antwortete er : » Sihdi , tue mir das nicht an , daß ich dich verlassen soll ! Ich gehe mit dir durch die ganze Welt ! Nur bitte ich dich um fünf Pfund , die ich meinem Vater schicken will . « » Ja , weißt du denn , wieviel ich dir schuldig bin ? « » Nichts bist du mir schuldig , gar nichts . Ich merke mir auch nichts , denn du bist kein falscher , sondern ein richtiger Christ und wirst mich nicht betrügen . « Ich muß nämlich bemerken , daß er nur dann einmal Geld von mir forderte , wenn er welches nach Hause schicken wollte . Ich hatte schon öfters mit ihm abgerechnet und ihm seinen Lohn vorgezählt ; aber sobald er die vielen Goldstücke liegen sah , bekam er Angst und bat mich , sie ihm aufzuheben . Er bekam pro Tag fünf Mark , und da ich kein Pfennigfuchser bin , so brauchte er fast gar nichts für sich auszugeben und konnte den ganzen Lohn sparen . War ich ja einmal mit ihm unzufrieden , so konnte ich ihn nicht härter strafen als dadurch , daß ich ihm sein Geld hinlegte . Der Angstschweiß trat ihm sofort auf die Stirn , und ich werde nie vergessen , mit welcher Miene er bei unserer Trennung über zweitausend Frank in Goldstücken in sein Taschentuch einknotete . » O Sihdi , « sagte er . » Nimm es wieder ; ich schenke es dir ; aber laß mich bei dir bleiben ! « Diese Liebe war ja später durch unser langes Beisammensein erklärlich ; aber er hatte sie mir gleich vom ersten Augenblicke an gezeigt , ohne daß ich den Grund entdecken konnte . Hier in Colombo erfuhr ich ihn endlich . Nämlich die Postanweisung an seinen Vater mußte englisch geschrieben werden , und da er das nicht konnte , so tat ich es für ihn . Dann gab ich ihm die fünf Pfund und machte ihm die Bemerkung , daß seine Fürsorge für den Vater mich stets sehr gefreut habe . Da drückte und drückte es in ihm so lange , bis es herauskam : » Sihdi , ich muß dir Etwas von ihm sagen . Er kennt dich ; ja , er kennt dich ganz genau , obleich er dich nie gesehen hat . « » Wie soll er mich da kennen ? « » Das ist es eben , was ich dir sagen will . In Kairo gibt es zahllose Blinde . Sei aufrichtig : bist du einmal an einem von ihnen vorübergegangen , ohne ihm Etwas zu schenken ? « » Nein ; das ist meine Eigenheit . « » Aber eine Eigenheit , für welche unser Islam sehr gute Augen und ein dankbares Herz hat . Sein Hauptgebot ist , Almosen geben , und wenn ein Christ so oft und so gern gibt wie du , ohne sich darum zu kümmern , daß der Empfänger andern Glaubens ist , so wird er in der kürzesten Zeit bekannt , obgleich er das nicht bemerkt . Schon einige Tage nach deiner Ankunst im Hotel Continental warst du von der Scharia el Faggala bis zum Medan Abdin und vom Kantaret el Bulak bis zum Derb el Gamamis nur der Almani , der allen Blinden gibt . Darum schaute ich stets zu dir hinüber , wenn du im Freien deinen Kaffee trankst , und als es hinter dem Bab el Ghoraib die jährliche Dschemija el Imjahn28 gab , da wurde von dir gesprochen und erzählt , und da wurde auch für dich zu Allah gebetet , laut und gern gebetet , obgleich Jeder wußte , daß du ein Christ seiest . Die Liebe macht ja alle Menschen gleich ! Da wollte mein Vater dich kennen lernen ; er wünschte , dich wenigstens einmal sprechen zu hören . Darum kam er zu mir und saß halbe Tage lang an meinem Stand , denn er dachte , du würdest einmal kommen und meinen Esel nehmen und dabei einige Worte reden . Aber du gingst stets vorüber , und da habe ich dich auch stets gegrüßt . « » Ja , höflich warst du immer , Sejjid Omar . Doch einmal bin ich nicht vorübergegangen . Du hast es nicht gesehen , denn du warst nicht da . « » Ja , aber der Blinde hat es mir erzählt ! « » Er saß in der Nähe deines Standes , am Gitterzaun der Ezbekije , ein alter , sauber gekleideter Mann mit grauem Bart. Ich gab ihm Etwas , und er wollte es nicht nehmen , weil er kein Bettler sei . Ich nahm es wieder zurück und so kamen wir ins Gespräch . « » Ja , gerade daß du es wiedergenommen hast , das hat ihn so gefreut . Es war ein großes Silberstück . Und noch größere Freude hat er über deine Worte gehabt : Ich gab es dir , da war es dein ; nun gibst du es mir , und ich danke dir , denn ich habe dich und du hast mich beschenkt ! Dann bist du nicht gegangen , sondern du hast dich neben ihn auf den hohen Gitterstein gesetzt und mit ihm gesprochen . Du hast von der Blindheit geredet , die noch schlimmer als die körperliche ist , und von dem Auge der Seele , welches grad bei den Blinden schärfer und heller blickt als bei den Sehenden . Du hast ihm von einem Himmel und von Sternen erzählt , von denen er bisher keine Ahnung hatte , denn sie wohnten in seinem Herzen , und er wußte es nicht . Und als du dann nach wohl einer Stunde ihm die Hand gedrückt und dich entfernt hast , hat er deinen Schritten gelauscht , bis sie verklungen waren , und ihm ist gewesen , als sei er sehend geworden , denn der Himmel und die Sterne , von denen du sprachst , sind in ihm aufgegangen , und er sieht noch heutigen Tages ihre Herrlichkeit , obgleich es außerhalb seiner Augen dunkel ist ! « Der gute Sejjid war ja ganz poetisch geworden . Er schien sich für diesen Blinden besonders zu interessieren . Darum machte ich die Bemerkung : » Ich habe ihn dann leider nicht mehr gesehen ; er saß nie wieder an dieser Stelle . « » Er kam nicht wieder , weil nun sein Herzenswunsch erfüllt war , dich einmal sprechen zu hören , oder - - dieser Blinde sagt immer , sprechen zu sehen . « » Ich denke , diesen Wunsch hat ein Anderer gehabt , nämlich dein Vater ; du sagtest es ja ! « » Ganz richtig ! Aber mein Vater war eben dieser Blinde ! Als er erfuhr , daß du einen Diener suchtest , befahl er mir , mich zu melden . Es bedurfte gar nicht eines Befehles , denn ich tat es selbst so gern ! Und wie glücklich war er , als ich ihm nach unserer Rückkehr von den Pyramiden sagte , daß unser Wunsch erfüllt sei ! Du glaubtest , ich bemerke es nicht , aber ich habe es wohl gesehen , wie du mich wegen des Reitens auf die Probe stelltest . Mein älterer Bruder , der nun gestorben ist , war Saïs29 beim Khedive ; ich durfte wochenlang draußen bei ihm sein und auf den schönen Pferden sitzen . Da habe ich das Reiten gelernt . Nun schreibe ich von überall , wohin ich mit dir komme , einen Brief an den Vater , welcher ihm vorgelesen wird . Da ist er froh , wenn ich ihm von dir erzähle und ihm sage , daß du mit mir zufrieden bist . O , Sihdi , wenn du ihm doch auch einmal eine Zeile senden wolltest ; welch eine Freude wäre das für ihn ! « » So trag das Geld jetzt noch nicht zur Post , sondern warte ! Ich werde gleich jetzt einen ganzen Brief , nicht bloß eine Zeile , an ihn schreiben . Die Adresse sagst du mir dann . « Da ergriff er , wie damals in Kairo , meine Hand und küßte sie , ehe ich es verhindern konnte . Wie leicht ist es doch , gut und freundlich zu sein ; wie schwer fällt das manchen Menschen , und wie noch mehr andere haben kein Geschick dazu ! Und wie belohnt sich so ein Bißchen Güte und Menschenliebe ! Ich hatte einem Blinden eine Gabe angeboten , die von ihm nicht einmal angenommen worden war . Und der Lohn ? Ein Diener , wie ich ihn mir treuer , aufopfernder und besser gar nicht wünschen konnte . Aber so reicher Lohn kommt nur dann , wenn man an keine Belohnung denkt ! - - - Der österreichische Dampfer kam ohne Verspätung ; er hatte wenig Fracht und wenig Passagiere und sich also nicht durch aufhaltende Hafenarbeiten verspäten können . Alle Welt fährt lieber mit dem Norddeutschen als mit dem Triester Lloyd . Mir war es sehr lieb , daß es so viel Platz gab , denn ich gehe gern ungestört spazieren , auch auf - - der See . Aber eine Anzahl Passagiere kam doch mit an Bord , nämlich Fang , der