manchmal garnicht , wie er selber vor , wenn er in lässiger Lümmelei auf einem Lehnstuhl in Frau Rehorsts Boudoir saß , wohin man ihn jedesmal führte , auch wenn Frau Rehorst zufällig noch nicht daheim war . Frau Rehorst war in Einharts Gesellschaft jetzt ganz ruhig . Dieser eigene , dunkle Zigeuner , wie er war - ein rechter Jungmann geworden , mit sanftem Haarflaum auf der feinen Lippe , das gelbgraue , schmale Gesicht geistig erfüllt im Sinnen , mit den schmächtigen , aber sanft bewegten Gliedern - brachte Frau Rehorst wie in eine Stillung , solange sie ihn auch nur in ihrem Hause und in ihrem Zimmer wußte . Und wenn sie daheim war , konnte sie jetzt scheinbar ganz achtlos mit ihm lachen und plaudern . Einharts Meinungen gingen in sie ein wie Gleichnisse , die mancherlei Dingen einen eigenen Sinn verliehen . » Einhart « nannte sie ihn immer , wenn sie allein waren , mit lachender Zärtlichkeit . Und » Herr Einhart Selle « war es , wenn es sich um Menschen sonst handelte , die mit dabei waren . Frau Rehorst tat bald fast nichts mehr , wenn es nicht Einhart gut geheißen . Sie konnte fast gar nichts mehr denken , wenn sie sich nicht Einharts scharfe Dunkelblicke dazu gedacht . Und sein Lächeln über Ärgernisse brachte sie sofort über jeden Groll . Wenn sie allein beieinander am Kaminfeuer saßen und plauderten , sahen sie sich oft in die Augen . Und Frau Rehorst war in seiner kindlichen Ausdrucksweise wie gefangen , ging dann auf und ab mit Einhart , indem sie achtlos die Fugen der Diele mit ihren Schritten einhielten , beide , und so eine Art Parade machten , unterdessen das Lachen über die früheren Zustände , in denen Einhart zum ersten Male jetzt sich vor ihr besann , gelebt zu haben , sie innerlich voll erfüllte . Einhart hatte dann eine heitere Sicherheit , viel männliches Rückblicken ging aus ihm . In der Nähe dieser hohen , losen , jetzt ebenso kindlich gestillten Frau begannen sich in ihm Meinungen und Überzeugungen zu kristallisieren , über die er selbst sich wunderte . Daß in ihm das Gefühl aufwuchs , eine Kraft zu gewinnen und seinem Verlangen einen klaren und starken Ausdruck . Nie noch hatte er im Leben mit jemand so heiter und so überlegen , so ins Große vorgewendet in Laune , und so ohne Acht der Unterschiede geredet . Es ging auch manches Schalkswort in Frau Rehorst über , wie ein Funke . Es war eine richtige Ausgelassenheit . Einhart hatte wie eine Haut der Schüchternheit noch vollends abgestreift und war in diesen Stunden ein kräftig Lachender geworden , der sich hoch hielt . Frau Rehorst hing mit großen Blicken an ihm und an dem Erdigwarhaftigen seiner ganzen Erschauung , das nirgend mit aalglatten Worten kam , das nur Sachen und Erlebnisse stammelte , stammelte mit der ganzen echten Sinnenkraft , die beglücken kann aus jedem Dinge . Einhart hatte Frau Rehorst die Hand geküßt jedesmal , wenn er gegangen . Aber er zog die Hand jetzt zu sich empor , so sanft gab sie sie ihm und streckte sie seinen Lippen entgegen . Und je öfter sich die Abende wiederholten , desto inniger war eine Kameradschaft zwischen Einhart und Frau Rehorst erwachsen . 