würde . « » Erlaube , daß ich bei den Haddedihn bleibe ! Ich gehöre jetzt zu ihnen ; auch ist es stets mein Grundsatz gewesen , mich nicht in Dinge zu mischen , die mir fern liegen . Daß das Heiligtum von Meschhed Ali bestohlen worden ist , geht mich nichts an , und mit dem Ghani habe ich einstweilen auch nichts mehr zu thun ; es ist also gar kein Grund vorhanden , mich an der Jagd nach den Dieben zu beteiligen . « » Auch nicht aus Rücksicht für mich ? « » Auch nicht . Diese Rücksicht verbietet mir im Gegenteile , dich zu begleiten . « » Wieso ? « » Durch meine Beteiligung würde ich , zwar nicht in Worten , aber durch die That , der Ansicht Ausdruck geben , als ob du nur mit meiner Hilfe im stande seist , die Aufgabe , welche du dir gestellt hast , zu erfüllen , während ich doch der festen Ueberzeugung bin , daß du ganz der Mann bist , das auszuführen , was du dir vorgenommen hast . Habe ich recht ? « Ich sah ihm an , daß er zufrieden mit dieser meiner Aeußerung war und sich geschmeichelt fühlte . Er antwortete : » Ja , du hast recht , Effendi , ich bitte dich also , zurückzubleiben . Aber heute abend werden wir euch ganz bestimmt am Brunnen Hilu wiedersehen ? « » Ja . Ich bin , wie gesagt , überzeugt , daß wir die Diebe als deine Gefangenen finden werden . « » Ganz gewiß , falls wir sie überhaupt noch dort treffen . « » Sie werden nirgends anders sein , denn sie müssen wegen des Wassers hin . Und sie werden auch dort bleiben , weil sie zu schwach und angegriffen sind , um von dort aus noch weiter zu reiten . Es ist viel eher möglich , daß ihr sie noch vor dem Bir Hilu einholt , als daß ihr gezwungen seid , ihnen von dort aus noch weiter nachzureiten . Das Eine nur gestatte ich mir , dir zu sagen : Sei ja dafür besorgt , daß sie nicht fliehen , wenn sie euch von weitem kommen sehen und dich etwa erkennen ! « » Das denke ja nicht ! Wir werden wie ein Wetter über ihnen sein . Nun Allah mich durch euch den richtigen Weg hat finden lassen , werde ich nicht so sorglos sein , ihnen Gelegenheit zum Entkommen zu geben . Jetzt erlaube , daß ich für einstweilen Abschied von euch nehme . Den Dank , den ich euch schuldig bin , werde ich euch später sagen ! « Er rief seinen Führer und die Soldaten herbei und eilte mit ihnen fort . Wir sahen sie noch einige Zeit vor uns auf den Hügelhöhen und in den Tiefen auf- und niedertauchen , bis sie sich so weit entfernt hatten , daß wir sie nicht mehr erkennen konnten . Da sagte Hadschi Halef zu mir : » Sihdi , wäre es nicht besser gewesen , du hättest seinen Wunsch , mit ihm zu reiten , erfüllt ? « » Warum ? « » Du wärest gewiß nicht allein mit ihm gegangen , sondern hättest mich mitgenommen . Und dann wäre es für uns doch eine wahre Wonne gewesen , mit dabeisein zu können , wenn diesen ebenso stolzen wie dummen , räuberischen Mekkanern der Hochmut ausgetrieben wird ! « » Hättest du deine Hanneh wirklich verlassen , Halef ? « » Warum nicht ? Es hätte sich doch nur um wenige Stunden gehandelt , und sie steht unter dem Schutze meines Sohnes und von fünfzig tapfern Kriegern . « » Wenn du diese wenigen Stunden noch wartest , ist es dann noch immer Zeit genug , dich an dem Anblicke der mekkanischen Demut zu laben . Und wenn ich meine Emmeh hier in der arabischen Wüste bei mir hätte , würde die Gegenwart von hundert Kriegern mir nicht den Vorwand geben können , sie nur auf eine Stunde zu verlassen . Unsere gemeinschaftlichen Erlebnisse müssen dich ja genugsam belehrt haben , daß die Gefahr meist plötzlich und ganz unerwartet kommt und oft größer ist , als man es für möglich gehalten hat . Nein , wir bleiben bei deiner Hanneh . Mit El Ghani kommen wir noch zeitig genug zu sprechen ! « Damit war sein Wunsch beiseite gebracht . Selbstverständlich lieferte uns nun das Zusammentreffen