Chinese , die sechs Gentlemen , welche wir in Point de Galle zur Treppe herabgeworfen hatten , und auch mehrere von den Europäern , von denen in Colombo die Eingeborenen niedergeritten worden waren . Sie dampften der Gegend zu , welche mit Sehnsucht erwartete , von ihnen zivilisiert zu werden . Warum sie es vorgezogen hatten , nicht mit einem deutschen Schiffe zu fahren , konnte ich mir denken . Leider sah ich mich gezwungen , an derselben Tafel mit ihnen zu speisen . Wie es schien , hatten sie sofort , als sie mich als Mitpassagier erkannten , beschlossen , sich an uns zu rächen . Sie begannen nicht mit mir , sondern mit Omar . Dieser nämlich war , wie sich ganz von selbst versteht , nicht Passagier erster , sondern dritter Klasse , hielt sich aber zu meiner Bedienung viel auf dem Deck und in den Räumen der ersten Klasse auf . Hierüber hatten sie sich beim Kapitän beschwert und ihm sehr energisch zu verstehen gegeben , daß sie einen Passagier dritter Klasse nicht in der ersten dulden würden . Es war ihnen der Bescheid geworden , daß sie da gar nichts machen könnten . Es sei auf allen , auch auf den englischen Linien , so eingeführt , daß die reisenden Herrschaften des Tages über ihre Dienerschaft bei sich haben könnten , dafür aber für sie ein erhöhtes Passagegeld zahlen müßten . Das hätte ich auch getan , und also sei mein Araber in vollem Rechte , zu mir zu kommen , so oft es mir und ihm beliebe . Omar , der sich an die meist italienisch sprechende Schiffsbemannung angevettert hatte , um sprachlich so viel wie möglich zu profitieren , war von dieser Beschwerde unterrichtet worden und teilte mir es mit . » Diese Leute sind ganz unerfahrene Knaben , « sagte er , » die noch nicht einmal wissen , was auf einem Schiffe gebräuchlich ist . Sie halten sich für bessere Menschen als wir Araber sind ; früher hätte mich das geärgert ; aber jetzt bin ich Sejjid Omar und bedaure sie ! « Damit war die Sache für uns abgemacht . Mit Fang kam ich nicht zusammen . Er lag seekrank in seiner Kabine und ließ sich nicht sehen . Auch mochte die Scheu vor den Gentlemen das Ihrige dazu beitragen , daß er so beharrlich unten blieb . Diese Vermutung war nicht falsch ; ich erfuhr es in der letzten Nacht . Was mich betrifft , so ergingen sich diese Herren in unzähligen Sticheleien und legten mir alles Mögliche in den Weg ; ich achtete aber nicht darauf . Unser Dampfer brauchte fünf Tage , um von Colombo nach Penang zu kommen . Sonnabend waren wir abgefahren ; Donnerstag kamen wir an . In der letzten Nacht ging ich nicht schlafen , sondern blieb an Deck und schrieb . Der Kapitän hatte meinetwegen den Befehl gegeben , das Licht nicht auszudrehen . Er war ein großer Vogelfreund und hatte neben seiner Kajüte eine Anzahl heimischer Vögel in hübschen Käfigen untergebracht . So oft es seine Pflicht erlaubte , ließ er sich einen Tisch zu diesen Käfigen stellen , um unter seinen Lieblingen zu sitzen und sich mit ihnen zu beschäftigen . Auch ich liebe die geflügelte Welt . Er bemerkte das sehr schnell , und so kam es , daß er bald nicht mehr allein am Tische saß . Daher auch die Gefälligkeit , mich während der letzten Nacht mit Licht zum Schreiben zu versehen . Es war eine wunderschöne , südliche Meeresnacht . Man muß so Etwas erlebt haben . Beschreiben kann man es nicht . Und wenn man es könnte , so hätte es doch keinen Zweck , weil eine Beschreibung nie so wirken kann , wie das , was man beschreibt . Der südliche Himmel hat weniger sichtbare Sterne als der nördliche , aber sie scheinen größer und darum der Erde und mit ihr dem Menschen näher zu sein ; die See erstrahlt in hellerem astralischen Glanze , und die Rätsel der Nacht , die man daheim nicht lösen konnte , treten hier viel deutlicher mit der Bitte an den Menschen heran , gelöst zu werden . Aber all sein stolzes Wissen und all