11 Es war um die Weihnachtszeit . Und Einhart hatte sich oben in seinem Atelier im Bodenraum lange abgemüht . Denn seine Ideen waren jetzt ins Große gewachsen . Und seine Zerfahrenheit infolge aller möglichen Vergnügungen und Inanspruchnahmen auch . Er hatte sich nun zum vierten Male entschlossen , das große Bild , was er Reigen nennen wollte , beiseite zu stellen , und noch einmal völlig neu , wie aus ganz freiem , neuem Schauen einzusetzen . Im Atelier kroch die Dämmerung aus der Vorhangsfalte , und draußen lag ein grauschmutziger Luftton über viel Weihnachtsgefunkel in den Straßen . Einhart war ziemlich müde vom Abend vorher in Rehorsts Hause . Er war lange in allerlei flüchtigem , zerrissenem Treiben seiner inneren Gesichte gefangen auf dem Bettrand sitzen geblieben , unterdessen das Feuer im Eisenofen auf die in Dunkel einsinkende Stube ein lebendiges Farbenzucken malte und vernehmlich dazu seine Deutungen hinplauderte . Da war ihm auf einmal , als wenn sein Zimmer in hellen Flammen stünde und er von einem tollen Spiel züngelnder Lohe umgeben dasäße , oder auch schon schwebte wie in Flammen und Feuergarben . Und als wenn er in ganz ungebundener Uebertreibung diese Gewalten aus sich selber herausgerufen , war er dem Himmelan dieses geistwehen Treibens mit versunkener Haltung derart hingegeben , daß er selber an Haaren und Fingern und an allen Kleidern Flammenzungen mit sich emportrug . Es war nur ein Augenblick . Er erwachte gleich . Er sah , daß in der Tat auf dem Stuhle neben ihm ein Tuch lichterloh brannte . Und er sprang auch sofort auf , um den Brand noch rechtzeitig zu löschen . Sein Herz schlug ihm . Er war sehr erschrocken . Und er untersuchte noch einmal aufs genaueste alles , ehe er sich zum Ausgehen plötzlich entschloß . Aber auch wie er draußen auf der Straße , im Zuge der vielen Menschen , im Scheine der Weihnachtserstrahlungen in den Straßen ging , war er nicht ruhig geworden . Es war durchaus seine Weise , daß er sich noch immer wie an Ecken und Enden entzündet vorkam und ein paarmal in sich zurückkehrte mit dem Gefühl des Wunderbaren dieses Emporbrennens der Dinge . Dann schien ihm das Feuer nur noch ein Spiel zu geben . Das Feuer brannte aus seinen Erinnerungen auf . Er dachte an manches Feuer , das er mit irgend einem ergebenen Helfer aus der Schule einst in der Haide gemacht . Er dachte auch an die Zigeunerfeuer . Flüchtige Schatten flogen in seinem Auge hin , wie sonderliche Gesichte , die er kaum noch zu nennen wußte . Einhart war heut durchaus nicht auf dieser Welt . Auch jetzt nicht , wo er , in seinen langen Mantel gehüllt , in den Straßen die Schnarrteufel hörte , die Kinder an ihn herantrugen , um sie zu verkaufen . Auch ganz und gar nicht , als er nun unter die hellen Lampen am Markte kam , wo das Menschengetümmel sich staute und der Lärm wie ein Meer voll Unruhe ebbte und wogte . Einhart lebte schon lange lauschend und staunend ein ganz eigenes , neues Leben voll neugieriger Erwartungen , und kindlicher Wärme , und Abgekehrtheit gegen Menschen und Dinge . Wie es immer Menschen leben , die wie Bienen den Duft des Lebens trachten zu süßem Honig zu gewinnen . Und Einharts Blut geriet an dem Abend in immer tiefere Begehrungen . Er kam sich durchaus jetzt so vor , als ob er um jeden Preis irgendeine Seele brauchte , der er von einem großen Glücke erzählen könnte . Er fühlte sich plötzlich sehr allein . Wie er an einer der Würstelbuden stehen blieb , erinnerte er sich , daß er sich für einen Besuch gar nicht angetan . Er trat heran , sich Abendbrot zu kaufen , und begann sofort in der Winternacht auf der Straße aus der Hand zu essen . Sein Blick suchte am Nachthimmel noch immer