mit dem Perser ein hochinteressantes Gesprächsthema , welches Halef mit Hanneh und seinem Sohne auf das Eingehendste behandelte , wobei er sehr bestrebt war , zu verhüten , daß der von ihm gemachte Fehler berührt wurde . Dieses Vorhaben gelang ihm auch vollständig . Die Mittagszeit war vorüber , und die Sonne hatte den Scheitelpunkt ihres Tagesbogens hinter sich . Die Hitze hatte ihren höchsten Grad erreicht , und so machten wir Halt , um die Kamele nicht zu sehr anzustrengen , sondern ihnen eine kurze Rast zu gönnen . Der Münedschi erwachte , als wir ihn aus dem Sattel hoben , nicht aus seinem schlafähnlichen Zustande , fiel aber sonderbarerweise nicht um , als wir ihn auf die dazu ausgebreitete Decke setzten . Es schien also trotz seiner Geistesabwesenheit eine Art seelisches Prinzip vorhanden zu sein , durch welches die Bewegung seines Körpers beeinflußt wurde . Während er im übrigen vollständig regungslos wie eine aus Holz geschnitzte Figur da saß , ahmten seine Lippen von Zeit zu Zeit , als habe er einen Tschibuk im Munde , das Tabakrauchen nach . Das sah trotz seiner Erwürdigkeit fast lächerlich aus , doch war die Teilnahme für ihn eine so ernstliche , daß sich auf keinem Gesichte ein Lächeln zeigte . Da breitete er plötzlich die Arme nach beiden Seiten aus , als ob er sich rechts und links festhalten wolle . Ich griff schnell zu und stützte ihn , sonst wäre er umgefallen . Er that einen tiefen , tiefen Atemzug , bewegte den Kopf , als ob er sich im Kreise umsehen wolle , und fragte dann : » Wo sind wir jetzt ? « » Vier Reitstunden im Norden des Bir Hilu , « antwortete ich . » Wer seid ihr ? Meine Gefährten seid ihr nicht . « » Wir sind die Haddedihn , welche dich heut früh aus dem Grabe genommen haben . « Da richtete er , dem Klange meiner Stimme folgend , die weit geöffneten , strahlenden Augen auf mich und sagte : » Ja , ich besinne mich . Ich bin nicht mehr bei El Ghani , sondern bei euch , und du bist der Gelehrte aus dem Wadi Draha ; ich erkenne dich am Klange deiner Rede . Ich war nicht hier bei euch , sondern an einem hohen , lichtherrlichen Orte und habe deinen Schutzengel gesehen . Er heißt Marrya90 und befahl mir , dich zu grüßen . Seine Wohnung schmiegt sich an die Stufen von Allahs Thron ; seine Gestalt ist Schönheit , sein Gewand Weisheit , seine Stimme Sanftmut und sein Blick Liebe , Liebe , nichts als Liebe . Ich sah seine Hände ausgebreitet über dir , und Glaube , Zuversicht und Gottestreue floß von ihnen auf dich hernieder . Ich sah dich selbst in zwei verschiedenen Gestalten , welche gegen einander kämpften ; die eine war dunkel , wie der Schatten der Nacht , welcher sich gegen die Morgenröte empört , die andere hell und rein , wie das sanfte Licht , welches um christliche Altäre leuchtet . Die dunkle bestand aus deinen Fehlern , die du noch nicht überwunden hast , die lichte aus den Gedanken und Gefühlen , welche du der Vervollkommnung und dem Himmel weihst . Die finstere war stark , gewandt und listig , die helle aber mächtiger als sie , gewappnet mit dem Schilde der göttlichen Gnade und mit dem Schwerte der Willensfestigkeit . Und indem ich sie miteinander ringen sah , hörte ich die Stimme deines Engels : Bange nicht für ihn , denn er wird siegen und immer reiner werden , bis das Dunkel sich ganz in Licht verwandelt hat . Er kann nicht unterliegen , denn er weiß , ich schütze ihn ! Um dir diese Worte des Herrlichen zu sagen , kehrte ich zu dir zurück ; ich besinne mich ! « Er hatte in einem Tone gesprochen , als ob derartige befremdende Mitteilungen für ihn gar nichts Besonderes seien . Es hatte zwar nicht handwerksmäßig wie zum Beispiel bei einer Kartenlegerin geklungen , aber doch gewohnheitsartig und dabei unbefangen und überzeugt . Ich schwieg , denn ich wußte