Gundi ist ungemein peinlich in allem , was Form heißt . Und wenn Sie oft und lange hier malen wollen , müssen wir sie bei guter Laune erhalten . Nicht wahr , das begreifen Sie doch ? « » Aber natürlich ! « stammelte Forbeck , erleichtert aufatmend ; und als er im gleichen Augenblick Fräulein von Kleesberg auf der Veranda erscheinen sah , eilte er ihr entgegen und küßte ihre runde , rote Hand mit feierlicher Huldigung . Tante Gundi schien verwirrt und glücklich ; dabei war sie auch neugierig ; durch Tassilo hatte sie bereits von den erstaunlichen Fortschritten des Bildes gehört . Forbeck holte die Leinwand und stellte sie auf den Stufen der Veranda in gutes Licht . Fräulein von Kleesberg brach in laute Bewunderung aus , und Kitty stand schweigend , die großen Augen bald auf das Bild , bald auf den jungen Künstler gerichtet . Um ihre Kunstkennerschaft war es mager bestellt . Dennoch empfand sie das Ursprüngliche und Hinreißende der jungen Kraft , die aus diesem Wirbel leuchtender Farben , aus diesem Durcheinanderstürmen kühner Linien redete . Zögernd deutete sie auf ein in der Mitte des Bildes angedeutetes Figurenpaar . » Das soll ich und unser Franzl werden ? « Langsam blickte sie zu Forbeck auf , der schweigend nickte . Da legte sich die Hand auf seinen Arm . » Kommen Sie , wir wollen gleich anfangen . « Tassilo erschien , und nun wanderten sie miteinander durch den Park , damit Forbeck für die Sitzung im Freien einen Platz mit geeigneter Beleuchtung wählen könnte . Neben einem der Kieswege fand sich ein kleiner Rasenfleck , von Buchen und Linden umstanden , der grüne Grund überwebt von Lichtern und Schatten . Hier wurde die Staffelei aufgestellt und für Tante Gundi eine Gartenbank herbeigetragen . Einige Schwierigkeit bereitete es , für Kitty einen etwas erhöheren Sitz zu errichten , auf dem sie ohne Unbequemlichkeit die für das Bild nötige Stellung einzunehmen vermochte . Auch dafür wurde Rat geschaffen ; Tassilo brachte den großen Lehnstuhl aus der Kruckenstube in Vorschlag , dessen Seitenstütze den tragenden Arm ersetzen sollte . Als Kitty ihr Plätzchen eingenommen hatte , kehrte Tassilo zu seiner Arbeit zurück , und die Sitzung begann . Mit scheuer Achtsamkeit ordnete Forbeck an Kittys Kleid die Falten , dann trat er vor die im Schatten einer Linde stehende Leinwand , während Tante Gundi ihren Heyse aufschlug . Aber der Dichter kam bei ihr nicht zu seinem Rechte . Immer wieder sah sie über das Buch , hing prüfend an den ihr halb zugewendeten Zügen des jungen Künstlers , verlor sich in Gedanken , erwachte und versuchte wieder zu lesen . Ein leises Flüstern ging durch das dem Welken schon nahe Laub der Bäume , vom Schlosse ließ sich gedämpft das Plätschern der Fontäne hören , und durch die sanft atmende Sommerstille klang manchmal von der Ulmenallee der harte Schrei eines Adlers . Kitty schwieg . Auch Forbeck sprach nur selten ein paar Worte , wenn er eine kleine Änderung in der Haltung wünschte , oder fragte , ob Kitty ermüdet wäre . Lächelnd schüttelte sie immer das Köpfchen . Sie hatte die Wange auf der Lehne des Sessels liegen , so daß ihre Augen gerade auf Forbeck gerichtet waren . Mit wachsendem Interesse beobachtete sie jede seiner Bewegungen , wenn er von der Leinwand zurücktrat , um die Arbeit zu prüfen , und dann wieder näher trat und die flink