Oder hast du einen Grund , morgen vorzuziehen ? « » Das nicht . Heute oder morgen , das käme ganz auf das gleiche heraus . « » Wenn du jedoch heute gehen willst , so darfst du nicht säumen ; es ist gerade die richtige Besuchszeit . « » Du bist ein gescheiter Gedanke . Nur laß mich zuerst gründlich nachsehen , ob auch alles inwendig im Gleichgewicht ist , damit mir nicht am Ende wieder der Konrad mit seinen Nervenkünsten eine Überraschung spielt . « Er prüfte sich . Rundum Ruhe , im Blut und in den Nerven ; nirgends etwas Verdächtiges . Also ging er ohne weiteres zu ihr . Sie saß allein im Zimmer , am Nähtisch . Kaum erblickte er sie , so funkelten alle Gegenstände wie durch Kristall geschaut , hierauf begannen sie zu schwanken und sich zu drehen , immer schneller ; dann wußte er nichts mehr , als daß er zu ihren Füßen kniete , in einer Sturmflut von Tränen , ungestüm ihre Hand küssend . Darüber erschrocken , schnellte er tief beschämt empor , im Begriff davonzustürzen . Sie aber erfaßte mit barmherziger Güte seinen Arm : » Wohin eilen Sie ? was wollen Sie beginnen ? « Er stöhnte : » Weiß ichs ? Mich irgendwo in einer Waldhöhle zutode schämen . « » So dürfen Sie nicht fort ; kommen Sie , ich will Ihnen die Augen waschen . « Und führte ihn ins Schlafzimmer . » Ich wußte von nichts « , besänftigte ihre Stimme , » ich hatte keine Ahnung , wenigstens nicht , daß es so tief gehe . Habe ich mir vielleicht etwas zuschulden kommen lassen ? « Er schüttelte den Kopf , der Rede nicht mächtig , und ließ die Augenwaschung willenlos wie eine Operation über sich ergehen . » Welche Schmach ! « stöhnte er von Zeit zu Zeit , » welche Schande ! « » Es ist doch keine Schande , jemand lieb zu haben ! « tröstete sie , » man kann ja doch nichts dafür . Oder bin ich denn so schlecht , daß es eine Schande wäre , wenn man mich lieb hat ? « Da biß er sich die Lippen bis aufs Blut . Darüber war das Kind in der Wiege aufgewacht , richtete sich auf und schaute neugierig zu . Die Mutter holte es aus dem Bette . » Siehst du « , sagte sie zu ihm , » da steht ein armer Mann , dem etwas furchtbar wehe tut . Allein niemand hat ihm etwas zuleid getan , niemand will ihm etwas Böses ; er tut sich nur selber weh , weil er sich in seiner Phantasie Dinge vormalt , welche nicht da sind . - Gelt , Sie versprechen mir , daß Sie nichts Übereiltes begehen ? « mahnte sie zum Abschied . » Falls Sie mich wirklich gern haben , so müssen Sie mir das versprechen ; ich will es , ich verlange es . Kommen Sie lieber wieder zu uns , wir wollen Sie heilen ; wenn Sie mich genauer kennenlernen , werden Sie bald genug selber sehen , daß ich durchaus nichts so Kostbares , Unersetzliches bin , wie Sie sich einbilden . « » Ihr meine Liebe verraten ! « klagte er auf dem Heimwege , » das heißt : mich ihr wehrlos überliefert ! Summa : alles verloren ! Wie ein lyrischer Apothekergehilfe , wie ein Romanwicht habe ich mich aufgeführt . Tränen , Handkuß , Kniefall , keine Art von Lächerlichkeit hat gefehlt . Bin ich das gewesen ? O Konrad ! Konrad ! Und dieses Mitleid ! dieses barmherzige Trösten ! Was in aller Welt soll ich nun beginnen ? « » Nichts « , erwiderte sein Verstand . » Nur gesund bleiben , alles übrige richtet sich später wieder ein . « » Aber die Demütigung , die Erniedrigung ! ! « » Wenn es keine größere Erniedrigung gäbe , als der Liebe