- Weißt Du was , sage ich , Du kannst mir dafür Deine erste Liebe erzählen . - Ich ? sagt sie , ich habe gar keine erste Liebe gehabt . Gerade , wies anfing , wars aus ! - Nee , sage ich , so was ! Das mußt Du mir nun grade erzählen . Sie wollte durchaus nicht , aber ich hatte die Gabe der Eindringlichkeit , weißt Du , mit ein bischen Schauspielerei und ein bischen Gefühl neben dran . Denn ich war ja immer gefühlvoll neben dran , hehe . Und so erzählt sie mir denn ... aber das war wirklich ... hol mich der Teufel noch einmal ! ... ich dachte , ich wäre endlich wieder mal betrunken ... ja , denke Dir : Sie erzählt mir meine Geschichte von damals ! Ganz genau ! Unterm Katheder und dann im Garten ! Ich kriegte direkt Angst . Ich packte sie an den Handgelenken und sah sie so fürchterlich an , daß sie aufschrie . Und da nannte ich ihren Namen , den richtigen , und dann meinen . Nordhäuser ! Nordhäuser ! Er war ganz aufgeregt . - Wie sie mich da ansah ! Die grünen Augen wurden tiefblau und strahlig . Und mit einem Male lag sie mir am Halse und heulte , daß ich denke , sie läuft aus . Und stammelt und stottert und klappert mit den Zähnen . Herrgott ! In meinem Leben habe ich ein fremdes Leben nie wieder so gefühlt . Mir wars , als hätte ich ihr Herz leibhaftig und blutend und stoßend in meiner Hand , und es rönne mir über die Finger . - Du Windelband ! Glotze gescheidter . Hehe ! Dieser Referendar ist ergriffen ! Er lehnte sich zurück und blies den Cigarrenrauch lachend von sich . - Komisch ! Furchtbar komisch ! Was ? Das Leben ist talentvoll . Es macht die schwierigsten Sachen ohne allen Apparat . Schmeißt da zwei Zerschmissene aufeinander und sagt : Da habt ihr euch ! Er sah Girlingern blinzelnd an : - Nicht wahr , die Geschichte ist ein paar Nordhäuser mit Sooleiern wert ? Aber mir wird sie langweilig . Was kam auch noch ? Ich hatte das Stichwort und goß nun meine Geschichte von mir : So , na und dann bist Du also gefälligst bald dorthin gekommen , wo Du jetzt bist , mein teures Mädchen ; bon ! Des Herrn Wege sind unerforschlich , und : Wer weiß , wozu es gut ist , sagt der Christ . Ich aber ... Ach , ich mag nicht mehr erzählen ! Kurz und gut , wie sie erfuhr , was mir bevorstand , wollte sie das Geld aufbringen . Viel Gesuche in allen Kasten , dann Geschrei und Gebettel bei Madame Amalie ... Satis superque , es langte nicht . Die Beiden schwiegen eine Weile . Dann Girlinger : Und , was hast Du dann eigentlich getrieben ? - Ich ? Getrieben ? Welch ein Tropus ! Ich habe mich treiben lassen . Ach so , Du willst wissen , was ich » gewesen « bin ? Höh ! Reichskanzler nicht ! - Haben denn Deine Eltern ... ? - Ich habe eine Schmetterlingssammlung geerbt . Es waren ein paar reizende Kerle darunter . Das andre hat beinah für die Schulden gelangt . - Warum bist Du nicht unter die Journalisten ... - Du siehst doch , daß ich noch unter die Journalisten gegangen bin . - Aber , Mensch , Du hast doch Talent ! - Aber das Leben hat noch mehr , wie ich mir schon ein Mal zu bemerken erlaubte . Übrigens , mein Sohn , irrst Du Dich , wenn Du denkst , ich bin unter den Rädern . Ich bin blos zwischen dem Roßmist . Du brauchst mir nur das Reisegeld nach Berlin zu leihen , und ich stürze Herrn Bleibtreu . Oh , es kommt schon noch die Zeit , wo ihr mit einigem Stolze sagen werdet : Den berühmten Stilpe kenn ich ! Das ist ein Freund