besondere Farbe gegeben , indem es seine innere Verlogenheit so vergrößerte , daß er endlich selbst bei ganz unmittelbaren Äußerungen seines Gefühls nicht mehr wußte , ob es wahr sei . So kam es , daß er scheinbar unvereinbare Eigenschaften vereinigt , nämlich Bosheit und Empfindsamkeit . Etwa , als er einmal nach seiner Weise über sich selbst , seine Figur und seine Art bei diesen bürgerlichen Leuten Späße gemacht hatte und sich umblickte mit unruhigen Augen , um ganz die Wollust seiner Hanswurstdemütigung zu genießen , sah er die kleine Luise mit unmutigen Tränen kämpfen zwischen den lachenden und sich schüttelnden Menschen , denn einem edlen Herzen mag solche Niedertracht als eine bittere Kränkung seiner selbst erscheinen ; da trieb ihn die Bosheit , sich immer mehr preiszugeben , und weil er zufällig Schillers Schrift über die Schaubühne als sittliche Erziehungsanstalt bei ihr gesehen , so zog er auch Gedanken aus dieser Schrift mit in seine Gemeinheit ; hier ging das Mädchen aus dem Zimmer , mit krummem Rucken , und als er diese Bewegung eines unschuldigen und hochgesinnten Kindes sah , hörte plötzlich die Bosheit auf zu wirken , und über ein jammervolles Bedauern mit sich selbst hinweg gelangte er in eine empfindsame Stimmung , schlich dem weinenden Kinde nach , legte seinen Arm um sie , die sich zornig sträubte , und weinte mit ihr . Außer jenen Leuten , wo er Parasit war , hatte er zwei Arten von Freunden und Bekannten . Die erste Klasse waren seine Altersgenossen , gleich ihm Zerstörte oder Gescheiterte , Menschen mit Instinkten , die gegen sie selbst gerichtet waren , die große Worte machten und an ihnen zweifelten , ja sie selbst verlachten , wenn man sie nur fest ansah , Menschen mit unruhigen Augen und Vogelprofilen , ungleichem Gang und verwirrtem Sprechen , liederlich und schmutzig angezogen ; und die meinten , sie seien die Herren des geistigen Lebens , und über alle war in jenen Aufsatzsammlungen und Geschichtswerken geschrieben , und untereinander verachteten , haßten und verleumdeten sie sich . Die zweite Klasse bestand aus ganz jungen Leuten , nämlich treuherzigen Studenten , reichen Jünglingen und unruhigen Menschen von allerlei Begabung , die hochkommen wollten , das heißt zu einer Stellung , wie die erste Klasse sie hatte . Und diesen Männern entsprachen die Mädchen und Frauen des Kreises . Mit unordentlichem Haar und schlecht sitzenden Blusen waren sie zwischen den Männern und redeten mit denen ohne Scheu . Alle diese Menschen wähnten frei zu sein , aber sie waren nur losgekettet von den Banden , in denen die Gesellschaft die Schwachen hält , und hatten sich schnell härtere Fesseln selbst geschaffen durch ihre leichtfertige und unbehütete erste Jugend . Nach jenem Vorfall mit Luise geschah es , wie Krechting das nächste Mal zu ihren Eltern kam , daß sie verwirrt war und gab ihm die Hand nicht zur Begrüßung . Er rief : » Und Sie geben mir die Hand nicht ? « Sie sah ihn unwillig an und legte flüchtig ihre Hand in seine , die war ganz kalt vor Aufregung . Da wurde er verlegen und begann sehr schnell zu reden , vom Wetter und den vielen Leuten auf der Straße , und sie lachte und lief aus der Tür , daß die Mutter tadelnd hinter ihr her rief und sie entschuldigte . Als er allein mit ihr war , sprach er ganz anders , wie er sich vorgenommen . Er wußte , daß sie eine schwärmerische Vorstellung von ihm hatte als von einem reinen und edlen Dichter und daß er für sie ein Ideal war , wie sich junge Mädchen