geglaubt , tüchtig und glücklich werden zu können ! Weder das eine noch das andere hatte sich erfüllt ! Was würde ihr Los in der neuen , dürftigen Heimat sein , die sie so jeder Hoffnung bar betrat ? Würde es immer weiter bergab gehen mit ihr , oder würde ein gutes Geschick sie wieder aufwärts tragen ? Den Blick starr vor sich hingerichtet , nicht mehr im stande , rechts oder links zu schauen , schritt sie auf die Strasse hinaus . Nie war sie sich so bettelarm vorgekommen , wie in dieser Stunde . Als sie schwer atmend in ihrem Stübchen in Schöneberg angekommen war , sank sie schluchzend vor ihrem notdürftig zusammengeschlagenen Bette in die Knie , und den Kopf in den Händen verbergend , stöhnte sie unter heissen Thränen : » Mutter , liebste Mutter , wärst Du bei mir ! « - Langsam , sehr langsam gewöhnte Lotte sich in dies völlig neue Leben ein . Sie war oft Tage lang allein , ohne die geringste Ansprache . Die vielen kleinen Leute , welche die Hofseite des grossen Mietskastens bewohnten , hatten anfangs hier und da auf der Treppe ein Gespräch mit ihr gesucht . Das schöne , zarte Mädchen , das zu was besserem geboren schien , als vier Treppen hoch unter dem Dach ein , allem Anschein nach sehr kärgliches Brot mit ihrer Hände Arbeit zu verdienen , hatte ihre Neugier gereizt . Aber da sie niemals sich in ein Gespräch einliess , zwar niemals unfreundlich aber auch niemals recht zugänglich war , liess man sie bald in Ruh . Es war am Ende auch wohl nicht ganz richtig mit ihr und dem jungen brünetten Menschen , der alle Woche einmal die Treppen zu ihr hinaufstürmte . » Komödiantenvolk « meinte die alte Fetter , die als älteste Mieterin eine massgebende Stimme im Hinterhause hatte . » Meine Tochter Aujuste oben , was ihre Nachbarin ist , kann davon was erzählen . Janze Stücke üben sie zusammen ein , wenn der Schwarzkopf kommt . Er redt und sie heult . Es soll manchmal ordentlich rührend sein , meint meine Tochter , wenn sie so ' n bittenden Ton anschlägt . Die reine Sorma , sagt die Aujuste . Die war nämlich ' mal ins Deutsche , als sie noch bei Veilchenfelds diente . Ja , nee , was die Zeiten sich ändern ! Die Aujuste hätte auch was besseres thun können , als sich mit dem langen Karl einlassen . Bei Veilchenfelds hat sie ' s so jut jehabt . Und was hat sie nun ? Alle Jahr ' n Kind und nicht satt zu essen . « » Jotte doch , Fettern , des Menschen Wille ist sein Himmelreich - er hat sie doch wenigstens jeheiratet , und das kann man nicht von jedem sagen . - Also Komödiantenvolk , meint die Aujuste - na jut , dass man ' s weiss ! « Damit war Lottes Schicksal im Hause und in der Nachbarschaft besiegelt . Komödiantenvolk ! Kein Mensch gönnte ihr mehr ein gutes Wort oder einen freundlichen Blick . Nur ihre nächste Nachbarin , die unfreiwillige Anstifterin ihres bösen Rufes , Frau Auguste Korn , geborene Fetter , liess sich nicht gegen sie aufhetzen . Sie hatte immer einen Sinn fürs Höhere gehabt , und bei Veilchenfelds war man sehr fürs Theatralische gewesen . Und dann - Auguste war eine gescheidte Frau , die nur einmal in ihrem Leben eine Dummheit gemacht , als sie sich mit dem langen Schlosser-Karl eingelassen hatte - wer weiss , was aus der stillen Blassen noch wurde , dachte sie bei sich . Vielleicht eine berühmte Künstlerin mit ' ner horrenden Gage ! Dann würde sich das bischen