. Ich will doch auch was essen . « » Ach , liebe Schmolke , da möcht ich mich aber doch zu Gaste laden . Die Teebrötchen sehen ja nach gar nichts aus , und die Schinkenstulle lacht einen ordentlich an . Und alles schon so appetitlich durchgeschnitten . Nun merk ich erst , daß ich eigentlich hungrig bin . Geben Sie mir ein Schnittchen ab , wenn es Ihnen nicht sauer wird . « » Wie du nur redest , Corinna . Wie kann es mir denn sauer werden . Ich führe ja bloß die Wirtschaft und bin bloß eine Dienerin . « » Ein Glück , daß Papa das nicht hört . Sie wissen doch , das kann er nicht leiden , daß Sie so von Dienerin reden , und er nennt es eine falsche Bescheidenheit ... « » Ja , ja , so sagt er . Aber Schmolke , der auch ein ganz kluger Mann war , wenn er auch nicht studiert hatte , der sagte immer , höre , Rosalie , Bescheidenheit ist gut , und eine falsche Bescheidenheit ( denn die Bescheidenheit ist eigentlich immer falsch ) ist immer noch besser als gar keine . « » Hm « , sagte Corinna , die sich etwas getroffen fühlte , » das läßt sich hören . Überhaupt , liebe Schmolke , Ihr Schmolke muß eigentlich ein ausgezeichneter Mann gewesen sein . Und Sie sagten ja auch vorhin schon , er habe so etwas Anständiges gehabt und beinah zu anständig . Sehen Sie , so was höre ich gern , und ich möchte mir wohl etwas dabei denken können . Worin war er denn nun eigentlich so sehr anständig ... Und dann , er war ja doch bei der Polizei . Nun , offen gestanden , ich bin zwar froh , daß wir eine Polizei haben , und freue mich immer über jeden Schutzmann , an den ich herantreten und den ich nach dem Weg fragen und um Auskunft bitten kann , und das muß wahr sein , alle sind artig und manierlich , wenigstens hab ich es immer so gefunden . Aber das von der Anständigkeit und von zu anständig ... « » Ja , liebe Corinna , das is schon richtig . Aber da sind ja Unterschiedlichkeiten , und was sie Abteilungen nennen . Und Schmolke war bei solcher Abteilung . « » Natürlich . Er kann doch nicht überall gewesen sein . « » Nein , nicht überall . Und er war gerade bei der allerschwersten , die für den Anstand und die gute Sitte zu sorgen hat . « » Und so was gibt es ? « » Ja , Corinna , so was gibt es und muß es auch geben . Und wenn nu - was ja doch vorkommt , und auch bei Frauen und Mädchen vorkommt , wie du ja wohl gesehen und gehört haben wirst , denn Berliner Kinder sehen und hören alles - , wenn nu solch armes und unglückliches Geschöpf ( denn manche sind wirklich bloß arm und unglücklich ) etwas gegen den Anstand und die gute Sitte tut , dann wird sie vernommen und bestraft . Und da , wo die Vernehmung is , da gerade saß Schmolke ... « » Merkwürdig . Aber davon haben Sie mir ja noch nie was erzählt . Und Schmolke , sagen Sie , war mit dabei ? Wirklich , sehr sonderbar . Und Sie meinen , daß er gerade deshalb so sehr anständig und so solide war ? « » Ja , Corinna , das mein ich . « » Nun , wenn Sie ' s sagen , liebe Schmolke , so will ich es glauben . Aber ist es nicht eigentlich zum Verwundern ? Denn Ihr Schmolke war ja damals noch jung oder so ein Mann in seinen besten Jahren . Und viele von unserem Geschlecht , und gerade solche , sind ja doch oft bildhübsch . Und da sitzt nun einer , wie Schmolke da gesessen , und muß immer streng und ehrbar aussehen , bloß weil er da zufällig sitzt . Ich kann mir nicht helfen , ich finde das schwer . Denn das ist ja gerade so wie der Versucher in der Wüste : Dies alles schenke ich dir . « Die Schmolke seufzte . » Ja , Corinna , daß ich es dir offen gestehe , ich habe auch manchmal geweint , und mein furchtbares Reißen , hier gerad im Nacken , das is noch von der Zeit her . Und zwischen das zweite und dritte Jahr , daß wir verheiratet waren , da hab ich beinah elf Pfund abgenommen , und wenn wir damals schon die vielen Wiegewaagen gehabt hätten , da wär es wohl eigentlich noch mehr gewesen , denn als ich zu ' s Wiegen kam , da setzte ich schon wieder an . « » Arme Frau « , sagte Corinna . » Ja , das müssen schwere Tage gewesen sein . Aber wie kamen Sie denn darüber hin ? Und wenn Sie wieder ansetzten , so muß doch so was von Trost und Beruhigung gewesen sein . « » War auch , Corinnchen . Und weil du ja nu alles weißt , will ich dir auch erzählen , wie ' s kam un wie ich meine Ruhe wieder kriegte . Denn ich kann dir sagen , es war schlimm , und ich habe mitunter viele Wochen lang kein Auge zugetan . Na , zuletzt schläft man doch ein bißchen ; die Natur will es und is auch zuletzt noch stärker als die Eifersucht . Aber Eifersucht ist sehr stark , viel stärker als Liebe . Mit Liebe is es nich so schlimm . Aber was ich sagen wollte , wie ich nu so ganz runter war und man bloß noch so hing un bloß noch so viel Kraft hatte , daß ich ihm doch sein Hammelfleisch un seine Bohnen vorsetzen konnte , das heißt , geschnitzelte mocht er nich , un sagte immer , sie schmeckten nach Messer , da sah er doch wohl , daß er mal mit mir reden müsse . Denn ich redte nich , dazu war ich viel zu stolz . Also er wollte reden mit mir , und als es nu soweit war und er die Gelegenheit auch ganz gut abgepaßt hatte , nahm er einen kleinen vierbeinigen Schemel , der sonst immer in der Küche stand , un is mir , als ob es gestern gewesen wäre , un rückte den Schemel zu mir ran und sagte : Rosalie , nu sage mal , was hast du denn eigentlich . « Um Corinnas Mund verlor sich jeder Ausdruck von Spott ; sie schob das Tablett etwas beiseite , stützte sich , während sie sich aufrichtete , mit dem rechten Arm auf den Tisch und sagte : » Nun weiter , liebe Schmolke . « » Also , was hast du eigentlich ? sagte er zu mir . Na , da stürzten mir denn die Tränen man so pimperlings raus , und ich sagte : Schmolke , Schmolke , und dabei sah ich ihn an , als ob ich ihn ergründen wollte . Un ich kann wohl sagen , es war ein scharfer Blick , aber doch immer noch freundlich . Denn ich liebte ihn . Und da sah ich , daß er ganz ruhig blieb un sich gar nicht verfärbte . Un dann nahm er meine Hand , streichelte sie ganz zärtlich un sagte : Rosalie , das is alles Unsinn . Davon verstehst du nichts . Davon verstehst du nichts , weil du nicht in der Sitte bist . Denn ich sage dir , wer da so tagaus , tagein in der Sitte sitzen muß , dem vergeht es , dem stehen die Haare zu Berge über all das Elend und all den Jammer , und wenn dann welche kommen , die nebenher auch noch ganz verhungert sind , was auch vorkommt , und wo wir ganz genau wissen , da sitzen nu die Eltern zu Hause un grämen sich Tag und Nacht über die Schande , weil sie das arme Wurm , das mitunter sehr merkwürdig dazu gekommen ist , immer noch liebhaben und helfen und retten möchten , wenn zu helfen und zu retten noch menschenmöglich wäre - ich sage dir , Rosalie , wenn man das jeden Tag sehen muß , un man hat ein Herz im Leibe un hat bei ' s erste Garderegiment gedient un is für Proppertät und Strammheit und Gesundheit , na , ich sage dir , denn is es mit Verführung un all so was vorbei , un man möchte rausgehn und weinen , un ein paarmal hab ich ' s auch , alter Kerl , der ich bin , und von Karessieren und » Fräuleinchen « steht nichts mehr drin , un man geht nach Hause und is froh , wenn man sein Hammelfleisch kriegt un eine ordentliche Frau hat , die Rosalie heißt . Bist du nu zufrieden , Rosalie ? Un dabei gab er mir einen Kuß ... « Die Schmolke , der bei der Erzählung wieder ganz weh ums Herz geworden war , ging an Corinnas Schrank , um sich ein Taschentuch zu holen . Und als sie sich nun wieder zurechtgemacht hatte , so daß ihr die Worte nicht mehr in der Kehle blieben , nahm sie Corinnas Hand und sagte : » Sieh , so war Schmolke . Was sagst du dazu ? « » Ein sehr anständiger Mann . « » Na ob . « In diesem Augenblicke hörte man die Klingel . » Der Papa « , sagte Corinna , und die Schmolke stand auf , um dem Herrn Professor zu öffnen . Sie war auch bald wieder zurück und erzählte , daß sich der Papa nur gewundert habe , Corinnchen nicht mehr zu finden ; was denn passiert sei ? Wegen ein bißchen Kopfweh gehe man doch nicht gleich zu Bett . Und dann habe er sich seine Pfeife angesteckt und die Zeitung in die Hand genommen und habe dabei gesagt : » Gott sei Dank , liebe Schmolke , daß ich wieder da bin ; alle Gesellschaften sind Unsinn ; diesen Satz vermache ich Ihnen auf Lebenszeit . « Er habe aber ganz fidel dabei ausgesehen , und sie sei überzeugt , daß er sich eigentlich sehr gut amüsiert habe . Denn er habe den Fehler , den so viele hätten , und die Schmidts voran : sie redten über alles und wüßten alles besser . » Ja , Corinnchen , in diesem Belange bist du auch ganz Schmidtsch . « Corinna gab der guten Alten die Hand und sagte : » Sie werden wohl recht haben , liebe Schmolke , und es ist ganz gut , daß Sie mir ' s sagen . Wenn Sie nicht gewesen wären , wer hätte mir denn überhaupt was gesagt ? Keiner . Ich bin ja wie wild aufgewachsen , und ist eigentlich zu verwundern , daß ich nicht noch schlimmer geworden bin , als ich bin . Papa ist ein guter Professor , aber kein guter Erzieher , und dann war er immer zu sehr von mir eingenommen und sagte : das Schmidtsche hilft sich selbst oder es wird schon zum Durchbruch kommen . « » Ja , so was sagt er immer . Aber mitunter ist eine Maulschelle besser . « » Um Gottes willen , liebe Schmolke , sagen Sie doch so was nicht . Das ängstigt mich . « » Ach , du bist närrisch , Corinna . Was soll dich denn ängstigen ? Du bist ja nun eine große , forsche Person und hast die Kinderschuhe längst ausgetreten und könntest schon sechs Jahre verheiratet sein . « » Ja « , sagte Corinna , » das könnt ich , wenn mich wer gewollt hätte . Aber dummerweise hat mich noch keiner gewollt . Und da habe ich denn für mich selber sorgen müssen ... « Die Schmolke glaubte nicht recht gehört zu haben und sagte : » Du hast für dich selber sorgen müssen ? Was meinst du damit , was soll das heißen ? « » Es soll heißen , liebe Schmolke , daß ich mich heut abend verlobt habe . « » Himmlischer Vater , is es möglich . Aber sei nich böse , daß ich mich so verfiere ... Denn es is ja doch eigentlich was Gutes . Na , mit wem denn ? « » Rate . « » Mit Marcell . « » Nein , mit Marcell nicht . « » Mit Marcell nich ? Ja , Corinna , dann weiß ich es nich und will es auch nich wissen . Bloß wissen muß ich es am Ende doch . Wer is es denn ? « » Leopold Treibel . « » Herr , du meine Güte ... « » Findest du ' s so schlimm ? Hast du was dagegen ? « » I bewahre , wie werd ich denn . Un würde sich auch gar nich vor mir passen . Un denn die Treibels , die sind alle gut un sehr