nur einen seiner kleinen moralischen Vorträge , zu denen er überhaupt hinneigte . » Da lob ich mir Gieshübler « , sagte er einlenkend , » immer Kavalier und dabei doch Grundsätze . « Der Major hatte sich mittlerweile wieder zurechtgefunden und sagte in seinem alten Ton : » Ja , Gieshübler ; der beste Kerl von der Welt und , wenn möglich , noch bessere Grundsätze . Aber am Ende woher ? warum ? Weil er einen Verdruß hat . Wer geradegewachsen ist , ist für Leichtsinn . Überhaupt , ohne Leichtsinn ist das ganze Leben keinen Schuß Pulver wert . « » Nun hören Sie , Crampas , gerade soviel kommt mitunter dabei heraus . « Und dabei sah er auf des Majors linken , etwas verkürzten Arm . Effi hatte von diesem Gespräche wenig gehört . Sie war dicht an die Stelle getreten , wo die Robbe gelegen , und Rollo stand neben ihr . Dann sahen beide , von dem Stein weg , auf das Meer und warteten , ob die » Seejungfrau « noch einmal sichtbar werden würde . Ende Oktober begann die Wahlkampagne , was Innstetten hinderte , sich ferner an den Ausflügen zu beteiligen , und auch Crampas und Effi hätten jetzt um der lieben Kessiner willen wohl verzichten müssen , wenn nicht Knut und Kruse als eine Art Ehrengarde gewesen wären . So kam es , daß sich die Spazierritte bis in den November hinein fortsetzten . Ein Wetterumschlag war freilich eingetreten , ein andauernder Nordwest trieb Wolkenmassen heran , und das Meer schäumte mächtig , aber Regen und Kälte fehlten noch , und so waren diese Ausflüge bei grauem Himmel und lärmender Brandung fast noch schöner , als sie vorher bei Sonnenschein und stiller See gewesen waren . Rollo jagte vorauf , dann und wann von dem Gischt überspritzt , und der Schleier von Effis Reithut flatterte im Winde . Dabei zu sprechen war fast unmöglich ; wenn man dann aber , vom Meere fort , in die schutzgebenden Dünen oder , noch besser , in den weiter zurückgelegenen Kiefernwald einlenkte , so wurd es still , Effis Schleier flatterte nicht mehr , und die Enge des Wegs zwang die beiden Reiter dicht nebeneinander . Das war dann die Zeit , wo man - schon um der Knorren und Wurzeln willen im Schritt reitend - die Gespräche , die der Brandungslärm unterbrochen hatte , wieder aufnehmen konnte . Crampas , ein guter Causeur , erzählte dann Kriegs-und Regimentsgeschichten , auch Anekdoten und kleine Charakterzüge von Innstetten , » der mit seinem Ernst und seiner Zugeknöpftheit in den übermütigen Kreis der Kameraden nie recht hineingepaßt habe , so daß er eigentlich immer mehr respektiert als geliebt worden sei « . » Das kann ich mir denken « , sagte Effi , » ein Glück nur , daß der Respekt die Hauptsache ist . « » Ja , zu seiner Zeit . Aber er paßt doch nicht immer . Und zu dem allen kam noch seine mystische Richtung , die mitunter Anstoß gab , einmal , weil Soldaten überhaupt nicht sehr für derlei Dinge sind , und dann , weil wir die Vorstellung unterhielten , vielleicht mit Unrecht , daß er doch nicht ganz so dazu stände , wie er ' s uns einreden wollte . « » Mystische Richtung ? « sagte Effi . » Ja , Major , was verstehen Sie darunter ? Er kann doch keine Konventikel abgehalten und den Propheten gespielt haben . Auch nicht einmal den aus der Oper ... ich habe seinen Namen vergessen . « » Nein , so weit ging er nicht . Aber es ist vielleicht besser , davon abzubrechen . Ich möchte nicht hinter seinem Rücken etwas sagen , was falsch ausgelegt werden könnte . Zudem sind es Dinge , die sich sehr gut auch in seiner Gegenwart verhandeln lassen , Dinge , die nur , man mag wollen oder nicht , zu was Sonderbarem aufgebauscht werden , wenn er nicht dabei ist und nicht jeden Augenblick eingreifen und uns widerlegen oder meinetwegen auch auslachen kann . « » Aber das ist ja grausam , Major . Wie können Sie meine Neugier so auf die Folter spannen . Erst ist es was , und dann ist es wieder nichts . Und Mystik ! Ist er denn ein Geisterseher ? « » Ein Geisterseher ! Das will ich nicht gerade sagen . Aber er hatte eine Vorliebe , uns Spukgeschichten zu erzählen . Und wenn er uns dann in große Aufregung versetzt und manchen auch wohl geängstigt hatte , dann war es mit einem Male wieder , als habe er sich über alle die Leichtgläubigen bloß mokieren wollen . Und kurz und gut , einmal kam es , daß ich ihm auf den Kopf zusagte : Ach was , Innstetten , das ist ja alles bloß Komödie . Mich täuschen Sie nicht . Sie treiben Ihr Spiel mit uns . Eigentlich glauben Sie ' s grad sowenig wie wir , aber Sie wollen sich interessant machen und haben eine Vorstellung davon , daß Ungewöhnlichkeiten nach oben hin besser empfehlen . In höheren Karrieren will man keine Alltagsmenschen . Und da Sie so was vorhaben , so haben Sie sich was Apartes ausgesucht und sind bei der Gelegenheit auf den Spuk gefallen . « Effi sagte kein Wort , was dem Major zuletzt bedrücklich wurde . » Sie schweigen , gnädigste Frau . « » Ja . « » Darf ich fragen , warum ? Hab ich Anstoß gegeben ? Oder finden Sie ' s unritterlich , einen abwesenden Freund , ich muß das trotz aller Verwahrungen einräumen , ein klein wenig zu hecheln ? Aber da tun Sie mir trotz alledem unrecht . Das alles soll ganz ungeniert seine Fortsetzung vor seinen Ohren haben , und ich will ihm dabei jedes Wort wiederholen , was ich jetzt eben gesagt habe . « » Glaub es . « Und nun brach Effi ihr Schweigen und erzählte , was sie alles in ihrem Hause erlebt und wie sonderbar sich Innstetten damals dazu gestellt habe . » Er sagte nicht ja und nicht nein , und ich bin nicht klug aus ihm geworden . « » Also ganz der alte « , lachte Crampas . » So war er damals auch schon , als wir in Liancourt und dann später in Beauvais mit ihm in Quartier lagen . Er wohnte da in einem alten bischöflichen Palast - beiläufig , was Sie vielleicht interessieren wird , war es ein Bischof von Beauvais , glücklicherweise Cochon mit Namen , der die Jungfrau von Orleans zum Feuertod verurteilte - , und da verging denn kein Tag , das heißt keine Nacht , wo Innstetten nicht Unglaubliches erlebt hatte . Freilich immer nur so halb . Es konnte auch nichts sein . Und nach diesem Prinzip arbeitet er noch , wie ich sehe . « » Gut , gut . Und nun ein ernstes Wort , Crampas , auf das ich mir eine ernste Antwort erbitte : wie erklären Sie sich dies alles ? « » Ja , meine gnädigste Frau ... « » Keine Ausweichungen , Major . Dies alles ist sehr wichtig für mich . Er ist Ihr Freund , und ich bin ihre Freundin . Ich will wissen , wie hängt dies zusammen ? Was denkt er sich dabei ? « » Ja , meine gnädigste Frau , Gott sieht ins Herz , aber ein Major vom Landwehrbezirkskommando , der sieht in gar nichts . Wie soll ich solche psychologischen Rätsel lösen ? Ich bin ein einfacher Mann . « » Ach , Crampas , reden Sie nicht so töricht . Ich bin zu jung , um eine große Menschenkennerin zu sein ; aber ich müßte noch vor der Einsegnung und beinah vor der Taufe stehen , um Sie für einen einfachen Mann zu halten . Sie sind das Gegenteil davon , Sie sind gefährlich ... « » Das Schmeichelhafteste , was einem guten Vierziger , mit einem a.D. auf der Karte , gesagt werden kann . Und nun also , was sich Innstetten dabei denkt ... « Effi nickte . » Ja , wenn ich durchaus sprechen soll , er denkt sich dabei , daß ein Mann wie Landrat Baron Innstetten , der jeden Tag Ministerialdirektor oder dergleichen werden kann ( denn glauben Sie mir , er ist hoch hinaus ) , daß ein Mann wie Baron Innstetten nicht in einem gewöhnlichen