Freundlichkeit schon rentieren , was man jetzt an den armen Wurm verschwendete . Gerhart kam - genau so wie die Fettern im ganzen Hause herumgesprochen hatte - alle Woche einmal zu Lotte , wenigstens im Anfang . Dann wurden seine Besuche noch seltener , da er wirklich ein paar Mal fortfuhr , um sich im Auftrage des Direktors nach schauspielerischen Kräften umzuschauen . Er war schon in Brandenburg , Kottbus und Zeitz gewesen , hatte aber noch immer nicht das richtige gefunden . Nun wollte er morgen , man schrieb jetzt Anfang August , nach Freienwalde fahren . Am dortigen Sommertheater wollten Kunstkenner ein besonders begabtes junges Mädchen für seine Helga entdeckt haben . Gerade so was , was man für eine moderne Zustandskomödie brauchte . Als Gerhart durch den schwülen Sommerabend zu Lotte hinaus schritt , um ihr für ein paar Tage Lebewohl zu sagen , fiel es ihm eigentlich zum erstenmal auf , wie gut er jetzt ohne sie fertig wurde . Wer ihm das vor ein paar Wochen noch gesagt hätte , den würde er vermutlich einen Wahnsinnigen gescholten , oder verächtlich die Achseln über ihn gezuckt haben . Und doch war es so , er musste sich ' s eingestehen , Lotte war ihm auf einmal entbehrlich geworden . Je mehr er darüber nachdachte , je mehr erschien es ihm , als sei das schon eine ganze Weile so gewesen . Seit wann doch gleich ? Seit er sein Frühlingsdrama beendigt hatte , oder seit ihrem Geständnis im Wald am Müggelsee ? Aber da die Daten dieser beiden Ereignisse eng zusammenfielen , nur durch eine einzige Nacht und wenige Tagesstunden getrennt , war es müssig darüber nachzusinnen , seit wann er im stande war ohne Lotte zu leben . Blieb noch , weshalb er es war ? Trug der Umstand die Schuld , dass die Arbeit vollendet war , zu der ihre Küsse ihm unentbehrlich waren ? War es das Bekenntnis ihrer Mutterschaft , das ihm Lotte durch das Gespenst der im Hintergrunde lauernden Pflichten entfremdet hatte ? War es beides ? War es eines von beiden nur ? War es keines , sondern der natürliche Lauf der Dinge , der ewig neu sich wiederholende Prozess des Blühens , Reifens und Vergehens ? Er zuckte ungeduldig mit den Schultern . Was sollte diese Quälerei ? Er hatte jetzt wichtigeres zu thun , als seine Nerven mit dergleichen Selbstanbohrungen auf den Hund zu bringen . Seine ganze Kraft brauchte er , seine volle Energie für die grossen Geschehnisse , die vor ihm lagen . Es war nicht genug , ein Bühnenwerk zu schreiben , man musste auch die Kunst verstehen , es wirkungsvoll auf die Bretter zu bringen . Das war jetzt seine Aufgabe , bei der er Lotte ebenso wenig brauchen konnte , wie er sie bei dem ersten Teil seiner Arbeit hatte entbehren können . Jetzt musste er frei sein , wie er damals gebunden sein musste , ganz frei in Kopf und Herzen , um handeln zu können nach seinem Gutdünken . Das Gelingen würde ihr ja dann doch wieder zu gute kommen . Sobald er erst seinen grossen Erfolg hatte , wollte er sich ihr ja gern wieder widmen , gern für sie sorgen . Wer weiss , ob nicht wieder eine Schaffensperiode für ihn kam , in der er sie ebenso nötig hatte , wie während der Werdezeit des Frühlingsdramas ! Nur jetzt durfte nichts , kein Band , keine Pflicht ihn von dem nächsten abziehen und beengen . Nichts durfte fressen an der werdenden That , sie zum Krüppel machen , noch ehe sie geboren ward . Er