Ich bin bereit , den Findling zu betreuen , knüpfe jedoch die Bedingung daran , daß man mich in allen Dingen gewähren und daß niemand , wer es auch sei , sich einfallen läßt , mich in meinen Plänen zu beeinträchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich und Caspar zu treten . « Natürlich wurde das zugesagt und versprochen . Kaum hatte Frau Behold gehört , was sich hinter ihrem Rücken abspielte , so beschloß sie , den Ereignissen zuvorzukommen . Sie wartete eine Nachmittagsstunde ab , während welcher Caspar nicht zu Hause war , ließ alles , was sein Eigentum war , Kleider , Wäsche , Bücher und sonstige Gegenstände , in eine Kiste werfen und diese ohne Deckel auf die Straße stellen . Dann sperrte sie selber das Tor zu und lehnte sich befriedigt lächelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus , um auf Caspars Rückkehr zu harren und die Verblüffung des angesammelten Volkes zu genießen . Caspar kam bald ; er wurde von seinem Leibpolizisten über das Vorgefallene belehrt , und indes der Mann von Amts wegen aufs Rathaus trollte , um Meldung zu erstatten , lehnte sich Caspar gegen seine Kiste und schaute hin und wieder verwundert zu Frau Behold hinauf Es dauerte gute zwei Stunden , bis man sich auf dem Rathaus entschieden hatte , was zu tun sei , und Herr von Tucher benachrichtigt worden war . Währenddem fing es an zu regnen , und hätte nicht ein gutmütiges Marktweib einen Hopfensack herbeigebracht , mit dem sie die Kiste bedeckte , so wäre Caspars ganzes Hab und Gut durchnäßt worden . Endlich zeigte sich der Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten ; sie brachten ein Handwägelchen mit und schleppten die Kiste hinauf . Nun gings fort , und ein einfältig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die Hirschelgasse ans Tucherhaus . Es begann nun wieder ein ganz neues Leben für Caspar . Vor allem hörte der Besuch der Schule auf , und anstatt dessen kam zweimal täglich ein junger Lehrer ins Haus , ein Studiosus namens Schmidt . Sodann wurde jedem unberufenen Fremden die Tür verriegelt . Ferner wurde das Reiten nicht mehr gestattet . » Derlei Übungen sind für Aristokraten und reiche Leute , nicht aber für einen Menschen , der zu bürgerlichem Brotverdienst erzogen werden muß und sicherlich einst darauf angewiesen sein wird , sich mit seiner Hände Arbeit durchzuschlagen « , sagte Herr von Tucher . Daraus war ersichtlich , daß er den Redereien von vornehmer Abstammung , die im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren , nicht die mindeste Bedeutung zumaß . » Die gegebenen Verhältnisse sind schwierig genug , « erwiderte Herr von Tucher , wenn man ihn nur auf eine Möglichkeit dieser Art hinwies ; » ich bin durchaus nicht gesonnen , einem solchen Phantom , und mehr ist es nicht , meine Grundsätze zu opfern . « Herr von Tucher war ein Mann , der unerschütterlich an seine Grundsätze glaubte . Grundsätze zu haben war für ihn das erste Element des Lebens , nach ihnen zu handeln ein selbstverständliches Gebot . Es gehörte zu diesen Grundsätzen , daß er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich und Caspar schuf , die den Respekt sicherte . Vertrauliche Beziehungen waren ohnehin seine Sache nicht ; Gefühle zu zeigen , war ihm verhaßt ; die aufrechte Haltung , der gemessene Gang , der kühle Blick , die Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren kennzeichneten auch ganz und gar sein Inneres . Strenge erschien ihm wichtig ; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht . Die oberste Maxime war : sich nicht rühren lassen . Daneben war es billig für erfüllte Pflicht Anerkennung zu gewähren . Die Stunden vom Morgen bis zum Abend waren aufs genaueste eingeteilt . Am Vormittag der Unterricht , dann ein Spaziergang unter Aufsicht des Dieners oder Polizisten , am Nachmittag beschäftigte sich Caspar allein . Neben seiner Stube war eine kleine Kammer als Werkstätte eingerichtet , und wenn er die Aufgaben beendigt hatte , verfertigte er allerlei