oft aus der Unschuld und Größe ihres Herzens ein Bild schaffen , das sie einem beliebigen Mann vorhängen , ihrem Lehrer oder einem jungen Offizier , einem Schauspieler oder ähnlichen . Mit spöttischem Hohn hatte er bei sich hierauf ein Gespräch aufgebaut ; aber wie sie nun jetzt schüchtern und demütig vor ihm saß , fühlte er unerwartet Mitleiden mit sich selbst , und um das zu unterdrücken , fing er gleich mit Reden an , die noch mehr gelogen waren wie seine beabsichtigten Lügen und zugleich so ungeschickt in Beziehung auf das Kindchen , daß dieses gar nichts zu antworten wußte und immer nur dasaß mit gesenktem Köpfchen , und er fühlte dann einen Zwang , immer weiterzureden , daß er immer läppischer wurde . Er sprach : » Sie müssen mich sehr verachten , daß ich so über mich selbst spotte und auch über Schiller , aber diese beiden Dichter verehre ich am höchsten , nämlich mich und Schiller , und welchen Sinn hätten Götterbilder , wenn man sie nicht von ihren Sockeln stürzte ? Und haben Sie nicht schon bemerkt , daß man ein eigenes Machtgefühl bekommt , wenn man sich selbst der Verachtung preisgegeben hat und sieht die Gesichter der Höflichen ringsum , die ihren Ausdruck zu Liebenswürdigkeit zwingen ? Daß das Gefühl mehr wert ist wie sein Gegenstand , wissen Sie am besten « - hier spürte er herzklopfend seine Schamlosigkeit wie die eines dritten - » nämlich aus der Liebe . Und ich will nicht Macht , ich will nicht Liebe , ich will nur den flüchtigen Rausch einer Sekunde genießen , denn dieser enthält alles Wertvolle aus ihnen ; jeder Besitz ist Enttäuschung , deshalb lebe ich als Chambregarnist nicht nur mit meinem physischen Menschen ... « Luise war aufgestanden , schwer wurde ihr das Sprechen . » Sie sind so unglücklich « , sagte sie schamhaft ; er spürte plötzlich ihre Lippen auf seiner Stirn wie einen kühlen Hauch ; dann war sie unversehens aus dem Zimmer . Da kam Scham über ihn , und er wußte nicht , daß er sich nach ihr sehnte ; so zerstört war er , daß er das nicht wußte . Hans wurde um eben jene Zeit mit der Familie befreundet , als sich diese Dinge abspielten . So erlebte er auch den weiteren Verlauf . Zu Krechtings größerem Kreise gehörte ein junger Dichter , den wir hier Peter nennen wollen ; den hatte er schon vor langem mit der Familie bekannt gemacht , und war der merkwürdigerweise der einzige von den jungen Genies der Frau , zu welchem der Mann in eine Art von Beziehung geriet , indem er nämlich gelegentlich kleine Scherze über ihn machte , die der harmlos erwiderte , denn in so verschiedenen Welten lebten die beiden , daß sie sich gar nicht kränken konnten . Peter war gleichfalls vor etwa zehn Jahren nach Berlin gekommen , in einer freilich unbekannten Absicht , und hatte eine Anzahl seltsam ungeschickter und kindischer Gedichte mitgebracht , die recht töricht schienen , wenn man sie für sich las , obschon zwar aus dem wirren und gleichgültigen Zeug zuweilen einmal ein Wort , besonders ein Beiwort oder ein Satz auffiel , der dem Leser ans Herz rühren mochte . Las er aber selbst vor , so bekamen diese schülerhaften Reime ein ganz neues Leben , denn seine guten und sanften Augen leuchteten , und sein Gesicht hatte einen Schein von innen heraus , und die abgenutzten Worte und Wendungen erhielten ein frühlingsmäßiges und feines Gefühl . Dann sagte jeder lächelnd : » Er ist ein großes Kind « , aber alle wurden sonderbar froh , glücklich und gut , als wenn seine bescheidene Seele mächtig geworden wäre