. « » Ach , Fritz , dann kommst du doch etwas zu spät . « Er beugte sich noch etwas weiter vor : » Wirklich zu spät ? Schau nicht immer zum Onkel hinüber , schau mich an , Ellen , wir sind doch beide so jung , und ich habe auch noch nie geliebt . - Warum hast du dich denn verlobt , willst du wirklich heiraten ? Du hast mir doch erzählt , daß er zehn Jahre älter ist als du . Dann kann er dich doch gar nicht verstehen - du wirst nur unglücklich sein mit ihm , und was dann ? « - Er sprach fort und fort mit dem vergeblichen Bemühen , auch nur ein ernsthaftes Wort aus ihr herauszulocken . Ellen ließ ihm ihre Hand , die er dann und wann an seine Lippen zog . Dann wurde es spät , und man mußte heimgehen . Die beiden versprachen dem Fritz , morgen vormittag auf sein Atelier zu kommen , er wollte ihnen etwas zeigen , was er gemalt hatte . Ellen erschien denn auch frühmorgens bei Zarek , um ihn abzuholen , aber er lag noch im Bett und wollte nicht mit . » Mußt du allein gehen , Kleines . « » Aber wenn er nun wieder von vorne anfängt , um Gottes willen . « » Ach , ist nicht so heiliger Ernst - hab ' ich ihm gesagt , du liebst ihn schon , und wartet er auf dich . « Der Fritz wohnte weit draußen beim Kirchhof . Als Ellen kam , fand sie ihn mitten in einem fast leeren Zimmer vor der Staffelei , die Palette in der Hand , in jedem Knopfloch seiner Maljacke und über jedem Ohr steckten Pinsel , und einen hatte er quer im Mund . Auf dem Fensterbrett stand eine Schnapsflasche und zwei Gläser . » Ja , da kommst du ja wirklich , Ellen - aber warum kommst du nicht lustig hereingesprungen , - warum lachst du nicht - gibst mir keinen Kuß zum guten Morgen ? « Dabei machte er ein frivoles Gesicht und befreite sich von seinen Pinseln . Ellen wußte selber nicht , weshalb sie jetzt nicht wieder lachen konnte und statt dessen ein plötzlicher Zorn in ihr aufstieg . Sie ging ans Fenster und sah hinaus : da lag der Kirchhof mit seinen weißen Grabsteinen und kahlen Bäumen . Regen und Wind fegten darüber hin , alles sah so trostlos melancholisch und verlassen aus . Als der Fritz , immer noch mit einem leichtsinnigen Lächeln , auf sie zutrat , sah er , daß sie weinte . » Aber Ellen , was hast du ? « Sie wußte es selbst nicht , sie fühlte sich nur todunglücklich . Man sollte nicht so mit ihr umgehen - ja , sie wäre schon leichtsinnig - aber was fiele dem dummen Onkel ein , solche Geschichten zu machen . Konnte sie sich nicht verlieben , in wen sie wollte ? Aber deshalb brauchten sie sich nicht einzubilden , daß sie nun jedem von ihnen gleich in die Arme sänke . Ratlos stand der Fritz neben ihr und wollte sie trösten , aber ihr fielen immer mehr traurige Sachen ein , alle glaubten , daß man mit ihr nur lachen und Tollheiten treiben könnte , aber sie brauchte auch Menschen , die gut gegen sie wären ; wußten sie denn überhaupt , was alles für Kämpfe und Schmerzen hinter ihr lagen ? Der Fritz ging ganz in Mitgefühl auf ; daß Ellen auch traurig und empfindsam sein konnte , war so überraschend für ihn , daß er alles andre vergaß . Er streichelte ihre Haare und legte den Arm um sie wie ein guter Bruder , schließlich weinten sie beide zusammen helle Tränen über alles , was es im Leben Schweres und Trauriges gab , - bis zum späten Nachmittag blieben sie droben . Dann gingen sie in die Stadt zum Essen - und bei Zarek zerbrach man sich den Kopf darüber , warum die beiden sich den ganzen Tag nicht sehen ließen . Aber von nun an hatte Ellen am Fritz einen treuen Freund gefunden , auf den sie sich verlassen konnte , und der nie mehr von Liebe sprach . » Das taugt alles nichts « , sagte Walkoff - Ellen war bei ihm im Atelier und hatte einen Haufen Zeichnungen