proppre Leute , der alte Kommerzienrat voran , der immer so spaßig is und immer sagt : Je später der Abend , je schöner die Leute un noch fufzig Jahre so wie heut und so was . Und der älteste Sohn is auch sehr gut und Leopold auch . Ein bißchen spitzer , das is wahr , aber heiraten is ja nich bei Renz in ' n Zirkus . Und Schmolke sagte oft : Höre , Rosalie , das laß gut sein , so was täuscht , da kann man sich irren ; die Dünnen un die so schwach aussehn , die sind oft gar nich so schwach . Ja , Corinna , die Treibels sind gut , un bloß die Mama , die Kommerzienrätin , ja höre , da kann ich mir nich helfen , die Rätin , die hat so was , was mir nich recht paßt , un ziert sich immer un tut so , un wenn was Weinerliches erzählt wird von einem Pudel , der ein Kind aus dem Kanal gezogen , oder wenn der Professor was vorpredigt un mit seiner Baßstimme so vor sich hin brummelt : Wie der Unsterbliche sagt ... un dann kommt immer ein Name , den kein Christenmensch kennt , un die Kommerzienrätin woll auch nich - dann hat sie gleich immer ihre Träne un sind immer wie Stehtränen , die gar nich runter wolln . « » Daß sie so weinen kann , ist aber doch eigentlich was Gutes , liebe Schmolke . « » Ja , bei manchem is es was Gutes un zeigt ein weiches Herz . Un ich will auch weiter nichts sagen un lieber an meine eigne Brust schlagen , un muß auch , denn mir sitzen sie auch man lose ... Gott , wenn ich daran denke , wie Schmolke noch lebte , na , da war vieles anders , un Billetter für den dritten Rang hatte Schmolke jeden Tag un mitunter auch für den zweiten . Un da machte ich mich denn fein , Corinna , denn ich war damals noch keine dreißig un noch ganz gut im Stande . Gott , Kind , wenn ich daran denke ! Da war damals eine , die hieß die Erhartten , die nachher einen Grafen geheiratet . Ach , Corinnchen , da hab ich auch manche schöne Träne vergossen . Ich sage schöne Träne , denn es erleichtert einen . Un in Maria Stuart war es am meisten . Da war denn doch eine Schnauberei , daß man gar nichts mehr verstehn konnte , das heißt aber bloß ganz zuletzt , wie sie von all ihre Dienerinnen und von ihrer alten Amme Abschied nimmt , alle ganz schwarz , un sie selber immer mit ' s Kreuz , ganz wie ' ne Katholsche . Aber die Erhartten war keine . Un wenn ich mir das alles wieder so denke un wie ich da aus der Träne gar nich rausgekommen bin , da kann ich auch gegen die Kommerzienrätin eigentlich nichts sagen . « Corinna seufzte , halb im Scherz und halb im Ernst . » Warum seufzt du , Corinna ? « » Ja , warum seufze ich , liebe Schmolke ? Ich seufze , weil ich glaube , daß Sie recht haben und daß sich gegen die Rätin eigentlich nichts sagen läßt , bloß weil sie so leicht weint oder immer einen Flimmer im Auge hat . Gott , den hat mancher . Aber die Rätin ist freilich eine ganz eigene Frau , und ich trau ihr nicht , und der arme Leopold hat eigentlich eine große Furcht vor ihr und weiß auch noch nicht , wie er da heraus will . Es wird eben noch allerlei harte Kämpfe geben . Aber ich laß es darauf ankommen und halt ihn fest , und wenn meine Schwiegermutter gegen mich ist , so schadt es am Ende nicht allzuviel . Die Schwiegermütter sind eigentlich immer dagegen , und jede denkt , ihr Püppchen ist zu schade . Na , wir werden ja sehn , ich habe sein Wort , und das andere muß sich finden . « » Das ist recht , Corinna , halt ihn fest . Eigentlich hab ich ja einen Schreck gekriegt , und glaube mir , Marcell wäre besser gewesen , denn ihr paßt zusammen . Aber