Trauern aufgetragen worden . Sie hatten irgendwie erfahren , dass wir in Peking gewesen , und hatten nur die Sehnsucht , einmal über alles dortige reden zu hören und zu fragen , ob wir den Sohn vielleicht gekannt hätten . Sie erwarteten keine Ermutigung , sie waren ganz hoffnungslos . Und das war mir das Entsetzlichste , zu sehen , dass andere , die auch ihr Liebstes dort haben , es als ganz rettungslos verloren bereits aufgegeben haben . Das eigene weiter hoffen wollen erschien mir mit einemmal beinah kindisch und töricht . Alles , womit ich mir täglich ein wenig neuen Mut einzureden suche , ist so kläglich schwach , hat eigentlich kaum eine einzige vernünftige Begründung - auch heute steht es wieder mit voller Sicherheit in den Zeitungen , dass kein einziger Fremder mehr in Peking am Leben ist . Die beiden alten Leute haben sich still dahineingefunden und werden nun so weiter leben und noch mehr Trauern tragen . Aber ich kann nicht - o Gott , nein , ich kann nicht ! Und wenn sie alle auch sagen , dass alles hoffnungslos vorbei ist und wenn auch die Glocken zu Trauergottesdiensten läuten - ich kann ' s nicht glauben - will ' s nicht glauben . Und ich schreibe Ihnen weiter , liebster Freund , schreibe Ihnen , weil ich nicht anders kann , weil mir ist , als bildeten diese Zeilen die letzte Brücke zwischen uns . Hörte ich auf , Ihnen zu schreiben , so wäre es mir , als bestätigte ich damit das entsetzliche Unheil , als hätte ich es geschehen lassen - so aber glaube ich , Sie zu halten , Sie zum Bleiben zu zwingen , weil ich Ihnen noch so viel , so sehr viel zu sagen habe . All unsere zusammen verlebten Jahre , von denen ich jetzt erst ganz fühle , wie sehr wir sie zusammen verlebt haben , sie ziehen in Bildern an mir vorbei ; und ich möchte sie Ihnen schildern , und jeder Satz begänne dann : » Erinnern Sie sich ? wissen Sie noch ? « Ich weiss es ja , dass Sie noch wissen , dass Sie sich erinnern - denn jene Jahre sind Ihnen das , was sie mir sind - das worauf man von Anfang an gewartet , was man nie vergisst , was in letzter Stunde noch vor den Augen stehen wird , als einziges , was zu leben wertgewesen . 54 Bay View , den 16. Juli 1900 . Während der letzten Zeit bin ich viel krank gewesen . Es ist , als ob meine Kräfte ganz allmählich schwänden . Jeden Morgen fühle ich , dass mein kleiner Vorrat an Widerstandskraft wiederum ein bisschen abgenommen hat . Die Hitze und Schwüle der Stadt seien schuld daran , meinte der Arzt , Seeluft würde mir gut tun . Ich weiss es anders . Die fortwährende namenlose Angst nagt an mir Tag und Nacht ; und nur das , was wie ein Wunder wäre , kann mir noch helfen . Aber mein Bruder wünschte so sehr , etwas für mich zu tun , für die doch nichts mehr zu tun ist . Da hab ich mich gefügt , und wir sind in dies nahe Seebad gezogen . Ich bin so müde , so hoffnungslos . Warum noch irgend etwas ? Warum irgend etwas nicht ? Was kann noch Wert haben , wenn das Eine , Entsetzliche geschehen durfte ? Es ist jetzt ja doch alles einerlei . Das Eine aber , was ich nicht ertragen kann , ist , wenn fremde , wohlmeinende Menschen mir sagen : » Wie müssen Sie froh sein , dass Sie nicht in Peking sind ! « Oder : » Es ist doch eine wahre Fügung Gottes , dass Sie wenige Monate vorher abgereist sind . « O nein , ich bin nicht froh , fort zu