mitgebracht - , » du zeichnest wie verrückt drauf los , aber es liegt nichts darin - gar nichts . Deine Arbeiten sind ganz wie du selbst : du taumelst herum , fällst auseinander - ein Stück hierhin , eins dorthin . « Sie sah ihn an . Ja , wenn sie reden könnte , warum sie so war , so geworden - alles , was sie drückte - aber davon wollte er nichts wissen - drängte alles in sie zurück . » Hart sein , Ellen , nicht dies ewige Sichhingebenwollen . Nur in der Kunst , da gib dich ganz hin , aber im Leben halt dich zusammen . Ich will dein Freund sein , aber gerade deshalb mag ich dich nicht schwach sehen . Wenn ich dir helfen soll , darfst du kein Mitleid von mir wollen . - Leg einmal deine Hand dort hin . « Er rückte die Lampe zurecht und fing an zu zeichnen : » Das soll nicht etwa nur wie eine Hand aussehen - das ist kein Kunststück und jeder kann es lernen , einfach etwas nachzumachen - aber fühlen muß man , wie es darin lebt und zuckt . Sieh mal , wie es da weich in den Schatten hinübergeht - das herausbringen , die Bewegung , das Leben . Wozu malst du überhaupt , wenn du nichts dabei fühlst ? Eine Zeichnung kann noch so schlecht sein , wenn nur eine Linie darin Empfindung hat . Und arbeiten , Ellen , arbeiten ! Den ganzen Tag davor hinsitzen ist noch kein Arbeiten . Lieber gar nichts tun , wenn du nicht fühlst , daß alles in dir zittert . Immer muß man daran denken und sich darauf einstimmen wie zu einer Andacht . « Erst tief in der Nacht kam Ellen nach Hause und wie in einer großen inneren Erschütterung . Auf den Knien hätte sie dem Himmel danken mögen , daß sie diesen Menschen gefunden hatte , wenn er ihr auch noch so wehe tat . Erbarmungslos nahm er das Messer und legte ihre innersten Wunden bloß , schnitt alles hinweg , was darüber wucherte . » Und nun sieh selber zu , wie du es wieder heil bekommst . Wenn du keine Kraft hast mitzugehen , so bleib nur am Wege liegen . Ich will nicht der sein , der dich aufhebt und tröstet . « Und dann lächelte er wieder , als wollte er sagen : » Ich weiß schon , was an dir ist , aber zeig es mir . Hart sein , stark sein , dann zeig ich dir den Weg . Sonst ist es mir nicht der Mühe wert . « Fast alle Nachmittage war sie jetzt bei ihm , er ließ sie mit nach seinem Modell arbeiten und lehrte sie sehen . Bisher war sie nur wie im Finstern umhergetappt , hatte sich mit verbohrtem , hartnäckigem Fleiß gequält , durch den undurchdringlichen Nebel zu kommen , und es hatte nichts geholfen , bis er ihn mit seinem Zauberstab zerteilte und sich plötzlich eine lichte Weite vor ihr auftat . Sie saß zu seinen Füßen und ließ sich lehren . Seit dem Abend bei Zarek war etwas Schwüles in ihr Beisammensein gekommen , das vorher nicht gewesen . Wenn das Modell fortging , blieb Ellen noch , bis es Zeit zum Abendakt war . Manchmal zog er sie dann auf seine Knie und sie küßten sich , aber plötzlich beherrschte er sich wieder : » Geh ' jetzt , Kind , du kommst zu spät . « Aber die bange Stunde kam jeden Tag wieder , und endlich ein Abend , wo es über ihnen zusammenschlug . Ihre Zähne gruben sich tief in die Kissen hinein , um den wilden , seligen Aufschrei zu ersticken - ihr war , als läge sie in einem tiefen Abgrund und Sturmeswogen von ungeahnter Qual und ungeahnter Wonne brausten über sie hin , bis sie das Bewußtsein von allem verlor - wie tot in seinen Armen lag , die sie eben noch wie glühendes Eisen umklammert hatte . Henryk war tief erschrocken , es war auch ihm alle Besinnung vergangen , als er den jungen Körper in seiner Gewalt fühlte . Dann sahen sie sich lange an . Ihr war , als ob die ganze Welt leuchtete wie ein Weihnachtsabend . - Früher , in den Träumen ihrer Jugend , hatte sie sich feenhafte Umgebungen ersehnt : leuchtende Farben , schimmernde Gläser mit glühendem Wein - Schleier , durch die rotes Licht und Geheimnisse funkelten , wollüstige Musik in der Ferne . - Und jetzt lag sie mit weit offenen Augen da , ihr schien , als ob sie noch nie so deutlich gesehen hätte - das verwahrloste Atelier im dämmernden Abendschein - sein unschönes Gesicht mit dem wirren schwarzen Haar - und doch fühlte sie das Leuchten und Schimmern , und das rote Glühen war in ihr . Es hätte mehr nicht sein können - in keinem Märchentraum . Er konnte so gut sein , Henryk , er sorgte für sie , ging im Atelier herum und brachte ihr Tee . Dann saß er neben ihr , und in seinen Augen war etwas , was sie noch nie gesehen hatte . Als sie dann später gehen wollte , trennten sie sich mit einem ernsten langen Kuß . » Ellen , und jetzt wollen wir beide arbeiten - schaffen - schaffen ! « Sie stand im Aktsaal vor ihrer Staffelei unter all den andern , sprach mit ihnen in der Pause auf dem Korridor und war abends mit den Freunden im Café - wie alle Tage , aber sie dachte nur , es müßte ihr jeder ansehen , wie es in ihr strahlte . Sie ging im Traume , wie in einer ganz andern Wirklichkeit - jetzt war der Schleier gerissen , der sie vom Leben und von sich selbst geschieden hatte , und was dahinter sich auftat , war nicht Enttäuschung , nicht Reue um etwas Verlorenes - es war , als wäre ihr ein großes Wunder geschehen , das ihr tiefstes Leben weckte . Und auch kein Rausch , der wieder in frostige Alltäglichkeit zerrann , ein unendlicher Reichtum drängte sich in jeden Tag zusammen und verwandelte das ganze Leben . Jetzt konnte sie mit ganzer Seele bei ihrer Arbeit sein und vergaß alle Entbehrungen . Ihre Kraft erneuerte sich in jeder Liebesstunde und in den langen Gesprächen mit Henryk , im Verkehr mit all diesen Menschen , die nur ihrer Kunst lebten . Und doch war sie in dieser Zeit nicht eigentlich verliebt in Henryk ; vor allem fühlte sie tiefe Bewunderung für ihn als Menschen und als Künstler , der ihr Meister war . Das andere gehörte wie von selbst dazu , und sie dachte nicht darüber nach , ob es Liebe war oder nicht , ebensowenig , wie man sich Gedanken darüber macht , warum die Sonne scheint . Weihnachten sollte sie Reinhard wiedersehen , und nun kam ihr allmählich das Bewußtsein zurück , daß es noch eine zweite Welt gab , die wieder an sie herantrat . Das hatte sie alles vergessen , nur hier und da klang es wie eine ferne leise Mahnung an ihr Ohr , und dann rang sie mit dem Entschluß , ihm die Wahrheit zu sagen und sich von ihm zu lösen . Aber als er kam , sie sich nach der langen Trennung wiedersahen , wurde sie wieder schwankend . Er war so strahlend froh , sie wieder zu haben , fühlte sich ihrer so sicher - und Ellen empfand seine tiefe , große Liebe wie ein Stück ihres Lebens , über das doch nicht so leicht hinwegzugehen war . Bei ihm überkam sie immer ein Gefühl von Schutz und Heimat , er war der , an den sie sich anschmiegen konnte , der alle weichen und sehnsüchtigen Saiten in ihr zum Klingen brachte . Und im Grunde fürchtete sie sich auch etwas vor ihm , vor seinem Zorn , seiner geraden , sicheren Klarheit , die solche Wege nie verstehen würde . Für die Festtage fuhren sie zu Verwandten von Reinhard , dann waren sie noch zwei Tage zusammen in München . Ellen wohnte mit ihm im Hotel , sie hatte selbst den Anstoß dazu gegeben , denn sie empfand es wie eine Art Ausgleich , wenn sie jetzt auch ihm angehörte . Und diese Stunde , vor der sie gezittert hatte , kam und ging vorüber - ihm kam keinen Augenblick der Gedanke , daß Ellen ihn hintergehen könnte . Als er abgereist war , ging Ellen durch die