wohlzerspalten und richtig numeriert , wie das so Sitte bei den Menschen ist . Schau du hinein , und sage mir sodann , ob diese Bücher wohl auch eine Seele haben ! « Ich griff hin , um eines vom Gestell zu nehmen . Da bat er : » Nicht jetzt ! Du hast ja dazu Zeit , wenn ich verreist bin und dich niemand stört . Ich habe dir noch weiteres zu zeigen . Ich wollte dir erzählen und erklären , zu welchem Zweck ich diese Werke schrieb . Ich unterlasse es , weil ich jetzt anders denke als noch vor einer Stunde . Du wirst sie lesen . Das heißt bei dir genau so viel , als ob ich sagte : du wirst sie und auch mich verstehen und begreifen . Sie sind Skizzen , Vorarbeiten , fließende Etuden , um mich und meine Leser einzuüben . Auf was sie vorbereiten sollten , darüber schweige ich . Man sagt das durch die That ! Glaubst du , daß es Menschen giebt , welche so unerfahren sind , daß sie die flüchtigen Uebungsskizzen eines Malers für vollbeendete , fertige Werke halten können ? Nein ? Nicht ? Unmöglich ? So scheine ich ein Künstler allerersten Ranges zu sein , denn es hat keinen einzigen Kritiker gegeben , welcher die meinigen als leicht bewegliche Schwalben erkannte , die meinem Freund , dem Frühling voranzufliegen hatten , wie ein bekannter Dichter sagt . « » Ein Künstler allerersten Ranges ! « lächelte ich . » Wozu denn hier die Ironie , die gänzlich überflüssig ist ? Man hat das Zwitschern deiner Schwalben nicht verstanden , weil man noch in dem Eis des Winters steckte und weil sie nicht nach jenen Noten sangen , die auf fünf parallelen Linien stehn ! Das konnte dich verbittern ? « Er sah mich an . Erst erstaunt , dann nachdenklich ; endlich lächelte er auch . » Wenn ich doch auch das heitere Gold besäße , das jetzt im Lichte deines Auges liegt ! « rief er aus . Dann fügte er , nach den Wänden deutend , hinzu : » Schau hier die Briefe ! Große Kisten voll ! So schrieb man mir ! Es war nur Liebe drin ! Doch hier die Kästen mit den Zeitungsblättern , sie sind des Hasses voll , der mich vernichten sollte . Ich bin ihm gewichen , diesem Hasse . Er wurde mir zum Ekel ! Aber ich habe ihn gekennzeichnet ! Ich habe seine Gründe nachgewiesen ! Ich habe mich gewehrt , gewehrt , gewehrt ! « » Mit welchem Erfolge ? « fragte ich . » Ich mußte gehen , doch , doch und doch ! Mein letztes Wort an die , denen ich weichen mußte , war folgendes . « Er trat zu einem der Kästen , nahm die obenauf liegende Zeitung heraus , faltete sie auseinander und las : » Ich bin ein Mensch . Ihr wollt das nicht begreifen , Weil ihr wohl schon ganz übermenschlich seid . Wenn solche Götter mich zum Richtplatz schleifen , So trag ich stumm mein Armesünderkleid . Ich steig getrost auf meinen Scheiterhaufen , Den ihr mir bautet mit selbsteigner Hand , Und laß mich von dem Flammengeiste taufen , Für den ihr schon so manchen Leib verbrannt . Doch wenn ihr mir nicht folgt , wohin ich gehe , Hab ich mit eurer Gottheit nichts zu thun , Denn während ich im Fegefeuer stehe , Seh ich euch stolz auf meinem Lorbeer ruhn . Ich lasse gern die Flammen um mich schlagen , Denn mein Metall wird nur im Feuer rein , Doch meinen Henkern habe ich zu sagen : Ich möchte nicht an eurer Stelle sein ! « Hierauf legte er die Zeitung wieder zusammen und an ihre Stelle zurück . Dann fragte er mich : » Weißt du , an wen ich bei diesen letzten Zeilen jetzt unwillkürlich denken muß ? An Ghulam el Multasim , den Henker des Mirza ! So nackt wie er liegen jetzt auch die meinigen vor meinem geistigen Auge . Auch sie waren mit der glatten Salbe eingerieben , die jeden Leib zum Aal , zur Schlange macht . Du wirst sie kennen lernen , alle , alle ! Da liegen sie . Du hast ja Zeit zum Lesen ! « » Ich ? Lesen ? Was soll ich lesen ? « fragte ich . » Diese Zeitungsartikel über mich ! « Da mußte ich denn aber doch so laut und so herzlich lachen , daß er sichtlich in Verlegenheit geriet . » Woher so plötzlich diese Heiterkeit ? « erkundigte er sich . » Woher ? Das fragst du noch ? ! Wenn ich mir das sonderbare Bild ausmale , welches dir soeben vorschwebte , so muß ich unwillkürlich an gewisse lustige Blätter denken , welche geistige Gebrechen persiflieren ! Und es wäre eine Persiflage meiner selbst , falls ich in jenen Sumpf zurückkehren wollte , über den ich mich schon längst , schon längst hinübergerettet habe . Einst brachte eines jener lustigen Journale eine heitere Abbildung dieses Sumpfes . Er war voller Amphibien , deren Mäuler weit offenstanden . Ein Mensch schritt durch den aufspritzenden Tümpel . Darunter war zu lesen : Wir müssen durch den Sumpf des Lebens waten , Und wenn dabei die trüben Wasser spritzen , So jammern über unsre Missethaten Die Frösche alle , die im Schlamme sitzen ! Nun sage mir ehrlich , mein Freund ! Verlangst du im Ernst von mir , diese Musik , welche ich gar wohl kennen gelernt habe , noch einmal anzuhören ? Als ich damals aus dem Sumpfe stieg , drehte ich mich um und lachte herzlich über die Batrachier , die sich zum Platzen quälten , mir zu zeigen , wer und was sie seien . Dieses komische Bild schwebte mir vor , als du vom Lesen dieser deiner Makulaturen sprachst . Begreifst du mich jetzt nun ? « » Ja , « antwortete er . » Ich begreife sogar noch mehr , als du ahnst ! « » So laß sehen , ob das wahr ist . Ich habe eine Bitte . « » Welche ? « » Schenke mir diese Zeitungen ! « » Was willst du mit ihnen thun ? « » Verbrennen ! Ich pflege solche Dinge niemals aufzuheben , noch weniger zu lesen . Sie fliegen stets , sobald ich sie erhalte , in das Feuer . So kommt kein Schatten bei mir auf . Ich will dich von den deinigen befreien . Erfüllst du meinen Wunsch ? « Da ging er von Kasten zu Kasten , stieß mit dem Fuß an sie und sagte : » Das sind die Furien , die Erinnyen , die ich dir ja beschrieben habe . Sie lügen , wie gedruckt ! - - - Hier die schadenfrohen oder gedankenlosen Nachbeter und Nachtreter , welche bei Gott schwören , daß sie schuldlos seien , weil sie doch bloß nachgedruckt und nichts erfunden hätten ! - - - Und da die sogenannten guten Freunde , die stets behaupten , daß sie retten wollen , und doch so ungeschickt dabei verfahren , daß sie mehr schaden , als die andern alle . - - - Ich schenke sie dir . Nimm sie hin ! Verbrenne sie ! Du hast so recht : Ich will hier reine Arbeit machen ! « » Aber ich verbrenne sie wirklich ! « versicherte ich . » Ich gebe sie dir nicht zurück ! « » Das weiß ich . Es ist dir ernst ! Aber auch mir ! Ich will nun endlich , endlich einmal freien Geistes sein . « » Ich danke dir ! Endlich einmal freien Geistes sein willst du . Weißt du , was du mit diesen Worten gesagt hast ? Unfreie Geister gibt es nicht . Wer in Fesseln liegt , ist vielleicht eine Intelligenz , doch niemals Geist ! Du willst also nicht mehr bloß ein denkendes , ein nach Regeln , welche von Menschen vorgeschrieben sind , denkendes Wesen sein , sondern ein Geist , für den diese Regeln nur in so weit vorhanden sind , als sie mit seinen eigenen Wegen zusammenfallen . Du willst eine jener über sich selbst bestimmenden Personen werden , welche , wie ich unten ausführte , dem dritten Leben