zu unterliegen ! « Der Verstand mochte schon recht haben . Auch war die Sache nun einmal geschehen . Also ließ ers laufen , wohin es dem Konrad beliebte . Hatte sie nicht gesagt : » Wir wollen Sie heilen , kommen Sie nur wieder zu uns « ? Ob er ihre Aufforderung wiederzukehren befolgen solle , war für ihn nicht fraglich . Oder fragt sich etwa ein Kranker , der nach unerträglichen Qualen endlich ein schmerzstillendes Mittel verabreicht erhalten hat , ob er das Mittel wieder nehmen wolle oder nicht ? Es gibt eben Grade des Schmerzes , wohin Stolz und Scham nicht reichen , wo nur noch der einzige Gedanke gilt : » Hilfe « , einerlei womit , gleichviel durch wen . Er hatte die geliebte Stimme , den guten Spruch ihrer barmherzigen Rede gespürt . Was Stimme ! was Rede ! Mit ihrer eigenen Hand hatte sie sein Antlitz berührt , mit ihrem Arm seine Wange gestreift . Was braucht es da der Überlegung ? Dort ist der Trost , das Heil und das Leben ; die übrige Welt ist Kram . Also zog er schon am folgenden Morgen wieder hin , am übernächsten Morgen von neuem und so weiter jedes Tages Morgen . Und jedesmal fand er sie am Nähtisch allein , und immer durfte er ihr sagen , daß er sie lieb habe . O welche Erleichterung ! Statt fern von ihr sein Leid in den kalten Tannenwald zu weinen , es einem warmen Menschen , es ihr zu gestehen , es von ihren schönen Augen bescheinen zu lassen , teilnehmende Worte , freundschaftliche Blicke dafür einzutauschen ! Und wie man eines Kindes Tränen durch Anblasen und nichtige Sprüchlein stillt , so brachten ihm ihre unbedeutendsten Worte durch den bloßen Ton der ersehnten Stimme Trost und Linderung , so daß er schon bei seinem zweiten Besuche der Tränennot ledig wurde ; nicht anders , als ob seiner Wunde der Stachel wäre entzogen worden . Und mit jedem neuen Male nahm die Entzündung ab . » Wir wollen Sie heilen « , hatte sie zu ihm gesprochen ; es ließ sich wirklich so an . Bald gelang ihm sogar - in der Tat , er hatte das Talent zum Glück - daß er aus dem Vorrecht , jeden Morgen mit ihr allein zu wohnen und ihr seine Liebe darzubringen , Zufriedenheit und hiemit Seligkeit schöpfte ; denn wenn ihm nichts unleidlich wehe tat , war er immer selig . Und warum sollte er nicht zufrieden sein ? Täglich eine Stunde ihrer Gegenwart in Freundschaft und Eintracht , eine Art neuer Parusie auf höherer Stufe , überdies durch ein gemeinschaftliches Geheimnis , das Geheimnis seiner Liebe , mit ihr verbunden , - wer von allen Menschen , außer dem einzigen Statthalter , dessen Rechte zu schmälern er ja niemals beabsichtigt hatte , besaß denn so viel ? Ob sie ihn nun liebe oder nicht liebe , darum sorgte er sich nicht ; ja , es interessierte ihn nicht einmal , da er , der Frühreife , sich schon seit unvordenklichen Zeiten in die Überzeugung eingelebt hatte , daß des Menschen Heil oder Unheil nicht von außen , sondern von innen kommt , und daß der Schein den nämlichen Dienst tut wie die Wahrheit , meist sogar einen besseren . Nicht ihre Liebe bedurfte er , sondern bloß ihre Gegenwart , damit sein durstiges Herz ihren Anblick , ihre Stimme , ihre Gebärden und Bewegungen trinke . Wie er denn von jeher mit Vergnügen ihren Haß und Abscheu angenommen hätte , wenn er sie dafür hätte heimnehmen , gefangenhalten und an die Wand schließen dürfen . » Zapple , schrei , schilt , verwünsch : nur bleib