deinen guten Augen ... « » In Politik ? « » Ach , Schelmin , du weißt , daß mir seine Politik gleichgültig ist , sonst wär er überhaupt nicht in meinem Dienst . Ich meine seinen Charakter , und ich möchte fast hinzusetzen sein Herz . « » Ich glaube , er hat ein gutes schwaches Herz . « Die Prinzessin lachte . » Gewiß , das hat er . Aber damit kommen wir nicht weiter . Also sage mir etwas über seinen Charakter . Der Charakter ist wichtiger als das Herz . Es kann jemand ein schwaches Herz haben , aber doch zugleich einen starken Charakter , weil er Grundsätze hat . Und dieser starke Charakter kann ihn dann retten . « » Dann ist Holk verloren « , lachte Ebba . » Denn ich glaube , sein Charakter ist noch viel schwächer als sein Herz ; sein Charakter ist das recht eigentlich Schwache an ihm . Und was das schlimmste ist , er weiß es nicht einmal . Weil er wie ein Mann aussieht , so hält er sich auch dafür . Aber er ist bloß ein schöner Mann , was meist soviel bedeutet wie gar keiner . Alles in allem , er hat nicht die rechte Schule gehabt und seine bescheidenen Talente nicht nach der ihm entsprechenden Seite hin entwickeln können . Er mußte Sammler werden oder Altertumsforscher oder Vorstand eines Asyls für gefallene Mädchen oder auch bloß Pomologe . « » Nun , nun « , sagte die Prinzessin , » das ist viel auf einmal . Aber sprich nur weiter . « » Er ist unklar und halb , und diese Halbheit wird ihn noch in Ungelegenheiten bringen . Er geriert sich als Schleswig-Holsteiner und steht doch als Kammerherr im Dienst einer ausgesprochen dänischen Prinzessin ; er ist der leibhafte genealogische Kalender , der alle Rosenberge , den Filehner Zweig abgerechnet , am Schnürchen herzuzählen weiß , und spielt sich trotzdem auf Liberalismus und Aufklärung aus . Ich kenn ihn noch nicht lange genug , um ihn auf all seinen Halbheiten ertappt zu haben , aber ich bin ganz sicher , daß sie sich auf jedem Gebiete finden . Ich bezweifle zum Beispiel keinen Augenblick , daß er jeden Sonntag in seiner Dorfkirche sitzt und jedesmal aus seinem Halbschlummer auffährt , wenn die Glaubensartikel verlesen werden , aber ich bezweifle , daß er weiß , was drinsteht , und wenn er ' s weiß , so glaubt er ' s nicht . Trotzdem aber schnellt er in die Höh oder vielleicht auch gerade deshalb . « » Ebba , du gehst zu weit . « » O durchaus nicht . Ich will vielmehr eine noch viel gewichtigere Halbheit nennen . Er ist moralisch , ja beinah tugendhaft und schielt doch begehrlich nach der Lebemannschaft hinüber . Und diese Halbheit ist die schlimmste , schlimmer als die Halbheit in den sogenannten großen Fragen , die meistens keine sind . « » Nur zu wahr . Aber hier , liebe Ebba , hab ich dich just da , wo ich dich haben und halten will . Er schielt begehrlich nach der Lebemannschaft hinüber , sagst du . Leider hast du ' s damit getroffen ; ich seh es mit jedem Tage mehr . Aber weil er diese Schwäche hat , müssen wir ihm goldene Brücken bauen , nicht zum Angriff , wohl aber zum Rückzug . Du darfst ihm nicht , wie du jetzt tust , unausgesetzt etwas irrlichterlich vorflackern . Er ist schon geblendet genug . Solange er hier ist , mußt du dein Licht unter den Scheffel stellen . Ich weiß wohl , daß das viel gefordert ist , denn wer ein Licht hat , der will es auch leuchten lassen ; aber du mußt mir das Opfer bringen , und wenn es dir schwerfällt , so behalte zu