Winterfrühe vom Bahnhof ihrer Wohnung zu . Neujahrsmorgen - sie dachte an ferne Zeiten , wo sie diesen Tag mit guten Vorsätzen und frommen Gelübden begann - das war immer etwas Frohes , Klares , Anfangsfrisches gewesen , und jetzt alles so verworren in ihr . - Wie fingen es wohl andre an , um glatt durchs Leben zu kommen , und warum wurde es einem immer so schwer gemacht durch all dies Binden und Verpflichten . In ihrem eignen Gefühl war nichts , was dem widersprach , mit beiden das Leben zu teilen , weil jeder ihr etwas war , was der andre nicht sein konnte . Henryk war auch über Weihnachten fortgefahren und noch nicht zurück . So lebte Ellen die nächste Zeit fast ausschließlich in ihrer Arbeit , die war und blieb doch das Erste und Größte und das , worin sie Ruhe fand vor allem , was in ihr stritt und wogte . Und darin wollte sie Reinhard keinen Schritt weichen . - Wenn er ihr auch noch so viel Freiheit zugestand , ehe sie wirklich imstande war , allein weiterzukommen , würde sie nicht von München fortgehen . Ellen hatte ihm deshalb auch ängstlich verschwiegen , wie es mit ihren Mitteln stand . Schon seit dem Herbst aß sie nur noch ein oder zweimal in der Woche in einer kleinen Garküche zu Mittag , die andern Tage konnte man sich mit einem Stück Brot behelfen . Sie legte sich dann , wenn alle fort waren , auf dem Modellpodium schlafen , da merkte man es kaum , ob man etwas im Magen hatte oder nicht . Zufällig kam Zarek einmal herunter und fragte , warum sie nicht zu Mittag fortginge . Von da an teilten die beiden sich in eine Portion um vierzig Pfennige , die vom Wirtshaus herübergeholt wurde . Von Woche zu Woche mußte sie auf neue Ersparnisse sinnen , nahm sich ein ganz kleines Zimmer , wo kaum das Bett Platz hatte , der kostspielige Morgenkaffee wurde abgeschafft , denn beim Onkel gab es ja schließlich immer Tee und Brot , wenn sie in der Pause hinaufkam . Ellen war überzeugt , daß sie sich ganz gut auf diese Art noch ein paar Jahre durchschlagen könnte ; es waren ja manche unter ihren Bekannten , denen es ebenso ging , und keiner klagte darüber ; sie lachten nur , wenn sie am Monatsende ihre leeren Taschen umkehrten und abends im Café zusammenkamen , um bei einem Glas Bier stundenlang wenigstens Licht und Wärme zu haben . Wieder und wieder sprach Reinhard in seinen Briefen davon , daß er die Heirat jetzt endgültig auf Anfang des Sommers festsetzen möchte , und jedesmal schrieb Ellen zurück , sie könnte vorläufig noch nicht daran denken , sie brauchte noch Zeit , um nur sich selbst zu leben . Wollte er das nicht , so müsse er sie freigeben und ihren Weg gehen lassen . Er warf ihr den grenzenlosen Egoismus vor , mit dem sie ihrer beider Glück gefährdete , und hielt dennoch fest , in der sicheren Überzeugung , daß sich alles ganz wie von selbst ändern würde , wenn Ellen erst bei ihm war . Aber in ihr hatte sich seit dem weihnachtlichen Beisammensein vieles gewandelt - das unbedachte Hineinleben in all die brausende Lebensfreude , die der erste Rausch und das erste Aufatmen in voller Freiheit mit sich gebracht hatte , war zur unerbittlichen Leidenschaft geworden . Seit sie nach wochenlanger Trennung zum erstenmal wieder in Henryks Armen lag , wußte sie , daß sie ihn liebte und daß es kein Entrinnen mehr gab . Sie wußte jetzt auch , daß die Liebe kein Sommerglück sein konnte , kein jubelndes Aufgehen in dem andern , - nichts von alledem , was sie früher darin finden wollte , - nein , die Liebe war eine blinde , wütende Sturmflut , die alle Dämme niederbrach , und da gab es kein Fragen mehr , kein Überlegen , was mit fortgerissen und was gerettet werden konnte . Es kam ihr nicht in den Sinn , Henryk für sich