Hause wohnen kann , nicht in einer solchen Kate , wie die landrätliche Wohnung , ich bitte um Vergebung , gnädigste Frau , doch eigentlich ist . Da hilft er denn nach . Ein Spukhaus ist nie was Gewöhnliches ... Das ist das eine . « » Das eine ? mein Gott , haben Sie noch etwas ? « » Ja . « » Nun denn , ich bin ganz Ohr . Aber wenn es sein kann , lassen Sie ' s was Gutes sein . « » Dessen bin ich nicht ganz sicher . Es ist etwas Heikles , beinah Gewagtes , und ganz besonders vor Ihren Ohren , gnädigste Frau . « » Das macht mich nur um so neugieriger . « » Gut denn . Also Innstetten , meine gnädigste Frau , hat außer seinem brennenden Verlangen , es koste , was es wolle , ja , wenn es sein muß unter Heranziehung eines Spuks , seine Karriere zu machen , noch eine zweite Passion : er operiert nämlich immer erzieherisch , ist der geborene Pädagog und hätte , links Basedow und rechts Pestalozzi ( aber doch kirchlicher als beide ) , eigentlich nach Schnepfenthal oder Bunzlau hingepaßt . « » Und will er mich auch erziehen ? Erziehen durch Spuk ? « » Erziehen ist vielleicht nicht das richtige Wort . Aber doch erziehen auf einem Umweg . « » Ich verstehe Sie nicht . « » Eine junge Frau ist eine junge Frau , und ein Landrat ist ein Landrat . Er kutschiert oft im Kreise umher , und dann ist das Haus allein und unbewohnt . Aber solch Spuk ist wie ein Cherub mit dem Schwert ... « » Ah , da sind wir wieder aus dem Walde heraus « , sagte Effi . » Und da ist Utpatels Mühle . Wir müssen nur noch an dem Kirchhof vorüber . « Gleich danach passierten sie den Hohlweg zwischen dem Kirchhof und der eingegitterten Stelle , und Effi sah nach dem Stein und der Tanne hinüber , wo der Chinese lag . Siebzehntes Kapitel Es schlug zwei Uhr , als man zurück war . Crampas verabschiedete sich und ritt in die Stadt hinein , bis er vor seiner am Marktplatz gelegenen Wohnung hielt . Effi ihrerseits kleidete sich um und versuchte zu schlafen ; es wollte aber nicht glücken , denn ihre Verstimmung war noch größer als ihre Müdigkeit . Daß Innstetten sich seinen Spuk parat hielt , um ein nicht ganz gewöhnliches Haus zu bewohnen , das mochte hingehen , das stimmte zu seinem Hange , sich von der großen Menge zu unterscheiden ; aber das andere , daß er den Spuk als Erziehungsmittel brauchte , das war doch arg und beinahe beleidigend . Und » Erziehungsmittel « , darüber war sie sich klar , sagte nur die kleinere Hälfte ; was Crampas gemeint hatte , war viel , viel mehr war eine Art Angstapparat aus Kalkül . Es fehlte jede Herzensgüte darin und grenzte schon fast an Grausamkeit . Das Blut stieg ihr zu Kopf , und sie ballte ihre kleine Hand und wollte Pläne schmieden ; aber mit einem Male mußte sie wieder lachen . » Ich Kindskopf ! Wer bürgt mir denn dafür , daß Crampas recht hat ! Crampas ist unterhaltlich , weil er medisant ist , aber er ist unzuverlässig und ein bloßer Haselant , der schließlich Innstetten nicht das Wasser reicht . « In diesem Augenblick fuhr Innstetten vor , der heute früher zurückkam als gewöhnlich . Effi sprang auf , um ihn schon im Flur zu begrüßen , und war um so zärtlicher , je mehr sie das Gefühl hatte , etwas gutmachen zu müssen . Aber ganz konnte sie das , was Crampas gesagt hatte , doch nicht verwinden , und inmitten ihrer Zärtlichkeiten , und während sie mit anscheinendem Interesse zuhörte , klang es in ihr immer wieder : » Also Spuk aus Berechnung , Spuk , um dich in Ordnung zu halten . « Zuletzt indessen vergaß sie ' s und ließ sich unbefangen von ihm erzählen . Inzwischen war Mitte November herangekommen , und der bis zum Sturm sich steigernde Nordwester stand anderthalb Tag lang so hart auf die Molen , daß die mehr und mehr zurückgestaute Kessine