sein ! Wachend und träumend habe ich ja nur den einen Wunsch , in Peking zu sein , seitdem ich weiss , dass Sie dort sind . Dann wären wir doch zusammen - und was läge mir dann daran , alle Leiden erdulden zu müssen ? Sie wären ja alle leichter zu ertragen als getrennt sein und nichts von einander wissen . Und wenn es zum Schlimmsten käme und keine Rettung möglich wäre ? Lebendig sollten uns die Wilden nicht bekommen ; und in meinem letzten Blick würden Sie noch Glück und Dank lesen , Dank für Leben wie für Tod , für alles , was Sie mir gegeben . Und warum soll es eine Fügung Gottes sein , dass ich gerettet bin , während vielleicht viele Frauen und kleine Kinder auf entsetzliche Weise umgekommen sind ? Die waren doch so unschuldig wie ich an all der Verblendung , die allein das Furchtbare möglich gemacht hat . Welch ein Gott , der solcher Auswahl fähig wäre ! Wir würden uns ja von jedem Menschen mit Abscheu wenden , der , in solch göttlicher Allmachtsstellung , nicht jeden Unschuldigen retten wollte . Der Gott so vieler Menschen erreicht in den Handlungen und Erwägungen , die sie ihm andichten , aber nicht einmal ein bescheidenes , menschliches Mittelmass - es ist eben nicht Gott , der die Menschen sich zum Bilde geschaffen , sondern die Menschen haben sich einen Gott konstruiert , nach dem Entsetzlichsten , was sie in der eigenen Natur fanden . Ein Gott ! der Tausende für die Fehler einzelner leiden lässt ! Was muss in Peking während dieser letzten Wochen von Unschuldigen schon erduldet worden sein , und was wird noch alles folgen ? Von allen Ländern aus fahren jetzt Schiffe nach dem fernen Osten ; sie sind voller Menschen , die bis vor wenigen Tagen von China vielleicht nur wussten , dass dort die Männer Zöpfe tragen und die Frauen auf winzigen Füssen einhertrippeln . Diese Kosaken und Franzosen , Engländer und Italiener , Söhne deutscher Gauen , Amerikaner , Japaner , sogar Inder - wozu ziehen sie aus ? An einem entlegenen Erdenwinkel werden sie unbekannte gelbe Männer treffen , die ihrerseits von ihnen nie vorher gehört haben . Tausende von Meilen trennten sie bisher von einander , und sie konnten weder Freund noch Feind sein , denn sie wussten nicht einmal von der gegenseitigen Existenz . Trotzdem wird jetzt einer den andern umbringen , und man wird das schön und patriotisch nennen . Wie sinnlos scheint es doch alles ! Viele ziehen jetzt aus jung und gesund und werden nie wiederkehren , durch Krankheiten mehr noch als durch Kugeln hingerafft . Andere werden wohl zurückkommen , aber wie ? Und alles , um die Fehler anderer zu sühnen ! Und wenn man nun an die Chinesen denkt , an diese armen Unbekannten . Wie viel noch namenloseres Elend wird dort entstehen ? Aber auch da wird es nicht die eigentlich Schuldigen treffen , sondern auch wieder die , so sich nicht wehren können , jene Klasse Menschen , deren jahrtausendelanges Leiden in allen Ländern und bei allen Völkern gleichsam eine unterste Erdschicht bildet , auf der sich alles andere aufbaut , alles , worin wir es so herrlich weit gebracht . Die jetzt also ausfahren , schliessen sich der grössten aller Flotten an , die in endlosen Schiffreihen hinaus segelt in verschleierte Fernen , zu unbekannten Häfen ; jener Flotte , die bestanden hat , so lange es Menschengeschichte gegeben , deren Anfang in die nebligen Fernen urältester Vergangenheit reicht , die seit den Tagen der Ägypter , Perser und Griechen von Jahr zu Jahr gewachsen ist , die nimmer enden wird . Sie ist bemannt mit grauen Leidensgestalten , mit den Zahllosen , den Namenlosen , die von jeher die Schuld der Wenigen getragen . Und alles ist Fügung Gottes . 