. » Du weißt doch , woraus es besteht ? Die Herrschaft Brunnhof in Niederösterreich ; die Herrschaft Nagykyral in Ungarn ; das Palais in der Wallnerstraße , die Sammlungen , der Familienschmuck ; - kurz , das Ganze hat einen Wert von ... nun , Du wirst es wohl wissen ... « » Ja , und daneben besitzest Du bedeutendes Privatvermögen und wirst noch ein reichliches Erbe von Deiner Mutter erhalten ... Du stehst pekuniär nicht schlecht . « » Nein . Und Du ? « » Ich ? Ich besitze meinen Gehalt und - als Erbschaft von meinem Vater - ein paar tausend Gulden Schulden , die ich mich verpflichtet habe , nach und nach abzuzahlen . « » Das ist schön von Dir . Wie steht es mit Deiner Heiratsabsicht ? « » Die kann noch zehn Jahre auf Erfüllung warten . « » Das ist lang ... Fräulein v. Rels , die jetzt schon achtundzwanzig Jahre alt sein mag , wird dann etwas verblüht sein ... « » Mein lieber Rudolf , Du hast mich noch niemals aufgesucht ... und wenn Du es nur tust , um mir so unangenehme Dinge zu sagen ... um zu protzen , wie reich Du bist , und mich zu verhöhnen , wie arm ich bin , so ist das doch - « » Verzeih : Protzerei und Hohn sind nicht meine Motive ... aber den Kontrast rücke ich absichtlich ins Licht - es macht mir Freude ... « » Danke schönstens , « murmelte Max . » Und wird Dir noch eine größere machen . Hör ' mich an - ich werde Dir etwas Merkwürdiges sagen ... Ich will - « Er hielt inne . Auf den Augenblick , der jetzt kommen sollte , hatte er sich schon lange gefreut . » Also ? Was willst Du ? « » Ich will auf das Majorat verzichten und Du trittst an meine Stelle . « Max Dotzky sprang auf und griff mit beiden Händen an seinen Kopf . » Bin ich verrückt - oder bist Du ' s ? « » Bitt ' Dich , setz ' Dich nur wieder nieder . Ich bin bei Vernunft und spreche im Ernst . Und ich genieße die Situation ... Ich weiß , daß ich Dich unbändig glücklich mache . Das ist zwar auch nicht das Motiv meiner Tat ... das liegt tiefer : ich tu ' s nicht Dir , sondern mir selber - meinem Lebenszweck zu liebe ; aber an Deinem Glück werde ich mich doch ergötzen . Es ist ein gar seltenes und so großartiges Schauspiel , ein Mensch in wahnsinniger Freude - Deine erste Idee war ja , daß Du verrückt geworden - und doppelt angenehm ist dieses Schauspiel , wenn man dessen Urheber ist ... Zu Deiner Hochzeit lade ich mich als Trauzeuge ein - natürlich heiratest Du noch in diesem Jahr und ziehst gleich in Brunnhof ein ... Du bist ja ganz starr und sprichst nichts ? « Max , der sich wieder auf seinen Sessel geworfen hatte , saß bewegungslos da . » Und was mich auch befriedigt , « fuhr Rudolf fort , » ist das Bewußtsein , daß Du ein braver , ehrenwerter Mensch bist und daß Du dem Hause Dotzky als dessen Oberhaupt Ehre machen wirst . Wenn Du und Elsbeth Rels in Brunnhof regieret , so werde ich wissen , daß mein einstiger Besitz in gute Hände gelangt ist . « Max war es zumute , als hätte er einen Schlag vor die Stirn bekommen . Die Gedanken wirbelten ihm im Kopf herum , und so sehr er sich mühte , fassen konnte er das Gehörte - Unerhörte - nicht . Es mußte ja , wenn es wahr war , und wenn er es erst ganz gefaßt hatte , ihn ganz unsäglich glücklich machen , das wußte er , - aber das Glücksgefühl selber konnte nicht das Gefühl des unbändigen , mit Zweifeln gemischten Staunens verdrängen , das ihn erfüllte . Endlich fand er Worte : » Rudi ... Wundermensch ... reiß ' mich aus diesem Traum - schwöre , daß es Wirklichkeit ist - oder gestehe , daß es ein Spaß war , ein verzweifelt schlechter Spaß ... « » Du hast recht , der Witz wäre matt . Es ist keiner - es ist die volle Wahrheit - hier mein Handschlag darauf . Noch einige Formalitäten und der Herr des Dotzkyschen Fideikommiß ' bist Du . « » Mein Gott , mein Gott , mein Gott ! « rief der andere . Dann vergrub er sein Gesicht in beide Hände und atmete heftig . Rudolf betrachtete ihn schweigend und weidete sich an der Tiefe seiner Ergriffenheit . Das war also ein von Freude überwältigter Mensch ! ... Dem Spender dieser Freude war ' s ein genußreicher Augenblick ; es gewährte ihm - wie ja alles Große , Volle , Übergewöhnliche zu erwecken pflegt - ein ästhetisches Entzücken . XVIII Die gerichtlichen und geschäftlichen Transaktionen der Besitzesübertragung waren erledigt . Zur feierlichen Übergabe veranstaltete Rudolf ein kleines Fest in Brunnhof , welches zugleich ein Abschiedsfest sein sollte , bei dem er seine Familie und Freunde zum letzten Male auf dem alten Herrensitze um sich versammelte . Die Tafel war im großen Speisesaal gedeckt . Der Spätherbsttag hatte empfindliche Kälte gebracht und im Monumentalkamin brannten ganze Stämme knisternden Fichtenholzes . Vom Kronleuchter flutete das Licht von achtundvierzig Wachskerzen herab , und noch sechs silberne Kandelaber ( auch Stücke des zum Majorat gehörigen Familiensilbers ) , die zwischen den Aufsätzen auf der Tafel standen , und zahlreiche Lampen auf den Pfeilertischen vervollständigten die Beleuchtung . Kostbare alte Gobelins an den Wänden ; kunstvoll geschnitzte Eichenholzmöbel in gotischer Form , der Tafeldienst besorgt von einem Haushofmeister in Frack und weißer Krawatte , zwei Büchsenspannern mit silbernen Epauletten und Bandelieren und vier Lakaien in Galalivreen in Schuhen und Strümpfen . Auf die Menükarten gemalt , auf die Porzellanteller eingebrannt , in die Bestecke und Gläser graviert , in den Damast des Tischzeugs gewebt : überall das Dotzkysche Wappen ( in gespaltenem Felde drei schräglinke blaue Sterne und hinten ein zugekehrter silberner Schlüssel . Auf dem gekrönten Helme mit rechts rotsilberner und links blaugoldener Decke zwei aufwärts geschrägte silberne Schlüssel vor einem rot mit Pfauenfedern besteckten Spikel zwischen offenem , vorn silbernen und hinten roten Fluge ) , - kurz , der ganze Aufwand von Pracht und Prunk und Eitelkeit , der in den Schlössern reicher und alter Adelsfamilien zu herrschen pflegt . Mehr als vierzig Personen , im Abendanzug , saßen um den Tisch . Martha hatte den Sitz der Hausfrau , Rudolf den des Hausherrn inne . Rechts von Baronin Tilling saß Max Dotzky , und zur Rechten Rudolfs - Fräulein Elsbeth von Rels . Den Feldzeugmeister von Rels hatte Martha an ihre linke Seite gesetzt und seine andere Nachbarin war Sylvia Delnitzky . Die Familie Ranegg war , mit Ausnahme der in Konstantinopel weilenden Tochter Christine , vollzählig erschienen . Von alten Freunden des Hauses waren außerdem anwesend : Minister Wegemann , Graf Kolnos , Oberst von Schrauffen , der alte Bresser und Pater Protus . Das Diner - in acht Gängen - war zu Ende ; man knabberte nur noch an den Süßigkeiten des Nachtischs . Auf ein Zeichen des Herrn füllten die Diener noch einmal die Champagnerkelche und verließen dann alle den Saal . Rudolf klopfte mit dem Messer an sein Glas und die lebhaften laut durcheinander summenden Tischgespräche verstummten mit einem Schlage . Ohne aufzustehen , aber mit erhobener , deutlich vernehmbarer Stimme begann Rudolf zu reden : » Meine lieben Freunde und verehrten Gäste . Sie alle wissen , daß unser heutiges Beisammensein einem ganz besonderen Anlaß gilt ... einem ungewöhnlichen Anlaß . Manche hier sind genau unterrichtet , um was es sich handelt - den anderen wird es eine Überraschung sein . Ehe ich die Sache verkünde , möchte ich einen kurzen Rückblick in die Vergangenheit werfen - vielleicht findet sich da teilweise eine Erklärung für das , was Sie nun hören sollen ... Ich erinnere mich - und mehrere unter Ihnen werden sich auch erinnern - an ein Festmahl , das uns um diese selbe Tafel versammelt hat - zur Taufe meines armen kleinen Fritz ... « Rudolf hielt einen Augenblick bewegt inne und auch durch den Kreis seiner Hörer ging eine Bewegung , ein leises Beileidsgemurmel . Er holte tief Atem und fuhr fort : » Es lebe die Zukunft ! toastierten wir damals . Die Zukunft aber , die mein Sohn verkörpern sollte , die ist ins Grab gesunken ... Es war ein großer Schmerz , so groß , daß ihn meine Beatrix nicht überleben konnte ... Mein ganzer häuslicher Herd ist eingestürzt . « Das teilnahmsvolle Gemurmel wiederholte sich - einige unter den Frauen führten ihr Taschentuch an die Augen . » Doch , als ich damals auf die Zukunft trank , hatte ich nicht die Zukunft meines Hauses - ich hatte die Zukunft unseres ganzen Geschlechts - des Menschengeschlechts , im Sinn , an der wir alle , bewußt oder unbewußt , mitarbeiten - an der ich bewußt und in bestimmter Absicht mitarbeiten will . Und dazu will ich ganz ungebunden sein ... Ohne weitere Umschweife : ich habe auf das Dotzkysche Majorat verzichtet und dessen nächsten Anwärter , meinen Vetter Maximilian in meine Rechte eingesetzt . « Ein noch lauteres Murmeln - diesmal staunenausdrückendes - erhob sich , verstummte aber sogleich wieder , als Rudolf aufstand und sein Glas erhebend weiter sprach : » Ich bitte Sie also , in Graf Maximilian Oskar Dotzky von Donaschits , Herrn auf Brunnhof und Nagykyral , meinen Nachfolger zu sehen und auf sein Wohl , sowie « - er verneigte sich zu seiner Nachbarin zur Rechten - » auf das Wohl seiner Braut , Fräulein Elsbeth von Rels , mit mir anzustoßen . « Laute Ausrufe folgten . Alle waren aufgestanden , man stieß mit den Brautleuten an und wünschte ihnen Glück . Auch mit Rudolf wurde angestoßen . Dabei veränderten sich aber die gratulierenden Mienen in halbwegs kondolierende . Rudolf war der erste , der sich wieder auf seinen Sessel niederließ und abermals gab er das Zeichen , daß er sprechen wollte . Da setzten sich auch die anderen und allgemeines Schweigen war bald hergestellt . » Ich will keinen neuen Toast ausbringen , meine Freunde , keine Tischrede halten ; aber sagen will ich Ihnen , was meine Abdankung bedeutet und bezweckt ... Haben Sie etwas Geduld mit mir . Vorträge zu halten gehört zu meinem Zukunftsprogramm , und dies soll mein Jungfernvortrag sein - Versteht sich , wenn ich einmal auf ein Podium trete und vor versammeltem Volke spreche , dann werde ich nicht dasselbe Thema wählen , das ich nun vor Ihnen erörtern will - das Thema meiner Abtrünnigkeit . Gerade diesem Kreise hier - Verwandte , Jugendfreunde , Standesgenossen - glaube ich , solche Erörterungen schuldig zu sein ... Der Mensch ist verrückt ! - so wird wohl das erste zusammenfassende Urteil sein , welches von einem Teil der hier Anwesenden , und von den meisten der nicht anwesenden Angehörigen unserer Gesellschaftskreise über meinen Entschluß gefällt werden wird - das weiß ich . Nun , so will