ganze Rotte von Kindern armer Leute wurde angenommen , und in wenigen Tagen war die Ernte beendigt . Der Büttnerbauer konnte mit dem Ertrage zufrieden sein . Die Nässe im frühen Sommer hatte das Wachstum des Kräutichs befördert , und die Wärme und Trockenheit des späteren Sommers war der Entwicklung der Knollen zugute gekommen . Die Früchte waren zahlreich , groß und gesund . Ein wahrer Segen für die Armen , deren Hauptnahrung für den Winter gesichert war . Der Keller unter der Büttnerschen Scheune reichte in diesem Jahre nicht annähernd , um die Hackfrüchte sämtlich aufzunehmen . Gustav gab daher seinem Vater den Rat , nur Kraut und Rüben in den Keller zu nehmen und an Kartoffeln so viel , wie man für Haus- und Viehstand im Winter voraussichtlich brauchen würde , das übrige aber auf freiem Felde einzumieten . Der Bauer folgte auch darin dem Rate des Sohnes . Der plötzliche Preissturz , den die Kartoffel gleich darauf erlitt - welcher mit der allgemein gut ausgefallenen Ernte zusammenhing - konnte ihn belehren , daß er recht daran getan habe . Für das Frühjahr durfte man mit Wahrscheinlichkeit auf ein Anziehen des Preises rechnen . Die Herbstbestellung verlief unter günstiger Witterung . Zeitig deckten sich die Felder mit dem zarten Grün des aufkeimenden Winterkorns . Ein milder Spätherbst gestattete es , bis tief in den November hinein zu pflügen . Als die ersten Flocken niedergingen , konnte der Landmann dem mit Ruhe zusehen ; es war Zeit für den Schnee . Die Ernte war geborgen , der Acker vorbereitet für die Frühjahrsbestellung und die Winterung gut aufgegangen . Mit dem Büttnerbauer war eine Wandlung vor sich gegangen in der letzten Zeit . Er war milder geworden und friedfertiger gegen die Seinen . Die wilde Hast hatte aufgehört , mit der er während des Sommers die Arbeiten betrieben hatte . Er ließ Frau und Kindern größere Freiheit , die Weiber durften im Hauswesen wieder schalten . Bis auf das Vieh herab erstreckte sich seine freundliche Stimmung . Die Pferde erhielten wieder das ihnen gebührende Maß Hafer und dankten ihrem Herrn bald dafür durch besseres Aussehen . Sich selbst gönnte der Bauer jetzt auch wieder Schlaf und Nahrung . Die guten Folgen davon bekam zunächst die Bäuerin zu spüren ; er erschreckte sie nachts nicht mehr durch Selbstgespräche und unheimliches Umgehen . In der Kirche war er bald wieder der Aufmerksamsten einer , und der Pastor bekam ein freundlicheres Gesicht zu sehen als den Sommer über . Das waren die segensreichen Folgen von Gustavs Rückkehr ins Vaterhaus . Seit er seinen zweiten Sohn wieder bei sich hatte , schien der Büttnerbauer wie umgetauscht . Dabei ließ er es dem Jungen gar nicht mal merken , wie große Stücke er auf ihn hielt und was sein Rat und seine Hilfe in der Wirtschaft ihm bedeuteten . Über den Kopf wollte er sich den jungen Menschen auch nicht wachsen lassen . Die natürliche Eifersucht des Alters , das sich von der Jugend überflügelt sieht , spielte dem Vater mit . Außerdem war Gustav nicht der Älteste . Karl blieb auch in den geheimsten Gedanken und Plänen des alten Mannes der Anerbe des Hofes . An dem in seiner Gegend und seiner Familie eingebürgerten Gebrauche , dem ältesten Sohne das Gut zu überlassen , hätte er nie und nimmer rütteln mögen . Karl sollte der zukünftige Büttnerbauer sein und bleiben , wenn ihn auch Gustav jetzt häufig wie einen Knecht anstellte und behandelte . Gustav hatte auch die Ordnung der Geldverhältnisse in die Hand genommen . Davon verstand er nur so viel , wie der gesunde Menschenverstand einem lehrt . Denn Erfahrung in dieser Art Dingen zu sammeln , hatte er bei der Truppe kaum Gelegenheit gehabt . Er tat , vom richtigen Naturtrieb geleitet , das Vernünftigste , was bei der Lage seines Vaters getan werden konnte , er zählte zunächst einmal die sämtlichen Schulden zusammen und stellte ihnen gegenüber die Einnahmen auf , die man als sicher erwarten durfte . Dann entwarf er eine Art von Schuldentilgungsplan . Die Weihnachtszinsen hoffte er mit Hilfe des noch unverkauften Hafers zu decken , für den Ostertermin sollten die Kartoffeln bleiben . Wenn Hafer und Kartoffeln nur einigermaßen Preis bekamen , hoffte er auf Überschüsse . Freilich , so viel , wie nötig war , um den Wechsel bei Samuel Harassowitz zu decken , würde auf keinen Fall übrig bleiben . Da mußten eben noch andere Quellen aufgetan werden . Vielleicht ließ sich in diesem Winter etwas mehr aus dem Walde nehmen als sonst . Dann allerdings mußten die letzten Bäume , die dort noch standen , dran glauben . Auch daran dachte er , die zwei Schweine , welche die Bäuerin gewöhnlich um Weihnachten herum schlachtete , die Speck und Schinken für das ganze Jahr hergeben mußten , zu verkaufen , statt sie ins Haus zu schlachten . Sowie die Schweine nicht mehr im Stalle wären , würde ja auch Milch übrig sein , und dann konnte mehr gebuttert werden . Das Stroh , welches von der Kornernte her reichlich vorhanden war , mußte auch in Rechnung gezogen werden . So gab es schließlich eine ganze Anzahl Dinge , die , wenn richtig verwertet , eine Einnahme abwerfen konnten . Bei dieser Aufstellung war allerdings nicht in Rechnung gezogen die gekündigte und in naher Zeit fällige Hypothek von Gustavs Onkel , Kaschelernst . Woher das Geld zur Deckung dieser Forderung beschafft werden sollte , wußte Gustav ebensowenig wie der alte Bauer selbst . Als der junge Mann zum Haferverkauf nach der Stadt gefahren war , hatte er sich dort unter der Hand erkundigt , ob und unter welchen Bedingungen die Hypothek unterzubringen sei . Dabei hatte er sich überzeugen müssen , daß solide Geschäftsleute mit Hypotheken an so gefährdeter Stelle nichts zu tun haben wollten . Von einer Seite zwar wurde ihm das Geld geboten , aber unter so übertriebenen Zinsbedingungen , daß er Halsabschneiderei witterte und von dem Geschäfte absah . Gustav gab sich jedoch dieser Forderung wegen nicht allzu schweren Besorgnissen hin . Er konnte sich nicht denken , daß sein Onkel Ernst machen würde mit dem Ausklagen . Nicht etwa , daß er Kaschelernst eine solche Härte gegen den eigenen Schwager nicht zugetraut hätte ; er kannte den Kretschamwirt nur zu gut . Nein , er glaubte , daß der es nicht wagen würde , den Bauern zum äußersten zu treiben . Er mußte doch am besten wissen , daß bei dem Schwager nichts zu holen war . Klagte er , so kam es zum Zusammenbruch , und Kaschelernst verlor dann seine Hypothek , für die er bisher die Zinsen stets richtig erhalten hatte . Daß der Kretschamwirt daran denken könne , auf Erwerb des Bauerngutes selbst zu spekulieren , nahm Gustav nicht an . Weder Kaschelernst noch der Sohn waren Landwirte , und sein schlauer Onkel würde sich wohl hüten , zu dem , was er schon hatte , sich noch die Last eines größeren Besitzes aufzubürden . Er nahm daher die Kündigung der Kaschelschen Hypothek , die dem alten Bauern so schweres Ärgernis bereitet hatte , gar nicht ernst . Das war wohl nur ein Schreckschuß oder ein schlechter Witz , den sich der schadenfrohe Kretschamwirt zu seinem besonderen Ergötzen gemacht hatte . Gustav ging hin und wieder in den Kretscham , um die Stimmung dort zu ergründen . Der Onkel behandelte ihn stets mit ausgesuchter Zuvorkommenheit . Er lächelte und zwinkerte , sobald er des Neffen ansichtig wurde , in seiner närrischen Weise . Aber aus ihm herauszubekommen war nichts . Sowie Gustav ernsthaft von Geschäften zu sprechen anfing , begann er zu lachen , daß ihm manchmal die wirklichen Tränen aus den Augen liefen ; so verstand er es , die Sache ins Lächerliche zu ziehen und den Neffen hinzuhalten . Wenn nicht die stete Sorge um die Vermögenslage seiner Familie gewesen wäre , hätte Gustav in jener Zeit ein glückliches und gemächliches Leben führen können . Wintersanfang ist eine der ruhigsten Zeiten für den Landmann . Sobald die weiße Decke die Fluren bedeckt , kann er von seinen Werken ausruhen und dem lieben Gott die Sorge um die Saaten überlassen . In dieser Zeit , wo die ganze Natur auszuruhen scheint vom Schaffen und Hervorbringen , wo alle jene treibenden , nährenden , in Saft und Frucht schießenden Triebe gleichsam eingefroren sind , hält auch der Bauer eine Art von Winterschlaf . Mehr als andere ist er ja verwandt mit der Erde , die er bebaut . Er hängt mit ihr zusammen wie das Kind mit der Mutter vor der Trennung . Er empfängt von ihr geheimnisvolle Lebenskräfte , und ihre Wärme ist auch die seine . Ohne Arbeit war freilich auch der Winter nicht . Da gab es Schnee auszuwerfen auf den Wegen . Dann war die Holzarbeit . Der Büttnerbauer machte sich mit Hilfe seiner beiden Söhne daran , die einzelnen übergehaltenen Kiefern und Fichten zu fällen , die gefällten zu Klötzern zu schneiden , die Wipfel und Äste zu Reisighaufen aufzuschichten . Was an verkrüppeltem Holze da war , das nicht zu Nutzzwecken verwertet werden konnte , wurde in den Schuppen gebracht und dort in Scheite gespalten und zu Brennholz zerkleinert . Es gab einen harten Winter . Das Feuer im Kochherde , der gleichzeitig Ofen für die Wohnstube war , durfte nicht ausgehen . Kohlen zu verwenden , betrachtete der Bauer als Verschwendung ; wozu wuchsen denn auch die Bäume im Walde ! So wurde denn tüchtig Holz verkachelt . Zu lüften hütete man sich wohl , damit ja nicht etwas von der kostbaren Wärme entfliehe . Gegen Öffnen durch vermessene Hände waren die Fenster übrigens wohl verwahrt . Im Herbst schon hatte man die Fensterstöcke und -rahmen mit Moos , Laub , Stroh und Nadelzweigen sorgsam versetzt . So war das ganze Haus in einen schützenden Mantel gekleidet , welcher der Winterkälte den Zugang verwehrte , zugleich aber auch die frische Luft ausschloß . Der Tag begann spät , erst gegen sieben Uhr dämmerte es ja , und der Büttnerbauer drückte jetzt ein Auge zu wegen des späteren Aufstehens . Wenn das Vieh um sechs Uhr früh sein erstes Futter hatte , war er zufrieden . Um vier Uhr nachmittags fing der Abend schon an . Lampen wurden nicht gebrannt , der Ersparnis halber , nur Laternen und Unschlittkerzen . Wozu brauchte man auch Helligkeit ! Das Kochen , Aufwaschen und Buttern konnte in den paar Tagesstunden vorgenommen werden . Zum Essen sah man auch im Halbdunkel genug . Gelesen oder geschrieben wurde nicht . Andere Bedürfnisse kannte man kaum . Mit den Hühnern wurde zu Bett gegangen . Man dämmerte so dahin , schläfrig und schweigsam . Therese war die einzige , die manchmal mit ihrem scharfen Mundwerke , das auch im Winter nicht eingefroren zu sein schien , etwas Erregung in dieses dämmerige Dasein brachte . Vor allem an ihrem Gatten zankte sie herum , der meist mit der Tabakspfeife im Munde hinter dem Ofen zu finden war . Karl war im Winter schlimm daran , da konnte er sich der Kälte wegen nicht auf den Heuboden oder ins Freie retten . Die Ofenhölle war nur eine schlechte Zufluchtsstätte vor der Galle seiner Ehehälfte . Gustav wohnte zwar daheim , war aber auch viel in der Behausung der Witwe Katschner zu finden . Für diesen Haushalt