seine Tochter ins Bett zurück , puffte die Kinder die Stufen hinunter und stellte sich dann mit dem Rücken gegen den Ofen . Es klopfte an die Türe , erst leiser , dann stärker . Agathon fragte , wer da sei ; Gedalja war es . Agathon ging hinaus , schloß den Laden ab und rief der Magd zu , sie solle den Arzt zur Mutter holen . Aber die Stimme der Frau Hellmut , die sich mit der Magd eingeschlossen hatte , antwortete , sie mache nicht auf , sie könne nicht ihr Leben riskieren bei diesen Zuständen . » Ich hab ' s vorausgesehen , « sagte Gedalja , beständig nickend , während er redete . » Werd ihn Gott beglücken dafor , den Herrn Baron Löwengard . Sin user fufzig Leit im Dorf , die um alles Geld kommen . Werd wachsen die Feindschaft , daß mer nit habn e friedliche Stund . Mich dauert nor sein Kind , nebbich . Is as wie e Rose zwischen die Dorner , die sticht sich stets un bleibt dennoch in ihrer Farb . Elkan , du dauerst mich aach . Hast dich abgeschunden ' s ganze Leben , hast gesammelt en übrigen Heller für die Kinder un jetz is es weg . Du bist der beste Mensch , den ich kenn , aber Mark haste kaans in die Knochen . Da sitzte jetz un starrst . Zu was ? Bin ich worn gestraft un hab verloren alles , was der Mensch nötig hat for sein Alter . Sitz ich da un starr ? Müßt ich nit starren und erstarren , wenn mein eigen Fleisch und Blut is geworn zum Bösewicht ? Ball is es aus , das Töpsche Leben , ausgeleert un ausgeschütt , nachher gitts nix mehr zum Starren . « Am Nachmittag kam Pavlovsky der Gendarm und ein Gerichtsschreiber . Alle erschraken . » Enoch Pohl ! « rief der dicke Pavlovsky und erhob die Augen nicht von dem Papier in seiner Hand . Ein Todesschweigen folgte , worauf der Gendarm einen Verhaftsbefehl wegen betrügerischen Wuchers verlas . Pavlovsky war noch nicht zu Ende , als Elkan Geyer von seinem Sitz auf die Erde sank und , wie ein Wurm sich windend , hilflos zu schluchzen begann . Agathon konnte es nicht sehen und wandte sich ab . Seine Geschwister stürzten sich über den Vater und begannen jämmerlich zu heulen ; Frau Hellmut kam herein und schrie laut auf , Sema faltete stumm die Hände und seine Augen waren für einige Sekunden förmlich gebrochen . » Mutter , « murmelte Agathon verstört , als er vom Krankenzimmer her ein beängstigendes Stöhnen vernahm . Er sah hinaus auf die Gasse , wie ein gefangenes Tier in den Wald sieht ; er sah den grauen , wolkenvollen Himmel und die Häuser , die unbeweglich standen und wunderte sich , daß die Welt noch dasselbe Bild der Ruhe und Herbstlichkeit bot . Pavlovsky hatte die Blicke noch nicht von seinem Dokument erhoben ; der Gerichtsschreiber nahm seine große Brille ab und musterte Raum und Menschen mit großen , verwunderten , wässerigen Augen . Gedalja , der sich so zusammengekrümmt hatte , daß sein Kinn die Knie berührte , richtete sich plötzlich straff empor und rief : » Hab ich ' s nicht gesehen kommen ? Elkan , hab ich ' s nicht gesagt zum voraus ? Hab ich nicht gesagt , der Zugrundrichter werd kommen über ihn ? Nu is geschändet Gemeinde un Haus un Hof ; un die Kinder wern habn zu tragen an deiner Guttat , Enoch . Was is Vernunft , daß se könnt bestehn vorm schlechten Gemüt ? Haste abgestreift die Ehrfurcht wo d ' r habn deine grauen Haare gegeben un mußt hinwandeln in Sünd und Schand . O Enoch , Enoch , hättste gehabt Erbarmen mit andere , hätteste aach gehabt Erbarmen mit dir selber . « Der Gendarm führte Enoch ab . Agathon sah , daß er keine Miene verzog . Etwas Starkes lag im Wesen dieses Alten , das die Furcht nicht kannte . Die Dämmerung brach herein . Agathon ging auf die Straße und wollte gegen den Wald hinauf , als er Gudstikker begegnete . Dieser zog ihn in den Schein einer Hauslaterne und gab ihm einen Brief mit der stummen Aufforderung , ihn zu lesen . Agathon erbleichte und legte die Hand vor die Augen : das hatte er schon irgend einmal erlebt , daß ihm dieser Mann einen Brief gab , vielleicht in einem vergangenen Leben , vielleicht in einem Traum . Langsam entfaltete er das vergilbte Papier und las beim Scheine des armseligen Lichtes : » Mein Liebster , das kann ich nicht , was du von mir forderst . Ich bin keine freie Frau , kein freies Mädchen . Ich bin nicht geboren , daß ich so hoch fliegen kann , bis zu dir . Aber meine Liebe ist in mir und will nicht vergessen , dich nie vergessen . Doch muß ich dich lassen , denn ich kann nicht tun , was du willst . Ich weiß nicht , welches Leben noch vor mir liegt , aber kann es nicht sein , daß das Kind , dessen Seele noch in meinem Leib schläft , mich deshalb anklagen würde ? Darum leb wohl und werde glücklich . Deine Jette Pohl . « Agathon wußte zuerst nichts anzufangen mit diesen Worten . Dann zuckte er zusammen wie unter einem Schlag und flüsterte : » Meine Mutter ? « Gudstikker nickte und erwiderte : » An meinen Vater . « » Und warum zeigen Sie mir das ! « rief Agathon voll Kummer . » Warum ? Das weiß ich selbst nicht . Vielleicht nur , um Ihnen zu zeigen , wie das Leben ist . Wie im Schauspiel geht alles . Ein Kobold hält uns an einem Faden und läßt uns genau so weit tanzen , wie er will . « Agathon sah verloren in die breite Mauer der aufgeschichteten Ziegelsteine , die sich für seine Blicke öffnete wie ein Sesam und ihn Jahre und Jahrzehnte zurückschauen ließ . Das war seine Mutter ! Und wozu hatte sie das Leben gemacht ! Hatte seine Mutter das empfinden können ? Und wo war es nun hingeschwunden , das alles , wohin ? Er begriff es nicht . » Ich weiß , was Sie denken , « sagte Gudstikker und fuhr mit seiner Lust an Weisheiten fort : » Es gibt nur zwei Wege für einen Menschen , - aus den Berg oder ins Tal . Droben ist er allein und vergeht , wenn ihn seine Seele im Stich läßt , unten wird er gemein . Doch reden wir von etwas anderem . Wissen Sie , daß das Gericht noch immer Nachforschungen hält wegen des plötzlichen Todes von Sürich Sperling ? Eine Zeitlang glaubte man an Vergiftung . Sogar Ihr Vater kam in vorübergehenden Verdacht . Ein gewisser Rosenau hat den Untersuchungsrichter darauf geführt . « » Was - ? « schrie Agathon und schlug die Hände zusammen . » Ihr Vater ist sogar einvernommen worden . Wissen Sie das nicht ? Natürlich konnte er sich glänzend rechtfertigen , aber irgendwer sagte mir gestern , daß er seitdem von Furcht gepeinigt würde . Er ängstigt sich vor allen Gedanken , die er früher einmal gegen Sürich Sperling hatte . « » Mein Vater ? Das sagen Sie wirklich ? Und das ist wahr ? « » Ob es wahr ist , weiß ich nicht . Ich glaube , derselbe Rosenau erzählte es spöttisch im Wirtshaus . « » Nein , nein , es ist nicht möglich . « » Weshalb regen Sie sich auf ? Ich habe einen ziemlich sonderbaren Fall erlebt . In einer Familie kam ein Ring abhanden . Ich kenne die Familie , es sind Juden . Ein Verwandter , den ich auch kenne , Eduard Nieberding , war zu Gast . Als nun alle den Ring suchten , wurde Niederding wie gelähmt . Denn er war vorher allein in dem Zimmer gewesen , wo der Ring aufbewahrt war . Beachten Sie wohl , es konnte nicht der Schatten eines Verdachtes auf ihn fallen , er ist selbst ein reicher Mann , aber er beteiligte sich nicht am Suchen , damit man nicht glaube , er suche nur deshalb , um zu zeigen , daß er den Ring nicht habe . Er wähnte sich beargwohnt , und er bildete sich schließlich so fest ein , jeder vermute ihn als den Dieb , daß er fürchtete , man könne den Ring in seiner Tasche finden , wenn man nur hineingreife . Schließlich ergab es sich , daß die Katze den Ring fortgeschleppt hatte . Aber Sie sehen daraus , wie verwickelt alles ist . Unsere Seele , sie glaubt oft nicht , was die Hand tut . « Als Agathon sich von Gudstikker verabschiedet hatte und dem Haus zuschritt , sah er auf einmal Sema Hellmut neben sich gehen . Er sah des Knaben fragende Augen mit einem Blick voll Ergebenheit und Hingabe auf sich gerichtet . Agathon wunderte sich über das bedürftige Anschmiegen des Knaben . Aber er dachte daran nur halb . Der andere Teil seines Nachdenkens war der Ringgeschichte gewidmet , seinem Vater , seiner Mutter , dem Schicksal , das über ihm hing wie die Wolken und alles dunkel machte , gleichwie die sich mehrende Finsternis des Abends von den Wolken auszufließen schien . Daheim fand Agathon eine friedlichere Stimmung . Müßig wandelte er in den Garten . Ein kalter , feuchter Wind ging . Er hörte es rascheln wie vom Graben eines Spatens . Plötzlich sah er seinen Vater schaufeln . Elkan keuchte und grub ruhelos , bald hier , bald dort , - ein Schatzgräber . Es war unheimlich anzusehen . » Was tust du , Vater ? « fragte Agathon . Elkan ließ den Spaten sinken , stützte sich darauf und Agathon sah trotz der Dunkelheit sein fahles Gesicht leuchten . » Agathon , Gott hat seine Hand abgezogen von uns und sein Antlitz verhüllt . Aber wir dürfen nicht murren . Gepriesen seist du , Ewiger , der du des Vergessenen gedenkst . « Elkan betete ein Lobgebet . » Vater , « sagte Agathon , » ich darf nicht mehr in die Schule . Ich bin davongejagt worden , obwohl ich nichts Schlechtes getan habe . « Elkan Geyer warf den Spaten weg und lehnte sich an den Zaun . Nach einem langen Schweigen tappte er ins Haus . Agathon blieb , nahm die Mütze ab und gab das Haar den Winden preis . Die Nacht öffnete ihm ihre dunklen Wunder , unvorhanden für andachtlose Augen . Er glaubte in einem Tempel zu sein , doch erkannte er den Gott nicht . Gegen acht Uhr kam Doktor Schreigemut und sein Gesicht war sorgenvoller als sonst . Agathon sah die Augen Semas beständig auf sich gerichtet ; sie folgten jeder seiner Bewegungen . » Gepriesen seist du Ewiger , der du des Vergessenen gedenkst , « murmelte Elkan . » Die Welt ist gar groß und hat viele Sterne und viele Erden , Elkan , « sagte Gedalja . » Worum soll er nit vergessen an den Gedalja , nit vergessen an den Elkan ? Elkan is brav , aber worum soll er nit vergessen an die Braven , wenn er hat so viel zu bessern an die Sünder ? Wenn de tot bist , waaßt de nix dervon und in deiner Sterbestund kannst de dir ausdenken , du hättst gelebt e großes Leben , e reiches Leben un nit e Elkanleben . Gehängt is gehängt , mit ' n Strick oder mit ' n Goldfaden hat mei seliger Onkel g ' sagt . E weiser Mann . « Agathon schlief nicht in der Nacht . Seine Seele war heiter , und erregt sah er in die Finsternis . Er hatte ein Gefühl , wie oft , wenn er ein Geschenk erwarten durfte und ungeduldig war , es zu sehen . Die Nacht war unbewegt , nur selten gestört durch das Heulen eines Hundes . Als es drei Uhr schlug , kam der Mond und warf ruhige Lichtflecke in den Raum . Mit diesen Strahlen wurden die Figuren in Agathons Sinnen lebendiger und verklärter . Sie brachten ihm Reichtümer , von denen er nicht begriff , daß er sie je hatte entbehren können , er fühlte sich wachsen und es war , als hörte er einen Ruf über die Felder hinschallen , der ihm galt : lang und eindringlich . Am folgenden Vormittag brachte der Pedell Dunkelschott ein Schreiben des Rektorats und des Kantors der Schule für Elkan Geyer . Er verlangte den Weglohn und trollte ins nächste Wirtshaus . Elkan setzte sich an den Tisch und las . Kaum war er damit zu Ende , als er aufschrie wie ein Gefolterter . Gedalja ging zu ihm , aber Elkan ließ sich nicht halten , sein Gesicht wurde blaurot , er fiel über Agathon her , preßte die Hände um seinen Hals und hätte ihn erdrosselt , wenn nicht ein furchtbarer Angstruf aus dem Krankenzimmer ihn zur Besinnung gebracht hätte . » Aus meinem Haus , du Christ ! « röchelte er und stieg schwankend die Stufen zum Schlafgemach hinauf . Gedalja strich langsam und nachdenklich über Agathons Haar . » Was haste getan ? « murmelte er . » Der sanfte Mann , der sanfte Elkan is geworden e wildes Tier . Die Welt is nimmer ganz . Es is was los in der Welt un mer stehn da wie die hilflosen Kinder . « Er nickte ; Agathon lehnte die Stirn an seine Schulter . » Zum Doktor ! Zum Doktor ! « kreischte plötzlich die Pflegerin und rannte fort . Elkan stand gebrochen auf der Schwelle und sagte : » Sie stirbt . Schemaa Jisroel adonai elohim adonai echot . « Agathon richtete sich auf . Sein bleiches Gesicht war plötzlich von einem überirdischen Feuer erfüllt , das alle mit Bestürzung und Scheu gewahrten . Die heulenden Kinder sahen ihn an und waren auf einmal ruhig . Er ging ins Zimmer der Mutter , an Elkan vorbei , der sich zusammenduckte wie vor einem Pestkranken , und trat an das Lager der Mutter . Sie röchelte . Ihre Augen blickten matt , leblos , stumpf , suchten gleichsam den Tod . Agathon sah nicht dies Bild . Er sah die jüngere Mutter , die entsagt hatte , geliebt , verloren hatte und nun unter der schweren Bürde der Tage erlegen war . Er nahm ihre Hand und begegnete ihren Augen . Er legte seine Hand auf ihre verfallene Brust , gegen die das Herz verlöschend klopfte . Er wünschte , das Fenster möge offen sein und da öffnete es jemand , als ob es eine unsichtbare Hand wäre . Seine Brust war zum Springen voll , er wußte nicht ob vor Schmerz oder vor verhaltenem Jauchzen . » Werde gesund , Mutter , wache , Mutter , du bist nicht krank , du darfst nicht sterben . « Er kannte seine Stimme nicht mehr , sie war ihm etwas Neues ; die Kraft , die seinen Körper aufatmen und sich aufrichten ließ , als wäre