sein scharfes Denken ist diesen Geheimnissen gegenüber ein Nichts ; er kann nur ahnen und hoffen , und wenn der Engel des Glaubens zu ihm tritt und ihm zuflüstert , daß dieses Ahnen zur Wahrheit und dieses Hoffen sich erfüllen werde , so soll diese Stimme ihm ebenso heilig sein , als ob Gott selbst zu ihm gesprochen hätte . Es war schon nach Mitternacht , als ich ein Räuspern hinter mir hörte . Ich schaute mich um und sah Fang , welcher leise die nach den Kabinen führende Treppe heraufgekommen war . Er verbeugte sich und wartete dann , ob ich ihn anreden werde . Ich grüßte ihn in englischer Sprache . Er verbeugte sich noch einmal und antwortete : » Daß Sie diese Sprache wählen , ist für mich ein Fingerzeig . Stört es Sie , wenn ich hier oben bin und mir Bewegung mache ? « » Nein . « Er verneigte sich zum dritten Male und wendete sich ab , um leise auf dem Decke hin und her zu spazieren . Das tat er wohl eine Stunde lang , dann schien er wieder hinuntergehen zu wollen . Er mußte an mir vorüber und tat das mit so zögerndem Schritte , als ob er mir gern Etwas sagen möchte . Ich legte also die Feder weg und sah ihn fragend an . Da erkundigte er sich : » Sie arbeiten , und ich störe . Nicht wahr ? « Ich stand also auf und antwortete : » Ja , ich arbeite allerdings , aber eine Unterbrechung durch Sie würde mir eine Erholung anstatt eine Störung sein . « » Das ist höflich gesagt , aber dennoch wahr ; ich höre es Ihnen an . Wir erreichen früh den Hafen , und mein Herz gebietet mir , Ihnen vor der Trennung zu sagen , daß Sie mich abgehalten haben , in den Büchern , die ich daheim schreiben werde , ein doch vielleicht falsches Urteil über die Völker des Abendlandes und ihre internationalen Umgangsformen zu fällen . Was ich bisher erlebte , beobachtete und erfuhr , war keineswegs geeignet , mich für sie sympathisieren zu lassen ; Ihr Auftreten in Point de Galle aber hat mir gezeigt , daß es bei dem hier bei uns überfließenden , europäischen Schaume auch klare , reine Tropfen gibt , die auf Besseres schließen lassen , als ich dachte . « Diese Einleitung ließ ein längeres Gespräch vermuten . Darum führte ich ihn nach einer Bank , welche an der Deckbrüstung stand , nicht im grellen elektrischen Lichte , sondern im milden Scheine der Sterne . Indem wir uns da beide ohne alles Zeremoriell niedersetzten , erwiderte ich : » Die Geschichte Ihres Landes ist allerdings nicht imstande , Ihnen Liebe für uns zu predigen . Aber Sie dürfen überzeugt sein , daß nicht alle Abendländer Runners , Loafers und Rowdies sind , welche den Osten nur zu dem einzigen Zwecke aufsuchen , ihn für sich auszubeuten . Hier im Morgenlande wurde einst unsere christliche Liebe geboren . Es kommt gar manch ein Abendländer nach dem Osten , um ihren Stapfen nachzuforschen . Und wer das tut , der achtet vor allen Dingen jedes Menschenrecht und ist ehrlich und gewissenhaft selbst gegen seinen allerfernsten Bruder . Ich glaube , nicht zu lügen , wenn ich sage , daß ich zu diesen Letzteren gehöre . Ich liebe Ihre Nation . Ich liebe sie nicht weniger als jede andere Rasse . Auch mein Beruf ist , Bücher zu schreiben , ganz so , wie der Ihrige . Und ich versichere Ihnen , daß ich niemals imstande sein werde , ohne vorherige , genaue Prüfung mein eigenes Volk auf Kosten anderer Völker herauszustreichen ! « » Sie lieben meine Nation ! « wiederholte er meine Worte . » Ist es denn wirklich wahr , daß Jemand , der kein Chinese ist , dies gesprochen hat ? Jede , jede , aber auch jede Nation erfreut sich irgend einer Sympathie , nur die chinesische nicht ! Womit haben wir das verdient ? Was haben wir den andern Völkern zu leid getan ? Die Kaukasier schlachten heut einander ab und küssen sich morgen freundlich die gestern noch zürnenden Lippen . Haben jemals wir ihr Blut vergossen ? Haben wir sie jemals beleidigt , befeindet , übervorteilt und betrogen , wie sie es untereinander tun ? Nie ! Befehden wir ihren Glauben ? Verlachen wir ihre Voreltern ? Spotten wir über ihre Geschichte ? Nein ! Trachten wir nach den Schätzen ihrer Bergwerke , nach den Früchten ihrer Felder , nach den Erträgnissen ihrer Industrie ? Nein ! Brauchen wir überhaupt Etwas von ihnen ? Nein und wieder nein und dreimal nein ! Also frage ich : woher nehmen sie das Recht , wie Bazillen durch alle leiblichen und geistigen Poren in den Körper und in die Seele unserer Nation einzudringen und an dem sogenannten gelben Manne denselben Rassenmord zu verüben , an welchem der rote auch schon zugrunde gegangen ist ? « Er hatte ruhig , kalt , langsam und halblaut gesprochen , wie zu sich selbst . War es in seinem Innern auch so kalt und ruhig ? Da ich nicht antwortete , fuhr er fort : » Ich weiß , was Sie sagen werden : die Völker haben mit einander zu verkehren ! Das ist ein großes , wahres Wort . Aber der ärmste und niedrigste Mann besitzt bei Ihnen sein sogenanntes Hausrecht . Das Gesetz schützt ihn gegen Jeden , der ohne seine Erlaubnis bei ihm eindringen will . Dieses Recht hat jeder Mensch , jedes Dorf , jede Stadt , jedes Land , jeder Verein , jede Gemeinde , jedes Volk . Haben wir es etwa nicht auch ? Ja , wir haben es ! Und es ist eine geschichtliche Lüge , zu behaupten , daß wir dieses Recht mißbraucht hätten . Wir haben asiatische Völkerschaften bei uns aufgenommen , welche noch heut bei uns wohnen , obgleich sie anderen Glaubens sind . Wir haben auch mit den Christen den Versuch gemacht . Sie wurden willkommen geheißen und mit hohen Würden und Aemtern bekleidet . Wie aber dankten sie uns ? Heut hatten wir sie bei uns aufgenommen , und schon morgen griffen sie gierig in unsere Herzen , um sich nicht nur in unserm Lande und in unsern Städten sondern auch in unserm Himmel einzunisten . Sie , die wenigen Fremden , die sich daheim ihres Glaubens wegen selbst bitterlich hassen und bekämpfen ; sie die ihre gepriesene Zivilisation seit Anbeginn bis auf den heutigen Tag mit dem Blute ihrer eigenen Brüder düngten ; sie , deren angebetete Weltweisheit nicht weitergekommen ist , als nur zu der Behauptung , daß kein Gott die Welt regiere ; sie , deren so laut ausposaunte Humanität nichts als nur der verkappte Egoismus ist ; sie , deren staatliche Konstitutionen so vom Anarchismus , Nihilismus , Sozialdemokratismus und anderen Krankheiten , von denen wir uns frei gehalten haben , zerfressen sind , daß sie sich ihrer kaum erwehren können : sie kommen zu uns , die wir Hunderte von Millionen zählen und eine fünftausendjährige Geschichte und Kultur besitzen , und wollen uns zwingen , unsere Religion ihren haßerfüllten Konfessionen zu opfern ; sie legen mit ihren Kanonen unsere Türme , Mauern und Häuser in Trümmer , um uns ihre bessere Bildung und Gesittung beizubringen ; sie verlangen von uns , an Stelle unserer bewährten Philosophie die ihrige zu setzen , welche , ohne zum selbständigen Manne zu werden , noch gegenwärtig an den vertrockneten Brüsten heidnischer Ammen saugt ; sie muten uns die sträfliche Befangenheit zu , ihrer Versicherung zu glauben , daß sie es mit der Erfindung ihrer Interessensphären und offenen Tür nur auf unser Heil abgesehen haben ; sie tragen uns den Ungehorsam der Untertanen gegen ihre Vorgesetzten und die auflehnende Verachtung altehrwürdiger , heilig gewordener Gebräuche zu ; sie nennen uns Heiden , ohne zu bedenken , daß unser Recht , auch sie als solche zu bezeichnen , viel größer als das ihrige ist , denn ganz abgesehen davon , daß sie nicht nach Christi Liebe und Lehre gegen uns handeln , haben sie das unerforschliche , unbegreiflich allgütige Wesen , welches der Urgrund alles Daseins ist , durch irdische Gestaltung und menschliche Ausstattung aus der Unantastbarkeit seines