hasste Missgeburten , körperliche sowie geistige . Er verachtete alles Halbe . Ganz und blühend wie seine Liebeszeit gewesen war , sollte jetzt die Zeit seines Erfolges heranreifen ; die abfallenden Blüten des halbverwelkten Liebesbaumes durften die reifende Frucht des Ruhmes nicht in ihrem Wachstum hemmen . So gegen den ärgsten Feind , den er jetzt zu besitzen glaubte , gegen Lottes Liebesansprüche gerüstet und gestählt , trat er vor die niedere Thür zu Lottes kleiner Wohnung . Sie war nicht verriegelt , nur eingeklinkt , so dass er ungehört eintreten konnte . Lotte sass an dem schmalen , weitgeöffneten Fenster . Schwül drang die Sommerabendluft , vermischt mit dem schweren Duft von Levkojen , Heliotrop und Reseda , die auf einem kleinen Blumenbrett vor dem Fenster blühten , in das enge Gemach . Lotte sass still , fast regungslos da . Die Arbeit lag ihr unberührt im Schoss , schlaff hingen die Arme ihr am Leibe herab , und thränenverdunkelt war der starre , ins Leere gerichtete Blick . Trotz all seiner eisernen Vorsätze gab es Gerhart doch einen Stich ins Herz , als er sie so sitzen sah , ein Bild stummer , zerbrochener Verzweiflung . Einen Augenblick blieb er auf der Schwelle stehen , zögernd wie ein Unberufener . Dann trat er ein paar Schritte auf sie zu und rief zärtlich ihren Namen . Müde , ohne sich zu rühren , sah sie zu ihm auf . » Du bist ' s , Gerhart ? Kommst Du endlich einmal ! « Ein schwacher Schimmer der Freude zog über ihr abgehärmtes Gesicht . Er zog ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr wirres goldbraunes Haar . » Kleines , was machst Du mir für Geschichten ? Du siehst ja erbärmlich aus ! « Sie antwortete nicht , sondern sah ihn nur immer tieftraurig an . Dann nach einer kleinen Weile sagte sie tonlos : » Wann wird Dein Stück aufgeführt , Gerhart ? Es ist höchste Zeit . Ich - sei mir nicht böse - ich fühle mich totkrank und ich ertrüge es nicht , wenn jemand - O Du weisst ja was ich meine . Gerhart , schweige doch nicht so unbarmherzig - ich will ja nichts , nichts von Dir - ich will mich selbst durchs Leben schlagen . Du sollst frei sein von mir - nur heirate mich , heirate mich ! « Ehe er es hatte hindern können , war sie zu seinen Füssen niedergestürzt , und seine Knie umklammernd , stöhnte sie auf wie ein waidwundes Tier . Er hob sie auf und legte sie auf ihr kleines weisses Bett . Sie war blass wie eine Tote und auch aus seinem Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen . Das hatte er nicht erwartet ! Was musste sie leiden , gelitten haben , dass ihre sanfte zärtliche Natur bis zu einem solchen Ausbruch sich verirren konnte ! Und doch sie musste es tragen , musste es erdulden wie so viele tausende von armen Mädchen es vor ihr getragen hatten , es nach ihr tragen und erdulden würden . Er beugte sich zu ihr nieder , um sie zu küssen . Sie rührte sich nicht . Reglos mit geschlossenen Augen lag sie da . Wie schön sie waren , diese Märtyrerinnen der freien Liebe , wie rührend schön ! Wenn er es recht bedachte , lag doch eigentlich kein Grund zu dergleichen Verzweiflungsscenen vor , die sie alle früher oder später aufführten . War es nicht zu tausend Malen poetischer , von der Höhe des Liebesglücks ins Nichts , ins Dunkel zurückzusinken , als die hohe Flut der Leidenschaft im flachen Eheleben verebben , langsam und stetig