Erde , des Himmels , des Lebens ! Ach , sterben ! jetzt ! jäh ! in der Seligkeit dieses Augenblicks . Es ist zu schön , es wird schnell zerbrechen . Er wird mich sehen , wie ich wirklich bin , dann wird es vorüber sein . Nein , sterben , und wäre es unter Qualen , aber mit dem Kuß des Glückes auf den Lippen . Sterben durch deine Hand ! Durch deinen Dolch . Mit dir zusammen sterben ? Eine plötzliche Angst überfällt Josefine , eine Angst vor sich selbst . Ich bin irr ! Auch ihn töten wie den anderen , den ich heute nacht in seinem Gefängnis erstickt habe ? Was für mörderische Gedanken hege ich ! Und mich - mich sollte er lieben ? Aber der verführerische Gedanke läßt sich nicht bannen . Er legt sich wie ein erschlaffendes Bad um die müde Seele . Könnte das sein ! Mit ihm zusammen sterben ... Ach - ich muß allein ! Er muß leben ! Was ? diese Augen brechen sehen ? diese Stirn erbleichen sehen im Todesschweiß ? Und meinetwegen ? Ach , eine Hilfe ! eine Hilfe aus dieser großen Not ! Sie ringt die Hände . Nur die Glücklichen dürfen sterben . Nicht Menschen wie ich ! ! Es klopft hart an die Tür . Josefine springt auf , öffnet verstört . Vom Frauenspital ist Botschaft da . Sie muß kommen . Sofort . Diese Geburt , die erste , die sie selbständig leiten soll , das erste Mal , daß ihr diese Aufgabe wird , und sie hat das vergessen ? So untauglich also ! Solch eine nutzlose Träumerin ! Und was für Träume ! Heiliger Gott , laß nur nie einen Strahl deines Himmelslichts in dies dunkle Herz fallen . Schande ! eine Schande ! Josefine rafft eilig ihre Instrumente zusammen , sie senkt den Kopf , ruft Helene zu , daß sie gehe , und läuft hinaus . Das ganze Gewicht des Daseins schwebt über ihrem unbeschützten Nacken und will sich darauf niederstürzen . Die Oberwärterin guckt sie befremdet an , die Praktikantin Josefine scheint ihr viel zu aufgeregt . Weiß diese Praktikantin auch , daß hier zwei Menschenleben von ihr abhängen ? Aber wie sie den Hut abgelegt hat und die Handschuhe wegtut , hat sie ja schon ein ganz anderes Gesicht . Die Erregung ist wie weggewischt , hier ist nur tiefer Ernst und ein Aufgehen in ihrer Aufgabe . Am Bett der sich windenden , schreienden Frau gewinnt Josefine alle Ruhe wieder . Das arme Dienstmädchen , das in seinen Schmerzen um den Tod winselt - sie besänftigt es liebevoll , weist es zurecht , sagt ihm , daß es leben müsse , um ihr Kind zu geben . Und das seltsame blinde Gesetz des Lebens um jeden Preis ergreift sie beide , die Gebärende und die Ärztin . Wem gebe ich mein Kind ? Dem Licht ? dem Tage ? der Finsternis ? grausamer Verfolgung ? Die Arme fragt es nicht , sie duldet , sie hält aus . Und in demselben blinden Lebensdrang , der die Mutter beherrscht , tut mit Kraft und mit keinen Augenblick erschlaffender Umsicht die Helferin , was sie zu machen hat . Den ganzen Abend bleibt sie , die ganze Nacht am Bette der Ringenden . In dieser Nacht , in der sie gewünscht hatte , sich das Leben zu nehmen , in der sie sich das Leben genommen hätte , wäre sie ein freier Mensch gewesen , nicht eine Mutter und Helferin - in dieser selben Nacht verhalf sie einem Wesen zum Leben und erhielt das andere in seinen Nöten . Als sie fröstelnd und hungrig durch die tauige Morgendämmerung beim ersten schüchternen Amselruf heimwärts ging , war das wundersame Erlebnis mit Hovannessian schon Vergangenheit geworden . Das schwere blutige Leiden eines Menschen lag dazwischen . Sie dachte an Bücher , die sie notwendig zu studieren hätte , an vielerlei Gelerntes und wieder Vergessenes . » Hovannessian , « sagte sie halblaut vor sich hin , und ein Lächeln löste ihre starren Züge , » mein lieber Freund , Sie denken viel zu hoch von mir ! « Sie sah zur Seite ; es war ihr tröstlich zu denken , er gehe dort neben ihr . » Viel zu hoch ! « wiederholte sie sich , » wirklich , das Beste , was ich vermag , ist , daß ich mich der Forderung des Augenblicks fügen kann . « Eine Ruhe , wie sie ihr lange fern geblieben , senkte sich mit der Ermüdung der Muskeln auf ihre Sinne . Als habe sie ein Ziel , ein langersehntes , jetzt unverhofft erreicht . » Er schätzt an mir , daß ich arbeiten kann ! « sagte sie , befriedigt lächelnd , » es ist das einzige , was er an mir schätzen kann , sonst bin ich ja nichts . Wir wollen uns das erhalten , nicht wahr , mein Freund ? Oh , ich habe so lange nicht mit voller Kraft gearbeitet . « Ihre Blicke küßten den Morgenstern . In ihrem Herzen war ein Heiligtum . » Wie eifrig du dich zu Grunde richtest ! « schalt Helene Begas die Freundin . » Diese ewige Exaltation . Auch wenn du nicht sprichst - immer siehst du aus , als wolltest du aufschreien ! Und arbeiten bis in die Nacht obendrein ! Ich lese jetzt Augustinus . Sehr lehrreich ! Du hast wohl Heimsuchungen wie der ? « Josefine zischte ihr etwas ins Gesicht . Sie war glühendrot geworden . Helene seufzte . » O , diese verkehrte Welt ! Diese glühenden Heiligen alle ! Der Hovannessian ist auch so einer . Ich bin immer in Versuchung , ein Zündhölzchen in seinen Dunstkreis zu halten - ich glaube , es würde brennen ! Meinst nicht auch ? « Und als keine Antwort kam , fuhr sie ernster fort , auf das Repinsche Bild deutend , das jetzt in der Nähe des Schreibtisches mit Heftnägeln befestigt war . » Gestern hat Hovannessian mir das Bild erklärt , « sagte Helene , » es ist ausgezeichnet gemacht , nicht wahr ? Der Junge da , in dem zerrissenen roten Kittel mit dem Kreuz auf der Brust , den zeigte er mir ganz gerührt . Der kämpft noch , sagte er , die anderen haben sich schon ergeben . Und dann , ganz ruhig : Bei diesem habe ich immer an ihre Freundin Josefine gedacht , da ist eine große Ähnlichkeit . Und seine Augen brannten zwei Löcher in das Bild , sag ich dir , so hat er es angestaunt . « » Sprich nicht von ihm , « murmelte Josefine , ihr Ton bat : Sprich noch ! sprich mehr von ihm ! Aber Helene gehorchte den Worten : » Gottchen , ruhig Blut ! Das bete ich immer für dich , liebste Josy - ich hab ' s ja zum Glück , bin als Amphibium geplant gewesen und rein aus Zufall ' n Mädchen geworden . Ich sage dir , so was Bequemes wie mein Temperament - - « Ja , Josefine hatte Augenblicke heftigen Verlangens nach dem Manne , den sie liebte . Sie haßte und verachtete sich unbeschreiblich in diesen Augenblicken , aber sie kehrten immer wieder . War er fern , dann blieb er ihr Held , ihr Adler , ihr edler Zypressenbaum , aber seine Nähe reizte und quälte sie zuweilen so , daß sie fortgehen mußte . Sie stand dann , nach Fassung und Ruhe suchend , in ihrem Schlafzimmer , rang die Hände , biß ihre Lippen , reckte verlangend die Arme nach der Tür . Und schämte sich ! schämte sich ! Dann trieb der Drang sie wieder zurück zu ihm , und sie machte absichtlich kleine enge Schritte , hielt die Arme ängstlich dicht an sich gedrückt , wenn sie wieder ins Zimmer trat . Einmal auf ihn zufliegen und ihn totküssen ! Einmal ! Aber sie kam scheu und langsam und sah mit wilder Eifersucht Hermann oder Rösi in seinem Arm . Kaum beherrschte sie ihre Blicke . Wenn Zwicky neben ihm stand , vertraulich die Hand auf Hovannessians Schulter , Helene und Bernstein scherzend mit ihm spielten , ihn um den Tisch herumjagten oder die Erwachsenen und die Kinder ihn dicht umdrängten , dann kam ihr eine wahnsinnige Lust , zu rufen : Er ist mein ! mein ! Fort ihr alle ! Wie könnt ihr wagen , ihn zu berühren ? Ihr ganzes Wesen war in Empörung in solchen Augenblicken ; - gegen Laure Anaise , die sich oft mit naiver Bewunderung in Hovannessians Nähe drängte , entstand dann ein spontaner Widerwille in der Seele der Frau , gegen den sie umsonst mit allen Gründen der Vernunft ankämpfte . Dann kam eine Wut über sich selbst , eine Zerknirschung , eine Verachtung , die in tiefster Selbsterniedrigung sich genugtun wollte . Sie wollte an Hovannessian schreiben , ihm ihre ganze wilde lodernde Leidenschaft enthüllen und ihm sagen : So sehr hast du dich in mir geirrt ! so schlecht bin ich ! Aber sie schrieb nicht , denn wenn sie allein war , verflog der unheilige Sturm , und ihre Seele kniete andachtsvoll vor ihrem Abgott . Sie war wieder rein , wieder glücklich , sie wollte ihn nicht für sich , der ganzen Welt sollte er leuchten , viele beglücken durch sein Dasein , so wie er sie beglückte . Wenn sie dich kennen , dann werden sie nicht mehr trauern , nicht mehr allein sich fühlen ; keine Niedrigkeit , keine Gemeinheit , keine Angst vor dem Abgrund wird sie mehr quälen , wenn sie dich kennen , meine Sonne ! In solchen Augenblicken schien ihre Liebe ihr ein Gottesdienst ; sie vergoß Freudentränen vor einem Altar ; die Gewißheit , daß das Leben gut sei , weil auf ihrem Altar dieses Bildnis stand , umtönte sie wie himmlischer Gesang . Sie hob die Hände und betete wie ein Kind : » Mach mich gut ! mach mich fromm , daß ich zu dir in Himmel komm ! Amen . « Zwischen frommer Ekstase und wildem Begehren hin und her gerissen , gehetzt und müde , griff sie dann nach der Arbeit , der immer wartenden , wie zu einer heilenden Arzenei . Und in der Arbeit schien es ihr , als lebe sie erst jetzt wirklich . Das andere war ein Tanzen und Taumeln auf stürmischer Flut ; hier war sie selbst , hier stand sie ruhig am Steuer und drehte das Rad und spähte sorglich nach den Sternen und den Klippen . Sie wuchs in dieser Zeit an Einsicht und Stoffbeherrschung ; ihr Blick vertiefte sich mehr und mehr , und ein Gefühl der Überlegenheit über ihre eigenen Leidenschaften wehte manchmal kühl herauf . Ich liebe ihn , weil ich ihn lieben will , dachte sie dann ; wenn ich nicht will , dann kann ich diese Lampe auslöschen . Es wird dann Nacht sein , aber man kann auch im Finstern leben . So vergingen zwei Monate , und dann kam ein Abend . Jener Abend . Josefine war noch spät in der chirurgischen Abteilung geblieben . Die ihr liebe Krankenschwester Wanda war abwesend ; ein kleiner Halbtagsausflug nach Rapperswyl war ihr gewährt worden unter der Bedingung , daß sie Ersatz stellen könne . Josefine war für sie dageblieben . Es war schwül ; den ganzen Tag hatten die Fliegen ihre Kranken gequält , und die offenen Fenster hatten nicht vermocht , frischere Luft in der