, daß ich ihn das erstemal in meinem Leben bedauert habe . Die Fürstin hatte am Fenster gesessen , er vor ihr gestanden , Julia saß auf dem Sofa und hatte ein großes Gemälde vor sich , nach welchem sie einen Teppich stickte . Ich saß ihr gegenüber am Tisch und erzählte ihr von Spanien , von der Einsamkeit der öden Straßen , von dem romantischen Zauber dieses Alleinseins und dergleichen ; sie war freundlicher als gewöhnlich und ließ zuweilen die Nadel ruhen , indem sie forschend auf mich hinsah . Dies träumerische Zuhören gab ihr einen so rührend unschuldigen , harmlosen Ausdruck , daß ich gar zu gern zu ihr gesprungen wäre . Ich wünschte Konstantien und William zum Henker . Bald darauf schloß sich das Gespräch , wie ich Dir erzählte . Die Fürstin ging und gleich darauf auch William . Julia ward unruhig und machte Miene , ihre Arbeit zusammenzulegen und aufzubrechen ; sie scheint wie etwas Unheimliches das Alleinsein mit mir zu fliehen . Ich sprang zu ihr , drückte ihre Hand an meine Lippen und bat , wirklich schmerzlich erregt , so sanft als ich konnte , sie möge nicht so hart gegen mich sein , sie möge mich nicht fliehen . Einen Augenblick stand sie unschlüssig mit gesenktem Köpfchen , ließ mir aber ihre Hand , dann sah sie auf , das Wasser stand ihr in den Augen , der alte Hippolyt erwachte , ich wollte sie in meine Arme schließen ; sie drückte mir aber die warme kleine Hand ins Gesicht , schüttelte weinend ihre Locken und ging nach der Tür . Wo hätte ich sonst das Abweisen eines Sturmes so ohne neuen Versuch hingehen lassen ! Ich blieb starr und traurig stehen . Und dies schien sie zu ermutigen . Sie hatte schon die Tür in der Hand , als sie mit ihrer rührenden Stimme sagte : » Wollen wir einen Gang durch den Garten machen ? « Ich führte sie in eine dunkle Kastanienallee , die aus dem Garten in ein nahes Wäldchen führt . Sanft und mild war sie und sprach mehr als gewöhnlich . Ich faßte ihren Arm , um sie zu führen ; sie bebte zusammen , als meine Hand sie berührte . Mein ungeduldiges Herz duldete den Zwang nicht länger , es drängte mich stürmisch , das blühende Mädchen zu umarmen . Ihre klare , durchsichtige Haut war durch die Bewegung auf den Wangen gerötet ; es war ein warmer Tag , und sie trug ein leichtes weißes Kleid , ein dünnes rotes Flortüchlein um den Hals , mit dem die Lüfte spielten , und das nicht imstande war , das schöne weiße Fleisch der runden Schultern und des jungen Busens zu verhüllen . Unter einem großen Platanusbaume , der einsam unter den Kastanien stand und seine breiten Äste wie ein gefälliger Liebeshehler ausbreitete , hielt ich plötzlich im Gehen inne , schlang meinen Arm um das heiße strahlende Mädchen - sie wendete sich nicht zu mir und ich konnte nur ihre Seite an meinen glühenden Körper drängen . » Nicht so , Hippolyt , « bat sie innig . Mein gerührtes Herz zerbrach die Sehnen meines Körpers , ich knickte zusammen und mein Kopf sank auf ihre Schulter . Ich fühlte ihre Hand in meinen Haaren und den Hauch eines Kusses auf meiner Stirn . » Leb ' wohl , mein Freund , « sprach sie und flog davon . An die Platane gelehnt , sah ich ihr schmerzlich nach . Das mag wohl etwas von Eurer sentimentalen Liebe sein , was mir mit diesem Mädchen gekommen ist ; ich wüßte nicht , daß es mir je so ergangen wäre ; meine Augen standen in Tränen . Wie lange ich an dem Baume gestanden , weiß ich