ich Ihnen wenigstens gesagt haben , worin die Methode besteht , die in meinem Wahnsinn steckt . « Nach kurzer Sammlung fuhr er fort : » Zwei Kräfte sind es , die den Gang der menschlichen Kultur bewegen und regeln : die vorwärtstreibende und die hemmende Kraft - der Fortschrittsdrang und der Erhaltungstrieb . In der Politik haben diese beiden die Namen Liberalismus und Konservatismus angenommen ; - aber damit ist nur eine ganz enge Sphäre bezeichnet , in der diese Kräfte sich betätigen , deren Spiel die ganze Welt - Natur und Geist - von allem Anfang an geformt hat und in aller Zukunft weiter formen wird . So stark und so bewußt wie in unserer Gegenwart sind - so scheint es mir - diese Gegensätze noch nie hervorgetreten , und da heißt es : Farbe bekennen . Man kann ja auch ganz abseits stehen bleiben , sich nicht kümmern um das , was vorgeht , und nur seinen eigenen , engsten Interessen leben - , das tun auch gar viele . Aber diese Vielen - ohne es zu wissen - helfen doch der einen der streitenden Kräfte : eines der wirksamsten Elemente des Beharrungsvermögens ist ja die Trägheit . « Mit dem niemals täuschenden Instinkt , der dem Redner zum Bewußtsein bringt , was die Zuhörerschaft empfindet , wurde Rudolf gewahr , daß ein leiser Hauch von Gelangweiltsein , von mißmutigem Unverständnis über die Tischgesellschaft wehte . Daß aber einige da waren , darunter seine Mutter , die ihn ganz verstanden und mit Spannung an seinen Lippen hingen , das wußte er auch , und für diese sprach er unbeirrt weiter : » Ich bin nicht abseits gestanden . Ich habe hineingelauscht in den Kampflärm und wurde von dem Drang erfaßt , mich mitkämpfend zu beteiligen . Mein Stand , meine Stellung , meine persönlichen Vorteile und Interessen würden erfordern , daß ich mich auf seiten derjenigen stelle , die das Bestehende verteidigen . Doch das kann ich nicht : mein Gefühl , meine Einsicht und ( mit einem Blick auf seine Mutter ) eine als Erbe übernommene Mission treiben mich in das andere Lager . Um also ehrlich und frei zu sein , bleibt mir nichts übrig , als meine Stellung und mein Interesse aufzugeben - und das habe ich getan . Zu den Dingen der alten Ordnung , die ich perhorresziere , gehört zum Beispiel auch die Einrichtung der Majorate - es ist daher ein gerechtfertigter , mehr noch , ein gebotener Schritt , daß ich dem Majorat entsage - und das habe ich getan . « » Bravo ! « rief Max . Und Feldzeugmeister von Relz sekundierte . Dieser Zug von Rudolfs Verrücktheit war seinem Besitznachfolger und dem Vater der künftigen Herrin von Brunnhof jedenfalls sympathisch . Auch Elsbeth hätte gern in den Beifall eingestimmt , doch war sie zu schüchtern dazu . Sie schwamm in traumhafter Glücksstimmung - war es doch wie ein Traum , daß ihr nun plötzlich alles zugefallen : der Geliebte , die wunderbare Herrschaft , der umgebende Luxus ... sie hätte vor Rudolf niederknien mögen , um ihm zu danken . Ein Narr ? das ist zuviel gesagt - ein Schwärmer , ein edler Schwärmer - und Gott sei Dank , daß er nicht vernünftiger war ! .. » Ihr Bravo , Exzellenz , « wandte sich Rudolf an Herrn von Rels , » werden Sie vielleicht zurückziehen , wenn ich sage , daß zu denselben von mir perhorreszierten Dingen auch - nein , nicht auch : obenan der Militarismus gehört . Und nicht nur , wie das unsere matten Liberalen hervorkehren , die Auswüchse und Übertreibungen des militaristischen Systems , sondern das organisierte Totschlagen als Rechtsmittel überhaupt . Das will ich