eine unerhörte Last von ihm genommen , erhellte seine Augen mit einem himmlischen Glanz . Und das Feuer schien in den Körper der Kranken überzuströmen ; sie lächelte plötzlich unter seiner bebenden Hand , sie seufzte erleichtert auf , sie drückte mit den schwachen , fleischlosen Fingern seine Hand und rief seinen Namen . Und je länger er die erloschenen Züge ansah , je mehr belebten sie sich in einer geheimnisvollen Weise , - bis sie frei , mild und hoffnungsvoll schienen . Und als der Arzt kam , hereingeleitet von der Pflegerin , richtete sich Frau Jette zu dessen Erstaunen empor , legte den Kopf auf den aufgestützten Arm und lächelte dem Doktor und ihren Kindern mit dem inbrünstig strahlenden Lächeln einer Genesenden zu . Neuntes Kapitel Novemberstürme ! Bojesen schritt durch die leeren Gassen und der Umhang seines Mantels wehte hoch empor . Sein Hut flog vom Kopf , rollte hin über die Steine und blieb vor dem Eingang zum » siebenten Himmel « ruhig liegen , wie ein Pferd , das seine Station kennt . Bojesen hob ihn gemächlich auf und trat in das Lokal , das voll Menschen war . Er nahm Platz , bestellte Bier und wandte bald keinen Blick mehr von der Bühne . Über eine nächtige Landschaft schien ein kunstloser Mond ; ein Ritter wandelte an einem primitiven Wasser und streckte bisweilen den Arm aus . Da öffneten sich die unglaubwürdigen Wolken und eine Erscheinung stand zwischen ihnen : Luisina . Der Ritter verzweifelte , diesem geliebten Bilde jemals nahe zu kommen , warf sich auf die Erde und gab vor , zu weinen . Da erhob sich ein Zauberer aus einer mangelhaften Versenkung , oder es war Satan selbst , wies ein Pergamentum vor und befahl dem Ritter , ihm seine Seele zu verschreiben . Das tat der Ritter , darauf schwebte die schöne Luisiana aus den Wolken herab , die Nacht war beendet , Wasser und Mond verschwunden , Mädchen mit wilden Haaren stürzten auf die Szene und zerrten junge Männer hinter sich nach . Nun begann das Publikum mitzuspielen . Ein langhaariger Mensch saß am Klavier und entlockte dem unwilligen Instrumente eine Folge von schrillen Harpeggien im Walzertempo . Der Glühende erschien mit emporgehobenen Armen und ekstatischen Begeisterungsausbrüchen , die Köchin kam und schrie , sie könne das Wasser zum Punsch nicht kochen , denn der Wind fahre stets in den Schlot und lösche das Feuer aus . » Nimm das Feuer meiner Brust , Aglaia ! « heulte der Glühende . Ein Mann mit langem Haupthaar war da , den man Barbin nannte und der sich ängstlich gebärdete , obwohl er zugleich den Übermütigen zu spielen versuchte . Sein Äußeres wie sein Wesen deuteten auf eine jener zwecklosen Existenzen , wie sie die Städte hervorbringen , eines jener unglücklichen Geschöpfe , für die die Zeit eine käufliche Dirne ist , da sie ihnen ohne Münze nichts gibt , womit sie ihr Leben verkürzen können . Dieser Barbin wandte sich bisweilen an den Glühenden , als flehe er ihn um Schutz an , und suchte dies durch ironische Worte zu bemänteln , die aber von dem tollen Jauchzen auf der Bühne verschlungen wurden . Plötzlich sah Bojesen sich gegenüber Luisina sitzen . » Nun , da sind Sie ja wieder , « redete sie ihn spöttisch an . » Was wissen Sie Neues ? Warum sind Sie so finster , nachdenklich , schwermütig ? Wer sind Sie ? Was wollen Sie ? « » Verzeihen