nicht . - Prinz Leopold kam aus dem Wäldchen hergeschlendert und weckte mich durch seinen Gesang . Es war eines jener leichtsinnigen deutschen Liebesliedchen , deren die Deutschen so wenig , die Franzosen soviel , die Spanier gar keine haben , in denen Liebe und Liebchen gutmütig verspottet werden . Sie sind die Kritik eines leichten Herzens . Er erzählte mir lachend , daß ihm der Pfarrer und der Förster soeben die Tür gewiesen . Sie waren dahinter gekommen , daß er ein Liebesverhältnis mit den Töchtern von beiden zu gleicher Zeit unterhielte . Der Pfarrer hatte dem Förster und dieser dem Pfarrer vom zukünftigen Schwiegersohne erzählt , und am Ende hatte sich ' s ergeben , daß sie beide denselben meinten . Darauf hatte ihn der Förster unsanft unter mehrfachen Grobheiten und Flüchen , der Pfarrer mit himmlischem Schwefel drohend unter salbungsvoller Rede jeder aus seinem Hause gewiesen . Er war nämlich zuerst bei letzterem gewesen und hatte sich für solch ' Finale rasch bei der Tochter des ersteren stärken wollen , war aber aus dem Regen in die Traufe gekommen . Dem groben Förster hatte er mit seiner Prinzlichkeit gedroht ; das hatte aber den nur noch mehr ergrimmt . Hinter dem Hause indes hatte ihm das gutmütige Försterröschen zum Abend um neun noch ein Rendezvous im Walde versprochen , und als er auf dem Rückwege bei der Kirche vorbeigekommen , hatte ihm Juditha , des Pfarrers Töchterlein , einen Abschied abends um elf unter dem Sturmdach der Sakristei zugesagt . Ich mußte über unsern kleinen Detailhändler in der Liebe herzlich lachen . Wenn übrigens der kleine Aff ' nicht wirklich der Sohn eines Prinzen ist , so glaubt er doch gewiß bald selbst daran - aus lauter Poesie . Es ist alles an ihm so Duft , Lüge , Traum , daß er am wenigsten darüber Auskunft geben kann , was von seinen Verhältnissen richtig und wahr ist . Ich glaube ihm nicht einen Vorgang , den er mir erzählt ; deshalb klag ' ich seinen lügenhaften Willen nicht an , er weiß es nicht besser . Jeden Vorfall sieht er mit tausend dichterischen Augen an , er kann nicht dafür , daß er unendlich viel Dinge zuviel sieht . Er hat nicht eine Ader vom Historiker und ein Paar Eimer Blutes zuviel vom Poeten . Es ist lächerlich , was sich die Leute für Mühe geben hinter das prinzliche Inkognito zu kommen , selbst der Graf verleugnet seinen antizipierenden historischen Charakter und interessiert sich sehr dafür . William ist offenbar in der peinlichsten Verlegenheit , ob er seine frühere fanatisch-sittenrichterliche Rolle dem Kleinen gegenüber mildern oder aufgeben soll , es freut mich aber an ihm , er scheint doch soviel Stolz zu besitzen , daß er sich nicht ganz dazu entschließen kann . Er knurrt und grollt wie ein Kettenhund , der aufgehört hat zu bellen . Fips ist sehr respektvoll gegen den Kleinen , und Konstantie betrachtet ihn so oft lächelnd , so ahnungsreich , sarkastisch und doch komisch gutmütig lächelnd , als sähe sie tief durch ein Gewebe - sie ist ein kluges Weib ; Gott weiß , was sie hat , ich bin zu wenig neugierig , um mich darum zu kümmern . Wäre die Sache aber wichtiger , als sie ' s ist , so könnte sich das Tragische ereignen , daß die in Frage stehende Person über das eigene Ich keine zuverlässige Auskunft geben könnte ; denn ich bin fest überzeugt , Dichtung und Wahrheit ist in Leopold über seinen Prinzen bereits so ineinander