55 Bay View , 19. Juli 1900 . Wenn mein Bruder nachmittags aus New York zurückkehrt , gehe ich ihm immer entgegen , jedesmal von neuem hoffend , dass er endlich Kunde des Wunders bringen wird . Aber jedesmal schüttelt er schon von weitem den Kopf - keine Nachricht , noch immer keine . Dann fragt er mich , womit ich den Tag verbracht , und wenn ich ihm die stets gleiche Antwort gebe , dass ich Ihnen , liebster Freund , geschrieben habe , sagt er kein Wort , aber ich lese ihm den Gedanken von der Stirn » Wozu noch ? « Er spricht ihn jedoch nie aus und lässt mich ruhig gewähren - wie eine hoffnungslos Kranke , die uns jammert und der man so gern ein paar Stunden des Wahnes gönnt . Muss ich nicht jeden jammern ? ich und die Vielen , die sich seit Wochen grämen wie ich ? Wie ich ? Mir ist , als könnte sich kein zweiter Mensch so in Angst verzehren , als sei dies Leid nur einmal möglich in der weiten leidvollen Welt . 56 Bay View , 20. Juli 1900 . Was wird in solchen Zeiten nicht alles wieder in mir wach ! Alter Aberglaube ersteht wieder , den ich auf immer für abgetan hielt - selbst in das Handeln mit dem lieben Gott verfalle ich zurück . Wie lang , wie lang ist es doch her , dass ich den alten Kaufherrn mit dem langen Silberbart um etwas angegangen bin , aber heute hab ich ihn stürmisch gebeten : » Lass ihn nur leben , lass ihn nur gerettet sein , und ich will dafür auf alles verzichten , will ihn nie wiedersehen , nie mehr seine Stimme hören , nie mehr seine Hand halten - aber lass ihn leben , lass ihn gerettet sein . « Ich weiss nicht , ob er mich erhört hat ; und doch müsste er es eigentlich , denn es ist ein Handel so recht nach alttestamentlichem Sinn - ich biet ihm mein Leben , mein Glück , mein Alles an , um einen andern zu retten - solche Verträge soll er von altersher geliebt haben ! 57 Bay View , 21. Juli 1900 . Gestern noch eine entsetzliche Beschreibung des Endes aller Fremden in Peking und heute bringt Wu-ting-fang dem Washingtoner Auswärtigen Amt ein Chiffre-Telegramm des amerikanischen Gesandten in Peking ! Es ist in allen Zeitungen abgedruckt : » In britischer Gesandtschaft unter fortwährendem Feuer chinesischer Truppen , rascher Entsatz allein kann allgemeines Massacre verhindern . « Seit Tagen versprach Wu , eine direkte Verbindung mit Mr. Conger herzustellen . Aber niemand glaubte ihm . In seiner Vielrederei , Vielgeschäftigkeit und Wichtigtuerei glich er zu sehr der mouche du coche der Fabel ; aber alles soll ihm verziehen sein , was er in seinem Babuenglisch sonst etwa zusammenphantasiert hat , wenn nur dies eine wahr ist , denn es ist doch der erste Hoffnungsschimmer , der uns wiedergegeben ist . Schwach ist er freilich - aber wir können doch wieder hoffen . Die armen , tapferen Menschen halten sich noch immer und sie werden gerettet werden - sie müssen gerettet werden . Aber nun nur Eile , aus Barmherzigkeit Eile , dass uns nicht noch in letzter Stunde unser Liebstes entrissen werde ! Denkt der Ärmsten , die dort hinter den hohen grauen Mauern harren und horchen , ob sie den dröhnenden Schritt der heranrückenden Befreier vernehmen - denkt auch der Ärmsten , welche in allen Ländern mit sehnsüchtigem Herzen harren und horchen auf den ersten Ton lieber Stimmen , die von jenseits der hohen grauen Mauern nach langem Schweigen wieder erklingen und von all den Leiden der letzten Wochen reden werden . Oh ! Eilt euch ! eilt euch ! 