vergehen zu sehen , wie ein Gewandstück , das man philisterhaft bis zu Ende trägt , nur weil man es einmal besitzt , so lange trägt , bis die Nähte von selbst zerfallen und der Stoff morsch und brüchig wird ! Thörichte Mädchen , die ihr jammert um das allzu jähe Ende ! Klebt ihr so fest an der eklen Erdenscholle ? Habt ihr so gar keinen Schwung , euch für ein Ikarusschicksal zu begeistern ? Auf zur Sonne , und dann mit jähem Sturz herab in die Tiefe , ins ewige Vergessen ! Und er küsste sie leidenschaftlich . Und so ganz durchdrungen war er von seinen unsinnigen eiteln Phantastereien , dass er dies zerbrochene Geschöpf um seine eigenen Küsse beneidete . - Am nächsten Morgen traf Lotte Frau Korn auf der Treppe . Die gutmütige Person hatte sich eine ganze Weile hinter ihr hergeschlichen , ehe sie sich das Herz gefasst hatte , Lotte anzureden . Dann aber hatte sie nicht länger an sich gehalten . Das Fräulein sah auch heute gar zu miserabel aus . Kein Wunder freilich nach der Scene mit dem Schwarzkopf gestern Abend . Dass dies keine Theaterscene , sondern ein Wirklichkeitsdrama gewesen war , hatte die brave Schlossersfrau allerdings bemerkt ; dieser Umstand aber hatte ihre Sympathie für das arme blasse Wurm nicht im geringsten herabgemindert . Im Gegenteil , Auguste hatte sich fest vorgenommen , was an ihr lag , dem armen Dinge beizustehen , auch wenn sie keine berühmte Schauspielerin zu werden versprach . Erst der Mensch , und dann ' s Metier . Das war ihre Maxime . Dass sie noch vor kurzem weniger human gedacht hatte , daran waren die Nachklänge aus dem Hause Veilchenfeld schuld gewesen , die noch immer ab und zu bei ihr herumspukten . Auf der steilen hohen Treppe hatten die beiden nur ein paar flüchtige Worte gewechselt . Erst oben vor Lottes Thür fand Auguste den Mut , ihr volles Herz auszuschütten . » Entschuldigen Sie nur , Fräulein - es sieht vielleicht unbescheiden aus - - aber wenn ich einen Augenblick bei Ihnen eintreten dürfte , ich hätte Ihnen was zu sagen , Fräulein ! « Lotte war ein wenig verwundert , aber sie dachte nicht weiter über das seltsame Ansinnen der Schlossersfrau nach . Sie hatte es sich allgemach abgewöhnt , zu denken . Ihr Kopf war zu müde und schwer dazu , und seit gestern Abend gar lag es wie dichter Nebel über ihrer Denkkraft . Sie öffnete die Thür und schritt der robusten Frau voran , ihr einen Stuhl anzubieten . » Bitte , setzen Sie sich doch , Frau Korn , wenn Sie mir etwas zu sagen haben - « Auguste schüttelte den Kopf und sah sich in dem kleinen Zimmer um . Wie nett es hier aussah ! Ganz anders wie sonst bei Leuten , die für dürftigen Tageslohn arbeiten . Man sah doch gleich , dass das Fräulein aus gutem Hause war . Das arme junge Ding ! Frau Korn brannte darauf , ihr mit ihrer reiferen Erfahrung gegen den wüsten Schwarzkopf zu Hilfe zu kommen . Sie setzte sich nun doch , denn so schnell würde sie mit dem was sie vorhatte , nicht zu stande kommen . Ihre Zunge war nicht so flink wie die ihrer Mutter . Der Fettern that es nicht leicht eine gleich . » Also , Fräulein , wenn Sie ' s mir nicht übelnehmen möchten , das kann so mit Ihnen nicht weiter gehen , Fräulein . Nee , genieren müssen Sie sich nicht vor mir - ich bin ' ne alte Frau gegen Sie , Fräulein , und so was wie Sie hab ' ich auch durchgemacht , ehe ich meinen Karl geheiratet habe . - Aber wenn Sie ' s beruhigt - im Haus , da weiss niemand davon als ich - und ich halte reinen Mund . Sehen Sie ' mal , Fräuleinchen , so aufregen wie gestern Abend , das sollten Sie nicht thun , und auch nicht den ganzen Tag hier oben in dem engen Loch hocken , und immer alleine , da wird der Mensch ja ganz dämlich bei , und für Ihren Zustand ist es das reine Gift . Ordentlich an die frische Luft gehen sollten Sie und mit Gesellschaft ! Meine , na , die kann ich Ihnen ja freilich nicht anbieten , habe auch nicht viel Zeit übrig für ins Freie bei die Menge Gören , aber da hat Sie doch neulich so ' ne hübsche , junge , schwarze Dame besucht , die Ihnen all die schönen Blumenstöcke da ' rauf gebracht hat , wie wär ' s denn mit der ? « Lotte sass mit abgewandtem Antlitz da . Die Scham drohte sie zu ersticken . Und doch hatte sie nicht das Herz , die Freundlichkeit der braven Frau zurückzuweisen , aus deren Worten sichtbarlich keine müssige Neugier sondern echte Anteilnahme sprach . Jetzt fühlte sie die breite Hand Augustes auf ihrer Schulter . Ihr warmer gesunder Atem streifte sie . » Ach , liebes Fräulein , nee , das müssen Sie nicht ! So dasitzen wie tot und verstorben ! Sehen Sie so , weinen Sie man und erleichtern Sie sich . Thränen sind immer was Gutesl « Langsam wandte sich Lotte vollends zu der Sprechenden um und reichte ihr die Hand . » Ich fühl ' es , ja , Sie meinen es gut mit mir , und wenn ich erst verheiratet bin - « » Ach , darum machen Sie sich keine Sorge , Fräuleinchen - aber gut , dass Sie mich darauf bringen . Sehen Sie , mit dem Heiraten , das ist so ' ne Sache . Thuts der Mann nicht in unserer Lage , dann denkt man , die Welt soll untergehen , und thut er ' s , na , dann is es in den meisten Fällen auch man so . Und wenn dann ein Kind nach dem andern kommt und Schmalhans Küchenmeister bleibt , dann verwünscht man die ganze Heiraterei oft genug und sagt sich : wärst Du man lieber mit dem Ersten allein geblieben ! Eins füttert sich , auch ohne Mann , leichter durch , als ' n halbes Dutzend in der Ehe . Nee , liebes Fräulein , glauben Sie mir , die Welt geht noch lange nicht darüber zu Grunde , wenn so ' n Mann nicht mit uns aufs Standesamt geht , da bin ich schon längst dahinter gekommen . Heut sind Sie vielleicht noch anderer Ansicht , aber die Zeit wird auch kommen , wo Sie sagen : die dumme unjebildete Schlossersfrau , die Korn , die hat doch so Unrecht nicht gehabt und Du hättest Dir nicht die Augen drum blind heulen sollen und ihn womöglich auf den Knien ums Heiraten anflehen ! Aber der gute Ruf , werden Sie sagen ! - Na ja - das ist ja eine ganz schöne Sache , wenn auch noch nie einer satt davon geworden ist . Und das Kind ! An das denken wir ja immer zuerst , wir Frauen . Aber ich sage Ihnen was : ob so ' n armer Wurm ' nen Vater hat , der ' s nicht ernähren kann , oder gar keinen , das bleibt sich auch am Ende gleich . Na , nichts für ungut , Fräulein , das wars , was ich Ihnen hatte sagen wollen , weil ich Ihren Jammer nicht länger mitansehen kann . Und nun , wenn Sie mich brauchen können oder eins von den Kleinen zum Zeitvertreib , oder meinen langen Karl , den ich ja nun doch ' mal für Lebenszeit auf dem Halse habe , wenn Sie vielleicht irgend was zu basteln haben , dann klopfen Sie man ruhig bei Korns an . Und besuchen Sie auch die hübsche