mußte er den fehlenden Mann ersetzen . Holzhacken , Wasserholen , all die schweren Arbeiten nahm er auf sich . Pauline hatte für den Winter wieder das Weben aufgenommen . Sie ging mit geheimer Freude an die Arbeit ; sie wußte ja , wem das zugute kam , was sie jetzt webte . So teilte Gustav seine Zeit und seine Kräfte zwischen den beiden Familien . Die Seinigen hatten sich darein gefunden , in Katschners Pauline Gustavs Auserwählte zu erblicken . Trotzdem fand ein Verkehr zwischen den Bauersleuten und dem Mädchen nicht statt . Man fragte nicht danach , wann Hochzeit sein sollte . Das war Sache der beiden ; nicht einmal mit den eigenen Eltern sprach Gustav darüber . * * * Der Büttnerbauer war kein Träumer . Seine Interessen waren der strengen und nüchternen Wirklichkeit zugewandt , und zum Spintisieren und Phantasieren ließ ihm sein angestrengtes Tagewerk keine Zeit übrig . Aber eins steckte tief in seinem Wesen : er lebte viel mit seinen Gedanken in der Vergangenheit , sie war ihm ein steter Begleiter der Gegenwart , der mit beredtem Munde zu ihm sprach . Dieser Hang zum Rückwärtsblicken und Beschauen des Vergangenen wurde in ihm bestärkt durch die Vereinsamung , in der er sich befand . Denn obgleich er eine zahlreiche Familie um sich heranwachsen sah , war dieser Mann doch allein , wollte es sein . Er scheute jede Mitteilung seines Innersten anderen gegenüber , auch wenn sie von seinem Fleisch und Blute waren . Aber mit den Dahingeschiedenen stand er in lebendiger Beziehung . Sein erstaunlich frisches Gedächtnis unterstützte ihn darin . Er vermochte sich Erlebnisse und Personen aus der frühesten Jugend vor die Seele zu stellen , als seien sie gestern gewesen . Aussprüche der Eltern , ja selbst des Großvaters , konnte er mit wörtlicher Treue wiedergeben , obgleich der Alte vor nahezu fünfzig Jahren das Zeitliche gesegnet hatte . Er war imstande , mit untrüglicher Gewißheit anzugeben , an welchem Tage in einem bestimmten Jahre man das erste Heu eingefahren hatte , oder was ihm damals für eine Kuh bezahlt worden war , oder auch , wieviel der Roggen in dem und dem Monate gegolten hatte . Die Vergangenheit bildete aber nicht bloß den vielbetrachteten Hintergrund seines Daseins , sie wirkte geradezu entscheidend auf seine Entschließungen ein . Er war gebunden in seinem Willen an Taten und Absichten seiner Vorfahren . Ohne sich dessen selbst recht bewußt zu werden , ließ er sich leiten von frommer Rücksicht auf Wunsch und Willen jener Entschlafenen , die für ihn eben Gegenwärtige waren . Dabei sprach er fast nie von der Vergangenheit . Das Sprechen , soweit es nicht einem bestimmten praktischen Zwecke diente , erschien ihm überhaupt müßig . Das Reden um der Aussprache willen , die süße Erleichterung des Gemütes durch Mitteilung erachtete er als weibisch . Am ehesten ließ er noch etwas von seinen Gefühlen seinem Sohne Gustav durchblicken , der von der ganzen Familie seinem Herzen am nächsten stand . Das hatte seinen besonderen Grund . Der alte Mann glaubte in diesem Sohne etwas von dem Wesen des eigenen Vaters wieder lebendig werden zu sehen . Die Ähnlichkeit bestand in der Tat zwischen Enkel und Großvater . Aber auch sonst gab es verwandte Züge zwischen den beiden . Wenn der Bauer diesen Sohn auf Feld und Hof schalten und walten sah , mit energischen Befehlen die Geschwister anstellend , überall selbst mit Hand anlegend , voll Eifer und Lust an der Arbeit , dann wurde der alte Mann an den Vater erinnert , der für ihn noch jetzt das Muster eines tüchtigen Wirtes bedeutete . Und so verband sich mit dem Gefühle des Vaterstolzes für den Büttnerbauer die geheime Hoffnung , daß durch