deinem Trost im Auge , daß seines Bleibens hier nicht ewig sein wird . Um Neujahr geht er zurück , und haben wir erst wieder , wohl oder übel , unsere alte Trias um uns her , so tu , was du willst , heirate Pentz oder mache mit Erichsen oder gar mit Bille , dessen Masern doch mal ein Ende nehmen müssen , eine Eskapade , mir soll es recht sein . Vielleicht verdrängst du auch noch die Gräfin , ich meine nicht die Holk , sondern die Danner , und das wäre vielleicht das Beste . « Ebba schüttelte den Kopf . » Das darf nicht sein , die Danner verdrängen , da wär ich nicht mehr die dankbar ergebene Dienerin meiner gnädigsten Prinzessin . « » Ach Ebba , sprich nicht so , du täuschst mich dadurch nicht . Ich habe soviel Dank von dir , wie dir gerade paßt . Ich tu auch nichts um Dankes willen . Das Undankbarste , weil Unklügste , was es gibt , ist Dank erwarten . Aber das mit Holk , das überlege . « » Verzeihung , gnädigste Prinzessin . Aber was soll ich überlegen ? Solang ich denken kann , heißt es : ein Mädchen soll sich selber schützen und ist auch recht so ; man muß es können . Und wer es nicht kann , nun , der will es nicht . Also gut , wir sollen uns schützen . Aber was ist ein junges Mädchen gegen einen ausgewachsenen Grafen von fünfundvierzig , der jeden Tag ein Enkelkind über die Taufe halten kann . Wenn sich wer selber schützen muß , so ist es ein Graf , der , glaub ich , siebzehn Jahre verheiratet ist und eine tüchtige und ausgezeichnete Frau hat und eine sehr hübsche dazu , wie mir Pentz erst heute noch versicherte . « » Gerade dieser Frau halber ist es , daß ich in dich dringe ... « » Nun , wenn gnädigste Prinzessin befehlen , so werd ich zu gehorchen suchen . Aber bin ich die richtige Adresse ? Nun und nimmermehr . Holk ist es . Er ist seiner Frau Treue schuldig , nicht ich , und wenn er diese nicht hält , so kommt es auf ihn und nicht auf mich . Soll ich meines Bruders Hüter sein ? « » Ach , daß du recht hast « , sagte die Prinzessin und fuhr mit der Hand über das blonde Wellenhaar Ebbas . » Aber wie ' s auch sei , du weißt , man beobachtet uns , weil wir unsrerseits auch alles beobachten , und ich möchte nicht gern , daß wir uns vor dem König und seiner Gräfin eine Blöße gäben . « An dem dienstfreien Tage , der diesem Gespräche folgte , hatte Holk vor , allerlei Briefschulden abzutragen . Vor ihm lag die ganze Korrespondenz der letzten vierzehn Tage , darunter auch Briefe der Gräfin . Er überflog sie , was nicht viel Zeit in Anspruch nahm , da ihrer nur wenige waren , und dann , als letztes , ein neues Telegramm , darin sie sich entschuldigte , seit vier Tagen nicht geschrieben zu haben . Das war alles , und so wenig es dem Umfange nach war , so wenig war es inhaltlich . Es verdroß ihn , weil er der Frage , wer eigentlich die Schuld trage , klüglich aus dem Wege ging . Er sagte sich nur , und dazu war er freilich berechtigt , daß es früher sehr anders gewesen sei . Früher , ja noch bei seiner letzten Anwesenheit in Kopenhagen , waren die zwischen ihnen gewechselten Briefe wahre Liebesbriefe gewesen , in denen , aller Meinungsverschiedenheiten unerachtet , die große Neigung , die sie bei jungen Jahren füreinander gehegt hatten , immer wieder zum Ausdruck gekommen war . Aber diesmal fehlte jede Zärtlichkeit , alles war frostig , und wenn ein Scherz versucht wurde , so war ihm etwas Herbes oder Spöttisches