weg , wenn er anfängt . Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten , und hören wir lieber von Herrn von Stechlins Ausfluge . Doktor Wrschowitz teilt gewiß meinen Geschmack . « » Teile vollkommen . « » Also , Herr von Stechlin « , fuhr Armgard fort , » Sie haben nach diesen Erklärungen unsers Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr , vielleicht sogar einen begeisterten . Auch für Papa möcht ich mich verbürgen . Wir sind ja eigentlich selber märkisch oder doch beinah und wissen trotzdem sowenig davon , weil wir immer draußen waren . Ich kenne wohl Saatwinkel und den Grunewald , aber das eigentliche brandenburgische Land , das ist doch noch etwas andres . Es soll alles so romantisch sein und so melancholisch , Sand und Sumpf und im Wasser ein paar Binsen oder eine Birke , dran das Laub zittert . Ist Ihre Ruppiner Gegend auch so ? « » Nein , Comtesse , wir haben viel Wald und See , die sogenannte Mecklenburgische Seenplatte . « » Nun , das ist auch gut . Mecklenburg , wie mir die Berchtesgadens erst neulich versichert haben , hat auch seine Romantik . « » Sehr warr . Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosentid ... « » Und dann glaub ich auch zu wissen « , fuhr Armgard fort , » daß Sie Rheinsberg ganz in der Nähe haben . Ist es richtig ? Und kennen Sie ' s ? Es soll soviel Interessantes bieten . Ich erinnere mich seiner aus meinen Kindertagen her , trotzdem wir damals in London lebten . Oder vielleicht auch gerade deshalb . Denn es war die Zeit , wo das Carlylesche Buch über Friedrich den Großen immer noch in Mode war und wo ' s zum guten Ton gehörte , sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci zu kümmern , sondern auch um Rheinsberg und den Orden de la générosité . Lebt das alles noch da ? Spricht das Volk noch davon ? « » Nein , Comtesse , das ist alles fort . Und überhaupt , von dem großen König spricht im Rheinsbergischen niemand mehr , was auch kaum anders sein kann . Der große König war als Kronprinz nur kurze Zeit da , sein Bruder Heinrich aber fünfzig Jahre . Und so hat die Prinz-Heinrich-Zeit beklagenswerterweise die Kronprinzenzeit ganz erdrückt . Aber beklagenswert doch nicht in allem . Denn Prinz Heinrich war auch bedeutend und vor allem sehr kritisch . Was doch immer ein Vorzug ist . « » Sehr warr , sehr warr « , unterbrach hier Wrschowitz . » Er war sehr kritisch « , wiederholte Woldemar . » Namentlich auch gegen seinen Bruder , den König . Und die Malkontenten , deren es auch damals schon die Hülle und Fülle gab , waren beständig um ihn herum . Und dabei kommt immer was heraus . « » Sehr warr , sehr warr ... « » Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweilig , aber die Frondeurs , wenn die den Mund auftun , da kann man was hören , da tut sich einem was auf . « » Gewiß « , sagte Armgard . » Aber trotzdem , Herr von Stechlin , ich kann das Frondieren nicht leiden . Frondeur ist doch immer nur der gewohnheitsmäßig Unzufriedene , und wer immer unzufrieden ist , der taugt nichts . Immer Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu , und während sie sich über andre lustig machen , lassen sie selber viel zu wünschen übrig . « » Sehr warr , sehr warr , gnädigste Comtesse « , verbeugte sich Wrschowitz . » Aber , wollen verzeihn , Comtesse , wenn ich trotzdem bin für Frondeur . Frondeur ist Krittikk , und wo Guttes sein will , muß sein Krittikk . Deutsche Kunst viel Krittikk . Erst muß sein Kunst , gewiß , gewiß , aber gleich danach muß sein Krittikk . Krittikk ist wie große Revolution , Kopf ab aus Prinzipp . Kunst muß haben ein Prinzipp . Und wo Prinzipp is , is Kopf ab . « Alles schwieg , so daß dem Grafen nichts übrigblieb , als etwas verspätet seine halbe Zustimmung auszudrücken . Armgard ihrerseits beeilte sich , auf Rheinsberg zurückzukommen , das ihr trotz des fatalen Zwischenfalls mit » Kopf ab « , im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden Musikgesprächen , immer noch als wenigstens ein Nothafen erschien . » Ich glaube « , sagte sie , » neben manchem andern auch mal von der Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben . Er soll - irre ich mich , so werden Sie mich korrigieren - ein sogenannter Misogyne gewesen sein . Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch mindestens etwas sehr Sonderbares . « » Sehr sonderbarr « , sagte Wrschowitz , während sich , unter huldigendem Hinblick auf Armgard , sein Gesicht wie verklärte . » Wie gut , lieber Wrschowitz « , fuhr Armgard fort , » daß Sie , mein Wort bestätigend , für uns arme Frauen und Mädchen eintreten . Es gibt immer noch Ritter , und wir sind ihrer so sehr benötigt . Denn wie mir Melusine erzählt hat , sind die Weiberfeinde sogar stolz darauf , Weiberfeinde zu sein , und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform . Kennen Sie solche Leute , Herr von Stechlin ? Und wenn Sie solche Leute kennen , wie denken Sie darüber ? « » Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche . « » Das ist recht . « » Und zum zweiten als Kranke . Der Prinz , wie Comtesse schon ganz richtig ausgesprochen haben , war auch ein solcher Kranker . « » Und wie äußerte sich das ? Oder ist es überhaupt nicht möglich , über das Thema zu sprechen ? « » Nicht ganz leicht , Comtesse . Doch in Gegenwart des Herrn Grafen und , nicht zu vergessen , auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz , der so schön und ritterlich gegen die Misogynität Partei genommen , unter solchem Beistande will ich es doch wagen . « » Nun , das freut mich . Denn ich brenne vor Neugier . « » Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen . Unser Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert . Die jetzigen sind Menschen ; die damaligen waren nur Prinzen . Eine der Passionen unsers Rheinsberger Prinzen - wenn man will , in einer Art Gegensatz von dem , was schon gesagt wurde - war eine geheimnisvolle Vorliebe für jungfräuliche Tote , besonders Bräute . Wenn eine Braut im Rheinsbergischen , am liebsten auf dem Lande , gestorben war , so lud er sich zu dem Begräbnis zu Gast . Und eh der Geistliche noch dasein konnte ( den vermied er ) , erschien er und stellte sich an das Fußende des Sarges und starrte die Tote an . Aber sie mußte geschminkt sein und aussehen wie das Leben . « » Aber das ist ja schrecklich « , brach es beinahe leidenschaftlich aus Armgard hervor . » Ich mag diesen Prinzen nicht und seine ganze Fronde nicht . Denn die müssen ebenso gewesen sein . Das ist ja Blasphemie , das ist ja Gräberschändung - ich muß das Wort aussprechen , weil ich so empört bin und nicht anders kann . « Der alte Graf sah die Tochter an , und ein Freudenstrahl umleuchtete sein gutes altes Gesicht . Auch Wrschowitz empfand so was von unbedingter Huldigung , bezwang sich aber und sah , statt auf Armgard , auf das Bild der Gräfinmutter , das von der Wand niederblickte . Nur Woldemar blieb ruhig und sagte : » Comtesse , Sie gehen vielleicht zu weit . Wissen Sie , was in der Seele des Prinzen vorgegangen ist ? Es kann etwas Infernales gewesen sein , aber auch etwas ganz andres . Wir wissen es nicht . Und weil er nebenher unbedingt große Züge hatte , so bin ich dafür , ihm das in Rechnung zu stellen . « » Bravo , Stechlin « , sagte der alte Graf . » Ich war erst Armgards Meinung . Aber Sie haben recht , wir wissen es nicht . Und soviel weiß ich noch von der Juristerei her , in der ich , wohl oder übel , eine Gastrolle gab , daß man in zweifelhaften Fällen in favorem entscheiden muß . Übrigens geht eben die Klingel . An bester Stelle wird ein Gespräch immer unterbrochen . Es wird Melusine sein . Und sosehr ich gewünscht hätte , sie wäre von Anfang an mit dabeigewesen , wenn sie jetzt so mit einem