alle Worte : Er verbat es sich , als kranker , unselbständiger Mann behandelt und - - blamiert zu werden . Wie ich ihn kannte , mußte ich nun still sein . Er war jetzt Scheik der Haddedihn und Gast der Dinarun . Das wollte er sein , und ich hatte mich zu fügen ! Ich that dies nur mit Anwendung aller meiner Selbstbeherrschung . Dies macht mich zum Reden ungeschickt , während Halef sich um so gesprächiger zeigte . Seit er gesehen hatte , wie arm diese Leute waren , stand sein Entschluß , ihnen zu helfen , fester als vorher . Das ganze , jetzt von ihm geleitete Gespräch hatte den Zweck , sich zu informieren . Er warf eine Menge Fragen auf , von denen keine einzige überflüssig war , und zeigte sich dabei so überlegsam und bedacht , wie ich ihn nur ganz selten gesehen hatte . Ich wußte nicht , was ich denken sollte , und wurde fast irr an mir selbst . Er aß mit dem größten Appetit , doppelt so viel wie ich , und trank keinen Schluck Wasser dazu . War das Fieber ? Die von ihm gestellten Fragen verrieten zwar eine fast zudringliche Wißbegierde : aber Nafar Ben Schuri schien sie für ganz selbstverständlich zu halten , nahm sie ihm nicht im geringsten übel und beantwortete sie mit solcher Bereitwilligkeit , als ob er nur darauf gewartet habe , daß sie ausgesprochen würden . Inzwischen hatten sich die sämtlichen anwesenden Dinarun auch zum Essen gelagert . Es ging bei den verschiedenen Gruppen , welche sich bildeten , sehr lebhaft zu , und allerlei zu uns herüberklingende laute Bemerkungen verrieten mir die allgemeine Ueberzeugung , daß noch heut zum Zuge gegen die Dschamikun aufgebrochen werden sollte . Als auch Halef eine dieser Interjektionen hörte , stieß er ein vergnügtes Lachen aus und sagte zu Nafar Ben Schuri : » Deine Krieger scheinen sich auf dieses Unternehmen zu freuen , o Scheik der Dinarun , und das ist ein gutes Zeichen . Denn nur das , was das Herz erfreut , wird mit dem Arm und mit dem Verstand vortrefflich ausgeführt . Wir sind bereit , dir beizustehen . Nur darum habe ich dir so viele Fragen vorgelegt . Wir wollen das , was du mir antwortetest , noch einmal kurz zusammenfassen , damit nicht nur ich , sondern auch mein Sihdi weiß , was er zu denken hat . « Das war wieder einmal einer seiner kleinen diplomatischen Kniffe . Er pflegte gern den eigenen Wunsch mit fremden Wünschen zu maskieren . Nun fuhr er fort : » Also ihr seid nicht etwa der ganze Stamm , sondern nur ein kleiner Abzweig der Dinarun ? « » So habe ich gesagt , und so ist es wirklich , « antwortete Nafar . » Ihr weidetet hier in der Nähe und wurdet von den Dschamikun überfallen und derart ausgeraubt , daß von euren Herden und Zelten fast gar nichts übrig geblieben ist ? « » Ja . « » Ihr wollt sie verfolgen und ihnen das Geraubte wieder abnehmen . Das muß schnell geschehen , und darum könnt ihr nicht auf die Hilfe eures Stammes rechnen , weil eure Genossen sich so weit von hier befinden , daß eine lange Zeit vergehen würde , ehe es ihnen möglich wäre , sich hier zusammenzufinden ? « » Das ist es , was ich dir sagte . Die Dschamikun zählten vielleicht zweihundert Mann , als sie unser Lager überfielen . Ich habe euch schon erzählt , daß wir nicht daheim , sondern auf einem Feste abwesend waren , sonst wäre ihnen der Raub gewißlich nicht gelungen . Wir können ihnen das uns Gestohlene nur dann wieder abnehmen , wenn wir ihnen sofort nachjagen , um sie einzuholen , bevor es ihnen gelungen ist , ihren eigenen , großen Stamm zu erreichen . Kommen wir zu spät , so ist alles für uns verloren . Darum wollten wir schon heut früh aufbrechen . Dies wäre ganz gewiß geschehen , wenn wir nicht gestern euch getroffen hätten . Dadurch haben wir einen halben Tag verloren . Jetzt