in die Herzogtümer ein . Jetzt wird wieder ( zu Kopenhagen , 1658 ) ein Vertrag gemacht , worin dem Hause Holstein- Gottorp die Oberherrschaft über den schleswigschen Anteil zugesichert wird , und da ist es endlich mit der dänischen Lehenshoheit vorbei . Auf ewig vorbei . Gott sei Dank Jetzt finde ich mich doch wieder zurecht . Was geschieht aber durch Patent vom 22. August 1721 ? Einfach dies : der gottorpsche Anteil von Schleswig wird der dänischen Monarchie einverleibt . Und am 1. Juni 1773 wird auch Holstein dem dänischen Königshause überlassen - das Ganze gilt nun als dänische Provinz . Das ändert die Sache : ich sehe schon - die Dänen sind im Recht . Aber doch nicht so ganz . Denn der wiener Kongreß von 1815 erklärt Holstein für einen Teil des deutschen Bundes . Dies aber wurmt die Dänen . Sie erfinden das Schlagwort : » Dänemark bis zur Eider « und streben nach der totalen Besitznahme des von ihnen » Südjütland « benannten Schleswig . Hier hingegen wird das » Erbrecht des Augustenburgers « als Losung gebraucht und zu deutschnationalen Kundgebungen benutzt . Im Jahre 1846 schreibt der König Christian einen offenen Brief , worin er die Integrität des Gesamtstaates als Ziel hinsetzt , wogegen die » deutschen Lande « protestieren . Zwei Jahre später wird vom Throne aus die völlige Vereinigung nicht mehr als Ziel , sondern als fait accompli verkündet , worauf in den » deutschen Landen « der Aufstand ausbricht Jetzt geht das Raufen los . Bald siegen die Dänen in diesem Gefecht , bald die Schleswig-Holsteiner in einem anderen . Dann mischt sich der deutsche Bund hinein . Die Preußen » nehmen « die Düppeler Höhen ; aber das macht dem Streit kein Ende . Preußen und Dänemark schließen Frieden ; Schleswig-Holstein muß nun allein gegen die Dänen kämpfen und wird bei Idstedt geschlagen . Der Bund verlangt nun von den » Aufständischen « , daß sie den Krieg einstellen . Was sie denn auch thun . Österreichische Truppen besetzen Holstein , und die zwei Herzogtümer werden getrennt . Wo ist nun das verbriefte » ewig zusammenbleiben « hin ? Aber noch immer ist die Angelegenheit nicht festgesetzt . Da finde ich ein Londoner Protokoll , vom 8. Mai 1852 ( gut , daß man das immer so ganz genau weiß , unter welchem Datum die zerbrechlichen Verträge gemacht wurden ) , welches die Erbfolge Schleswigs dem Prinzen Christian von Glücksburg sichert . ( » Sichert « ist gut . ) Jetzt weiß ich doch auch , woher die Benennung » Protokoll-Prinz « stammt . Im Jahre 1854 , nachdem jedes Herzogtum eine eigene Verfassung erhalten , werden sie beide » danisiert « . Aber 1858 muß die Danisierung Holsteins wieder aufgehoben werden . Jetzt ist diese geschichtliche Darstellung der Gegenwart schon ganz nahe gerückt , aber noch immer ist mir nicht klar , wo die zwei » Lande « rechtmäßig hingehören , und was eigentlich den Ausbruch des gegenwärtigen Krieges veranlaßt hat . Am 18. November 1858 wird das famose » Grundgesetz für die gemeinschaftlichen Angelegenheiten Dänemarks und Schleswigs « vom Reichsrat genehmigt . Zwei Tage darauf stirbt der König . Mit ihm erlischt wieder einmal eine Linie - nämlich die Linie Holstein-Glückstadt , und als der Nachfolger des Monarchen das zwei Tage alte Gesetz bestätigt , erscheint Friedrich von Augustenburg ( diese Linie hätte ich beinahe vergessen ) auf dem Plan , erhebt seine Ansprüche und wendet sich samt der Ritterschaft um Beistand an den deutschen Bund . Dieser läßt sofort durch Sachsen und Hannoveraner Holstein besetzen und proklamiert den Augustenburger zum Herzog . Warum ? Damit sind aber Preußen und Österreich nicht einverstanden . Warum ? Das verstehe ich heute noch nicht . Es heißt , das Londoner Protokoll müsse respektiert werden . Warum ? Sind denn Protokolle über Dinge , die einem absolut nichts angehen , gar so respektabel , daß man sie mit dem Blut der eigenen Söhne verteidigen