Himmels gerissen und zum Götterbilde gemacht , während wir es so verehren und für so rein und über uns erhaben denken , daß wir nicht einmal unserer Sprache erlaubt haben , uns ein Wort zu geben , welches wir als seinen Namen nennen ! Aber gerade weil wir keinen Namen haben , ist dieses Wort als Geist bei uns , und wenn die irdische Form , in welche wir diesen Geist nicht zu fassen und zu zwingen wagen , einst auch für uns in Staub zerfällt , so haben wir einen Schritt zu ihm empor getan und nehmen die Ehrfurcht und die Liebe derer mit , welche uns nie vergessen dürfen , weil sie uns nachzufolgen haben . Und wenn die Christen dieses zum Himmel hebende Verlangen , die Vorangestiegenen nicht aus den Augen zu verlieren , weil uns mit ihnen auch der Weg zum Himmel verloren sein würde , als sündhaften , götzendienerischen Ahnenkultus bezeichnen , so beweist dies nur , daß sie in den Geist unserer Religion nicht eingedrungen sind und nicht eindringen konnten , weil sie den Geist der ihrigen noch nicht begriffen haben . Er kann sich nur der Liebe offenbaren , und diese , die besitzen sie noch nicht ! « Hier hielt er wieder inne . Erwartete er eine Antwort von mir , ein Eingehen auf diesen für mich so heiklen Gesprächsgegenstand ? Ich räusperte mich , unschlüssig , ob ich sprechen solle oder nicht . Da sagte er schnell : » Bitte , schweigen Sie ! Ich erwarte keine Antwort . Ich habe die Religion und die Kultur der Christen studiert . Ich weiß also , daß Sie sich jetzt in der höchst fatalen Lage befinden , als wahrer Christ die Scheinchristen verteidigen zu sollen und doch nicht zu können , weil es gerade der Wahrheit unmöglich ist , den Schein als Wahrheit hinzustellen . Werden wir uns klar ! Die Strömung , welche jetzt gegen die Küste Chinas brandet , ist eine doppelte , nämlich eine religiöse und eine politische , und beide werden uns von einem und demselben Winde zugeführt , dem Egoismus . Fallen Sie mir nicht mit Kulturaufgaben , zivilisatorischen Pflichten und Sendboten des Christentums in die Rede ! Das sind Fiktionen , mit denen ein Kenner der Verhältnisse nicht irre zu machen ist ! Wer von seiner Religion und von seiner Kulturform behauptet , daß sie die allein seligmachende und er also ein Auserwählter Gottes sei , der ist eben ein Egoist in der höchsten Potenz , und Religion und Politik sind für ihn nur die Mittel , seine Selbstzwecke zu erreichen . Als Christ will er den ganzen Himmel und als Kaukasier die ganze Erde nur für sich allein haben . Sprechen wir nicht von der Beglückung der Chinesen ! Das ist Dekorationsmalerei , die nur in die Ferne wirkt , in der Nähe aber die Pinselarbeit um so häßlicher zeigt ! Die chinesische Frage ist eine religiöse und eine Rassenfrage . Um von der religiösen zuerst zu sprechen , so ist sie für uns abgetan . Ich sagte bereits , daß die Christen , welche wir gestern bei uns willkommen hießen , schon heut die Torheit begingen , uns in Beziehung auf unsere Religion gute Lehren geben zu wollen . Sie waren so unwissend , daß sie gar nicht ahnten , was eine solche Beleidigung der Gastfreundschaft einem Volke gegenüber , dem die Höflichkeit der Umgangsformen über Alles geht , zu bedeuten hat . Und sie sind auch heut noch so unwissend , nicht zu erkennen , daß ihre Mission trotz jahrhundertelanger Arbeit bei uns so viel wie nichts gewirkt haben , weil der Chinese die Behauptung , das Christentum sei die einzig seligmachende Religion , als eine krasse Unhöflichkeit , als persönliche Beleidigung auffaßt . Ueber dreihundert Millionen Menschen sollen mit allen ihren Ahnen viertausend Jahre zurück nichts als Dummköpfe gewesen sein ! Und diese Beleidigung wird uns von Leuten in das Gesicht gesagt , welche ihren eigenen christlichen Brüdern wegen einer anderen Auslegung eines Bibelwortes im Leben die Kirchen- und dann selbst