aber essen wir , und dann werden wir aufbrechen . Ich hoffe , ihr seht ein , daß wir nicht länger warten können . « » Natürlich sehen wir das ein , aber ehe ihr diesen Ort verlaßt , giebt es noch mehr zu thun , als bloß zu essen . « » Was ? « » Willst du denn nicht an unsere Gefangenen denken ? « » Maschallah ! Das ist richtig ! Die können wir doch unmöglich mit uns schleppen ! « » Nein . Sie würden nur hinderlich sein und uns wohl gar entschlüpfen und zu Verrätern werden . Also essen wir vorerst ; dann halten wir Gericht über sie , und dann wird sofort von hier aufgebrochen ! « Das klang alles so glatt und selbverständlich , daß ich es für an der Zeit hielt , nun endlich auch einmal das Wort zu ergreifen . » Lieber Halef , erlaubst du , daß auch ich mitsprechen darf ? « fragte ich . » Was fällt dir ein , Sihdi ! « rief er aus . » Seit wann hast du erst um Erlaubnis zu bitten , bevor du reden darfst ? « » Seit ich höre , daß du der Pascha dieser ganzen Gegend und aller derer bist , die sich in ihr befinden ! « » Ich ? Pascha ? Fällt mir gar nicht ein ! Ich habe nur deshalb so drauflos bestimmt , weil du deinen Mund nur für den Hammelschwanz , nicht aber für den Ausdruck deines Verstandes zu haben scheinst . Wer reden will , der muß das Kauen lassen . Mir ist es überhaupt stets lieber , wenn du sprichst , denn wenn du schweigst , so steckt etwas dahinter ! Du siehst doch gewiß ein , daß wir uns entschließen müssen , daß keinen Augenblick gezögert werden darf ? « » Ich sehe zunächst ein , daß wir uns gar nicht so zu übereilen brauchen , denn die Worte Nafar Ben Schuris haben gelautet : In diesem Falle können wir schon morgen oder doch übermorgen aufbrechen . Hat sich vielleicht etwas zugetragen , wodurch dieses Uebermorgen so vollständig ausgeschlossen ist , daß wir uns jetzt nicht eimal von dem heutigen Ritte ausruhen dürfen ? « » Nein . Es ist nichts geschehen . Aber bist du denn so ermüdet ? Ich bin es keineswegs , und von dir ist man solche Schwächen ja auch nicht gewöhnt . « » Vorsichtig und bedacht zu sein , ist niemals eine Schwäche , lieber Halef . Wir wissen über die Dschamikun ja nicht mehr , als wir von ihnen wußten , ehe wir hier diese unsere Freunde trafen . Oder genügt es dir vielleicht , von ihnen nur zu wissen , daß wir jetzt ihre Feinde sind und mit gegen sie ziehen wollen ? « Er sah mich an , nickte dann verständnisvoll vor sich hin und sagte hierauf : » Ja , daran habe ich freilich nicht gedacht ! Und doch haben wir dieser deiner Gepflogenheit alles zu verdanken , was wir jemals erreicht haben . Du pflegst alles auf das reiflichste zu bedenken und mit dem Geiste anzuschauen , ehe du handelst . Du greifst niemals einen Gegner an , ohne genau zu wissen , wer er ist , wo er ist und wie stark er ist . « » Nun , wissen wir das von den Dschamikun ? « » Nein . « » Und doch bist du bereit , sofort mit aufzubrechen ! Dürfen wir es wie kleine Knaben machen , die aufeinander losschlagen , ohne zu wissen , was es für einen Ausgang nehmen kann ? « Er wollte antworten , wurde aber durch das Erscheinen eines Mannes daran verhindert , welcher langsam den Berg heraufgekommen war und , als er uns sah , seine Schritte zu uns lenkte und sich ohne Wort und Gruß zu uns setzte . Seinem Aeußern nach war er keineswegs eine Person , von der man hätte sagen mögen , daß sie zu dem Scheik und zu uns gehöre . Sein Körper war von um ihn herumhängenden Fetzen nur halb bedeckt . Die hindurchblickenden nackten Stellen hatten ebenso wie das Gesicht , die Hände und die unbekleideten Füße einen dicken Schmutzüberzug . Ein Zeugstück , welches man in Deutschland einen verbrauchten Hader nennen würde , war um seinen Kopf gewunden . Darunter hingen