diesen Sohn der Familie wieder eingebracht werden möchte , was sie durch schlechte Jahre und Unglücksfälle mancherlei Art in letzter Zeit eingebüßt hatte an Vermögen und Bedeutung . Jetzt im Winter , wo die Arbeit nicht auf die Nägel brannte , war mehr Zeit als sonst , seinen Gedanken nachzuhängen . Was für Erinnerungen wurden da in der Seele des Alten wach ! was für Gestalten standen da vor seinem rückschauenden Blicke auf und gewannen Leben ! - Da war sein Vater : mittelgroß , breitschulterig , bartlos , wie alle Büttners vordem , blondhaarig . Er gedachte des Vaters immer , wie er ihn aus der frühesten Kindheit in Erinnerung hatte , als eines im besten Lebensalter stehenden blühenden Mannes . Was war das für ein Arbeiter gewesen ! Mit einem Finger hatte der den Pflug ausgehoben und umgewendet . Und dabei war er ein Grundgescheiter gewesen . Dem hatte niemand ein X für ein U machen dürfen . Deshalb war es ihm auch gelungen , das Seine zusammenzuhalten und zu mehren . Der Großvater des jetzigen Büttnerbauern hatte diesem Sohne das Gut noch bei Lebzeiten überlassen und sich auf das Altenteil zurückgezogen . Der alte Mann fand sich in der neuen Ordnung der Dinge , welche durch die Bauernbefreiung und die Gemeinheitsteilung in den bäuerlichen Verhältnissen entstanden war , nicht mehr zurecht . Er hatte die Zeiten der Erbuntertänigkeit unter der Gutsherrschaft und die Fronden durchgemacht . Als junger Mensch hatte er drei Jahre lang im Zwangsgesindedienst auf dem Gutshofe gescharwerkt . Später waren von ihm die fälligen Spanndienste für die Herrschaft abgeleistet worden . Er lebte ganz und gar in den Anschauungen der Hörigkeit . Der Hofedienst ging allem anderen voraus . Der Graf , sein gnädiger Herr , konnte ihm sein Gut wegnehmen , wenn er wollte , und einen anderen an seine Stelle setzen , wie es ihm gerade paßte . Der Herr hatte die oberste Polizei- und Strafgewalt und verfügte über Leib und Vermögen seines Untertanen . Das wurde nun mit einem Male alles anders . Der Bauer sollte fortan ein freier Herr sein auf eigenem Grund und Boden . Dabei fiel mit den Pflichten auch der Schutz weg , den die Gutsherrschaft den Untertanen gewährt hatte . Viele Leute , besonders die alten , in der Erbuntertänigkeit groß gewordenen , konnten sich in diese Änderung der Dinge nicht finden . Sie hatten gar kein Bedürfnis nach Freiheit empfunden . Seit Menschengedenken hatten ihre Familien Hofedienste getan , hatten unter Obhut und Leitung des Edelmannes ihr Leben zugebracht ; Selbständigkeit und Freiheit waren für sie Worte ohne Sinn . Sie wollten es nicht anders haben , als ihre Väter es gehabt . Der Gutsherr hatte ihre Kräfte benutzt , hatte sie vielleicht über Gebühr angestrengt , aber er hatte auch für sie gedacht und sie in schlimmen Zeiten geschützt . Das gebot ihm das eigenste Interesse ; sie gehörten ihm ja , waren seine Leute , ohne deren kräftige Hände sein Besitz wertlos war . Nun sollten sie auf einmal für sich selber denken und sorgen . Sie standen auf eigene Füße gestellt , verantwortlich für ihre Taten . Gar manchen fröstelte da in der neugeschenkten Freiheit , und er wünschte sich in das Joch der Hörigkeit zurück . So ging es auch dem alten Büttner . Schwere Zeiten hatte der Mann gesehen . Zweimal waren die Franzosen durch Halbenau gekommen und hatten geplündert . Was sie übrig gelassen , nahmen die Kosaken mit , die als Verbündete kamen , aber ärger hausten als die Feinde . Von dieser Einquartierung sollte man sich noch lange in der Gegend erzählen . Dann kam gleich nach dem Feinde ein furchtbares Notjahr mit Mißernte und Hungersnot im Gefolge . Mancher Bauer verließ in jenen