schaffende Hand erhob . Er schien bei der Arbeit ein anderer zu sein als sonst ; alles Verlegene , Unsichere war von ihm abgestreift , ruhige Sicherheit lag in seinem ganzen Wesen , und sein schmales , streng geschnittenes Gesicht war verschönt . Und wenn er den Blick hob , um zu schauen , war etwas Strahlendes in seinen dunklen Augen . Je häufiger Kitty diesem trinkenden Künstlerblick begegnete , desto heißer wurden ihre Wangen . Wohl begann auf die Dauer ihr Körper zu ermüden . Dennoch wurde sie fast unwillig , als Tante Gundi endlich die Sitzung unterbrach , um für Kitty ein paar Minuten Erholung zu erwirken . Man machte einen Schlendergang durch den Park und blieb in der Ulmenallee vor dem Adlerkäfig stehen . Kitty erzählte , wie ihr Vater einen dieser Vögel unter Flügelschlägen und Klauenhieben des den Horst verteidigenden Weibchens aus dem Nest herunterholte - und dabei merkte sie , daß Forbeck nicht zuhörte , obwohl sein Blick immer an ihren Lippen , an ihren Augen hing . » Sie sind wohl schon wieder bei Ihrem Bild ? « fragte sie lächelnd , mitten in der Erzählung abbrechend . » Kommen Sie ! Ich habe schon genug geruht . « Wieder vergingen zwei stille Stunden , und die Sitzung wurde erst abgebrochen , als auf dem Dach des Schlosses die Mittagsglocke läutete . » Ich darf Sie doch bitten , mit uns zu speisen ? « sagte Tante Gundi . Und Kitty fiel ein : » Natürlich , Sie müssen bleiben . « Forbeck wurde verlegen . Seine Hand war nicht müde , er wollte die gute Stimmung und den Rest des Tages benützen , um auch mit den anderen Partien des Bildes vorwärtszukommen . Das brachte er stockend vor . Kitty schmollte . Es hatte sich auch verdrossen , daß er sie nach Schluß der Sitzung keinen Blick auf die Leinwand werfen ließ . » Sie sollen das Halbe nicht sehen ! « hatte er gesagt . Um so gnädiger wurde Forbeck von Tante Gundi entlassen , und als er mit Moser in der Ulmenallee verschwand , sagte sie : » Das gefällt mir . Ein Mensch mit guter Kinderstube . Er hat von Aufdringlichkeit keine Spur an sich . Und wie er an seiner Arbeit hängt ! Ich sage dir , Kind , aus diesem jungen Menschen wird noch was , gib acht , was Großes ! Er sieht nicht umsonst - « Was sie weiter noch sagen wollte , verschwieg sie und streifte Kitty mit ängstlichem Blick . Schon in der Alle hatte Forbeck einen so stürmischen Schritt angeschlagen , daß Moser sich nur mühsam an seiner Seite zu halten vermochte . Als sie das Brucknerhaus erreichten und Mali den Farbenkasten und die Staffelei übernahm , um sie über die Treppe hinaufzutragen , wischte sich der Alte den Schweiß vom Gesicht und brummte : » Der hat aber an guten Schritt ! Sakra ! Hinter dem möcht ich net als Büchsenspanner auf die Berg umanand steigen ! « Aber seine Erschöpfung schien jäh verschwunden , als er draußen auf der Straße das » feine Lieserl « vorübergehen sah . » He ! Schatzerl ! « rief er und humpelte hastig zum Gatter . » Wart a bißl auf dein alten Spezi ! « Lachend verhielt das Mädel den Schritt . » Wo brennt ' s denn ? Hast was Neus ? « » Natürlich ! Mei ' alte Lieb ! Die is allweil wieder neu , so oft ich dich anschau ! « » Geh , du alter Narrenseppl ! « Moser hängte sich vertraulich in den Arm des Mädels ein und kicherte : » Lieserl ! Jetzt kommen unsere jungen Grafen bald . « » Alle zwei ? « huschte es mit