lange Haare heraus , welche wahrscheinlich altersgrau waren , aber derart von fettiger Unreinlichkeit starrten , daß man ihre Farbe unmöglich bestimmen konnte . Trotzdem waren sein Gang und seine Haltung so würdevoll und selbstbewußt , als ob er über uns allen hoch erhaben sei . Seine Gesichtszüge waren außerordentlich regelmäßig , Stirne und Wangen trotz des Alters beinahe ohne Falten . Ich sagte mir , daß er ein schöner Greis sein werde , sobald er sich gereinigt und anders gekleidet habe . Geradezu selten schön waren seine großen , sonderbaren Augen . Es schien , als ob eine bisher unberührte Gazellenunschuld in ihren dunklen Tiefen wohne . Und doch konnten aus diesen Tiefen Blitze aufsteigen , als ob sich da unten plötzlich ein verborgener Krater geöffnet habe . Dann bekam die schwarze Pupille einen hellen , fast möchte ich sagen , gelben Ueberschein , und die Lider öffneten sich hoch und weit , als ob alle Ströme und Fluten einer unbekannten seelischen Welt hervorbrechen wollten . Das sah ich natürlich nicht sofort , im ersten Augenblicke , sondern ich beobachtete es nur nach und nach , denn dieser Mann flößte mir ein so ungewöhnliches Interesse ein , daß ich ihn beobachtete , ohne es mir eigentlich bestimmt vorgenommen zu haben . Es giebt Menschen , zu denen man innerlich hingezogen wird , obgleich die äußeren Verhältnisse dies gar nicht zu gestatten scheinen . Ich will aufrichtig gestehen : der Schmutz dieses Fremdlings wirkte abstoßend , und doch war er unter allen Anwesenden der einzige , dem ich ohne allen Vorbehalt meine Hand hätte geben können . Warum , das wußte ich nicht , aber ich fühlte so . Der Scheik schien es für ganz selbstverständlich zu halten , daß dieser Mann sich zu uns setzte . Er nickte ihm nicht nur freundlich , sondern mit dem Ausdrucke der Ehrfurcht zu und sagte dann zu uns : » Das ist Sallab , der Fakir . Wohin er kommt , bringt er den Segen Allahs mit . « Hierauf kreuzte Sallab die Hände auf der Brust und sprach , nicht etwa mit der gewöhnlichen , widerlichen Salbung dieser stets für fromm und oft sogar für heilig gehaltenen Leute , sondern im Tone ruhiger Selbstverständlichkeit : » Allah ist ja nur Segen , bloß Segen ; er kann gar nichts anderes sein ! « Hierauf nannte der Scheik ihm unsere beiden Namen . Als dies geschah , bemerkte ich zum erstenmal den erwähnten Aufschlag und das ebenso schnelle Niedersinken seiner Augenlider . Es war nur ein Moment , aber in diesem raschen Blicke lag eine Bedeutung , welche mir erst später klar wurde . Hierauf verhielt er sich genau so , als ob er diese Namen jetzt zum erstenmal gehört habe . Das Wort Fakir erklärte es zur Genüge , daß er sich hatte zu uns setzen dürfen . Selbst der vornehmste Mann wird es wenigstens öffentlich vermeiden , zu zeigen , daß er sich für etwas Besseres halte , als so ein » Glaubensheld « für den Durchschnittsmuhammedaner ist . Damit wir auch in Beziehung auf unsern Gesprächsgegenstand wüßten , woran wir mit ihm seien , machte der Scheik gegen uns die Bemerkung : » Wir können weitersprechen . Sallab bekümmert sich nicht um die Angelegenheiten dieser Erde . Er lebt bereits das Leben , welches für andere Leute erst nach ihrem Tode beginnt . « » So erlaube , daß wir uns nach den Dschamikun erkundigen ! « sagte Halef . » Weißt du , wie viel Krieger sie haben ? « » Ungefähr zweihundert , wie ich ja bereits erwähnt habe , « antwortete Nafar Ben Schuri . » Weißt du auch , wo sie sind ? « » Ich habe ihnen Kundschafter nachgeschickt . Ihr hört also , daß auch ich vorsichtig zu sein verstehe . Sie haben die uns geraubten Herden zu treiben und kommen also nur langsam vorwärts . Aber wenn wir ihnen zuviel Zeit lassen , werden sie einen