Weil ich ihn selber noch nicht weiß . Und der Vater hat auch gar nicht danach gefragt . Aber nun wird es freilich Zeit damit , wenn wir nicht mit einem Namenlosen in Nogat-Ehre einfahren wollen . « » Ich heiße Lehnert Menz . « » Ein hübscher Name « , sagte Toby . Ruth nickte zustimmend . Aber gleich danach schien sie wieder wie wankend und schwankend zu werden und setzte hinzu : » Ja , hübsch . Aber was ist Lehnert ? Ist es ein Kalendername ? « » Freilich ist er . Und du solltest ihn kennen . Lehnert ist Lienhardt . Lienhardt und Gertrud wirst du doch noch nicht ganz vergessen haben . « » Nein , gewiß nicht . Und war die schönste Geschichte , die wir als Kinder gelesen haben . Und der Vater kam oft dazu , wenn die Mutter sie vorlas , und nur Maruschka schlief immer ein und wurd erst wach , wenn ich sie mit dem Grashalm kitzelte . Ja , Lienhardt und Gertrud , das kenn ich , das war schön , wenn ich auch , offen gestanden , nichts Rechtes mehr davon weiß , und wenn Lienhardt und Lehnert ein und dasselbe sind , dann gefällst du mir noch besser . Und wenn du so bist wie Lienhardt , denn soviel weiß ich noch , daß er gut war , da wollen wir gute Freunde werden . « Neunzehntes Kapitel Als Ruth noch sprach , passierte man einen Brückenbogen und bog jenseits desselben in einen breiten , mit jungen Akazien besetzten Weg ein , zu dessen einer Seite ein von den Bergen kommender Bach schäumte , während sich an der anderen Seite die Gehöfte der Mennonitenkolonie hinzogen . Man war in Nogat-Ehre . Soviel Lehnert im Passieren der langen Dorfstraße wahrnehmen konnte , schienen die Gehöfte von ziemlich gleichem Aussehen und bestanden aus einem einstöckigen Fachwerkwohnhaus , das mit breiter Front auf die Straße blickte , während die großen Stallgebäude quer standen und mit ihren Giebeln ( statt mit der Front ) auf die Straße sahen . Einige hatten vor ihrer Tür eine mit Geißblatt und Pfeifenkraut umsponnene Gitterlaube , von der aus vier oder fünf Steinstufen zunächst auf den Akazienweg und dann bis zum Bach hinabführten , allen Häusern gemeinsam aber war ein von einem Staketenzaun eingefaßter Vorgarten , in dem , zwischen Taxus- und Buchsbaumrabatten , einige wenige Georginen , meist aber Malven und Sonnenblumen standen , ganz als ob es Gärten aus der Nogat- und Weichselniederung wären . Lehnert ging das Herz auf beim Anblick dieser einfachen Anlagen , die den aus Deutschland mitgebrachten Gartentypus mit soviel Vorliebe weiterpflegten , und wandte sich eben , um eine große Glaskugel und ein bemaltes Bienenhaus noch einmal flüchtig zu mustern , als er , als letztes in der Reihe , eines größeren Gehöftes ansichtig wurde . Täuschte nicht alles , so war dies das Gehöft , auf das Ruth , als sie noch durch die Felder fuhren , hingewiesen hatte . Ja , das mußt es sein ; da waren ja auch die hohen Pappeln , und wirklich , einen Augenblick später lenkte das Ponygefährt auf den etwas ansteigenden und fast eine Rampe bildenden Kiesweg hinauf und hielt nun vor dem Schwellstein eines ziemlich nüchtern wirkenden , weitschichtigen Hauses , das , zum Unterschiede von den anderen bis dahin passierten , ohne Staketenzaun und ohne Vorgarten war und durch seine Stille , seine hohen Fenster und nicht zum wenigsten durch ein paar gotische Holzverzierungen an ein halb kirchliches Gebäude