das sag ich so bloß zu dir . Un da du nu mal den Treibelschen hast , na , so hast du ' n , un da hilft kein Prätzelbacken , un er muß stillhalten und die Alte auch . Ja , die Alte erst recht . Der gönn ich ' s. « Corinna nickte . » Un nu schlafe , Kind . Ausschlafen is immer gut , denn man kann nie wissen , wie ' s kommt un wie man den andern Tag seine Kräfte braucht . « Zwölftes Kapitel Ziemlich um dieselbe Zeit , wo der Felgentreusche Wagen in der Adlerstraße hielt , um Corinna daselbst abzusetzen , hielt auch der Treibelsche Wagen vor der kommerzienrätlichen Wohnung , und die Rätin samt ihrem Sohne Leopold stiegen aus , während der alte Treibel auf seinem Platze blieb und das junge Paar - das wieder die Pferde geschont hatte - die Köpnicker Straße hinunter bis an den » Holzhof « begleitete . Von dort aus , nach einem herzhaften Schmatz ( denn er spielte gern den zärtlichen Schwiegervater ) , ließ er sich zu Buggenhagens fahren , wo Parteiversammlung war . Er wollte doch mal wieder sehen , wie ' s stünde , und , wenn nötig , auch zeigen , daß ihn die Korrespondenz in der » Nationalzeitung « nicht niedergeschmettert habe . Die Kommerzienrätin , die für gewöhnlich die politischen Gänge Treibels belächelte , wenn nicht beargwohnte - was auch vorkam - , heute segnete sie Buggenhagen und war froh , ein paar Stunden allein sein zu können . Der Gang mit Wilibald hatte so vieles wieder in ihr angeregt . Die Gewißheit , sich verstanden zu sehen - es war doch eigentlich das Höhere . » Viele beneiden mich , aber was hab ich am Ende ? Stuck und Goldleisten und die Honig mit ihrem sauersüßen Gesicht . Treibel ist gut , besonders auch gegen mich ; aber die Prosa lastet bleischwer auf ihm , und wenn er es nicht empfindet , ich empfinde es ... Und dabei Kommerzienrätin und immer wieder Kommerzienrätin . Es geht nun schon in das zehnte Jahr , und er rückt nicht höher hinauf , trotz aller Anstrengungen . Und wenn es so bleibt , und es wird so bleiben , so weiß ich wirklich nicht , ob nicht das andere , das auf Kunst und Wissenschaft deutet , doch einen feineren Klang hat . Ja , den hat es ... Und mit den ewigen guten Verhältnissen ! Ich kann doch auch nur eine Tasse Kaffee trinken , und wenn ich mich zu Bett lege , so kommt es darauf an , daß ich schlafe . Birkenmaser oder Nußbaum macht keinen Unterschied , aber Schlaf oder Nichtschlaf , das macht einen , und mitunter flieht mich der Schlaf , der des Lebens Bestes ist , weil er uns das Leben vergessen läßt ... Und auch die Kinder wären anders . Wenn ich die Corinna ansehe , das sprüht alles von Lust und Leben , und wenn sie bloß so macht , so steckt sie meine beiden Jungen in die Tasche . Mit Otto ist nicht viel , und mit Leopold ist gar nichts . « Jenny , während sie sich in süße Selbsttäuschungen wie diese versenkte , trat ans Fenster und sah abwechselnd auf den Vorgarten und die Straße . Drüben , im Hause gegenüber , hoch oben in der offenen Mansarde , stand , wie ein Schattenriß in hellem Licht , eine Plätterin , die mit sicherer Hand über das Plättbrett hinfuhr - ja , es war ihr , als höre sie das Mädchen singen . Der Kommerzienrätin Auge mochte von dem anmutigen Bilde nicht lassen , und etwas wie wirklicher Neid überkam sie . Sie sah erst fort , als sie bemerkte , daß hinter ihr die Tür ging . Es war Friedrich , der den Tee brachte . » Setzen Sie hin , Friedrich , und sagen Sie Fräulein Honig , es wäre nicht nötig . « » Sehr wohl , Frau Kommerzienrätin . Aber hier ist ein Brief . « » Ein Brief ? « fuhr die Rätin heraus . » Von wem ? « » Vom jungen Herrn . « » Von Leopold ? « » Ja , Frau Kommerzienrätin ... Und es wäre Antwort ... « » Brief ... Antwort ... Er ist nicht recht gescheit « , und die Kommerzienrätin riß das Couvert auf und überflog den Inhalt . » Liebe Mama ! Wenn es Dir irgend paßt , ich möchte heute noch eine kurze Unterredung mit Dir haben . Laß mich durch Friedrich wissen , ja oder nein . Dein Leopold . « Jenny war derart betroffen , daß ihre sentimentalen Anwandlungen auf der Stelle hinschwanden . So viel stand fest , daß das alles nur etwas sehr Fatales bedeuten konnte . Sie raffte sich aber zusammen und sagte : » Sagen Sie Leopold , daß ich ihn erwarte . « Das Zimmer Leopolds lag über dem ihrigen ; sie hörte deutlich , daß er rasch hin und her ging und ein paar Schubkästen , mit einer ihm sonst nicht eigenen Lautheit , zuschob . Und gleich danach , wenn nicht alles täuschte , vernahm sie seinen Schritt auf der Treppe . Sie hatte recht gehört , und nun trat er ein und wollte ( sie stand noch in der Nähe des Fensters ) durch die ganze Länge des Zimmers auf sie zuschreiten , um ihr die Hand zu küssen ; der Blick aber , mit dem sie ihm begegnete , hatte etwas so Abwehrendes , daß er stehenblieb und sich verbeugte . » Was bedeutet das , Leopold ? Es ist jetzt zehn , also nachtschlafende Zeit , und da schreibst du mir ein Billet und willst mich sprechen . Es ist mir neu , daß du was auf der Seele hast , was keinen Aufschub bis morgen früh duldet . Was hast du vor ? Was willst du ? « » Mich verheiraten , Mutter . Ich habe mich verlobt . « Die Kommerzienrätin fuhr zurück , und ein Glück war es , daß das Fenster , an dem sie stand , ihr eine Lehne gab . Auf viel Gutes hatte sie nicht gerechnet , aber eine Verlobung über ihren Kopf weg , das war doch mehr , als sie gefürchtet . War es eine der Felgentreus ? Sie hielt beide für dumme Dinger und die ganze Felgentreuerei für erheblich unterm Stand ; er , der Alte , war Lageraufseher in einem großen Ledergeschäft gewesen und hatte schließlich die hübsche Wirtschaftsmamsell des Prinzipals , eines mit seiner weiblichen Umgebung oft wechselnden Witwers , geheiratet . So hatte die Sache begonnen und ließ in ihren Augen viel zu wünschen übrig . Aber verglichen mit den Munks , war es noch lange das Schlimmste nicht , und so sagte sie denn : » Elfriede oder Blanca ? « » Keine von beiden . « » Also ... « » Corinna . « Das war zuviel . Jenny kam in ein halb ohnmächtiges Schwanken , und sie wäre , angesichts ihres Sohnes , zu Boden gefallen , wenn sie der schnell Herzuspringende nicht aufgefangen hätte . Sie war nicht leicht zu halten und noch weniger leicht zu tragen ; aber der arme Leopold , den die ganze Situation über sich selbst hinaushob , bewährte sich auch physisch und trug die Mama bis ans Sofa . Danach wollte er auf den Knopf der elektrischen Klingel drücken , Jenny war aber , wie die meisten ohnmächtigen Frauen , doch nicht ohnmächtig genug , um nicht genau zu wissen , was um sie her vorging , und so faßte sie denn seine Hand , zum Zeichen , daß das Klingeln zu unterbleiben habe . Sie erholte sich auch rasch wieder , griff nach dem vor ihr stehenden Flakon mit Kölnischem Wasser und sagte , nachdem sie sich die Stirn damit betupft hatte : » Also mit Corinna . « » Ja , Mutter . « » Und alles nicht bloß zum Spaß . Sondern um euch wirklich zu heiraten . « » Ja , Mutter . « » Und hier in Berlin und in der Luisenstädtschen Kirche , darin dein guter , braver Vater und ich