flinker Frage von den roten Lippen . » Alle zwei ? Wart , wart , wart ! Du bist mir aber eine ! « Moser kniff mit Behagen in den runden Arm . » Wenn der Herr Graf Robert allein kommen möcht , mir scheint , dös tät dir net völlig taugen ? Was ? « Wieder rührte er die Finger , und diesmal so derb , daß Lieserl kreischte . » Au ! Du verfluchter Kerl ! Hör doch auf mit deiner Zwickerei ! « Es gelang dem Alten schwer , die Zürnende zu versöhnen . Schließlich lachte sie aber doch wieder zu seinen Späßen . Und als sie das Haus ihres Vaters erreichte , schieden die beiden als gute Freunde . So aufgeputzt wie Lieserl , so schmuck und propre war das Haus , das sie ihre Heimat nannte . In einem wohlgepflegten Gärtchen lag es einsam an der nach Schloß Hubertus führenden Straße . Rings um den Zaun dehnten sich die Wiesen , jenseits der Straße rauschte in tiefer Schlucht der Seebach , und drüben begann der gegen die Berge ansteigende Wald . Die Hauswand , die von der Tür durchbrochen war , schimmerte in weißem Anstrich , während die Giebelseite bis unter das Dach hinauf von dichtem Weinspalier überwachsen war , aus dem die kleinen Fenster hervorlugten wie Augen aus einem bärtigen Gesicht . Zwischen dem wirren Blätterwerk ein rotes Schild mit der verblaßten Inschrift : » Sebastian Zauner , Sattlermeister und Tapezierer . « Zu ebener Erde der Flur mit der schmalen , steilen Treppe , die Küche , das Wohnzimmer und die kleine Werkstätte , im oberen Stock die beiden Schlafstuben und eine Lederkammer . Als Lieserl in den Flur trat , verzog sie das Näschen . Der scharfe Beizgeruch , der alle Räume erfüllte , war ihr ein Greuel . Um ihn nicht auch am eigenen Körper zu spüren , hatte sie gelernt , sich mit allen möglichen Wohlgerüchen , mit Rosen- , Nelken- und Veilchengeist zu parfümieren ; auf dem Fensterbrett ihrer Schlafkammer standen die Gläser , in denen die Blüten mit verdünntem Spiritus der » Sonnendestallazion « ausgesetzt waren . Die Wohnstube , die das Lieserl betrat , verriet in ihrer ganzen Ausstattung , daß der Zaunerwastl neben seinem Handwerk auch freie Künste trieb . Spiegel , Geschirr , Nähmaschine und Schwarzwälderuhr ausgenommen , war alles zwischen diesen Wänden ein Werk von Wastls Händen , sogar der » altdeutsche « Kachelofen . Natürlich war die Stube » tapeziert « und hatte statt der üblichen Wandbank und den dreibeinigen Stühlen hochgepolsterte Möbel von unterschiedlicher Stilart . Neben der Tür stand ein geschnitzter Schrank . An der Wand hing eine Gitarre und eine Violine zwischen geschnitzten Photographierähmchen und ausgestopften Vögeln auf Postamenten aus Laubsägearbeit . In jedem der beiden Fenster hingen vier Vogelkäfige , der eine wie ein Schloß geformt , der andere wie eine Sennhütte , der nächste wie ein Schweizerhaus . In diesen Käfigen befanden sich die merkwürdigsten Maschinerien , Treträder , Schaukeltreppen , Flaschenzüge , mit denen die Vögel schwierige Kunststücke ausführen mußten , wenn sie zu Trank und Futter gelangen wollten . Auf der Plattform des Kachelofens stand ein Spielwerk neben dem anderen : die Schlange am Kreuz , der Schmied beim Amboß , der Scherenschleifer mit seinem Stein , der Kapuziner auf der Kanzel . Jetzt im Sommer standen diese Spielwerke still ; aber im Winter , wenn vom geheizten Ofen die Wärme in die Höhe strömte , dann ringelte sich die Schlange um das Kreuz , der Schmied hämmerte , der Scherenschleifer drehte den Stein , und der Kapuziner schlug mit den Fäusten auf die Kanzel wie bei der Osterpredigt . Inmitten der schreienden Unruhe dieser Stube saß die Zaunerin am Tisch , massig in die Breite gewachsen , das einzig Feste in diesem Raum , behaglich ihren Kaffee verschluckend . » Grüß Gott , Mutter ! « Die Zaunerin nickte , und ihre fettumpolsterten Äuglein hingen mit zärtlichem Wohlgefallen an dem Mädel , das zum Tisch trat und neugierig den Deckel der Kaffeekanne hob . » Komm , Herzerl , setz dich her , ich schenk dir gleich ein . « Lieserl zog einen Lehnstuhl zum Tisch . » Hast du die Stadtleut antroffen ? Hast die Hemden abgliefert ? Bist gleich zahlt worden ? « » Alles in Ordnung . Es is leider bloß d ' Frau daheim gwesen . Die handelt allweil . Statt vierzehn Mark hat s ' mir bloß zwölfe geben . Wenn ich mit ' n Herrn hätt reden können , hätt ich achtzehn oder zwanzig kriegt . « Das Lieserl lachte . » Mit die Herrn versteh ich mich aufs Reden . « » Ja , Schatzerl , halt dich nur an d ' Mannsbilder , dös tragt allweil mehr ! « Die Zaunerin gab einen Zuckerbrocken , wie ein Kinderfäustchen so groß , in Lieserls Schale . » Aber lang bist ausblieben . « » Ja , der Pointner-Andreas , was sagst , der hat mir den Weg wieder abpaßt und hat Augen gmacht wie a gstochener Gockel ! Ich sag dir ' s , Mutter , wann so a Trumm Bauernlackel verliebt wird , dös is zum Lachen ! « » Bist aber doch freundlich gwesen ? « » Ordentlich abfahren hab ich ihn lassen ! « » Aber Herzerl ! « Die Zaunerin schüttelte mißbilligend den grauen Kopf . » Der Andres is freilich a Trumm . Aber der einzige Sohn , und der Vater hat ' s schönste Anwesen im Ort . « Lieserl leerte die Tasse . » Mutter ! Für so an gscherten Bauernlümmel bin ich mir z ' gut ! « » Stimmt , Herzerl ! Du bist für was Bessers geboren . Aber man weiß net , wie ' s geht in der Welt . Drum sollst dir den Andres warm halten für den Fall , Gott bhüt , daß nix Bessers kommt . « Lieserl lachte . » Wird schon kommen . Wer weiß , vielleicht recht bald . Und was viel Bessers ! « Das war so geheimnisvoll gesprochen , daß die Zaunerin neugierig wurde . » So red doch , Herzerl ! Deiner Mutter kannst dich anvertrauen ! « » Na ! « Lieserl trat vor den Spiegel und zupfte an dem roten Seidenband , das um ihre Halskrause geschlungen war . » Wenn ' s einmal Zeit is zum Reden , wird d ' Mutter Augen machen ! « Die Zaunerin brannte vor Neugier ; doch sie hörte vor dem Haus einen schweren Schritt . » Der Vater ! « Flink trug sie das Kaffeegeschirr hinter den Ofen , während Lieserl sich an die Nähmaschine setzte . Die Tür wurde aufgestoßen , und Meister Zauner trat in die Stube , eine nicht allzu behäbige Gestalt , mit einem gescheiten und gutmütigen Gesicht , das aber jetzt auf übel Wetter zeigte . Ein paar Jährlein mochte er schon über die Fünfzig haben . Die klobigen Daumen und die von der Lederbeize violett gefärbten Fingerspitzen verrieten sein Handwerk . Im übrigen eine Figur , so ähnlich , wie auf kleinen Theatern der verkommene Künstler geschildert wird : mit karierter Tuchhose , in blusenartigem Janker , eine langgedröselte Seidenbinde um den Hemdkragen und mit einem breitkrempigen Filzhut , der noch schwarz zu nennen war , aber schon in