58 Bay View , 28. Juli 1900 . Es ist beinahe , als ob die Welt es nicht wahr haben wolle ! In Europa glaubt man jetzt ebenso hartnäckig an das Pekinger Massacre , wie früher an die Bedeutungslosigkeit der Boxer-Bewegung . Nur mit Sensen sollten die Aufständischen bewaffnet sein , ein starker Regen , hiess es , würde sie auseinandertreiben . Jetzt kann man sie nicht furchtbar genug schildern . Vor wenigen Wochen wurden Wachen von 30 Mann für jede Gesandtschaft als überreichlich erachtet - heute sollen 60000 Mann nötig sein , um von Tientsin nach Peking zu marschieren . Die sich mehrenden Nachrichten chinesischer Vizekönige , dass die Fremden noch am Leben seien , werden alle als Täuschungsversuche hingestellt , hinter denen sich schauerliche Pläne verbergen . Ach , das Schauerliche wird sein , wenn man durch dies lange Reden und Zaudern wirklich zu spät kommen sollte ! 59 Bay View , 6. August 1900 . Endlich scheint doch das Zaudern vorbei ! Die Truppen sind von Tientsin aufgebrochen ! Stündlich verfolge ich nun mit den Gedanken ihren Zug , sehe in der Erinnerung beständig das Land zwischen Tientsin und Peking , wie ich es gerade jetzt vor vier Jahren zuerst erblickte , sehe die wehenden grünen Hirsefelder wieder und den braunen Peiho , auf dem die schwerfälligen Boote , mit grossen Segeln besetzt , träge stromaufwärts glitten , den endlosen Windungen des Flusses folgend . Damals gab es noch keine Eisenbahn - heute existiert sie nicht mehr ! In Hausbooten reisten wir den Peiho hinauf . Vier Tage dauerte die heisse Fahrt . Und all die Namen , die heute die Zeitungen füllen , Ho-hsi-wu , Pei-tsang , Yang-tsun , vernahmen wir damals zum erstenmal , sahen diese grauen Hüttenflecken , die jetzt geschichtliche Orte geworden , an denen Schlachten geschlagen werden . 60 Bay View , 10. August 1900 . Manchmal ist mir , als hörte ich ganz deutlich Ihre Stimme . - Dann geht ein Zittern durch mich , der Atem stockt , die Herzschläge fliegen , und ich schliesse die Augen und lausche in namenlosem Glück . Bald , bald muss es ja sein . Zuerst werde ich gar nicht auf die Worte achten können und nur immer den lieben Klang trinken . Wie lang ist es doch schon her ! Wissen Sie es noch ? Haben Sie sich auch so unsagbar , so unaussprechlich gesehnt ? So wie ich gesehnt ? Aber in wenigen Tagen muss ja die furchtbare Angst und Trennungszeit vorüber sein . Bald , bald müssen die Befreier vor Peking stehen . Nicht wahr , liebster Freund , dann kommen Sie auch gleich , gleich ! auf dem schnellsten Schiff , auf dem kürzesten Weg - ich kann es ja nicht länger ertragen . Was liegt Ihnen noch an alten chinesischen Handschriften ? Mögen die doch alle untergehen ! Ich gebe Ihnen dafür mein ganzes Herz , darin zu lesen , und was in ihm steht , ist auch schon alt , ist nicht schwer zu enträtseln und dünkt mich eine so jugendschöne Entdeckung . Was kümmert Sie noch