bei mir . « Von dieser begehrten Gegenwart nun hatte er , ohne Gewalt zu gebrauchen , ohne sie rauben und an die Wand schließen zu müssen , durch ihre friedliche Einwilligung ein kostbares gesichertes Stücklein ; das sie ihm auch sorglich aufsparte und behütete , indem sie , solange er bei ihr war , jede Störung barsch beseitigte , jeden Eindringling kurz abfertigte ; nicht einmal ihr Bruder wurde vorgelassen . So daß er sich gewissermaßen ein wenig mit ihr verheiratet fühlte ; eine heimliche Ehe zwar , doch nur um so süßer . Durch das trauliche Sonderstündchen gedieh dann allmählich ein kameradschaftlicher Verkehr zwischen ihnen . Seine Liebe , nunmehr als selbstverständlich vorausgesetzt , hatte nicht nötig , immer von neuem ausgesprochen zu werden , sie rückte zur harmonischen Begleitung in die untere Notenlinie hinab , zwar die Stimmung beherrschend , aber Raum für andere Gespräche und Unterhaltungen freilassend , die dann oben im Diskant wie durchgehende Noten nach Laune und Belieben schalteten . Sie konnten wie Bruder und Schwester miteinander plaudern , Kunstblätter betrachten , vierhändig Klavier spielen ( » ich hatte gemeint , Sie wären unmusikalisch ! « ) ; oder sie erzählte ihm von ihren Mädchenjahren , besprach mit ihm die Zukunft ihres Kindes , zeigte ihm die Räume und Einrichtungen ihrer Wohnung . Sogar zu Neckereien fanden sie die Unbefangenheit . » Das also ist die böse Frau , die einem so grausam weh getan hat « , lächelte er . » Huhu ! « drohte sie , zog eine grimmige Miene und krallte die Finger . » Laß sehen , zeigen Sie « , scherzte er ein andermal , » schauen Sie mich , bitte , wieder einmal so feindselig an wie einst . « » Das kann ich jetzt nicht mehr « , lehnte sie ab , einfach , wahr und gut . Als er einmal eine Nadel , die ihr entfallen war , blitzschnell vom Boden aufhob , nannte sie ihn » Herr von Wolzogen « . » Frau von Stein « , erwiderte er , sich verbeugend . Wenn er beim Klavierspielen heimtückisch ihren kleinen Finger unabsichtlich berührte , patschte sie ihm auf die Hand ; wenn er im Gespräch einen unliebsamen Kraftspruch äußerte , auf den Arm . Eines Morgens überfiel sie ihn mit einem Panthersprung aus dem Hinterhalt und würgte ihn herzhaft . » Ihr Namenstag heute « , erklärte sie dem Verdutzten . Nur ein einziges Bedenken schaffte ihm dann und wann etwas Unbehagen : wo bleibt denn bei alledem Freund Statthalter ? warum ist der niemals sichtbar ? wieso gelingt uns Tag für Tag das trauliche Alleinsein , obwohl zuweilen oben in der Studierstube ein Stiefel scharrt und Tabakrauch wie ein warnendes Orakel durch die Ritzen qualmt ? Das Geheimtun , welches seinem Herzen süß schmeckte , wollte , wenn schon nichts Böses geschah , seinem Gewissen nicht recht munden . Andererseits konnte er doch auch nicht oben an der Studierstube anklopfen und Meldung abstatten : » Herr Direktor , wissen Sie das Neueste ? Ich habe nämlich die Ehre , Ihre Frau Gemahlin ergebenst zu lieben ; Sie können übrigens ruhig auf beiden Ohren schlafen ; denn wir sind unschuldig wie zwei Osterlämmer , ein weißes und ein schwarzes . « Nein , gegen eine solche Biederei empörte sich sein Geschmack . Es gibt eben Dinge , die , obgleich sie nicht böse , vielmehr hoch und edel sind , dennoch die Geheimhaltung verlangen ; deswegen , weil sie durch die bloße Kenntnis eines Dritten entweiht