überfüllten Abteilung zu schaffen . Dieser Spitaldunst , zusammengesetzt aus den scharfen , durchdringenden Gerüchen des Jodoforms , des Chloroforms und des Karbols und aus den Ausdünstungen der Kranken und ihrer Wunden , war der Medizinerin noch immer eine schwer zu ertragende Last . Schrecklich waren vor allem die eiterhüftigen jungen Mädchen ; in ihrer Nähe roch es nach Tod und Verwesung , und doch forderten gerade diese Hilflosen , zu langem Siechtum Verurteilten so sehr die Teilnahme heraus . Neben ihrem Schmerzenslager sitzen , ihre eiskalte , feuchte oder fieberglühende Hand streicheln , einen sanften Dankesblick in ihre tiefliegenden Augen rufen - es war Josefine unmöglich , auf diese Freude zu verzichten , obgleich die leichte Bettkleidung der Kranken vom Schweiß der Schwäche durchtränkt war , und obgleich ihr beklemmter Atem aus einem Grabe zu kommen schien . Widriger war ihr das Gezänk zweier blutjunger Mädchen gewesen , die sich gegenseitig mit kläglichen und doch von Bosheit geschliffenen Stimmen wegen ihrer Verstümmelungen verhöhnten . Beide waren Lupuskranke . » Sie hat nur ein Aug , und sie glaubt noch , daß sie sich putzen muß ! Für den Doktor bist schön g ' nug . Meinst , er schaut so eine an ? Mit dem Kotelett im G ' sicht ? haha ! « » Aber du ! « schrie die andere fast weinend , » du mit dem künschtlichen Knödel da ! ischt däs e Näs ? Halte - là , wöllscht en Schpiegel eppe ? I ben noch dusigmal schöner für di ! « Die erste , die mit einem roten Bande getändelt hatte , das sie sich um den glatten , weißen Mädchenhals schlang , befühlte oberflächlich den seltsamen Nasenklumpen , den ihr der Arzt aus der Stirn geformt hatte . Vorsichtig liefen die Fingerspitzen über die gespannte Haut . » Net so übel wie du ! « grollte sie hämisch , » und i krieg allbot en Mann , aber du - jo frili , du bischt zum Beduere ! so e Blindschleich - wer die emal nimmt ! « Die Halbblinde schlug ein gellendes Gelächter an , das in Schluchzen endete . » Du ! du ! en Mann ? aber i - i bin schon besser , gelt Schweschter ? I wär net übel ! Ein Aug sieht noch g ' nueg ! Schweschter , Se , die welche von uns zwei ischt schöner ? die wel ' kriegt ' n Mann ? « » Schämt ' s euch ! beruhigt euch ! kriegt alle beide keinen Mann ! ' s geht auch so ! « sagte Schwester Wanda , die erfrischt und rotbäckig von ihrem Spaziergang zurückgekehrt war und einen großen Feldblumenstrauß in die Abteilung mitbrachte . » Zankt ihr schon wieder ? « Josefine war dann gegangen . Sie konnte das Gekeife nicht loswerden . Mit zusammengezogener Stirn horchte sie noch auf die jammervollen und häßlichen Worte , während sie unter den wehenden Bäumen des Spitalgartens dahinging . Es wetterleuchtete über dem See ; der Himmel war mit flatternden Wolken bedeckt , zwischen denen der fast noch volle Mond hinrollte , bald verschwindend , bald aus dem zackigen , schwarzen Vorhang auftauchend und einen blauen Guß von Licht auf den Weg sendend . Als sie fast das Tor des Gitters erreicht hatte , in dem ein Seitenpförtchen für sie offen stand , kamen leichte , leise Schritte über den Kies , und eine Stimme sagte : » Guten Abend . « Josefine wich unwillkürlich zurück . Sie hatte sich unausgesetzt mit ihm beschäftigt , hatte bei dem Zank der Kranken gedacht : Wie entsetzt würde Hovannessian sein , wenn er dies hörte ! Sie hatte sich eben gewöhnt , alles an