gemahnte . » Hier sind wir « , sagte Toby , nahm seiner Schwester die Zügel aus der Hand und wartete , bis ein Knecht ( auch hier ein junger Cherokee ) vom Hof her erschien , dem er das Gespann übergeben konnte . Dann traten alle drei , von der Rampe her , in ein bis hoch hinauf mit Holz bekleidetes Treppenhaus , das durch die ganze Tiefe des Hauses lief . Ruth , als man bis an die gradlinig aufsteigende Treppe gekommen war , gab Lehnert zum Abschiede die Hand , wandte sich aber auf der dritten Stufe noch einmal und sagte : » Die Hauptsache nicht zu vergessen , Gott segne deinen Aus- und Eingang . « Und nun erst eilte sie rasch ihrer im Oberstock gelegenen Wohnung zu . Toby mußte lächeln , als er sah , wie Lehnert der Erscheinung nachblickte . Dann nahm er seinerseits Lehnerts Arm und sagte : » Nun komm , daß ich dich zu dem Vater führe ! « Das einen großen Flur bildende Treppenhaus hatte zu beiden Seiten Bänke , sonst war es ein leerer Raum , der , mit Ausnahme des Frontportals , nichts als drei Türen zeigte , von denen eine kleinere nach dem Hof hinausging , während zwei hohe Doppeltüren in die neben dem Treppenhause gelegenen Haupträumlichkeiten führten . Beide Doppeltüren standen in diesem Augenblick auf und gestatteten einen Blick nach rechts hin in einen Betsaal oder ein Tabernakel , nach links hin in eine hochgewölbte Halle . Diese Halle - von mächtiger Wirkung , trotzdem sie von kleineren Dimensionen als das Tabernakel war - mußte von jedem , der in Obadjas Wohn- und Arbeitszimmer wollte , passiert werden . Auch hier übrigens , in dieser geräumigen Halle , gab sich , ganz so wie draußen im Flur , alles aufs einfachste ; nur ein schwerer Eichentisch , um den einige Stühle standen , zog sich durch den nahezu schmucklosen und nur mit einem Geweihkronleuchter ausstaffierten Fest- und Speiseraum , dem ein großer , an der einen Schmalseite befindlicher Silber- und Geschirrschrank zugleich als Anrichtetisch diente . Des weiteren aber lief , quer durch den Raum hin , eine Matte von Kokosfaser auf eine kleine Tür zu , deren gobelinartige Portiere Toby jetzt zurückschlug . Und nun ließ er Lehnert vorgehen und folgte . Wenn das Treppenhaus schattig und die Halle beinah dunkel gewesen war , so war hier alles hell , denn ein breiter Lichtstreifen fiel durch ein Giebelfenster von beträchtlicher Höhe ; neben diesem Fenster aber , und von seinem Lichte noch halb umschienen , saß Obadja bei seiner Korrespondenz , die , sorglich von ihm unterhalten , nach den verschiedensten Teilen der Union , ganz besonders aber nach Kansas und Dakota ging . Als er hörte , daß wer eingetreten war , wandt er sich , indem er einfach den Stuhl drehte , der Tür zu , blieb aber sitzen . » Lieber Vater « , sagte Toby , » hier bring ich dir Mister Lehnert Menz . « » Lehnert Menz « , wiederholte ruhig und freundlich der Alte . » Hab ich recht verstanden ? « » Zu Befehl « , sagte Lehnert . Obadja lächelte , weil er sich , aus lang zurückliegenden Zeiten her , dieser preußisch-militärischen Form der Bejahung erinnerte . » Nun , Mister Lehnert « , fuhr er fort , » Ihr wollt es also mit uns versuchen ? Toby hat mir davon erzählt . Und hat mir auch erzählt , daß Ihr ein Zeichen darin sähet , daß sich unsere Wege vor Jahren schon einmal gekreuzt haben . Und darin habt Ihr recht , denn es