über sie , und lächelten auch über ihn und dachten : Er ist doch ein Dichter ; und das war mit einer Freude empfunden , wie gegenüber einem kleinen Kinde geschieht . Auch dieser Jüngling hatte in jenen früheren Zeiten sein Bändchen herausgegeben ; nur kein Kritiker beachtete es , weder in feindlicher noch in freundlicher Gesinnung , und so schrieb niemand etwas über seine Gedichte ; aber alle jene scharfsinnigen und klugen Schriftsteller liebten ihn und sagten : » Er ist doch ein Dichter « , oder sie sagten : » Er ist ein großes Kind . « Und so lebte auch er zehn Jahre lang in einer Weise , die sich keiner erklären konnte , denn niemand nahm und druckte seine Arbeiten , und er borgte von niemand , außer etwa einmal eine rührende Kleinigkeit , zehn oder zwanzig Pfennige . Es fand sich aber , daß er Unterkunft hatte bei ganz armen Leuten , bei denen er als Student gewohnt ; die gönnten ihm ein Plätzchen umsonst , am Tage auf einem Stuhl in der Werkstatt , denn der Mann war Schuhmacher , und des Nachts in der Küche in einer alten eisernen Bettstatt , die am Tage zusamengeklappt wurde ; sein weniges Essen aber fand er bei Freunden , wenn er die zur Abendbrotzeit besuchte , oder die Schuhmachersleute gaben ihm auch wohl von ihrer Suppe ab . Weil der nun in seiner Armut unterstützt werden sollte und ihm doch niemand ein Almosen bieten mochte , so war er von der Frau angenommen , der Tochter und einigen ihrer Freundinnen Unterricht in der Literatur zu erteilen , wodurch er dreißig Mark im Monat verdiente ; und weil er seit langen Jahren nicht so viel Geld gehabt hatte , so schöpfte er jetzt neue Zuversicht und hatte neue Kraft zu schaffen , sagte auch , wie wohl es einem Dichter tue , wenn er eine feste Einnahme habe , die ihn vor der Not schütze und ihm auch erlaube , sich zuweilen ein gutes Buch zu kaufen . Bei seinen Schülerinnen hätte er wohl einen recht schweren Stand gehabt , denn die hatten bald gemerkt , daß er vieles Sonderbare glaubte , was man ihm aufbinden mochte , und daß sein Urteil und Wissen in der Literaturgeschichte recht wunderlich schien ; aber er merkte es gar nicht , wenn sie über ihn lachten , sondern lachte fröhlich mit , sagte auch wohl , wie gut es tue , so zwischen Jugend zu leben und ihre glückselige Heiterkeit in sein Herz aufzunehmen . Und bald entwickelte sich etwas Merkwürdiges , daß seine Schülerinnen ganz mütterliche Gefühle für ihn zu bekommen schienen , und er folgte ihnen treulich , wenn sie ihm dieses oder jenes richteten oder anbefahlen für seine Kleidung oder seine Lebensweise , und wurden die Mädchen dabei dann ganz ernsthaft und umsichtig , und zuletzt kamen sie auf den Gedanken , weil er doch ein so guter Mensch sei , wenn auch nicht ganz klug , so müsse er heiraten , weil ein solcher wie er bei den gegenwärtigen Zeiten , wo die Männer meistens selbstsüchtig und ungebildet seien , eine Frau sehr glücklich machen werde durch die Bildung seines Herzens , und er selbst müsse auch jemand haben , der für ihn sorge , aber sehr reich müsse die Frau sein , da er ja niemals viel verdienen werde . Dabei stellte sich denn heraus , daß ihn alle diese zwitschernden und lachenden Mädchen so herzlich lieb hatten , daß ihn jede genommen hätte , wenn nur die Eltern einverstanden gewesen wären : denn um seine eigene Einwilligung machten sie sich keine Sorgen . Am nachdenksamsten aber wurde durch ihn Luise und faßte eine besondere Neigung zu ihm , und geschah das so , daß Peter einmal mit ihr allein