solchen Vorsprung gewinnen , daß sie ihren Stamm erreichen , ehe wir sie einholen , und dann bleibt uns nichts übrig , als unverrichteter Sache umzukehren . Darum hielt ich es für besser , den Ritt schon heut zu beginnen . « » Kennst du die Gegend , durch welche wir ihnen zu folgen haben ? « » Sehr genau . Ich hatte die Absicht , sie im Daraeh-y-Dschib50 einzuholen . Das ist ein langes , enges Thal mit hohen , steilen Felswänden , welches kurz vor seinem Ende von einem sehr schmalen , aber auch sehr tiefen Flußbette quer durchschnitten wird . Es führt eine uralte , jetzt halb eingefallene Brücke darüber . Dieses Thal würde eine Falle sein , in welcher wir die Dschamikun fangen und zur Herausgabe ihres Raubes zwingen könnten , ohne daß ein Kampf stattzufinden brauchte . « » Sie werden sich hüten , in diese Falle zu gehen ! « » Ich bin überzeugt , daß sie dieses Thal passieren werden , weil sie sonst einen Umweg machen müßten , welcher für sie fast zwei Tage in Anspruch nehmen würde . Kämen wir eher hin als sie , so könnten wir die Brücke besetzen . Dann ließen wir sie hinein , besetzten hinter ihnen auch das andere Ende des Daraeh-y-Dschib und hätten sie dann so fest im Sacke , daß es ihnen ganz unmöglich wäre , sich zu bewegen oder gar sich zu verteidigen . « Da schaute Halef mich , im ganzen Gesicht lachend , an und fragte : » Was sagst du dazu , Sihdi ? Das ist ja ganz derselbe Streich , den wir schon wiederholt den Feinden unserer Freunde gespielt haben ! Und zugleich wird dadurch das vermieden , was man nicht ohne Not thun soll , nämlich das Blut von anderen Menschen zu vergießen . Ist dieser Plan des Scheikes der Dinarun nicht lobenswert ? « » Er scheint gut zu sein , « antwortete ich . » Wie aber nun , wenn die Dschamikun ebenso klug sind wie wir und uns fangen , anstatt wir sie ? « Da lachte Nafar Ben Schuri laut auf und entgegnete : » Die uns ? Auf einen solchen Gedanken kommen diese Dummköpfe nicht ! Und wenn sie ihn hätten , so könnten sie ihn doch nicht ausführen , weil die Herden ihnen im Wege wären . « » So denke dir die Lage , wie sie sein würde , wenn sie wirklich in die Falle gingen ! Sie würden allerdings in dem engen Thale stecken , und wir befänden uns am Eingange und am Ausgange desselben . Wir wären also geteilt . Wäre das vorteilhaft für uns ? « » Ja , denn wir hätten sie zwischen uns und könnten sie mit unsern Kugeln zwingen , sich zu ergeben . « » Das bezweifle ich . Wir hätten außerhalb des Thales keine Deckung , und folglich würden ihre Gewehre uns gefährlicher werden als die unserigen ihnen . « » Aber das Thal ist so schmal , daß nur sehr wenige auf uns schießen könnten ! « » Wir aber auch auf nur wenige von ihnen ! « entgegnete ich . » Sie sind aber eingeschlossen und können nicht heraus ! Wir haben gar nichts zu thun , als zu warten , bis sie um Gnade bitten ! « » Sie können es länger aushalten als wir , denn die euch geraubten Tiere geben ihnen für längere Zeit Fleisch , als wir haben . « » Aber das Wasser fehlt ihnen ! Das Flußbett ist vollständig trocken . « » So müssen ja auch wir dürsten ! « Da rief er ungeduldig aus : » Sihdi , ich habe geglaubt , du seiest ein tapferer Mann , und nun machst du solche Einwände ! Denkst du denn gar nicht auch an eure Gewehre ? « » Ah - - - ! Unsere Gewehre - - - ! Du rechnest auf sie ? « » Natürlich ! Ich weiß , daß ihr sehr viele Male schießen könnt , ohne laden zu müssen , und daß eure Kugeln wenigstens fünfmal weiter gehen als die unserigen . Wir können den Dschamikun also so fern bleiben , daß ihr Blei uns gar nicht erreicht , während sie aber von euch alle nach und nach erschossen werden . « Sein Gesicht hatte während dieser Worte den Ausdruck einer Pfiffigkeit