Tagen seinen Hof und ging auf das Rittergut oder in die Stadt , um Anstellung zu finden , da er als eigener Wirt dem sicheren Verhungern entgegensah . Da wurde vielfach lediges Bauernland von der Herrschaft eingezogen . Der damalige Büttnerbauer sah es daher als eine Erleichterung an , als bei der Regulierung ein Dritteil seines Gutes der Herrschaft Saland zugeschlagen wurde . Ja , er hätte sich vielleicht von dem mächtigen Nachbarn , der sich aus einem Beschützer über Nacht in einen Nebenbuhler verwandelt hatte , ganz aus seinem Besitze verdrängen lassen , wenn nicht sein Sohn gewesen wäre . Leberecht Büttner war im Gegensatze zu seinem Vater ein Sohn der neuen Zeit . Er hatte die Freiheitskriege mitgemacht als Grenadier . Zweimal war er in Frankreich gewesen , war mit Erfahrungen und voll Selbstbewußtsein aus der weiten Welt in das Heimatsdorf zurückgekehrt . Zu Hause nahm er sehr bald das Heft in die Hand . Der Vater besaß so viel Vernunft , um einzusehen , daß er nichts Besseres tun könne , als der jüngeren Kraft Platz zu machen ; er ging ins Ausgedinge und lebte noch manches Jahr . Aus alter Gewohnheit nahm er an der Feldarbeit teil und ward eine Art von Tagelöhner bei dem eigenen Sohne . Der jetzige Büttnerbauer konnte sich noch ganz gut auf ihn besinnen . Ein kleines , gebücktes Männchen mit schiefer Nase und rotgeränderten Augen war er gewesen . Sein gelbgraues Haar hatte ihm in langen Strähnen um den Kopf gestanden . Sonntags pflegte er einen blauen Rock zu tragen , der ihm bis an die Knöchel reichte und eine braun- und grüngewürfelte Weste mit blanken Perlmutterknöpfen . Er wußte den Enkeln mit hoher , dünner Greisenstimme schauerliche Geschichten zu erzählen von der Franzosenzeit und der Kosakeneinquartierung . Leberecht Büttner verstand es , die neugewonnene Unabhängigkeit , mit der sein Vater nichts anzufangen gewußt hatte , vortrefflich auszunutzen . Der Aufschwung , den die Landwirtschaft zu Anfang des Jahrhunderts genommen , die Erkenntnis der Bodenpflege , die veränderte Fruchtfolge , die Bekanntschaft mit neuen Kulturgewächsen begann langsam durchzusickern und verdrängte allmählich auch in diesem entlegenen Winkel die veraltete Wirtschaftsweise der Väter . Durch die Aufteilung der Gemeindeweide und die Einschränkung des Viehtreibens und der Streunutzung im Walde wurde der Bauer , selbst wenn er widerwillig war , zu vernünftigerem Wirtschaften gezwungen . An Stelle der Weide trat der Stall , dadurch wurde der bisher verschleppte Mist für die Felddüngung gewonnen . Man mußte Futterkräuter anbauen und mit der Brachenwirtschaft brechen . Hand in Hand damit ging die bessere Wiesenpflege und die Tiefkultur . Leberecht Büttner war der erste Bauer in Halbenau , welcher mit der Dreifelderwirtschaft brach . Er baute eine massive Düngergrube auf seinem Hofe und führte regelmäßige Stallfütterung ein für das Vieh ; trotzdem konnte man ihm nicht vorwerfen , daß er neuerungssüchtig sei . Von dem zäh-konservativen Bauernsinne hatte er sich den besten Teil bewahrt : wohlüberlegtes Maßhalten . Er überstürzte nichts , auch nicht das Gute . Seine Bauernschlauheit riet ihm , zu beobachten und abzuwarten , andere die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen , nichts bei sich einzuführen , was nicht bereits erprobt war , vorsichtig ein Stück hinter der Reihe der Pioniere zu marschieren . Behutsam und mit Vorbedacht ging dieser Neuerer zu Werke . Er begnügte sich mit dem Sperling in der Hand und überließ es anderen , nach der Taube auf dem Dache Jagd zu machen . Dabei war ihm das Glück günstig . Die jahrzehntelang gedrückten Getreidepreise begannen auf einmal zu