Sie , daß ich Frage mit Frage beantworte : warum würdigen Sie mich Ihrer Beachtung , Madame ? « » Das will ich Ihnen erklären . Mir ist , als spräche ich in Ihrer Person zur ganzen sogenannten guten Gesellschaft . Ich habe auch dazu gehört und kenne Blicke und Gesichter . Aber so war es um mich bestellt , daß ich gezwungen war , hier , wo sonst das Niedrigste und Schmutzigste zu treffen ist , mich selbst zu suchen und zu finden . Was soll ein armes Weib tun in eurem Kreis von schalen Vergnügungen , von ekeln und zehnmal wiedergekäuten Genüssen ? Was soll sie tun , da sie erst anfängt , unter Menschen zu zählen , wenn sie heiratet ? Was kann sie dafür , wenn sie in einer Welt lebt , wo jeder darauf stolz ist , wenn er ein wenig unglücklich ist ? wo die Lebensfreude beim Verlust der bürgerlichen Ehre anfängt ? Sagen Sie selbst ! reden Sie doch ! Ach , Sie haben ein Gesicht , dem ich eigentlich vertrauen könnte . Glauben Sie mir , nicht die Not allein ist schuld an dem Fall so vieler Frauen , sondern die Sehnsucht , ja , die Sehnsucht . « Sie schwieg . Sie stützte den Kopf in die Hand und sah lächelnd hinein in den Qualm . Der Glühende sprach nur noch in Versen , Barbin hieb wie besessen auf das Instrument ein und gab seinem Körper einen erschreckenden Ruck , wenn er vom Fortissimo in ein effektvolles Piano heruntersprang . Einige Paare tanzten , plötzlich wurden die Gaslichter zu halber Höhe herabgedreht , Barbin hörte auf zu spielen , die Tanzenden blieben stehen und flüsterten : » Die Dämonen « . Auf der Bühne erschienen in einem matten , grünen Licht vier Männer mit grünen Gesichtern und düstergrünen Gewändern , so enganschließend , daß sie wie nackt aussahen , und begannen ein phantastisches , unheimliches Spiel . Wie Fische im Wasser , so bewegten sie sich in der Luft ; ihre Füße schienen des festen Grundes nicht zu bedürfen , ihre Glieder schienen an kein anatomisches Gesetz gebunden . Bald schienen sie alle ein einziger Leib zu sein , der sich in entsetzlichen Krümmungen wand , bald war der eine einem leblosen Klumpen gleich , wurde von unsichtbaren Händen in die Luft geschleudert und fiel krachend auf die Bretter zurück . Bald waren sie wie eine Meute von Hunden , denen der Jäger aus der Ferne pfeift , bald glichen sie Würmern und krochen auf unbegreifliche Art an den Kulissen empor . Als Bojesen den Blick abwandte , sah er in geringer Entfernung , im Dämmerlicht , Luisina stehen . Sie schien ihn lange beobachtet zu haben . Nun winkte sie ihm zu und wandte sich dann nach der Türe , als sie sah , daß er ihr folgen würde . Sie hatte einen Pelzmantel umgeworfen und ein blauseidenes Tuch um den Kopf geschlungen und ihre großen Augen sahen mit einem ungewissen Glanz , doch voll Entschlossenheit in eine weite Ferne . » Man hat mir verraten , daß Sie der Lehrer Bojesen sind , « sagte sie , als sie auf der Straße waren ; » ich habe oft von Ihnen gehört , ich kenne Ihre pädagogischen Schriften und bin froh , daß meine Sympathie nicht grundlos war . Wundern Sie sich nicht über das , was ich jetzt vorhabe . Ich brauche einen Zeugen , ein Urteil , eine Stimme , einen Blick , der mich billigt , ein Ohr , das sich nicht böswillig verschließt ; denn noch Einmal heute will ich tun , was mein Herz fordert , und sehen , ob ich das Tor zu eurer