schwarze Dame mit den schönen Blumen bald ' mal - ja ? Die hat so lustige Augen , die werden Ihnen gut thun - Na , und was er ist - wenn ich mir einen Rat erlauben dürfte - stellen Sie ihn ' n bischen kalt oder thun Sie , als ob Sie sich nischt draus machten , das ist noch das Einzige womit man die Männer ' rumkriegt . « An der Thür kehrte Frau Korn noch einmal um . » Liebes Fräulein , ich hätte noch eine Bitte . Nächste Woche ist Mutters Geburtstag . Sie braucht ' ne neue Haube , die hab ich ihr schon lange versprochen . Hätten Sie wohl Zeit , mir eine anzufertigen ? Einfach aber nett . Zwei bis drei Märker kann sie schon kosten . « Und fort war sie , und ehe Lotte noch Zeit gefunden hatte , eine Antwort zu geben , hörte sie nebenan die Thür schon zugeschlagen und das Geschrei der kleinen wilden Schar , die die Mutter begrüsste . - Die gutgemeinten Vorstellungen der Schlossersfrau waren auf Lotte nicht ohne Wirkung geblieben . In ihrer grenzenlosen inneren Verlassenheit klammerte sie sich an manches Wort der schlichten Frau , wie an einen letzten rettenden Strohhalm an . Frau Korns Hauptargument freilich , dass es vielleicht besser sei , wenn Gerhart sie nicht heiratete und sie mit dem Kinde allein bliebe , wies sie mit leidenschaftlichem Widerstand zurück . Alles in ihr bäumte sich schon gegen den blossen Gedanken auf . Mutter und Mädchen zu sein , dünkte ihr ein unauslöschliches Brandmal der Schande , das höchstens der Tod zu tilgen im stande war . Und da sie den freiwilligen Tod nicht suchen durfte , um ihres Kindes willen , musste Gerhart ihr seinen Namen geben . Im Uebrigen that Lotte wirklich nach Augustes Worten . Ihrer anschmiegenden unselbständigen Natur wurde das nicht einmal schwer . Sie war so sehr daran gewöhnt , sich leiten und bestimmen zu lassen - von des Vaters Eigenwillen früher , von Lenas Launen und Gerharts Wünschen , seit sie in Berlin war - dass es ihr beinahe zur zweiten Natur geworden , nach dem Willen eines anderen zu handeln . Sie ging jetzt regelmässig an die Luft , öfters begleitet von einigen der Kornschen Kinder , die in der Umgegend gut Bescheid wussten . Die muntere kleine Gesellschaft führte Lotte so weit ihre müden Füsse sie tragen konnten , feldeinwärts nach Friedenau hinaus oder auf die Schöneberger Kirchhöfe , die Lotte in diesen schwülen Sommertagen am liebsten aufsuchte . Die tiefe Stille um sie her , der sanfte Duft , der dem reichen Blumenschmuck der Gräber entströmte , der Anblick der wenigen langsam dahinschreitenden ernsten Gestalten thaten ihrem wunden Gemüt unendlich wohl . Sie schickte dann die Kinder fort und verlor sich , auf einem still verborgenen Plätzchen sitzend , tief in Gedanken , die sich am Ende jedesmal in dem einen sehnsüchtigen auflösten : Wer doch auch hier liegen könnte und schlafen , schlafen mit Blumen bedeckt , von rauschenden Zweigen sanft umsungen ! Etwa vierzehn Tage nach dem Gespräch mit Frau Korn entschloss Lotte sich auch endlich einmal wieder Lena aufzusuchen . Sie traf nur das Ladenfräulein mit der gebrannten Lockenfrisur , der geschnürten Taille und dem dreisten Mundwerk an . In ihrer schnoddrigen Art teilte das Mädchen Lotte mit , dass das Fräulein gestern abgereist wäre , an die See mit einer adeligen Dame , der Schwester von dem Herrn Leutnant , der so oft hier sei . Da wäre auch ein Brief , den