von mir . Deinen Nordhäusern von heute wirst Du es zu verdanken haben , wenn ich Dich dann nicht verleugne . Viertes Buch Ecce poeta Reich mir einen Lorbeerkranz , Schicksal , oder aber Einen Bund voll Haber . Aus Stilpes zerstreuten Weisheiten . Erstes Kapitel Ein junger Lyriker und ein noch jüngerer Dramatiker saßen im Café Kaiserhof in Berlin und erörterten die Zukunft der deutschen Litteratur . Da ging ein Herr an ihrem Tisch vorüber , und der Lyriker hielt mitten in der Bemerkung , daß erst nach völliger Austilgung der Tagespresse wieder an eine anständige Litteratur zu denken sei , inne , um diesen Herrn , der sehr elegant gekleidet war und ein etwas blasiertes Wesen zur Schau trug , mit tiefer Verbeugung zu begrüßen . Der Herr , an dem eine Fülle schwarzer , weit in die Stirn gekämmter Haare und ein Klemmer mit sehr breitem schwarzem Bande besonders auffiel , sagte mit einem schiefen Lächeln : Nächste Woche kommen Sie dran ! Die freien Rhythmen habe ich schon klein gehackt . Man thut , was man kann . Der Lyriker machte noch eine Verbeugung und wollte etwas sagen , aber da war der Herr mit dem schwarzen Klemmerbande schon weiter gegangen . An einem Ecktisch , wo der Kellner bereits den Absinth filterte , ließ er sich nieder . - Wer war denn das ? fragte eifrig der Dramatiker . - Kennst Du denn den nicht ! antwortete erstaunt der Lyriker : Stilpe ! - Was ? Den Kerl grüßt Du ? Dem schickst Du Deine Bücher ? Das ist ja der infamste Hund , der je kritisch gebellt hat ! - Schrei doch nicht so ! Mit dem ist Freundschaft besser als Feindschaft . Übrigens hat er wirklich Geist . - Ach was : Geist ! Ein Molch ist er ! Eine niederträchtige Bestie ! Ein impotenter Neidbold , der sich einbildet , mit Schnoddrigkeit alles totmachen zu können . Die Reitpeitsche gehört ihm ! Eine Witzwanze ist er ! - Was hat er Dir denn gethan ? - Mir wird er erst noch was thun , aber ich hasse ihn schon vorher . Dieses Gezücht muß ausgerottet werden , Du hast es ja vorhin selber gesagt ! - Bitte recht sehr ! Ich war noch nicht fertig ! Leute wie Stilpe nehme ich aus . Er ist freilich ein Pamphletist , aber , zum Teufel , er hat einen alten Hut voll Talent . - Ich pfeife auf diese Art von Talent , hinter dem kein Charakter steckt . Galle , Neid und Größenwahn , nichts weiter ! Den alten Hut haben hier Viele auf . - Du irrst Dich , es steckt mehr dahinter . Stilpe ist eine der interessantesten Erscheinungen in der Berliner Litteratur . Ein giftiges Aas , meinetwegen ! Aber : Unerschrocken ! Kennst Du denn seine Karrière ? - Ach was ! Er wird sich durchgebohrt haben wie alle diese Holzpapierwürmer . - Urteile doch nicht so ins Blaue ! Ich sage Dir offen : Ich habe Respekt vor dem Mann ! - Oder Angst . - Unsinn ! Respekt sage ich . - Auch Hochachtung ? - Ach ! Hochachtung . Vor einem Kritiker hat man nie Hochachtung . Aber er imponiert mir . Die Art wie er sich durchgesetzt hat , gefällt mir , weil sie beweist , daß ihm der ganze Journalismus nur eine Gelegenheit zu Stilübungen ist . Vor drei bis vier Jahren ist er hier in einem Coupée vierter Klasse angekommen , ganz abgerissen , ohne die geringsten Verbindungen . Als Reporter hat er angefangen , d.h. eigentlich blos als Hilfsreporter , und bei was für Blättern ! Es heißt übrigens , daß er damals in verschollenen modernen Revüen Gedichte veröffentlicht hat . Jedenfalls hat er , während