gibt solche Zeichen , so gewiß es eine Vorbestimmung und eine Gnadenwahl gibt . Und das ist unser aller Hoffnung , ein solch Erwählter zu sein . Aber , Toby , nun sorge vor allem für einen Imbiß , und wenn du Maruschka nicht findest , die wohl schon ihre Vormittagsruhe halten wird - es ist unsere älteste Dienerin und Freundin , und wir müssen ihr etwas zugute halten - , so sag es der Mistress Kaulbars . Es wird ohnehin Zeit , daß wir ihr das Küchenwesen anvertrauen , auf das sie sich jedenfalls besser versteht , schon weil sie noch jung und noch bei Kräften ist . Aber nun , Mister Lehnert , nehmt einen Stuhl und rückt hier heran und setzt Euch ins Licht , daß ich Euch besser sehen kann . Es geht noch mit allem sonst , des Barmherzigen Gnade sei dafür gepriesen , aber mit dem Sehen will es nicht mehr recht . Und ich sehe doch jedem gern ins Auge . Das Auge sagt noch mehr als die Stimme . « Lehnert tat , wie ihm geheißen , und erwartete nun , daß ein Fragen und Katechisieren beginnen werde , ja mehr , es lag ihm daran , es war geradezu sein Wunsch . All die Zeit über hatte seine Tat auf seiner Seele gelastet , und er sehnte sich danach , alles herunterzubeichten und in dieser Beichte Trost und Erleichterung finden zu können . Aber von dieser Erwartung erfüllte sich nichts , und wenn ihm auch nicht entging , daß Obadja , wie zufällig , seine Hand nahm und ihn dann von der Seite her ansah , so konnt ihm doch noch weniger entgehen , daß jede direkte Frage nach Leben und Vergangenheit mit Absicht vermieden wurde . » Ich höre von meinem Sohne Toby « , nahm er nach einer Weile wieder das Wort , » daß Ihr ein Preuße seid , also , meiner Geburt nach , ein Landsmann von mir und jedenfalls ein Landsmann meiner zwei ältesten Söhne , die diesem neuen Lande wieder den Rücken gekehrt haben und lieber drüben sind als hier . Und vielleicht haben sie recht getan . Denn die Freiheit , deren wir uns hier rühmen und freuen , ist ein zweischneidig Schwert , und die Despotie der Massen und das ewige Schwanken in dem , was gilt , erfüllen uns , sosehr ich die Freiheit liebe , mit einer Unruhe , die man da nicht kennt , wo stabile Gewalten zu Hause sind . « Lehnerts Auge sagte , daß er dem eben Gehörten zustimme , während der Alte selbst in dem ihm eigenen lehrhaften Tone fortfuhr : » Aber das alles sind Fragen , die für mich zu spät kommen . Ich gehöre jetzt diesem Lande , dem ich für so vieles zu Danke verpflichtet bin , von ganzem Herzen an , und ich zahl ihm meinen Dank am besten , indem ich ihm nach meiner Kraft diene . Der aber macht sich am nützlichsten , der arbeitet und vordringt und aufschließt und den Wald und das Heidentum ausrodet und den Glauben an Jesum Christum , unsern Erlöser , an seine Stelle setzt . Ja , Lehnert Menz , der dient ihm am besten , der in der Arbeit steht und Ordnung hält . Und Ordnung und Arbeit , worauf es ankommt , die sind in dem Lande drüben , drin wir beide geboren wurden , recht eigentlich zu Haus , und um dieser Tugenden und vor allem auch um der Nüchternheit willen sind mir die Preußen die liebsten und sind mir die nutzbarsten Mitarbeiter am Werk . Das verdanken sie , von alter Zeit her , ihren Fürsten und Königen , die sich selbst immer mit Stolz die ersten Diener , das will sagen die fleißigsten Arbeiter , ihres Landes genannt haben , und verdanken es ihren Schulen und ihrer guten Zucht und Sitte . « Hier unterbrach sich Obadja , wie sich Prediger in ihrer Predigt unterbrechen , um nach einiger Zeit einen neuen Anlauf zu nehmen , und Lehnert schwieg , weil er fühlte , daß jetzt ein Übergang kommen müsse . Und der kam denn auch wirklich . » Ihrer guten Zucht und Sitte « , wiederholte Obadja . » Und diese gute Zucht und Sitte hat auch der gute Mister Kaulbars , der jetzt meiner gesamten Wirtschaft als ein Verwalter und Hausmeier vorsteht . Er ist ein ehrlicher Mann , ohne Lug und Trug , ein treuer Arbeiter und prompt in der Erfüllung seiner Pflichten und hat , was ihn meinem Herzen am nächsten stellt , die rechte Freud und Lust an dem Segen Gottes als solchem , und eine Ernte zugrunde gehen zu sehen , das wurmt ihn und quält ihn , auch wenn jeder Halm versichert ist . Es ist ihm nicht um den Gewinn bloß , es ist ihm um den Segen , den er nicht missen will . Ja , so ist dieser Mister Kaulbars , den ich , solang ich noch in der Arbeit steh und hienieden ein Knecht meines Gottes bin , in Ehren zu halten gedenke . Aber Euer Landsmann ist ein Eigensinn und ein Besserwisser , der sich dem neuen Lande , drin er nun lebt , nicht anbequemen und alles nach der Weise seiner alten Heimat anordnen und regeln will . Er gehorcht wohl , weil er im Gehorsam erzogen ist , aber es ist ein toter Gehorsam , und ein toter Gehorsam ist unfruchtbar , nicht bloß in Herz und Seele , sondern auch auf dem Arbeitsfelde draußen , und so schädigt er mich , ohne es zu wollen , und mindert mein Gut , das ich , dies darf ich sagen , nicht ansammle zu meiner und meines Hauses , wohl aber zu Gottes und seiner Heiligen Ehre . Dem will ich abhelfen , da will ich Wandel schaffen , und dessen verseh ich mich von Euch . Ich hab in Eurem Auge gelesen , und ich kenne Euch nun : Ihr habt einen Ehrgeiz , und es lastet was auf Eurer Seele , das hat Euch bis diese Stunde durch die Welt getrieben , und sehe das Zeichen auf Eurer Stirn . Aber ich weiß auch , daß Ihr ein tapferes Herz habt und einen Edelsinn , der sich nicht verleugnet , wo Liebe ihn pflegt . Und diese Liebe soll Euch werden . Getröstet Euch dessen . Keiner , der unter dieses Dach getreten , ist ungetröstet von dannen gegangen . Im Namen dessen , der die Liebe war , ruf ich Euch zu : Kommt her zu mir , die ihr mühselig und beladen seid ! Lehnert Menz , deine Last soll von dir genommen werden . Ich segne dich ... « Und Lehnert , während er den Kopf neigte , fühlte , wie die Hand Obadjas seinen Scheitel berührte . Zwanzigstes Kapitel Nebenan , in der großen Halle , war inzwischen für Lehnert ein Frühstück aufgestellt worden , und zwar durch Frau Rosalie Kaulbars in Person , die , weil sie der Umsicht des kleinen Cherokeemädchens mißtrauen mochte , nicht nur alles Nötige selbst herzugetragen , sondern dem angerichteten Frühstückstisch auch noch eine der preußisch-heimischen Art entsprechende Ausschmückung gegeben hatte . So kam es , daß sich , um gleich die Hauptsache zu nennen , um die Kufe mit saurer Milch ein blühender Lindenzweig legte . Eier in der Schale samt Schinken vervollständigten das einfache Mahl , dem anfänglich , einigermaßen aus der Rolle fallend , auch noch eine halbe Wassermelone beigegeben war , bis der zufällig vom Felde hereingekommene Mister