beigemischt , das ihm alles Erquickliche nahm . Ja , so war es leider , und doch mußte geschrieben werden . Aber was ? Er sann noch hin und her , als die Hansen eintrat und ihm Briefe behändigte , die der Postbote eben gebracht hatte . Zwei davon waren Kopenhagener Stadtbriefe , der dritte , von Christinens Handschrift , hatte nicht das gewöhnliche Format und statt des Poststempels Glücksburg den Poststempel Hamburg . Holk war einen Augenblick überrascht , erriet aber den Zusammenhang der Dinge , noch eh er geöffnet hatte . » Natürlich , Christine macht ihre Pensionsreise . « So war es denn auch wirklich , und was sie schrieb , war das Folgende . » Hamburg , Streits Hotel , den 14. Oktober 59 Lieber Holk . Mein Telegramm , in dem ich mich wegen meines mehrtägigen Schweigens entschuldigte , wirst Du erhalten haben . Nun siehst Du schon aus dem Poststempel , was die Veranlassung zu diesem Schweigen war : ich war in Reisevorbereitungen , die , trotz der Hülfe meiner guten Dobschütz und trotzdem ich alles auf das bloß Nötigste beschränkte , meine ganze Kraft in Anspruch nahmen . Wir fuhren bis Schleswig zu Wagen , von da per Bahn , und seit heute mittag sind wir hier in Streits Hotel , an das uns so viele freundliche Erinnerungen knüpfen . Wenn Dir an solchen Erinnerungen noch liegt ! Ich habe Zimmer im zweiten Stock genommen , Blick auf das Bassin , seinen Pavillon und seine Brücken , und habe mich , als die Dämmerung kam , in das Fenster gelegt und das schöne Bild , wie früher , auf mich wirken lassen . Nur Asta war bei mir , Axel in die Stadt gegangen ; er wollte mit Strehlke , der uns bis hierher begleitet hat , erst nach der Uhlenhorst und dann zu Rainvilles . Von da dann nach Ottensen , um sich Meta Klopstocks Grab anzusehen . Ich habe gern zugestimmt , weil ich weiß , daß solche Momente bleiben und das Leben vertiefen . Und das wäre nun wohl der Zeitpunkt , Dich wissen zu lassen , welche Beschlüsse , nach nochmaliger eingehender Beratung , hinsichtlich der Kinder von mir gefaßt wurden . Auch Alfred stimmte bei , wenn er auch die Bedeutung der Frage bestreitet . Asta natürlich nach Gnadenfrei . Daß es füglich nicht anders kommen konnte , damit wirst auch Du Dich vertraut gemacht haben . Ich habe glückliche Jahre dort verbracht , ich sage nicht , die glücklichsten ( Du weißt , welche Jahre mir die glücklichsten waren ) , und ich wünsche meinem Kinde das gleich beneidenswerte Los , die gleich harmonische Jugend . Was Axel angeht , so hab ich mich , auf Schwarzkoppens Rat , für das Bunzlauer Pädagogium entschieden . Es hat den besten Ruf und bleibt in der Strenge der Grundsätze hinter den thüringischen Lehranstalten nicht zurück , läßt aber diese Strenge da fallen , wo nicht Prinzipien in Frage kommen . Strehlke , der erst nach Malchin wollte , wird nun bei seinem Bruder in Mölln vikarieren ; in den großen Ferien hat er mir versprechen müssen unser Gast zu sein und sich um Axel zu kümmern . Er ist ein guter Mensch und wäre vorzüglich , wenn er , eh er seine Studien in Berlin abschloß , die vorhergehenden Jahre , statt in Jena , lieber in Halle verbracht hätte . Das Jenasche , mit seinen Einflüssen , ist nie ganz wieder zu tilgen . Ich wüßte nicht , was ich hinsichtlich der Kinder diesen Zeilen noch hinzuzusetzen hätte . Vielleicht das eine , daß mich eine gewisse Freudigkeit an ihnen schmerzlich überraschte , als