er hier beim literaraischen Troß mitschuftete , nach auswärts in Litteraturblättern die unerhörtesten Brandartikel geschrieben , als wäre er der heimliche Kaiser der deutschen Litteratur . Ich sage Dir : Dreck und Feuer , aber angemacht mit Flammpunsch ! Durch eine Serie von Ohrfeigen , die er von einem Schauspieler kriegte , wurde er berühmt . - In der That : Imposant ! - Ist es auch ! Denn diese Ohrfeigenserie war nichts weiter als ein abgekarteter Coup , wie sich später herausstellte . Er und der Schauspieler prügelten sich programmmäßig nach gemeinsam aufgestelltem Regieplan und zwar mit nachdrücklichster Naturtreue . Wie der Streich geglückt und ihr Name in allen Zeitungen war , fuhren sie zusammen in einer offenen Droschke durch die Friedrichstraße und Stilpe ließ eine höchst amüsante Ehrenerklärung , die von Witz sprühte , durch die Blätter laufen , und die Aufmerksamkeit der Redaktionen galt nun nicht mehr seinen Ohrfeigen , sondern seinem offenbar großen journalistischen Talent . Er kam an einem konservativ-antisemitischen Blatte an und schrieb nun das boshafteste Zeug , was sich nur denken läßt , gegen die » koschere Litteratur « . Er hat geradezu den antisemitischen Knüppelstil erfunden . Und auf einmal , wie mit einem Krach , saß er auf der anderen Seite und drasch auf die Antisemiten los , daß es nur so knackte . - Na , das ist doch der Cynismus der Charakterlosigkeit in frechster Form ! - Aber es hat Stil , mein Junge , und , übrigens : Denkst Du heute noch über Arminius so , wie in Sexta ? - Erlaube mal , damit läßt sich jede Käuflichkeit entschuldigen . - Ich behaupte ja nicht , daß er ein moralisches Exempel ist . Er ist ein Landsknecht der Feder , jedem zu Diensten und in jedem Dienste ein Draufgänger . Wie ein General zur Zeit der italienischen Renaissance , der seinem Feldherrnstab bald das , bald jenes Wappen als Knauf aufsetzte , so schwang er bald diese , bald jene Fahne . Aus dem Raddau-Antisemiten und fortschrittlichen Losgänger wurde erst noch eine Art litterarischer Volkstribun der Sozialdemokratie , und es schien , als würde er dabei stehen bleiben . Es schrieb damals mit einer merkwürdigen nüchternen Härte und hieb besonders auf den » Bourgeois-Anarchismus « der jungen Litteratur los . Aber plötzlich ein wilder Quersprung , und er enthüllte die Kunstfeindlichkeit der Sozialdemokratie mit einer solchen Unerbittlichkeit und bekannte so flammend seinen Irrtum , daß man wirklich glauben mußte , er sei vom Geiste aller freien Künste apollinisch besessen . Seitdem datiert sein Ruf als litterarischer Kritiker . Er verließ die Politik und wurde der Schrecken der Belletristen . Er fing an , fein zu werden , Du verstehst mich : Fein im Berliner Sinne , also witzig und scharf . Natürlich muß er infolgedessen mehr verreißen , als loben . Kritik ist Scheidekunst sagt er ; also : Scheidewasser her ! Aber gerade deshalb liebt ihn sein Leserkreis . - Und das findest Du also imposant ! - Nein , das gerade nicht , aber diese ganze Schamlosigkeit , mit soviel Witz und frechem Mute vertreten , zwingt mir sehr viel mehr Respekt ab , als die langweilige Leisetreterei der furchtbar ernsthaften Leute , die konsequent und reputierlich sind , weil ihre Beschränktheit es nicht anders gestattet . Sie schulmeistern die Literatur , er macht sich über sie lustig . Nenne ihn einen Lump , aber ist er es