. Zu gleicher Zeit hatte sich auch die Droschke in Bewegung gesetzt . Nun hat der verfluchte kleine Kerl , der hinter uns her zottelte , auch noch die einzige Droschke genommen , rief der Künstler ärgerlich . Bei dem Hundewetter ! Sie finden bald eine andere . Wollen Sie gehen ? Nur bis zur Leipziger Straße . Ich nehme dort die Pferdebahn . Na , denn adieu ! Ich muß machen , daß ich zu der Kommerzienrätin Rosenstock komme . Gräßliches Weib mit ihrem geschwollenen Kunstenthusiasmus . Aber ihre Diners sind gut , und sie kauft meine Bilder . Einundzwanzigstes Kapitel Hatte sich schon in den Nachgeschmack des ersten Rendezvous ein Tropfen Wermut gemischt , der des zweiten war bitterer . Und wurde nicht versüßt durch Klotildens nächsten Brief . Sie wolle ihrem geliebten Siegfried keine Vorwürfe machen ; eher sich selber , die den Verstand für beide hätte haben voraussehen sollen , wie gefährlich ein Stelldichein an einem so exponierten Orte sei . Nun hätten sie den schwer wieder gut zu machenden Schaden . Stephanie habe ihr ins Gesicht gesagt , wie im höchsten Grade verdächtig ihr ein so merkwürdiges Rencontre vorkomme , wenn die Betreffenden der Gesellschaft auch sonst schon recht unzweideutige Zeichen eines starken gegenseitigen Interesses gegeben hätten ; und daß ihr Bräutigam diese Empfindung durchaus teile . Bei ihm und ihr dürfe sie freilich sicher sein , daß sie reinen Mund halten würden . Aber wer stehe für dieselbe Diskretion auch nur bei dem schwatzhaften , völlig taktlosen Künstler ? Es bleibe nichts anderes übrig , als zu erklären , daß ihr - Klotildens und des Brautpaars - Zusammentreffen in der Galerie die Folge einer gemeinsamen Verabredung gewesen sei . Aber sie müsse ihr in die Hand versprechen , in Zukunft besser auf ihren guten Ruf achten zu wollen . Ich habe ihr den Handschlag verweigert , fuhr der Brief fort ; denn damit hätte ich ja die Berechtigung des mir gemachten Vorwurfs eingestanden , und das werde ich nun und nimmermehr . Aber Du siehst , in welcher prekären Lage ich bin gegenüber einer Gesellschaft , die tausend Augen hat und keinen Pardon kennt . Dabei will ich von meinem Manne noch gar nicht einmal sprechen , obgleich wir auf einem Kriegsfuße miteinander stehen - bereits seit acht Tagen - wo jede Blöße , die ich mir gebe , verhängnisvoll für mich werden muß . Wenn Du aber glaubst , daß ich deshalb von Dir lasse , so hast Du keine Ahnung von der Stärke meiner Liebe . Nur muß unsre nächste Zusammenkunft - und ich habe Dir tausend Dinge zu sagen , die ich auch einem poste-restante-Brief nicht anzuvertrauen wage - absolut sicher sein . Ich weiß , daß Deine erfinderische Liebe das Rechte zu treffen nicht verfehlen wird . Also auf Wiedersehen , Einziggeliebter ! Der Brief war für Albrecht unsäglich peinlich . Die geliebte Frau machte ihm keine Vorwürfe ; wozu auch , wenn er sich selber nicht verzeihen konnte , daß er sie durch seine Voraussichtslosigkeit in eine so schlimme Lage gebracht ! Nein , so ging es länger nicht ; aber wie sollte es anders und besser ? wie sollte es gut werden ? Doch nur durch eines . Und das Eine wagte er zu denken als Entgelt für des Schicksals Gnade , die ihm seinen Liebling erhalten hatte , der nun wieder in seinem Bettchen mit der neuen Puppe spielen durfte , und , wenn der Papa in das Zimmer kam , ihm beide Ärmchen entgegenstreckte ? für den Heroismus , mit dem die kleine tapfere Frau diese Leidenstage wieder einmal durchgefochten , ohne auch nur für einen Augenblick zu ermüden ; ohne daß nur ein leisestes Wort der Klage über ihre bleichen Lippen gekommen