das Bollwerk überstieg und in die Straßen trat . Aber nachdem sich ' s ausgetobt , legte sich das Unwetter , und es kamen noch ein paar sonnige Spätherbsttage . » Wer weiß , wie lange sie dauern « , sagte Effi zu Crampas , und so beschloß man , am nächsten Vormittage noch einmal auszureiten ; auch Innstetten , der einen freien Tag hatte , wollte mit . Es sollte zunächst wieder bis an die Mole gehen ; da wollte man dann absteigen , ein wenig am Strande promenieren und schließlich im Schutze der Dünen , wo ' s windstill war , ein Frühstück nehmen . Um die festgesetzte Stunde ritt Crampas vor dem landrätlichen Hause vor ; Kruse hielt schon das Pferd der gnädigen Frau , die sich rasch in den Sattel hob und noch im Aufsteigen Innstetten entschuldigte , der nun doch verhindert sei : letzte Nacht wieder großes Feuer in Morgenitz - das dritte seit drei Wochen , also angelegt - , da habe er hingemußt , sehr zu seinem Leidwesen , denn er habe sich auf diesen Ausritt , der wohl der letzte in diesem Herbste sein werde , wirklich gefreut . Crampas sprach sein Bedauern aus , vielleicht nur , um was zu sagen , vielleicht aber auch aufrichtig , denn so rücksichtslos er im Punkte chevaleresker Liebesabenteuer war , so sehr war er auch wieder guter Kamerad . Natürlich , alles ganz oberflächlich . Einem Freunde helfen und fünf Minuten später ihn betrügen waren Dinge , die sich mit seinem Ehrbegriffe sehr wohl vertrugen . Er tat das eine und das andere mit unglaublicher Bonhomie . Der Ritt ging wie gewöhnlich durch die Plantage hin . Rollo war wieder vorauf , dann kamen Crampas und Effi , dann Kruse . Knut fehlte . » Wo haben Sie Knut gelassen ? « » Er hat einen Ziegenpeter . « » Merkwürdig « , lachte Effi . » Eigentlich sah er schon immer so aus . « » Sehr richtig . Aber Sie sollten ihn jetzt sehen ! Oder doch lieber nicht . Denn Ziegenpeter ist ansteckend , schon bloß durch Anblick . « » Glaub ich nicht . « » Junge Frauen glauben vieles nicht . « » Und dann glauben sie wieder vieles , was sie besser nicht glaubten . « » An meine Adresse ? « » Nein . « » Schade . « » Wie dies schade Sie kleidet . Ich glaube wirklich , Major , Sie hielten es für ganz in der Ordnung , wenn ich Ihnen eine Liebeserklärung machte . « » So weit will ich nicht gehen . Aber ich möchte den sehen , der sich dergleichen nicht wünschte . Gedanken und Wünsche sind zollfrei . « » Das fragt sich . Und dann ist doch immer noch ein Unterschied zwischen Gedanken und Wünschen . Gedanken sind in der Regel etwas , das noch im Hintergrunde liegt , Wünsche aber liegen meist schon auf der Lippe . « » Nur nicht gerade diesen Vergleich ! « » Ach , Crampas , Sie sind ... Sie sind ... « » Ein Narr . « » Nein . Auch darin übertreiben Sie wieder . Aber Sie sind etwas anderes . In Hohen-Cremmen sagten wir immer , und ich mit , das Eitelste , was es gäbe , das sei ein Husarenfähnrich von achtzehn ... « » Und jetzt ? « » Und jetzt sag ich , das Eitelste , was es gibt , ist ein Landwehrbezirksmajor von zweiundvierzig . « » ... Wobei die zwei Jahre , die Sie mir gnädigst erlassen , alles wiedergutmachen - küß die Hand . « » Ja , küß die Hand . Das ist so recht das Wort , das für Sie paßt . Das ist wienerisch . Und die Wiener , die hab ich kennengelernt , in Karlsbad , vor vier Jahren , wo sie mir vierzehnjährigem Dinge den Hof machten . Was ich da alles gehört habe ! « » Gewiß nicht mehr , als recht war . « » Wenn das zuträfe , wäre das , was mir schmeicheln soll , ziemlich ungezogen ... Aber sehen Sie da die Bojen , wie die schwimmen und tanzen . Die kleinen roten Fahnen sind eingezogen . Immer wenn ich diesen Sommer , die paar Mal , wo ich mich bis an den Strand hinauswagte , die roten Fahnen sah , sagt ich mir : da liegt Vineta , da muß es liegen , das sind die Turmspitzen ... « » Das macht , weil Sie das Heinesche Gedicht kennen . « » Welches ? « » Nun , das von Vineta . « » Nein , das kenne ich nicht ; ich kenne überhaupt nur wenig . Leider . « » Und haben doch Gieshübler und den Journalzirkel ! Übrigens hat Heine dem Gedicht einen anderen Namen gegeben , ich glaube Seegespenst oder so ähnlich . Aber Vineta hat er gemeint . Und er selber - verzeihen Sie , wenn ich Ihnen so ohne weiteres den Inhalt hier wiedergebe - , der Dichter also , während er die Stelle passiert , liegt auf einem Schiffsdeck und sieht hinunter und sieht da schmale , mittelalterliche Straßen und trippelnde Frauen in Kapotthüten , und alle haben ein Gesangbuch in Händen und wollen zur Kirche , und alle Glocken läuten . Und als er das hört , da faßt ihn eine Sehnsucht , auch mit in die Kirche zu gehen , wenn auch bloß um der Kapotthüte willen , und vor Verlangen schreit er auf und will sich hinunterstürzen . Aber im selben Augenblicke packt ihn der Kapitän am Bein und ruft ihm zu : Doktor , sind Sie des Teufels ? « » Das ist ja allerliebst . Das möcht ich lesen . Ist es lang ? « » Nein , es ist eigentlich kurz , etwas länger als Du hast Diamanten und Perlen oder Deine weichen Lilienfinger ... « , und er berührte leise ihre Hand . » Aber lang oder kurz , welche Schilderungskraft , welche Anschaulichkeit ! Er ist mein Lieblingsdichter , und ich kann ihn auswendig , sowenig ich mir sonst , trotz gelegentlich eigener Versündigungen , aus der Dichterei mache . Bei Heine liegt es aber anders : Alles ist Leben , und vor allem versteht er sich auf die Liebe , die doch die Hauptsache bleibt . Er ist übrigens nicht einseitig darin ... « » Wie meinen Sie das ? « » Ich meine , er ist nicht bloß für die Liebe ... « » Nun , wenn er diese Einseitigkeit auch hätte , das wäre am Ende noch nicht das schlimmste . Wofür ist er denn sonst noch ? « » Er ist auch sehr für das Romantische , was freilich gleich nach der Liebe kommt und nach Meinung einiger sogar damit zusammenfällt . Was ich aber nicht glaube . Denn in seinen späteren Gedichten , die man denn auch die romantischen genannt hat , oder eigentlich hat er es selber getan , in diesen romantischen Dichtungen wird in einem fort hingerichtet , allerdings vielfach aus Liebe . Aber doch meist aus anderen , gröberen Motiven , wohin ich in erster Reihe die Politik , die fast immer gröblich ist , rechne . Karl Stuart zum Beispiel trägt in einer dieser Romanzen seinen Kopf unterm Arm , und noch fataler ist die Geschichte vom Vitzliputzli ... « » Von wem ? « » Vom Vitzliputzli . Vitzliputzli ist nämlich ein mexikanischer Gott , und als die Mexikaner zwanzig oder dreißig Spanier gefangengenommen hatten , mußten diese zwanzig oder dreißig dem Vitzliputzli geopfert werden . Das war da nicht anders , Landessitte , Kultus , und ging auch alles im Handumdrehen , Bauch auf , Herz raus ... « » Nein , Crampas , so dürfen Sie nicht weitersprechen . Das ist indezent und degoutant zugleich . Und das alles so ziemlich in demselben Augenblicke , wo wir frühstücken wollen . « » Ich für meine Person sehe mich dadurch unbeeinflußt und stelle meinen Appetit überhaupt nur in Abhängigkeit vom Menü . « Während dieser Worte waren sie , ganz wie ' s das Programm wollte , vom Strand her bis an eine schon halb im Schutze der Dünen aufgeschlagene Bank , mit einem äußerst primitiven Tisch davor , gekommen , zwei Pfosten mit einem Brett darüber . Kruse , der voraufgeritten , hatte hier bereits serviert ; Teebrötchen und Aufschnitt von kaltem Braten , dazu Rotwein und neben der Flasche zwei hübsche zierliche Trinkgläser , klein und mit Goldrand , wie man sie