Male dazwischenfährt , ist selbst Melusine eine Störung . « Es war wirklich Melusine . Sie trat , ohne draußen abgelegt zu haben , ins Zimmer , warf das schottische Cape , das sie trug , in eine Sofaecke und schritt , während sie noch den Hut aus dem Haare nestelte , bis an den Tisch , um hier zunächst den Vater , dann aber die beiden andern Herren zu begrüßen . » Ich seh euch so verlegen , woraus ich schließe , daß eben etwas Gefährliches gesagt worden ist . Also etwas über mich . « » Aber , Melusine , wie eitel . « » Nun , dann also nicht über mich . Aber über wen ? Das wenigstens will ich wissen . Von wem war die Rede ? « » Vom Prinzen Heinrich . Aber von dem ganz alten , der schon fast hundert Jahre tot ist . « » Da konntet ihr auch was Besseres tun . « » Wenn du wüßtest , was uns Stechlin von ihm erzählt hat und daß er - nicht Stechlin , aber der Prinz - ein Misogyne war , so würdest du vielleicht anders sprechen . « » Misogyne . Das freilich ändert die Sache . Ja , lieber Stechlin , da kann ich Ihnen nicht helfen , davon muß ich auch noch hören . Und wenn Sie mir ' s abschlagen , so wenigstens was Gleichwertiges . « » Gräfin Melusine , was Gleichwertiges gibt es nicht . « » Das ist gut , sehr gut , weil es so wahr ist . Aber dann bitt ich um etwas zweiten Ranges . Ich sehe , daß Sie von Ihrem Ausfluge erzählt haben , von Ihrem Papa , von Schloß Stechlin selbst oder von Ihrem Dorf und Ihrer Gegend . Und davon möcht ich auch hören , wenn es auch freilich nicht an das andre heranreicht . « » Ach , Gräfin , Sie wissen nicht , wie bescheiden es mit unserem Stechliner Erdenwinkel bestellt ist . Wir haben da , von einem Pastor abgesehen , der beinah Sozialdemokrat ist , und des weiteren von einem Oberförster abgesehen , der eine Prinzessin , eine Ippe-Büchsenstein , geheiratet hat ... « » Aber das ist ja alles großartig ... « » Wir haben da , von diesen zwei Sehenswürdigkeiten abgesehen , eigentlich nur noch den Stechlin . Der ginge vielleicht , über den ließe sich vielleicht etwas sagen . « » Den Stechlin ? Was ist das ? Ich bin so glücklich zu wissen « ( und sie machte verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu ) , » ich bin so glücklich zu wissen , daß es Stechline gibt . Aber der Stechlin ! Was ist der Stechlin ? « » Das ist ein See . « » Ein See . Das besagt nicht viel . Seen , wenn es nicht grade der Vierwaldstätter ist , werden immer erst interessant durch ihre Fische , durch Sterlet oder Felchen . Ich will nicht weiter aufzählen . Aber was hat der Stechlin ? Ich vermute , Steckerlinge . « » Nein , Gräfin , die hat er nun gerade nicht . Er hat genau das , was Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten . Er hat Weltbeziehungen , vornehme , geheimnisvolle Beziehungen , und nur alles Gewöhnliche , wie beispielsweise Steckerlinge , hat er nicht . Steckerlinge fehlen ihm . « » Aber , Stechlin , Sie werden doch nicht den Empfindlichen spielen . Rittmeister in der Garde ! « » Nein , Gräfin . Und außerdem , den wollt ich sehen , der das Ihnen gegenüber zuwege brächte . « » Nun dann also , was ist es ? Worin bestehen seine vornehmen Beziehungen ? « » Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften , deren genealogischer Kalender noch über den Gothaischen hinauswächst , auf du und du . Und wenn es in Java oder auf Island rumort oder der Geiser mal in Doppelhöhe dampft und springt , dann springt auch in unserm Stechlin ein Wasserstrahl auf , und einige ( wenn es auch noch niemand gesehen hat ) , einige behaupten sogar , in ganz schweren Fällen erscheine zwischen den Strudeln ein roter Hahn und krähe hell und weckend in die Ruppiner Grafschaft hinein . Ich nenne das vornehme Beziehungen . « » Ich auch « , sagte Melusine . Wrschowitz aber , dessen Augen immer größer geworden waren , murmelte vor sich hin : » Sehr warr , sehr warr . « Vierzehntes Kapitel Es war zu Beginn der Woche , daß Woldemar seinen Besuch im Barbyschen Hause gemacht hatte . Schon am Mittwoch früh empfing er ein Billet von Melusine . » Lieber Freund . Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich mein Bedauern aussprechen , daß ich vorgestern nur gerade noch die letzte Szene des letzten Aktes ( Geschichte vom Stechlin ) miterleben konnte . Mich verlangt es aber lebhaft , mehr davon zu wissen . In unsrer sogenannten großen Welt gibt es so wenig , was sich zu sehen und zu hören verlohnt ; das meiste hat sich in die stillen Winkel der Erde zurückgezogen . Allen vorauf , wie mir scheint , in Ihre Stechliner Gegend . Ich wette , Sie haben uns noch über vieles zu berichten , und ich kann nur wiederholen , ich möchte davon hören . Unsre gute Baronin , der ich davon erzählt habe , denkt ebenso ; sie hat den Zug aller naiven und liebenswürdigen Frauen , neugierig zu sein . Ich , ohne die genannten Vorbedingungen zu erfüllen , bin ihr trotzdem an Neugier gleich . Und so haben wir denn eine Nachmittagspartie verabredet , bei der Sie der große Erzähler sein sollen . In der Regel freilich verläuft es anders wie gedacht , und man hört nicht das , was man hören wollte . Das darf uns aber in unsern guten Vorhaben nicht hindern . Die Baronin hat mir etwas vorgeschwärmt von einer Gegend , die sie Oberspree nannte ( die vielleicht auch wirklich so heißt ) und wo ' s so schön sein soll , daß sich die Havelherrlichkeiten daneben verstecken müssen . Ich will es ihr glauben , und jedenfalls werd ich es ihr nachträglich versichern , auch wenn ich es nicht gefunden haben sollte . Das Ziel unsrer Fahrt - ein Punkt , den übrigens die Berchtesgadens noch nicht kennen ; sie waren bisher immer erheblich weiter flußaufwärts - , das Ziel unsrer Reise hat einen ziemlich sonderbaren Namen und heißt das Eierhäuschen . Ich werde seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los und werde wohl erst geheilt sein , wenn sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit persönlich vorgestellt haben wird . Also morgen , Donnerstag : Eierhäuschen . Ein Nein gibt es natürlich nicht . Abfahrt vier Uhr , Jannowitzbrücke . Papa begleitet uns ; es geht ihm seit heut um vieles besser , so daß er sich ' s zutraut . Vielleicht ist vier etwas spät ; aber wir haben dabei , wie mir Lizzi sagt , den Vorteil , auf der Rückfahrt die Lichter im Wasser sich spiegeln zu sehen . Und vielleicht ist auch irgendwo Feuerwerk , und wir sehen dann die Raketen steigen . Armgard ist in Aufregung , fast auch ich . Au revoir . Eines Herrn Rittmeisters wohlaffektionierte Melusine « Nun war der andre Nachmittag da , und kurz vor vier Uhr fuhren erst die Berchtesgadens und gleich danach auch die Barbys bei der Jannowitzbrücke vor . Woldemar wartete schon . Alle waren in jener heitern Stimmung , in der man geneigt ist , alles schön und reizend zu finden . Und diese Stimmung kam denn auch gleich der Dampfschiffahrtsstation zustatten . Unter lachender Bewunderung der sich hier darbietenden Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen und Treppen hinab und schritt , unten angekommen , an den um diese Stunde noch leeren Tischen eines hier etablierten » Lokals « vorüber , unmittelbar auf das Schiff zu , dessen Glocke schon zum erstenmal geläutet hatte . Das Wetter war prachtvoll , flußaufwärts alles klar und sonnig , während über der Stadt ein dünner Nebel lag . Zu beiden Seiten des Hinterdecks nahm man auf Stühlen und Bänken Platz und sah von hier aus auf das verschleierte Stadtbild zurück . » Da heißt es nun immer « , sagte Melusine , » Berlin sei so kirchenarm ; aber wir werden bald Köln und Mainz aus dem Felde geschlagen haben . Ich sehe die Nikolaikirche , die Petrikirche , die Waisenkirche , die Schloßkuppel , und das Dach da , mit einer Art von chinesischer Deckelmütze , das ist , glaub ich , der Rathausturm . Aber freilich , ich weiß nicht , ob ich den mitrechnen darf . « » Turm ist Turm « , sagte die Baronin . » Das fehlte so gerade noch , daß man dem armen alten Berlin auch seinen Rathausturm als Turm abstritte . Man eifersüchtelt schon genug . « Und nun schlug es vier . Von der Parochialkirche her klang das Glockenspiel , die Schiffsglocke läutete dazwischen , und als diese wieder schwieg , wurde das Brett aufgeklappt , und unter einem schrillen Pfiff setzte sich der Dampfer auf das mittlere Brückenjoch zu in Bewegung . Oben , in Nähe der Jannowitzbrücke , hielten immer noch die beiden herrschaftlichen Wagen , die ' s für angemessen erachten mochten , ehe sie selber aufbrachen , zuvor den Aufbruch des Schiffes abzuwarten , und erst als dieses unter der Brücke verschwunden war , fuhr der gräflich Barbysche Kutscher neben den freiherrlich Berchtesgadenschen , um mit diesem einen Gruß auszutauschen . Beide kannten sich seit lange , schon von London her , wo sie bei denselben Herrschaften in Dienst gestanden hatten . In diesem Punkte waren sie sich gleich , sonst aber so verschieden wie nur möglich , auch schon in ihrer äußeren Erscheinung . Imme , der Barbysche Kutscher , ein ebenso martialisch wie gutmütig dreinschauender Mecklenburger , hätte mit seinem angegrauten Sappeurbart ohne weiteres vor eine Gardetruppe treten und den Zug als Tambourmajor eröffnen können , während der Berchtesgadensche , der seine Jugend als Trainer und halber Sportsmann zugebracht hatte , nicht bloß einen englischen Namen führte , sondern auch ein typischer Engländer war , hager , sehnig , kurzgeschoren und glattrasiert . Seine Glotzaugen hatten etwas Stupides ; er war aber trotzdem klug genug und wußte , wenn ' s galt , seinem Vorteil nachzugehen . Das Deutsche machte ihm noch immer Schwierigkeiten , trotzdem er sich aufrichtige Mühe damit gab und sogar das bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied , am meisten dann , wenn er sich die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen sah , ihm mit » well , well , Mister Robinson « oder gar mit einem geheimnisvollen » indeed « zu Hilfe zu kommen . Nur mit dem einen war er einverstanden , daß man ihn » Mister Robinson « nannte . Das ließ er sich gefallen . » Now , Mister Robinson « , sagte Imme , als sie Bock an Bock nebeneinander hielten , » how are you ? I hope quite well . « » Danke , Mister Imme , danke ! Was macht die Frau ? « » Ja , Robinson , da müssen Sie , denk ich , selber nachsehen , und zwar gleich heute , wo die Herrschaften fort sind und erst spät wiederkommen . Noch dazu mit der Stadtbahn . Wenigstens von hier aus , Jannowitzbrücke . Sagen wir also neun ; eher sind sie nicht zurück . Und bis dahin haben wir einen guten Skat . Hartwig als dritter wird schon kommen ; Portiers können immer . Die Frau zieht ebensogut die Tür auf wie er , und weiter is es ja nichts . Also Klocker fünf : ein Nein gilt nicht ; where there is a will , there is a way . Ein bißchen is doch noch hängengeblieben von dear old England . « » Danke , Mister Imme « , sagte Robinson , » danke ! Ja , Skat ist das Beste von all Germany . Komme gern . Skat ist noch besser als Bayrisch . « » Hören Sie , Robinson , ich weiß doch nicht , ob das stimmt . Ich denke mir , so beides zusammen , das ist das Wahre . That ' s it . « Robinson war einverstanden , und da beide weiter nichts auf dem Herzen hatten , so brach man hier ab und schickte sich an , die Rückfahrt in einem mäßig raschen Trab anzutreten , wobei der Berchtesgadensche Kutscher den Weg über Molkenmarkt und Schloßplatz , der Barbysche den auf die Neue Friedrichstraße nahm . Jenseits der Friedrichsbrücke hielt sich dieser dann dicht am Wasser hin und kam so am bequemsten bis an sein Kronprinzenufer . Der Dampfer , gleich nachdem er das Brückenjoch passiert