geflossen , daß er am wenigsten entscheiden könnte , ob er ein Prinz sei oder nicht . Die Fürstin hat irgend etwas vor , will irgend eine Komödie aufführen ; sie lacht den William aus und protegiert ihn offenbar , und hat ihn ernsthaft auf ihr Schloß eingeladen ; sie lächelt spitzbübisch über Leopold und will ihn ebenfalls mitnehmen ; sie achtet und scheut Valerius , und möchte ihn offenbar auch von der Partie haben . Ich glaube , sie fürchtet am meisten darum für sein Leben . Es ist ein schwer zu ergründendes Weib . An William will sie sich wahrscheinlich einen gläubigen , verehrungslustigen Lamartine erziehen , der sie in Oden und Liedern preist ; daß er ein bedeutendes poetisches Talent ist , hat ihr richtiger Takt längst herausgefunden . Und allerdings ist er der einzige , der sich etwa noch zum Hofsänger qualifizierte . Sie behandelt ihn wegwerfend , und doch umstrickt sie ihn mit Aufmerksamkeit , während sie Leopold wie ein Kind behandelt , das man verhätschelt . Ob alles dies , vor allem aber ihre innige Teilnahme , die sie dem Valer an den Tag legt , Oppositionsgeist gegen mich ist , ich weiß es nicht ; die Frau weiß die Anfangsfäden so schlau zu verbergen , ist bizarr und affektiert Bizarrerien , so daß man schwer zur richtigen Anschauung kommt . Du merkst es wohl , daß ich aus Verzweiflung schwatze - umsonst hab ' ich Julia gesucht , sie entzieht sich mir geflissentlich . Ich werde Schicksalstragödien lesen , denn ich glaube fast , das Schicksal der Liebe und des Weibes will sich rächen an mir durch dieses schöne Mädchen . Sie ist die erste , der ich meine Liebe nachtrage wie ein Bettler dem hartherzigen Wanderer seine Bitte - und sie ist ' s gerade , die mich verschmäht . Ist mein Leben verdorrt , mein Blut vertrocknet , mein Geist versumpft ? Wo liegt jenes Etwas , jener unerklärliche Hauch der Sympathie , der das verbindende Mittel ist zwischen den verschiedenartigsten Wesen , der sie zusammenzieht ? Wo ist jene Elfenbrücke , wo sich des Mannes und Weibes Gedanken im Mondschein finden und miteinander buhlen , eh ' Mann und Weib die klare Vorstellung davon haben , und die dann zurückhüpfen in die Tiefen der Herzen , ihre nächtlichen Geschichten erzählen und die Liebe stiften wie ein Gedicht ? O ihr Elfenpoeten Julias und Hippolyts , wo seid ihr ! Sieh , es ist so weit mit mir gekommen , daß ich klarer , sonnenheller Mensch dem Mondscheingeheimnis der sentimentalen Liebe nachspüre , daß ich ein blasser Romantiker werde ; wo ich früher nichts als das offene Walten der besten Kräfte sah , die sich nach Naturgesetzen anziehen , da such ' ich jetzt mysteriöse Sympathie . Es ist weit mit mir gekommen . Ich bin wie ein überschwenglicher Mediziner ; wenn seine Therapie nicht mehr ausreicht , da flüchtet er zu den sympathetischen Beschwörungsformeln . Weißt Du keine für meine Julia ? O daß wir keinen Teufel mehr haben , dem ich mich verschreiben könnte für das liebreizende Mädchen ! - - Und doch muß ich über die lächerliche Szene , die sich neben mir begibt , lachen . Valerius hat den Provenzalen an den Schreibtisch zitiert , um ihm einen Brief an Dich zu diktieren ; Leopold zappelt wie ein Böcklein , und möchte gar zu gern fort , aber Valers Auge und Wort fesselt ihn , er ist wie eine am Magnet hin und her rückende Stecknadel , die gern entweichen möchte , er sieht pudelnärrisch aus . 