Kaulbars gegen solche Zusammenstellung remonstriert hatte . » Was denkst du denn eigentlich , Röse ? Soll er hier gleich mit Kullern und Schneiden anfangen ? « Das war voraufgegangen . Als aber Lehnert aus Obadjas Zimmer trat , lag nicht nur das Zwiegespräch der Kaulbarsschen Eheleute um einige Minuten zurück , sondern auch das Ehepaar selbst hatte sich , um nicht neugierig zu scheinen , aus der Halle wieder in die Wirtschaftsräume des abgetrennt stehenden Quergebäudes zurückgezogen . Statt ihrer waren jetzt Ruth und Toby da , mit ihnen Uncas , ein wundervoller , schwarz und weiß gefleckter Neufundländer , der seine Herrin Ruth auf Schritt und Tritt zu begleiten pflegte . Toby ging Lehnert entgegen , um ihn , die Honneurs des Hauses machend , bis an die Schmalseite des Tisches zu führen , wo gedeckt war . » Stören wir dich , wenn wir uns zu dir setzen ? « fragte Toby . Lehnert suchte nach einer Antwort , aber er fand sie nicht . Er war wie benommen von dem allem . Das war mehr Liebe , als er sich in seinem ganzen dreiunddreißigjährigen Leben zusammenrechnen konnte . Er legte die Hand auf die Stuhllehne , drin ein Kleeblatt eingeschnitten war , und faltete die Hände zum ersten Male seit vielen Jahren . Dabei war ihm , als flimmere was vor seinen Augen . Die Geschwister schwiegen und sahen ihm bewegt zu . Als sie aber wahrnahmen , daß er sich wieder gesammelt hatte , sagte Toby : » Nun also , Lehnert , wir bleiben und leisten dir Gesellschaft . Sieh nur , Uncas schließt auch Freundschaft mit dir . Nicht wahr , Ruth , das bedeutet was ? Er ist sehr wählerisch und hält nicht gleich zu jedem . « Lehnert nahm von der Milch und brach dann , um sie sich vorzustecken , einige Blüten von dem Lindenzweig ab , und Ruth sah wohl , daß ihn dieser Zweig ganz besonders erfreut hatte . » Das dankst du dem Mister Kaulbars und seiner Frau « , sagte Ruth . » Die sagten , das sei so Sitte drüben . Und da bin ich selber gegangen und habe den Zweig gepflückt und um die Milchkufe gelegt , aber , die Wahrheit zu gestehen , doch nur mit halber Freude . Denn die Kaulbarse , besonders aber er , wollen alles preußisch machen , und wenn ich denke , daß du nun auch ein Landsmann von ihnen bist , so beschleicht mich eine kleine Furcht , daß wir hier eine preußische Kolonie werden . « » Das hat gute Wege « , lachte Lehnert , » ich habe das Alte drüben gelassen . « » Ja « , fuhr Ruth fort , » das sagen alle , die herüberkommen , und auch die Kaulbarse haben so was gesagt ; aber eigentlich halten sie fest am alten , und da macht keiner eine Ausnahme , nicht einmal Monsieur L ' Hermite , der freilich nicht am alten hängt , aber doch an seinen alt mitgebrachten Ideen , und sich dabei einbildet , was mindestens ebenso schlimm ist , der Neueste der Neuen zu sein . « » Und soll er es nicht ? « warf Toby ein . » Ist er nicht der Allerneuesten einer ? Ist er nicht ein Kommunard ? Und wenn du von Furcht redest , von Furcht vor Lehnert und vor den Preußen , warum , wenn du doch von ebenso schlimm sprichst , warum fürchtest du dich nicht vor Monsieur L ' Hermite und seiner Kommune ? « » Weil ich nicht an sie glaube . « » Wie kannst du das sagen , Ruth ! Das ist Torheit . Warum glaubst du nicht an sie ? « » Weil sie für uns ein Märchen ist . « » Ein schönes Märchen ! Rotkäppchen ist mir lieber . « » Da triffst du ' s freilich « , lachte Ruth und war froh , von einem Gespräche loszukommen , das ganz gegen ihren Willen ins Politische hineingeraten war . Und nun tat sie noch ein paar Fragen , und als Lehnert mittlerweile sein Mahl beendet hatte , wandte sie sich wieder an den Bruder und sagte : » Nun aber ist es Zeit , Toby , daß wir Mister Lehnert auf sein Zimmer führen . « Alle drei stiegen treppauf . Toby führte , während Ruth , im Geplauder mit Lehnert , folgte . Der Oberstock war von ganz anderer Einrichtung als das im wesentlichen nur aus Treppenhaus , Betsaal und Halle bestehende Erdgeschoß , und wenn dieses letztere , mit Ausnahme von Obadjas Wohnzimmer , lediglich kirchlichen Zwecken oder gelegentlicher gesellschaftlicher Repräsentation diente , so diente das , was eine Treppe hoch lag , dem häuslichen Leben , der Gemütlichkeit , der Familie . Beide Hälften des Oberstockes , zwischen ihnen ein großer quadratischer Flur , waren durch einen schmalen Mittelgang wieder in eine Reihe verschiedenster Vorder - und Hinterzimmer geteilt , von denen alles Linksseitige von Maruschka , Ruth und Toby bewohnt wurde , während alles an der entgegengesetzten Seite Gelegene die Gast- und Fremdenzimmer umschloß . Eines derselben war für Lehnert bestimmt worden und lag dem Zimmer gegenüber , das von Monsieur L ' Hermite bewohnt wurde . Ruth , als man oben war , ging , sich verabschiedend , nach links hin den Gang hinunter , während Toby Lehnerts Hand nahm und ihn , nach der anderen Seite hin , auf einen in Dämmerlicht daliegenden Korridor zuführte . Nur am Ende desselben war ein Lichtschein . Dieser kam aus Monsieur L ' Hermites Zimmer , das meist offenstand und dem Korridor nicht bloß einiges von seiner Helle , sondern , nicht eben zur Freude der anderen Hausbewohner , auch viel von dem » Korporal « mitteilte , da beständig darin geraucht wurde . Lehnert , als er bis heran war , warf einen Blick in das Zimmer hinein und sah hier einen hageren Mann von Mitte Fünfzig , mit Zwickelbart und Käppi , der , an einem Schraubstock eifrig beschäftigt , eben in einem scharfen Profile sichtbar wurde . Auch L ' Hermite sah von der Arbeit auf und schob das Käppi nach hinten , was einen Gruß bedeuten , aber auch bloße Neugier sein konnte . Weiter darüber nachzudenken verbot sich , denn Toby hatte mittlerweile die gerad gegenüber gelegene Tür geöffnet und trat ein , während Lehnert folgte . » Das ist nun also dein Heim , Lehnert , das dir eine Friedensstätte werden möge . So soll ich dir im Auftrage des Vaters sagen . Er hat dies Zimmer für dich ausgesucht , weil er meint , die Berge drüben würden dich freuen . « » Das werden sie ; danke deinem Vater dafür ! Und nun sage du mir , wie hab ich mich drüben zu meinem Nachbar zu stellen ? Er ist ein Franzose ? « » Ja . Von Geburt . Aber es ist sein nicht geringer Stolz und , wie du bald erfahren wirst , auch sein Lieblingsthema , die nationalen Vorurteile hinter sich zu haben . Er war , wie du vorhin schon aus unserem Gespräche gehört haben wirst , ein Mitglied der Kommune , ja mehr , ein Führer derselben , und hat den Erzbischof von Paris erschießen lassen und sollte dann später selbst erschossen werden . Nur durch ein Wunder kam er mit dem Leben davon . All das sind Dinge , wovon ich dir ( wenn er ' s nicht selber tut ) ein andermal erzählen werde . Heute nur das noch , daß er deinen Frieden nicht stören wird , höchstens deine nächtliche Ruhe . Denn er ist ein unruhiger Geist , den mitunter die Lust anwandelt , ein paar Stunden in der Nacht zu plaudern . Vielleicht ist es auch sein Gewissen , was ihn wach hält . Und dann wankt er durch das Haus und weckt jeden , und einmal war er selbst bei dem Vater . Und dann spricht er wie irr und deklamiert lange Gedichte vom Menschengeist , der seine letzten Fesseln abwerfen müsse . « » So nehmt ihr ihn also einfach als einen Irren ? « » O nein , durchaus nicht ; er ist nicht irr , im Gegenteil , er ist grundgescheut und kann alles und weiß alles . Er hat nur eine Menschheitsbeglückungsidee , der er alles opfert , und am liebsten einen Erzbischof , einen Empereur , einen Papst . In seinen Ideen ist er ein Fanatiker und tut das Äußerste , sonst aber ist er wie ein Kind . Er ist der Friedliebendste von uns allen , und es ist rührend , ihn zu sehen , wenn er Ruth sieht . Dann verklärt sich sein Gesicht , und ich glaube , wenn sie ' s beföhle : so ging ' er nach Neu-Kaledonien und Numea zurück . Von da floh er nämlich und kam bis hierher . Aber was sprech ich nur von Monsieur L ' Hermite . Du wirst ihn kennenlernen , und unter allen Umständen ist er kein Gesprächsstoff für deinen Einzug an dieser Stelle . Denn es ist Blut an seinen Händen , ungesühntes Blut . « Lehnert , als Toby so sprach , brannte der Boden unter den Füßen , und es war ihm , als ob er fliehen müsse . Toby aber , völlig ahnungslos , welche Wirkung seine harmlos hingesprochenen Worte hervorgerufen hatten , trat in diesem Augenblick an ein mit allerhand Matten und Kissen belegtes , zugleich als Sofa dienendes Bambusgestell und sagte , während er auf zwei darüber aufgehängte Bildchen in schwarzem Rahmen hinwies : » Das ist der Remter in Marienburg ... Und das hier ist Kloster Oliva . Kennst du sie ? Sie sind das einzig Preußische , was wir noch von alter Zeit her im Hause haben . « Es war nicht ohne Verlegenheit , daß Lehnert Namen und Dinge nennen hörte , die jenseits seiner Kenntnis lagen , es blieb ihm aber erspart , diese Nichtkenntnis bekennen zu müssen , denn Toby brach ab , ohne auf Antwort zu warten , und verließ das Zimmer . Als er schon draußen war , wandt er sich noch einmal zurück und sagte : » Ich hoffe , daß nichts fehlt . Wenn aber etwas fehlen sollte , hier ist der Knopf , auf den du drücken mußt ; es ist eine Drahtleitung , die wir Monsieur L ' Hermite verdanken . Monsieur L ' Hermite ist nämlich ein Erfindergenie ; nun , du wirst ihn ja kennenlernen . Und nun Gott befohlen . Ich will zu Ruth und ihr , wozu ich gestern nicht kam , von Galveston erzählen und von Edwin Booth , der von New York auf Gastspiel da war und volle Häuser machte . Good-bye ! « Und nun war Lehnert allein , ein Moment , nach dem er sich gesehnt hatte . Benommen von der Fülle von Eindrücken , die diese wenigen Stunden ihm gebracht hatten , ging er auf das mit Matten und Kissen überdeckte Lager zu , streckte sich nieder und schloß die Augen . Er wollte nicht sehen , um die Bilder seiner Seele desto deutlicher vor Augen zu haben . Da war der Alte , lächelnd , vornehm überlegen , ein wenig zu sehr Papst . Aber was bedeutete das , bei soviel Milde ! Dann trat Monsieur L ' Hermite