fortan in aller Offenheit hinaussagen , ohne Umschweife - auch einem Feldzeugmeister ins Gesicht . Nur der ist frei , der das sagt , was er denkt . Mit der Abdankungsurkunde habe ich mir ein Stück Freiheit erkauft . Ich benutze sie . « » Bravo ! « riefen Kolnos und Bresser . Herr von Rels sprang auf : » Verzeihen Sie - « begann er mit erregter Stimme . Aber die andern riefen : » Nicht unterbrechen ! « und der General ließ sich wieder auf seinen Sessel nieder . » Verzeihen Sie mir , Exzellenz , « sagte Rudolf , » ich habe Sie nicht verletzen wollen . Was man gegen eine Institution spricht , ist nicht persönlich gegen ihre Vertreter gemünzt . Vergessen Sie nicht , daß alles , was ich gegen den Krieg vorbringen oder wirken kann , im Geist eines Vermächtnisses geschieht , das mir von einem tapferen Soldaten - von Friedrich Tilling - zugefallen . Was ich getan habe , beweist genügend , wie ernst ich meine Aufgabe , meine bevorstehenden Kämpfe auffasse . Im Kampfe darf man vor der Notwendigkeit nicht zurückschrecken , auf den Gegner loszuschlagen . Meine Waffe ist ja nur das gesprochene und geschriebene Wort - die will ich gradaus und ehrlich gebrauchen , das heißt immer nur das sagen , was ich für wahr halte - das aber ohne Rücksicht , ohne Schonung . Daß man , wenn man mit seiner Meinung zurückhält , die anderen schonen wolle - das ist gewöhnlich nur Vorwand ; sich selber will man vor Unannehmlichkeiten hüten , sich schont man dabei : man mag den anderen nicht erzürnen , nicht um ihm den Zorn zu ersparen , sondern um sich diesem Zorn nicht auszusetzen . Feigheit ist ' s mit einem Wort . Eine Feigheit , die ich an mir selber erfahren , als ich ein Fortschrittsanwalt , zugleich aber kluger Gutsbesitzer , taktvoller Hausherr und liebenswürdiger Vetter sein wollte . Jetzt will ich nichts anderes sein , als ein am Entwicklungsgang der Menschheit bewußt und furchtlos mitarbeitender Mitmensch . In solcher Mitarbeit , glauben Sie mir , liegt erhebender Genuß . Vor allem das Bewußtsein einer erfüllten Pflicht . Nicht allen offenbart sich diese Pflicht : aber die , welche Einsicht genommen haben in den Kampf der Zeiten , und die die drohenden Gefahren und winkenden Rettungen sehen , die können nicht anders - die müssen mittun . Rettenwollen ist ein natürlicher - ein dem Gesellschaftstrieb anhaftender Instinkt . Was ich sehe ist dies : Es sind Zaubermächte am Werk , die menschliche Gesellschaft so zu verändern , daß die Kultur von morgen sich zu der Kultur von gestern verhalten wird , wie der Schmetterling zur Raupe ... Die Raupe hat sich schon eingepuppt - die Kultur von heute ist die Chrysalide . « » Bravo ! « sagte jemand aus der Gesellschaft , der das Wort Chrysalide poetisch fand , und daher ein Beifallszeichen für angebracht hielt . » Die Zaubermächte , die ich meine , « sprach Rudolf weiter , » heißen Technik und Wissenschaft . Soviel könnende und soviel wissende Wesen , wie die Menschen zu werden jetzt im Begriffe stehen , müssen auch vernünftige Wesen mit vernünftigen Einrichtungen werden . Das ist der Zwang des Anpassungsgesetzes . Daß aber unsere Lebensführung und unsere aus unwissenden Zeiten überkommenen Einrichtungen vernünftig seien , wird man doch nicht behaupten wollen ? Um nur das eine hervorzuheben , das Unvernünftigste von allem : neun zehntel aller Hilfsquellen darauf zu verwenden , einander besser totschlagen zu können ... Sich die Heimat Erde in Beutestücke einzuteilen , um die man sich gegenseitig zerfleischt , statt sie in gegenseitiger Hilfeleistung in ein Eden umzuwandeln ... Wie murmelten Sie in den Bart , Freund Wegemann - Sozialistenphrasen ? Mein Gott , oft gesagte Wahrheiten - und solche , auf die sich eine nach Verbreitung strebende Partei aufbaut , werden immer zu Phrasen ... ich will hier aber nicht in sozialdemokratischem Parteigeist , sondern im weitern Sinn - in sozialem Geist gesprochen haben . Daß die soziale Frage in gewaltiger Bedeutung unsere Gegenwart erfüllt und nach Lösung drängt - das kann doch niemand leugnen ? Das Arbeitervolk ist es müde , zu leiden , und unter uns gibt es solche , die müde sind , es leiden zu sehen . Ich für mein Teil kann nicht länger müßig zusehen , bei all den unnützen Schmerzen , Lasten und Gefahren , unter denen meine Mitgeschöpfe stöhnen . Tat twam asi ... « Das indische » das bist Du « veranlaßte den poetischen Beifallsspender zu einem neuerlichen » Bravo ! « » Ein großes Erlösungswerk bereitet sich vor - davon wissen gar viele Zeitgenossen - und wohl auch viele meiner lieben Tischgenossen - nichts . Was sie allenfalls davon vernehmen , klingt ihnen wie das ferne Rauschen einer drohenden Sturmflut und sie rufen nach Deichen und Dämmen . Wir aber , die wenigen , die hingehorcht haben , wir hören das Rauschen einer neuen Zeit der gewaltlosen Zeit , der elendbefreiten Zeit . Wenn wir sie auch nicht erleben ... übrigens , wer weiß ? - ihr Kommen beschleunigt zu haben , das soll unsere höchste Genugtuung sein . Das habe ich mir zur Aufgabe erkoren . Nennen Sie solches Beginnen nicht vermessen und nennen Sie es nicht unnütz . Beugen Sie sich nicht jener bequemen Ansicht , daß sich die Kulturwandlungen von selber vollziehen . Das ist falsch - nichts geschieht von selbst . Es fällt doch niemanden ein , zu behaupten , daß sich alle technischen Fortschritte und Erfindungen von selber eingestellt hätten - unabhängig vom Studium und der Arbeit der Techniker und Erfinder . Daß studiert und daß gearbeitet wird , mag auf einen Zwang , der in den Naturvorgängen liegt , zurückgeführt werden , das will aber nicht besagen , daß die Kulturarbeit von selbst entsteht . Sie entsteht durch den Willen der Kulturarbeiter ... Diese Willenskraft mag man auch eine Naturkraft nennen - aber dieser persönliche Wille wird zum Motor der Entwicklung . Auch unter den Entwicklungsfeinden gibt es energisch Wollende und es gelingt ihnen gar wohl , den Gang der Kultur zu hemmen , sogar momentan zurückzuschleudern ... ihn aber gänzlich aufzuhalten , das gelingt ihnen nicht , denn daß dieser - wenn auch in der Spirallinie - unaufhörlich vorwärts und aufwärts führt : das ist Naturgesetz . Dies ist mein zuversichtlicher Glaube . Ein heißer Glaube , der mich oft mit einem Glücksgefühl durchströmt , mitten unter den Zorngefühlen , die mir die herrschenden Verkehrtheiten einflößen . Wenn ich auch weiß , daß Zorn eine unwissenschaftliche Regung ist - ärgert sich der Zoologe über Tigerbosheit und Schlangengift ? - so ist er doch auch eine nützliche Regung , denn er rüttelt zur Abwehr auf ... Ohne Leidenschaft wird nichts Kräftiges vollbracht . Das ist ' s auch , was ich Ihnen sagen wollte - mein Tun ist durch eine in tiefster Seele lodernde Leidenschaft bestimmt ... Ob ich Kräftiges vollbringen werde , das ist dahingestellt , aber was ich an Kraft besitze , das ist nun in meinem Wollen konzentriert . « Er hielt einen Augenblick inne . Wieder empfand er es deutlich , daß die Zuhörerschaft - mit Ausnahme der wenigen - ihm nicht gefolgt war . Und er gewahrte auch , daß ihm die Worte nicht zu Gebote standen , mit denen er gern die Fülle der ihn bewegenden leidenschaftlichen Gefühle und Gedanken ausgedrückt hätte . Das wäre ihm wohl nur möglich gewesen , wenn von seinem Feuer etwas auf die Widerstrebenden sich übertragen hätte und aus ihrer Mitte dann ein Funke der Begeisterung herübergesprungen wäre ... Er hatte die Vision eines großen Saales , gefüllt mit Männern und Frauen aus dem Volke ; Leute , die in ihren gramgedrückten Verhältnissen mit Sehnsucht nach Verheißungen besserer Zeiten aufhorchten : wie würde der Dank und die Hoffnung solcher Lauscher ihn gleichsam tragen , emporheben ... aber diese hier ? - auf der Höhe der Gesellschaft geborenen , alle Vorteile des Bestehenden genießenden - die mußten wohl jeden Gedanken an eine Änderung als ruhegefährdend und glücksbedrohend empfinden - wenn sie überhaupt zuhörten , wenn das Gesagte nicht vollkommen abprallte an ihrem Unverständnis und ihrer Kälte . Er ward sich bewußt , daß er nicht weiter reden sollte , noch konnte und suchte nach einem Schluß : » Meine Freunde - Ihnen das Ziel meines Wollens ganz klar zu legen , oder gar meine Überzeugung auf Sie übertragen zu wollen - das konnte nicht der Zweck meiner Rede sein , die ohnehin schon zu lang geworden ist ; ihr kurzer Sinn ist der : hier stehe ich , weil ich nicht anders kann . Und damit ist die Tafel aufgehoben - in Brunnhof die letzte Tafel , deren Wirt ich gewesen bin . « Er stand auf und erhob sein Glas : » Doch - damit wir mit einem Hoch abschließen können , trinke ich Dir noch einmal zu , lieber Mar - Dotzky , est mort , vive Dotzky ! « Die anderen waren froh , die etwas gelangweilte und mitunter peinliche Stimmung mit neuem Gläseranstoßen und Hochrufen verscheuchen zu können . Dann begab man sich in den anstoßenden Empfangssaal . In den Gruppen , die sich bildeten , wurde natürlich von dem Ereignis des Tages gesprochen . Das Urteil über Rudolf lautete zwar nicht , wie er selber vorausgesagt , auf » Verrücktheit « - aber die ganze Skala von Worten , die den selben Sinn umkleiden , hielt dabei her : Überspannt - Träumer - Irregeleitet - Phantast - hm , ein Original .. XIX Rudolf stahl sich hinaus . Er war nicht aufgelegt , in Privatgesprächen den Gegenstand weiter auszuführen , über den er soeben eine Rede gehalten . Und ein eigentümliches Trauergefühl hatte sich seiner bemächtigt - etwas wie Abschiedsweh , das ihn drängte , sich von der heiteren Gesellschaft zu entfernen , und in einem einsamen Winkel seinen Gedanken nachzuhängen . Er suchte sein einstiges Arbeitszimmer - das Har lekinzimmer - auf . Es war schon halb ausgeräumt , die ihm persönlich gehörenden Bücher und Bilder in herumstehenden Kisten verpackt . Der Raum war durch eine Ampel von mattem Glas nur schwach beleuchtet . Dagegen sah man durch das unverhüllte breite Fenster hellen Mondenschein . Rudolf trat hin und lehnte die Stirn an die Scheibe . Wie zauberhaft lag da der Park seines schönen Brunnhof ... Nein , nicht mehr sein Brunnhof . ... Das war ja der Gedanke , den er ausspinnen wollte , das war das wehmütige Bewußtsein , das ihn beschlichen hatte : vorbei ! Zwischen seinem alten Leben , und dem , dem er jetzt entgegenging , war nunmehr wie ein eiserner Vorhang herabgerollt . Und ein Abgrund war gegraben , zwischen ihm und den meisten Menschen , mit denen er durch verwandtschaftliche und gesellschaftliche Bande verbunden gewesen . Vorbei die