alle Farben hinüberschillerte . Bei Meister Zauner war dieses Äußere ein Widerspruch zum inneren Menschen . Trotz der Genialität , mit der er fast ein Dutzend brotloser Künste betrieb , war er ein tüchtiger , fleißiger Handwerker , ein braver Kerl , der nur den einen Kardinalfehler hatte , daß er mehr als zulässig unter dem Pantoffel stand - nicht unter dem schweren Schlappschuh seiner Frau , sondern unter dem kleinen Pantöffelchen seiner einzigen Tochter . Zuweilen suchte er gegen diese niedliche Macht anzukämpfen . Auch jetzt ließ er deutlich merken , daß die Kanone seines Zornes schwer geladen und auf Lieserl gerichtet war . Mutter und Tochter tauschten den verständnisvollen Blick der zu Schutz und Trutz Alliierten . » Grüß Gott , Herr Vater ! « sagte Lieserl und setzte die Nähmaschine in Gang , deren hurtiges Geklapper das wirre Gezwitscher der Vögel übertönte . Meister Zauner warf seiner zwar nicht besseren , aber unleugbar gewichtigeren Ehehälfte einen wütenden Blick zu und schleuderte seinen Hut auf das Fenstergesims , daß die vier Vögel dieser Nische erschreckt in alle Winkel ihrer Käfige flatterten und sämtliche Maschinen in Bewegung setzten . Dann ging er auf den leeren Tisch zu . Als säße der Gegenstand seines Zornes hier vor ihm , so bohrte er den gestreckten Zeigefinger gegen die Platte und schrie : » Ich sag ' s zum letztenmal . Wenn die Gschicht net bald an End nimmt , gibt ' s an ordentlichen Spitakel ! Ich bin a guter Kerl . Jung sein und lustig , dös laß ich mir gfallen . Aber was ich alles hören muß , is nimmer schön ! Wenn ich schon glauben will , daß d ' Hälft davon erlogen is - es muß mir vor der andern Hälft noch grausen . Wie steh ich denn da , wenn so was ins Schloß eini tragen wird ? Ich müßt vor der gnädigen Herrschaft in Boden versinken vor lauter Schand ! Da schieb ich an Riegel für ! Die Gschichten hören auf ! Oder es gibt an Spitakl ! Himmelherrgottsakrament ! « Meister Zauner schlug die Faust auf die Tischplatte , trat zum Fenster , legte die Hände hinter den Rücken und starrte auf die Straße hinaus . Lieserl hatte die Nähmaschine gestellt , und Stille war in der Stube . Nur einer der Vögel wagte ein schüchternes Gezwitscher . Kopfschüttelnd blickte das Mädel auf die Mutter . » Was hat denn der Herr Vater ? « » Was weiß denn ich ? « seufzte die Zaunerin auf der Ofenbank . Lieserl erhob sich . » Aber Herr Vater ? Was is denn ? « » Du wirst schon wissen , was los is ! « schrie Meister Zauner , ohne das Gesicht zu wenden . » Ich ? « fragte das Mädel staunend . » Der Herr Vater hat doch net am End mich gmeint ? Da müßt ich aber bitten - « Gereizt fuhr Wastl Zauner auf die Tochter zu und hob ihr die Faust vor das nette Näschen . » Lieserl , tu dich net föppeln mit mir ! « » Jesses Maria ! « kreischte die Meisterin und schlug die Hände über dem Kopf zusammen . » Wie kann sich denn a Mensch so aufführen gegen sein einzigs Kind ! « » Du sei still , gelt ! Du bist schuld an allem . Mit deiner ewigen Schöntuerei ! Da muß sich ' s Madl freilich was einbilden und muß glauben , sie kann treiben , was ihr taugt ! Du bist schuld , ja , du , wenn sich ' s Madl auf d ' leichte Seiten legt und unsern guten Nam in alle Mäuler bringt ! « » Jetzt sag ich dir aber , Wastl - « » Sei stad , Mutter ! « Lieserl stellte sich kampfbereit zwischen Vater