würden . » Und schließlich , das geht sie an , nicht mich ; er ist ja ihr Ehemann , nicht meiner . Also , wenn ihr Gewissen es erträgt - « Nachdem das so einige Wochen zwei gedauert hatte , wurde ihr Benehmen anders , nämlich undeutlich , wechselvoll , gegensätzlich ; nie fand er sie so wieder , wie er sie tags zuvor verlassen hatte . Zunächst überraschten ihn Rückfälle in ihr altes Mißtrauen ; offenbar waren Einflüsterungen geschäftig ; vermutlich von Freundinnen , vielleicht auch von Neidern und Eifersüchtigen . » Wenn es in Dur nicht gegangen ist , versucht mans in Moll « , warf sie ihm einmal ohne jeden Anlaß hin , anzüglich , mit gescheitem Blick . Sie war demnach geneigt , wenigstens in diesem Augenblick , das wahnsinnige Herzeleid , das ihn zu ihren Füßen geworfen , für gespielt , für einen abgefeimten Schachzug zu halten ! Ein anderes Mal , als er von ihrer ersten Begegnung , also von der Parusie , erzählte , verlief folgende Rede : » Sagen Sie mir aufrichtig « , fragte er , » haben Sie mich eigentlich damals geliebt , oder haben Sie mich nicht geliebt ? « Sie schüttelte den Kopf . » Ich hielt Sie für falsch . « » Wie kamen Sie auf diesen abenteuerlichen Gedanken ? « » Weil Sie mir so viele übertriebene Schmeicheleien sagten . « » Ich sagte Ihnen niemals eine einzige Schmeichelei ; ich sagte bloß , daß Sie unbeschreiblich schön seien und daß ich Sie wie ein Symbol der Gottheit verehre . « » Nun ja eben : solcher abgeschmackter , süßer Schnickschnack . Das mag bei eitlen , inhaltlosen Modedämchen seinen Dienst tun , bei mir nicht . « » Und jetzt ? « lachte er , » halten Sie mich etwa noch für falsch , da ich Sie nach wie vor unbeschreiblich schön finde und heute mehr als je als ein Symbol der Gottheit verehre ? « » Hm ? « zweifelte sie mit mißtrauischem Blick , » manchmal nein , manchmal ja . « Er begriff und entschuldigte : Germania , der es nicht in den Kopf will , ein Wüstling könnte einer echten Liebe fähig sein . Ja , sie glaubte noch immer nicht an die Wahrheit und Reinheit seiner Liebe ; das verriet ihm mancher Zug ihres Benehmens . So konnte sie zum Beispiel mitten im Gespräch das Kind aus der Wiege holen , es auf den Schoß setzen und wie einen schützenden Schild vorhalten . Oder sie stand bei seiner Ankunft abwehrend unter der Tür , mit ausgebreiteten Armen den Zugang versperrend . » Wolf , komm mir nicht in mein Hürdlein « , drohten ihre Augen . Ließ ihn übrigens dann doch ein . Andere Male wieder rührte sich Eva in ihr . Blieb er einen Tag aus , so forderte sie Gründe , heischte Rechtfertigung . Hatte er sich auf der Straße im Gespräch mit einer andern Dame betreffen lassen , so hielt sie ihm das vor , scheinbar in scherzhafter Meinung , doch mit der Stimme der Empfindlichkeit . » Sie werden sich auch verheiraten wie jeder andere « , warf sie ihm etwa vor , in bitterm , fast verächtlichem Ton , als beging er hiemit eine kränkende , niedrige Handlung . Mitunter mochte ihn Eva auch plagen . Warum denn nicht ? Benütz die schöne Jugendzeit ; noch ein paar kurze , flüchtige Jährchen , ach Gott , und du kannst niemand mehr plagen . In dieser frommen Absicht redete sie so oft wie möglich von ihrem Manne , natürlich im harmlosesten Ton ; zeigte ihm ihre neueste Photographie : » Für meinen Mann zum Geburtstag « ; oder sie phantasierte von der Zukunft unseres Buben , wenn wir