noch im Tode sogar die Gottesackertür verschließen ! Welch eine Ungeheuerlichkeit ! Haben sie es denn wirklich nicht gewußt , daß wir , das Volk der höchstentwickelten Umgangsform und Rücksichtnahme , die Mission zunächst und vor allen Dingen von diesem Standpunkte aus auffassen ? Ein unhöflicher Mensch wird bei uns nie etwas erreichen , und der Missionar begeht gegen uns und unsere Ahnen die allergrößte und unverzeihlichste Unhöflichkeit , die sich ein Chinese denken kann ! Und dabei weiß er nicht einmal , daß er nur oder meist aus diesem Grunde keine Erfolge hat ! Er will uns belehren und ist doch selbst nicht über unsere Art , zu denken und zu fühlen , belehrt ! Ja , es hat einige verständliche christliche Sendboten gegeben , welche uns studierten und kennen lernten und dann einsahen , daß der Chinese zwar Christ , wenn man seine Eigenart gelten läßt , aber niemals Europäer werden könne . Sie handelten darnach , wurden von unserm Kaiser hoch geehrt und konnten über die Früchte ihrer Arbeit glücklich heimberichten . Da aber verbot man ihnen diese Rücksichtnahme , und die Früchte blieben liegen und verfaulten . Meint man etwa , die bald hier und bald da emporlodernde Empörung gegen die Missionare richte sich gegen ihren Glauben ? O nein ! Selbst der ungebildetste Chinese hat wenigstens den einen Vorzug , in Beziehung auf die Religion tolerant zu sein . Diese Ausbrüche des angesammelten Zornes werden vielmehr durch die Art und Weise hervorgerufen , in der man diesen Glauben hoch über den unsern stellt und mit rücksichtslosen Sohlen unsere heiligsten Sitten und Gefühle niedertritt . Ich behauptete : und wenn zehntausend Missionare so lange lebten , daß sie zehntausend Jahre lang ihre Religion bei uns verkünden könnten , so würde doch keiner von ihnen mehr erreichen , als was der einzelne bisher erreicht hat , wenn sie nicht ihr jetziges Verhalten ändern und uns als Menschen gelten lassen , die ihre eigenartige Entwicklung und also auch ihre eigene Art , zu denken und zu fühlen haben . Ich gebe zu : es ist keineswegs ausgeschlossen , daß der Chinese ein Christ wird , aber er wird es nur dann , wenn er dabei Chinese bleiben kann ! « Er hob bei diesen Worten die Hand wie zum Schwur empor . Ich hörte ihm an , wie ernst ihm Alles , was er sagte , war . Zeit zu einem Einwurfe oder einer Bemerkung fand ich nicht ; er wartete nicht darauf , sondern sprach weiter : » Und nun die Rassenfrage , die ich eigentlich schon damit erledigt habe , daß ich sagte , der Chinese will Chinese bleiben . Ein gelehrter Christ , den man geistreich nennt , hat kürzlich China besucht und ein Buch über uns geschrieben . In diesem steht zu lesen : Ein Dichter oder Künstler soll auf dem Höhenpunkte seines Schaffens sterben . Tut er das nicht , so geht es mit ihm bergab , und der Schatten seiner späteren Jahre verdunkelt seine Werke . So steht es auch mit den Nationen , und der Chinese hat vergessen , zu sterben , als die geeignete Zeit dazu gekommen war ! Das mag für europäische Ohren geistreich klingen ; es ist aber das grundfalsche Urteil eines Mannes , welcher glaubt , uns in zwei Worten ebenso abtun zu können , wie er in zwei Monaten das Studium unsers Landes und Volks vollständig abgetan zu haben glaubt . Wenn sich der Dichter überanstrengt hat , so soll er nicht sterben , sondern tüchtig essen und dann so lange wie möglich schlafen , um neue Kraft zu gewinnen . Tut er das , so wird er nach seinem Erwachen im neuen Vollgefühle seiner selbst frisch weiterschaffen können . Der Chinese ist so klug gewesen , nicht zu sterben , sondern sich schlafen zu legen . Die Zeit , in welcher er erwacht , kann gestern gewesen sein , kann heut oder morgen kommen . Ich meine nun , für die weiße Rasse sei auch die Zeit nun da , sich von ihren zivilisatorischen Anstrengungen auszuruhen , denn es