wirklich nicht , was ich darauf sagen sollte . Er schien aber auch gar keine Antwort zu erwarten , denn seine soeben an einem » hohen , lichtherrlichen Orte « gewesenen Gedanken beschäftigten sich sofort mit etwas sehr Materiellem : » Gebt mir Tabak ! « bat er , indem er seine Pfeife aus der Tasche nahm . Wir erfüllten ihm diesen Wunsch , und er begann , mit demselben fast gierigen Eifer zu rauchen , den ich schon an ihm beobachtet hatte . Infolge unsers Gespräches mit dem Perser drängten sich mir einige Fragen auf , welche ich dem Blinden vorzulegen hatte . Ich wartete , bis sein starkes Qualmen und der dabei hochbefriedigte Ausdruck seines Gesichtes mir bewiesen , daß » seine Seele jetzt ganz bei ihm « sei , und erkundigte mich dann : » Sagtest du mir nicht , daß El Ghani dich des Persischen wegen als Dolmetscher mit nach Meschhed Ali genommen habe ? « » Ja , das sagte ich , und es ist auch so , « antwortete er . » So hast du ihn dort auf allen seinen Wegen und Ausgängen begleiten müssen ? « » Nein , denn ich bin ja blind . Wenn er ausging , fand er ja überall Leute , mit denen er sprechen konnte , weil sie arabisch oder türkisch verstanden . « » So wäre es für ihn eigentlich gar nicht nötig gewesen , dich mitzunehmen ! « » O doch ! Denn wenn er daheim war , bekam er oft Besucher , welche persisch sprachen ; dann brauchte er mich . « » Du bekamst aber auch wohl Besuche , wenn er ausgegangen war ? « » Nein , denn er schloß mich ein , und er that sehr recht daran , denn ein blinder Mann ist an einem fremden Orte , gar wie Meschhed Ali , wo ganze Scharen von Pilgern verkehren , unter denen sich auch böse Menschen befinden , vielen Gefahren ausgesetzt . « » In Mekka verkehren noch mehr Pilger als in der Stadt der Schiiten ; also wirst du wohl dort auch eingeschlossen ? « » Ja , stets . « » Ist dir das nicht langweilig ? « » Nein , denn es besuchen mich viele , viele Leute , und ich gehe auch zuweilen mit El Ghani , meinem Wohlthäter , aus . « » Diese vielen Leute besuchen dich jedenfalls wegen deiner Gelehrsamkeit ? « » Sie kommen meist , um wichtige religiöse Fragen auszusprechen , welche ich ihnen beantworten soll . Ich weiß aber dann später nur ganz selten , was ich gesagt habe , denn ich verliere das Bewußtsein und komme gewöhnlich erst wieder zu mir , wenn sie fortgegangen sind . « » Was während deiner Bewußtlosigkeit geschieht , das weißt du nicht ? « » Ich sehe in alle Zeiten , die vergangene , gegenwärtige und zukünftige . Ich sehe Orte , welche der Erde angehören , und Orte , welche nicht auf ihr liegen . Nur alles , was mich selbst betrifft , was sich auf meine Person bezieht , das sehe ich nicht . « » Höchst sonderbar , daß dir grad das verborgen bleibt , was dich am meisten interessieren muß ! « » Ich bin zufrieden , denn Ben Nur , der mir diese Zeiten und diese Orte zeigt , will es nicht anders . « » Erfährt El Ghani alles , was du da zu sehen und zu hören bekommst ? « » Ich sage ihm vieles davon , aber er glaubt es nicht . Er lächelt nur immer , wenn ich ihm sage , daß ich im Lande der Abgeschiedenen gewesen sei ; du aber würdest es mir glauben ! « » Irre dich nicht ! Auch der Muhammedaner hält die Bibel für ein heiliges Buch , denn Muhammed hat aus demselben geschöpft und erklärt die Propheten der Bibel für wirkliche Propheten . Und dieses heilige Buch verbietet , daß man die Toten frage ! « » Wenn ich nicht auf der Erde bin , so sind es nicht die Toten , sondern die Lebenden , bei denen ich mich befinde , und wenn ich rede , so spreche ich nur mit Ben Nur , der kein Verstorbener ist . Niemand braucht sich zu scheuen , das zu hören , was meine Seele hört . Wenn ich dir sage , was ich sehe , so brauchst du auch dein Weib , dein Kind nicht fortzuweisen , denn es sind gute , reine lautere