beide einmal alt sein werden . » Welche beide ? « fragte er . » Nun , natürlich mein Mann und ich . Wer sonst ? « Unmerklich hatte sich jedoch ihrem Sonderbund ein Dritter zugesellt : ihr Büblein , der kleine Kurt . War es , weil sich Viktor hin und wieder gnädig mit ihm einließ , der Mutter zuliebe ? oder war es im Gegenteil , weil er das überflüssige Wesen anfänglich gar nicht beachtet hatte ? Sei es , was es wolle , das kleine Geschöpflein hängte sein Herzchen an Viktor , ihm wie einem Vater entgegenwankend , aber einem Vater ohne Erziehungstücken , der einem niemals etwas verbietet , der nie böse wird , der immer freundlich dreinschaut . Wenn dann die zwei miteinander spielten , Viktor und der kleine Kurt , hielt sich die Mutter geflissentlich abseits , über den Stickrahmen gebeugt , viertelstundenlang stillschweigend , wie absichtlich sich in Vergessenheit hüllend , schaute von Zeit zu Zeit mit einem tiefen Atemzuge auf , und so oft sie aufschaute , glänzte ihr Auge von innerem seelischem Lichte . Es schwebte wie Andacht über der Gegenwart , wie Segen über den drei Menschen . Unversehens , ohne den mindesten Anlaß , empfing sie ihn eines Morgens feindselig , ja geradezu brutal . » Wann reisen Sie wieder ab ? « lautete ihr barscher Gruß . » Warum ? Würde Ihnen etwa meine Abreise erwünscht sein ? « » Ja . « » Sie tun mir weh . « » Sie mir auch . « » Ich ? - Ihnen ? « » Ja . Indem Sie mir Sachen sagten , die ich nicht hören darf und die Sie nicht sagen sollen . « » Die ich auch nicht sagen wollte , aber sagen mußte . « » Man muß nie , was man nicht soll . « » Die Natur kennt das Zeitwort sollen nicht ; das stammt aus der Sozialgrammatik der Menschen . Übrigens , wenn Sie wirklich wünschen , daß ich abreise , so geschieht es ; ein Wort von Ihnen genügt . Also , bitte , wie lautet Ihr Befehl ? Wollen Sie , daß ich abreise ? Morgen ? Oder heute noch ? « Sie sah ihn eine Weile finster an ; dann wurde sie unruhig , stellte sich ans Fenster und kehrte ihm den Rücken . Er , wie von einem Magnet angezogen , trat von hinten neben sie und berührte sachte einen Finger ihrer nachlässig herabhängenden Hand , die sie bei der Berührung nicht wegzog . Hiermit waren beide Körper verbunden , und es lief wie eine Strömung hinüber und herüber , davor sie bebte und zuckte . Gab es keine seelische Magie , so gibt es doch sicher eine leibliche . Ein Gedanke stürmte gegen ihn , begleitet von Fanfaren und Glockenspiel : » Jetzt « , hetzte der Gedanke . » Jetzt ! Sonst bist du lächerlich ; lächerlich auf ewig . « » Wohlan , seien wir lächerlich « , erwiderte er fest und gab ihre Hand frei . Da platzte in seinem Innern ein schallendes Hohngelächter : » Tugendheld ! Tugendheld ! « Verächtlich über die Achsel blickend , gab er zurück : » Ehebruch-Pedanten ! « Ein gefährlicher Boden ! Und ziellose Pfade ! Wohin die junge Seligkeit wohl taumeln mag ? Wird sie , kann sie überhaupt währen ? Müßige Fragen ; seine Aufgabe war es jedenfalls nicht , der Seligkeit ein Bein zu stellen . Ein jähes Ende Am Morgen des Lichtmeßtages , wo die Menschen die ersten Knospen zu grüßen pflegen , die noch nicht da sind , begab er sich wie gewöhnlich zu ihr . » Mein Mann ist im Studierzimmer ; wollen Sie , bis ich mit dem Aufräumen fertig hin , einstweilen ihm Gesellschaft leisten ? « Er stutzte . Was für eine neue Sprache ! Schickt