steigen . Der Absatz erleichterte sich durch die neugefundenen Verkehrsmittel . Von dem ansteigenden Strome wachsender Lebenskraft und gesteigerten Selbstbewußtseins im ganzen Volke wurde auch der kleine Mann emporgetragen . Leberecht Büttner war im rechten Augenblicke geboren , das war sein Glück ; daß er den Augenblick zu nützen verstand , war sein Verdienst . Er durfte zu einer Zeit wirken und schaffen , wo der Landmann , wenn er seinen Beruf verstand , Gold im Acker finden konnte . So arbeitete sich dieser Mann im Laufe der Jahre aus der Verarmung zu einer gewissen Wohlhabenheit empor . Es gelang ihm , einen günstigen Landkauf zu machen , bei welchem er der benachbarten Herrschaft , die ihr Areal nach Möglichkeit durch Auskaufen kleiner Leute zu vermehren trachtete , zuvorzukommen verstand . Durch diesen Ankauf brachte er das Gut auf den nämlichen Umfang , wie es vor der Ablösung gewesen war . Aber während das Bauerngut zur Zeit der Hörigkeit nicht viel besser als eine Wüstenei gewesen war , hatte er es durch Fleiß und Einsicht in eines der bestgepflegtesten Grundstücke weit und breit verwandelt . Leberecht Büttner starb an der Schwelle des Greisenalters eines plötzlichen Todes . Leute , deren ganzes Sinnen und Trachten aufs Schaffen gerichtet ist , denken meist nicht gern ans Sterben . Beim Tode dieses sorgsamen , vorbedachten Mannes fand sich ein letzter Wille nicht . Traugott Büttner , sein ältester Sohn , war in vieler Beziehung nach dem Vater geraten . Vor allen Dingen hatte er dessen Zähigkeit , Tatkraft und Emsigkeit geerbt . Aber das Geschick solcher Söhne , welche eigenartige Väter haben , traf auch ihn : durch die ausgeprägte Persönlichkeit des Vaters hatte die des Sohnes gelitten . Jener hatte sich voll ausgelebt und im Egoismus der starken Natur nie daran gedacht , daß in dem Schatten , welchen er verbreite , ein kräftiges Gedeihen für den Nachwuchs nicht möglich sei . Er war in seinem Bereiche alles in allem gewesen . Seine Umgebung hatte sich daran gewöhnt , bei allen wichtigen Entscheidungen auf den Vater zu blicken , ihn denken und sorgen zu lassen . Leberecht führte das Regiment im Hause , zunächst über den eigenen Vater , der freiwillig vor ihm zurückgetreten war , später über die Söhne , auch nachdem sie längst zu Jahren gekommen . Unter solchem Drucke hatte sich Traugotts Charakter nicht frei und nicht glücklich entwickelt . Er hatte von den Tugenden seines Vaters die Fehler . Was bei Leberecht Vorsicht war , erschien bei Traugott als Mißtrauen ; während jener sparsam war und haushälterisch , war dieser zum Geize geneigt und kleinlich . Der konservative Sinn des Alten war bei dem Sohne in Engigkeit , die Energie in Trotz und Eigensinn ausgeartet . Und eines war vom Vater auf den Sohn nicht übergegangen : das Glück . Leberecht Büttner war ein echtes Glückskind gewesen . Er trat als junger Mensch zur rechten Zeit auf den Schauplatz , um das väterliche Gut vor Annexion durch Fremde zu retten , er kam als reifer Mann in Zeiten , wo Tatkraft und Fleiß nicht umsonst vergeudet wurden . Sein Sohn war in anderer Zeit und in veränderter Lage geboren . Er übernahm zwar ein großes Anwesen im besten Stande , aber unter erschwerten Bedingungen . Die Vermögenslage , in welche Traugott Büttner durch die Erbauseinandersetzung mit seinen Geschwistern gekommen , trug den Keim einer großen Gefahr in sich . Alles kam jetzt auf den neuen Wirt an und auf sein Glück . Es kamen schwere Zeiten , denen er sich nicht gewachsen zeigte . Fallende Getreidepreise , sinkende Grundrente , dazu steigende Löhne und wachsende Ausgaben . Ein schnelleres Getriebe im Geschäftsleben und erschwerte