es feststand , daß sie das elterliche Haus verlassen sollten . Der aller Jugend angeborne Hang nach dem Neuen , nach einem Wechsel der Dinge , scheint mir dabei nicht mitzusprechen oder wenigstens nicht allein . Aber wenn es das nicht ist , was dann ? Haben wir es doch vielleicht an etwas in unserer Liebe fehlen lassen ? Oder sehnten sich die Kinder danach , aus dem Widerstreit der Meinungen , davon sie nur allzuoft Zeuge waren , herauszukommen ? Ach , lieber Holk , ich hätte diesen Widerstreit gern vermieden , aber es wollte mir nicht gelingen , und so wählte ich das , was ich für das kleinere Übel hielt . Ich mag dadurch manches verscherzt haben , aber ich habe getan , was mir mein Gewissen vorschrieb , und lebe der Überzeugung , daß Du bereit bist , mir dies Zugeständnis zu machen . Meine Reise wird mich nicht länger als fünf oder sechs Tage von Haus fernhalten , und etwa am 20. hoffe ich in Holkenäs zurück zu sein , wo unterdessen meine gute Dobschütz das Regiment führt . Sprich der Prinzessin , die sich meiner so gnädig erinnert , meine Devotion aus , und empfiehl mich Pentz und dem Fräulein v. Rosenberg , wennschon ich Dir bekenne , daß sie meine Sympathien nicht hat . Ich liebe nicht diese freigeistigen Allüren . Ich sehne das neue Jahr herbei , wo ich Dich , vielleicht schon am Silvesterabend , wiederzusehen hoffe . Laß die diesmaligen Kopenhagener Tage Deine letzten in der Hauptstadt sein , wenigstens in der Stellung , die Du jetzt darin einnimmst . Wozu diese Dienstlichkeiten , wenn man frei sein kann ? In aller Liebe Deine Christine « Holk fühlte sich , als er gelesen , einer gewissen Rührseligkeit hingegeben . Es war so viel Liebes in dem Briefe , daß er alte Zeiten und altes Glück wieder heraufsteigen fühlte . Sie war doch die Beste . Was bedeutete daneben die schöne Brigitte ? Ja , was bedeutete daneben selbst Ebba ? Ebba war eine Rakete , die man , solange sie stieg , mit einem staunenden » Ah « begleitete , dann aber war ' s wieder vorbei , schließlich doch alles nur Feuerwerk , alles künstlich ; Christine dagegen war wie das einfache Licht des Tages . Und diesem Gefühle hingegeben , überflog er den Brief noch einmal . Aber da schwand es wieder , alle freundlichen Eindrücke waren wieder hin , und was er heraushörte , war nur noch , oder doch sehr vorwiegend , der Ton der Rechthaberei . Und so kamen ihm denn auch die hundertmal gemachten Betrachtungen wieder . » Oh , diese tugendhaften Frauen ; immer erhaben und immer im Dienste der Wahrhaftigkeit . Es mag ihnen auch so ums Herze sein . Aber ohne betrügen zu wollen , betrügen sie sich selbst , und nur eines ist gewiß : das Schrecknis ihrer Vorzüglichkeit . « Neunzehntes Kapitel Vier Wochen waren seitdem vergangen , und Mitte November war heran . Holk hatte sich kopenhagensch eingelebt , nahm teil an dem kleinen und großen Klatsch der Stadt und dachte mitunter nicht ohne Bangen daran , daß in abermals sechs Wochen das eintönige Leben auf Holkenäs wieder in Aussicht stehe . Die Briefe , die von dorther eintrafen , waren nicht geeignet , ihn andren Sinnes zu machen ; Christine , seit sie von der Pensionsreise zurück war , schrieb zwar regelmäßiger und unterließ sogar alle verdrießlichen Betrachtungen ; aber eine gewisse Nüchternheit blieb und vor allem der doktrinäre Ton , der ihr nun einmal eigen war . Und gerade dieser Ton , mit seiner Beigabe von