einen Feuerschein . Geräusche , die wie ein Ruf klangen , weckten ihn jedesmal wie ein Hilferuf . Es war Einhart durchaus nicht unangenehm . Das war nur so neben dem irdischen Tun sein ungeberdiges Sinnenspiel . Das rastlose Treiben um und um führte ihn dann auf einem unbestimmten Wege heim zu sich . Dort drängte es ihn , gleich an Rosa zu schreiben . Er saß wieder oben in seinem Dachraume , der von einem winzigen Lampenscheine rötlich erhellt war . Daß die Gegenstände an den Wänden wie ferne Scheine glänzten . Er schrieb und träumte : » Meine geliebte Schwester ! « Was ist nicht alles , was einem Träumer durch den Sinn geht , wenn er einsam lebt . Zum Beispiel , daß alles Ding um uns und wir selber im Feuer verbrennen können , und gar nichts bleibt als eine Hand voll Staub . Und dann , daß doch auch Licht in der Weihnachtsnacht gar nicht wie Feuer ist , sondern wie eitel Sternenglanz in Tiefdunkel , nach dem die Menschen sich ewig emporsehnen . Ich habe heute so etwas empfunden . Jedesmal hat mir das Herz heftiger geschlagen . Du mußt nämlich wissen , daß ich in sehr seltsamen Wegen hingehe . Das Sehnen hört in keinem Blute auf , wenn es mit rechten Dingen zugeht . In meinem nun schon gar nicht . Und gar noch , wenn man Menschen nahe kommt wie nie zuvor , und man doch wieder die tiefen Abgründe sieht , die uns alle voneinander trennen . Wenn Du hier wärst ! Ich würde Dir in manchen Stunden doch zu sagen vermögen , was in mir hintreibt und nicht halten will in Entzückungen . Und was mich ganz schwach zurückläßt . Wirklich : ich habe niemals solche eigene Trauer empfunden . Trauer , das ist dasselbe wie die Nacht . Wenn dann die Sonne wieder nahe ist , jauchzt die Seele . Und ich nehme die Trauer gar nicht etwa mit traurigem Gesicht . Das sind eitel Schöpfe , die nur Tag wollen oder nur immer große Feste . Und auf jedes Fest muß man sich vorbereiten und hineinwallen sozusagen mit erfüllter Seele . Aber was ich nie gekonnt habe , kann ich jetzt . Kannst Du Dir denken , daß ich jetzt eine ganze Woge Trauer in mir habe , und ich habe doch nicht einmal je das Meer gesehen . Ich fühle nur , was ein Meer voll Trauer ist . Ich trauere manchmal auch über Euch zu Hause . Um Mutter nicht . Die geliebte Mutter hatte Glutaugen , und jetzt bilde ich mir immer ein , daß sie mir in dem hellen Sterne zublinkt , der am Abend vom Balkon aus durch die kahlen Baumäste blinkt , als wäre er ein Demant auf dem Baume . Ach Du weißt ja gar nicht , wo der Balkon ist ! Du - ein Haus aus Marmor und darin eine hohe , liebliche Frau ! Meine neue Mutter . Oder vielleicht ist es das garnicht ... ? Eine so schöne , strenge und traurige Frau . Die doch lacht , wenn ich mit ihr plaudere . Und das alles ist ein Lied in meiner Seele , das ich nie aussingen kann . Auch Dir nicht . Niemandem . Das sich die Seele so hinsummt in ihrer Einsamkeit , so an ihren stillen Nachtgewässern in der Tiefe , darinnen Menschen und Dinge in kristallner Stillung sich spiegeln . Ach Du , mein Lieb , Du , die mir allein noch daheim ein Andenken bewahrt . Wir alle sind Toren , wenn wir nicht wider die Engel streiten die Paradiese bewachen . Und der arme Mann verfällt , der nicht sich die Tränen der Reue mit mitleidiger Hand selber aus den Augen wischt und hingeht und lieber einen Weihnachtsteufel in seinen Händen schnarren macht . Siehst Du , aller Rede kurzer Sinn : ich lache jetzt