irrsinnig . » Ach so « , sagte Heinrich , » das ist immer dieselbe Frauensperson , von der Ihre Gedichte handeln ? Ich glaubte , es sei immer eine andere . « » Natürlich ist es immer dieselbe . Das ist ja das Charakteristische , daß sie immer wie eine neue Person wirkt . « Herr Winternitz las leise , aber eindringlich , wie innerlich verzehrt . Aus seinem Zyklus ergab sich , daß er geliebt worden war , wie nie ein Mensch vor ihm , aber auch betrogen wie noch keiner , was gewissermaßen metaphysischen Ursachen und keineswegs Mängeln seiner Persönlichkeit zuzuschreiben war . Im letzten Gedicht aber erwies er sich als völlig befreit von seiner Leidenschaft und erklärte sich bereit von nun an alle Freuden zu genießen , die die Welt ihm bieten mochte . Dieses Gedicht hatte vier Strophen , der letzte Vers jeder Strophe begann mit einem » Hei « , und es schloß mit dem Ausruf : » Hei , so jag ich durch die Welt . « Georg mußte sich gestehen , daß ihm die Vorlesung einen gewissen Eindruck gemacht hatte , und als Winternitz das Heft vor sich hinlegend , mit übergroßen Augen um sich schaute , nickte Georg beifällig und sagte : » Sehr schön . « Winternitz sah erwartungsvoll auf Heinrich , der ein paar Sekunden schwieg und endlich bemerkte : » Es ist im ganzen sehr interessant ... aber warum sagen Sie hei , wenn ich fragen darf ? Es glaubt ' s Ihnen ja doch niemand . « » Wieso ? « rief Winternitz . » Fragen Sie sich doch nur selber aufs Gewissen , ob dieses hei ehrlich empfunden ist . Alles übrige , was Sie mir da vorgelesen haben , glaub ich Ihnen . Das heißt , ich glaub es Ihnen in höherm Sinn , obzwar kein Wort davon wahr ist . Ich glaube Ihnen , daß Sie ein fünfzehnjähriges Mädchen verführen , daß Sie sich benehmen wie ein ausgepichter Don Juan , daß Sie das arme Geschöpf in der furchtbarsten Weise verderben , daß es Sie mit einem , ... was war er nur ... « » Ein Clown natürlich « , rief Winternitz mit wahnwitzigem Lachen . » Daß es Sie mit einem Clown betrügt , daß Sie durch dieses Geschöpf in immer dunklere Abenteuer geraten , daß Sie die Geliebte , ja sich selber umbringen wollen , daß Ihnen die Geschichte schließlich egal wird , daß Sie durch die Welt reisen , oder sogar jagen , meinetwegen bis Australien , ja , das alles glaub ich Ihnen , aber daß Sie der Mensch sind hei zu rufen , das , lieber Winternitz , das ist einfach ein Schwindel . « Winternitz verteidigte sich . Er beschwor , daß dieses » hei « aus seinem innersten Wesen hervorgegangen wäre , zum mindesten aus einem gewissen Element seines innersten Wesens . Auf weitere Einwände Heinrichs zog er sich allmählich zurück und erklärte endlich , daß er sich irgendeinmal bis zu jener innern Freiheit durchzuringen hoffe , die ihm gestatten würde » hei « zu rufen . » Niemals wird diese Zeit kommen « , entgegnete Heinrich bestimmt . » Sie werden vielleicht einmal bis zum epischen oder dramatischen hei kommen , das lyrisch subjektive hei bleibt Ihnen , bleibt unsereinem , mein lieber Winternitz , doch bis in alle Ewigkeit versagt . « Winternitz versprach das letzte Gedicht zu ändern , sich überhaupt weiter zu entwickeln und an seiner innern Reinigung zu arbeiten . Er stand auf , wobei seine gestärkte Hemdbrust knackte und ein Knopf aufsprang , reichte Heinrich und Georg eine etwas feuchte Hand und begab sich in den Hintergrund