China ? Mag doch der Norden mit Wutki und der Süden mit Ale verzehrt werden , mögen sich die jüngeren Hungernden auch noch jeder seinen kleinen Imbiss zusammenstehlen , aus den Krümeln , die von den Mahlzeiten der älteren , erfahrenen Weltenräuber abfallen - oder mag es zu gar keinem Muspili kommen , sondern alles hübsch im Sande verlaufen , wie man es hier möchte , wo der Wunsch to be well out of it schon laut wird - mag man in ein paar Monaten schon wieder von den unerschütterlichen alten Freundschaftstraditionen reden und der alten Kaiserin die Hand schütteln - was kümmert es uns ? Kommen Sie nur bald , bald von dort zu mir . Dann mag es meinethalben China für die Chinesen heissen - wenn nur China mir Sie zurückgibt , wenn nur wir beide für einander sein können ! 61 Bay View , 12. August 1900 . Alte Briefe der Belagerten treffen jetzt allmählich in Tientsin ein und werden in den Zeitungstelegrammen veröffentlicht . Sie sind von Boten gebracht worden , chinesischen Christen , denen es gelang , durch die Schleusen , oder selbst als Boxer verkleidet , im Gedränge heimlich aus Peking zu entweichen . Wahre Notschreie sind es , bei denen das Herz sich zusammenkrampft ! Und immer dieselbe Bitte » rasche Hilfe , sonst kann sie nichts mehr nützen . « In manchen der kleinen Zettel ist angegeben , für wie viel Tage der Proviant noch reichen könne , und man rechnet rasch nach - und oft ist die Frist schon überschritten . Eine Zahl enthalten die Briefe auch immer - die der Toten . Und wie sie mit jedem neueren Briefe wächst , diese Zahl derjenigen , für die alle Hilfe zu spät kommen wird ! Und die Angst - wer ist schon mitgezählt worden ? Wen wird das Los noch treffen ? Frühestens am 14. sagt man hier , können die Entsatztruppen in Peking sein . Die ganze Welt ist erstaunt über ihr rasches Vordringen - und meiner Ungeduld dünkt es noch immer so langsam ! Flügel möchte ich ihnen geben ! Eine so namenlose Angst erfüllt mich gerade vor diesen letzten Tagen und Stunden . 62 Bay View , 13. August 1900 . Heute Nacht , liebster Freund , wachte ich auf und bildete mir ein , wieder in Peking zu sein . Ich muss im Schlaf ein Geräusch gehört haben , das sich in meinen Träumen zu dem Aufeinanderschlagen zweier Bambusstäbchen verwandelte , womit die chinesischen Nachtwächter ihre nächtlichen Runden begleiten . Wie oft habe ich diesem leisen , dann lauter werdenden , dann wieder verhallenden tak , tak , tak , gelauscht . In heissen Mitsommernächten , wenn die Moskitos gegen die Netze schwirrten und die ganze Erde die Hitze auszuströmen schien , die sie tags über eingesogen hatte , da hörte ich , wie eine dumpfe monotone Begleitung all meiner nächtlich wirren Gedanken diesen gleichmässigen Klang . Und in kalten Winternächten in Peking , wenn der Schnee die grosse , graue Stadt , die hohen Mauern und die weite Ebene draussen bedeckte , und die ganze lebende Welt in tiefer Stille untergegangen schien - da tönte es in der grossen Ruhe wie letztes , alles überdauerndes Leitmotiv : tak , tak , tak - Freud , Leid , Tod - Freud , Leid , Tod ! Besonders erinnere ich mich einiger Frühlingsnächte , da ich in Peking schwer krank lag und des Lebens Funken wie ein schwaches Irrlicht unstet zwischen mir und dem grossen grauen Nichts da draussen hin und her sprang , nicht wissend , ob