meine ganzen , dummen Todgedanken weg , kaufe mir einen Weihnachtsteufel , schnarre den ganzen Weg bis hin in die Marmorvilla und schnarre treppauf und vor den scheuen Augen der hoheitsvollen Frau drinnen . Und wenn sie auch mit geängstigten Blicken zu mir sagt : » Einhart , - ach nicht doch ! « Dann werde ich wenigstens noch die Schnarre im Ohre haben eine Woche lang , um mich ganz wie ein Ausgelassener zu geberden , mich herumzulümmeln in Seidensesseln und zu tun , als wenn mir die ganze Welt ein Rauch wäre , wie nichts . Lebe wohl , kleine , sanfte Blickerin ! Hast Du noch die Augen wie frische Kirschen im Julimonat ? Denkst Du noch manchmal , daß es einen Einhart Selle gibt , der aus den stillen Nachtseen die Dinge und Menschen fischen will , die doch nur Träume sind ? Denkst Du Dir auch manchmal , daß ich Leiden fühle ? Und daß ich doch immer und immer nur lache und lache . Und wenn sie mich ans Kreuz nageln , die gesunden Esser und Trinker , und alle , die es mit der harten Erde tun ? Wenn ich bei Dir wäre ! Du wärst eine , der ich auch noch die Hand küßte , mein Liebchen . Dir und keiner sonst außer Frau Rehorst , meiner Göttin , vor der ich mich ewig im Staube fühle . Und nun : den Blick in den Weihnachtsglanz , mein Liebchen , und wo es etwas Verheißendes gibt ! Dein Einhart . 12 Das war kurz vor Weihnacht gewesen . Weihnacht war im Hause von Rehorsts ein glänzendes Leuchten auf Treppen und in den weiten Räumen . Frau Rehorst war in einer unsagbaren Fülle bunter Dinge allzeit jetzt mitten inne . Rings lagen Schachteln und standen Spielsachen , und Stoffe lagen herum , kleine köstliche Etuis standen halboffen , einiges auf ihrem Tisch und auf den Borduren . Allenthalben lag das Glitzerwerk der Weihnachtsbäume , die sie selber mit Margit und den beiden Kleinen und Grottfuß geputzt hatte . Zwei Bäume , die fast bis zur Decke reichten , hatte man aufgerichtet . Es war ein Herzutragen und Kommen und Gehen allenthalben . Am Morgen waren schon die Armen erschienen . An mehr als hundert hatte Frau Rehorst selber , wie eine Mutter Anna , auf der Küchentreppe ausgeteilt . Dann war Frau Rehorst sanften Ganges durch den Fabrikhof zu ein paar kranken Frauen ans Bett getreten , bewegt selber heimlich zu Tränen von dem Dank aus den scheuen Augen der Armseligkeit . Unterdessen einer nach dem andern von den Geladenen in dem erleuchteten Hause die breiten Treppen emporstieg und in die von Tannenduft erfüllten Räume eingetreten . Unter allen im Hause war es wie eine Art Opferfest . Das Gefühl wußte Frau Rehorst mit einem leidenschaftlichen Sinne zu wecken . Sie hatte dafür eine reine Inbrunst . Sie selber ging stumm und wie beschwörend mit einer silbernen Schaufel , die sie für diesen Zweck sich extra hatte von Einhart zeichnen und bilden lassen , einsam am Nachmittag ein paarmal durch die Räume und trug das heilige Räucherwerk hindurch , sich dünkend wie eine alte Prophetenfrau , die dem Feste ihre Seelenflammen einhauchte . Stark fühlte sie sich , frei noch immer , sie selber aus ihrer Atemfülle , eine , die garnicht trauerte . Weil sie jetzt alles aus einem unausgesprochenen , unbekannten Glücke tat , das ihre Seele sich niemals eingestand . Sie selber in der wahrsten Festfreude , so in sich wartend und alles auch rings noch einmal prüfend , ob es Einharts Augen sehen und mit feinem Anfühlen der heimlichen Begehrung ebenso als eine Sprache