angehören . Das ist ein großer Entschluß , den du nur dann auszuführen vermagst , wenn du den Körper , deinen bisherigen Gebieter , zum gehorsamsten aller deiner Diener zu machen weißt , und wenn du deine bisherige Sklavin , die krank in dir darniederliegende Seele , zu deiner Freundin , deiner allereinzigen Freundin erhebst . Denn wisse : der Geist wird ohne Seele nie den Weg empor zum Geiste aller Geister finden ! Nun also : Sei fortan nur Geist , und - - - such ' dir deine Seele ! « Wir standen einander gegenüber , ich ihm erwartungsvoll in das Gesicht schauend , ob er mich begreifen werde , er aber sinnend nach seinen Büchern hinüberblickend , als ob nur dort das zu finden sei , was ich jetzt bei ihm suchte . » Meine Seele ! « sagte er . » Ich habe dich gebeten , in meinen Werken nachzuschauen , ob sie darin vorhanden sei . Seele ist darin ; das weiß ich ganz genau ! « » Seele ? Nur Seele ? Das ist so viel wie nichts ! Oder vielmehr , es ist so wenig wie nur Geist ! Du sollst nicht Geist und sollst nicht Seele haben ! Sondern du sollst Geist sein und sollst auch Seele sein ! Die Person Geist sollst du sein , und die Person Seele sollst du sein ! Eine vollständige Persönlichkeit im Reiche der Geister und eine vollständige Persönlichkeit im Reiche der Seelen , beides zu Einem vereint in dir , wie Licht und Wärme in der brennenden Flamme , das sollst du sein . Der Körper sei - - - der Docht ! « » Der Docht ! « wiederholte er nachdenklich . » Licht und Wärme , wie in der Flamme ! Das ist Seele und Geist ! Der Körper des Menschen ist nichts , nichts , nichts , als nur der Docht ! Und das Oel , Effendi ? Vielleicht erfahre ich auch dieses noch ! Was alles hast du mir doch schon gesagt ! Es ist so viel dabei , was ich noch nicht ganz oder noch nicht recht begreife . Vielleicht grad deshalb , weil es gar so einfach klingt . Warum ? Wer hat es dem Menschengeiste vorgelogen , daß nur das seines Strebens und seines Fleißes wert sei , was ihm durch die konvuse Ausdrucksweise des Pseudo-Gelehrtentums unverständlich gemacht worden ist ? Auch in mir lebt noch ein Rest jenes alten Stolzes , der sich einer eigenen Kaste und auch einer eigenen Sprache rühmt . Aber gleich daneben habe ich das heilige Buch der Bücher liegen , in dem der Geist durch Welten und durch Himmel forschen geht und doch dabei in einer Sprache redet , die jedes Kind versteht . Ist diese kindliche Einfachheit , diese Klarheit jetzt plötzlich aus mir herausgetreten , um deine Gestalt anzunehmen ? Ich sehe dich vor mir stehen , als seist du jener Teil von mir , welcher durch keine dialektischen Kunstsprünge irr zu machen ist , weil er die reine , wahrheitskeusche Sprache redet , die jeden Dialekt vermeidet . Wenn ich dich in dieser Weise sprechen höre , so bist du ich selbst , nur jünger , weicher , tiefer , nur scheinbar hart , und doch von einem Willen , den selbst das andere Ich von mir wohl nicht erschüttern könnte . Mir ist , als hättest du nur immer jung zu bleiben , als könnte von uns beiden nur ich zu altern haben . Ich möchte schwören , daß ich durch dich schaue , als wärest du Kristall . Und dennoch kenne ich dich noch lange , lange nicht . Du bist mir ein Geheimnis und wirst ' s vielleicht auch bleiben . Kannst du mir das erklären ? « » Werde dir klar , dann kann ich es ; eher nicht ! « antwortete ich . » Indem du dir klar wirst , erkläre ich mich dir . Du lobtest mich jetzt ; aber dieses Lob ist ein Tadel , sowohl für dich als auch für mich ! « » Klingt das nicht auch schon wieder so geheimnisvoll ? ! « Da griff ich nach seinen beiden Händen und forderte ihn auf : » Schau mir in das Gesicht ! « Er that es . » Wer bin ich ? « fragte ich . » Mein Freund , « antwortete er . » Nein , denn ich bin mehr , viel mehr ! Ich will anders fragen : Was bin ich ? Was bin ich dir ? « Er sann , doch vergeblich . Dann sagte er : » Ich weiß es nicht . Es kommen mir zwar Worte , doch keines trifft das Richtige , und keines sagt genug ! « » Und doch giebt es eins ! Ein kleines , kleines Wörtchen . Und das ist richtig ! Und das sagt genug , mehr als genug ! « » Welches ? « » Du hörst es nicht von mir . Du hast es selbst zu finden . Denn sagte ich es dir , so würdest du es nicht begreifen . Aber indem du es findest , hast du es verstanden . « » Denkst du , daß ich es finde ? « » Ja , gewiß . Ich führe dich darauf . « » Wann ? « » Bald . Vielleicht noch heut , noch jetzt , noch ehe wir uns trennen . Ich sprach vom Licht und von der Wärme in der Flamme . Ich gab dir auch das Gleichnis von dem Docht . Du fragtest mich sogar dann nach dem Oele . Wir redeten vom Geist und von der Seele . Bist du der Geist , für welchen ich dich halte , so mußt du ganz bestimmt das kleine Wörtchen finden ! « Jetzt war ich noch deutlicher gewesen als vorher , doch schien er sich nicht von dem einmal gefaßten Gedanken losreißen zu können . Er ging hinüber nach dem Fache , in welchem seine Werke standen , nahm ein Buch heraus , brachte es mir und sagte : » Wenn sich mein Geist und meine Seele irgendwo so zusammengefunden haben , wie du sagtest , so ist es hier in diesen Blättern geschehen . Sie sind Flamme , vollständig Flamme ! Schau es dir an ! « Ich öffnete es . Der Band war nicht gedruckt , sondern geschrieben , also Manuskript . Auf dem Titelblatte las ich : » Mein Leidensweg « . Ich war enttäuscht , ja sogar sehr enttäuscht ! » Deine Biographie ? « fragte ich . » Ja , « antwortete er . » Vielleicht gar deine Rechtfertigung ? « » Gewiß ! Das war ich mir doch schuldig ! « » Wehe dir , Ustad , wenn du dir noch etwas schuldig bist ! « » Wie streng das klingt ! Und wie ernst du mich dabei anschaust , Effendi ! So will ich mich anders ausdrücken : das war ich meinen Feinden schuldig , der Welt , die mich von sich gestoßen hat ! « Da hob ich warnend die Hand und sprach : » Wenn dich die Welt aus ihren Thoren stößt , So gehe ruhig fort , und laß das Klagen , Sie hat durch die Verstoßung dich erlöst Und darum deine ganze Schuld zu tragen ! Wenn du Geist bist , wirklich Geist , so wirst du diese Worte verstehen und ihre Wahrheit so in dich atmen , daß sie dir zur Auferstehung werden muß und werden wird ! Lazare , ich sage dir , komm heraus ! « Da wurden seine Augen groß und immer größer . Er hob seine beiden Hände empor , bis in die Nähe der Stirn , als ob er dort einen Gedanken fassen und festhalten wolle , und sagte : » Was tritt jetzt an mich heran ? Wer ist das ? Wen giebst du mir ? Ich sehe nichts . Ich höre nichts . Und doch sehe , höre und fühle ich etwas Wunderbares , etwas unendlich Beglückendes ! Ich empfinde es deutlich , daß ich frei werde ! Ist es etwas Geistiges ? Etwas Seelisches ? « Da antwortete ich : » Gieb mir dein Herz ! Ich will ' s zum Himmel tragen . Von Gott gesegnet , bring ich dir ' s zurück . Dann soll ' s nur noch im Himmelspulse schlagen , Zu deinem und wohl auch zu meinem Glück ! Ustad , halte diese Worte fest ! Laß sie dir nicht entweichen ! « Er schloß die Augen , als ob das , was in ihm vorging , von außen nicht gestört werden solle , trat langsamen Schrittes , ohne etwas zu