angenommen , welcher mir nicht gefiel . Ich hatte schon das Wort auf den Lippen , ihm dies verstehen zu geben , aber da kam Halef mir zuvor : » Sihdi , erlaube , daß ich dich nicht begreife ! Bist du plötzlich undankbar geworden ? Dieser unser Freund Nafar Ben Schuri hat uns einen großen Dienst geleistet . Wir sind seine Gäste , seine Brüder . Er rechnet auf die Ueberlegenheit unserer Gewehre . Weißt du , was uns die Pflicht des Dankes und der Gastfreundschaft gebietet ? « » Halef ! « warnte ich ihn . » Willst du mich beleidigen ? « » Nein ! Aber du beleidigst mich ! Du bist der beste und der tapferste Mann der ganzen Welt ; aber dein Geburtsland ist Dschermanistan und wird es immer bleiben . Ich aber wurde in der Wüste geboren ; ich bin ein echter Ibn el Arab51 und kann es nicht anhören , daß du plötzlich solche Bedenken trägst , die Gesetze der Wüste zu befolgen ! « » Hamdulillah - - Hamdulillah ! « rief da der Scheik , indem er aufsprang und die Hände zustimmend zusammenschlug . » Das ist ein Wort , wie ich es von einem Manne erwartet habe ! Ich höre , daß du Hadschi Halef Omar bist , der berühmte , unüberwindliche Scheik der Haddedihn vom tapferen Stamme der Schammar ! « Das wirkte geradezu elektrisierend auf meinen kleinen , ehrgeizigen Hadschi . Er sprang auch auf und erklärte in seinem bestimmtesten Tone : » Ja , der bin ich allerdings , und du wirst sogleich hören , was ich beschlossen habe : Wir reiten fort , jetzt , gleich ! Wir folgen den Dschamikun bis in das Thal des Sackes und zwingen sie dort , sich uns zu ergeben . Das sage ich , und mein Sihdi sagt es auch . Darauf gebe ich dir mein Wort , mein Ehrenwort ! « » Halef ! « rief ich ihm zu , indem ich nun auch aufsprang . » Was fällt dir ein ! Gieb deinen Puls ! Das Fieber spricht aus dir ! « Er trat einen Schritt zurück und antwortete : » Ob Fieber oder nicht , ich hab ' s gesagt und werde es auch halten . Mein Puls ging ruhig , wie er immer geht ; aber wenn du zauderst , zu thun , was uns die Pflicht und die Ehre gebietet , so muß er freilich schneller gehen ! Ich bin mit dir gereist , so weit , so weit ! Und ich bin auch bereit , mit dir zu gehen bis an das Ende der Erde . Du aber willst mir nicht einmal den Gefallen thun , den ich unsern Freunden , den Dinarun , zu erweisen habe ! Darum gab ich so schnell mein Ehrenwort , um dich zu zwingen . Jetzt thue , was dir beliebt ! Ich reite mit , sogleich ! Wirst du mich , deinen Halef , verlassen können ? « Der Fakir war von uns der einzige , der noch saß . Jetzt stand er auf , ergriff Halefs Hand und dann die meine , legte beide ineinander und sagte , sich an mich wendend : » Halte deinen Freund und Bruder nicht zurück ! Der Tod steht an seiner Seite und streckt die Hand nach ihm aus ; du aber siehst es nicht . Reite gern und schnell mit ihm nach dem Daraeh-y-Dschieb ! Dort wird er Rettung finden ; hier aber müßte er sterben . Glaub es mir ! Es ist so gut , als hätte Allah selbst es dir gesagt ! « Nach diesen Worten wandte er sich ab und ging von uns weg . » Das ist die Wahrheit , « erklärte der Scheik . » Er sieht Dinge , die kein anderer sehen kann , auch den Tod ! « » Kennst du diesen Fakir so genau ? « fragte ich . » Ja . « » Seit wann ? « » Gehört habe ich seit langer Zeit von ihm . Gesehen habe ich ihn erst gestern früh , als er in unser Lager kam . Er ist bald hier , bald dort . « » Wie lange bleibt er bei euch ? « Der Fakir hatte sich schon so weit von uns entfernt , daß er diese meine Frage unmöglich gehört haben konnte . Und dennoch blieb er grad in diesem Augenblicke stehen , drehte sich um und rief uns zu : » Sallab kam , und Sallab geht . Er hat weder Brot , noch Fleisch , noch Salz , noch Wasser hier