wäre ? Dachte die Geliebte an das Eine ? Keine Andeutung sprach dafür , es hätte denn die sein müssen , daß es sehr schlecht zwischen ihr und ihrem Gatten stehe , und sie ihm Mitteilungen zu machen habe , die sie einem Briefe nicht anvertrauen könne . Aber war es denn nicht Wahnsinn , zu hoffen , sie werde ihre bevorzugte gesellschaftliche Stellung aufgeben , sein dunkles Los mit ihm zu teilen ? Das doch auch in ihren stolzen Augen gewiß kaum ein wenig heller wurde , wenn er das Ziel seines Ehrgeizes wirklich erreichte und es zum Universitäts-Professor brachte ! Vorläufig hatte er noch die Kläglichkeiten seines Lehreramts über sich ergehen zu lassen . Am Tage nach dem gestörten Rendezvous in der Nationalgalerie ließ ihn sein Direktor rufen und empfing ihn mit einer unfreundlichen Miene : Er habe bei der Durchsicht der Aufsatz-Hefte seiner Klasse einiges gefunden , das er monieren müsse . Mit der Wahl des letzten Themas sei er nicht einverstanden . Ob die Prinzessin Tasso liebe oder nicht , sei eine Kontroversfrage , mit deren Beantwortung man die leichten Gehirne von Sekundanern nicht beschweren dürfe . Und wollten Sie einmal - ich nehme an : nach vorhergegangener gründlicher Durchsprechung und Einschränkung auf das sittlich-ästhetische Gebiet - eine solche Aufgabe stellen , so durfte man gewiß annehmen , Sie würden auf die Korrektur die peinlichste Sorgfalt verwenden . Und gerade die habe ich schmerzlich vermißt . Ihre Urteile stimmen mit dem Inhalt der Arbeiten oft so wenig überein , daß ich mich kaum überwinden kann zu glauben , Sie hätten das krause Zeug , welches sich dieser und jener geleistet hat , wirklich gelesen . Es thut mir weh , einem Kollegen , dessen gewissenhaften Fleiß ich bis jetzt nur zu rühmen hatte , dergleichen Vorhaltungen machen zu müssen . Albrecht murmelte etwas von den Störungen , welche die schwere Erkrankung eines seiner Kinder in den letzten Tagen ihm während seiner Arbeitsstunden gebracht habe . Das entschuldigt freilich manches , sagte der Direktor . Und dann , lieber Herr Kollege , die gesellschaftlichen Zerstreuungen ! So höre ich , daß Sie kürzlich in dem Hause eines hochgestellten Beamten - den Namen hat man mir nicht genannt - er thut auch nichts zur Sache - der maître de plaisir gewesen sind . Dulce est desipere in loco - freilich ! Aber derselbe Dichter rühmt auch , wie Sie wissen , die aequa mens , die man nicht bewahren kann , wenn man sich unmäßiger Lust hingiebt . Es war der erste ernsthafte Vorwurf , den Albrecht sich während seiner ganzen Lehrerlaufbahn zugezogen , und sein Stolz litt darunter um so fürchterlicher , als er sich sagen mußte , daß es ein verdienter sei . Nicht minder empfindlich traf ihn ein zweiter Schlag , der von einer Seite kam , nach der all diese Zeit hindurch hoffnungsvoll sehnender Blick gerichtet gewesen war . Wieder am nächsten Tage empfing er einen Brief und ein Paket , beide mit dem Stempel : » Königliche Angelegenheiten « versehen . Das Paket enthielt die Manuskripte der beiden kleinen Stücke , welche er dem Generalintendanten auf dessen ausdrücklichen Wunsch zugeschickt hatte ; der Brief war von der Hand eines Intendanturrates und benachrichtigte ihn , daß Seine Excellenz nach genauerer Einsicht in die ihm übersandten , übrigens vielfach trefflichen Arbeiten sich denn doch nicht zu einer Aufführung entschließen könne , von der vorauszusehen sei , daß sie an einer gewissen Stelle und gewissen Kreisen , denen eine königliche Schaubühne immer Rechnung tragen müsse , Anstoß erregen würden . Das waren Kalamitäten , die er bei einer