ihm zu messen , was ihr begegnete . Und nun war er plötzlich vor ihr , schien hier auf sie gewartet zu haben . » Wollen Sie spazieren , oder sind Sie müde ? « sagte er leise , indem er an ihre Seite trat . Befangen , wortlos , taten sie nebeneinander einige Schritte . » Es ist aber schwül , « sagte Josefine gepreßt , » es kommt etwas . « » O nein , noch nicht . Ich möchte , wenn Sie erlauben - einige Worte mit Ihnen - « Seine bebende Stimme sagte alles . Das Schweigen , mit dem sie an Josefines Hause vorüber und die noch unbebaute ansteigende Straße hinangingen , war betäubend . Sie standen einen Augenblick und blickten auf das lichtdurchstickte Stadtbild unter ihnen , auf das jetzt alle Sterne und der Mond leuchtend heruntersahen . Der Wind strich mit einem plötzlichen tiefen , dumpfen Orgelton über die Berghalde hinter ihnen . Hovannessian hielt ihre Hand , drückte sie an die Lippen und atmete tief . » Mir ist so schwer ... Ich kann nicht mehr zu Ihnen kommen ... So gespannt , so unruhig ... « » Ja , « flüsterte Josefine mechanisch , » ja , es ist wohl - « » Ich weiß - Sie lieben - einen - anderen - ; ich - ich weiß - Sie - o , ich bin Ihr Freund - ich möchte - Sie lieben - ihn - Ihren Mann - « Er zeigte flüchtig nach oben . » Ach , könnt ich Sie nehmen und aus allem heraustragen , und wir fliegen - fliegen auf einen schönen Stern ! Muß ich - muß ich fortbleiben ? Soll ich - Josefine ? « Sie hob ihre angstvollen Augen auf , flehend , außer sich . Nein ! nein ! flehten ihre Augen . » Ja , « hauchten ihre zitternden Lippen . Er stöhnte auf , der Fleheblick brachte ihn um alle Besinnung . Josefine fühlte plötzlich etwas Starkes , Mächtiges , Heißes , das sie ganz umschlang , ganz einhüllte . Sie zerschmolz in einer nie empfundenen Glut . Eine Flamme zuckte auf ihren dürstenden , verbrannten Lippen . Sie bäumte sich zurück , stemmte die Hände gegen seine breite , hochklopfende Brust ... » Willst du nicht mein sein ? willst du nicht ? « rauschte es an ihrem Ohr wie ein Wildbach . Und der wilde Bach ihres Blutes schrie » ja « . Aber ihr selbst unerklärlich , unbewußt riefen die Lippen : » Nein ! nein ! « » Nein ! « Er lockerte seinen Arm um ihre Schulter , er seufzte laut . » Nein ? « » Nein ! « wiederholte die Frau , » nein ! nein ! « Sein Arm sank herab . Er nahm ihre Hand , klemmte ihre Finger zwischen seine Zähne . » Ich soll nicht wiederkommen ? « » Nein ! « » Und du wirst mich vergessen , Josefine ? « Ein gebrochener Laut kam aus ihrem Munde , sie bebte am ganzen Körper . » Sterben , « flüsterte sie rauh , » nur sterben ! « Ein plötzlicher Schauder überlief seine große , prächtige Gestalt . » Das ist zu schwach für dich ! - du - wirst leben , « sagte er leise , nachdrücklich . Die Hand vor den Augen stand er eine Weile stumm . Josefine rührte sich nicht . Die Luft war voller Seufzer . Ihr war , als sei er schon fern , fern , als sei sie schon gestorben . » Nach mir - was ich tun werde , fragst du nicht , « sagte er bitter . Hastig trat sie auf ihn zu : » Was wirst du tun ? « Da zog er sie noch einmal in die Arme und begann zu flüstern , in seiner Sprache , mit erstickter Stimme , mit nassen Augen , einen Segen , ein Gebet , einen Dank . Und dann : » Lebe ! lehre mich zu ertragen ! du wirst vieles tun ! Ich werde von dir hören . Vielleicht hörst du von mir . Wir haben Aufgaben dort - du weißt ... in