28. Valerius an Konstantin . Meine Kräfte sind in diesem Augenblick zu geschwächt , als daß ich Deinen Brief sorgfältig einzeln und umfassend beantworten könnte . Es ist ein trüber Nebeltag , den Du mir geschickt , Freund . Jeder gewissenhafte Mensch zweifelt zuweilen an den Wahrheiten , die sein Leben leiten und zusammenhalten . Du bist in einer bedenklichen Krisis , und ich fürchte , die Jugend Deines Geistes und Herzens geht darin zugrunde ; ich fürchte , Du wirst in kurzem ein alter Mann sein , die Jugend irrt allerdings mehr als das Alter , aber sie ist Poesie und Leben ; ein grüner Irrtum ist schöner als ein vertrocknetes richtiges Wort . Jeder große Mann bringt Tausenden Tod , um Millionen Leben zu bereiten ; der Haufen Toter , den der Kampf einer neuen Zeit um Euch aufhäuft , verengt Euch die Aussicht , Ihr seht nur den blutigen Tag , nicht das goldene Jahrhundert . Wenn uns die Jugend verläßt , so meinen wir , die Zeit müsse ebenfalls vollendet sein ; wir verlangen , daß die Zeit in ebenso kurzen Schritten gehe als ein Mensch , ebenso schnell mit ihrem Leben zu Ende sei als wir . Der ist der große Historiker , der nicht nach dem Schlage des eigenen Herzens urteilt , denn wie zeitig schlägt ein menschliches Herz matt , sondern nach dem Herzschlage der geschichtlichen Epoche . Das Jahrhundert kommt wie ein Wandersmann mit zerrissenen , abgetragenen , schmutzigen Kleidern an dem Orte an , wo es sich neu kleiden , reinigen , säubern , umgestalten soll - ein Kleidungsstück nach dem andern wird abgeworfen , der unkundige Mensch geht vorüber , er hat es lebhaft gewünscht , daß jener Wanderer sich neu gestalten soll ; aber er sieht die halb entkleidete schmutzige Figur , er entsetzt sich davor , nennt seinen Wunsch Frevel , verhüllt sein Gesicht und läuft heulend von dannen . Du hast plötzlich vergessen , daß wir inmitten einer kritischen , zerstörenden , umwandelnden Epoche sind , in drei Tagen hast Du die Metamorphose vollendet sehen wollen - da dieser Glaube Dich getäuscht , wie er Dich täuschen mußte , denn nicht in einer Nacht blüht die ganze Erde auf , läufst Du heulend und Dein Gesicht verhüllend von dannen . Dir spukt die Tages-und Wochengeschichte im Kopf , und die Weltgeschichte Deines Herzens hast Du vergessen , die in Jahren , Jahrzehnten und Jahrhunderten schreitet , weil Dein Herz plötzlich zusammengeschrumpft ist . Da das Handgemenge um die Freiheit begonnen hat , alle Triebe , Begriffe , Wissenschaften , Künste in dieses Handgemenge verwickelt sind , schreist Du mit schwacher Stimme » Ordnung - Ordnung « , und weil es nichts hilft , wirfst Du Dich weinend an den Boden . Kämpfe - der Kampf ist zur Kriegszeit der nächste Weg zur Ordnung . Ermannst Du Dich nicht , erreichst Du nicht die Höhe des historischen Überblicks , wo die kleinen Störungen verschwinden , Freund , so bist Du in kurzem von der neuen Zeit geschieden , so bist Du bald eine Mumie . - Ade , Konstantin - Dein Valer . Schreiber dieses , der Prinz Zerbino aus der Provence , schickt Dir ein ganzes Füllhorn Grüße und Entschuldigungen , daß er seine Hand hat leihen müssen zu so herben Dingen . 