und Mutter . » Jetzt muß ich selber fragen , was der Herr Vater eigentlich haben will von mir ? « » So ? « schrie Meister Zauner in die Stubenecke . » Was is denn nachher dös schon wieder mit dem jungen Stadtherrn , der im Seehof loschiert ? « » Mit wem ? « Lieserl zog die Brauen in die Höhe . » Ich weiß ja gar net , wen der Herr Vater meint ? « » So ? Was hast denn mit ihm am Berg droben gmacht ? « » Ich ? Am Berg droben ? Bsinnt sich der Herr Vater auf gar nix mehr ? Wer hat denn gsagt : Schau , Lieserl , vierzehn Tag bist bei der Arbeit gsessen , schnauf dich a bißl aus ! « » No ja , es is ja alles recht ! Aber muß man die sanitäre Rekerazion zu solchene Sachen benützen ? « » Solchene Sachen ? Was kann ich denn dafür , daß mir der junge Springer nachgstiegen is ? « » Was kann denn ' s Madl dafür ? « fiel die Zaunerin ein . » Sie hat halt ' s Gfrett mit die Mannsbilder . Hättst ihr an anders Gsicht verschafft . Wenn einer ' s Madl anschaut , gfallt ' s ihm halt . « Meister Zauner warf einen halb wütenden , halb scheuen Blick auf das appetitliche Figürchen seiner Tochter . Das Argument seines Weibes schien ihm einzuleuchten , und er brummte ein paar unverständliche Worte . » Und weil wir grad schon reden , « dozierte die Zaunerin , » für was is denn a Madl auf der Welt ? Die guten Heiraten tragt man heutigentags nimmer in der Butten umanand . Da muß sich a Madl umschauen . Wenn ' s dir nachging , könnt ' s Lieserl hinterm Ofen hocken und sitzenbleiben ! « » Sitzenbleiben ! « grollte Meister Zauner . » Deswegen braucht s ' net alle Tag a Gspusi anfangen , daß d ' Leut rebellisch werden . Und wenn ' s ihr ums Heiraten is - der Pointner-Andres nimmt ' s Madl auf der Stell ! « Lachend drückte Lieserl den Kopf in den Nacken und setzte sich zur Nähmaschine . Als Meister Zauner den Rücken seiner Tochter sah , wuchs ihm wieder der Zorn . Hinter Lieserls Stuhl mit dem Finger drohend , überschrie er das Geklapper der Maschine . » Du ! Lachen tust mir net über ' n Andres ! Dös is kein Mensch , mit dem man seine Spassetteln macht ! Jede andre wär in d ' Haut eini froh , wenn s ' den Andres kriegen könnt . « » Wenn ihn s ' Lieserl aber net mag ! « fuhr die Zaunerin dazwischen . » Net mögen ! An Anwesen , wie der Pointnerhof , der seine hunderttausend Markln wert is ? So was soll man net mögen ? Meinst net , es wär gscheiter , wenn dei ' Tochter die Bäuerin auf der Point droben heißt , als wenn d ' Leut von ihr sagen : ' s feine Lieserl ? Himmelkreuzteufel noch amal ! Da könnt einer aus der Haut fahren ! « Meister Zauner stapfte in seine Werkstatt hinaus und schmetterte hinter sich die Tür zu , daß unter den Tapeten der Mörtel bröselte . » Fein benimmt sich der Herr Vater ! « sprach Lieserl lächelnd auf den Hemdärmel nieder , den sie durch die Maschine gleiten ließ . Die Zaunerin beugte sich über die Schulter ihres hübschen Kindes und flüsterte mit Vorsicht : » Was den Andres betrifft , hat er net so unrecht , weißt . « » Jetzt erst recht net ! Grad mit Fleiß ! Jetzt leg ich alles drauf an , daß mir meine heimlichen Gedanken nausgehn ! Glück hab ich noch allweil ghabt . Und kommt ' s , wie ich denk - da wird ' s erst recht was z ' reden geben im Ort ! Da freu ich mich drauf ! « Unter vergnügtem Kichern beugte sich Lieserl über die Arbeit . Das Mutterherz der Zaunerin fieberte vor Neugier . » Schatzerl , wie kannst denn so zruckhalterisch sein vor der Mutter ! Hast doch kei ' bessere Freundin im Leben ! Geh , sag mir , was los is ? « Lieserl schüttelte das Köpfl , ließ die Maschine klappern und gab keine weitere Audienz . 