an den Tisch der Literaten . Georg äußerte sich vorsichtig anerkennend zu Heinrich über die Gedichte , die er gehört hatte . » Er ist mir noch der liebste von der ganzen Gesellschaft , persönlich wenigstens « , sagte Heinrich . » Er weiß doch wenigstens innerlich eine gewisse Distanz zu wahren . Ja . Sie brauchen mich nicht gleich wieder anzusehen , als wenn Sie mich auf einem Anfall von Größenwahn ertappten . Aber ich kann Sie versichern , Georg , von der Sorte Leute « , er streifte den Tisch drüben mit einem flüchtigen Blick , » denen immer ein ä soi auf den Lippen schwebt , hab ich nachgerade genug . « » Was schwebt ihnen auf den Lippen ? « Heinrich lachte . » Sie kennen doch die Geschichte von dem polnischen Juden , der mit einem Unbekannten im Eisenbahnkupee sitzt , sehr manierlich bis er durch irgendeine Bemerkung des andern darauf kommt , daß der auch ein Jude ist , worauf er sofort mit einem erlösten ä soi die Beine auf den Sitz gegenüber ausstreckt . « » Sehr gut « , sagte Georg . » Mehr als das « , ergänzte Heinrich streng . » Tief . Tief wie so viele jüdische Anekdoten . Sie schließt einen Blick auf in die Tragikomödie des heutigen Judentums . Sie drückt die ewige Wahrheit aus , daß ein Jude vor dem andern nie wirklichen Respekt hat . Nie . So wenig als Gefangene in Feindesland voreinander wirklichen Respekt haben , besonders hoffnungslose . Neid , Haß , ja manchmal Bewunderung , am Ende sogar Liebe kann zwischen ihnen existieren , Respekt niemals . Denn alle Gefühlsbeziehungen spielen sich in einer Atmosphäre von Intimität ab , sozusagen , in der der Respekt ersticken muß . « » Wissen Sie , was ich finde ? « bemerkte Georg , » daß Sie ein ärgerer Antisemit sind , als die meisten Christen , die ich kenne . « » Glauben Sie ? « Er lachte : » Ein richtiger wohl nicht . Ein richtiger ist ja nur der , der sich im Grunde über die guten Eigenschaften der Juden ärgert und alles dazu tut , um ihre schlechten weiter zu entwickeln . Aber in gewissem Sinne haben Sie schon recht . Ich gestatte mir ja schließlich auch Antiarier zu sein . Jede Rasse als solche ist natürlich widerwärtig . Nur der einzelne vermag es zuweilen , durch persönliche Vorzüge mit den Widerlichkeiten seiner Rasse zu versöhnen . Aber daß ich den Fehlern der Juden gegenüber besonders empfindlich bin , das will ich gar nicht leugnen . Wahrscheinlich liegt es nur daran , daß ich , wir alle , auch wir Juden mein ich , zu dieser Empfindlichkeit systematisch herangezogen worden sind . Von Jugend auf werden wir darauf hingehetzt gerade jüdische Eigenschaften als besonders lächerlich oder widerwärtig zu empfinden , was hinsichtlich der ebenso lächerlichen und widerwärtigen Eigenheiten der andern eben nicht der Fall ist . Ich will es gar nicht verhehlen , wenn sich ein Jude in meiner Gegenwart ungezogen oder lächerlich benimmt , befällt mich manchmal ein so peinliches Gefühl , daß ich vergehen möchte , in die Erde sinken . Es ist wie eine Art von Schamgefühl , das vielleicht irgendwie mit dem Schamgefühl eines Bruders verwandt ist , vor dem sich seine Schwester entkleidet . Vielleicht ist das Ganze auch nur Egoismus . Es erbittert einen eben , daß man immer wieder für die Fehler von andern mit verantwortlich gemacht wird , daß man für jedes Verbrechen , für jede Geschmacklosigkeit , für jede Unvorsichtigkeit , die sich irgendein Jude auf der Welt zuschulden kommen läßt , mitzubüßen hat . Da wird man dann natürlich leicht ungerecht . Aber das sind Nervositäten , Empfindlichkeiten , weiter nichts . Da besinnt man sich auch wieder . Das kann man doch nicht Antisemitismus nennen . Aber es gibt schon Juden , die ich wirklich hasse , als Juden hasse . Das sind die , die vor andern und manchmal auch vor sich selber tun , als wenn sie nicht dazu gehörten . Die sich in wohlfeiler und kriecherischer Weise bei ihren Feinden und Verächtern anzubieten suchen und sich auf diese Art von dem ewigen Fluch loszukaufen glauben , der auf ihnen lastet , oder von dem , was sie eben als Fluch empfinden . Das sind übrigens beinahe immer solche Juden , die im Gefühl ihrer eigenen höchst persönlichen Schäbigkeit herumgehen und dafür unbewußt oder bewußt ihre Rasse verantwortlich machen möchten . Natürlich hilfts ihnen nicht das geringste . Was hat den Juden überhaupt jemals geholfen . Den guten und den schlimmen . Ich meine natürlich « , setzte er hastig hinzu , » denen , die so irgend etwas wie eine äußerliche oder innerliche Hilfe brauchen . « Und in einem absichtlich leichten Tone brach er ab . » Ja mein lieber Georg , die Angelegenheit ist etwas kompliziert , und es ist ganz natürlich , daß allen denen , die nicht direkt mit der Frage zu schaffen haben , das richtige Verständnis für sie abgeht . « » Na das darf man doch nicht so ... « Heinrich unterbrach ihn gleich . » Man darf schon , lieber Georg . Es ist nun einmal so . Ihr versteht uns nämlich nicht . Manche haben vielleicht eine Ahnung . Aber verstehen ! ? Nein . Wir verstehen euch jedenfalls viel besser , als ihr uns . Wenn Sie auch den Kopf schütteln ! Es ist ja nicht unser Verdienst . Wir haben es nämlich notwendiger gehabt , euch verstehen zu lernen , als ihr uns . Diese Gabe des Verstehens hat sich ja im Lauf der Zeit bei uns entwickeln müssen ... nach den Gesetzen des Daseinskampfes , wenn Sie wollen . Denn sehen Sie , um sich unter Fremden , oder wie ich schon früher sagte , in Feindesland zurechtzufinden , um gegen alle Gefahren , Tücken gerüstet zu sein , die da lauern , dazu gehört natürlich vor allem , daß man seine Feinde so gut kennen lernt als möglich ihre Tugenden und ihre Schwächen . « » Also unter Feinden leben Sie ? Unter Fremden ? Dem Leo Golowski gegenüber wollten Sie das nicht zugestehen . Ich bin übrigens auch nicht seiner Ansicht , durchaus nicht . Aber was ist das für ein sonderbarer Widerspruch , daß Sie heute ... « Ganz gequält unterbrach ihn Heinrich . » Ich sagte Ihnen ja schon , die Sache ist viel zu kompliziert , um überhaupt erledigt zu werden . Sogar innerlich ist es nahezu unmöglich . Und nun gar in Worten ! Ja manchmal möchte man glauben , daß es gar nicht so arg steht . Manchmal ist man ja wirklich daheim , trotz allem , fühlt sich hier so zu Hause , ja geradezu heimatlicher , als irgendeiner von den sogenannten Eingeborenen sich fühlen kann . Es ist offenbar so , daß durch das Bewußtsein des Verstehens das Gefühl der Fremdheit in gewissem Sinn wieder aufgehoben wird . Ja , es wird gleichsam durchtränkt von Stolz , Herablassung , Zärtlichkeit , löst sich auf , allerdings auch zuweilen in Sentimentalität , was ja wieder eine schlimme Sache ist . « Er saß da , mit tiefen Falten in der Stirn und sah vor sich