in Großfolio , und wenn Du etwa sagen willst , daß er Schaden anrichtet , so behaupte ich , daß er das Interesse für Litteratur hundertmal stärker anregt , als die anständigsten kritischen Registratoren . Übrigens interessiert er mich im Grunde als Mensch . Ich bin zwar blos Lyriker , aber ich wittere hier einen tragischen Fall . - Köstlich ! Wenn ein Lyriker es mit der Phychologie hält ! Jaja ! Ich sage Dir , dieser Mensch fühlt sich in seinem Salonrocke unendlich wohl und verachtet die gesammte schöpferische Litteratur , wenn er nur immer genügend hohes Zeilenhonorar kriegt , um gut essen und trinken zu können . Die Absinth-Flasche hat er schon bald leer . - Ja , man sagt , daß er säuft , und das stützt wieder meine Meinung von der Tragik , die hinter diesem Menschen steckt . - Du bist wirklich ein Lyriker . Dann sprachen sie wieder von der Zukunft der deutschen Litteratur . Der psychologische Lyriker hatte recht : Stilpe fühlte sich in seiner bevorzugten Lage sehr unglücklich . Er lebte allerdings sehr gut , seitdem er » in der Feuilletonmanège die Pausen durch schwierige Scherze ausfüllte « , wie er sein kritisches Amt umschrieb . Er aß bei Kempinsky , ließ bei einem englischen Schneider arbeiten , trank nur ausgesuchte Spirituosen und hatte , wenn auch kein ständiges , so doch eine Art von Wanderharem » wohlassortiert « . Daß darunter keine eigentliche Geliebte war , empfand er nicht als Mangel . Dieses Bedürfnis hatte er nicht , wenn ihn auch manchmal so etwas wie Sehnsucht darnach anwandelte . - Vielleicht wäre es gut , wenn ich mich einmal richtig verliebte , sagte er sich ; das wäre doch wenigstens ein Surrogat für das Andere . Aber es gelang ihm nicht . Was aber war » das Andere « ? Ein paar Stellen seines » Heftes der Aufrichtigkeiten « geben darüber Aufschluß . Dieses Heft legte er zu dem Zeitpunkte an , als seine Stellung anfing , gesichert zu werden ; und das war dieselbe Zeit , um die er begann , sich unzufrieden zu fühlen . Auf der ersten Seite stand dies : » Jede Pflichtgewohnheit ist gemein , also auch das Lügen , als welche Kunst ich jetzt gewerbsmäßig und , wie ich mir sagen darf , nicht ohne Begabung , aber ich will ja hier ehrlich sein , also : Mit ungewöhnlichem Talente betreibe . Deshalb will ich wenigstens zuweilen diese Gewohnheit brechen und auf diesen Blättern die Wahrheit sagen . Daß ich auch dabei lügen werde , versteht sich am Rande . Aber diese Lügen werden eine eigene und amüsante Nüance haben . Ich stelle es mir sehr anmutig differenziert vor : Lügen , die Wahrheiten sein wollen , aber nicht daran glauben , und Wahrheiten , die sich selber keineswegs trauen , aber ihrer Lügenhaftigkeit immerhin nicht ganz sicher sind und sich manchmal im Stillen zweifelnd sagen : Wer weiß , am Ende sind wir wirklich wahr ? Eine liebliche Sorte Schlinggewächs also , - mein Gehirn mag eine ähnliche Struktur haben . « » Es scheint wirklich : Der Mensch lebt nicht von Brot allein und auch nicht von dem , was besser schmeckt ; er braucht ein Ziel , was er lieb hat , um » glücklich « zu sein . Aber er muß dran glauben . Beispiel : Ich war glücklich , als ich das Ziel lieb hatte , ein - Dichter zu werden , obwohl ich damals lauter Schulden und keine Aussicht hatte , sie zu zahlen . Oder : Ich war glücklich , als ich das Ziel lieb hatte , ganze Stiefeln zu bekommen . Und ich hatte doch nichts zu