12 Am folgenden Morgen mußte Tassilo , um Forbecks Geräte nach Schloß Hubertus bringen zu lassen , seinen Diener schicken , weil der alte Moser über Hals und Kopf zu schaffen hatte . Es war eine neue Wildsendung von der Jagdhütte eingetroffen - vier Gemsböcke und drei Kapitalhirsche - und da mußte Moser die Geweihe von den Schädeln sägen und die Verfrachtung des Wildbrets überwachen . Das war eine Arbeit , die den Alten noch heiterer stimmte als eine Begegnung mit dem » feinen Lieserl « . Laut rumorte er im Zwirchgewölbe umher , sang ein Schnaderhüpfl um das andere und hielt lachende Ansprachen an das tote Wild . Seine Stimme klang bis zu dem von Licht und Schatten überzitterten Rasen , auf welchem Kitty ihr Plätzchen wieder eingenommen hatte und Forbeck vor der Leinwand stand , während Tante Gundi mit dem Buch auf der Bank saß . Schon ein paarmal hatte Fräulein von Kleesberg unwillig nach der Richtung geblickt , in der das Wirtschaftsgebäude lag - sie fürchtete , daß die konfuse Dudelei des Alten den Künstler stören könnte . Doch Forbeck schien kein Ohr zu haben und war nur Auge für Kitty und sein Bild ; es hatte sogar den Anschein , als käme das letztere bei dieser Teilung zu kurz , denn je häufiger er die Blicke von der Leinwand hob , desto länger hafteten sie an dem holden Bild des Lebens ; manchmal , tief atmend , schüttelte er den Kopf , als vertrüge vor seinem eigenen Urteil das künstlerische Abbild , an dem er schaffte , nicht den Vergleich mit der schönen Wirklichkeit . Kitty , die still und geduldig wie ein Mäuschen saß , gewahrte die Unruhe , die ihn befiel , und als er wieder einmal den Rücken der Hand an die glühende Stirn preßte , fragte sie leise : » Herr Forbeck - ? « Tante Gundi ließ das Buch sinken . Da knirschten Schritte auf dem Kiesweg . Der alte Moser erschien : hemdärmelig , die nackten Arme bis über die Ellbogen mit Blut besudelt , ein paar rote Fingerstriche im lachenden Gesicht und in den Händen das frisch abgesägte Geweih eines Zwölfenders . » Ich bitt , meine lieben Herrschaften , so was muß man anschauen ! « rief er und hob das Geweih . » So an Hirsch hat der Herr Graf schon lang nimmer gschossen . Dös is einer , der noch aus meiner Zeit übrigblieben is ! « Tante Gundi schalt : » Aber Moser ! Sind Sie verrückt ? Wie können Sie sich einfallen lassen , in solchem Aufzug vor Damen zu erscheinen ! Wie ein Mörder ! Gehen Sie mir aus den Augen ! Flink ! « » Jesus Maria ! « brummte der Alte erschrocken und wandte sich zur Flucht . Hinter den Büschen blieb er kopfschüttelnd stehen . » Und da gibt ' s Menschen auf der Welt , die für so a Gweih kein Sinn haben ! Man sollt ' s net glauben ! Natürlich , Frauenzimmer ! Da fehlt ' s weit ! « Gundi von Kleesberg vermochte sich lange nicht zu beruhigen . Der » gräßliche Anblick « war ihr auf die Nerven gegangen ; und was aus ihrem Ärger herausredete , war nichts weniger als ein Lobgesang auf die Jagd . Graf Egge wäre dabei übel weggekommen , hätte nicht Kitty gemahnt : » Aber ! Tante Gundi ! « Von den dreien schien Forbeck der einzige , dem die Störung willkommen und von Nutzen gewesen . Er war ruhiger geworden und arbeitete mit gleichmäßigem Eifer . Dann plötzlich kam es wie stürmische Ungeduld in seine Hand , alles an seinem Wesen war freudige Hast . Tante Gundi machte große Augen . » Herr Forbeck ? Was haben Sie denn ? « » Sehen Sie nur die Beleuchtung ! « stammelte er , ohne die Arbeit zu unterbrechen . » Wie das Haar an der Schläfe schimmert ! Und die Wange ! Wie das im Schatten noch leuchtet ! Das muß ich haschen ! « Stille Minuten vergingen . Dann trat er von der Leinwand zurück , mit einem stockenden Atemzug , wie nach gewaltsamer Anstrengung ; die Freude verzerrte ihm fast das Gesicht . » Ich glaube , ich hab ' s ! « Gundi Kleesberg rauschte zur Staffelei . Auch Kitty machte eine Bewegung , als wollte sie aufspringen . Das gewahrte Forbeck , und mit glücklichem Lächeln sagte er : » Wollen Sie sehen ? « Sie kam herbeigeflogen , während Tante Gundi dem jungen Künstler schon ein wortreiches Loblied sang . Schweigend , das Gesicht von glühender Röte übergossen , stand Kitty vor dem Bild ; dann blickte sie zögernd zu Forbeck auf und sagte mit einer Stimme , in der ihre Freude sich verriet : » Sie haben aber sehr geschmeichelt ! « Er sah sie mit leuchtenden Augen an , und Gundi Kleesberg übernahm die Antwort : » Aber nein , Kind ! Genau so war es ! Unglaublich , wie Herr Forbeck das getroffen hat ! Dieser Duft ! Dieser Sonnenschimmer ! « Das sprudelte so weiter . Forbeck wurde verlegen , gab neue Farben auf die Palette und wandte sich an Kitty . » Darf ich bitten , nur noch ein Viertelstündchen für das Kleid , ehe das Licht sich ändert ? « Sie eilte zum Lehnstuhl , um ihre Stellung wieder einzunehmen . Aus dem Viertelstündchen wurde eine lange Stunde rastloser Arbeit . Forbeck war so vertieft in Schauen und Schaffen , daß er die Schritte Tassilos überhörte , der gegen Mittag kam , ein offenes Blatt in der Hand ; seine Augen blickten noch ernster als sonst ; als er einen Blick auf die Leinwand geworfen hatte , legte er die Hand auf die Schulter des jungen Künstlers . » Ja , lieber Freund , Werner wird seine Freude haben an dieser Arbeit ! « Eine Weile stand er in die Betrachtung des Bildes versunken , dann trat er auf die Kleesberg zu , und ohne die Verwirrung zu gewahren , die sein zu Forbeck gesprochenes Wort in ihr hervorgerufen hatte , reichte er ihr das offene Telegramm und sagte zu seiner Schwester : » Robert und Willy kommen heute nachmittag . « Jubelnd sprang Kitty auf und wollte zu Gundi Kleesberg hinüber . Auf halbem Wege stand sie erschrocken still , sah Forbeck an , und ein Schatten glitt über ihr Gesichtchen . Auch Forbeck war erregt , schien die Sitzung für beendet zu halten und schloß den Farbenkasten . Inzwischen besprach Gundi Kleesberg ein bißchen konfus mit Tassilo alle nötigen Vorbereitungen : man mußte einen Wagen zu der eine Stunde entfernten Bahnstation schicken und die Träger für den Aufstieg zur Jagdhütte bestellen , der nach Graf Egges Anordnung schon am kommenden Morgen erfolgen sollte . Seufzend griff sie an ihre Stirn und zappelte davon , ohne sich von Forbeck zu verabschieden . Tassilo hatte eine tiefe Furche zwischen den Brauen . Und Kitty schien die Sprache verloren zu haben . Forbeck nahm die Leinwand von der Staffelei und verhüllte sie . Dann gingen sie