war , und da sie zu ihm Vertrauen hatte , so erzählte sie ihm , daß in ihrer Familie etwas vorgefallen sei , wie ja öfter geschah durch den Gegensatz der beiden Eltern , und daß man ihr nichts davon mitteilte . Auf diese Klage antwortete er , daß den Eltern doch viel Trost im Leben fehle , wenn sie die Kinder an ihrem Kummer nicht teilnehmen lassen , und den guten Kindern machen sie auch das Herz schwer , denn sie spüren doch von dem Unheil , aber müssen dann ihre Lust am Helfen und Trösten in ihrer Brust verschließen ; das nahm sie ihm nun zwar übel , daß er sie für ein Kind hielt ; aber wie er dann fortfuhr , daß den Erwachsenen die Kinder gegeben seien , damit sie besser und heiterer würden , und wie sie ihn fragte , ob er selbst durch sie besser geworden sei , lachte er freundlich und sprach : » Ja , ich habe Sie doch lieb « ; da fiel sie ihm um den Hals und küßte ihn , und dann lief sie schnell weg . Nach Wochen aber sagte sie ihm , daß sie ihn geküßt habe , sei geschehen , weil er doch ein erwachsener Mann sei und sie noch ganz jung , und er sei doch ihr Lehrer . Peter teilte ihr auch mancherlei Pläne und Wünsche mit , so vor allem seinen Gedanken , eine Zeitschrift zu begründen , die nur der reinen Kunst und dem Schönen dienen solle und nicht abhängig sei von Rücksichten auf Gewinn und Verdienst , und meinte , da er selbst jetzt doch für sich eine passende Einnahme habe , die für seine Bedürfnisse genüge , so könne er die Leitung dieser Zeitschrift ohne Belohnung übernehmen , und solche Dichter , die wohlhabend seien , würden ihre Werke umsonst zum Abdruck geben , und die ärmeren Dichter müßten sehr viel bezahlt bekommen . Dann müßte sich ein Reicher finden ( oder es gebe vielleicht auch mehrere reiche Leute , die der Kunst helfen wollten , man kenne sie nur nicht , und sie wüßten nicht wie , weil sie vielleicht in entlegenen Schlössern wohnten , und es sei auch noch nicht eine solche Zeitschrift da ) , der sehr viel Geld schenke ; das müsse man dann natürlich recht sorgsam verwalten , damit auch das gewollte Ziel erreicht werde und es nicht Unwürdigen zugute komme . Wenn dann die Zeitschrift recht viele Leser habe , dann könne man das Volk zur wahren Kunst erziehen , daß es sich nicht mit den schlechten und dummen Büchern abspeisen lasse , die ihm heute gegeben würden , sondern gute Kost wolle , und dadurch würden auch wieder in Rückbeziehung die Dichter gehoben , denn die würden mehr Freude an ihrem Schaffen haben , und manche gebe es , von denen er für seinen Teil glaube , wennschon er keinen Namen nennen wolle , die gewiß Schöneres und Edleres schaffen würden , wie sie jetzt täten , wenn sie sähen , daß es seine Leser fände . Durch solche gegenseitige Vertraulichkeit kamen sich die beiden immer näher , und wie nun in den Kindern der Plan entstanden war , daß sie Peter verheiraten wollten , so kam sie zu dem Entschluß , sie selbst wolle ihn zum Manne nehmen , wenn sie zu ihrem Alter gekommen wäre , welche Gedanken sie aber noch verschwieg aus Scham und Bedenken . Es hatten aber die Eltern der jungen Mädchen am Ende gespürt , daß in den Literaturstunden mancher Unfug getrieben wurde , und daß die Kinder seltsame Ansichten und schlechte Kenntnisse erwarben . Hierdurch kam zuletzt Zwistigkeit und Ärger mit dem Lehrer , und so wurden am Ende die Stunden aufgekündigt , und Luise erhielt von ihrer Mutter noch außerdem viele Vorwürfe über ihre besondere Vertraulichkeit mit dem Dichter , und wurde häßlich über ihn