Rußland ! « Sein Ton verlor die dringende Wärme , seine Augen blickten groß und über sie hinaus . » Zwischen dir und mir liegt ein Dolch , « sagte er mit gerunzelten Brauen . Seine Arme gaben sie frei . » Du hast es so gewollt . « Das Wetterleuchten um sie herum ruhte keinen Augenblick , es war ein rotes und grünliches Lohen , die ersten Donner rollten über den See . Hell schien der Mond . Erschlagt mich , ihr Blitze , wimmerte Josefines gequälte Seele , dies ist mehr , als ich tragen kann . Sie wendete sich um , entfernte sich : » Einziger Freund ! « stammelte sie mit gesenktem Kopfe , » lebe wohl - glücklich du ! - vergiß - ich - ich - danke - dir - « Sie verschwand im Schatten der Bäume . Ihre Worte verklangen klagend im Rauschen der Äste . Hovannessian ließ sie gehen ... Er wartete , daß sie zurückkehren , daß sie wenigstens den Kopf nach ihm zurückwenden würde . Aber sie tat es nicht . Mit wankenden Schritten , in gebeugter Haltung , aber durch eine unerklärliche Kraft beseelt ging sie vorwärts , blind geradeaus . Wenn ein Berg dort vor ihr wäre , sie würde hindurchgehen , dachte der Mann . Er folgte ihr in einiger Entfernung , sah , wie sie in den Lichtkreis ihres Hauses trat , wie sie sich zu kurzer Rast an die Pfosten des kleinen , hölzernen Vorbaues lehnte . Mit hintenüber gesunkenem Kopf stand sie , den Hut in der schlaff herabhängenden Hand . Er fühlte , daß er sie allein lassen müsse , aus Schonung , aus Zartgefühl , aus einer Liebe , die er sich selbst nicht zugetraut , und die ihm plötzlich gekommen war , irgendwoher , vom Himmel herunter oder aus dem Herzen der Frau , die ihn geboren . Gefunden und verloren , dachte er . Warum drängt alles vorwärts ! Warum konnte es nicht bleiben , wie es war ! Sie war im Hause verschwunden . » Gott schütze dich ! Gott sei mit dir ! « murmelte der Mann unter den Bäumen , mechanisch - Er glaubte an keinen Gott , er glaubte an keinen Schutz , der sich erflehen ließ , aber in dieser heiligen Stunde fand er auf seinen Lippen die Worte seiner Mutter , die er liebte , die Worte einfältiger , demütiger , ergebener Zärtlichkeit . Auf dem Bänkchen in der Anlage , wo er ihr Haus sehen konnte , verbrachte er die Nacht . Zwei Tage später hatte er die Stadt verlassen . Und Josefine lebte weiter in dem verödeten Zimmer , in dem verödeten Hause , in der verödeten Stadt . Die Welt war eine Wüste geworden . Lebte weiter , ein Leben ohne Sinn und Inhalt , ohne Sonne und Stern , verstümmelt und verarmt . Lebte so , lange , lange Monate , vier qualvolle Monate . Nicht untätig , aber in einer seellosen , bewußtlosen Tätigkeit , aufnehmend und wieder vergessend , und von neuem aufnehmend und von neuem vergessend . Die Arbeit , ihre Ehre und ihre Hoffnung , war wieder nur das Opium geworden , das ihre Schmerzen betäubte , abstumpfte , einschläferte . Sie spann sich in ein dichtes Netz ; was draußen vorging , war so gleichgültig geworden . Eine seltsame Unempfindlichkeit gegen Böses und Gutes stellte sich ein . Ihr Verkehr mit den Kindern selbst , mit den Hausgenossen und Freunden wurde äußerlich und unfruchtbar . Aus der Einsamkeit kommen wir , in Einsamkeit leben wir , in die Einsamkeit kehren wir zurück , fühlte sie , und groß und fremd blickte sie die anderen Menschen an , die von Gemeinsamkeit , Zusammenwirken , Solidarität sprachen . Sie war allein . Viertes Buch Dor dem