essen . Nun aber : Bitte , wo ist das Ziel , das ich lieb hätte ? Ganze Stiefeln hab ich , und ein Dichter mag ich einstweilen nicht werden ... Alles wüste und leer ... Das Ziel , einen Rausch zu bekommen ... ! ... ? Ach , wie erbärmlich sind jetzt meine Räusche ! Ich trinke , weils schmeckt , und das ist niedrig neben dem eigentlichen Ziel des Trinkens , dem großen Rausch . Vielleicht Morphium ? Aber ich fürchte den Selbstmord ... Meine Krankheit heißt überhaupt Feigheit ... Ich habe mich zu sehr an Kempinsky gewöhnt ... Halt ! Ich werde nach Dressel streben ! Jede Woche zwei Feuilletons mehr , und es geht ! ... Ach , wie kümmerlich und einfältig ! Bin ich denn schon ganz verblödet ? Jeder Tag Dressel , das wäre ja eine Rohheit und unsagbar stümperhaft . Ich würde mit ja selbst die Möglichkeit zu Magen idealen rauben ... Also : Ideale fehlen mir ? Schau , schau , wie tugendhaft ich bin ... Unsinn : Ideale ! Schon das Wort ist die verkörperte Maulsperre : I ... e ... a ! Pfeifen wir lieber darauf ! ... Aber das schweiß- und lustlockende Ziel ... Sollte es die Liebe sein , die Li-a-bee ? Oh nee ! Indessen ... manchmal .. ? ... hm ... ! ... Kürzlich liebte ich sehr stark in der Gegend des Weddings . Ich zog mich schlecht an ( wie schade , daß ich meine letzte Leipziger Garderobe nicht mehr habe ! ) und entzündete den Scharlachfeuerbrand bei einem recht süßen Ding von Mantelnäherin . Oh ja , es hatte was . Die Armeleutliebe hat ihre Reize wie die Armeleutmalerei , und ich kam mir vor wie der dicke Commerzienrat Ratz , der einen Uhde in seinem Speisezimmer hängen hat . Er vertritt ihm die Stelle des Tischgebets . Aber ich bin wohl nicht so christlich veranlangt wie der Commerzienrat . Ich zog mich wieder in die Nähe des Wintergartens zurück ... Nein , die Liebe ist es nicht ... Zur Liebe bin ich jetzt entschieden zu ästhetisch geworden ... Oder zu niederträchtig ? Nur keine Gêne , werter Freund ! Den Sport will ich mir wenigstens bewahren , daß ich mich selber beim rechten Namen nenne . Und jetzt will ich zu Emmy gehn , die mich » Caviarbrödchen « nennt . « » Ich nähre mich jetzt hauptsächlich von Lyrikern , und was ich dann von mir gebe , ist das Entzücken meines reizenden Publikums . Nichts erfreut es so von Grund aus , als wenn man ihm einen gerupften Dichter vorsetzt . Es besteht also in dieser deutschen Welt von heute immer noch eine Art Neid gegen diese Profession ? Und , wenn ich mir selber auf die Plombe fühle : Beneide ich das Geflügel nicht auch im Grunde ein bischen ? Zumal die , die sich so verdorben stellen und so selig in der Einbildung sind , gewaltige und verruchte Sünder zu sein , - sind sie nicht wirklich beneidenswert ? Kerls , die sich noch geißeln können , muß man die nicht beneiden ? Und überhaupt dieses Behagen , sich in Versen auszuschwemmen . Es ist ganz sicher eine ejakulative Wollust . Und der Rhythmus ist das Leben , Und die Prosa ist der Tod ... Hol sie der Teufel ! Sie genieren mich . Sie erinnern mich an Zeiten , da ich gerade so dumm und pueril war wie sie , und ich finde , es ist ungerecht , daß ich leiden muß , weil ich klüger wurde ... Also : Ich leide ? Sehr schön gesagt . Ein dekoratives Wörtchen . Schon die Stimmgabel zum lyrischen Gesang . Ich werde mir auch so eine dicke schwarze Halsbinde kaufen , die Einem so was Biedermeierischhalbabgewürgtes giebt und zur lyrischen