gesprochen . Gegen solche Reden wehrte sie sich zuerst und verteidigte ihn , aber endlich , wie sie spürte , daß sie durch ihre Widerworte das Übel nur ärger machte , schwieg sie und ersann einen Plan . So erwartete sie ihn auf der Straße , sprach ihn an und sagte ihm , daß er wohl gemerkt haben werde , welche Wünsche sie habe , nämlich später einmal seine Frau zu werden ; aber jetzt sei ihr das Leben bei den Ihren so unerträglich geworden , daß sie nicht mehr so lange zu Hause bleiben wolle , bis sie sich ihnen , weil sie dann ganz erwachsen sei , offenbaren könne , sondern sie wolle mit ihm von Hause fliehen . Sie würden aber sicher schon einen Ort finden , wo gute Menschen sie aufnähmen , und sie seien doch beide auch nicht hochmütig , sondern würden gern jede Arbeit übernehmen , um sich ihr Brot zu verdienen . Peter erwiderte ihr , daß das zwar sehr schwer sei , was sie vorhabe , aber wenn sie nicht mehr bei ihren Eltern bleiben könne , welches er glaube , wenn er ihrer beider Art betrachte , so wolle er ihr helfen und mit ihr entweichen , und denke er aber , sie zu seiner alten Mutter zu bringen , die weit weg in Westfalen lebe in einer kleinen Stadt und zwar recht arm sei , aber sie habe ihn sehr lieb und mache ihm nie Vorwürfe , daß er in den Augen der Welt kein großes Wesen geworden sei , wenn er ihr freilich auch immer erzählt habe , daß er viel Geld verdiene , welches man als Schriftsteller ja könne , indem mancher für einen kurzen Artikel , den er in einer Stunde schreibe , hundert Mark oder noch mehr bekomme . Dieser Mutter solle sie dann behilflich sein , weil sie nämlich außerdem , daß sie für Leute wasche , einen kleinen Laden halte mit Schreibwaren für die Schulkinder , und so könne sie ohne Sorge und in Liebe leben . Wie das Mädchen einverstanden war , machten sie sich gleich auf den Weg nach dem Bahnhof und kauften Fahrscheine , und da sie nicht genug Geld hatten , konnten sie freilich nicht bis zum Ende fahren , aber Peter tröstete sie und sprach , daß sie nur eine ganz kurze Strecke gehen müßten , acht oder zehn Stunden , durch einen schönen Wald . Und so fuhren sie nun , und am Ende stiegen sie aus , machten sich auf die Füße und gingen ; und wie sie zu dem Walde kamen und hochwipflige Bäume sie empfingen , da faßten sie sich freundlich an die Hand und schritten weiter fröhlichen Mutes wie zwei Kinder . Laub raschelte unter ihren Füßen , und hoch über ihren Köpfen bogen die Zweige sich wölbend zur Höhe , und durch grünes Laub leuchtete Sonnenschein , und Tropfen des Lichtes fielen auf den Boden voll goldbraunen Laubes . Und allerhand geheimnisvolle Märchenlaute waren da hinter den Bäumen , ein Klopfen und Zirpen , und ein leises Huschen , und ein Knistern ; eine blitzende Fliege summte in einem schrägen Sonnenstrahl , und ein ganz großer Käfer flog mit tiefem Gebrumm rund um einen Baumstamm . Der Dichter erzählte von den Waldvögelchen , von den kleinen Meisen , die so klug schauen , und von den Finken , vom Zeisig und Hänfling und von den wunderlichen Spechten , und das kleine Mädchen schmiegte sich an ihn , ängstlich und voll Liebe , und das Herz tat sich ihr auf , denn sie hatte bis dahin den Wald noch nicht gekannt , weil ihre Eltern immer mit der Eisenbahn an vornehme Orte gefahren waren , bei denen es Bäume auf Rasenplätzen gab und sorgfältig geharkte Wege . Viele Stunden gingen die beiden , und sie wurde recht müde , denn sie war solcher Wege nicht gewohnt , er aber schritt immer freudig