Himmelstimmen , die sich meiner Lippen bedienen . Ich bin nicht Stern- , Traum- oder Zeichendeuter , sondern seit ich hilflos geworden bin durch die Blindheit meiner Augen , gehöre ich zu den Armen und Unmündigen , denen offenbar wird , was den Reichen und Klugen verborgen ist . Ich bin weder ein Geisterseher noch ein Prophet , kein Lügner und auch kein Phantast ; ich bin weiter nichts als ein in der Wüste verlorenes Schaf , welches seinen Hirten sucht . Wenn mich da die Aufmerksamkeit meiner Sehnsucht die Stimmen der Wüste hören läßt , die sonst niemand hört , und wenn mein Durst aus weiter Ferne die Feuchtigkeit des Wassers spürt , welche die Glücklichen nicht empfinden , die bei dem Hirten an der Quelle liegen , so mögen wohl sie von Selbstbetrug und Täuschung sprechen , ich aber lasse mir diese Stimmen und diesen feuchten Hauch als Führer aus der Verlassenheit zum Brunnen dienen . Ich wollte gegen dich schweigen , denn du warst mir fremd ; aber nun ich dich im Kampfe , den ich dir beschrieb , gesehen habe , ist es mir , als müßtest grad du , der mich aus dem Grabe geholt hat , alles wissen , was ich jenseits desselben liegen sehe . Fürchte dich nicht ! Es entspringt daraus kein Schaden für deine Seele und für deinen Glauben , sondern es wird dir dadurch die herrliche Erkenntnis gegeben , daß die Liebe der Ursprung alles Bestehenden ist und daß nur sie allein den Weg zum irdischen Glücke und zum Paradiese zeigt ! « » Hast auch du die Liebe ? « fragte ich ihn , als er jetzt schwieg , fast genau so , wie ich ihn heut früh nach der Erklärung des Alispruches gefragt hatte . » Ich habe sie und finde sie doch nicht , « antwortete er . » Kannst du das begreifen ? « » Ja . « » Indem du dieses Ja aussprichst , denkst du an die Gegenliebe ; sie ist es aber nicht , die ich meine , und doch meine ich auch sie . Du wirst mich freilich nicht verstehen ! « » Ich verstehe dich . Es giebt nicht Liebe und Gegenliebe , also Liebe hin und Liebe her . Die Liebe ist eins , ist unteilbar . « » Das ist richtig , o wie so richtig ! Die Liebe ist eine Gotteskraft , ist die Gotteskraft ; sie kann nicht wie mit dem Messer zerschnitten werden , so daß jeder einzelne Mensch einen für ihn bestimmten Teil bekommt , der nun keine andere als nur seine Liebe ist . Zu sagen , ich liebe meine Mutter , ich liebe mein Kind , ist falsch , denn die Liebe , die wahre Liebe läßt sich nicht begrenzen , nicht auf Personen beschränken ; Liebe ist Leben , und Leben ist Liebe . Wie du sagst , ich lebe , so mußt du auch sagen , ich liebe . Und wie es unrichtig sein würde , zu sagen , ich lebe meinem Freund , so ist es auch nicht richtig , zu sagen , ich liebe meinen Freund . Die wahre Liebe kennt nicht ihr Gegenteil , kennt nicht den Haß ; sie umfängt alle Wesen ; sie kann kein einziges ausschließen , und wer diese wirkliche , diese Gottesliebe besitzt , von dem kann also nicht gesagt werden , daß er seinen Bruder , seine Schwester , daß er einen einzelnen Menschen liebe . Du lebst . Kannst du dieses dein Leben zerteilen ? Du liebst . Kannst du diese deine Liebe zerlegen ? Wenn du einen Menschen liebst , weil er dir nahe steht , und den andern , fernen nicht , so denke ja nicht , daß dies Liebe sei . Die Liebe kennt kein Weil und kein Warum , kennt überhaupt keinen Grund als nur sich selbst . Nun wundere dich nicht , wenn ich dir deine Frage zurückgebe : Hast du die Liebe ? Hast du diese wirkliche , diese richtige Liebe ? « Er richtete die toten und doch so hellen Augen auf mich . Es sollte der Ausdruck der Frage in ihnen liegen , aber der Blick war leer und inhaltslos wie die Herzen der Millionen , welche so viel von Liebe sprechen , ohne sie zu besitzen . Seine Frage , obwohl es genau dieselbe war , mußte mich , den Christen , ganz anders