Livrée von heute gehört . « » Im Grunde genommen , werter Herr , sind Sie den Idealen Ihrer Jugend ein wenig untreu geworden . Fanden Sie nicht dermaleinsten , daß es die Gemeinheit der Gemeinheiten sei , ein Dichter sein zu können und um der besseren Speise- und Weinkarte willen ein Journalist zu werden ? Ganz richtig . Nur erlaubt sich irgend wer die Frage : Kann ich denn ein Dichter sein ? Lächerlich ! Höchst lächerlich ! Sind Sie ein Lump , daß Sie sich verstellen ? Wissen Sie nicht ganz genau , daß Sie ein Dichter wären , wenn Sie nicht , leider , es für bequemer hielten , ein Schubiak zu sein ? Hm ; vielleicht nehmen wir blos ein Schlammbad ! ... So zur Austreibung böser Säfte , wissen Sie ... Aber wer hat es Ihnen denn verschrieben ? Meine Natur , meine schlechte , niederträchtige , gemeine Natur . Durch Schlamm zum Rosenöl ! sagt sie . Reizend , in was für Tropen Ihre Natur lügt . Aber : Sie glauben ihr doch nicht ? Ich wo ! Ich kenne sie ja . « » Es fängt an , geschmacklos zu werden , wie unwohl ich mich fühle . Mein Ruhm stinkt zum Himmel , daß Pietro Arretino vor Neid semmelblond wird , meine Honorare könnten einem Cirkusklown den Schlaf rauben , mein Stil , dieses Gemächte aus Sprachnotzucht und Drehkrankheit , wird mehr kopiert , als die sixtinische Madonna , - und ich bin der Gelbsucht nahe . Was , zum Teufel , sitzt mir in der Leber ! ? Oh , ich fühls ! Es ist ein Ekel an dieser Comödie , die ich aus mir gemacht habe mit dem Vorsatz , sie vom Repertoire zu streichen , sobald ich genug an ihr hätte , und die ich nun Tag für Tag seit Jahren spielen muß , weil ich sonst hinter die Coulissen geschmissen würde . Ein schundgemeines Kassenstück , aber wehe , wenn ich ein anderes gäbe ! Es gilt nur die Frage : Verlohnt die Einnahme wirklich den Ekel ? Wäre es nicht besser , ich träte endlich einmal vor und spiee dem werten Publikum ins Gesicht ? Hollah ! Amende gäbe das erst recht einen Erfolg , und ich wäre obendrein die Ekelplage los ? Wie , wenn ich Va-banque spielte ? « » Ich sehne mich nach Unordnung , nach Verrücktheit , nach dem Gelächter derer , die nichts zu verlieren haben . Ah , Du altes , treues Wort : Bohème ! Ein gelangweilter Lump zu sein , ein Lump in Wohlsein und Ängsten vor dem bischen Daseinsgefahr , - wie schaal und schäbig ! Aber ein lachender Lump , ein königlich selbstherrlicher Lump mit leerem Beutel und den Taschen voll Hoffnung , ein dichtender Lump , ein Lump voll Laune und närrischen Plänen , ein freier Lump mit der Grazie des selbstbewegten Lebens , - wie köstlich und groß ! Bohème ! Bohème ! Der Gedanke läßt mich nicht mehr los : Heraus aus diesem behäbigen Lumpentum und hinein in freche Abenteuer ! Ich muß mich wieder berauschen können und nicht blos trinken . Ich muß wieder einen Kreis um mich haben , in dem man betrunken wird an sich selber . Diese schweren Weine machen faul , diese Champagner lügen blos von Räuschen , diese kostbaren Liköre sind wie Seidenpolster , in denen man versinkt , ohne daß man glaubt , Houri-Arme schlängen sich um Nacken und Brust . Was ist das für ein Leben ! Kein Ruck und Zuck , kein Taumeln und Drehen . Geradehin , auf Gummirädern , hinter verschlossenen Kaleschenfenstern , allein . Diese » Collegen « ! Wie ernst ! Wie bedeutend ! » Beamte der öffentlichen Meinung . Richter im Reiche des Schönen . Staatsanwälte des Geistes . Pioniere des