und zuversichtlich weiter , und deshalb mochte sie ihm nichts klagen , denn von selbst merkte er nicht ihre Ermüdung ; und so kamen sie am Ende vor das kleine Städtchen , wo Peters Heimat war , und gingen durch das alte Tor die große Straße hinunter , wo neugierige Gesichter hinter blitzenden Fensterscheiben ihnen nachsahen , und in Nebengäßchen , und in einem ganz versteckten Winkel da stand ein uraltes Häuschen , ganz schmal und niedrig , unter einem blühenden Lindenbaum , und war die obere Hälfte der Haustür geöffnet , und man konnte durch den dämmerigen Hausflur in ein Gärtchen sehen , wo rote Rosen an hohen Stöcken blühten . Da traten sie ein , und da kam Peters alte Mutter aus ihrem Stübchen , und trug ihre alten mageren Arme nackt , und legte die Hand über die Augen , um die Fremden zu betrachten , da umarmte sie schon ihr Sohn und küßte sie , und in ihrem ehrlichen Gesicht ging die Freude auf . Wie sie nun alle drei in dem heimlichen und sauberen Stübchen saßen , auf dem schwarzledernen Kanapee unter den bunten Öldruckbildern , und Peter erzählte seine Geschichte und Vorhaben , da schlug die alte Frau wohl immer nur die Hände zusammen vor Verwunderung und wiegte den Kopf und sah liebevoll das zarte Mädchen an ; aber nicht einmal kam ihrem braven Herzen der Gedanke , daß ihr großer Junge doch noch ein rechtes Kind sei , denn sie hatte eine besondere Hochachtung vor ihm . Deshalb war sie mit allem einverstanden , und jetzt lief sie nun eilfertig hinaus in die Küche , einen kräftigen Kaffee zu bereiten auf die Anstrengungen der Reise . Aber als die beiden jungen Leute allein waren , begann Luise plötzlich heftig zu weinen , und wie er sie trösten wollte und streichelte ihr die schwarzen Haare , da machte sie eine unwillige Bewegung mit der Schulter , daß er ganz ratlos dastand . Bald blickte sie wieder auf und sah in sein Gesicht , und da mußte sie plötzlich hell auflachen , aber das Weinen war noch nicht ganz vorüber , und das Böckchen stieß sie mitten im Lachen , und ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen . Indem kam die gute alte Mutter wieder in die Stube und trug auf einem Präsentierbrett den Kaffee in einer sehr großen Kanne , und zwei Tassen , denn sie selbst wollte nicht mittrinken , weil sie sich für zu gering hielt , und eine rotlackierte Zuckerdose aus Blech stand bei der Kanne ; und wie sie die Weinende erblickte , fing auch sie an zu trösten und empfahl den Kaffee , indem sie eine lange Geschichte begann , wie er eine wunderbare Heilung einer Lahmen bewirkt hatte ; da lugten durch die Türspalte die beiden Mieterinnen , die sie in ihrem Häuschen hatte , das waren zwei uralte Weiberchen , sauber und ordentlich und über die Maßen neugierig . Wie die Mutter die beiden bemerkte , nötigte sie , daß sie hereinkommen mußten ; die entschuldigten sich vielmals und standen hintereinander , dann aber kamen sie in die Stube , indem sie sich die blanken Hände an den reinlichen blauen Schürzen abwischten und neugierig das Pärchen betrachteten . Aber bald wurden sie recht vertraut , prüften mit den Händen den Stoff von Luisens Kleid und fragten nach dem Preis , tranken vergnügt von dem schwachen Kaffee aus der großen Kanne , nachdem sie zuerst vielmals abgelehnt , erzählten von ihren Krankheiten und fragten , ob Luise auch die Kaiserin recht oft sehe . Peter war fröhlich und unbefangen zwischen den drei gutherzigen alten Frauen , lachte viel und erzählte so , daß die drei nicht aus dem Verwundern