29. Hippolyt an Konstantin . Jag Deine Augen Karriere durch diese Zeilen . Sobald Du am Ende bist , eil an die Tore nach Deutschland zu , gib Aufträge , beschreibe , unterrichte , versprich Belohnungen - tu alles , um der Gräfin Julia , wenigstens ihrer Wohnung , wenigstens der Nachricht habhaft zu werden , ob sie in Paris ist oder nicht . Dieser Brief kommt auf dem kürzesten Wege zu Dir , er reist gewiß schneller als eine Dame . Vor einer Stunde ist Julia abgereist ; ich trat nach jenem törichten Geschwätz Leopolds , wobei wir vielfach stehen geblieben waren , gelacht , kurz die Zeit vertrödelt hatten , in den Schloßhof , und hoffte Julien verschämt aber liebevoll im Gesellschaftssaale zu finden - da fliegt Juliens Reisewagen über die jenseitige Brücke , die vier Pferde wiehern wie hohnlachend und ziehen die Beute im gestreckten Trabe von dannen - alle Muskeln schwellen mir , ich starre wie ein zürnendes Steinbild hin , tausend Leidenschaften drohen mich zu zersprengen - da wendet sich ein Kopf aus dem Wagen ; ich erkenne Julien , sie winkt Abschied mit dem Taschentuche . Da wird der Stein lebendig , ich fliege in den Stall , zum Satteln ist keine Zeit , werfe meinem Pferde den Zaum über , springe auf und jage ventre à terre der davoneilenden Beute nach - am nächsten Dorfe erreiche ich glücklich den Wagen , ich ruf ' den Kutschern Halt zu , sie erhalten aus dem Wagen Gegenbefehl , Julia , die mich erblickt hat , erteilt den Gegenbefehl , mein Pferd droht unter mir zusammenzustürzen . Ich wollte in den Wagen springen , mit gerungenen Händen bat sie mich abzulassen , zurückzukehren . Ihr Gesicht schwamm in Tränen , sie schien immerwährend geweint zu haben - Hippolyte , toute mon âme Vous prie de me laisser partir , Vous m ' assassinez en m ' empêchant - das geschah alles noch im Trabe , ich schrie dem ersten Kutscher zu , ich erwürgte ihn , wenn er nicht Schritt führe - er tat ' s. » Julie , mon ange , pourquoi ça ? « Sie reichte mir die Hand aus dem Wagen , sie war glühend heiß und bebte . Ich drückte sie an meine Lippen . » Vous me tuez , si vous ne retournez pas ! « - Ach , das sagte sie mit einem Blick , der mit seiner Rührung den Himmel gespalten hätte . Ich hielt mein Pferd still und blieb zurück . Da warfen die Kutscher ihre Pferde in Galopp - meine Wut erwachte , ich wollte die Schufte ermorden und jagte nach . Julia erhob sich händeringend im Wagen , neben ihr stürzte mein Pferd zusammen , ich hörte Juliens Schrei und Haltrufen , aber mein Stolz hob mich unter dem Leibe meines Pferdes in die Höhe ; ich winkte ihr , fortzufahren - sie fuhr . Ich weiß nicht , wie ich zurückgekommen bin . Tu , wie ich Dich gebeten , bald siehst Du mich selbst . 30. Julia an ihre Mutter . Du hattest recht , Mutter , als Du mir rietst , meinen Aufenthalt in Grünschloß abzukürzen , Hippolyt würde mein Unglück sein . Er ist der schönste , gewaltigste Mann , den ich gesehen , wäre ich länger geblieben , so hätte er mich überwältigt , ob ich ihn deshalb je geliebt hätte , weiß ich nicht . Gestern bin ich abgereist , weil es die höchste Zeit war , ich gehe zum Vater nach Paris und schreibe Dir dies Billett aus dem ersten Nachtlager . Morgen mehr , liebe Mutter , ich bin todmüde . Fast eine Stunde lang bin ich im Wagen ohnmächtig gewesen - Hippolyt kam wie ein zürnender Gott hinter dem Wagen her und wollte mich halten . Ach Mutter , was hab ' ich gelitten dabei . Ich gab ihm meine Hand , unendliche Wollust jagte sein Kuß darauf durch meine Sinne , aber mir war ' s , als hielte mich ein wilder Geist . Mein Mädchen , die etwas von unseren Gesprächen verstanden hatte , gab den