ruhigeren Stimmung des Gemütes immerhin mit einigem Gleichmut hätte über sich ergehen lassen . In der jetzigen Verstörung seiner Seele sah er rings um sich her Glück auf Glück scheitern und keine Rettung , als in seiner Liebe . Brach auch dieser letzte Anker , so mochten die Wogen über ihm zusammenschlagen und er zum Abgrund sinken . Hier mußte er Gewißheit haben . Sie mußte ihm sagen , was sie für ihre Liebe zu thun entschlossen sei . Und Aug ' in Auge mußte sie es ihm sagen ; aus ihrem Munde mußte er es hören . Er schrieb ihr , welchen neuen Plan für eine abermalige Zusammenkunft er ersonnen habe . Nach menschlicher Voraussicht seien sie in dem Restaurant , das er entdeckt hatte und ihr nun ausführlich schilderte , absolut sicher . Es komme nur darauf an , daß sie sich für ein paar Abendstunden völlig frei machen könne . Sie antwortete umgehend : der Plan gefalle ihr nicht in allen Punkten . Aber sie wisse nichts anderes und besseres ; und darin habe er sicher recht : aussprechen müßten sie sich . Ein glücklicher Zufall wolle , daß ihr bereits der nächste Sonnabend - es waren noch zwei Tage bis dahin - die gewünschte Freiheit bringe . Es folgte dann noch die Angabe der Stunde und die Aufstellung einer Reihe von Vorsichtsmaßregeln , deren Notwendigkeit Albrecht anerkennen mußte . So sollte ihm denn der nächste Sonnabend die Entscheidung bringen , mochte sie nun Sieg lauten oder Tod . Zweiundzwanzigstes Kapitel Bereits am Mittwoch auf dem Nachhausewege von dem Junggesellendiner im Palast-Hotel hatte Viktor es bereut , Fernau eine so weitgehende Vollmacht gegeben zu haben . Fernau war gar zu beflissen gewesen , gar zu geschäftig ! Wenn auf Seite Klotildens doch alles nur auf eine , für ihn freilich sehr beleidigende Rechthaberei , auf Trotz , Caprice , Gott weiß auf welche Weiberschrulle hinauslief ; schlimmsten Falles es sich um eine ganz gewöhnliche Flirtation mit dem Schulmeister handelte , der ja wirklich ein verdammt hübscher Kerl war ; und Klotilde recht hatte , wenn sie behauptete , Fernaus Hetzereien hätten keinen anderen Zweck , als ihn auf eine falsche Fährte zu locken ! Je mehr sein Rausch in der kalten Abendluft verflog , umsomehr befestigte er sich in diesen Gedanken und beschleunigte zuletzt sogar unwillkürlich seine Schritte , um schneller nach Hause zu kommen und ein vernünftiges Wort mit Klotilden zu reden , an dem er es doch wohl hatte fehlen lassen , und auf das sie gewiß nur wartete . Dann war die dumme Geschichte aus der Welt ; er hatte wieder Frieden im Hause und den Kopf frei für die wichtige Arbeit , die ihn schon seit Wochen in Atem hielt , und an der Excellenz ein so lebhaftes Interesse nahm . Anstatt Klotildens fand er im Salon auf dem Tisch neben seiner Karte , durch welche er ihr sein Ausbleiben gemeldet hatte , einen Zettel : » Ich werde heute auswärts speisen . « Weiter nichts ; nicht einmal eine Unterschrift . Er war wütend ; der kaum verflogene Rausch kam zurück ; die lichten Farben , in denen er eben noch Gegenwart und Zukunft erblickt , waren ausgelöscht ; zu einer schwarzen Tafel geworden , auf der mit Flammenlettern nur das eine Wort stand : Rache ! Daß seine Rücksichtslosigkeit der ihren völlig gleich kam ; er sie hatte brüskieren wollen , wie sie ihn , und sie ihren Zweck durch dasselbe Mittel zu erreichen gesucht hatte , wie er den seinen , daran dachte er nicht . Jetzt war es völlig klar : sie wollte es zu einem Bruch treiben . Gut ! Sie sollte ihn haben . Aber die Trümpfe sollten in seiner Hand sein ; und sie sollte das Spiel verlieren ! schmachvoll verlieren ! Nun scheute er vor Fernaus Plan , der ihm anfangs so widerwärtig erschienen war , zu dem er seine Einwilligung mit so großem innerlichen Sträuben gegeben hatte , nicht mehr zurück ; nur die Ausführung durfte so nicht sein : Fernau mußte daraus fortbleiben ; er selbst den Detektiv engagieren , instruieren . Fernau hatte ihm die genaue Adresse des Mannes gegeben ; er machte sich stehenden Fußes auf den Weg ; der Zufall wollte , daß er den Vielbeschäftigten in dem Augenblicke traf , als dieser seine Wohnung zu einem seiner Kommissionsgänge verlassen wollte . Sich mit Herrn Krüger zu verständigen , bedurfte es nicht vieler Worte : der Mann verstand die leiseste Andeutung . Bereits nach fünf Minuten sagte er : Ich weiß jetzt alles , Herr Assessor , was ich zu wissen brauche . Natürlich kann ich nicht an zwei Orten zu gleicher Zeit sein und auch über den Herrn die Kontrolle übernehmen . Ist auch nicht nötig . Die Hauptfrage bleibt in solchen Fällen immer : was treibt die Dame ? Man schlägt da stets zwei Fliegen mit einer Klappe . Nur noch eines : Wie ist das Verhältnis der Dame zu ihren Dienstboten ? Ich vermute , sie stehen auf ihrer Seite . Das müssen Sie zu ändern suchen und so bald wie möglich . Ein paar Zehn- oder Zwanzigmarkstücke - je nachdem können da Wunder thun . Es liegt das ganz außer meinen Gewohnheiten ; für mich sind die Dienstboten eben Dienstboten . Sehr löblich . Aber im Kriege , Herr Assessor , verschmähen auch sehr christliche Feldherrn die Spionage nicht . Ich selbst bin doch nichts anderes als ein Spion , sozusagen . Aber es ist Ihr Metier . Leider . Es giebt deren , welche weniger Mühe machen und besser rentieren . Und , Herr Assessor , da wir einmal bei dem Thema sind - Hier stellte der Mann seine Forderung , die von Viktor ohne Markten bewilligt wurde . Seitdem war er , wie Herr Krüger es ausdrückte , » auf dem Laufenden « erhalten worden . Sie trafen sich nach Viktors Amtsstunden in dem Café des Kaiserhofs zu einiger Verwunderung der Kellner , die nicht wohl begreifen konnten , wie der vornehme Herr zu dem sonderbaren Verkehr kam . Die Zusammenkünfte dauerten nicht lange , obgleich Herr Krüger stets etwas Wichtiges zu berichten hatte . Zuerst : die Dame - Herr Krüger bediente sich nie eines anderen Ausdrucks - holte sich regelmäßig eine halbe Stunde , nachdem der Herr Assessor die Wohnung verlassen , Briefe von dem Postamt Nr. 10 - poste restante , selbstverständlich . Er hatte zweimal in ihrer Nähe am Schalter gestanden , ihr einmal sogar über die Schulter gesehen , als ihr der Brief ausgehändigt wurde , leider aber die Chiffre nicht völlig herausbringen können . Es war nur ein Wort , dessen erste Silbe Ball war - Ballnacht vielleicht oder Ballabend - wahrscheinlich das letztere . Dann nach Hause , den Brief zu beantworten ; dann zu dem Briefkasten an der Ecke der Nachbarstraße . Dann Kommissionswege in die Stadt - unverdächtige , wie er zugeben müsse ; heute freilich eine mehr als verdächtige Affaire . Hier folgte eine genaue Schilderung von dem Rendezvous in der Nationalgalerie . Die Sache würde entscheidend sein ohne das Hinzukommen eines Paares : - junge Dame und Offizier , zweifellos Braut und Bräutigam - augenscheinlich so befreundet und vertraulich mit der Dame und dem Herrn , daß eine vorhergegangene gemeinschaftliche Verabredung , sich in der Galerie zu treffen , mindestens nicht ausgeschlossen sei . Viktor , der aus der sehr genauen Schilderung in dem hinzugekommen Paar sofort Stephanie und Herrn von Luckow erkannt hatte , war unter dem Vorwande , des Hauptmanns Verwendung