treffen , als die meinige ihn , den Muhammedaner , hatte treffen können . Da er mich für einen Anhänger des Islam halten sollte , durfte ich nicht von der Liebe sprechen , welche Christus lehrt ; da ich aber doch etwas sagen mußte , weil aller Augen jetzt auf mich gerichtet waren , so antwortete ich : » Ich befleißige mich , keine Ausnahme darin zu machen , daß ich alle Menschen mit meinem Herzen umfange . Ich thue das Gute und verabscheue das Schlechte , aber ich hasse nicht die Person dessen , welcher schlecht handelt . Es ist mein eifrigstes Bestreben , ein Kind Allahs zu sein , und ich hege den aufrichtigen Wunsch , in diesem Sinne alle Menschen als meine Brüder und Schwestern behandeln zu dürfen . Hoffentlich ist das die Liebe , welche du meinst ! « » Nein , sie ist es nicht . Du sprichst vom Bestreben , vom Befleißigen , vom Wünschen , hast also das noch nicht , was du erstrebst und wünschest . Die wahre Liebe hofft nicht und wünscht nicht , denn sie ist ja an sich schon die Erfüllung , die ausgeführte , volle That . Sie ist die einzige Macht , die einzige Kraft im Himmel und auf Erden . Nenne mir die Namen aller scheinbar andern Kräfte , sie sind doch nichts als nur verschiedene Erscheinungs- oder Wirkungsformen von ihr . Die Liebe hört nie auf . Sie hat keinen Anfang und kein Ende , sowohl in räumlicher als auch in zeitlicher Beziehung ; also kann es außer ihr nichts anderes geben . Sie erfüllt das Sonnenstäubchen und den Weltenraum , die kurze Sekunde des irdischen Zeitmaßes und auch die ganze Ewigkeit . Sie läßt sich nicht einteilen in Eltern- , Kindes- , Gatten- , Freundes- und allgemeine Menschenliebe . Wer sie so zerstückeln zu können meint , dem ist sie unbekannt . Unser Erkennen und unser Weissagen ist solches Stückwerk , vor der Liebe aber , die das Vollkommene ist , hört jedes Stückwerk auf . « Das war ja eine fast wörtliche Anführung aus dem herrlichen dreizehnten Kapitel des ersten Korintherbriefes ! Daß er , der Moslem , die heilige Schrift citierte , durfte ich nicht ohne Bemerkung vorübergehen lassen , sondern ich mußte ihn zwingen , sich zu ihr zu bekennen . Darum fragte ich schnell : » Ist das deine eigene Ansicht oder steht es im Kuran geschrieben ? Ich habe es nicht da gefunden . « » Es ist eine Stelle aus dem heiligen Buche der Christen , « antwortete er . » So ziehst du also die höchste und schönste aller Lehren nicht aus dem Werke Muhammeds , sondern aus dem Kitab el mukaddas ? 91 « » Ja . Doch darf das für dich kein Grund sein , an meiner Rechtgläubigkeit zu zweifeln , denn Muhammed hat selbst oft auch aus diesem Kitab geschöpft , und wenn ich das auch thue , so folge ich nur seinem Beispiele , welches er uns für die Erkenntnis der Vollkommenheit gegeben hat . Für uns , die wir nicht so erleuchtet sind , wie er es war , besitzt sein Kuran zahlreiche Lücken , welche nur mit den Wahrheiten der Bibel auszufüllen sind . « » So ist also die Vollkommenheit , von welcher du sprichst , nicht aus dem Kuran , sondern aus der Bibel zu schöpfen ? Der Wert der letzteren ist folglich größer ? « » Das habe ich nicht gemeint und nicht behaupten wollen . Aus meinen Worten geht nur hervor , daß sie oft deutlicher , also leichter zu verstehen ist als die Suren des Propheten . Ihm war ein anderer Weg vorgeschrieben als dem Stifter der christlichen Religion , nämlich der Kampf , während Jesus der Prediger der Liebe und des Friedens sein durfte . Da Jesus nicht gehört wurde , mußte ihm ein Muhammed folgen . Christus faßte den ganzen Inhalt seiner Lehre in das Gebot zusammen du sollst Gott , deinen Herrn , von ganzem Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst . Hätte er Gehorsam gefunden , so wäre das Reich des Friedens angebrochen , dessen Verkündigung in den Worten lag den