und Rede zu sich empfinden würde . Alles hatte sie hergerichtet , wie er es geheißen . Er hatte eine ganz erlesene Art , eine Festweihe zu ersinnen und einzuteilen . Er hatte ausdrücklich gewünscht , daß es mit einem vollen , schönen Hochklange aus aller Mündern müßte begonnen sein . Das Feierliche lag im allgemeinen Herrn Rehorst nicht . Und die Kinder drängten gewöhnlich gleich ins Licht und sahen nur die Geschenke . Das kritisierte Einhart in der Idee , obwohl er garnicht je gesehen , daß es hier oft so gewesen . Frau Rehorst hatte sich stets sanft darein gefügt . Sie hatte dann nur heimlich für sich eine Viertelstunde versunkner Besinnung ins Heilige gefunden . Jetzt hatte es Einhart bestimmt gesagt : » die Münder müßten sich alle einmal auftun , das Licht zu loben . « » Und ich sage Ihnen , « hatte er ausführlich erklärt , » nur wenn es eine Weile in den Atemstrom sich sammeln muß , einig zum Hinaustönen , wenn der Atemstrom so aus der Brust ein preisender Ton wird , und der Mund sich dann öffnet , die innige Sammlung hinauszugeben , dann ist der Mensch einen Augenblick eingefangen in seine Tempel und geht dann darnach lange einher mit froher Seele und frohen Augen . « So redete Einhart . Er war schon ein rechter Kenner . Und Frau Rehorst hatte alles angeordnet , wie es Einhart geheißen . Jetzt begannen sich also die Gäste allmählich zu sammeln . Grottfuß war schon am Nachmittag gekommen . Er saß , weil die Damen helle Toiletten antaten , in feierlicher Salonkleidung in einem Winkel des Mittelzimmers unter einer glühenden Glasblume und las die Zeitung . Einige Beamte der Fabrik waren die Ersten . Dann kam ein junges Paar , ein Musiker mit seiner sehr musikalischen , jungen , runden Frau . Beide sahen sich lachend um , als sie Grottfuß kurz begrüßt hatten . Der Duft und die Stille der hellen Räume machten sie stumm . Dann kam als hauptsächlich erwartet ein junger , blonder Doktor , mit seiner ebenso rätselhaften , spröden , schönen , dunklen Frau . Alles wartete . Alle schienen festlich zu lächeln . Alles war in köstlichen Roben . Auch Frau Rehorst und Margit . Wie in Wolken von weißem Glanze schwebten sie herein . Und es begann auch gleich ein Leben . Es begann draußen eine Glocke zu rufen . Auch der Hausherr erschien sanft und fast mit leisen Worten einen jeden Gast noch einmal willkommen heißend . Man begann einen regen , wenn auch noch gedämpften Ton anzuschlagen . Man stand beieinander . Frau Rehorst hatte sich hastig gleich im Nebenzimmer umgesehen . Sie konnte es nicht begreifen . Sie lief noch einmal in ihr Boudoir zurück . » Ach Gott nein , « sagte sie geschäftig zu Margit gewandt , » wir möchten doch noch eine Weile warten . Es sind gewiß noch nicht alle beisammen . « » Wer fehlt denn noch , Mutter ? « sagte Margit arglos . Sie hatte es garnicht bemerkt , daß Einhart noch nicht unter den Anwesenden war . Aber schließlich begann die Glocke wieder zu rufen , weil Herr Rehorst jetzt bestimmt Anordnung gegeben , um einer Bescherung seiner Beamten willen . Die Türen taten sich weit auf . Man ging in das geöffnete Weihnachtszimmer , wo die Tische mit Geschenken in Fülle , wie die herrlichsten , bunten Auslagen hingebreitet , unter der blendenden Lichterfülle sich häuften . Frau Rehorst war außer sich heimlich . Sie war ohne Acht in die Zimmer zurückgelaufen noch einmal . Herr Rehorst und Margit kamen Mutter entgegen , weil sie sie beide bei der Bescherung plötzlich gesucht hatten . » Nein , nein , « sagte Frau Rehorst , die nun so tat , als wenn sie nur nach dem Programm gesucht , was sie jetzt auch wie eine gewichtige Verfügung in der Hand hielt . » Nein , das ist wider die Verabredung , « sagte sie bestimmt auf den Zettel blickend . » Erst wollen wir jetzt doch das Weihnachtslied singen . « Man sang stehend , in dem hellerlichten Raum um die Weihnachtsbäume geschart , das alte , frohe Kinderlied : » Oh du selige - oh du fröhliche .. gnadenbringende Weihnachtszeit ! « .. Es klang im Chore . Frau Rehorst weinte gleich dabei . Aller Augen waren in Lachen sonst . Frau Rehorst war außer sich . Auch wie das Lied verklungen , war niemand weiter eingetreten . Sie hatte sich wieder umgesehen . Und war dann innerlich beschäftigt pflichtmäßig unter die Gaben getreten . Herr Rehorst hatte sie gütig am Arme an den schönsten Tisch geführt , den er ihr im letzten Augenblick selbst bereitet . » Oh mein Gott ... nein .. nur solche Sachen nicht ! « sagte sie fast hart . Aber küßte dann Herrn Rehorst mit Liebe . Einen herrlichen Schmuck brachte er . Seltsame , persische Opale mit schwarzen Brillanten . Etwas ganz Fernes , Seltenes . Und seidene Stoffe und echte Gewebe aus dem Orient , Handwirkerarbeit . Es war auch für Frau Rehorst zum Entzücken . Sie sah es an noch mit der Träne im Auge . Dann kamen die Kinder , beglückt die schönsten Dinge ihrer Weihnacht hinhaltend und der Mama die Hand und das Kleid küssend . Wie es besonders der liebebedürftige Junge tat . Margit kam und reckte sich auf und küßte der Mutter die Stirn viele , viele Male und lange . Und Grottfuß küßte ihr die Hand . Alles war ein Durcheinanderwogen von Licht und Duft und Lachen und frohen Gesichtern und Plaudern in die Luft hinein . Man bewegte sich durcheinander . Es war , wie wenn in allen ein Gesang der Freude noch ginge , eine Sucht sich immer wieder hinauszuwenden zu jedem ersten , der seine Augen hergewandt . Frau Rehorst war dann wieder , wie nun ein wenig beruhigt , hinausgeeilt . Fast unsicher jetzt . Sie war hinausgeeilt , weil sie noch einiges in der Küche anzuordnen vorgab . In Wahrheit lief sie doch , wie sie war , in einem ersten , besten Mantel , den sie ergriffen , auf die Straße und hatte nichts Törichteres tun wollen , als zu Einhart hinzuhasten . Draußen begriff sie die ganze Lage und kehrte zurück . Sie hatte sich in ihr Zimmer aufs Sofa geworfen , um plötzlich in ein hastiges , unstillbares Weinen auszubrechen . Herr Rehorst kam sie dort suchen , und Margit kam und küßte die Mutter . » Ach liebes Kind ... lieber Rehorst , « sagte sie gleich ganz ermannt , » sei nur nicht besorgt . Es kamen mir Gedanken , die mich ein wenig erregen . Das macht die viele Unruhe der letzten Tage . « » Ja , Geliebte , « sagte Herr Rehorst ganz bekümmert und küßte ihre Hände . » Ich habe es dir ja voraus gesagt , daß diese ganze Arbeit um all die Menschen für dich zuviel sein mußte . Aber hörst du denn , Kind ? Willst du niemals hören ? Sei nicht böse , wenn ich so schelte . Aber ich wußte es ja doch ! Es mußte ja so kommen ! « Frau Rehorst ermannte sich vollends und war an dem Abend dann heiter , daß alle dachten , sie lachte auch zu dem Weihnachtsfeste . Auch wie man an der langen Tafel saß , war sie wie mitten hineingehoben in den Festtrubel , ragte hoch , sah sich achtlos und sicher um und machte alle Trauer vergessen . 