für einen empfohlenen verwandten Kadetten in Anspruch zu nehmen , zu diesem gefahren , offenbar aber schon zu spät gekommen : Herr von Luckow , als er - wie zufällig - das Gespräch auf diese bewußte Begegnung brachte , hatte - gewiß auf vorhergegangene Verständigung mit seiner Braut - sich so diplomatisch ausgedrückt , - man konnte , wenn man wollte , auf ein Rendezvous zu vieren schließen . Aus Furcht , Luckow , den er jetzt auf Klotildens Seite glaubte , tiefer in seine Karten blicken zu lassen , war er von dem heiklen Thema alsbald auf ein anderes , unverfängliches übergegangen . Das war vorgestern . Der achttägige Kampf mit einem so entschlossenen Gegner , wie Klotilde , hatte Viktors Nerven doch mehr angegriffen , als sein Stolz zugeben wollte . Unter nur einigermaßen annehmbaren Bedingungen hätte er auch jetzt noch Frieden geschlossen ; die Gleichförmigkeit der zum größeren Teil indifferenten Nachrichten , welche Herr Krüger ihm täglich mitteilte , diente eher dazu , seine Streitlust einzuschläfern . Da kam der Sonnabend , auf den zufällig einer der in regelmäßigen Intervallen stattfindenden Kneipabende der alten Herren seines Bonner Corps fiel . Für ihn immer eine besondere Freude . Die Studentenzeit galt ihm als das Paradies seiner Erinnerungen . Auch hatten diese Zusammenkünfte eine praktische Seite , deren Wert er völlig zu schätzen wußte . Unter den Corpsbrüdern befanden sich hoch- und höchstgestellte Beamte , mit denen sich von Zeit zu Zeit zu begegnen und ein behaglich-freimütiges Wort auszutauschen , ebenso angenehm , wie vorteilhaft war . Sein specieller hoher Chef fehlte selten bei diesen Symposien , und gestern vormittag hatte er im Vorübergehen mit freundlichem Kopfnicken zu ihm gesagt : Nun , lieber Sorbitz , wir sehen uns doch morgen abend ; und er , sich verbeugend , geantwortet : Gewiß , Excellenz . Wäre es auch nur gewesen , in lebhaftem Gespräch mit geistesverwandten oder doch gesinnungsgleichen Kollegen über dem Glase diesen schlimmen Hader mir seiner Frau für ein paar Stunden vergessen zu können , - die Aussicht auf den Abend würde ihm willkommen gewesen sein . Am Nachmittage in der Konferenz mit Herrn Krüger erwähnte er zufällig seiner Absichten für den Abend . Der Detektive rieb sich das Kinn . Die Dame weiß , was Sie vorhaben ? fragte er . Ja . Weshalb ? Und diese Sitzungen pflegen lange zu dauern ? Ich komme selten vor zwei Uhr nach Hause . Manchmal auch später . Herr Krüger blickte starr vor sich hin . Ich bin überzeugt , heute abend passiert etwas , sagte er langsam . Viktor stieg das Blut in die Stirn . Sie haben dafür einen besonderen Anhalt ? fragte er fast heftig . Nein , erwiderte Herr Krüger ; es ist das auch gar nicht nötig . Der Herr und die Dame haben sich seit vier Tagen nicht gesehen ; das ist sicher . Mir ist nicht weniger sicher , daß sie dazu heute abend die Gelegenheit suchen werden ; vielmehr bereits verabredet haben . Wozu auch sonst die restanten Briefe ? Ich habe mich zu fest engagiert , sagte Viktor ärgerlich ; ich kann nicht zu Hause bleiben . Würde auch zu nichts dienen , entgegnete der Detektive . Im Gegenteil ! Wir wollen doch ein Resultat . Ich kann nur wiederholen : ich bin überzeugt , der Abend bringt uns eines . In Viktors Seele begann ein wunderlicher Kampf . Der Gedanke , daß Befürchtungen , gegen die er sich aus allen Kräften wehrte , in denen er , schien ihm einmal die Lebenssonne ein wenig heller , nur Nachtgespenster seiner verstörten Phantasie sah , Wirklichkeit werden könnten , war ihm schauderhaft . Auf der andern Seite : der Mann hatte