Kutschern ein Zeichen , der Wagen flog davon , Hippolyt schrie auf , daß es mir Mark und Bein erbeben machte , er jagte uns nach , das Pferd brach unter ihm zusammen und stürzte auf ihn - Mutter , ich war zertrümmert , schrie Halt , wollte aus dem Wagen - ach - meine Kräfte hatten mich verlassen , ich war bewußtlos zurückgefallen , das Mädchen hatte fortfahren lassen . Sie erzählte mir , Hippolyt habe unverletzt geschienen , habe selbst uns fortgewinkt , sei aufgestanden und habe uns lange mit untergeschlagenen Armen dastehend , nachgesehen . Ach , es war sehr traurig , liebe Mutter , und ich werde wohl lange nicht froh werden . 31. Alberta an Kamilla . Ach , daß Du nicht mehr bei mir bist , meine arme geliebte Kamilla ! O wie wollt ' ich Dich küssen ! Du wunderst Dich , daß ich nicht traurig bin , weil Du von der Fürstin gehört hast , Julia sei fort , und Hippolyt sei ihr spornstreichs nachgereist . Nein , meine Liebe , ich bin gar nicht traurig , ich bin recht still , aber recht ruhig , ja sogar glücklich . Der ganze Schwarm ist fortgeflogen ; Du weißt , daß Konstantie William und Leopold mitgenommen hat , Graf Fips ist ein stummer Mann , wir haben nur den lieben kranken Valerius hier , und der ist mehr wert als alle . Man sagt mir , ich sei in Hippolyt verliebt gewesen , und er hätte mich sehr unglücklich gemacht ; das erste mag wohl wahr sein , ich glaube , es ist auch das rechte Wort getroffen . Geliebt ? Ach , nein , berauscht - , o bitte , erlaß mir das Zergliedern , Du weißt , ich kann das nicht , ich liebe das bewußtlose , ungeprüfte Hinträumen , ich frage nicht viel . Valerius nennt mich darum immer die romantische Dame , und hat mir versprochen , mit mir nach Paris zu reisen , und mich mit den dortigen Romantikern Viktor Hugo , Janin und wie sie heißen mögen , bekannt zu machen . Ja , ja , das hat er mir versprochen . Und sie würden mich sehr lieben , sagt er , der gute Mann . Gestern hat er mir Viktor Hugos Hernani vorgelesen - ach , wenn ich doch so lieben könnte wie Donna Sol , sterben könnt ' ich gewiß so für meinen Hernani . Aber Hernani gleicht in vieler Wildheit zu sehr dem Hippolyt , es ist in beiden zu tolles spanisches Blut . Ich habe Valerius gebeten , mir einen sanfteren Hernani , einen deutschen zu schreiben . Er lachte , als ich ' s ihm sagte , daß die Deutschen am liebenswürdigsten wären . Der Vater hat uns versprochen , daß wir drei , er , Valerius und ich im Spätherbst nach Paris reisen würden . Papa ist viel weicher als sonst , aber nicht mehr recht lustig . Du fehlst ihm , meine liebe Kamilla , o komm und mach uns munter mit Deiner guten Laune . Wenn Du bald kommst , kannst Du auch mitreisen . Valerius hat heut ' viel zu schön für Dich gebeten , und der Vater nickte still mit dem Kopfe und sah so unbeschreiblich gut dabei aus . Ach Gott ja , Du warst in der letzten Zeit gar nicht mehr vergnügt , das fällt mir erst ein . Gib doch Deinen garstigen Ludoviko auf . Dem Herrn Valerius darf man gar nicht davon sprechen , sonst wird er gleich betrübt . Die Fürstin wollt ' ihn gar zu gern mitnehmen ; der Vater sagte uns , sie hätte sich einen Scherz ausgesonnen , die jungen Leute mit ihren neuen Ansichten in den großen Gesellschaften auftreten zu lassen , welche sich jetzt aus ihrem Lustschlosse versammeln werden . Sie verspräche sich von diesem Turnier mit den alten Rittern sehr viel