in Badeörtern kauft oder von Glashütten als Erinnerung mitbringt . Und nun stieg man ab . Kruse , der die Zügel seines eigenen Pferdes um eine Krüppelkiefer geschlungen hatte , ging mit den beiden anderen Pferden auf und ab , während sich Crampas und Effi , die durch eine schmale Dünenöffnung einen freien Blick auf Strand und Mole hatten , vor dem gedeckten Tische niederließen . Über das von den Sturmtagen her noch bewegte Meer goß die schon halb winterliche Novembersonne ihr fahles Licht aus , und die Brandung ging hoch . Dann und wann kam ein Windzug und trieb den Schaum bis dicht an sie heran . Strandhafer stand umher , und das helle Gelb der Immortellen hob sich , trotz der Farbenverwandtschaft , von dem gelben Sande , darauf sie wuchsen , scharf ab . Effi machte die Wirtin . » Es tut mir leid , Major , Ihnen diese Brötchen in einem Korbdeckel präsentieren zu müssen ... « » Ein Korbdeckel ist kein Korb ... « » ... Indessen Kruse hat es so gewollt . Und da bist du ja auch , Rollo . Auf dich ist unser Vorrat aber nicht eingerichtet . Was machen wir mit Rollo ? « » Ich denke , wir geben ihm alles ; ich meinerseits schon aus Dankbarkeit . Denn sehen Sie , teuerste Effi ... « Effi sah ihn an . » ... Denn sehen Sie , gnädigste Frau , Rollo erinnert mich wieder an das , was ich Ihnen noch als Fortsetzung oder Seitenstück zum Vitzliputzli erzählen wollte - nur viel pikanter , weil Liebesgeschichte . Haben Sie mal von einem gewissen Pedro dem Grausamen gehört ? « » So dunkel . « » ... Eine Art Blaubartskönig . « » Das ist gut . Von so einem hört man immer am liebsten , und ich weiß noch , daß wir von meiner Freundin Hulda Niemeyer , deren Namen Sie ja kennen , immer behaupteten : sie wisse nichts von Geschichte , mit Ausnahme der sechs Frauen von Heinrich dem Achten , diesem englischen Blaubart , wenn das Wort für ihn reicht . Und wirklich , diese sechs kannte sie auswendig . Und dabei hätten Sie hören sollen , wie sie die Namen aussprach , namentlich den von der Mutter der Elisabeth - so schrecklich verlegen , als wäre sie nun an der Reihe ... Aber nun bitte , die Geschichte von Don Pedro ... « » Nun also , an Don Pedros Hofe war ein schöner , schwarzer spanischer Ritter , der das Kreuz von Calatrava - was ungefähr soviel bedeutet wie Schwarzer Adler und Pour le mérite zusammengenommen - auf seiner Brust trug . Dies Kreuz gehörte mit dazu , das mußten sie immer tragen , und dieser Calatrava-Ritter , den die Königin natürlich heimlich liebte ... « » Warum natürlich ? « » Weil wir in Spanien sind . « » Ach so . « » Und dieser Calatrava-Ritter , sag ich , hatte einen wunderschönen Hund , einen Neufundländer , wiewohl es die noch gar nicht gab denn es war grade hundert Jahre vor der Entdeckung von Amerika . Einen wunderschönen Hund also , sagen wir wie Rollo ... « Rollo schlug an , als er seinen Namen hörte , und wedelte mit dem Schweif . » Das ging so manchen Tag . Aber das mit der heimlichen Liebe , die wohl nicht ganz heimlich blieb , das wurde dem Könige doch zuviel , und weil er den schönen Calatrava-Ritter überhaupt nicht recht leiden mochte - denn er war nicht bloß grausam , er war auch ein Neidhammel oder , wenn das Wort für einen König und noch mehr für meine liebenswürdige Zuhörerin , Frau Effi , nicht recht passen sollte , wenigstens ein Neidling - , so beschloß er , den Calatrava-Ritter für die heimliche Liebe heimlich hinrichten zu lassen . « » Kann ich ihm nicht verdenken . « » Ich weiß doch nicht , meine Gnädigste . Hören Sie nur weiter . Etwas geht schon , aber es war zuviel , der König , find ich , ging um ein erkleckliches zu weit . Er heuchelte nämlich , daß er dem Ritter wegen seiner Kriegs- und Heldentaten ein Fest