hin . Versteht er mich wirklich besser , dachte Georg , als ich ihn ? Oder ist es wieder nur Größenwahn ? Heinrich fuhr plötzlich auf , wie aus einem Traum . Er sah auf die Uhr . » Halb drei ! Und morgen früh um acht geht mein Zug . « » Wie , Sie reisen fort ? « » Ja . Darum wollt ich Sie auch noch so gern sprechen . Ich werd ' Ihnen leider auf längere Zeit adieu sagen müssen . Ich fahre nach Prag . Ich bringe meinen Vater aus der Anstalt nach Hause , in seine Heimat . « » Es geht ihm also besser ? « » Nein . Er ist nur in dem Stadium , wo er für die Umgebung ungefährlich geworden ist ... Ja , das ist auch recht rasch gekommen . « » Und wann ungefähr denken Sie wieder zurück zu sein ? « Heinrich zuckte die Achseln . » Das läßt sich heute noch nicht sagen . Aber wie immer sich die Sache weiterentwickelt , keineswegs kann ich Mutter und Schwester jetzt allein lassen . « Georg verspürte ein wirkliches Bedauern , Heinrichs Gesellschaft in der nächsten Zeit entbehren zu sollen . » Es wäre möglich , daß Sie mich in Wien nicht mehr antreffen , wenn Sie zurückkommen . Ich werde in diesem Frühjahr nämlich wahrscheinlich auch fortfahren . « Und er fühlte beinahe Lust , sich Heinrich anzuvertrauen . » Sie reisen wohl in den Süden ? « fragte Heinrich . » Ja ich denke . Einmal noch meine Freiheit genießen . Ein paar Monate lang . Im nächsten Herbst fängt nämlich der Ernst des Lebens an . Ich sehe mich um eine Stellung in Deutschland um , an irgendeinem Theater . « » Also wirklich ? « Der Kellner war an den Tisch gekommen , sie zahlten und gingen . An der Tür trafen sie mit Rapp und Gleißner zusammen . Ein paar Worte der Begrüßung wurden gewechselt . » Was treiben Sie immer , Herr Rapp ? « fragte Georg verbindlich . Rapp wischte seinen Zwicker ab . » Immer mein altes , trauriges Handwerk . Ich bin beschäftigt , die Nichtigkeit von Nichtigkeiten nachzuweisen . « » Du könntest dir ja Abwechslung verschaffen , Rapp « , sagte Heinrich . » Versuch einmal dein Glück und preise die Herrlichkeit der Herrlichkeiten . « » Wozu ? « sagte Rapp und setzte den Zwicker auf . » Die beweist sich selbst im Laufe der Zeit . Aber die Stümperei erlebt meist nur ihr Glück und ihren Ruhm , und wenn ihr die Welt endlich auf den Schwindel kommt , hat sie sich längst in ihr Grab oder ... in ihre vermeintliche Unsterblichkeit geflüchtet . « Sie standen auf der Straße und schlugen alle die Rockkragen auf , da es wieder heftig zu schneien begonnen hatte . Gleißner , der vor ein paar Wochen seinen ersten , großen Theatererfolg erlebt hatte , erzählte geschwind , daß auch die heutige siebente Vorstellung seines Werkes ausverkauft gewesen war . Rapp knüpfte daran hämische Bemerkungen über die Dummheit des Publikums . Gleißner erwiderte mit Späßen über die Machtlosigkeit der Kritik gegenüber dem wahren Genie ; und so spazierten sie davon , mit aufgestellten Kragen , durch den Schnee , ganz eingehüllt in den dampfenden Haß ihrer alten Freundschaft . » Dieser Rapp hat kein Glück « , sagte Heinrich zu Georg . » Bei allen seinen Freunden , denen er vor zehn Jahren Erfolg prophezeit hat , trifft es nun wirklich ein . Er wird es auch Gleißner nicht verzeihen , daß der ihn nicht enttäuscht hat . « » Halten Sie ihn für so neidisch ? « » Das kann man nicht einmal sagen . So einfach liegen ja die Dinge selten , daß sie mit