vor ihn hin , das Käppi zurückgeschoben und das Gesicht über den Schraubstock gebeugt . Und dann wieder sah er Ruths halb noch kindliche Gestalt , und ein Gefühl unendlicher Sehnsucht ergriff ihn . Wonach ? Nach einer ihm verlorengegangenen Welt . Er sann nach , womit er Ruth vergleichen könne , verwarf aber alles wieder , bis ihm zuletzt die Worte Tobys gleich bei der Vorstellung wieder einfielen , und daß Monsieur L ' Hermite gesagt habe » un ange « . Ja , das war sie , ein Lichtstrahl . Und wenn seinem Leben ein solches Licht geleuchtet hätte , ja , wenn er nur gewußt hätte , daß es Erscheinungen wie diese gäbe ... Ja , dann ... Aber nun war es zu spät . Er stand auf und hielt in dem Zimmer Umschau . Schlicht und sauber war alles . Alle Stühle von Bambus ( sogar der Schaukelstuhl am Fenster ) und am Pfeiler daneben zwei Stiche : Washington und General Grant . Sonst nur noch ein Bett und ein Tisch und eine Bibel darauf . Und er nahm die Bibel , und der Gedanke kam ihm , er wollte sein Schicksal darin lesen , und ob er den Frieden finden würde . Und nun schlug er auf , es war ein Psalm , und las : » Zähle meine Flucht , fasse meine Tränen , ohne Zweifel , du zählest sie . Was können mir die Menschen tun ? Ich hoffe auf dich , du hast meine Seele vom Tode gerettet . « Er war tief ergriffen , und Tränen entstürzten seinem Auge . Dann schritt er auf das Fenster zu , öffnete beide Flügel und sah hinaus . Greifbar nah , so wenigstens erschien es ihm , zog sich das bis auf den Kamm hinauf mit Tannen und allen Arten von Nadelholz bestandene Gebirge , dazwischen aber schlängelte sich ein Weg hernieder , und wo der Weg ins Tal mündete , stand ein weißes Haus , zerfallen und ohne Dach , vordem ein Fort , das Fort O ' Brien . Darüber lag der blaue Himmel , und ein heller Wolkenstreifen zog den Kamm entlang , den an dieser Stelle nur ein einziges mächtiges Felsenstück überragte . » Das ist der Mittagsstein . « Und dann sah er wieder hinaus und suchte hinauf , ob er nicht noch andere Punkte zur Vergleichung und Erinnerung fände . Zuletzt aber ruhte sein Blick immer wieder bei dem weißen Haus unten am Abhang aus , und eine Stimme rief ihm zu , daß sich seine Geschicke dort erfüllen würden . Aber die Stimme sagte nicht , ob zu Glück oder Unglück . Einundzwanzigstes Kapitel Anderthalb Wochen waren um , und Lehnert hatte sich eingelebt . Er sah kein Regieren , und einfach ein Geist der Ordnung und Liebe sorgte dafür , daß alles nach Art eines Uhrwerks ging . Der Tag begann mit einer Andacht , die der Alte klug genug war , wenigstens als Regel , knapp und kurz einzurichten , weil er sich sagte , daß Ermüdung der Tod aller Erbauung sei . Gewöhnlich las er einen Psalm oder etwas aus der Patriarchengeschichte , wenn er nicht vorzog , an mehr oder weniger wichtige Tagesereignisse mit Spruch und Betrachtung anzuknüpfen . War dann unmittelbar nach der Andacht das Frühstück eingenommen , so gab er persönlich die Weisungen für den Tag , was er , gestützt auf eine genaue Kenntnis seines Grund und Bodens und andererseits auch mit Hilfe der ihm am Abend vorher durch Toby oder Kaulbars oder Lehnert erstatteten Rapporte , sehr wohl konnte . Begegnungen um die Mittagsstunde fielen aus , weil ein guter Imbiß entweder gleich mitgenommen oder auf die Felder hinausgeschickt wurde , was