es gehen oder bleiben solle . Die Fenster standen weit offen ; aus dem Hof drang der Duft des weissen Flieders herein ; von meinem Bette aus sah ich in den sternbesäeten Himmel . Ein grosses Gefühl unendlicher Schwäche überkam mich und doch seliger Befreiung - es war mir als schwebe ich gerade hinein in das tiefe Nachtblau , wo die Sterne winkten - und dazu klang es von der fern unter mir verschwindenden Erde wie leise Schicksalsworte : Freud , Leid , Tod - Freud , Leid , Tod ! Heute Nacht hier in anderem fremden Lande habe ich im Traum wieder den altgewohnten Ton vernommen . Er zittert mir im Herzen weiter , aber ich höre nur immerwährend das eine Wort : tot , tot , tot ! Und eine namenlose , unbeschreibliche Angst hat mich erfasst , ein brennender Wunsch dorthin zu eilen , eine wahre Verzweiflung , hier still sitzen zu müssen . Ich möchte helfen und retten , und dann klingt es immer wieder : tot , tot , tot ! Es ist wie eine quälende , verzehrende Sehnsucht , Sehnsucht nach Ihnen , liebster Freund , Sehnen , Sorgen um Sie . Mir ist , als müsste ich Ihnen grad heute noch tausend und abertausend Liebes sagen , Sie schützen und nicht von mir lassen . Warum nur heute gerade dies Bangen und Zittern , dies Grauen , das mir keine Sekunde Ruhe lässt , das mich vom Haus an den Strand , vom Strand wieder ins Haus treibt , das nicht weichen will , wie sonst nächtliche Spukgestalten , die aus den Träumen ins Wachen übergehen , sondern ein Grauen , das wächst und wächst , auch jetzt während ich Ihnen schreibe . Warum das heute , wo die Retter Ihnen doch schon ganz nahe sein müssen ? - Und dazu immer der leise Klang , wie ich ihn schon nachts im Traum vernahm : tak , tak , tak . Er verfolgt mich förmlich . Ich will nicht und muss ihn doch beständig hören . Ich halte mir die Ohren zu , da vernehm ich das Pulsieren des eigenen Blutes , tak , tak , tak . Wie Glockenläuten dröhnt es , wie beständiges , regelmässiges Schiessen klingt es tak , tak , tak . - Was will es mir nur sagen ? Ich lausche und lausche . Jetzt ist es ganz leise geworden ... Wie aus weiter Ferne , wie letztes versagendes Herzklopfen dringt es zu mir .. tot , tot , tot ... Was soll das ? Was soll es ? O die Angst ! Das Grauen ! 63 Bay View , 17. August 1900 . Endlich , endlich ! Nun ist es wirklich wahr ? Die ersten Depeschen der Gesandten sind in den Zeitungen abgedruckt . Gerettet , wirklich gerettet , wiederhole ich immer von neuem ! Seit diesen ersten Nachrichten weiss ich nicht mehr , was ich tue und sage , weiss nicht , ob ich lache oder weine ! Es scheint beinah unglaublich , dass einmal die Hoffnung Recht und die Verzweiflung Unrecht gehabt haben sollte ! Und in der Freude des Herzens , das zum Himmel jauchzt und dann wieder ängstlich bebt und fragt : » Ist ' s denn wahr ? Ist ' s denn wahr ? « - in diesen ersten Augenblicken eines wie neu geschenkten Lebens ist es mir , als seien Sie hier dicht bei mir , als erlebten wir es alles zusammen . Es ist ja unmöglich , dass eine solche Glückseligkeit mein ganzes Sein erfüllen kann , und Sie nichts davon wissen sollten . - Sicher wissen Sie ' s ! Ich fühl es ja so deutlich , dass Sie hier ganz nahe bei mir sind , wenn auch die armen noch verweinten Augen Sie nicht zu schauen vermögen . Sicherlich werden wir uns bald wiedersehen ! Es wird ein schöner Abend kommen , an dem wir auf goldigem Strande zusammensitzen und hinausschauen auf das weite Meer , das sich durch Sturmestage zur Ruhe hindurchgekämpft hat , und ein solches Glück des Wiederfindens wird in uns sein , dass keine Sprache je das Wort dafür ersann , dass wir kaum zu atmen wagen , dass wir die Sekunden zu Ewigkeiten wandeln möchten . Ja , so , ganz so wird ' s sein . 