kamen ; Luise aber hatte inzwischen einen Entschluß gefaßt , zog Peter auf die Seite und bat ihn , daß er ein Telegramm an ihre Eltern schicke , das denen ihren Ort anzeige , welches der sehr richtig fand , und tat sofort , was sie begehrte . So geschah es denn , daß am nächsten Tage die Eltern des Kindes kamen , in großer Aufregung und Sorge ; aber wie sie den frohmütigen und harmlosen Dichter , die geschäftige und saubere alte Mutter und die braven andern Weiberchen um ihre Tochter versammelt fanden , die lachend ihrem Vater an den Hals flog , da vermochten sie nicht die empörten Reden an Peter zu führen , die sie sich vorgenommen , sondern die Mutter machte nur ein gekränktes und kaltes Gesicht , und der Vater brummte etwas , das nicht deutlich wurde durch die Liebkosungen der lachenden Tochter , und zuletzt , weil sie ganz ratlos waren , was das Ganze bedeutet habe , nahmen sie das Mädchen mit sich in ihr Gasthaus und luden den Dichter zum Mittagessen ein , das er ohne Schuldbewußtsein auch freundlich annahm . Nach diesem Anfang fanden die Eltern bald , wie sie das ganze Begebnis als einen Kinderstreich auffassen konnten , was die ihrem Wesen angemessene Art einer Erklärung war , und so überwanden sie leicht ihren Groll , und am Ende lachten sie mit ihrer Tochter zusammen , indem die Fröhlichkeit des unbefangenen Kindergemütes auf sie überstrahlte . Wie sie alle in dem Gasthause versammelt waren , sprach Luise , daß sie gedacht habe , sie wolle später , wenn sie in ihre Jahre gekommen wäre , den Dichter heiraten ; aber nun sei ihr doch klar geworden , daß sie ihn zwar immer noch so lieb habe wie früher , und vielleicht noch lieber , aber seine Frau könne sie nicht werden . Das wolle sie ihm gesagt haben , und weil sie sich noch nicht geküßt hätten bis jetzt , so wolle sie ihm nun , zum Abschied von ihrem gemeinsamen Plane , einen Kuß geben ; als sie das gesprochen hatte , faßte sie sein Ohrläppchen , beugte seinen Kopf zu sich nieder und küßte ihn auf die Lippen ; dann lächelte sie , indes ihr eine Träne in die Augen trat ; und auch der Dichter lächelte . So endete der beiden Liebesverhältnis . Indem Hans immer weiter in die Gedanken hineinkam , die in dem Kreise der Menschen um ihn herrschten , gelangte er bald zu dem Entschluß , daß er sein Studium ändern müsse . Aber Scheu vor den Eltern und Furcht vor dem Ungewissen hielten ihn eine Zeit in einem peinigenden Zustande , bis er sich am Anfang des zweiten Semesters zu einer schnellen Tat entschloß ; denn durch Zufall war die Tür der Amtsstube in der Universität einmal offen , wie er gerade vorbeiging : da trat er ein und erklärte , daß er sich in eine andere Fakultät umschreiben lassen wolle , und wie ihn der Beamte fragte , was er denn zu studieren gedenke , da sagte er ohne Besinnen und ohne daß er vorher eine Absicht gehabt hatte , er wolle Historiker werden . Dann belegte er seine neuen Vorlesungen , faßte sich auch ein Herz und besuchte einen der Lehrer ; der empfing ihn freundlich und hatte bald Hansens Meinungen erkundet , denn er hatte selbst in jungen Jahren freiheitlich gesinnte Ansichten gehabt , und wie damals gerade die Revolutionszeiten gewesen waren , hatte er als junger Gymnasiallehrer seinen Schülern lateinische Aufsätze aufgegeben über die Vorzüge der Republik vor der Monarchie und darüber , daß die Verbrennung der Leichen richtiger sei wie das Begraben . Wegen solcher Betätigung seiner Gesinnungen hatte die Behörde ihn damals abgesetzt , aber