Frieden hinterlasse ich euch ; meinen Frieden gebe ich euch ! Er , der Friedensfürst , wurde an das Kreuz geschlagen , und wie dabei der Vorhang im Tempel mitten auseinander riß , so war der Friedensbund zwischen Allah und der Menschheit zerrissen , und es mußte der Prophet kommen , dessen Religion bestimmt war , auf den Spitzen der Schwerter getragen und verbreitet zu werden . Wer den Frieden nicht haben will , der will den Kampf . Da die Menschheit die Lehren Christi verwarf und heut noch verwirft , wird sie sich von der Streitbarkeit des Islam bekehren lassen müssen . « » Ist die Lehre Christi wirklich in der Weise abgewiesen worden , wie du sagst ? Ich denke , es giebt weit mehr Christen als Muhammedaner , so daß auf fünfzehn Moslemin wenigstens vierzig Christen zu rechnen sind . « » Wenn du die Köpfe zählst , so hast du recht ; Allah aber siehet das Herz an ; zähle also die Herzen , nicht die Köpfe ! Dann wirst du erkennen , wie wenig wahre Christen und wie viel , viel mehr gläubige Anhänger des Islam es giebt . Ich kenne dieses Namenchristentum leider nur zu gut . Ich habe es studiert und darunter gelitten seit meiner Jugendzeit und - - - « Er hielt plötzlich in seiner mit großem Eifer vorgetragenen Rede inne und fuhr dann , sich verbessernd , langsam und mit mehr Ueberlegung fort : » Ich wollte sagen : Ich habe es aus vielen , vielen Büchern studiert und bin mit manchem sogenannten Christen zusammengetroffen , der grad und genau das Gegenteil von dem war , was ein Anhänger der Messiaslehre sein soll . Ich habe da so viel Trauriges erfahren und erlebt , daß ich nur höchst ungern davon spreche . Schweigen wir also über diesen Gegenstand ! Gebt mir lieber Tabak ; die Pfeife ist mir wieder ausgegangen ! « Als ihm dieser Wunsch erfüllt worden war , gab er sich seinem Lieblingsgenusse in einer Weise hin , welche , wenn ich die Absicht dazu gehabt hätte , es vollständig ausschloß , das Gespräch mit ihm fortzusetzen . Er sah ein , daß er mehr gesagt hatte , als eigentlich seine Absicht gewesen war ; hierin lag der eigentliche Grund des plötzlichen Abbruches seiner Mitteilungen . Was mich betraf , so war ich vollständig zufrieden mit dem , was ich gehört hatte . Ich wußte nun , warum er die heilige Schrift so gut kannte : Er war früher Christ gewesen und dann Muhammedaner geworden . Weshalb ? Diese Frage beschäftigte mich freilich , doch brauchte ich mir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen . Er hatte von Namenchristen und von schlimmen Erfahrungen gesprochen , doch war es mir unbegreiflich , daß ein gebildeter Mann aus solchen Gründen zum Renegaten werden kann . Zu der gebildeten Klasse zählte er , denn einige seiner Aeußerungen ließen darauf schließen , daß er studiert hatte . Als die Zeit unserer kurzen Rast vorüber war , halfen wir ihm wieder in den Sattel und ritten dann weiter . Halef gesellte sich mir , wie gewöhnlich , zu und teilte mir seine Ansichten über den Blinden mit . Auch ihm war es aufgefallen , daß dieser von seinen traurigen Erfahrungen gesprochen und dabei doch erklärt hatte , er habe das Namenchristentum aus vielen , vielen Büchern studiert . » Weißt du , Sihdi , « sagte der Hadschi , » das mit den vielen Büchern mag wohl wahr sein , denn er ist wirklich ein Gelehrter ; aber die Ansichten , welche er uns mitteilte , schienen weniger aus diesen Schriften , als vielmehr aus seinem Leben zu stammen . Ich möchte behaupten , daß er sehr oft mit Christen zusammengetroffen ist , welche sich nicht mit dem Herzen , sondern nur äußerlich zu diesem Glauben bekannten . Was meinst du dazu ? « » Er ist ein Rätsel , dessen Lösung großes Interesse für mich besitzt , « antwortete ich ausweichend . » Eine Meinung kann ich erst dann haben , wenn ich mir über ihn klar geworden bin . Zunächst müssen wir uns mit der Thatsache begnügen , daß er ein verlassener , unglücklicher Mann ist , dem wir unsern Beistand zu widmen haben . « » Der soll ihm werden , Sihdi , und zwar von Herzen gern . Dieser vom Tode Erstandene hat mein Mitleid , meine ganze Teilnahme in der Weise erweckt , daß ich bereit bin , für ihn alles zu thun , was mir möglich ist . Als diejenigen , die ihm das bereits verschwundene Leben wiedergegeben haben , sind wir verpflichtet , in der Weise und so lange für ihn sorgen , wie es in unseren Kräften steht , und das werden wir thun ! « - - Im Verlauf der nächsten Stunde wurde die Beschaffenheit der Wüste eine andere , als sie bisher gewesen war . Der unsere Tiere so ermüdende Wechsel zwischen Höhen und Tiefen wiederholte sich weniger häufig ; die Hügelwellen wurden nach und nach flacher , und die Thäler hoben sich , bis sich beide in der Weise ausgeglichen hatten , daß das entstanden war , was man im gewöhnlichen Sinne unter Wüste versteht , nämlich eine vollständig ebene Sandfläche , deren Horizont einen ununterbrochenen Kreis bildet . Der Sand war zunächst tief und fein . Die Füße der Kamele und Pferde , » mahlten « förmlich im Mehle . Später wurde er seichter und gröber ; der Untergrund war hart . Es traten von Zeit zu Zeit und dann immer mehr steinige Stellen hervor , welche an Größe zunahmen und in ihrer schließlichen Vereinigung den Sand verschwinden ließen . Wir befanden uns im Serir , der Wüste des glatten Steines . Der Boden war von den Winden kahlgefegt worden und zuweilen so glatt , daß die Kamele ausrutschten . Hier mußte man sehr gut aufpassen , wenn die Spuren , denen wir folgten , nicht verloren werden sollten . In dieser Art von Wüste pflegen die Temperaturunterschiede am größten zu sein , weil der am Tage in der Sonne fast glühende Stein seine Wärme des Abends schneller ausstrahlt als der Sand und dann erkaltet . Der Europäer hat sich vor solchen Gegenden sehr zu hüten , weil Fieber und Erkältungskrankheiten die unausbleiblichen Folgen sind . Nach einiger Zeit änderte sich die Scene abermals . Der Steinboden wurde uneben . Er schlug zunächst flache und dann höhere Wellen , deren Zwischenräume , je weiter wir kamen und je tiefer sie waren , sich um so mehr mit Sand gefüllt zeigten , den der Wind hineingeweht hatte . Die wie glatt polierten Erhöhungen verwandelten sich in scharfgeschnittene Hügel , welche in dem weiten , ebenen Serir als einzelne , inselartige Gruppen aufragten und sich dem Blicke in die Ferne hindernd entgegenstellten . Ein solches Terrain ist für Leute , welche eine Begegnung zu scheuen haben , natürlich gefährlicher als die offene Wüste , welche Umschau nach allen Richtungen gewährt . Da muß auch derjenige , der keinen Feind zu haben glaubt , vorsichtig sein , weil grad die arabische Wüste eine Stätte nie aufhörender , blutiger Befehdungen ist . Uebrigens teilte uns der Ben Harb , unser Führer , mit , daß der Bir Hilu an den größten und zerklüftetsten der hier umhergestreuten Felseninseln liege , und zwar in der Entfernung von vielleicht einer halben Reitstunde von uns . » Da müssen wir sofort unsere Richtung ändern ! « sagte Halef . » Warum ? « fragte ich , obwohl ich wußte , was er meinte . » Welchen Grund könnte es wohl geben , von der geraden und darum auch kürzesten Linie abzuweichen ? « Da machte er eins seiner allerliebsten , pfiffigen Gesichter und antwortete : » Du betest täglich das christliche Vaterunser und handelst jetzt doch selbst gegen den Teil desselben , welcher Führe uns nicht in Versuchung ! lautet . Du weißt gar wohl , was ich will , denn ich habe es ja erst von dir gelernt . Man glaubt am Brunnen , daß wir von Norden kommen werden , und darum machen wir einen Umweg , um ihn aus einer andern Richtung zu erreichen