64 Bay View , 18. August 1900 . Als ich heute früh erwachte , schien die Sonne strahlend in mein Zimmer ; blinzelnd musste ich mich erst an den Glanz gewöhnen . Noch halb im Schlaf , hatte ich die Empfindung , dass etwas Wunderbares , Wunderschönes meiner warte - zuletzt ist mir als Kind so zu Mut gewesen , wenn ich am Weihnachtsmorgen erwachte und mich noch halb träumend erinnerte , dass nebenan im Wohnzimmer der Baum stände mit allen Geschenken . Nicht nur draussen schien aber heute früh die Sonne ; nein , in mir selbst strahlte es von Glück und Seligkeit und auch an diesen Glanz musste ich mich erst blinzelnd gewöhnen - nach der langen Sorgennacht . Die Welt ist schön , die Welt ist gut - weil Sie leben , liebster Freund ! Was spricht man denn von irdischem Jammertal - ein blühender Garten ist ' s - Sie leben ja ! Schmerz und Leid soll alles sein ? Oh , es gibt so wonniges , tief inneres Glück - Sie leben ja ! - Mir ist , als erwache ich erst der Welt , wie sie wirklich ist - meiner Welt - wie ich sie sehe - wie ich sie fühle . Die anderen Leute gehen herum , als sei nichts Besonderes vorgefallen - und es ist doch alles neu und anders als bisher , und alles hat einen tiefen Sinn bekommen , ist verständlich geworden - denn Sie sind gerettet . Sie leben , Sie müssen leben . Um das auszudrücken , was ich empfinde , fände ich keine eigenen Worte , kann nur wiederholen , was jener Grösste in Wort und Ton gedichtet : Winterstürme wichen dem Wonnemond ! - Immer wieder klingt es in mir : Winterstürme wichen dem Wonnemond ! - Ich weiss wohl , positivere Geister als ich würden darüber lächeln : Sie in Peking , ich hier am Atlantischen Ozean und - Wonnemond ? Und es ist doch so , dieses Gefühl grenzenlosen Glücks , unendlicher Dankbarkeit . Hat ein Gott die Menschen erschaffen , wie seit viel hundert Jahren den Kindern gelehrt wird , so sei Ihm Dank , dass er Sie geschaffen . Haben seit Äonen unbewusst wollende Zellen in dunklem Triebe sich so gefügt , dass schliesslich der Mensch erstand , so sei Dank jenen unendlich Kleinen , aus denen Sie wurden ! Mein Gottesgeschenk , mein Weltenwunder ! Was liegt an Namen und Glauben ! Empfindung ist alles , was wir wissen - Winterstürme wichen dem Wonnemond ! 65 Bay View , 19. August 1900 . Gleich nachdem die erste sichere Nachricht kam , habe ich Ihnen telegraphiert und Sie gebeten , mir sofort Nachricht zu geben , denn ich muss es von Ihnen selbst hören , dass Sie gerettet sind , muss mein eigenes Telegramm von Ihnen in der Hand halten können , ein Wort des Glücks , für mich allein bestimmt , in dem grossen Jubelklang , der durch die Welt tönt . Nun warte ich - o , wie ich warte ! - auf die erste Kunde , die von Ihnen wieder zu mir dringen wird , nach der langen , langen Zeit . Dieser Brief soll erst abgesandt werden , wenn ich Ihr Telegramm habe - denn ich werde ihn ja gar nicht mehr nach Peking zu schicken brauchen . Sicher reisen Sie doch gleich von dort ab . Was soll Sie denn auch hindern , wenn ich Sie rufe - und ich rufe Sie , liebster Freund , rufe Sie mit solcher Sehnsucht , dass Sie es fühlen und hören müssen , wo Sie auch sind und durch die dicksten chinesischen Mauern hindurch ! 