Kreditbedingungen . Alles verwickelte und verschob sich . Mit dem schlichten Verstande allein kam man da nicht mehr durch . Die Ansprüche waren gesteigert auf allen Gebieten . Die alte Wirtschaftsweise , wo man seine Erzeugnisse auf den Markt brachte , mit dem Erlös die Zinsen und Abgaben deckte , und was übrig blieb , mit seiner Familie verzehrte ; diese einfache Art , aus der Hand in den Mund zu leben , war gänzlich aus der Mode gekommen . Der neumodische Bauer hielt sich womöglich Zeitungen , las Bücher über Landwirtschaft , studierte die Börsenkurse und die Wetterberichte . Solche Leute nannten sich dann freilich auch nicht mehr Bauern , sondern » Ökonomen « , und ließen ihre Söhne freiwillig dienen . Traugott Büttner hielt am Alten fest , wie es sein Vater bis zu gewissem Grade auch getan hatte . Leberecht Büttner aber hatte sich dem , was gut und nützlich im Neuen war , nie verschlossen , und das tat Traugott . Er verstand seine Zeit nicht , wollte sie nicht verstehen . Er haßte jede Neuerung von Grund der Seele und brachte es darum niemals zu einer Verbesserung . Er glaubte , die neue Zeit mit Verachtung zu strafen und merkte nicht , daß sie achtlos über ihn hinwegschritt und ihm den Rücken wandte . Mürrisch hatte er sich auf sich selbst zurückgezogen , zehrte von seinem Trotze und lebte ein glückliches Leben nur in der Erinnerung an die » gute alte Zeit « die doch ihrerzeit auch mal neu gewesen war . Manchmal freilich sah er sich doch gezwungen , in das Licht , von dem er sich grollend abgewandt hatte , zu blicken . Um so schmerzhafter blendete ihn dann die grelle Tageshelle der Wirklichkeit . Dann fuhr er auf aus seiner weltentfremdeten Zurückgezogenheit und beging in heftiger Übereilung verhängnisvolle Irrtümer . Sah er dann durch den Erfolg seines Tuns , daß er verfehlt gehandelt hatte , so versteifte er sich gegen besseres Wissen auf sein gutes Recht . Aber im Innern war ihm nicht wohl dabei zumute , und leicht focht ihn dann Unsicherheit und Verzagen an . Denn wenn er auch nach außen hin nicht um eines Haares Breite nachgab und lieber einen Finger eingebüßt hätte , als ein Zugeständnis zu machen , so stand er doch vor dem Richter in der eigenen Brust häufig als ein Fehlender da . Reue und Zerknirschung war es nicht , was er da empfand . Zum Beugen war sein Bauernnacken zu steif . Weder vor Menschen noch vor Gott liebte er es , sich als Sünder hinzustellen . Des Büttnerbauern Christentum war ein eigenartig Gemächte , das vor den Augen orthodoxer Theologen wohl als eine Art von Heidentum befunden worden wäre . Sein Verhältnis zu Gott bestand in einem nüchternen Vertrage , der auf Nützlichkeit gegründet war . Der himmlische Vater hatte nach Ansicht des Bauern für gute Ordnung in der Welt , für regelmäßige Wiederkehr der Jahreszeiten , gut Wetter und Gedeihen der Feldfrüchte zu sorgen . Kirchgang , Abendmahl , Kollekte , Gebet und Gesang , das waren Opfer , die der Mensch Gott darbrachte , ihn günstig zu stimmen . War das Wetter andauernd schlecht oder die Ernte war mißraten , dann grollte der Bauer seinem Schöpfer , bis wieder bessere Zeit kam . Von der Buße hielt er nicht viel . Um das Fortleben nach dem Tode kümmerte er sich wenig , sein Denken und Sorgen war ganz auf das Diesseits gerichtet . Was der Herr Pastor sonst noch sagte : von der Aneignung der göttlichen Gnade , dem stellvertretenden Opfertode Christi und der Wiedergeburt im Geiste , das hörte er sich wohl mit an , aber es lief an seinem Gewissen ab , ohne Eindruck zu hinterlassen . Dergleichen war ihm viel zu weit hergeholt und verwickelt . Das hatten sich wahrscheinlich die Gelehrten ausgedacht