13 Einhart wußte jetzt genug in der Fülle seiner einsamen Aufwallungen , als daß er nicht hätte allmählich mit sich in Uneinigkeit kommen und in den Tagen vor Weihnacht sollen unentschlossen und unter mahnenden Stimmen innen an dem großen Gittertor des Rehorstschen Parkes stehen , ohne doch einzutreten . Auch am Weihnachtsabend war es nicht anders gewesen . Schon am Tage war er von der ruhelosen Geschäftigkeit , die in dem Mietshause bis in die Dachkammern herrschte , in sich tiefer als sonst aufgejagt , und hatte vergeblich versucht zu malen und dann zu lesen . Übrigens kannte er längst die Evangelien gut , und dachte , daß es ihm eine rechte Stimmung wecken könnte und ihn versinken machen , sich unter die schlafenden Hirten auf dem finsteren Nachtfelde neben den Herden zu mischen und den Stern im Tiefdunkel anzustarren , der über der Hütte mit dem heilbringenden Kinde schwebte . Aber was unter den Bauersleuten das Jahr vorher seine Seele in eine freie Weihnachtsfreude emporgehoben , das zerfloß jetzt in der Unrast seiner Begierden , die ihn schon am Nachmittag des heiligen Abends zu plagen angefangen . Angesichts des gescheitelten Grottfuß , der ihn am Nachmittag schon ins Rehorstsche Haus hatte mitnehmen wollen , und der sich jetzt nur im Vollgefühl der prunkenden Absichten fühlte , die man dort für den Abend hegte , und inmitten der Einigkeit der Menge , die er unten auf den Straßen , mit frohen Gesichtern eilen sah , faßte ihn ein solches Gefühl von Fremde und eigener Einsamkeit und flügelfreier Sehnsucht hinauszuziehen , daß er in der Menge gestoßen und gehalten hin und her irrte , ziellos keine Stätte fand , und völlig ermüdet um die eigentliche Bescherungsstunde bei Rehorsts sich , statt dort hin , nur wieder bis an seines Hauses Eingang zurückgefunden . » Es ist eine Rätselwelt , « dachte er , wie er aufstieg Stufe um Stufe , unentschlossen und nicht aufgelegt . » Um Christ geht ' s , « sagte er , » und sie machen einen großen Markt . Und draußen gar werden sich die Damen in Roben von Seidentüll und mit flaumigem Halse zeigen - ganz wie Joseph und Maria in dem Eselstalle . « » Meine Bodenklause ist mir heute gut genug , « dachte er fast trotzig . Er wußte selbst dann nicht , wie lange er in dem Arbeitsraume im tiefen Dunkel versunken gesessen . Also daß nur die Sterne aus der Höhe darüber leuchteten , wohin er den Blick ewig hinausgewandt . Daß er noch immer sich nicht zu sich fand , von dem Zauber des Silberlichtes sanft getroffen , und von dem Gefühle , in einer tiefen , undeutbaren Enge und Kluft der Menschenwelt eingeschlossen , selbst nichts zu sein , als ein sehendes Auge , das sich emporhob bis in die weiten , schweigenden , reinen Gewölbe der hellen Nacht . Aber dann ermannte er sich . Der Nachtschein hatte eine Helle auch auf seinen Tisch geworfen , und hatte dort etwas enthüllt , was seine Neugier erregte . In seiner Abwesenheit war ein Packet gekommen . Er machte sogleich Licht und sah , daß es von Rosas Hand adressiert war . Die Schwestern sandten allerhand Dinge , Sorgliches zum Anziehen , und Süßigkeiten auch , und Grüße lagen von allen drinnen . Auch mit schöner Handschrift ein Festgruß des Herrn Geheimrat , und vor allem ein Brief von Rosa . Aber er kam nicht dazu , die Briefe genauer anzusehen . Die Weihnachtsglocken begannen draußen über die Dächer der Stadt zu dröhnen , und Erinnerungen waren heute genug wach , daß sich Einhart nach mehr Aufwühlen nicht sehnte . Etwas wie Unruhe ging gleich aus dem Glockengewoge neu in ihn ein , daß er wie in Unzufriedenheit aufsprang . Im Grunde waren es jetzt nur Gedanken und Bilder von Frau Rehorst , die er verscheuchen wollte , vor denen er floh , und die er suchte , wenn er geflohen war , und die ihm sich in seltsamen Spielen verwoben zu grotesker Belachung seiner Sehnsuchten und sich zusammenfanden zu den zärtlichsten Friedensbildern von Liebenden in der einsamen Weihnachtsnacht . Er war wie gefangen . Langsam verdröhnten die Glockentöne wieder über der sternenbeschienenen Weihnachtstadt , als er seinen Blick durchs Fenster noch einmal hinauswandte , und sich entschloß , doch zu Rehorsts noch verspätet hinzugehen . Er warf seinen Mantel um und lief in den Straßen , was er konnte . Aber in der Nähe des marmornen Würfels kam ihm eine harte Lust an , in die Hölle zu fahren , statt in die geschmückten Prunksäle eines reichen Hauses . » Mögen sie mich erwarten , « dachte er ... » Ich werde zu den Zöllnern und Sündern gehen . Ich werde gerade heute in einer Spelunke essen , « nahm er sich vor mit einer spitzen Anwandlung . » Und meine neue Mutter wird den guten Sohn vergeblich unter den Ihren suchen . Ich werde einmal ein Fest für mich feiern , statt mit Fabrikbeamten und Dichtern und Musikern und Schwätzern und schönen Frauen . « Unterwegs hatte sich ein junges , lächelndes Ding von Dirne an ihn gedrängt . » Bist du auch so allein , wie ich ? « Das gefiel Einhart . Solche Frage kam gerade recht . » Komm nur mit , « sagte er , » wir werden zwei sein . « So nahm sie seinen Arm , und Einhart lief mit ihr in das Kellerlokal , aus dem immer ein verstimmtes Orchestrion herausklang , wenn er am frühen Abend manchmal vorbeikam . » Ich werde dich einmal alles fragen , was ich wissen will ! « sagte Einhart lächelnd zu ihr . » Frage nur zu , Herr , « sagte das Mädchen . So saßen sie bald in einem Winkel des kleinen Lokals , in dem etwa sechs Frauen in seidenen Ballroben mit entblößten Busen um einen Christbaum lachten . » Überall ist heute Weihnacht . Auch diese Weiber narrt der Stern aus Bethlehem , « sagte Einharrt trocken . Aber er sah , daß das Mädchen vor ihm sanfte , helle Augen hatte und beglückt in den brennenden Schein sich verlor . » Es ist schön , « sagte sie nur . » Also du bist es doch zufrieden auf der Welt , « fragte Einhart lachend . » Nun , es ist ja entzückend hier , « sagte die kleine blonde Person , » und wenn die Damen uns Weihnachtslieder singen , und du uns was Gutes zu essen geben läßt ! « Einhart sah sich mit vollkommenem Feuer um . » Ja , also die Damen aus der Hölle singen uns Weihnachtslieder , und wir wollen wirklich etwas Gutes essen ! « » Ich habe meine Schlafstelle bei Frau Kern , « erzählte die Blonde einfach , » aber die ist heute Aufwartung im Rehorstschen Hause . Da kommt sie erst spät , und es ist alles dunkel oben . « » Und Eltern und Geschwister und sonst Leute , die sich um dich kümmern ? « redete Einhart . » Hab ich nicht . « » Nun gut , « sagte Einhart , » wir beide werden jetzt in der Hölle sitzen , wo die Teufel selbst Weihnachtslieder singen , und werden uns Eins fühlen . Auch die Teufel sind alles nur Engel , die fielen . Das ist mir ein richtiges Weihnachtsfest . Weißt du , so sind wir recht , wie wir sein müssen , ganz