veranstalten wolle , und da gab es denn eine lange , lange Tafel , und alle Granden des Reichs saßen an dieser Tafel , und in der Mitte saß der König , und ihm gegenüber war der Platz für den , dem dies alles galt , also für den Calatrava-Ritter , für den an diesem Tage zu Feiernden . Und weil der , trotzdem man schon eine ganze Weile seiner gewartet hatte , noch immer nicht kommen wollte , so mußte schließlich die Festlichkeit ohne ihn begonnen werden , und es blieb ein leerer Platz - ein leerer Platz gerade gegenüber dem König . « » Und nun ? « » Und nun denken Sie , meine gnädigste Frau , wie der König , dieser Pedro , sich eben erheben will , um gleisnerisch sein Bedauern auszusprechen , daß sein lieber Gast noch immer fehle , da hört man auf der Treppe draußen einen Aufschrei der entsetzten Dienerschaften , und ehe noch irgendwer weiß , was geschehen ist , jagt etwas an der langen Festestafel entlang , und nun springt es auf den Stuhl und setzt ein abgeschlagenes Haupt auf den leer gebliebenen Platz , und über eben dieses Haupt hinweg starrt Rollo auf sein Gegenüber , den König . Rollo hatte seinen Herrn auf seinem letzten Gange begleitet , und im selben Augenblicke , wo das Beil fiel , hatte das treue Tier das fallende Haupt gepackt , und da war er nun , unser Freund Rollo , an der langen Festestafel und verklagte den königlichen Mörder . « Effi war ganz still geworden . Endlich sagte sie : » Crampas , das ist in seiner Art sehr schön , und weil es sehr schön ist , will ich es Ihnen verzeihen . Aber Sie könnten doch Beßres und zugleich mir Lieberes tun , wenn Sie mir andere Geschichten erzählten . Auch von Heine . Heine wird doch nicht bloß von Vitzliputzli und Don Pedro und Ihrem Rollo - denn meiner hätte so was nicht getan - gedichtet haben . Komm , Rollo ! Armes Tier , ich kann dich gar nicht mehr ansehen , ohne an den Calatrava-Ritter zu denken , den die Königin heimlich liebte ... Rufen Sie , bitte , Kruse , daß er die Sachen hier wieder in die Halfter steckt , und wenn wir zurückreiten , müssen Sie mir was anderes erzählen , ganz was anderes . « Kruse kam . Als er aber die Gläser nehmen wollte , sagte Crampas : » Kruse , das eine Glas , das da , das lassen Sie stehen . Das werde ich selber nehmen . « » Zu Befehl , Herr Major . « Effi , die dies mit angehört hatte , schüttelte den Kopf . Dann lachte sie . » Crampas , was fällt Ihnen nur eigentlich ein ? Kruse ist dumm genug , über die Sache nicht weiter nachzudenken , und wenn er darüber nachdenkt , so findet er glücklicherweise nichts . Aber das berechtigt Sie doch nicht , dies Glas ... dies Dreißigpfennigglas aus der Josefinenhütte ... « » Daß Sie so spöttisch den Preis nennen , läßt mich seinen Wert um so tiefer empfinden . « » Immer derselbe . Sie haben soviel von einem Humoristen , aber doch von ganz sonderbarer Art. Wenn ich Sie recht verstehe , so haben Sie vor - es ist zum Lachen , und ich geniere mich fast , es auszusprechen - , so haben Sie vor , sich vor der Zeit auf den König von Thule hin auszuspielen . « Er nickte mit einem Anfluge von Schelmerei . » Nun denn , meinetwegen . Jeder trägt seine Kappe ; Sie wissen , welche . Nur das muß ich Ihnen doch sagen dürfen , die Rolle , die Sie mir dabei zudiktieren , ist mir zuwenig schmeichelhaft . Ich mag nicht als Reimwort auf Ihren König von Thule herumlaufen . Behalten Sie das Glas , aber bitte , ziehen Sie nicht Schlüsse daraus , die mich kompromittieren . Ich werde Innstetten davon erzählen . « » Das werden Sie nicht tun , meine gnädigste Frau . « » Warum nicht ? « » Innstetten ist nicht der Mann , solche Dinge so zu sehen , wie sie gesehen sein wollen . « Sie sah ihn einen Augenblick scharf an . Dann aber schlug