genossen ; er ist keines anderen als nur Allahs Gast . Doch was er sprach , das war zu eurem Heile ! « Hierauf ging er weiter , bis er in einer Terrainfalte verschwand . Halef hielt meine Hand noch fest . Jetzt zog er sie noch näher an sich und fragte : » Nicht wahr , du reitest mit , Sihdi ? « » Ja , « antwortete ich . » Sogleich ? « » Ja . « Was wollte oder konnte ich anderes sagen , da der Scheik bei uns stand , in dessen Gegenwart ich doch nicht sprechen konnte , wie ich wollte . » Ich danke dir , Sihdi ! « Bei diesen Worten gab der Hadschi meine Hand wieder frei . » Nein , danke nicht mir , sondern dir selbst ! Denn du bist die Quelle dieses meines Entschlusses . Ich wollte erst morgen entscheiden . Du hast es schon jetzt gethan , und so wollen wir wünschen , daß wir es nicht zu bereuen brauchen ! « » Es ist zu unserm Heile . Der Fakir hat es gesagt , Sihdi ! Und da es denn beschlossen ist , so wollen wir auch nicht lange zögern . Um mich brauchst du keine Sorge zu haben . Das zahnlose Weib ist für immer fort . Ich bin so gesund und stark , daß ich mich schäme , in der Sänfte gesessen zu haben wie eine kraftlose Urahne sämtlicher Großmütter aller kranken Schwiegereltern . Du hast dich um nichts zu bekümmern . Ich werde für alles sorgen , auch für Futter für die Pferde . « Als er das sagte , sah er so frisch und munter aus , als ob die Sänfte vollständig überflüssig gewesen sei . Der Scheik forderte ihn auf , mit ihm in das Zelt zu gehen ; er wolle ihm den Vorrat von Bla ed Dud52 zeigen . Er folgte ihm , und da ich nun allein war , so schlenderte ich langsam durch das Lager und dann über dasselbe hinaus , um vollends bis auf die Kuppe des Berges zu steigen . Als ich da oben angekommen war , sah ich den Fakir über den jenseitigen Abhang schreiten . Indem ich ihn mit den Augen verfolgte , blieb er stehen , hob den rechten Arm empor , bewegte ihn , als ob er jemand warnen wolle , und ging dann weiter . Wem hatte das gegolten ? Mir ? Geheimnisvoller Mann ! Warum hatte er bei den Dinarun weder gegessen noch getrunken ? Und warum hatte er uns noch besonders hierauf aufmerksam gemacht ? Gab es für ihn einen Grund , so vollständig auf die Gastlichkeit dieser Leute zu verzichten ? Fakire sind ja immer sonderbare Leute ; warum sollte grad dieser weniger seltsam gehandelt haben ? Als ich in das Lager zurückkam , waren die Zurüstungen zum Aufbruche flott im Gange . Halef hatte die Pferde getränkt und die Futtersäcke mit Bla ed Dud gefüllt . Er teilte mir mit , daß man in zwei Abteilungen reiten werde . Die Mehrzahl sollte sich beeilen , die Kundschafter , welche den Dschamikun heimlich folgten , so bald wie möglich einzuholen . Die übrigen waren dazu bestimmt , mit den Frauen und Kindern und der Bagage langsamer nachzukommen . Der gute Hadschi war ganz Feuer und Flamme , und ich hütete mich wohl , seine Begeisterung herabzustimmen . Es mußte vielmehr nun meine Sorge sein , ihm diesen seinen Enthusiasmus möglichst zu erhalten . » Der Tod steht an seiner Seite und streckt die Hand nach ihm aus ; du aber siehst es nicht ! « Diese Worte des Fakirs wollten mir nicht aus den Ohren . Ich mußte mir ja sagen , daß die jetzige Munterkeit Halefs nicht von langer Dauer sein werde . Der Geist konnte nur solange Herr des erkrankten Leibes sein , als er anregende Sorge und Beschäftigung hatte ; dann war der Rückschlag sicher zu erwarten . Ich hatte wohl kaum jemals mich so schweren Herzens in den Sattel gesetzt , wie heute ; er aber ritt heiter und unbefangen neben mir her und brachte es sogar fertig , über meine Bedachtsamkeit zu scherzen , die ihn zu dem schnellen Entschlusse gebracht hatte , durch sein Ehrenwort alle meine Weiterungen abzuschneiden . Wenn ich mich nicht geirrt hatte , sondern die Krankheit , welche ich vermutete , wirklich im Anzuge war , so mußte ich nun die psychische Kraft bewundern , welche jetzt so nachdrücklich und so lange die Herrschaft über die Symptome dieser Krankheit behauptete . Es verging der ganze Nachmittag , ohne daß sich eine Ermüdung bei ihm zeigte . Wir ritten sogar noch einen Teil des Abends weiter , um für heut eine möglichst große Strecke zurückzulegen , und als wir dann zur Nachtruhe anhielten , sprang er so munter vom Pferde , als ob er erst vor kurzem aufgestiegen sei . Ich schrieb diese außerordentliche Widerstandsfähigkeit außer seinem Willen und seinem Enthusiasmus auch seinem südlichen Temperamente zu . Es war Feuer in ihm . Aber wenn es auch wirkte , so lange es möglich war , wenn es verlöschte , hatte ich meines Erachtens mit einem um so schwereren Rückfall zu rechnen . Darum legte ich mich , als wir gegessen hatten , nicht ohne Sorgen an seiner Seite nieder . Glücklicherweise bewahrheiteten sich diese meine Befürchtungen nicht , wenigstens nicht in dem Maße , wie ich es erwartet hatte . - - - Drittes Kapitel Am Tode Ich schlief infolge des gestrigen Nachtwachens heute sehr rasch ein und wäre wahrscheinlich die ganze Nacht hindurch nicht aufgewacht , wenn Halef mich nicht aufgerüttelt hätte . » Verzeih , Sihdi , daß ich dich wecke ! « sagte er . » Ich glaube , das alte Weib will wieder kommen . « » Spürst du ihr Nahen ? « fragte ich . » Nicht nur ihr Nahen . Sondern ich bemerke , daß sie schon ganz vor mir steht . « » Halef , du sprichst mit Mühe ! Deine Zähne klappern ! « » Nein ; aber es hält mir den Mund halb offen , ganz so , wie einem Menschen , der sehr friert . Gieb mir von deiner Arznei ! « Ich folgte dieser Aufforderung . Als er die absichtlich vergrößerte Gabe genommen hatte , erkundigte er sich : » Weißt du , was Zittern ist , Sihdi ? « » Ja , jedermann weiß das wohl . « » Aber hast du selbst schon einmal gezittert ? « » Ich glaube , nein . « » Ich auch nicht , weder aus Angst noch aus irgend einem anderen Grunde . Aber , denke dir , jetzt zittre ich ! Oder vielmehr , nicht ich thue es , sondern das alte , zahnlose Fieberweib , welches nun doch in mich hineingekrochen ist , zittert in mir . Ich glaube , aus Furcht , schnell wieder heraus zu müssen . Und sodann ist es mir , als ob mir ein Gürtel um den Kopf gelegt und übermäßig fest zugeschnallt worden sei . Meine Beine sind mir abhanden gekommen . Ich weiß zwar ganz genau , daß ich sie noch habe , aber ihr Selbstbewußtsein ist ihnen verloren gegangen . Sie können sich nicht mehr auf sich selbst besinnen , und darum ist es gar nicht zu verwundern , daß sie auch mich ganz und gar vergessen haben , obgleich ihnen das verboten ist . Ich werde einmal versuchen , sie von ihrer Pflichtvergessenheit zurückzubringen . « Er erhob sich langsam und unsicher , blieb aber nur kurze Zeit stehen , ließ sich dann wieder nieder und sagte : » Das ist eine ganz eigentümliche Empfindung , die ich dir wohl nicht deutlich genug machen kann . Es scheint mir , als ob ich da unten keine Knochen , keine Sehnen und kein Fleisch mehr habe , sondern bloß noch die Haut , und diese ist so außerordentlich dünn , daß ich von innen heraus den Stoff der Hose sehen kann ! « Welch naive und doch bewundernswerte Deutlichkeit , mit welcher er diesen Schwächezustand seiner Glieder beschrieb ! Er war in dieser Beziehung ja schon überhaupt unübertroffen ! Er verstand es , selbst für das unerklärbar Scheinende Worte zu finden , welche trotz ihrer Sonderbarkeit fast stets das Richtige trafen . Nun war ich fest überzeugt , daß er keinen Augenblick mehr werde schlafen können . Jeder Arzt hätte das mit der