recht : dies mußte zu einem Resultat kommen . Seine Nerven hielten es nicht länger aus . Und seine Devise war immer der Wahlspruch Theodor Körners gewesen : » Durch ! « War das Wort doch , weil er es in jedes Stammbuch der Freunde schrieb , auf der Universität sein Spitzname geworden ! Was also wollen Sie , daß ich thun soll ? fragte er nach einer dumpfen Pause . Ruhig in Ihre Gesellschaft gehen , erwiderte Herr Krüger , und mir nur gefälligst sagen , wo das ist , damit ich Sie eintretenden Falles dort aufsuchen - ich meine : herausrufen lassen kann . Viktor hätte den Mann am liebsten mit der Faust in das bleiche Gesicht geschlagen . Statt dessen nannte er mit leidlich gut gespielter Ruhe das Lokal , in welchem er zu finden sein würde , und sagte , seinen Hut nehmend : Es wird vergebliche Mühe sein ; aber ich will hernach nicht von Ihnen hören , ich sei schuld daran gewesen , daß wir zu keinem Resultat gekommen sind . - Am Schluß des heute , wie jetzt immer , schweigsamen Mittagmahles fragte er Klotilde : Hast Du für den Abend etwas vor ? Ich weiß nicht , erwiderte sie ; vielleicht fahre ich auf eine Stunde zu Stephanie . Er wollte antworten : ich wünsche , ich befehle , daß Du zu Hause bleibst ; aber was galten ihr jetzt noch seine Wünsche ? und einem Befehl gegenüber würde sie ihm ins Gesicht gelacht haben . Dreiundzwanzigstes Kapitel Albrechts nächste Sorge war gewesen , sich in dem Restaurant eines separaten Kabinetts zu versichern . Es hätte so großer Eile nicht bedurft : sämtliche vier , derer sich das Lokal rühmte , standen zu seiner Verfügung . Einen behaglichen Aufenthalt versprach freilich keines : die Tapeten zeigten häßliche , wie es schien , von Feuchtigkeit herrührende Flecke ; die Überzüge der alten , unschönen Möbel bedenkliche Risse , in den abgeschabten Teppichen klafften große Löcher ; die Versicherung des schäbigen , vermauserten Kellners , - ein zweiter ließ sich auch diesmal nicht blicken - daß sich bei voller Beleuchtung alles viel besser und wunderschön ausnehme , klang nicht sehr glaubwürdig . Und dann , sagte der Mann , wir legen auf die Ausstattung weniger Wert ; unser Ruhm sind unsere Küche und unser Keller . Ein schwacher Trost für Albrecht , dem der Sinn wahrlich nicht nach Essen und Trinken stand , und der nun doch ein Langes und Breites mit dem umständlichen Alten über das Souper verhandeln mußte . War doch das Souper der Rechtstitel , auf den hin er sich den Aufenthalt in dem fürchterlichen Kabinett erkaufte ! Klotildens Rat folgend , bestellte er drei Couverts : für sich , seine Braut und deren Bruder . Er werde einige Minuten vor neun kommen , sich zu versichern , daß alles in gewünschter Ordnung sei . Der Alte beteuerte , der Herr Graf werde seine Erwartungen übertroffen sehen . Um sich Klara gegenüber für sein Ausbleiben am Abend zu entschuldigen , hatte er eine gesellige Zusammenkunft mit ein paar Kollegen vorgeschützt . Er erschrak aufs heftigste , als am Sonnabend vormittag der Direktor durch den Schuldiener herumsagen ließ : er müsse die für heute nach dem Schluß der Stunden anberaumte Konferenz auf den Abend verlegen und bitte die Herren Kollegen um pünktliches Erscheinen , da sehr wichtige Dinge zur Beratung , resp . zur Entscheidung ständen , und die Sitzung voraussichtlich geraume Zeit in Anspruch nehmen werde . Albrecht kannte nur zu gut eines dieser wichtigen Dinge . Der seiner besonderen Sorge empfohlene und anvertraute jüngste Sohn des Sudenburg ' schen Hauses war , nachdem er sich längere Zeit gut gehalten , in seine angewohnte Liederlichkeit zurückgefallen