mich zu ihrem Mann ! Hat sie etwa gebeichtet ? Eine Auseinandersetzung ? Meinetwegen ; laß hören ; ich bin immer so eingerichtet , daß ich jederzeit jedem Menschen ins Auge sehen darf . Der Eintritt in das rauchdurchqualmte Stübchen beruhigte sein Blut ; so raucht kein Richter . » Aha , willkommen , Sie sinds « , scholl es ihm treuherzig entgegen . » Sehen Sie , da schickt mir der Buchhändler soeben wieder so einen Weiberfresser von Philosophen . Sie machen ja doch wahrscheinlich auch nicht mit ? Oder was ist denn nun eigentlich Ihre Meinung von den Frauen ? « Eine schwierige Frage ! und ein verfängliches Thema ! Immerhin , besser an dem Fittich der Theorie gefaßt zu werden als persönlich , denn der ist ziemlich unempfindlich . Die Gerichtsverhandlung über die Frauen nahm denn auch einen friedfertigen , würdigen Verlauf , mit ordentlichen Gedankenschritten , gemessenen Urteilen und willigen Zugeständnissen von beiden Seiten . Wie jedoch Viktor im Eifer seines Frauenlobes den Satz fallen ließ : » Ohne die Frau möchte ich überhaupt nicht leben « , bemerkte der Statthalter trocken : » Aber jeder mit seiner eigenen Frau , nicht wahr ? « Was war das ? Ein Merks ? Einige Redereihen später , als die Grenzen des weiblichen Horizontes abgesteckt wurden und Viktor eben darauf hinwies , welch ein beschämendes Urteil in der Tatsache verborgen liege , daß alle Welt , auch die weibliche , es für selbstverständlich erachte , die Rolle einer jungen Frau in einem Theaterstück könne einzig eine Liebesrolle sein , öffnete Frau Direktor behutsam die Tür . » Verzeihen Sie , meine Herren , wenn ich Sie in Ihrer gelehrten Unterhaltung störe « , hauchte sie zaghaft ; » erschrecken Sie übrigens nicht , ich verschwinde im Augenblick . « Mit diesen Worten trippelte sie zum Bücherschrank , kauerte in anmutiger Haltung zu Boden , kramte , ab und zu die ungefügen Locken zurückwerfend , unter den Folianten , und schnellte dann plötzlich , ein Büchlein in der Hand , mit federndem Schwung wieder empor . » So ; jetzt sind Sie erlöst « , tröstete sie , während sie in ängstlichen Sprüngen auf spitzen Zehen zur Tür hinausflüchtete . » Jedenfalls ihre einzige Rolle « , schmunzelte der Statthalter , » spielen sie gut ; im Leben wie auf der Bühne . « Gleich darauf ertönte ein weicher Klavieranschlag , und ihre Stimme verklärte das Haus . Davor überquoll dem Viktor das Herz . » O mein Gott « , stöhnte er , » ist das schön ! ist das rein ! ist das edel ! « Und unversehens stürzten ihm die Tränen über die Wangen , so daß er hastig aufsprang und sich am Bücherschrank zu schaffen machte . » Das kann ich nun gerade nicht finden « , versetzte der Statthalter , » daß das rein und schön sei , wie sie das singt ; man sollte sich eben überhaupt nie an ein Stück wagen , das man nicht kann und das einem zu hoch liegt . « Darauf wollte er das Gespräch zurücklenken . Allein Viktor war von dem unsichtbaren Gesange dermaßen gebannt , daß er nichts andres sonst wahrnahm . » Wenn sie doch nur endlich aufhörte ! sie singt einem ja das Herz aus dem Leibe . « Endlich hörte sie auf , und es gelang ihm , sich in geziemender Fassung zu verabschieden . » Kommen Sie morgen abend zum Tee « , begehrte ihre dringliche Bitte , während sie ihre Hand in der seinigen ruhen ließ , » ganz unter uns ; niemand als Sie und mein Mann ; meine Wenigkeit ungerechnet , die Sie schon mit in Kauf nehmen müssen . « Und bedeutungsvoll flüsternd fügte sie hinzu : » Es gibt nämlich Schlagsahne . « Das war mit einem Ton gesagt , als ob die Schlagsahne den Hauptanziehungsgrund vorstellen sollte . » Also morgen abend ! « wiederholte sie , mit dem Finger drohend , » ich zähle darauf . « Jetzt was ? hat er etwas gemerkt , der Statthalter , oder hat er nichts gemerkt ? Aus diesem behäbigen Pascha wurde er nicht klug . Übrigens nur um so besser , wenn er etwas gemerkt hat ( zuviel ist nicht nötig ) , so war er die leidige Geheimtuerei los und zugleich einer geschmacklosen Beichte enthoben . Nun kommts recht ; genau so hatte er sichs von jeher ausgedacht gehabt : eine einmütige Ehe zu dreien , wo er seinem getreuen Statthalter Imagos Leib und jener ihm zum Dank dafür Imagos Herz und Seele überließ ; so tat keiner dem andern Abbruch . Die Vormittage ihm , dem Statthalter die übrige Zeit ; der durfte sich wahrlich nicht beklagen , er wäre bei der Teilung zu kurz gekommen . Also morgen abend soll der Dreibund geschlossen werden . » Bei einem Teller voll Schlagsahne « , spöttelte ein Gedanke . » Nun , warum nicht ebensogut Schlagsahne wie Wein ? Oder hat man etwa zu einem ehrlichen Vertrage Gift nötig ? « Und mit innigem Glück verglich er diese Schlagsahne mit jener andern , über welcher er ihr einst zuerst wiederbegegnet war , damals , vor Monaten , bei Frau Regierungsrat Keller . Eine hübsche Strecke Weg zurückgelegt , Viktor , findest du nicht ? Von der verächtlichen Gleichgültigkeit am Anfang bis zur heutigen Herzinnigkeit ! Und noch stehen wir ja erst am Anfang . O Wonne des Ausblicks ! Darob trendelte er vergnügt durch die Straßen der Stadt , leise vor sich hin singend und mit den Händen ein himmlisches Orchester leitend . Da begegnete ihm Frau Steinbach . » Kommen Sie heute nachmittag zu mir « , verlangte sie kurz , im Vorbeigehen , mit fremder Stimme , » ich habe mit Ihnen zu reden . « Verstimmt , wie von einem kalten Regenschauer überrascht , trieb er weiter ; nunmehr ohne Musikbegleitung . » Ich habe mit Ihnen zu reden . « Ob er schon nicht von ferne erriet , was in aller Welt die Rede aufrühren werde , ahnte ihm doch Verdrießliches ; denn es ist selten etwas Erfreuliches , wenn jemand mit einem zu reden hat . Meinetwegen ; ich schüttle es ab wie die Ente das Wasser . Einzig Theuda-Imago bestimmt mein Heil oder Unheil ; bei ihr steht ja gegenwärtig alles aufs herrlichste . » Mein Herr , Sie machen sich lächerlich « , empfing ihn Frau Steinbach streng und kalt , ohne ihn anzublicken . Unwille verfinsterte sein Gesicht . » Womit ? « » Bitte , verstellen Sie sich nicht ; Sie wissen ganz gut , was ich meine . « » Entschuldigen Sie , daß ich Ihnen widerspreche . Ich verstelle mich nie und habe keine Ahnung , was Sie meinen . « » Nun , dann werde ichs Ihnen sagen : mit Ihrem ebenso törichten wie unverantwortlichen Benehmen bei Direktors . « » Darf ich um Belehrung bitten , was Sie dazu berechtigt , mein Benehmen töricht und unverantwortlich zu nennen ? « » Nun , wenn das etwa nicht töricht ist , eine verheiratete Frau mit Liebesergüssen zu belästigen , die Ihrer Liebe nicht bedarf , der Sie vollkommen gleichgültig sind und wo Sie sich höchstens die Brosamen des Mitleids erbetteln können ? Wenn das nicht töricht sein soll ! Unverantwortlich aber , oder , falls