getraut wurden ? « » Ja , Mutter . « » Ja , Mutter , und immer wieder ja , Mutter . Es klingt , als ob du nach Kommando sprächst und als ob dir Corinna gesagt hätte , sage nur immer : Ja , Mutter . Nun , Leopold , wenn es so ist , so können wir beide unsere Rollen rasch auswendig lernen . Du sagst in einem fort ja , Mutter , und ich sage in einem fort nein , Leopold . Und dann wollen wir sehen , was länger vorhält , dein Ja oder mein Nein . « » Ich finde , daß du es dir etwas leicht machst , Mama . « » Nicht , daß ich wüßte . Wenn es aber so sein sollte , so bin ich bloß deine gelehrige Schülerin . Jedenfalls ist es ein Operieren ohne Umschweife , wenn ein Sohn vor seine Mutter hintritt und ihr kurzweg erklärt : Ich habe mich verlobt . So geht das nicht in guten Häusern . Das mag beim Theater so sein oder vielleicht auch bei Kunst und Wissenschaft , worin die kluge Corinna ja großgezogen ist , und einige sagen sogar , daß sie dem Alten die Hefte korrigiert . Aber wie dem auch sein möge , bei Kunst und Wissenschaft mag das gehen , meinetwegen , und wenn sie den alten Professor , ihren Vater ( übrigens ein Ehrenmann ) , auch ihrerseits mit einem ich habe mich verlobt überrascht haben sollte , nun , so mag der sich freuen ; er hat auch Grund dazu , denn die Treibels wachsen nicht auf den Bäumen und können nicht von jedem , der vorbeigeht , heruntergeschüttelt werden . Aber ich , ich freue mich nicht und verbiete dir diese Verlobung . Du hast wieder gezeigt , wie ganz unreif du bist , ja , daß ich es ausspreche , Leopold , wie knabenhaft . « » Liebe Mama , wenn du mich etwas mehr schonen könntest ... « » Schonen ? Hast du mich geschont , als du dich auf diesen Unsinn einließest ? Du hast dich verlobt , sagst du . Wem willst du das weismachen ? Sie hat sich verlobt , und du bist bloß verlobt worden . Sie spielt mit dir , und anstatt dir das zu verbitten , küssest du ihr die Hand und lässest dich einfangen wie die Gimpel . Nun , ich hab es nicht hindern können , aber das Weitere , das kann ich hindern und werde es hindern . Verlobt euch , soviel ihr wollt , aber wenn ich bitten darf , im Verschwiegenen und Verborgenen ; an ein Heraustreten damit ist nicht zu denken . Anzeigen erfolgen nicht , und wenn du deinerseits Anzeigen machen willst , so magst du die Gratulationen in einem Hôtel garni in Empfang nehmen . In meinem Hause nicht . In meinem Hause existiert keine Verlobung und keine Corinna . Damit ist es vorbei . Das alte Lied vom Undank erfahr ich nun an mir selbst und muß erkennen , daß man unklug daran tut . Personen zu verwöhnen und gesellschaftlich zu sich heraufzuziehen . Und mit dir steht es nicht besser . Auch du hättest mir diesen Gram ersparen können und diesen Skandal . Daß du verführt bist , entschuldigt dich nur halb . Und nun kennst du meinen Willen und , ich darf wohl sagen , auch deines Vaters Willen , denn soviel Torheiten er begeht , in den Fragen , wo die Ehre seines Hauses auf dem Spiele steht , ist Verlaß auf ihn . Und nun geh , Leopold , und schlafe , wenn du schlafen kannst . Ein gut Gewissen ist ein gutes Ruhekissen ... « Leopold biß sich auf die Lippen und lächelte verbittert vor sich hin . » ... Und bei dem , was du vielleicht vorhast - denn du lächelst und stehst so trotzig da , wie ich dich noch gar nicht gesehen habe , was auch bloß der fremde Geist und Einfluß ist - , bei dem , was du vielleicht vorhast , Leopold , vergiß nicht , daß der Segen der Eltern den Kindern Häuser baut . Wenn ich dir raten kann