und hatte sich Vergehen gegen die Schuldisciplin zu schulden kommen lassen , die nicht ungeahndet bleiben durften . Die Wage schwankte nur noch zwischen der Relegation und dem consilium abeundi . Albrecht hatte sich darauf vorbereitet , heute mittag für das mildere Urteil zu plaidieren , so hoffend , dem würdigen Manne , in dessen Hause er als Freund der Familie verkehrte , das Äußerste ersparen zu können . In diesem Sinne hatte er mit dem über den neuen Schlag ganz gebeugten Vater gesprochen und war von ihm des innigsten Dankes im voraus versichert worden . Was nun beginnen ? Der Konferenz fern bleiben , schien unmöglich ; die Verabredung mit Klotilde war nicht rückgängig zu machen , da sie heute keinen Brief mehr erwartete , also auch auf dem Postamt nicht nachfragen würde , und , direkt an sie zu schreiben , das teure Geheimnis jedem blöden Zufall preisgeben hieß . In seiner verzweifelten Ratlosigkeit dachte er einen Augenblick daran , Adeles oder Stephanies Vermittelung anzurufen ; aber Klotilde hatte ihm geschrieben , wie kläglich ihr Versuch , die erstere in ihr Interesse zu ziehen , abgelaufen sei ; und ihre Klage über die Strafpredigt , die ihr Stephanie gehalten , war noch bei ihm in zu frischer Erinnerung . Wiederum eine Entschuldigung , welche immer sie sei , würde , ja - wie er sich selbst eingestand - konnte der Direktor in diesem Falle nicht gelten lassen . Er riskierte , blieb er der Konferenz fern , nicht weniger als eine Disciplinar-Untersuchung , vielleicht Schlimmeres . Dennoch , hier war keine Wahl . Er wollte , in der letzten Stunde , ein Billet an den Direktor schreiben und ein plötzlich eingetretenes , heftiges Unwohlsein vorschützen . Um acht Uhr sollte die Konferenz beginnen ; um acht Uhr verließ er seine Wohnung , sich nach dem Restaurant auf den Weg zu machen . Klotildens Rat folgend , hatte er eine Droschke auf Zeit genommen , in der sie auch die gemeinschaftliche Rückfahrt antreten wollten , während sie die , mit der sie selbst kommen würde , ablohnte . Der dunkle Abend war windig und kalt . Ein früher Schnee stöberte in der Luft , bildete auch hier und da auf dem schwarzen , nassen Boden weißliche Streifen . Die Chaussee schien ausgestorben ; selten einmal , daß ein verspätetes Lastfuhrwerk oder ein Pferdebahnwagen vorüberrasselte . Die Lichter in den Laternen an den Wegseiten flackerten trübselig ; in ihrem matten Schein standen die kahlen Bäume des Tiergartens rechts und links wie undurchdringliche Mauern . Als die Droschke den Bogen der Stadtbahn passierte , donnerte gerade ein externer Zug darüber weg , in Albrechts beklommenem Herzen den seufzenden Wunsch erweckend : er säße in dem Zuge mit ihr , und sie flöhen hinaus in die weite , weite Welt auf Nimmerwiederkehr . Nun ein lebhafteres Treiben auf der Straße , Lichter aus den Fenstern und Läden der Häuser zu beiden Seiten , und da hielt die Droschke vor dem Restaurant . Der Kutscher hatte jämmerlich gefahren und Albrecht würde ihn gern entlassen haben , wagte aber nicht gegen die Verabredung zu handeln . In dem unwohnlichen , schlecht erleuchteten Saal des Restaurant spielten in einer Ecke drei Männer Karten ; in einer anderen saß ein junges Pärchen , eifrig sprechend , die Köpfe dicht zusammengedrängt . Es mochte ein Student mit seiner Grisette sein , oder ein Handlungscommis mit seiner Flamme . Albrecht hatte sich nicht anders gedacht , als daß er das Lokal leer finden werden , wie die beiden ersten Male . Es war das zweifellos eine ganz willkürliche Annahme gewesen ; dennoch ärgerte ihn die Anwesenheit dieser