sie heut Abend mit ein paar frischen Blumentöpfen habe zu ihr hinausbringen sollen . Um so besser , dass sie den Weg und die vier Treppen sich nun sparen könnte ! - Lotte nahm dem Mädchen den Brief wortlos aus der Hand . Am liebsten wäre sie gleich wieder gegangen und hätte erst zu Haus gelesen was Lena schrieb , aber sie fühlte sich zu matt dazu . So bat sie das blonde Mädchen schüchtern um die Erlaubnis , sich ein Viertelstündchen in dem türkischen Boudoir ihrer Schwester verweilen zu dürfen . Lena schrieb : » Liebes Lottchen , wenn Du diesen Brief bekommst , bin ich schon weit von Dir entfernt - das heisst eigentlich nicht weit , sondern nur vier Stunden von Berlin , in dem schönen Heringsdorf . Du wirst Dich wundern , dass ich so plötzlich verreist bin , aber das kam so . Die Hitze hier war und ist , wie Du weisst , kaum noch zum Aushalten . ( Du armer Wurm da oben unter Deinem Dach ! ) Das Geschäft ging schlecht . Wie sollte es auch nicht , jetzt in der Saurengurkenzeit . Da machte mir Herr Bornstein den Vorschlag , mit ihm an die See zu gehen . Du weisst ja , die See war immer mein grösster Wunsch , aber mit Bornstein - - so dumm ! Da brachte Herr von Strehsen mich auf die gute Idee , seine Schwester Elisabeth nach Heringsdorf mitzunehmen . Elisabeth sei immer verständiger als die Mutter und Clementine gewesen und habe nicht so alberne Vorurteile . Na , Du weisst ja weswegen , und ich weiss , dass Du sie auch hast , aber Dir verdenk ' ich das auch gar nicht , Lotte . Alles kam wirklich , wie Strehsen gesagt hatte . Ich brauche nur zu winken , dann käme sie , Elisabeth nämlich , und zwar mit Wonne , denn sie hätte im Grunde immer zu mir und gegen die andern gehalten , behauptete sie . - Wir wollen eine nette , kleine , bescheidene Wohnung nehmen , wie es deren dort geben soll . Jetzt besonders in der zweiten Saison soll man ganz billig leben können . In acht Tagen kommen Bornstein und Kurt nach . Die werden dann natürlich als Grossprotzen im Kurhaus wohnen . Ich freue mich unbändig und wünschte , Du könntest mit . Schreibe mir doch bald eine Zeile , wie es Dir geht . Deine Dich liebende Schwester Lena . « Lotte legte den Brief vor sich auf die eingelegte Tischplatte und stützte den schweren müden Kopf in die Hand . Es war recht gut , dass sie Lena nicht gefunden hatte . Lena war so glücklich , weshalb sollte sie ihr durch ihr eigenes Leid das Leben verbittern ? Wirklich helfen konnte sie ihr ja doch nicht . Bis Lena zurück war - das blonde Mädchen hatte von vier Wochen gesprochen - würde sich vielleicht schon so manches geklärt und verändert haben . Vielleicht war sie bis dahin verheiratet oder fort von Berlin . Frau Korn , mit der sie jetzt alles besprach , wollte von dem letzten Plan freilich absolut nichts wissen . » Das fehlte blos , unter fremde Menschen gehen , allein und verlassen sein in der schweren Stunde , und dafür noch sauer verdientes Geld bezahlen - daraus wird nichts . Hier bleiben Sie . Ich werde Sie schon pflegen ich versteh ' mich d ' rauf . Wenn man sieben gehabt hat , lernt sich das . « Widersprochen hatte Lotte nicht , aber zugestimmt noch weniger . Sie hatte über alles dies ihre eigenen Gedanken . - Jetzt steckte sie Lenas Brief in die Tasche und machte sich zum Gehen bereit . Als sie in den Laden zurücktrat , fragte das Ladenfräulein in