Ihnen der Ausdruck zu stark klingt , unrecht muß ich es nennen , daß Sie versuchen , sich zwischen rechtschaffene , pflichtgetreue Eheleute hineinzudrängen ; glücklicherweise umsonst . « Jetzt errötete er mit heftigem Blutschwall ; zugleich vor Scham und Empörung . Wie das brennt , wenn ein Dritter weiß , was unter vier Augen geschah ! Grimmig entgegnete er : » Darüber , was ich verantworten kann oder nicht verantworten , darüber werde ich Herrn Direktor Wyß Rede stehen , wenn er es wünscht , aber nur ihm , niemand sonst . Hier hingegen , wo ich töricht und lächerlich gescholten werde , gestatte ich mir die Bemerkung , daß ich in meinem Gedächtnis Gründe finde , die mich zu der Überzeugung berechtigen , Frau Direktor Wyß gewähre mir denn doch ein wenig mehr als die Brosamen ihres Mitleides und ich sei ihr auch nicht gar so vollkommen gleichgültig , wie Sie in so schmeichelhafter Weise anzunehmen belieben . « Da wandte sie ihm ihr Gesicht zu und trat einen Schritt näher : » Ach , Sie armer , junger , naiver Herr ! Ja , naiv , trotz Ihrem überlegenen Geist und Ihrer Welt- und Menschenkenntnis . Meinen Sie denn wirklich , Sie Ärmster , weil eine Frau Ihre Liebesgeständnisse duldet und nicht ungerne anhört , das beweise das mindeste für ihre Herzensneigung ? Natürlich hört sies gerne ; selbstverständlich ! Ist das doch ein Triümphlein für sie . Und ein klein , klein wenig Blümleinspielen innerhalb der Grenzen des Erlaubten wird sie sich wohl auch nicht haben entgehen lassen ; vielleicht ist sie darin ein bißchen zu weit gegangen , das kann ich nicht wissen . Übrigens , was heißt hier zu weit gehen ? was für ein Sittengebot verwehrt ihr denn , mit jemand , der sie in unschicklicher Weise belästigt , umzuspringen , wie sie mag ? Sie sind ihr ja doch nicht verwandt ; sie hat nicht die mindeste Verpflichtung , Sie zu schonen . Wer eine Frau in eine schiefe Lage bringt , muß sichs eben auch gefallen lassen , wenn es ein bißchen krumm zugeht ; das ist sein Fehler , nicht der ihrige . Doch gesetzt selbst den Fall , Sie hätten einigen Eindruck auf ihr Herz gemacht , und das scheint mir , aus Ihren Worten zu schließen , in der Tat der Fall zu sein - es wäre auch nichts Verwunderliches , Sie sind ja doch nicht der erste beste - , was haben Sie damit gewonnen ? Ein oberflächliches , flüchtiges Gefühlchen , das beim ersten Ruf des Schicksals zerstiebt . Lassen Sie morgen ihr Kind oder auch nur ihren Mann krank werden , was sind Sie dann ? wer sind Sie ihr ? Eine Null , nein , weniger als eine Null , ein Abscheu , dessen bloßen Anblick sie nicht einmal erträgt . Frau Direktor Wyß , wie ich Ihnen schon früher sagte , ist eine einfache , brave , gerade Frau , die keinen andern Gedanken hat als ihr Kind und ihren Mann ; alles , was Sie bei ihr erreichen können , ist , daß Sie sich bloßstellen und sich unglücklich machen , möglicherweise auch , wenn das sträfliche Spiel fortdauert , daß Sie sie ins Gerede bringen ; sie hat ja auch Freundinnen . Jetzt handeln Sie , wie Sie wollen und wie Sies mit Ihrem Gewissen vereinigen können ; ich maße mir nicht an , Ihnen Ihre Pflicht vorzuschreiben . Wie indessen ein geistig hervorragender , selbstbewußter und zum Selbstbewußtsein berechtigter Mensch wie Sie es aushält , von der gnädigen Nachsicht ihres Mannes zu zehren , ist mir unbegreiflich ; gefallen Sie sich