Menschen , an denen nun auch Klotilde , wenn sie kam , vorüber mußte ; zu den Kabinetten konnte man nur durch den Saal gelangen . Der Kellner schlurfte ihm entgegen in demselben , vom langen Gebrauch unheimlich glänzenden Frack , mit demselben selbstzufriedenen Lächeln auf dem schlecht rasierten , dicken , dumm-pfiffigen Gesicht : zum Empfang der Herrschaften sei alles bereit . Eine Behauptung , die sich nicht wohl rechtfertigen ließ , da in dem Kabinett noch nicht einmal die Gasflamme brannte und der runde Tisch vor dem Sofa ungedeckt stand , überhaupt alles in dem unheimlichen , dumpfigen Gemach war , wie es Albrecht bei seiner ersten Besichtigung gefunden hatte . Er ließ deswegen den Mann heftig an , den das aber keineswegs aus seinem Phlegma brachte ; Albrecht mußte froh sein , als der Mann nun wirklich Tischtuch , Servietten , Teller , Gläser , Messer , Gabel , Löffel - eines nach dem andern - langsam herbeitrug und eine nichts weniger als elegant ausgestattete , kaum völlig saubere Tafel endlich zu stande kam . Es war verabredet , daß er Klotilden vor der Thür des Hauses erwarten sollte . So ging er denn hinaus , nachdem er die Weine bezeichnet , die man bereit zu halten habe . Die Auswahl war nicht groß gewesen , aber der lächerliche Widerspruch , in welchem die Dürftigkeit der Karte mit der Prahlerei des Kellners von dem berühmten Groß-Weinlager des Restaurant stand , fiel ihm bereits nicht mehr auf . Nun ging er vor der Thür auf und ab , fröstelnd in dem eisigen Zugwind , während ihm der Kopf brannte . Neulich an der Straßenecke hatte er nichts von der Kälte gespürt . Neulich ! konnte das wirklich vor nur vier Tagen gewesen sein ? Aber wie voller Sorgen und Qualen waren diese Tage gewesen ! wie schlaflos die Nächte ! Und jetzt der Direktor sein Billet erhalten , und er sah , wie sich die hohe Stirn des Mannes vor Zorn rötete . Und dann fiel ihm ein , woran er mit keinem Gedanken gedacht hatte : der Entrüstete könne den Schuldiener in seine Wohnung schicken , ihm sagen zu lassen : in einem Falle von solcher Dringlichkeit dürfe man nicht krank sein , und er müsse unter allen Umständen kommen . Wenn er stehenden Fußes in die Stadt zurück führe , Klotilden ein Billet hinterlassend , in welchem er ihr kurz die Sachlage auseinandersetzte und sie bat , ihm zu verzeihen ? Er sah nach der Uhr : es fehlten nur noch ein paar Minuten an neun . Die Konferenz hatte bereits eine Stunde gewährt ; bis er die Schule erreichte , auch wenn er von der Tiergartenstation aus die Stadtbahn benutzte , mußte mindestens wieder eine Stunde vergehen . Es hatte keinen Sinn ; und da kam auch schon Klotilde . Er hob die Dichtverschleierte aus dem Wagen und führte sie an seinem Arm durch den Saal des Restaurant nach dem Kabinett . Es ging so schnell ; er durfte hoffen , daß sie die Gruppe der Spieler und das kosende Pärchen im Saal nicht bemerkt hatte . Auch machte sie , als er ihr in dem Kabinett Hut und Mantel ablegen half , nur die Bemerkung ; Na , Schatz , in einem Feenpalast sind wir hier gerade nicht ; aber , offen gestanden , das habe ich auch nicht erwartet . Es war so lieb von ihr , und sie sah in dem eleganten , schwarzen Kleide , mit den von der Kälte rosig überhauchten Wangen entzückend aus ; aber der Kuß , den sie ihm dann gab , deuchte ihm seltsam kühl . Es blieb auch bei dem einen , da der Kellner jetzt hereintrat und fragte , ob auf die dritte Herrschaft gewartet werden sollte ? Klotilde brachte das Märchen von dem Bruder , der in dem letzten Augenblick verhindert worden sei , aber jedenfalls nachkommen werde ,