Welt für ewig hinter mir zuschlagen muß . « Welch eine Nacht ! dachte Bojesen . Es herrschte nicht eigentlich Dunkelheit und auch nicht Helligkeit , es war eine jener seltsamen Herbstnächte , in denen sich alles Leben der Natur verinnerlicht zu haben scheint . Es fehlten auch jene Stimmen , jenes unbestimmte Geräusch , das wie ein aufbewahrtes fernes Echo des Tages ist . Der Wind hatte sich gelegt . Der Mond , eine unvollendete Scheibe , lag in einem graugelb schimmernden Flaum von Wolken und sah verquollen aus , wie Farbe auf seinem Fliespapier . Das Leben war von den Straßen wie fortgeblasen . Die Häuser mit den dunklen Fenstern und den weißen Gardinen sahen aus , als ob sie schliefen ; Bojesen konnte die Straße entlang blicken bis an die Grenzen des Horizonts , und diese unbewegte Linie hatte etwas Beruhigendes . Luisina schritt rasch dahin , hastig atmend , offenbar noch mit ihren Entschlüssen ringend . An einem vornehmen Haus jenseits des Bahndammes machte sie endlich Halt , drückte dreimal wie in verabredeten Pausen auf den elektrischen Knopf und eilte dann die teppichbelegte Steintreppe empor . Aus einer Türe kam ein junges Mädchen , dessen Gesicht alsbald das größte Erstaunen ausdrückte . » Jeanette ! « rief sie aus . » Ist Nieberding zu Hause ? « fragte Jeanette-Luisina bebend . - » Nein , Eduard ist noch nicht da , « entgegnete das Mädchen bestürzt und schüchtern und blickte furchtsam auf Bojesen , der nichts zu sagen , ja nicht einmal sich zu bewegen wußte . » Ach Cornely ! « rief Jeanette und faßte mit beiden Händen nach der dargebotenen Hand des Mädchens . » Komm doch herein , Jeanette . Willst du auf Eduard warten ? Es ist alles so sonderbar , was du tust , « sagte Cornely mit einer leisen , kindlichen Stimme . Sie hatte stets ein schwaches und undeutbares Lächeln auf den Lippen ; aber hätte man ein Tuch über den Mund gebreitet , so wäre ein Ausdruck von Schwermut , mehr als Schwermut geblieben . Sie machte den Eindruck eines Geschöpfs , das durch einen Zustand vollständig betäubt ist und sich nur bestrebt , die Gedanken geheim zu halten . Bald saßen sie im Salon , bei mattem Licht , das durch gelbrote Seidenschirme schimmerte und in den Ecken zu verfließen oder zu der allgemeinen Nacht draußen zu streben schien . Bojesen befand sich in einem Zustand fast zorniger Erwartung . Er konnte sich dem vibrierenden Wesen Jeanettes nicht entziehen . Er dachte wieder an sein eignes Weib , das , er wußte es , zu Hause in kurzen Zwischenräumen zur Treppe lief , mit der kleinen Lampe hinunterleuchtete , von jedem Schritt auf der Gasse aufgescheucht wurde wie ein Vögelchen und auf ihn wartete , wartete . Als Jeanette den Mantel abwarf , weil es ihr zu heiß wurde , stand sie da im Theaterkostüm , sah ins Kaminfeuer und ihre Nasenflügel blähten sich gierig . Cornely stieß einen dumpfen Schrei aus und faltete die Hände . » Wie lange willst du noch so bleiben , meine arme , kleine Cornely ? « sagte Jeanette . » Soll ich recht behalten von damals her , als ich dich beim Pfänderspiel zur alten Jungfer machte ? « Etwas Triumphierendes lag in ihrem Gesicht . » Selbstüberwindung ist die größte Freiheit , « erwiderte die Bleiche mit ihrem sanften Lächeln . Die Haustüre wurde zugeworfen , schlürfende Schritte wurden laut , und Bojesen glaubte