Bahnhofsgebäude , auf dem geräumigen Platz um den schönen Brunnen und unter den Säulengängen stand eine Kopf an Kopf gedrängte Menge . Die Silberlinden des Platzes und der ausmündenden Straßen waren schon gelb und dünn belaubt , aber eine heißrote Oktobersonne schien durch weißlichen Staub und Dunst und machte die grüne , weißschäumende Limmat , deren lebendige Wasser , rasch und wirbelnd nach der Aufstauung , zu den Mühlen unterhalb der Brücken niederrauschen , zu einem erfrischenden , Erquickung hauchenden Anblick . Frauen ohne Kopfbedeckung , mit Körbchen am Arm , braune Großväterchen mit qualmenden Pfeifen , Kinder in bunten Sommerkleidern und Mädchen mit Kinderwägelchen bildeten Gruppen unter den Arkaden , nah den Ausgängen . Eifrig äugten sie nach den vom Portier ausgehängten Schildern , welche die ankommenden Züge verkünden sollten ; Lachen und Scherzworte belebten zuweilen die Gruppen , unter denen es kein Stoßen und Drängen gab , wohl aber eine gemeinsame angenehme Aufregung , die Erwartung von etwas Fröhlichem und Willkommenem . Lauter und dichter drängte sich die Menge auf dem Platz , unter den gelichteten Bäumen ; bis zum Eingang der Löwenstraße standen sie , schlossen den kleinen Zeitungskiosk an der Brücke ein und gestatteten selbst dem elektrischen Tram und den gelben Postwagen nur eine langsame , beengte Durchfahrt . Hier herrschten die Männerkleider vor , aber nicht die gewohnte dunkle Tracht des Städters , sondern weiße und weißblaue Turnerkleidung , aus der schlanke gebräunte Arme und Nacken hervorsahen . Fahnen und Banner wurden von Zeit zu Zeit bewegt , zuweilen spielte ein nahe dem Brunnen aufgestelltes Musikkorps . Die Sonne blinkte in dem springenden und stürzenden Wasser und auf den blanken Messingröhren der Trompeten ; Jodler stiegen wie Vogelrufe empor , und ein kleiner Trupp italienischer Arbeiter , zusammengedrängt in einer Ecke , sang ein taktmäßig mit den Spazierstöcken auf den Straßensteinen betontes Schelmenlied . Der Zug pfiff , eine Kirchenuhr schlug , dann schlug auch die Uhr des Bahnhofs mit hellem , schwirrendem Schlag : fünf Uhr . Das ersehnte Schild wurde herausgehängt , Mütter und Väter strebten , sich in die Nähe der Doppeltüren zu drängen , die Kinderwägelchen bildeten Spalier , die Portiers öffneten , und die Kinder der Ferienkolonien , alle mit Sträußen in den Händen , mit weinlaubbekränzten Hüten , mit Efeuzweigen um den Hals , mit Eichenkränzen , die auf der Spitze eines Stockes schaukelten , alle lustig , erhitzt , bestaubt und betäubt von der Fahrt und dem Lärm , kamen laufend und springend die einen , verträumt und langsam die anderen aus der dämmerigen Halle in das blendende Sonnenuntergangsrot heraus . Es wurde geküßt , umarmt , geschrien , gesucht , kleine Reisetaschen und Köfferchen geschwenkt , ein fröhliches , lautes Gewimmel entstand zu den Füßen der großen Sandsteinpfeiler , unter den Bogen . Die roten Heidekrautsträuße , die bekränzten Strohhüte , die bunten Herbstblätterranken , in die einige der kleinsten Reisenden vom Mützchen bis zum Saum des kurzen Kleides eingehüllt waren , schwärmten zwischen die Großväterpfeifchen , die ausgestreckten Mutterarme , die den Weg versperrenden Kinderwägelchen hinein , flimmerten abwärts über die breiten Stufen und verloren sich in der Menge . Ehe die Eltern noch ihre Kinder , die Kinder ihre Mütter gefunden , kam der zweite festlich erwartete Zug an ; eine andere Pforte öffnete sich , donnernd fuhren die Wagen in die Halle , siegreiche Turner mit radgroßen Lorbeerkränzen , mit bekrönten Bannern erschienen auf der Treppe , Hurrageschrei , Bravorufen , Händeklatschen erscholl ihnen entgegen , die Fahnen der auf dem Platze Wartenden begrüßten die Fahnen der Ankommenden , die Musikanten schmetterten los , hüben und drüben , hinter den Turnern tauchten braune bärenstarke Gestalten auf in dunklen ärmellosen Sammetwämsern , Sennen aus dem Bernerland , aus dem Freiburgischen , von denen zwei je eine junge Tanne , die sie mit ihren eisernen Fäusten aus dem Berggestein gerissen zu haben schienen , über den Häuptern der Heraustretenden schwenkten . Die Luft erbrauste von Jubel . Jemand intonierte das Schweizerlied , und Gottfried Kellers feurig-inniges : » Oh mein Schweizerland ! oh mein Heimatland ! Wie so innig , feurig lieb ich dich ! « dröhnte aus Hunderten von jungen Kehlen über den menschenvollen Platz . Alles war laute Freude , Stolz , gute Laune - man stand und sang , schrie , lachte , ohne sich zu drängen , ohne Eile fortzukommen , ohne belästigende , die Menge in Verwirrung bringende Polizei . Eines jener improvisierten Feste , an denen das Schweizerleben so reich ist , ein Besuch der Bergbewohner bei den Städtern , kräftig gefeiert durch körperliche Spiele und heitere Wettkämpfe in allerlei Fertigkeiten , begann mit diesem jubelnden Empfang auf dem Bahnhofplatze , dessen beflaggte Häuser den fröhlichen Ankömmlingen den Gruß der ganzen schönen Limmatstadt entgegenwinkten . Der lange Wagenzug hatte eine Menge Besucher gebracht , die alle durch ein Band vereint schienen . Die wenigen Privatleute , die zwischen die geschmückten gebräunten Gesellen vom Hochgebirge geraten waren , drückten sich langsam und wie beschämt vorwärts , wofern sie nicht Schaulust oder Teilnahme zum Stehenbleiben und Mitwarten veranlaßte . Einige begrüßten sich laut mit irgend einem starken Sennen oder einem berühmten Schwinger , stolz auf die Bekanntschaft und hoffend , daß von dem Glanze jener Berühmtheit etwas auf sie selber hinstrahlen werde . - - Einer nur , ein kranker gelber Mann , schleppte sich teilnahmlos und mühsam durch die gestauten Massen . In einem eleganten Anzuge , der ihm zu weit war und jene uns so sehr auffallende Mode von ehegestern zeigte ; mit einer kleinen juchtenledernen Reisetasche , die ihn ganz auf die linke Seite hinunterzog . Der unter den Schlapphüten unangenehm hervorstechende Zylinder gab ihm etwas Exotisches ; tief saß er ihm über den matten Augen . » Billete vorweisen gefälligst ! « schrie der Beamte an der Schranke zum Gott weiß wievieltenmal und streckte auffordernd die Hände aus . Der kränkliche Reisende beachtete nichts , hörte nichts . Den Kopf zwischen den Schultern , die Rechte auf die Brust gedrückt , wollte er ächzend vorübergehen . Als der Beamte ihn lauter anrief und den Arm vor die Nachdrängenden hielt , stieß er einen Schrei aus und begann plötzlich zu laufen . » Halte là ! « schrie der Beamte . » Billet ! « Eine resolute Frau packte ihn am Ärmel . » Ach ! ach ! « machte der Ergriffene kläglich , als ob die Schulter ihn vom Zupacken schmerze ; die Hand , mit der er endlich das verlangte Billet hervorzog , war blaß und gedunsen und zitterte so sehr , daß ihm das Kärtchen entfiel . Der Beamte