Tischler- und Papparbeiten , wozu er viel Geschick bewies . Auch an Uhren und deren Zerlegung und Zusammensetzung fand er Freude . Sein Betragen befriedigte Herrn von Tucher vollkommen . Er konnte nicht umhin , den eisernen Fleiß des Jünglings und seinen hartnäckigen Lern-und Bildungseifer zu bewundern . Es gab nicht Widerspruch noch Auflehnung , niemals tat Caspar weniger , als von ihm gefordert wurde . Ganz klar , man hat mich falsch berichtet , dachte Herr von Tucher , die Leute , die bisher um ihn waren , haben ihn nicht zu behandeln gewußt , zum erstenmal erfährt er den Segen einer folgerechten Leitung . Die Grundsätze triumphierten . Das häufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm , aber im Verlauf der Zeit wurde ihm doch fühlbar , daß dem ein Zwang obwaltete , und er hörte auf , die Gelegenheiten zu fliehen , die ihm Zerstreuung und Unterhaltung versprachen . Wenn auf der sonst so öden Hirschelgasse Lärm entstand , riß er das Fenster auf und lehnte erwartungsvoll über den Sims , bis es wieder stille war . Es brauchten nur zwei alte Weiber schwatzend stehenzubleiben , gleich war unser Caspar auf dem Posten und lauschte . Er wußte genau , um welche Zeit die Bäckerjungen am Morgen vom Webersplatz herkamen , und ergötzte sich an ihrem Pfeifen . Sobald der Postillon am Laufertor sein Horn blies , unterbrach er die Arbeit , und seine Augen glänzten . So machte ihn auch jedes Geräusch aus dem Innern des weitläufigen Hauses stutzig , und nicht selten lief er zur Tür , öffnete den Spalt und horchte aufgeregt , wenn er eine Stimme vernommen hatte , die unbekannt klang . Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam ; sie sagten , er sei ein Türenhorcher und lege es darauf an , sie dem Baron zu verklatschen . Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung ; er schritt fast auf Zehen über die Korridore , etwa wie man in der Gegenwart eines vornehmen Herrn leise spricht . In stolzer Zugeschlossenheit thronte der Bau abseits vom Getriebe , und wer Einlaß heischte , mußte sich von einem langbärtigen Pförtner besichtigen und befragen lassen . Die Mauern waren so gewaltig in die Erde gebohrt , Fassade , Dach und Giebel so majestätisch gefügt und verwachsen , als hätten altverbriefte Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem Ansehen verholfen . Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge gern am Abend , wenn die feinverschnörkelten Formen , durchglüht von bläulichem Dunst , sich ineinanderwirkend zu beleben schienen . Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen Scheitel über einem pergamentenen Gesicht . Es war die alte Freifrau , die sich sonst ihm niemals zeigte . Man sagte ihm , daß sie von schwacher Gesundheit sei und ängstlich das Zimmer hüte . Dies Fremdsein Wand an Wand erregte sein Nachdenken . Allmählich wurde es ihm klar , daß er unter lauter fremden Menschen herumging und von der Mitleidsschüssel speiste . Einer nahm ihn und nährte ihn ; da kam ein Wagen , und er wurde geholt . Ein andres Haus ; eines Tages wirft man sein Zeug auf die Gasse : wieder woandershin . Wie ging das zu ? Andre lebten ständig an ihrer Stelle , kannten ihr Bett von Kindheit an , keiner durfte sie losreißen , sie hatten Rechte . Das war es , sie hatten angestammte und gewaltige Rechte . Es gab Arme , die um Geld dienten , die zu den Füßen derer lagen , welche man als reich bezeichnete , selbst die standen irgendwo fest auf der Erde , hielten irgend etwas fest in den Händen , sie verrichteten eine Arbeit , man bezahlte sie für die Arbeit , und sie konnten hingehen und sich ihr Brot kaufen . Der eine machte Röcke , der zweite Schuhe , der dritte baute Häuser , der vierte war Soldat , und so war einer dem andern Schutz und Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank . Warum konnte man sie nicht wegreißen von der Stelle , wo sie hausten ? Darum war es , ja , darum wars : weil sie eines Vaters und einer Mutter Sohn waren . Das hielt einen jeden . Vater und Mutter trugen