eine wallende Erregung in Jeanette mitzufühlen . Ein junger Mann trat ins Zimmer und blieb versteinert stehen , weiß wie Leinwand . Er war schlank , groß und bartlos , hatte dicke Lippen und eine dicke Nase , tiefliegende , etwas gerötete Augen und einen eigenen Zug von Adel und Feinheit im Gesicht . Das feinste waren seine Hände , sie waren lang- und zartlinig wie gotische Bögen . Cornely schlich geräuschlos davon . » Du bist erstaunt , wie ich sehe , « flüsterte Jeanette . » Dieser Herr , Herr Bojesen , du kennst ihn vielleicht , ein Freund von mir , hatte die Güte , mich zu begleiten . Er ist von allem unterrichtet . Ich will , daß er bleibt , und ich will , daß du so bist , als ob er nicht da wäre . « Eduard Nieberding senkte den Kopf . » Rede ! Was willst du ? Ich begreife nichts von alledem . « » Wie solltest du auch begreifen ! « erwiderte Jeanette leidenschaftlich . » Du , der eher begreift , was auf dem Mond vorgeht , als in der Seele einer Frau ! Du ! Bist du es nicht , der das erfunden hat von der keuschen Liebe ? Der diese eisigen Dinge von Resignation und kühler Anbetung und von der unsinnlichen Macht des Schönen oder wie du es nennst im Munde führt ! Rede du ! Rede ! Hast du mich nicht irre gemacht an allem , was strahlt in der Welt und was warm ist ? « » Verschone mich , Jeanette ! Wie töricht von dir ! Warum in der Gegenwart eines Fremden ? Was tust du ! « » Ich will es dir sagen . Hier ist ein Mann . Ich glaube , Bojesen , Sie sind ein Mann . Ich frage Sie nun , - und dazu sind Sie hier , daß Sie mir auf Ihr Gewissen antworten , ich frage Sie : kann ein Mann ein Weib lieben , wenn er sie bittet , gehe fort von mir , damit meine Liebe größer und mein Gefühl reiner wird ? Der sie bittet , küsse mich nicht , denn sonst begehre ich dich und das würde meine Liebe verringern - ? Ich will von dir träumen , so spricht er , ich will von dir träumen , aber ich will dich nicht besitzen , denn der Besitz macht arm ... Liebt ein solcher Mann ? « » Jeanette ! « » Was sagen Sie dazu , wenn ein Mann der Frau , die er zu lieben beteuert , den Rat gibt , einen andern Mann zu heiraten , nur damit sie ihm begehrenswerter erscheine ? Reden Sie , Bojesen , reden Sie ! Vielleicht finden Sie ein Wort der Erklärung oder der Entschuldigung , damit ich Ihnen danken kann . « Eine lange Pause entstand . » Wenn ich nun reden muß , und wenn dies alles vorgefallen ist , « sagte Bojesen langsam und betrachtete mit Trauer die schwammigen , nervösen Züge des jungen Mannes , » dann ist es gewiß erstaunlich , aber es liegt in der Zeit . Ja , es liegt in der Zeit . Mit welchem Wort Sie es nennen wollen , ist gleichgültig . Es ist all dies Mystische und Schwächliche , das über uns gekommen ist wie eine Krankheit , daß wir nicht mehr wissen , was Kraft oder Roheit oder wahrhafte Scham oder Unnatur ist . Sie sind Jude , Herr Niederding , wie ? Nun , Ihr Volk ist es , das uns dies Geschenk gemacht hat , Ihr arbeitsames , intelligentes , stets an Extremen bauendes Volk . Sie lieben nicht das Weib , sondern Sie lieben die Liebe , nicht die Selbstbetrachtung und Selbstvervollkommnung , sondern das Quälerische , Zerstörende , Erniedrigende , alles , was Sie zum Märtyrer macht . Es gibt viele von Ihrer Art. Flagellanten , unsere Flagellanten , und der Gott