seiner kurzen schnippischen Art , ob sie die Blumen etwa doch noch ' rausbringen solle , oder ob es nun nicht mehr nötig sei . Lotte dankte und nahm sich vor , in Lenas Abwesenheit den Laden nicht mehr zu betreten . Die dreiste Art dieses Mädchens war ihr äusserst unbehaglich . Sie begriff nicht , wie Lena es mit solch einem Geschöpf aushalten konnte . Aber Lena hielt es nicht nur mit ihr aus , sondern war sogar sehr zufrieden mit ihrer Angestellten , von der sie behauptete , dass sie ihr Geschäft ausgezeichnet verstehe . Möglich , dass Lena recht hatte und sie selbst im Unrecht war , wie zumeist in solchen Dingen . Der Schiffbruch , den sie selbst erlitten , bewies ja zur Genüge , dass sie nicht im geringsten das Zeug dazu hatte , sich in Berlin über Wasser zu halten . Lena und dieses Mädchen verstanden es jedenfalls schon heut viel besser , als sie es jemals lernen würde . Viel müder und trübsinniger als sonst von ihren Spaziergängen , kam Lotte heut zu Hause an . Natur und Stille thaten ihr wohl , Menschen konnte sie nicht mehr ertragen . Das beste war schon , sie vermied sie ganz . In dem kleinen Kasten an ihrer Thür steckten eine Postkarte und ein Brief . Nachdem sie die Lampe angezündet hatte , nahm sie zuerst die Postkarte zur Hand . Sie war von Gerhart aus Freienwalde . Er hatte erst einmal kurz geschrieben , dass er sehr befriedigt von dem Talent der ihm empfohlenen Schauspielerin sei , und dass er hoffe , es würde eine ausgezeichnete Helga aus ihr werden . Heute teilte er ihr wieder nur in aller Kürze mit , dass er fürs erste noch in Freienwalde bleiben müsse . Fräulein Berté bedürfe bei dem Studium der Helga , trotz allen Talentes , doch sehr seiner leitenden Hand , und da sie nicht aus dem Engagement könne , müsse er eben dort zur Stelle sein . Es könne noch gut und gern ein paar Wochen dauern . In den nächsten Tagen würde er ausführlich über alles schreiben . Heut nur noch , dass er von Tante Wohlgebrecht , die vor Neujahr schwerlich wieder nach Berlin kommen werde , Nachricht habe , und dass der junge Mensch , ein stellenloser Buchhandlungsgehülfe , den er statt seiner ins Geschäft gesetzt , seine Sache ganz ordentlich zu machen scheine . Er sei froh , dass er den unwürdigen Krempel ' mal auf eine Weile los sei . Lotte schob die Karte , die ihr so wenig Tröstliches sagte , bei Seite und erbrach den Brief . Er kam von Franz Krieger und war scheinbar in einer sehr trüben Stimmung geschrieben . Es schien dem Jugendfreund nahe gegangen zu sein , dass Lotte seinen letzten Brief nicht selbst beantwortet hatte . Lena habe die Frage : ob sie ihm rate nach Berlin zu übersiedeln , ja am Ende für sie beide bejaht , aber das sei doch schliesslich nicht dasselbe , wenigstens nicht für ihn . Lena habe auch geschrieben , dass sie , Lottchen , nicht ganz auf dem Posten sei , sie möge ihm doch mitteilen , wie es ihr gehe . Mit dem Wiedersehen würde es leider vorerst nichts werden , denn nach genauer Ueberlegung könne er ohne Verlust seine Zelte vor Ende März nächsten Jahres nicht abbrechen . Dem Vater ginge es gut . Er liesse grüssen . Er pflege sich bei Karsten ordentlich heraus . Er liesse auch anfragen , ob seine Mädchen ihn denn nicht ' mal besuchen wollten , oder ob es dazu noch nicht langte ? Zum Schluss wünschte Franz Lotte noch alles Gute für ihren Gesundheitszustand