kameradschaftliche Gemeinschaft mit seinen Standesgenossen ; vorbei die huldreiche Freundschaftlichkeit der Spitzen des Landes ; vorbei die ehrerbietige Hingebung seiner zahlreichen Beamten- und Dienerschaft ; vorbei diese ganze Machtstellung , die aus dem Chef eines adeligen Majorats einen kleinen Potentaten macht ... dem allen ein ewiges vale - - Aber auch intimeres Abschiedsleid erfaßte ihn . In diesen Mauern , die er nun verließ , hatte sein häuslicher Herd gestanden . Auf dem Plätzchen da unten im Park unter der großen Linde , wie oft hatte er - das Bild trat ihm lebhaft vors innere Auge - wie oft hatte er da die Wiege seines Söhnchens gesehen und darüber gebeugt , die holdselige Gestalt der jungen Mutter . Diesen Besitz freilich , dem hatte er nicht selber entsagt , den hatte ihn der Räuber Tod entrissen - aber es wäre ihm ja so leicht möglich gewesen , sich auf demselben Grund einen neuen Herd zu bauen , dem Hause eine neue Herrin zu geben - dem Stammsitz einen neuen Erben . Diese Möglichkeit war durch seinen Verzicht nun abgeschnitten . Ein schwerer Seufzer hob seine Brust . So deutlich , so fest umrissen , so wirklich waren die Dinge , denen er entsagte , und so unsicher , so nebelhaft die Ziele , denen er entgegenstrebte . Nein , nicht die Ziele - die leuchteten ihm klar in Leitsternlicht , aber die dahin führenden Wege , die waren das unsichere . Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter . Er wandte sich um . » Du , Mutter ? « » Ich dachte wohl , daß ich Dich hier finden würde , mein Rudolf . Aber ich störe Dich vielleicht ? « » Ach nein ... Dich , gerade Dich jetzt hier zu haben , tut mir wohl . Denn Du bist die Einzige , die mich ganz verstehen kann ... auch in Anwandlungen der Verzagtheit ... verstehen und aufrichten . « » Bist Du verzagt , weil die da unten Dich nicht verstanden haben ? Wenn sie Dich verständen , wäre es da überhaupt nötig , als Lehrer und Kämpfer hinauszuziehen ? « » Hinaus , hinaus ins Dunkle , ins Kalte ... « » Um in das Dunkel Licht zu tragen ... Aber kalt - ja , da hast Du wohl recht - unter den Fremden , unter den Massen weht es einen eisig an - und nur eines kann Wärme und Kraft geben - - « » Was ist das eine ? « fragte Rudolf , da Martha inne hielt . » Man muß das Herz voll Liebe haben ... « » Für die Fremden ? Für die eisigen Massen ? « » Nein , für ein nahestehendes , ebenso warm liebendes als geliebtes Wesen . « » Das besitze ich an Dir , Mutter . « » So meine ich ' s nicht . Es muß die andere , die zärtlich glühende Liebe sein . Die gibt auch Kraft ... Das unendliche Glück , das dieses Gefühl im Besitz , die unendliche Trauer , die es im Verlust einflößt , die lassen einen erkennen , daß alles , alles daran gesetzt werden muß , den Haß aus der Welt zu schaffen . Glaube mir : Friedrich und ich haben nur darum so heftig den Drang empfunden , für die Erlösung der Mitmenschen von der Geißel des Hasses zu wirken , weil wir einander so übereinstimmend lieb hatten . Du hast Weib und Kind verloren - bist gar so einsam , mein armer Rudolf ... Und selbst in der Ehe bist Du einsam gewesen ... Ich weiß ja , daß Beatrix nicht das Wesen war , das Deine Seele ganz ausfüllen konnte . Wie wünschte ich Dir , daß - « » Nein , « unterbrach er , » ich will nicht wieder heiraten . Ich will frei sein , ganz fessellos - « » Um Dich in den Sturm hinauszustürzen ? Wieviel besser kann man das , wenn man weiß , daß man jeden Augenblick in den Hafen zurückkommen kann . Ja , Hort und Schutz und