jeden zur Gemeinschaft der Menschen und zeigten somit allen andern an , woher er gekommen sei und was er sein wollte . Das war es , Caspar wußte nicht , woher er gekommen sei ; aus irgendeinem unentdeckbaren Grund war er , er ganz allein vaterlos , mutterlos . Und er mußte es herausbringen , warum . Er mußte zu erfahren suchen , wer und wo sein Vater und seine Mutter waren , und vor allem mußte er hingehen und sich seinen Platz erobern , von dem man ihn nicht vertreiben konnte . An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn tief in sich gekehrt . Zwei- oder dreimal wöchentlich pflegte Herr von Tucher nach beendetem Tagewerk seinen Zögling zu besuchen , um sich ein wenig mit ihm zu unterhalten . Es lag dies im Schema des Erziehungsplanes . Das Prinzip verlangte aber von Herrn von Tucher , daß er eine würdevolle Unnahbarkeit bewahre ; das Prinzip zwang ihn , auf die Freuden eines natürlichen Verkehrs zu verzichten . Und wenn es ihm auch manchmal schwer wurde , solche Überwindung zu üben , sei es durch ein eignes Bedürfnis , sich mitzuteilen , oder weil ein stumm forschender Blick Caspars an sein Herz faßte , es gab kein Schwanken , das Prinzip , grimmig wie ein Vitzliputzli , verstattete nicht , daß man die Grenze der Zurückhaltung mehr als nützlich überschreite . Wie er aber Caspar so gewahrte , verborgenem Sinnen hingegeben , ergriff ihn der Anblick doch , und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen Klang an , als er den Jüngling um die Ursache seines Nachdenkens befragte . Caspar überlegte , ob er sich aufschließen dürfe . Wie bei jeder Gemütsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch durchzuckt . Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen Geste die Haare von der einen Wange gegen das Ohr zurück und fragte mit einem Ton aus innerster Brust : » Was soll ich denn eigentlich werden ? « Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich . Er machte eine Miene , als wolle er sagen : die Rechnung stimmt . Darüber habe er auch schon nachgedacht , erwiderte er ; Caspar möge ihm doch sagen , wozu er am meisten Lust habe . Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin . » Wie wäre es mit der Gärtnerei ? « fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort . » Oder wie wäre es , wenn du Tischler würdest oder Buchbinder ? Deine Papparbeiten sind ganz vortrefflich , und du könntest das Buchbindergewerbe in kurzer Zeit erlernen . « » Dürft ich dann alle Bücher lesen , die ich einbinden soll ? « fragte Caspar versonnen , der so geduckt saß , daß sein Kinn die Tischplatte berührte . Herr von Tucher runzelte die Stirn . » Das hieße eben den Beruf vernachlässigen « , antwortete er . » Ich könnte ja auch Uhrmacher werden « , sagte Caspar ; er hatte in diesem Augenblick eine ziemlich überspannte Vorstellung von einem Uhrmacher ; er sah einen Mann , der im Innern hoher Türme steht und den Glocken zu läuten befiehlt , der goldene Rädchen ineinanderfügt und durch einen Zauberspruch die Zeit unsichtbar macht und in ein winziges Gehäuse bannt . Überhaupt mit solchen Namen war es schwer ; nicht sein Wollen lag dahinter , sondern ein unbegreiflich verwickeltes Bild des ganzen Lebens . Herr von Tucher , voll Argwohn , als wurzle in dem Gehaben Caspars doch kein wahrer Ernst , erhob sich und sagte kalt , er werde sich die Sache überlegen . Am nächsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen . » Ich bin nun mit Bezug auf unser gestriges Gespräch zu folgendem Entschluß gelangt , « sagte der Baron ; » du bleibst das Frühjahr und den Sommer über noch in meinem Haus . Wenn du fleißig bist , kann deine Ausbildung in den Elementarfächern bis zum September beendet sein , dessen versichert mich auch Herr Schmidt . Damit nun der Tag ein ununterbrochenes Ganzes für dich wird , sollst du des Mittags nicht mehr mit mir essen , sondern alle Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen . Ich werde bald mit einem anständigen Buchbindermeister sprechen ; wir wissen