hatte , setzte sich in ein rascheres Tempo , dabei die linke Flußseite haltend , so daß immer nur eine geringe Entfernung zwischen dem Schiff und den sich dicht am Ufer hinziehenden Stadtbahnbögen war . Jeder Bogen schuf den Rahmen für ein dahinter gelegenes Bild , das natürlich die Form einer Lunette hatte . Mauerwerk jeglicher Art , Schuppen , Zäune zogen in buntem Wechsel vorüber , aber in Front aller dieser der Alltäglichkeit und der Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer wieder ein Stück Gartenland , darin ein paar verspätete Malven oder Sonnenblumen blühten . Erst als man die zweitfolgende Brücke passiert hatte , traten die Stadtbahnbögen so weit zurück , daß von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein konnte ; statt ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetzte Wege sichtbar , und wo das Ufer quaiartig abfiel , lagen mit Sand beladene Kähne , große Zillen , aus deren Innerem eine baggerartige Vorrichtung die Kies- und Sandmassen in die dicht am Ufer hin etablierten Kalkgruben schüttete . Es waren dies die Berliner Mörtelwerke , die hier die Herrschaft behaupteten und das Uferbild bestimmten . Unsre Reisenden sprachen wenig , weil unter dem raschen Wechsel der Bilder eine Frage die andre zurückdrängte . Nur als der Dampfer an Treptow vorüber zwischen den kleinen Inseln hinfuhr , die hier mannigfach aus dem Fluß aufwachsen , wandte sich Melusine an Woldemar und sagte : » Lizzi hat mir erzählt , hier zwischen Treptow und Stralau sei auch die Liebesinsel ; da stürben immer die Liebespaare , meist mit einem Zettel in der Hand , drauf alles stünde . Trifft das zu ? « » Ja , Gräfin , soviel ich weiß , trifft es zu . Solche Liebesinseln gibt es übrigens vielfach in unsrer Gegend und kann als Beweis gelten , wie weitverbreitet der Zustand ist , dem abgeholfen werden soll , und wenn ' s auch durch Sterben wäre . « » Das nehm ich Ihnen übel , daß Sie darüber spotten . Und Armgard wird es noch mehr tun , weil sie gefühlvoller ist als ich . Zudem sollten Sie wissen , daß sich so was rächt . « » Ich weiß es . Aber Sie lesen auch durchaus falsch in meiner Seele . Sicher haben Sie mal gehört , daß der , der Furcht hat , zu singen anfängt , und wer nicht singen kann , nun , der witzelt eben . Übrigens , so schön Liebesinsel klingt , der Zauber davon geht wieder verloren , wenn Sie sich den Namen des Ganzen vergegenwärtigen . Die sich so mächtig hier verbreiternde Spreefläche heißt nämlich der Rummelsburger See . « » Freilich nicht hübsch ; das kann ich zugeben . Aber die Stelle selbst ist schön , und Namen bedeuten nichts . « » Wer Melusine heißt , sollte wissen , was Namen bedeuten . « » Ich weiß es leider . Denn es gibt Leute , die sich vor Melusine fürchten . « » Was immer eine Dummheit , aber doch viel mehr noch eine Huldigung ist . « Unter diesem Gespräche waren sie bis über die Breitung der Spree hinausgekommen und fuhren wieder in das schmaler werdende Flußbett ein . An beiden Ufern hörten die Häuserreihen auf , sich in dünnen Zeilen hinzuziehen , Baumgruppen traten in nächster Nähe dafür ein , und weiter landeinwärts wurden aufgeschüttete Bahndämme sichtbar , über die hinweg die Telegraphenstangen ragten und ihre Drähte von Pfahl zu Pfahl spannten . Hie und da , bis ziemlich weit in den Fluß hinein , stand ein Schilfgürtel , aus dessen Dickicht vereinzelte Krickenten aufflogen . » Es ist doch weiter , als ich dachte « , sagte Melusine . » Wir sind ja schon wie in halber Einsamkeit . Und dabei wird es frisch . Ein Glück , daß wir Decken mitgenommen . Denn wir bleiben doch wohl im Freien ? Oder gibt es auch Zimmer da ? Freilich kann ich mir kaum denken , daß wir zu sechs in einem Eierhäuschen Platz haben . « » Ach , Frau Gräfin , ich sehe , Sie rechnen auf etwas extrem Idyllisches und erwarten , wenn wir angelangt sein werden , einen Mischling von Kiosk und Hütte . Da harrt Ihrer aber eine grausame Enttäuschung . Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes Lokal , und wenn uns die Lust anwandelt , so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten . Raum genug ist da . Sehen Sie , das Schiff wendet sich schon , und der rote Bau da , der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar wird , das ist das Eierhäuschen . « » O weh ! Ein Palazzo « , sagte die Baronin und war auf dem Punkt , ihrer Mißstimmung einen Ausdruck zu geben . Aber ehe sie dazu kam , schob sich das Schiff schon an den vorgebauten Anlegesteg , über den hinweg man , einen Uferweg einschlagend , auf das » Eierhäuschen « zuschritt . Dieser Uferweg setzte sich , als man das Gartenlokal endlich erreicht hatte , jenseits desselben noch eine gute Strecke fort , und weil die wundervolle Frische dazu einlud , beschloß man , ehe man sich im » Eierhäuschen « selber niederließ , zuvor noch einen gemeinschaftlichen Spaziergang am Ufer hin zu machen . Immer weiter flußaufwärts . Der Enge des Weges halber ging man zu zweien , vorauf Woldemar mit Melusine , dann die Baronin mit Armgard . Erheblich zurück erst folgten die beiden älteren Herren , die schon auf dem Dampfschiff ein politisches Gespräch angeschnitten hatten . Beide waren liberal , aber der Umstand , daß der Baron ein Bayer und unter katholischen Anschauungen aufgewachsen war , ließ doch beständig Unterschiede hervortreten . » Ich kann Ihnen nicht zustimmen , lieber Graf . Alle Trümpfe heut , und zwar mehr denn je , sind in des Papstes Hand . Rom ist ewig und Italien nicht so fest aufgebaut , als es die Welt glauben machen möchte . Der Quirinal zieht wieder aus , und der Vatikan zieht wieder ein . Und was dann ? « » Nichts , lieber Baron . Auch dann nicht , wenn es wirklich dazu kommen sollte , was , glaub ich , ausgeschlossen ist . « » Sie sagen das so ruhig , und ruhig ist man nur , wenn man sicher ist . Sind Sie ' s ? Und wenn Sie ' s sind , dürfen Sie ' s sein ? Ich wiederhole , die letzten Entscheidungen liegen immer bei dieser Papst- und Romfrage . « » Lagen einmal . Aber damit ist es gründlich vorbei , auch in Italien selbst . Die letzten Entscheidungen , von denen Sie sprechen , liegen heutzutage ganz woanders , und es sind bloß ein paar Ihrer Zeitungen , die nicht müde werden , der Welt das Gegenteil zu versichern . Alles bloße Nachklänge . Das moderne Leben räumt erbarmungslos mit all dem Überkommenen auf . Ob es glückt , ein Nilreich aufzurichten , ob Japan ein England im Stillen Ozean wird , ob China mit seinen vierhundert Millionen aus dem Schlaf aufwacht und , seine Hand erhebend , uns und der Welt zuruft : Hier bin ich , allem vorauf aber , ob sich der vierte Stand etabliert und stabiliert ( denn darauf läuft doch in ihrem vernünftigen Kern die ganze Sache hinaus ) - das alles fällt ganz anders ins Gewicht als die Frage Quirinal oder Vatikan . Es hat sich überlebt . Und anstaunenswert ist nur das eine , daß es überhaupt noch so weitergeht . Das ist der Wunder größtes . « » Und das sagen Sie , der Sie zeitweilig den Dingen so nahegestanden ? « » Weil ich ihnen so nahegestanden . « Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in lebhaftem Gespräch . An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen Horizont stiegen die Fabrikschornsteine von Spindlersfelde vor ihnen auf , und die Rauchfahnen zogen in langsamem Zuge durch die Luft . » Was ist das ? « fragte die Baronin , sich an Woldemar wendend . » Das ist Spindlersfelde . « » Kenn ich nicht . « » Doch vielleicht , gnädigste Frau , wenn Sie hören , daß in eben diesem Spindlersfelde der für die weibliche Welt so wichtige Spindler seine geheimnisvollen Künste treibt . Besser noch seine verschwiegenen . Denn unsre Damen bekennen sich nicht gern dazu . « » So , der ! Ja , dieser unser