Spaß , aber William und Leopold hälfen ihr eigentlich nicht viel , jener , weil er zu fromm und legitim , dieser , weil er zu lustig , unsicher und nachgiebig sei . Beide würden ihr nur mit Poesie aushelfen können ; nur wenn Valerius mitkäme , sei auf vorteilhaften Kampf zu rechnen . Da er es bestimmt ausschlug , so hat er wenigstens versprechen müssen , feindliche Briefe hinzuschreiben , welche die ganze Gesellschaft besprechen , und bekämpfend durch den Sekretär William beantworten würden . Es ist gar nicht hübsch von Konstantien , daß sie unserem kranken Freunde soviel zu schaffen machen will - er soll ruhen , und geht ' s nach mir , so schreibt er keine Zeile . Aber das ein und alles meines Briefs ist : Komme - komme morgen , Herr Valerius bittet auch schön , und der Vater auch . Es ist jetzt ja hübsch still und heimlich auf Grünschloß , es wird Dir sehr behagen . Valerius darf noch nicht viel gehen , und da sitzen wir fast den ganzen Tag auf der Terrasse unter den Akazien und schwatzen und lesen und treiben allerlei . Herr Valerius trägt den Arm im Tuch und sieht noch blasser aus als sonst , aber viel sanfter , freundlicher , milder . Komm nur , komm , er will uns Geschichten erzählen , wenn Du da bist - hörst Du ? Komm ! Jetzt küss ' ich Dich ein- zwei- dreimal und bin Deine zärtliche Alberta . 32. Kamilla an Alberta . Ich soll zu Euch kommen ? Ach Du gutes , harmloses Kind weißt nicht , was Du bittest und doch , wenn ich wirklich ein starkes Mädchen bin , so siehst Du mich bald . Ach , ich weiß nicht , wohin ich soll , und Grünschloß ist so schön , so verführerisch schön . Hätt ' ich nur einen so jungen , fügsamen Charakter wie Du , meine Liebe . Ich habe ein hartes garstiges Herz . Aber hier auf dem Schlosse der Fürstin halte ich ' s nicht mehr aus vor Langerweile . William schmachtet für die Fürstin und bemerkt es nicht , wie ihn ihr Schwager schnöde , ja unwürdig , verächtlich und abgeschmackt behandelt - o wie würde Valers Zorn donnern , wenn er dies mit ansähe . Der Prinz gewordene Leopold spielt eine wunderliche Rolle hier . Man behandelt ihn mit aller Auszeichnung , die seinem neuen Stande zukommt , und doch weiß niemand , wie er eigentlich heißt , und doch hüpft ein so gefährlicher Spott auf den Lippen der Fürstin herum , wenn sie mit dem » verzauberten Prinzen « spricht , daß ich wirklich nicht weiß , was ich dazu sagen soll . So erregt mir das ernsthafte Liebesverhältnis , das sich zwischen Leopold und der Prinzessin Amelie gebildet hat , eine Art gespenstigen Grauens . Ich fürchte , Konstantie haßt die Prinzessin . Die klare , in Goethe poetische Frau ist der gerade Gegensatz alles Nebelhaften , unklar Romantischen . Unsere Freunde würden sagen : Sie ist griechisch , plastisch und Gott weiß was , die Prinzessin aber ossianisch , mittelalterlich , christlich . Es ist mehr , es ist ein wunderlich Wesen , diese Amelie . Wenn man noch keinen Begriff von einer Mondscheinprinzessin hat , so muß man sie ansehen , aber feineren , durchsichtigeren Teint habe ich nie erblickt , weicheres , schöneres Organ nie gehört - ich kann mich nur von dem Gedanken nicht losmachen , daß all solche toll romantische Personen schwachköpfig sind . Du weißt , daß das Haus , woher sie stammt , sehr vornehm , aber sehr arm ist . Bei all ihrer Schwärmerei hat Amelie doch gegen alle niedrigeren Stände einen Stolz , ja