Fortschritts . Enkel Lessings . Verantwortliche Redakteure der Moral . « Oh , ihr ... ! Na ! Ich kenne euch doch ? Ihr habt doch allerhand Respekt vor mir ? Ich unterstehe doch annoch makellos eurem Ehrengerichte ? Wißt ihr denn nicht , daß ich täglich Unzucht mit allen Lastern des Witzes treibe ? Warum werft ihr mich denn nicht hinaus ? Solltet ihr ... auch ... ? Blos nicht mit soviel Frechheit ... ? ... Wie , wenn ich einmal meine Comödie , die ja ein Stück der euren ist , ohne Schminke auf eure Papierbühne brächte ? Wenn ich die litterarischen Hungerleider , die von Gnaden des Elends noch anständig sind , aufriefe gegen die gewürdeten litterarischen Beutelschneider und Gaudiebe ? Wenn ich zeigte , was für Wäsche unter den schönen Röcken der Würdenträger der öffentlichen Meinung steckt ? ... Halt ! Das ist Stil für die Öffentlichkeit ; ich kann die Passage in meiner Brochüre verwenden , die ich wie einen Klotz in den Tintensumpf werfen will . Ah ! Da haben wir ja schon Plan und Titel : Eine Brochüre : Der Tintensumpf . Schon bin ich inspiriert ! Aber hier wollen wir doch lieber nach Möglichkeit ehrlich sein , - was habe ich also vor ! ? Wenn ich es mir recht überlege : Ich will mir , da ich von dieser Bühne abzutreten gesonnen bin ( bin ichs wirklich ? ) einen guten und womöglich praktischen Abgang verschaffen . Ich will sensationell abtreten , um - drüben ein anderes gutes Engagement zu bekommen ? Nein , das nicht . Aber es wäre vielleicht möglich , daß mir dieser Abgang die Möglichkeit gäbe , eine eigene Bühne , eine Protestbühne zu gründen . ? ... Hm . Die Perspektive ist gut ... Geht die Brochüre , so findet sich wohl ein spekulativer Herr , der mir meine eigene Zeitung gründet : Die Zeitung der Zurückgewiesenen , das Blatt der Bohèmes auf jedem Gebiete ... Und : Kein Zweifel , daß die Brochüre gehen wird ! Welcher Skandal ginge nicht ? Aber ich muß rücksichtslos sein , wie ein Wilder und boshaft wie ein Affe . Sagen wir ruhig : Es muß ein braves Pamphlet sein . Machen wir ! Ist nicht der Tintensumpf unleugbar ? Bin ich mir nicht das schönste Modell ? Hat mich dieser Sumpf nicht ruiniert ? ... Der Teufel , ich komme immer in den Stil für die Öffentlichkeit . Ich bin wirklich allerliebst eingeseucht ; es scheint , ich kann mir schon selber nicht mehr die Wahrheit sagen . Aber für diesen Zweck ist das eigentlich ausgezeichnet ! Ich werde teilweise unbewußt lügen , und eine unbewußte Lüge knattert viel stärker als zehn bewußte Wahrheiten . Eben rieb ich mir die Hände . Es scheint , die Bösewichter auf dem Theater sind echter , als wir glauben . Bösewicht ! Ich möchte jetzt mal in den Spiegel sehn . Wie sonderbar aufgeregt ich bin . Rein wie betrunken . Oh , ich ahne Räusche ! Wenn ich jetzt schon so außer mir gerate ! Und nun hab ich endlich das Wort für mich : Ich will wieder außer mir geraten können ! Komme , was will : Ich muß aus mir heraus , heraus aus diesem meinen Sumpf , und ich will mit gewaltigem Spektakel ans Land springen ! Platschen soll es . « Zweites Kapitel Gleich nach dem Erscheinen des Tintensumpfs hatte Stilpe sein Quartier aus dem Karlsbad , das ihm längst zu still gewesen war , in die Nähe der Weidendammer Brücke verlegt . Da hauste er nun vier Treppen hoch nach seinem Geschmack wie ein Student , nur , daß es keine kümmerliche Bude nach dem Hof hinaus war , sondern groß , hell , mit dem Blick nach der Spree und weithin über einen guten Teil Berlin . Und laut war sie , umbrodelt vom Lärm der Friedrichstraße , den man wie ein rollendes Rauschen hörte . Dazu das Rattern der Züge , die in den Bahnhof Friedrichstraße einfuhren , und von den Arbeiten am Neubau der Weidendammer Brücke her die dröhnenden Schläge des Rammwolfs , der die Notpfeiler in das Flußbett trieb . Da aber gefiel es Stilpen gut . Hier fühlte er sich zu Hause . Das war nach seinem Geschmack : Ein schmuckloses Zimmer mit abgenutzten Möbeln , die er nicht mit besonderer Schonung zu behandeln brauchte ; zu Nachbarn Garçons wie er , Studenten , Künstler und ein » besseres Mädchen « ; die Hausordnung dementsprechend liberal , die Wirtin desgleichen . - Ein guter Dunstkreis , hatte er gesagt , wie er die Wohnung bezog ; hier laßt uns die Götter locken mit Pfeifen und klingenden Gläsern . Er hatte gleich seine alte Frechheit wieder , die er so lange unter einer anderen hatte verbergen müssen . Es fehlten ihm nur noch die Genossen . Aber sein Aufruf am Schluß des Tintensumpfs : An das bischen Bohème in Berlin ! hatte bald gezogen . Es kamen sogar sehr viel mehr , als er gewünscht hatte , und vor Allem kamen sehr viele falsche Bohèmeleute , unglaubliches Volk voll innerlicher Philistrosität , Theorieenaushecker , Weltverbesserer , Pseudoanarchisten , auch einige lebendige Beispiele aus Krafft-Ebings Psychopathia sexualis : Alles , was irgendwie in der Welt nicht zurechtkam , glaubte zur Bohème zu gehören und im Verfasser des Tintensumpfs den Mann gefunden zu haben , der ihnen in einer neuen Zeitschrift weißes Papier bogenweise zur Verfügung stellen würde . Dagegen blieben anfangs die aus , an die allein er gedacht hatte : Die Dichter und Künstler . Nur einige Jünglinge , denen der Dilettantismus mit jenem bekannten Strohfeuer aus den Augen leuchtete , waren als Vertreter der Kunst bei dieser ersten Flutwelle . Erst nach ein paar Wochen , wie Stilpe von der gesamten Presse mit Einmütigkeit und ganz kurz als Schandfleck des Journalismus abgethan worden war , fanden sich die Rechten ein . Stilpe merkte es sogleich daran , daß sie ihn unverzüglich anpumpten , und dann beim » Orakel der Buttelje « . Sie tranken ungefähr mit derselben Technik wie er . Nach etwa vier Wochen hatte er wieder ein » Cenacle « beisammen , und diesmal war es ein echtes . Eine Maskerade mit französischem Namen war hier nicht mehr am Platze . Seine neuen Freunde waren selber Originale , kantig geblieben in der großen Rührbüchse eines derb zu greifenden Lebens , und gaben den Freunden Mürgers nichts nach . Es waren köstliche Kumpane für ihn und dabei entschiedene Talente für feinste Kunst und freiestes Leben . Nur ein paar von ihnen waren schon mit Werken an die Offentlichkeit getreten , und es war nun eine Quelle gemeinsamer herzlicher Freude , wenn sie und Stilpe die niederträchtigen Kritiken zitierten , mit denen » der gefürchtete Kritiker W. St. « sie einst an den Pranger gestellt hatte . Die Mehrzahl war so gut wie ungedruckt , denn es gab kein Blatt , das excentrisch genug für sie gewesen wäre . Nun sollte Stilpe natürlich dieses Blatt gründen . Bei allen Zusammenkünften , soweit sie nicht blos mit Trinken oder Rezitationen der » neuesten Sachen von Rang « ausgefüllt wurden , war diese Gründung das Hauptthema . Aber nun waren schon zwei Monate seit dem