Unfehlbarkeit , war es , wogegen Holk sich innerlich immer wieder auflehnte . Christine war in allem so sicher ; was stand denn aber fest ? Nichts , gar nichts , und jedes Gespräch mit der Prinzessin oder gar mit Ebba war nur zu sehr dazu angetan , ihn in dieser Anschauung zu bestärken . Alles war Abkommen auf Zeit , alles jeweiliger Majoritätsbeschluß ; Moral , Dogma , Geschmack , alles schwankte , und nur für Christine waren alle Fragen gelöst , nur Christine wußte ganz genau , daß die Prädestinationslehre falsch und zu verwerfen und die kalvinistische Abendmahlsform ein » Affront « sei ; sie wußte mit gleicher Bestimmtheit , welche Bücher gelesen und nicht gelesen , welche Menschen und Grundsätze gesucht und nicht gesucht werden müßten , und vor allem wußte sie , wie man Erziehungsfragen zu behandeln habe . Gott , wie klug die Frau war ! Und wenn sie dann wirklich einmal zugab , eine Sache nicht zu wissen , so begleitete sie dies Zugeständnis mit einer Miene , die nur zu deutlich ausdrückte : solche Dinge braucht man auch nicht zu wissen . In dieser Richtung gingen Holks Betrachtungen , wenn er des Morgens von seinem Fenster aus auf die stille Dronningens-Tvergade herniedersah , die , so still sie war , doch immer noch einen lebhaften Verkehr hatte , verglichen mit der einsamen Fahrstraße , die von Schloß Holkenäs nach Dorf Holkeby hinunterführte . Und wenn er so sann und dachte , dann klopfte es , und die Witwe Hansen oder auch wohl die schöne Brigitte trat ein , um den Frühstückstisch abzuräumen , und war es die gesprächige Witwe , so war er ganz Ohr bei allem , was sie sagte , und war es die schweigsame Brigitte , so war er ganz Auge und ihrem Bilde hingegeben . Es lag etwas in diesem Verkehr , das , trotzdem beide Frauen , und besonders Brigitte , keineswegs interessant waren , unsren Holk doch immer wieder anregte , wenngleich er in der Hansenfrage längst klarsah und von Geheimnisvollem keine Rede mehr sein konnte . Der Kaiser von Siam war immer unsichrer , der » Sicherheitsbeamte « dagegen immer sichrer geworden ; alles war genauso , wie ' s Pentz erzählt , indessen die Dehors blieben gewahrt und ebenso die kleinen Aufmerksamkeiten , die beide dem Holkschen Geschmack geschickt anzupassen wußten , und so kam es denn , daß dieser den allmorgendlichen Begegnungen mit Mutter und Tochter mit einer Art Behagen entgegensah , besonders seit er fühlte , daß diese Begegnungen aufgehört hatten , irgendwie gefährlich für ihn zu sein . Ob er sich bewußt war , worin dies Aufhören aller Gefahr eigentlich wurzelte ? Vielleicht sah er persönlich nicht klar darin , aber andre sahen nur zu deutlich , daß es Ebba war . In der Politik ging inzwischen alles ruhig seinen Gang . Erst für Anfang Dezember war ein neuer Ansturm geplant , hinsichtlich dessen die Meinung der Prinzessin dahin lautete , daß für diesmal , und zwar aus Klugheit , dem Ansturme nachzugeben sei ; im selben Augenblicke , wo Hall gehe , werde das Land auch schon einsehen , was es an ihm gehabt habe . Dieser Ansicht schloß sich der prinzliche Hof natürlich an , und Holk war eben im Begriff , in eben diesem Sinne an Christine zu schreiben und ihr die staatsmännische Bedeutung Halls auseinanderzusetzen , als Pentz eintrat . » Nun , Pentz , was gibt mir so früh schon die Ehre ... « » Große Neuigkeit . « » Louis Napoleon tot ? « » Wichtiger . « » Nun , dann muß