Hochmut , daß ich mich oft innerlich erbittert gefühlt habe , wenn ich es sah . Das ist alles so ganz anders bei der Fürstin . Nur der Schwager derselben paßt zu Amelie - es ist ein garstiger Mensch , hinter dessen Hofton eine grinsende Roheit zu lauern scheint Er gibt sich den Anschein , als zeichne er mich aus . Ach mir ist so unheimlich unter all den Larven , und daß sie mich zum Teil an Grünschloß erinnern , ist mir doppelt schmerzhaft - ich will nichts von Euch Lieben hören , wenn ich nicht bei Euch sein kann . Ach , Ihr mögt in Eurem Frieden recht glücklich sein , Ihr guten Leute . Nach Paris soll ich mit Euch reisen ? Ich möchte wohl , aber - liebe Alberta , es ist nicht alles gut in der Welt . Wenn ich recht stark oder recht schwach werde , so bin ich bald in Grünschloß . Gestern hab ' ich einen sehr lieben Brief von Ludovikos Schwester erhalten . Sie muß ein sehr liebenswürdiges Wesen sein , und bittet mich um Nachricht über ihren Bruder , der sie plötzlich verlassen hat , ohne daß sie den Grund seiner Abreise weiß . Wie geht es mit Valers Gesundheit ? Wie ist der Himmel doch so gut , daß er das Unglück abgewendet . - - Ich werde wohl bald kommen , ich sehne mich sehr nach Euch und doch , liebe Alberta , ist es eine große Torheit , wenn ich zu Euch gehe . Glaub mir ' s , ich bin recht übel daran . Hätte mir nicht die Fürstin mit ihrem klaren Geiste so manches von den Verhältnissen auf Grünschloß in einem andern Lichte dargestellt , als es mir erschienen war , ich wäre noch übler daran und käme nicht zu Euch , verzehrte sich auch mein Herz in Sehnsucht . Frag mich nicht , was das für Rätsel sind , frag mich nicht , gutes Kind ! Wenn einmal meine gute Laune wieder bei mir einkehren sollte , dann werde ich Dir davon erzählen , recht viel erzählen . Tausend Grüße für Euch alle und nun Ade - Ade ! - 33. Hippolyt an Valerius . Wien , im September . Verachtete ich nicht die Trostlosigkeit , Freund , ich wäre trostlos . Haßte ich nicht die Reue , diese Schuldenmacherin bei der Zukunft , die unnützerweise Geld für die Vergangenheit leiht , ich finge an manches zu bereuen . Ich trete in den Speisesaal und setze mich . Ein leiser Schrei meiner Nachbarin läßt mich genau in das halbverhüllte Gesicht sehen - es ist Julia , die aufstehen und davoneilen will . Ich fasse krampfhaft ihre Hand und halte sie fest , sie kann nicht fort , ohne großes Aufsehen vor der zahlreichen Gesellschaft zu verursachen . Der Himmel weiß , was ich ihr in Glut und Wut der Liebe alles zuflüsterte , sie bebte wie ein Espenblatt , ihre Brust schlug hoch , das Gesicht brannte in Scham und Feuer . Da fielen ihre weinenden Augen wie fußfällig in die meinen , sie bat , wie eine Sünderin ihren Beichtiger um Hoffnung für die Seligkeit bitten mag , ich möge sie lassen . Noch eh ' ich zu etwas entschlossen war , erstarrte ihre Hand in der meinen , sie lehnte sich an die Rückseite des Stuhls und war ohnmächtig . Ihre Augen blieben offen , kein Mensch außer mir kannte ihren Zustand . Die Kellner präsentierten ihr die Speisen , ich dankte statt ihrer . Mein wilder Mensch hatte Lust , sich über das Ereignis zu freuen , und wollte eben die unwohl gewordene Dame auf ihr Zimmer bringen lassen , um die wieder lebendige in ihrer Schwäche zu erobern . Der alte stolze Hippolyt schämt sich dieses jämmerlichen Gedankens , aber die Liebe hat die alte Kraft