besitzen zu wollen , sein Leben mit ihm zu teilen ; er war kein Mann , mit dem man an » Glück « hätte denken können . Das sah sie alles und wußte es wohl , aber ihre Liebe dachte nicht an Fragen und Verlangen . - Dabei lernte sie immer tiefer in ihn hineinsehen , fühlte all das zerrissene Schwanken , das auch in ihm war . Er konnte andern geben , was er selbst nicht hatte , wonach er in ewiger Unruhe rang und jagte . Oft fuhr er mitten in der Nacht auf : » Jetzt muß ich arbeiten ! « Dann stand sie ihm Modell , stundenlang - , er arbeitete wie ein Wahnsinniger und sprach von seinen Werken , die er schaffen wollte - mit immer glühenderer Phantasie . - Es war etwas Sinnloses , Ausschweifendes in seiner Art zu malen . Wenn er über die Skizze hinaus wollte , fing er an : » Diesmal soll es etwas werden , ich lasse nicht nach , bis es wird . « Dann wollte er malen , wie noch kein Mensch gemalt hatte , in unerhörten Farben , - und es gelang nicht , gelang nie - , immer wieder begann er von neuem . Wurde er schließlich müde , so gingen sie zusammen ins Café . Dort war im Nebenzimmer ein Klavier , und da spielte er endlos - , manchmal wild und leidenschaftlich , dann wieder ganz leise , traurige Melodien . Ellen saß auf dem harten Ledersofa , in eine Ecke gedrückt , die Töne klangen in ihrer Seele nach , und sie sah ihn an , - er wurde fast schön , wenn er spielte . Sie lebte alles mit ihm durch , zitterte um jedes Bild und war stillglücklich , daß er das mit ihr teilte , sie in seinem Höchsten mitleben ließ . Inzwischen kam sie viel mit den anderen Freunden zusammen , es gab Stunden , wo sie all der stürmischen Gefühle müde wurde und nur einmal lachen wollte . War sie nicht bei Henryk , so traf sie den Zarekkreis in seinem Stammlokal . Es gab kaum eine Nacht , wo man vor drei Uhr heimkam , und wollte Ellen einmal zu Hause bleiben , um auszuschlafen , so erschien gewiß die ganze Bande noch um Mitternacht unter ihrem Fenster , oder sie schickten den Pikkolo vom Café , dem sie ihren Signalpfiff beigebracht hatten . Und sobald Ellen den hörte , war es aus mit ihren guten Vorsätzen , sie fuhr rasch in die Kleider und war in ein paar Sätzen die Treppen hinunter . In ganz München tobte jetzt der Karneval , und sie brannten alle darauf , etwas zu unternehmen . Aber keiner von ihnen hatte Geld , - Künstlerfeste und Redouten waren unerschwinglich , so gingen sie nur eines Nachts ins Café Luitpold . Ellen hatte sich ein Clownkostüm geliehen , die Russin war auch maskiert , die übrigen alle in ihren gewöhnlichen Kleidern . Für Ellen war es alles ganz neu , und sie stürzte sich Hals über Kopf hinein . Henryk war nicht mit , sie vergaß ihn , vergaß alles , trieb hierhin und dorthin und war völlig willenlos vor Freude . Ein paarmal fing Zarek sie wieder ein und brachte sie an den Tisch zurück . Aber da war es heute langweilig , Max und der Onkel gerieten immer wieder in erboste Kunstgespräche und betrachteten das ganze Treiben nur vom malerischen Standpunkt aus , das eine Paar saß weltvergessen in einer Sofaecke , das andere zankte sich - der Fritz wich nicht von Ellens Seite und suchte sie vor allen Anfechtungen zu behüten , wenn andere Masken herankamen . » Seid ihr alle oberflächlich « , klang plötzlich Zareks rauhe Baßstimme . » Karneval ist abscheulich , gehen wir heim zu mir und machen Tee . Will ich euch Hamlet lesen . « Die andern schwankten nach , und Ellen erklärte , daß sie dann alleine dableiben wollte , - als eine Horde weißer Pierrots auf sie eindrang und sie mit fortziehen wollte . Zarek und Fritz hielten sie jeder von einer Seite fest , da sah der eine von den Weißen sie aufmerksam an . » Ah , du bist ' s - ich