das Tivoli abgebrannt oder die Nielsen katarrhalisch affiziert sein . « » Es hält sich zwischen beiden : wir gehen morgen nach Frederiksborg . « » Wir ? wer sind wir ? « » Nun , die Prinzessin und alles , was ihr zugehört . « » Und morgen schon ? « » Ja . Die Prinzessin ist nicht für Halbheiten , und wenn sie etwas vorhat , so müssen Plan und Ausführung wo möglich zusammenfallen . Ich bekenne , daß ich lieber hiergeblieben wäre . Sie kennen Frederiksborg noch nicht , weil Sie sich als dänischer Kammerherr der Aufgabe , dänische Schlösser nicht kennenzulernen , mit einer merkwürdigen Nachhaltigkeit unterzogen haben . Und weil Sie Frederiksborg noch nicht kennen , so können Sie ' s drei Tage lang dort aushalten oder im Studium von allerlei Krimskrams , von Perückenbildern und Runensteinen , auch wohl drei Wochen lang . Denn es gibt manches derartige da zu sehen : einen Elfenbeinkamm von Thyra Danebod , einen Haarbüschel à la Chinoise von Gorm dem Alten und einen eigentümlich geformten Backzahn , in betreff dessen die Gelehrten sich streiten , ob er von König Harald Blauzahn oder von einem Eber der Alluvialperiode herstammt . Ich persönlich bin für das erstere . Denn was heißt Eber ? Eber ist eigentlich gar nichts , schon deshalb nicht , weil die historische Notiz im Katalog immer die Hauptsache bleibt und über einen Eber meistens nur sehr wenig , über einen halb sagenhaften Seekönig aber sehr viel zu sagen ist . Ich bin Ihres Interesses für derlei Dinge ziemlich sicher , und als Genealoge werden Sie die Haraldblauzahnschen Verwandtschaftsgrade zu Ragnar Lodbrock oder vielleicht sogar zu Rolf Krake feststellen können . Also für Sie , Holk , ist am Ende gesorgt . Aber was mich angeht , ich bin nun mal mehr für Lucile Grahn und für Vincent und , wenn es nicht anders sein kann , selbst für eine ganz alltägliche Harlekin-Pantomime . « » Glaub ' s « , lachte Holk . » Ja , Sie lachen , Holk . Aber wir sprechen uns wieder . Ich redete da vorhin was von drei Wochen ; nun ja , drei Wochen mögen gehen , aber sechs und richtig gerechnet beinah sieben - denn die Prinzessin schenkt einem keine Stunde und hat kein Fiduzit zum neuen Jahr , wenn sie das alte nicht in Frederiksborg zu Grabe geläutet hat - , sieben Wochen , sag ich , das ist mutmaßlich auch für Sie zuviel , trotzdem Pastor Schleppegrell ein Charakter und sein Schwager Doktor Bie eine komische Figur ist . Mißverstehen Sie mich übrigens nicht , ich weiß recht gut , was ein Charakter , und noch mehr , was eine komische Figur unter Umständen wert ist ; aber für sieben Wochen ist das alles zuwenig . Und wenn es nicht schneit , so regnet es , und wenn Regen und Schnee versagen , so stürmt es . Ich habe schon viele Windfahnen quietschen und viele Dachrinnen und Blitzableiter klappern hören , aber solch Geklapper wie in Frederiksborg gibt es nirgends mehr in der Welt . Und hat man Glück , so spukt es auch noch , und ist es keine tote Prinzessin , so ist es eine lebendige Kammerfrau oder eine Hofdame mit wasserblauen Stechaugen ... « » Ach , Pentz , daß Sie nichts sprechen können , ohne dem armen Fräulein einen Tort anzutun . Denn die Hofdame mit den Stechaugen , das soll doch natürlich die Rosenberg sein . Wären Sie nicht fünfundsechzig und wüßt ich nicht , daß Sie zu andern Göttern schwören , ich glaubte wahrhaftig , Sie wären in Ebba verliebt . « » Das überlasse ich