sagen , zum offenen Fenster und lehnte sich hinaus . Ich hatte das Buch » Mein Leidensweg « noch in der Hand und begann , darin zu blättern , doch ohne eigentlich zu lesen . Verschiedene Sätze , welche unterstrichen waren , fielen mir auf . Bei diesen verweilte ich . Ja , sie waren » Flamme « . Es glühte und flackerte in ihnen ein Zorn , welcher versengend war . Das Buch schloß auf der vorletzten Seite mit einem Gedichte . Dieses lautete : » Ich kam zu dir am Hosiannatag Und sah dich im Triumph durch Salem reiten , Doch auch schon alles , was noch vor dir lag , Sah hinter dir ich im Gefolge schreiten . Da wendete ich mich zur Klagemauer Und stand mit heißer Stirn am kalten Stein . In deinen Jubel warf ich meine Trauer , Denn mit dir zog ja auch dein Judas ein . Ich kam zu dir am Eli-lama-Tag Und sah dein Haupt im Todesschmerz sich senken . Doch als dein Mund das Asabthani sprach , Mußt schon ich an das nahe Ostern denken . Du warst ja einst auf jenen Berg gestiegen , Den man als Stätte der Verklärung preist , Und mußtest beide , Grab und Tod , besiegen In deiner Kraft als erdenfreier Geist . Nun komme ich zum Auferstehungstag Und sage dir : die Steine sind verschwunden . Die Jünger sahen früh im Grabe nach Und haben deinen Leichnam nicht gefunden . Soll wohl der Geist hier in der Gruft verbleiben , Wo doch der Körper längst schon auferstand ? Steh auf , steh auf ! Es giebt noch viel zu schreiben , Jedoch von jetzt nur mit - - - der Geisterhand ! « Ich las es noch einmal und dann zum dritten Male . Welch ein Gedicht ! Ich meine nicht etwa den künstlerischen Wert desselben . Der ging und geht mich gar nichts an . Es war nicht die Form , sondern es war der Geist , der vor mir stand . Ich sah ihn deutlich , mit allem , was ich loben konnte , und auch mit allem , was ich an ihm tadeln mußte . Der Mann , der diese Zeilen geschrieben hatte , war aber unbedingt auch körperlich in Jerusalem gewesen . Ich sah ihn durch das Jaffathor kommen und geradeaus auf jenem Stufenwege schreiten , welcher hinab nach dem » Heiligtume « führt . Aber dorthin wollte er gar nicht , sondern er bog nach links , in die engen Bazare , die auf das Thor von Damaskus münden . Dort wendete er sich rechts , dem » Leidenswege « zu , hinauf nach Golgatha , dessen Stätte ein Gegenstand der Phantasie geworden ist , weil man die rechte Stelle nicht mehr kennt . Im tiefen Winkel liegt die » Klagemauer « . Hier hörte man die wahre Sehnsucht einst nach der Erlösung rufen . Jetzt aber kratzt man sich dort am Gestein die Finger blutig wund , nur um ein karges Bakschisch18 zu erhalten . So geht überall , nicht bloß im heiligen Jerusalem , die Menschheitsseele betteln , wenn sie den Geist verlor , der hier ihr Führer ist , damit dann sie ihn fort , nach oben , leite ! Er aber , dieser Geist , schleicht forschend durch den Sukh19 des niederen Lebens , an Kesselflickern , Krämern und Wechsel-Habichten vorbei , nach dieser Seele suchend , die er verlieren mußte , weil er sein Herz an eitle Dinge hing ! Und wenn er sie nicht findet , geht er hinaus vor Salems alte Mauern , steigt hin und her in jenen öden Thälern , wohin die Stadt das Aas gefallener Tiere sendet , am Oelberg dann hinauf , wo an dem Weg nach Jericho das Volk der Hammel abgeschlachtet wird . Und wenn er oben angekommen ist und von der höchsten Stelle des einstigen Jebus sein Morijah liegen sieht , so wallt es tief entrüstet in ihm auf . Er schüttelt seine Hände , in denen doch nichts ist , streng über Salem aus und klagt im Tone schmerzlicher Enttäuschung : » Ich kam zu dir - - - was habe ich gefunden ? ! « Jetzt stand er dort am Fenster , den Rücken mir zugekehrt . Er achtete nicht auf mich , war nur in sich versunken . Die letzte Seite seines » Leidensweges « war noch leer . Tinte und Feder gab es hier auf dem Tische . Wer war ' s , der in mir sprach ? Der mir befahl , zu schreiben , was ich hörte ? Ich that es ! Ich hielt mich ganz an seine eigene Weise . Dasselbe Metrum und dieselbe Zahl der Verse . Drei Strophen , so wie er , genau auch so beginnend : » Ich kam - - - « ; » Ich kam - - - « , und dann : » Nun komme ich - - - « ! Er sah nicht , daß ich schrieb . Ich wurde fertig , schloß das Buch und ging vom Tische weg . Da drehte er sich um , verließ das Fenster und ging dorthin , wo ich geschrieben hatte . Dort blieb er stehen . Es war ein tiefer Ton , in dem er langsam sprach : » Wo habe ich ' s gelesen ? Vielleicht auch las ich ' s nicht . Erzählte man es mir ? Hat mirs ein Traum gebracht ? Ich weiß es nicht , doch ist es in mir da . Ich will es dir jetzt sagen . « Nun hob er den Blick und sah mich an . Da glitt es wie etwas Helles über sein Gesicht , und er rief aus : » Es hatte deine Augen ! Ganz dieselben Augen , die jetzt im Schatten liegen und doch so hell erscheinen ! Sonderbar ! « Er sann ein kleines Weilchen . Dann fuhr er fort : » Es war an einem Tag , an dem der Himmel offen stand . Da sprach der Herr : Geht hin , um zu erlösen ! Sie folgten dem Befehl , sie alle , alle , viele Tausende . Bei ihnen die für mich bestimmte auch . Es war Dschanneh , der Gottessonnenstrahl ! « Welch ein Wort ! Dschanneh ! Sein Geist begann , klar , bestimmt und rein zu denken . Ich hörte , und ich sah , daß er den richtigen Weg gefunden hatte . Er sprach weiter : » Sie suchte mich . Wie schwer war ich zu finden ! Ich lag im tiefsten , fernsten Erdenwinkel , bei meiner bleichen Ahne , der Entbehrung , von den zerrissenen Fetzen ihres Mantels vollständig zugedeckt . Mich hungerte . Es war so dumpf , so dunkel unter meiner armen Decke . Da griff ein kleines , kleines Händchen unter sie herein , hob sie ein wenig auf . Ein Sonnenstrahlchen kroch zu mir heran , und da , wo innerlich die Nerven des Gehöres enden , erklangen mir die leisen , lieben Worte : Jetzt hab ich dich ! Ich bin ein Gruß aus Gottes Himmelreich und soll als Seele immer bei dir bleiben . Doch , halt mich fest ! Und komm aus diesem Winkel zu uns hinaus ans Licht ! Willst du mich nicht verlieren , so richte deinen Geist nach oben , nicht nach unten ! Ich brauche Gottesodem ; den kranken Hauch der Tiefe aber muß ich meiden ! Da warf ich meine Fetzen von mir ab und ging ans Licht des Tages , an die Wärme . Nun sah ich erst , wieviel die Huld des Herrn dem Menschen spendet , und griff mit fester Hand in diese Fülle , der Ahne denkend , der dies nötig war . Da eilten sie herbei , die Lebensprasser , die sich so wenig um die bleiche Armut kümmern , daß sie ihr selbst die Fetzen kaum noch gönnen . Da packten fette , goldgeschmückte Fäuste die hagre Armutshand , ihr zu entreißen , was sie in schwerer Arbeit sich errungen . Es kam der Kampf ! In seinen kurzen Pausen sah ich in mir zwei klare , milde Augen , die aber trüber , immer trüber wurden , und jene Seelenstimme flüsterte mir zu : Ich warne deinen Geist ! Er konnte es nicht sehen : die Fetzen waren Flügel ! Doch dieser Geist stieg zornig vor mir auf und machte seine heilgen Rechte geltend . Ich folgte ihm , und in des Kampfes Tagen , die nimmer enden wollten , verklang die Seelenbitte in weite , weite Ferne , bis ich sie nicht mehr hörte . Auch jene Augen sah ich niemals mehr . Ihr trüber Blick war für mich ausgelöscht ! « Hier hielt er inne . Sein Gesicht hatte den Ausdruck einer Wehmut angenommen , die gewiß schon oft in stillen Stunden bei ihm Gast gewesen war . Aber es erheiterte sich wieder , als er fortfuhr : » Da kamst du ! Besinnungslos - krank- schwach - genesend ! Ich sah dich in allen diesen Stadien . Dein Auge hatte sie mit dir durchzumachen . Je mehr du dich erholtest , desto bekannter wurde mir dein Blick . Ich sann und sann - - und endlich fand ich es : Dschanneh , mein Sonnenstrahl ! Kann ein Mensch Seelenaugen haben ? Ich frage nicht ! Denn ich habe schon gefragt , vorhin , als ich wissen wollte , wer das sei , den du mir gabst ! Als ich nun dort am Fenster stand , wurde es heller und immer heller in mir . Noch ist es nicht ganz licht ; aber es wird , es wird , es wird ! Effendi , ich liege auch heut im fernsten , tiefsten Erdenwinkel . Es ist so kalt , so dumpf unter meinem Mantel . Ich fühle die Nähe meiner Ahne wieder . Wird jemand kommen , wie damals , um die geistigen Fetzen aufzuheben und mir meinen Gottessonnenschein , meine Dschanneh , zurückzubringen , die mir im Kampfe des Lebens verloren gegangen ist , weil ich nicht mehr auf sie achtete ? « » Ja , « antwortete ich . » Es kommt jemand . Er ist schon da ! « » Wer ? « fragte er . » Ich ! Ich bin es ! Wünschest du wirklich , daß ich deinen Mantel aufhebe ? « » Ja ! « nickte er , indem seine Augen leuchteten . » Und wirst du ihn , wie damals , von dir werfen und an das Licht des Tages gehen ? « » Gewiß , gewiß ! - Wie gern ! « Da schob ich ihn vom Tische hinweg , griff nach seinem Manuskripte und sagte : » Hier liegt er ! Das ist er ! Dein Leidensweg , deine Biographie , deine Rechtfertigung , das sind die alten Fetzen , welche ebenso in das Feuer müssen wie dort die Kästen mit den Makulaturen ! Ich bitte dich , auch sie mir zu schenken ! « » Das Manuskript , das ganze , ganze Manuskript ? « fragte er erstaunt . » Ja , das ganze ! « » Du kennst es ja nicht ! Du hast es ja noch gar nicht gelesen ! Lies wenigstens hinten das Gedicht ! « » Ustad , Ustad ! Du glaubst , durch dieses Gedicht das Manuskript retten zu können ! Ja , es ist wahr : deine Ahne sitzt bei dir , die geistige Armut , die ausgehungerte Denkschwachheit , das kraftlose Unvermögen , sich unter den Lumpen hervorzufinden , die man mit warmer Liebe um sich schlägt , weil man sie doch , und doch , und doch für ungeheuer kostbar hält , obgleich man es nicht wagt , dies einzugestehen ! Du glaubst , das Gedicht sei mir unbekannt . Ich kenne es besser als du . Höre zu ! Du sollst die Fetzen fliegen sehen ! « Ich schlug die vorletzte Seite auf und las . Freilich keinesweges in dem Tone , den er dabei jedenfalls angeschlagen hätte . Der meinige war ironisch frömmelnd , möglichst salbungsvoll , bei den letzten vier Zeilen sogar sarkastisch . Als ich geendet hatte , sah ich ihn an . » Effendi , du vernichtest mich ! « rief er aus . » Nein ! Nicht dich , sondern deine Ahne ! Meinst du , auf solche geistige Vorschatten stolz sein zu können ? Ich weiß , was ich thue ; aber ich kenne kein Erbarmen für jene feigen Geister , welche den römischen Kriegsknechten die Mantelfetzen des Erlösers entreißen und sich hineinwickeln , weil sie weder die Kraft noch den Mut besitzen , das zu thun , was er von ihnen fordert : Ein jeder nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach ! Du trugst diese Fetzen zu deiner Hosiannazeit ; das war lächerlich