einem Wort abzutun wären . Aber bedenken Sie doch nur , was das für ein Los ist , in dem Glauben herumzugehen , daß man das tiefste Wissen von der Welt so gut in sich trägt wie Shakespeare und dabei zu fühlen , daß man nicht einmal so viel davon auszusprechen imstande ist , als beispielsweise Herr Gleißner , obwohl man vielleicht gerade so viel wert ist oder mehr . « Sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander her . Die Bäume auf dem Ring standen starr mit weißen Ästen . Vom Rathausturm schlug es drei . Sie überschritten die menschenleere Straße und nahmen den Weg durch den stillen Park . Rings schimmerte es fast hell vom unablässig sinkenden Schnee . » Das neueste hab ich Ihnen übrigens noch nicht erzählt « , begann Heinrich endlich , vor sich hinschauend und in trockenem Ton . » Was denn ? « » Daß ich nämlich anonyme Briefe bekomme , seit einiger Zeit . « » Anonyme Briefe ? Welchen Inhalts ? « » Nun , Sie können sich ' s wohl denken . « » Ach so . « Es war Georg klar , daß es sich nur um die Schauspielerin handeln konnte . Aus der fremden Stadt , wo Heinrich die Geliebte in einem neuen Stück die Rolle eines verdorbenen Geschöpfes mit einer ihm unerträglichen Naturwahrheit hatte spielen gesehen , war er in bittereren Qualen zurückgekehrt , als je . Georg wußte , daß seither Briefe voll Zärtlichkeit und Hohn , voll Groll und Verzeihung , peinvoll zerrüttete und mühsam beruhigte , zwischen ihnen hin und her gingen . » Seit acht Tagen etwa « , erzählte Heinrich , » kommen diese angenehmen Sendungen regelmäßig jeden Morgen . Nicht sehr angenehm , ich versichere Sie ! « » Ach Gott , was liegt Ihnen denn dran . Sie wissen ja selbst , in anonymen Briefen steht nie die Wahrheit . « » Im Gegenteil , lieber Georg , immer . « » Aber ! « » Die höhere Wahrheit gewissermaßen enthalten solche Briefe . Die große Wahrheit der Möglichkeiten . Die Menschen haben im allgemeinen nicht genug Phantasie , um aus dem Nichts zu schaffen . « » Das wäre eine schöne Auffassung ! Wo käme man denn da hin ? Da machen Sie den Verleumdern aller Art die Sache doch etwas zu bequem . « » Warum sagen Sie Verleumder ? Ich halte es für sehr unwahrscheinlich , daß in den anonymen Briefen , die ich erhalte , Verleumdungen enthalten sind . Vielleicht Übertreibungen , Ausschmückungen , Ungenauigkeiten ... « » Lügen ... « » Nein , es werden wohl nicht Lügen sein . Einige wohl . Aber wie soll man Wahrheit und Lüge auseinanderhalten in solch einem Fall ? « » Dafür gibt es doch ein höchst einfaches Mittel . Fahren Sie hin . « » Ich soll hinfahren ? « » Natürlich sollten Sie das . An Ort und Stelle müßten Sie doch der Wahrheit sofort auf den Grund kommen . « » Es wäre immerhin möglich . « Sie wanderten unter Bogengängen , auf feuchtem Stein . Ihre Stimmen und Schritte hallten . Georg begann von neuem . » Statt solche jedenfalls enervante Unannehmlichkeiten weiter durchzumachen , würd ich mich doch persönlich zu überzeugen suchen , wie die Dinge stehen . « » Ja , das richtigste wäre es wohl . « » Nun , warum tun Sie es also nicht ? « Heinrich blieb stehen , und mit zusammengepreßten Zähnen stieß er hervor : » Sagen Sie , lieber Georg , sollten Sie wirklich noch nicht bemerkt haben , daß ich feig bin ? « » Ach das nennt man doch nicht feig . « » Nennen Sie ' s , wie Sie wollen . Worte stimmen ja nie ganz