andern . « » Erichsen ? « » Versteht sich , Erichsen . « Und er lachte herzlich . Tags darauf , gerad um die Mittagsstunde , hielten zwei Wagen vor dem Palais der Prinzessin , deren Dienerschaft mitsamt dem Gepäck schon eine Stunde vorher , und zwar unter Benutzung der nach Helsingör führenden Eisenbahn , aufgebrochen war . Man verteilte sich in den zwei Wagen wie damals auf der Rückfahrt von der Eremitage her , im ersten Wagen saß die Prinzessin mit der Schimmelmann und Ebba , im zweiten die drei Herren . Es war ein sonnenloser Tag , und graue mächtige Wolkenmassen zogen am Himmel hin . Aber der Ton , den diese Wolkenmassen der Landschaft gaben , ließ den Reiz derselben nur um so größer erscheinen , und als man den Fure-See , der etwa halber Weg war , an seinem Ufer hin passierte , hob sich Ebba von ihrem Sitz und konnte sich nicht satt sehen an der stahlfarbenen leisgekräuselten Fläche , die die drüberhin fliegenden Möwen mit ihren Flügeln fast berührten . Das Ufer stand in dichtem und weit in den See hineinwachsendem Schilf , und nur dann und wann kamen Weiden , deren blätterlose Zweige bis tief herab hingen . An der andern Seite des Sees aber zog sich ein dunkler Waldstrich , drüber ein Kirchturm aufragte . Dazu tiefe Stille , nur unterbrochen , wenn aus dem Walde ein vereinzelter Schuß fiel oder das Gerassel des auf tausend Schritt Entfernung vorüberfahrenden Eisenbahnzuges hörbar wurde . Ebba machte diese Fahrt zum ersten Mal . » Ich kenne den Süden nicht « , sagte sie , » aber er kann nicht schöner sein als das hier . Alles wirkt so geheimnisvoll , als berge jeder Fußbreit Erde eine Geschichte oder ein Geheimnis . Alles ist wie Opferstätte , gewesene oder vielleicht auch noch gegenwärtige , und die Wolken , die so grotesk drüber hinziehn - es ist , als wüßten sie von dem allen . « Die Prinzessin lachte . » Daß ich ein so romantisches Fräulein um mich habe ! Wer hätte das gedacht ; meine gute Rosenberg mit ossianischen Anwandlungen ! Oder , um ein Wortspiel zu wagen , meine Ebba auf Edda-Wegen . « Ebba lächelte , weil sie sich in ihrer romantischen Rolle selber ein wenig fremd vorkommen mochte ; die Prinzessin aber fuhr fort : » Und das alles schon angesichts dieses Fure-Sees , der doch eigentlich nur ein See ist wie hundert andre ; was steht uns da noch bevor , wenn wir erst in Frederiksborg an unserem Reiseziel sein werden , den Esrom-See zur Rechten und den Arre-See zur Linken , den großen Arre-See , der schon Verbindung hat miß dem Kattegat und dem Meer . Und er friert auch nie zu , die Schmalungen und die Buchten abgerechnet . Aber was spreche ich von den Seen , die Hauptsache bleibt doch immer das Schloß selbst , mein liebes , altes Frederiksborg , mit seinen Giebeln und Türmen und seinen hundert Wunderlichkeiten an jedem Tragstein und Kapitell . Und wo sich andre Schlösser mit einem einfachen Abzugsrohr begnügen , da springt in Frederiksborg die Dachrinne zehn Fuß weit vor , und an ihrem Ausgange sitzt ein Basilisk mit drei Eisenstäben im weitgeöffneten Rachen , und an den Stäben vorbei schießt das Wasser auf den Schloßhof . Und wenn dann das Wetter wechselt und der Vollmond blank und grell darübersteht und alles so unheimlich still ist und das ganze höllische Getier aus allen Ecken und Vorsprüngen einen anstarrt , als ob es bloß auf seine Zeit warte , da kann einem schon ein Grusel kommen . Aber