20. August 1900 . Ich bin so ungeduldig . Kann das Warten auf Ihr Telegramm kaum mehr ertragen . Dann beruhigt mich mein Bruder und erklärt mir immer wieder , dass jetzt Telegramme viel langsamer als sonst nach Peking gehen . Ich sehe es ja auch ein , dass es gar nicht anders sein kann , und sicher warten viele Menschen jetzt gerade so wie ich auf ein paar liebe Worte und müssen sich auch gedulden , wie ich - und dann denk ich doch immer wieder , dies eine einzige kleine Telegramm könnte doch recht schnell durchgelassen werden , denn es trägt so viel Glück in sich , dass es den Vorrang vor allem andern auf der Welt verdient ! 21. August 1900 . Heute , liebster Freund , fühle ich , dass ich ganz sicher von Ihnen Nachricht bekommen muss , und dann soll der Brief gleich abgehen . Er soll Ihnen sagen ... Zuerst waren mir die Worte ein leerer Schall . Sie bedeuteten gar nichts . Erst ganz langsam hab ich sie verstanden . Die See draussen rauscht weiter , und die Wellen schlagen gegen den Strand - ganz so wie vorhin in der blassfernen Zeit , da ich die Worte noch nicht vernommen . Er wird das Rauschen nie mehr hören . Bedeutet es das , wenn sie sagen , dass er tot ist ? Und der Brief an ihn liegt begonnen vor mir . ... Er wird ihn nie mehr lesen . Ist es das , was sie damit meinen , dass er tot sei ? Heisst es , dass nichts von mir ihn je noch erreichen kann ? Dass die ganze Welt für ihn nicht mehr ist , dass ich für ihn nicht mehr bin , weil er selbst nicht mehr ist ? Heisst es das ? Ich höre immer nur dieselben Worte - er ist nicht mehr . Zuerst verstand ich ' s nicht - nun ist es alles , was ich noch weiss . Die Worte füllen die Welt - alles andere ist versunken . Hätte ich ihn doch nur ein einziges Mal noch sehen können ! Wär ich doch wenigstens zu allerletzt bei ihm gewesen ! Dass er da allein sein , allein sterben musste ! Seine Verlassenheit ermass ich an der eigenen Vereinsamung , seinen Jammer an meinem Jammer . Jahrelang hat er mich umgeben mit Zartheit und Fürsorge , hat mich geliebt - wie sehr , weiss ich erst jetzt - ich durfte damals ja gar nicht dran denken - musste vorbeigehen - wo er mir sein ganzes Leben gab . Ach , gäb es doch nur eine Stunde , von der ich mir jetzt sagen könnte , die habe ich ihm ganz geschenkt , deren hat er sich mit den allerletzten Gedanken sicherlich noch erinnert ! Hätte ich doch selbst den Trost solch einer einzigen Erinnerung ! Aber nichts durfte ich ihm sein . Nicht einmal in seiner letzten Stunde konnte ich bei ihm sein . Allein musste er sterben . Hätte ich ihm doch nur ein einziges Mal noch sagen können : » Nicht wahr , Du hast es doch immer gewusst , wie sehr ich Dich geliebt ? « Ach , dass ich doch bei ihm unter der Erde ruhte ! - Ich sehe immer nur ein endloses Trümmerfeld - wie öde der Weg , der nirgends hinführt - das war mein Leben . Wie Erinnerungen unzähliger Existenzen steigt es in mir auf . In ihnen allen war er , war ich . Wir wissen es nur nicht mehr . In ihnen allen haben wir uns gesucht , ich fühl es dunkel . Aber fanden wir uns je