hab ' doch gleich gesagt , daß ein Mädel drin steckt . « Ellen wurde neugierig . » Laß mich , Onkel , der gefällt mir . « » Was hast du denn da für einen Onkel ? « » Gefällst du mir gar nicht « , sagte der . » Laß ihr - muß ich hüten bezechtes Kind . « » Nein , ich will mit , weg da , Fritz ! « » Auch noch ein Fritz , mein Gott , bist du aber gut behütet . « Ellen war schon auf den Tisch gestiegen und flog in seine Arme . Gegenüber hatte sich ein Trupp Italiener niedergelassen mit Gitarren und Mandolinen , es war ein ohrenbetäubender Lärm . Ellen tanzte mit ihrem Pierrot um die Tische und dann oben auf dem Billard zwischen den Kaffeetassen , bis der Wirt kam und sie vertrieb . Dann brachte er sie an seinen Tisch : » Seht mal , was ich da gefangen hab ' - ist das nun ein Bub oder ein Mädel ? « Die drüben brachen auf und winkten ihr . » Bleib du nur bei uns « , sagte einer , » der Johnny läßt dich doch nicht wieder her . « » Ja , Johnny , ich bleib bei dir , die andern wollen heimgehen und Hamlet lesen . « Er schüttelte sich vor Lachen . Dann kam Zarek mit ernstem , verantwortungsvollem Gesicht und wollte sie mitnehmen . Aber Ellen lag in Johnnys Armen , er hielt ihr das Sektglas an die Lippen und ließ sie trinken : » Bezechtes Kind bleibt bei uns , geh ' du nur deinen Hamlet lesen . « Ellen blieb und trank Sekt und Freude bis in den Morgen hinein mit vollen Zügen . Allmählich wurden die Räume des Cafés immer leerer , die Kellnerinnen standen gähnend herum zwischen umgestürzten Stühlen und verwüsteten Tischen , hier und da saßen noch vereinzelte Paare und umarmten sich immer bewußtloser . Johnny schlug vor , man sollte mit ihm auf sein Atelier gehen und dort Kaffee trinken , aber unterwegs fiel einer nach dem andern ab , sie waren alle müde und hatten genug . Ellen fiel jetzt erst ein , daß Zarek ihre Schlüssel eingesteckt hatte und sie nicht in das Haus hineinkonnte . So gingen sie langsam durch den weichen Schnee , der über Nacht gefallen war , die Straße hinauf , wo die Laternen noch müde in der Dämmerung flackerten , und saßen dann in Johnnys Atelier mit den vielen gemütlichen Ecken vor einem kleinen Tisch , auf dem die gelbumschleierte Lampe brannte und die kupferne Kaffeemaschine summte . Johnny zog sich im Nebenzimmer um und wickelte dann Ellen in einen schweren Seidenmantel - es war eine Atmosphäre von Behaglichkeit , die sie lange nicht mehr gewöhnt war , und sie dehnte sich vor Wohlgefühl . Nun mußte sie ihm erzählen , wie sie lebte , manchmal lachte er , dann wieder schüttelte er den Kopf : » Ich habe das ja alles selbst durchgemacht , aber glauben Sie mir , die Boheme kriegt jeder einmal satt und Ihre Gesellschaft da gefällt mir nur halb . - Aber das allerverrückteste finde ich doch , daß Sie heiraten sollen . « Es war jetzt heller Tag , und sie berieten , wie Ellen in ihrem Clownkostüm nach Hause kommen sollte - er brachte alle möglichen Dinge herbei , steckte sie zuletzt in einen Regenmantel von sich , schnürte ihr ein Paar unförmliche Bergstiefel an die Füße und drückte ihr einen Schlapphut ins Gesicht . Dann stand er da und wollte sich totlachen . So wateten sie wieder durch den Schnee zu einer nahen Badeanstalt , nahmen Zelle an Zelle ein Brausebad unter vielem Lachen - es war alles so lustig und morgenfrisch und dabei wie ein leichtes Spiel , das sich immer an der Grenze bewegte . » Ich habe wirklich allen Respekt vor mir « , sagte Johnny , als er sie im Fiaker nach ihrer Wohnung brachte , » nicht einmal um einen Kuß habe ich Sie gebeten , seit wir uns wieder in normale Menschen verwandelt haben - warum sind Sie auch verlobt ? - Aber hübsch war es doch . « Das kleine Abenteuer mit Johnny , das ja eigentlich gar kein Abenteuer war , ging Ellen noch ein paar Tage nach wie ein wohliger Traum , bei dem sie immer wieder lächeln mußte . Sie hätte ihn gerne einmal wiedergesehen , aber die andern hatten natürlich davon erfahren , Zarek war beleidigt und auch Henryk etwas verstimmt . So gab sie es auf , und ihre Gedanken waren auch bald wieder ganz in Henryk gefangen , so daß ihr alles andere unwesentlich vorkam . Der Frühling kam mit schweren Stürmen , und sie wußten nichts mehr wie diese verzweifelte Leidenschaft , die mit jedem Tag wuchs . In einer Märznacht waren Walkoff und Ellen bis spät mit den Freunden zusammengewesen ; als alles sich trennte , gingen sie in heißer Stimmung zu ihm hinauf . - Dann faßte ihn wieder die Arbeitswut . » Oder bist du zu müde , Ellen ? « Nein , sie war nie müde . Sie stand vor ihm am Tisch , und er arbeitete , da wurde sie auf einmal blaß und fing an zu schwanken . Er konnte sie gerade aufs Bett legen , ehe sie ohnmächtig wurde . Bald nach diesem Abend stiegen bange Ahnungen in ihr auf , sie wollte sich selbst die tödliche Angst nicht eingestehen , die immer banger und beklemmender auf sie herabsank , suchte sie von Tag zu Tag zurückzudrängen und sagte sich immer wieder : Es kann ja nicht sein , ist zu furchtbar , als daß es sein könnte . Ihr schien , als sähe sie ein Beil herabfahren , das ihr den Schädel spalten wollte , und sie hätte sich verkriechen mögen , um nur nicht daran zu denken . So vergingen Wochen , und endlich wußte sie , daß es wohl nicht anders sein konnte . Und die Gewißheit , der nicht mehr auszuweichen war , verwandelte ihre Empfindungen . Es war das Schicksal selbst , das dunkel und übermächtig sich vor ihr aufrichtete , und sie beugte sich vor seinem brennenden Blick . Beinahe wie Freude kam es jetzt über sie : sie wollte es ja gerne tragen - ein Kind von ihm - ein Kind ihrer Leidenschaft . Neben all den seltsamen , beängstigenden Gefühlen , die ihrem Körper alle Spannkraft nahmen , erfüllte es sie mit wehmütig ahnender Wonne - ein Kind , ein Wesen , das ganz ihr eigen sein sollte - ihr , der Heimatlosen , die keine Stätte hatte auf der weiten Welt und keinen Menschen , der ihr die Arme auftat . Als sie es Henryk sagte , konnte sie vor Bewegung kaum sprechen . Sie saß auf dem Bett und sah ihn an , - aber er schien nur erschrocken , ging rasch auf und ab in dem schmalen Raum und blieb schließlich vor ihr stehen : » Das ist schlimm genug - was soll daraus werden ? « » Vor allem will ich jetzt an Reinhard schreiben , daß alles zwischen uns aus sein muß - das wollte ich ja schon lange . « » Und dann ? « » Das weiß ich noch nicht - irgendwie wird es sich schon finden . « Ellen lächelte . » Du brauchst keine Angst zu haben , Henryk , daß du mich heiraten mußt . - Du weißt doch , daß ich sowieso hier bleiben wollte , und ich werde mich schon durchschlagen . Wir haben ja alle nichts und leben doch . « Henryk setzte sich neben sie , war gut und zärtlich : » Laß uns nur noch abwarten , Kind , vielleicht findet sich ein Ausweg , und es ist ja noch nicht so sicher . Geh ' an die Arbeit und versuche , nicht immer daran zu denken . « In dieser Zeit kamen wieder lange Briefe von Reinhard , er drängte zur Entscheidung , sie sollte jetzt von München fortgehen , es nicht mehr hinausschieben , denn wenn sie vor dem Sommer heirateten , war noch vieles zu ordnen . » Was ist mit dir , warum schreibst du nicht ? Ich begreife nicht , daß du selbst jetzt nichts anderes im Kopf hast wie deine Malerei - auf alles , was ich schreibe , nicht eingehst . « Ellen hatte ein langes Schreiben an ihn angefangen , schrieb Bogen auf Bogen , immer wieder konnte sie die Worte