später wurde er an die Universität berufen . Dieser alte Mann bekam eine Freude an Hans , und der gewann so einige geringe Aussichten für seine Zukunft . Inzwischen war sein Jugendgenosse Karl gleichfalls nach Berlin gekommen und zeigte sich als von gleichen Ansichten . So beschlossen die beiden , eine nähere Bekanntschaft mit wirklichen Arbeitern zu machen , und da sie keinen andern Weg wußten , so dachten sie eine Volksversammlung zu besuchen , und gerieten in die Versammlung eines großen Fachvereins , in der ein Vortrag über die materialistische Geschichtsauffassung gehalten wurde ; denn damals , wo das Sozialistengesetz noch bestand , hatten diese Fachvereine in Wahrheit eine Art politischer Bedeutung , die zwar nicht ausgedrückt war , aber sich doch mit Notwendigkeit von selbst aus den Umständen ergab . Mit einer großen Furcht wie vor etwas Außerordentlichem hielten sich die beiden bescheiden im Hintergrund , wo neben ihnen am Tisch einige Arbeiter saßen , ein alter Mann und zwei junge Leute , die sie zuerst mißtrauisch betrachteten , und endlich sagte der eine junge Mann gerade heraus , sie seien doch keine Schuhmacher , es war nämlich der Fachverein eine Verbindung der Schuhmacher , und sie sollten ihm ihre Absichten sagen . Darauf erwiderte Hans , daß sie Studenten wären und gern die Verhältnisse der Arbeiter kennen lernen wollten . Hierüber wurden die Gesichter der andern freundlich und bewillkommten die beiden und zogen sich noch weitere Arbeiter an ihren Tisch , die alle fröhlich und liebenswürdig waren . Dabei stellte sich heraus , daß sie Hans und Karl für zwei Spitzel gehalten , weil man an ihren Daumen gesehen , daß sie keine Schuhe machten , und Hans trug Stiefel , die zu Hause von einem schlichten Schuster genau in der Form gearbeitet waren wie die Kommißstiefel , an denen die Geheimpolizisten erkannt wurden . Hans war recht erstaunt über die braven und ordentlichen Gesichter der Leute und über ihre sonntägliche Kleidung und fröhliche und ruhige Art. Einen gewissen Ernst hatten sie wohl alle , aber der war mehr ehrbarer und bürgerlicher Art , und sie zeigten nichts Düsteres oder Trauriges , sondern schienen , als wenn sie alle zufriedener und glücklicher Hoffnung lebten . Die meisten der Anwesenden waren jung , und man sagte Hansen , daß die Älteren , weil sie verheiratet seien , gewöhnlich das Geld nicht aufwenden könnten , welches das Gehen in die Versammlung koste , weil man doch sein Glas Bier trinke , oder auch zwei , und seine Zigarre rauche . Ganz vorn , auf einer Erhöhung , saßen an einem langen Tisch die Vorstandsmitglieder und an einem Tischchen daneben ein Polizeioffizier mit einem Schutzmann . Nach einiger Zeit eröffnete der Vorsitzende die Versammlung , und es wurden einige Angelegenheiten des Vereins erledigt in merkwürdig förmlicher und formelhafter Weise , indem der Vorsitzende häufig erklärte , so oder so sei die parlamentarische Sitte : denn das schien als besondere Hauptsache betrachtet zu werden , daß alles bis ins kleinste parlamentarisch zuging . Bei einem Punkte fragte Hansen sein Nachbar leise , indem er annahm , ein Student wisse diese wichtigen Dinge , ob das so richtig sei . Man verspürte bei allen , daß sie einen freudigen Wunsch nach Form und Regel hatten und nach Kräften eine Ordnung suchten , um sich ihr zu unterwerfen . Dann stand der Vortragende auf , der über die materialistische Geschichtsauffassung reden wollte . Der war ein älterer Arbeiter , in dessen Gesicht