dieser Grusel ist es gerade , der mir das Schloß so lieb macht . « » Ich dachte , Frederiksborg wäre eins von den guten Schlössern , ein Schloß ohne Spuk und Gespenster , weil ohne Blut und Mord und vielleicht überhaupt ohne große Schuld und Sünde . « » Nein , da hoffst du mehr , als dir mein schönes Frederiksborg erfüllen kann . Ohne Blut und Mord , das möchte sein . Aber ohne Schuld und Sünde ! Meine liebe Ebba , was lebt zweihundert Jahr ohne Schuld und Sünde ! Mir schwebt gerade nichts vor , nichts , wo man schaudert und klagt , aber an Schuld und Sünde wird ' s nicht gefehlt haben . « » Ich möchte doch beinah widersprechen dürfen , gnädigste Prinzeß « , sagte hier die Schimmelmann . » Ebba , denk ich , hat recht , wenn sie von einem guten Schlosse spricht . Unser liebes Frederiksborg ist doch eigentlich nur ein Museum , und ein Museum , denk ich , ist immer das Allerunschuldigste ... « » ... was es gibt « , lachte die Prinzessin . » Ja , das sagt man und ist auch wohl die Regel . Aber es gibt auch Ausnahmen . Altar , Sakristei , Grab und natürlich auch Museum - alles kann entheiligt werden , alles hat seine Sakrilegien erlebt . Und dann bleibt auch immer noch die Frage , was ein Museum alles beherbergt und aufweist . Da gibt es oft wunderliche Dinge , von denen ich nicht sagen möchte , sie seien unschuldig . Oder zum mindesten sind sie trüb und traurig genug . Als ich noch eine junge Prinzessin war , war ich einmal in London und habe da das Beil gesehen , womit Anna Bulen hingerichtet wurde . Das war auch in einem Museum , freilich im Tower , aber das ändert nicht viel ; Museum ist Museum . Im übrigen , wir wollen unserer lieben Ebba nicht unser schönstes Schloß verleiden , unser schönstes und mein Lieblingsschloß dazu , denn ich habe , durch viele Jahre hin , immer gute Tage darin verlebt . Und wie ' s auch sein mag , gruselig und gespenstig oder nicht , du , liebe Ebba , sollst es wenigstens sicher darin haben , denn ich habe mich für deine Unterbringung im Turm entschieden . « » Im Turm ? « » Allerdings im Turm , aber nicht in einem Turm mit Schlangen . Denn unter dir wird dein schwedisches Mädchen wohnen und über dir Holk . Ich denke , das wird dich beruhigen . Und jeden Morgen , wenn du ans Turmfenster trittst , hast du den schönsten Blick auf See und Stadt und auf den Schloßhof und alles , was ihn umgibt , und wenn sich meine Wünsche erfüllen , so sollst du glückliche Stunden in deinem Turmverlies verleben ... Ich weiß auch schon , was ich dir als Julklapp beschere . « Während sie noch so sprachen , waren sie bereits bis weit über die Nordostecke des Fure-Sees hinaus und näherten sich auf der fast gradlinigen Chaussee , deren Ebereschenbäume hier und da noch in roten Fruchtbüscheln standen , mehr und mehr dem Ziel ihrer Reise : Schloß Frederiksborg . Was zunächst sichtbar wurde , war freilich nicht das Schloß selbst , sondern das dem Schlosse vorgelegene Städtchen Hilleröd , und als sie bis dicht heran waren und schon zwischen den Mühlen und Scheunen des Städtchens hinfuhren , begann ein schwaches Schneetreiben . Aber eine Brise , die sich plötzlich aufmachte , vertrieb die Schneeflocken wieder , und als der Wagen der Prinzessin auf den Hilleröder Marktplatz hinauffuhr , klärte sich ' s mit einem Mal auf , und ein Stück blauer Himmel wurde sichtbar , darunter ein verblassendes Abendrot . Inmitten dieses