dann , woran wir sind . Bist dus zufrieden , Caspar ? Oder hast du andre Wünsche ? Nur frisch heraus mit der Sprache , du kannst noch immer wählen . « Ein flüchtiger Schauer lief Caspar über den Rücken . Er schüttelte sich ein wenig , setzte sich nieder und schwieg . Herr von Tucher wollte ihn nicht weiter bedrängen , er wollte ihm Zeit lassen . Eine Weile ging er hin und her , dann nahm er vor dem Flügel Platz und spielte einen langsamen Sonatensatz . Es geschah dies nicht aus zufälliger Laune ; am Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr abends spielte Herr von Tucher Klavier , und da der Kuckuck der Schwarzwälderuhr soeben sechs gekrächzt hatte , wäre eine Versäumnis sehr gegen die Regel gewesen . Es war eine ziemlich schwermütige Melodie . Für Caspar war dergleichen eine Qual ; so gern er Märsche , Walzer und lustige Lieder hörte , - die Anna Daumer , die kann spielen , sagte er immer - , so unbehaglich war ihm bei solchen Tönen . Als Herr von Tucher den Schlußakkord des Stückes angeschlagen hatte , sich auf dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend anschaute , dachte er , er solle sich äußern , wie es ihm gefalle , und er sagte : » Das ist nichts . Traurig kann ich von alleine sein , dazu brauch ich keine Musik . « Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Höhe . » Was maßest du dir an ? « entgegnete er ruhig . » Ich habe kein musikalisches Urteil von dir verlangt , und ich habe nicht den Ehrgeiz , deinen Geschmack in dieser Hinsicht zu veredeln . Im übrigen geh auf dein Zimmer . « Caspar war es ganz lieb , daß er nicht mehr mit dem Baron zu essen brauchte . Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig und lästig . Vieles entzückte ihn an diesem Manne , besonders seine Ruhe und sein sachtes Sprechen , das überaus Reinliche seines Körpers , die porzellanweißen Zähne und vor allem die rosigen gewölbten Nägel der langen Hände . Er kannte viele Leute mit blassen Nägeln und mißtraute ihnen ; blasse Nägel weckten ihm die Vorstellung des Neides und der Grausamkeit . Doch immer hatte Caspar das Gefühl , als ob Herr von Tucher auf irgendwelche Art schlechte Nachrichten über ihn erhielte und sich davon betören lasse ; es war ihm manchmal , als müsse er ihm zurufen : es ist ja alles nicht wahr ! Aber was ? Was sollte nicht wahr sein ? Das wußte Caspar nicht zu sagen . In seiner Einsamkeit war ihm zumute , als seien die Menschen seiner überdrüssig und gingen damit um , sich seiner zu entledigen . Er war voller Ahnungen , voller Unruhe . In Nächten , wo der Mond am Himmel stand , verlöschte er die Lampe früher als sonst , setzte sich ans Fenster und verfolgte unverwandt die Bahn des Gestirns . An Vollmondtagen ward er häufig unwohl , es fror ihn am ganzen Leibe , erst der Anblick des Mondes selbst nahm den Druck von seiner Brust . Er wußte , von welchem Dach oder zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe emporsteigen müsse , hob sie wie mit Händen aus der Tiefe des Himmels heraus , und wenn Wolken da waren , zitterte er davor , daß sie den Mond berühren könnten , weil er glaubte , das strahlende Licht müsse befleckt werden . Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu lauschen . Eines Morgens erhob er sich während des Unterrichts plötzlich , ging zum Fenster und beugte sich weit hinaus . Herr Schmidt , der Studiosus , ließ ihn gewähren , als es aber zu lange dauerte , rief er ihn zurück . Caspar richtete sich auf und schloß das Fenster , sein Gesicht war so bleich , daß der Studiosus besorgt fragte , was ihm sei . » Mir war , wie wenn jemand käme « , versetzte Caspar . » Wie wenn jemand käme ? Wer denn ? « » Ja , wie wenn mich jemand unten gerufen hätte . « Der Studiosus fand dies wunderlich . Er dachte eine Weile nach und hätte gern eine Frage gestellt . Es war da neuerdings in der Stadt viel von einer seltsamen Geschichte die Rede , die Caspar betraf oder auf ihn gedeutet wurde und die in allen Journalen , auch draußen im Reich , des langen und breiten durchgehechelt wurde . Aber weil Herr von Tucher dem Studiosus aufs strengste verboten hatte , mit Caspar jemals über solche Dinge zu sprechen , nahm er sich zusammen und schwieg . Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit , alle Zeitungsblätter , die ihm in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen wußte , denn Herr von Tucher fürchtete von dieser Seite her Beeinflussung mit gutem Grund , aufs genaueste durchzulesen . Hin und wieder geschah es , daß er irgendeine Nachricht , eine Mitteilung über sich selbst entdeckte , und obgleich er noch nie etwas Wesentliches gefunden hatte , bekam er jedesmal Herzklopfen , sobald er nur seinen Namen gedruckt sah . Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegespräch mit dem Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der » Morgenpost « in die Hände , und beim Lesen fand er folgende eigentümliche Erzählung : Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine schwimmende Flasche aus dem Rheinstrom gezogen , und diese Flasche enthielt einen Zettel , auf welchem geschrieben stand : » In einem unterirdischen Kerker bin ich begraben . Nicht weiß der von meinem Kerker , der auf meinem Thron sitzt . Grausam bin ich bewacht . Keiner kennt mich , keiner vermißt mich , keiner rettet mich , keiner nennt mich . « Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name , von dem alle deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren . Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden , war aber bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natürlich wieder in Vergessenheit geraten . Da hatte vor vier Wochen etwa ein ungenannter Schnüffler den Vorfall aus einem alten Jahrgang der » Magdeburger Zeitung « neuerdings ans Licht gebracht . Andre Journale bemächtigten sich der Angelegenheit , die nach und nach viel Staub aufwirbelte . Auf einmal wurde nachgewiesen , daß seinerzeit ein Piaristenmönch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde , die Flasche in den Rhein geworfen zu haben . Es stellte sich ferner heraus , daß derselbe Mönch plötzlich verschwunden und eines schönen Tages im Elsaß , in einem Wald der Vogesen , ermordet aufgefunden worden war . Den Täter hatte man nie entdeckt . » Wenn auf diese Spur hin das Mysterium , das über dem Findling schwebt , nicht endlich gelüftet wird , « rief der Querulant in der » Morgenpost « , nachdem er die Geschichte also ausführlich berichtet hatte , » dann gebe ich keinen Pfifferling für unsre ganze Justizpflege ! « Caspar las und las . Zwei Stunden verbrachte er damit , die wunderliche Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne Wort zu überlegen . Dabei überraschte ihn der Studiosus ; er vergewisserte sich , daß es eben dieselbe Affäre sei , von der er neulich nicht sprechen gewollt , und sagte hastig : » Ei , was treiben Sie da , Caspar ? Was sagen Sie übrigens dazu ? Die meisten Leute halten es für Quark , trotzdem es ein unwiderlegliches Faktum ist , daß die Sache damals in der Magdeburger Zeitung gestanden hat . Was sagen Sie dazu , Hauser ? « Caspar hörte kaum ; als der Mann seine Frage wiederholte , erhob er das Gesicht , schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise : » Ich hab es nicht geschrieben , was da vom Kerker steht . « » Vom Kerker und vom Throne « , fügte der Studiosus mit sonderbarem und begierigem Lächeln hinzu . » Daß Sie es nicht geschrieben haben , glaub ich schon , Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt . « » Aber wer kann es geschrieben haben ? « » Wer ? Das ist eben die Frage . Vielleicht einer , der helfen wollte ; ein verborgener Freund vielleicht . « » Vom Kerker und vom Throne « , lallte Caspar mit willenlosem Mund . Er begab sich in die Ofenecke , kauerte sich auf einem Schemel zusammen und versank in tiefe Grübelei . Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten ihn zu wecken , und der Studiosus , der sich schuldig fühlte , blieb , um kein Aufsehen zu machen , die Stunde über sitzen und entfernte sich dann still . Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus ; alle Freunde der Familie waren geladen , und eine halbe Stunde lang dauerte das Wagengerassel . Als die ersten Tanzweisen vom Saal heraufschallten , begab sich Caspar in den Korridor und horchte . Er hatte nicht mehr Zutritt zu solchen Festen . Während er noch stand , ans Geländer gepreßt , den Kopf vorgebeugt , und er sich so recht verstoßen vorkam , berührte eine Hand seine Schulter . Es war der Lakai , der ihm auf silberner Platte einige Süßigkeiten brachte . Caspar schüttelte den Kopf und sagte : » Süßes mag ich nicht « , worauf der Diener ihn mürrisch mit den Blicken maß und sich zu gehen anschickte . Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her , die unbeleuchtet war , und unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener Haarschärpe vor den beiden ; indem sie ihre blauen Augen streng in die des Jünglings bohrte , sagte sie stolz und befremdet : » Süßes mag Er nicht ? Warum mag Er denn Süßes nicht ? « Sie kam von unten ; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren Gewändern . Es war ihre Art , sich früh zurückzuziehen . Bevor sie zur Ruhe ging , pflegte sie täglich durch das ganze Haus zu wandern , um nachzusehen , ob kein Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe . Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf Es ist anzunehmen , daß seine Phantasie ungewöhnlich erregt war . Plötzlich spürte er eine lähmende Furcht . Schwärze stieg um seine Augen , es war ihm , als habe er die Stimme des Vermummten gehört , und den Arm ausstreckend , schrie er bittend : » Nicht schlagen , nicht schlagen ! « Die alte Dame , die es so schlimm eben nicht gemeint hatte , blickte verwundert und erschrocken auf . Indes hatte Caspars lauter Schrei die Aufmerksamkeit einiger Gäste erregt , die im unteren Flur auf und ab spazierten . Sie wandten sich an Herrn von Tucher , und dieser ging die Treppe empor , gefolgt von einigen Herren . Unter der Gesellschaft im Saal verbreitete sich das Gerücht , es sei etwas passiert , und da Caspars Aufenthalt im Hause natürlich bekannt war , dachten alle an ein Ereignis wie das bei Daumer vorgefallene . Es entstand ein Schweigen , die Tanzmusik verstummte , viele drängten hinaus , besonders die jungen Damen waren erregt , und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb schauend stehen . Herr von Tucher , der dies alles aufs peinlichste empfand , wie ihm denn jedes unnütze Aufsehen ein Greuel war , schickte sich an , Caspar zur Rede zu stellen , wurde aber durch das versteinerte Bild des Jünglings abgeschreckt , auch machte ihn die bestürzte Haltung seiner Mutter stutzig . Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor . Ihm war , als habe er , was jetzt geschah , schon einmal erlebt . Wie mit einer Sturzwelle riß es ihn zurück , und die Zeit schien ihren Atem anzuhalten . Da war die alte Frau , fürstlich geschmückt und majestätisch anzusehen ; wie , glich sie nicht einem Weib , das einst in ein Gemach gekommen , wo auch er gewesen war , und hatte ihre Gegenwart nicht alle andern erstarren lassen ? Lag nicht jemand auf dem Bett und vergrub den Kopf in die Kissen ? Da war der Diener , der eine silberne Platte in Händen hielt ; war das nicht alt ? Stand nicht auch damals einer da , der Geschenke brachte oder Süßes oder Kostbares ? Da waren feierlich gekleidete Männer , die auf einen Befehl zu harren schienen , darauf warteten , daß einer käme , noch festlicher angetan als sie selbst , vor dem sie sich verneigen mußten ? Und diese schlanken weißen Mädchen in weißen Schleiern , deren Blicke tief und bang waren ? Und hier oben die Dämmerung , die sich über zahllose Marmorstufen hinab ins Licht verlor ? Caspar hätte jauchzen mögen , denn er erschien sich fremd und zugleich von allen angebetet ; sie senkten das Haupt , sie erkannten den Herrn in ihm ; ja , er ahnte , was er war und von wo er kam , er spürte , was jenes Wort vom Kerker und vom Throne zu bedeuten hatte ; ein geisterhaftes Lächeln umspielte seine Lippen . Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein möglichst stilles Ende . Er führte Caspar in sein Zimmer , gebot ihm , sich zu Bett zu begeben , wartete , bis er lag , verlöschte dann selbst das Licht und sagte beim Hinausgehen in scharfem Ton , er werde ihn am andern Morgen wegen seiner ungehörigen Aufführung zur Rechenschaft ziehen . Darum scherte sich Caspar wenig . Es wurde auch nicht viel aus der gedrohten Abrechnung . Herr von Tucher sah ein , daß den Grundsätzen eigentlich nichts zuleide geschehen war . Sein Koch verriet ihm im hohlen Ton der Prophezeiung , Caspar sei mondsüchtig und werde sicherlich einmal aufs Dach steigen und herunterstürzen . Herr von Tucher konnte den Mond nicht abschaffen ; da der Jüngling krankhaften Zuständen unterworfen schien , durfte man ihn für gewisse Fehltritte nicht verantwortlich machen . Ob Caspar Tischler oder Buchbinder werden solle , war noch immer unentschieden . Es mußte hierzu die Meinung des Präsidenten Feuerbach eingeholt werden . Herr von Tucher nahm sich vor , im April nach Ansbach zu fahren und mit dem Präsidenten zu sprechen . Caspar aber war voller Erwartung . Er wartete auf einen , der kommen mußte , auf einen , der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu ihm suchte , und so fest war der Glaube an diesen Kommenden , daß er jeden Morgen dachte : heute , und jeden Abendmorgen . Er lebte in einem beständigen innerlichen Spähen , und seine ahnungsvolle Freude glich einem Traum . Aber wie der Pfau seinen Schweif niederschlägt , wenn er seine häßlichen Füße gewahrt , so machte seine eigne Stimme , sein eigner Schritt ihn schon wieder zaghaft , um wieviel mehr erst der Anblick von Menschen , die täglichseine Erwartung enttäuschen mußten . Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war außergewöhnlich , und die aufmerksam horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von Wahnwitz . Freilich , zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot sie ein andres Gesicht und hätte einem Mann wie Daumer absonderlichen Stoff für seine Ideen geliefert . Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen , und es überlief ihn kalt , wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel . Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf , und weil er oftmals erwachte und die Finsternis ihn quälte , bat er , daß man neben seinem Bett ein Öllämpchen brennen lasse . Dies geschah . Einstmals in einer Nacht spürte er , noch schlummernd , ein eigentümliches Ziehen im Gesicht , als ob ihn von oben her ein kühler Atem streife . Jählings richtete er sich auf , blickte über Bett und Wand und gewahrte eine große Spinne , die an einem Faden in der Nähe seines Kopfes hing . Entsetzt sprang er aus dem Bett , und unfähig , sich zu regen , beobachtete er , wie das Tier sich aufs Kissen niederließ und über das weiße Linnen kroch , einen glitzernden Faden hinter sich herschleppend . Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen , schaudernden kalten Haut bedeckt . Er preßte die Hände zusammen und flüsterte angstvoll und seltsam schmeichelnd : » Spinne ! Was spinnst du , Spinne ? « Die Spinne duckte den gelblichen Leib . » Was spinnst du , Spinne ? « wiederholte er flehend . Das Tier überklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer . » Was schickst du dich denn so , Spinne ? « hauchte Caspar . » Warum so eilig ? Suchst du was ? Ich tu dir nichts ... « Die Spinne war schon oben an der Decke . Caspar setzte sich auf den Stuhl , wo die Kleider hingen . » Spinne , Spinne ! « sagte er tonlos vor sich hin . Es schlug vier Uhr draußen , und er hatte sich noch immer nicht ins Bett zurückgetraut . Dann , ehe er sich hinlegte , wischte er Kissen und Wand eifrig mit dem Taschentuch ab . Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkältung davon , die ihn mehrere Tage ans Lager fesselte . Er wurde traurig , des Wartens war er schon müde . Obwohl