muß ? Da steckt wohl wieder irgend eine verborgene » Staatsraison « dahinter ... Als Dogma muß man festhalten : Was die Herren am grünen Diplomatentisch entscheiden , das ist die höchste Weisheit und bezweckt die größtmögliche Förderung der vaterländischen Machtstellung . Das Londoner Protokoll vom 8. Mai 1852 mußte aufrecht erhalten , aber das Kopenhagener Grundgesetz vom 13. Januar 1863 mußte aufgehoben werden , und zwar binnen vierundzwanzig Stunden . Daran hing Österreichs Ehre und Wohl . Das Dogma war ein bischen schwer zu glauben ; aber in politischen Dingen , beinahe noch williger als in religiösen , läßt sich die Masse von dem Prinzip des quia absurdum lenken ; auf das Verstehen und Begreifen wird von vornherein verzichtet . Ist das Schwert einmal gezogen , dann bedarf es nichts mehr , als des Rufes » Hurrah « und des heißen Siegesdranges . Dazu ruft man nur noch den Segen des Himmels auf den Kampf herab . Denn soviel ist gewiß : dem lieben Gott muß daran gelegen sein , daß das Protokoll vom 8. Mai eingehalten und das Gesetz vom 13. Januar zurückgenommen werde ; er muß es so lenken , daß genau so viele Menschen verbluten und Dörfer verbrennen , als es erforderlich ist , damit die Linie von Glückstadt oder die von Augustenburg über ein gewisses Stück Erde regiere ... O du thörichte , grausame , gedankenlose , gängelbandgeführte Welt ! Das war das Ergebnis meiner Geschichtsstudien . Vom Kriegsschauplatze her kamen gute Nachrichten . Die Verbündeten siegten Schlag auf Schlag . Nach den ersten Gefechten schon mußten die Dänen das ganze Danewerk räumen ; Schleswig und Jütland bis Limfjord wurde von den Unseren besetzt und der Feind behauptete sich nur noch in den Düppeler Schanzen und auf Alsen . Das wußte ich alles so genau , weil auf den Tischen wieder die stecknadelbespickten Landkarten auflagen , auf welchen die Bewegungen und Stellungen der Truppen , je nach den einlaufenden Berichten , markiert wurden . » Wenn wir jetzt auch noch die Düppeler Schanzen nehmen , oder wenn wir gar Alsen erobern , « sagten die Olmützer Bürger ( denn niemand spricht so gern von den kriegerischen Thaten per » wir « als diejenigen , welche niemals dabei waren ) , » dann sind wir fertig ... Jetzt zeigen doch wieder unsere Österreicher , was sie können . Auch die braven Preußen schlagen sich prächtig - die beiden miteinander sind natürlich unüberwindlich . Das Ende wird sein , daß ganz Dänemark erobert und dem deutschen Bunde zugeteilt wird - ein glorreicher , glückbringender Krieg ! « Auch ich wünschte jetzt nichts sehnlicher , als die Erstürmung von Düppel - je früher , je lieber - denn diese Aktion würde doch entscheidend sein und der Schlägerei ein Ende machen . Hoffentlich ein Ende machen , ehe Friedrichs Regiment Marschbefehl erhielt . O dieses Damoklesschwert ... Jeden Tag beim Erwachen fürchtete ich mich , daß die Nachricht gebracht werde : » Wir marschieren ab ! « Friedrich war gefaßt darauf . Er wünschte es nicht , aber er sah es kommen . » Gewöhne Dich an den Gedanken , Kind , « sagte er mir . » Gegen die unerbittliche Notwendigkeit hilft kein Sträuben . Ich glaube nicht , selbst wenn Düppel fällt , daß der Krieg darum zu Ende sein wird . Die ausgesandte Doppelarmee ist viel zu klein , um den Dänen eine Entscheidung aufzuzwingen ; wir werden noch bedeutenden Nachschub schicken müssen - und da wird auch mein Regiment nicht verschont bleiben . « Schon dauerte dieser Feldzug über zwei Monate , und noch kein Resultat . Wenn sich die grause Partie doch in einem Kampfe entscheiden wollte , wie bei dem Duell . Aber nein : ist eine Schlacht verloren , so wird eine zweite geliefert ; muß eine Position aufgegeben werden , so wird eine andere behauptet , und so fort bis zur Vernichtung des einen oder des anderen Heeres , oder zur Erschöpfung beider ... Am 14. April endlich wurden die Düppeler Schanzen erstürmt . Die Nachricht ward mit einem Jubel aufgenommen , als wäre hinter diesen Schanzen das nunmehr eroberte Paradies gelegen . Man umarmte sich auf den Straßen : » Sie wissen schon ? Düppel ! ... O unser tapferes Heer ... Eine unerhörte Großthat ! ... Jetzt danket alle Gott . « Und in sämtlichen Kirchen Absingung des Tedeums ; unter den Militärkapellmeistern emsiges Komponieren von » Düppelerschanzenmarsch « , » Sturm von Düppel-Galopp « und so weiter . Die Kameraden meines Mannes und deren Frauen hatten zwar einen Tropfen Bitterkeit in ihrem Freudenbecher ; nicht dabei gewesen zu sein ... bei einem solchen Triumph fehlen zu müssen - solches » Pech « ! Mir verursachte dieser Sieg eine große Freude ; denn gleich darauf trat in London eine Friedenskonferenz zusammen und vermittelte einen Waffenstillstand . Welches freie Aufatmen dieses Wort » Waffenstillstand « doch gewährt ! ... Wie müßte die Welt erst aufatmen - dachte ich damals zum erstenmal - wenn es allenthalben hieße : die Waffen nieder - auf immer nieder ! Ich trug das Wort in die roten Hefte ein . Daneben aber schrieb ich verzagt , zwischen Klammern : » Utopia « . Daß der Londoner Kongreß dem schleswig-holsteinschen Kriege ein Ende machen würde , daran zweifelte ich gar nicht . Die Verbündeten hatten gesiegt , die Düppeler Schanzen waren genommen - diese Schanzen hatten in letzter Zeit eine so große Rolle gespielt , daß mir deren Einnahme als endgültig entscheidend erschien - wie wollte Dänemark jetzt noch weiter sich behaupten ? Die Verhandlungen zogen sich unglaublich lange hin . Dies wäre mir eine Qual gewesen , wenn ich nicht von allem Anfang an die Überzeugung gehabt hätte , daß das Ergebnis ein befriedigendes sein müsse . Wenn die Vertreter mächtiger Staaten , dabei vernünftige , wohlmeinende Leute , sich zusammenthun , um ein so wünschenswertes Ziel zu erreichen , wie Friedensschließung , wie könnte das mißlingen ? Desto entsetzlicher war meine Enttäuschung , als nach zwei Monate lang geführten Debatten die Nachricht eintraf , daß der Kongreß unverrichteter Dinge wieder auseinandergehe . Und zwei Tage später kam für Friedrich - der Marschbefehl ! Zur Vorbereitung und zum Abschied hatte er vierundzwanzig Stunden Zeit . Und ich war auf dem Punkte , niederzukommen . In der toddräuenden , schweren Stunde , wo eines Weibes einziger Trost darin besteht , den geliebten Mann neben sich zu haben , würde ich allein bleiben müssen - allein mit dem über alles bangen Bewußtsein , daß der geliebte Mann in den Krieg gegangen - wissend , daß es ihm ebenso schmerzlich sein mußte , in solcher Stunde seine arme Frau zu verlassen , als es mir schmerzlich sein würde , ihn zu missen ... Es war am Morgen des 20. Juni . Alle Einzelheiten dieses denkwürdigen Tages sind mir eingeprägt geblieben . Draußen herrschte drückende Hitze und um diese auszuschließen , waren die Rollvorhänge in meinem Zimmer herabgelassen . In leichte und lose Gewänder gehüllt , lag ich ermattet auf der Chaiselongue . Ich hatte die Nacht ziemlich schlaflos verbracht , und jetzt hatte mir ein traumhafter Halbschlummer die Augen geschlossen . Neben mir , auf einem Tischchen , stand eine Vase mit stark duftenden Rosen . Durch das offene Fenster drang der Ton entfernter Trompetenübungen herein . Das alles wirkte einschläfernd , dennoch hatte mich das Bewußtsein nicht ganz verlassen . Nur die eine Hälfte davon - die Sorgenhälfte - war mir geschwunden . Die Kriegsgefahr und die mir bevorstehende Gefahr hatte ich vergessen ; ich wußte nur , daß ich lebte , daß die Rosen - nach dem Rhythmus des Reveille-Signals - betäubend süße Düfte hauchten ; daß mein geliebter Mann jede Minute hereinkommen konnte und , wenn er mich schlafen sähe , nur ganz leise träte , um mich nicht zu wecken . Und richtig : im nächsten Augenblick öffnete sich die mir gegenüberliegende Thüre . Ohne die Lider zu heben - nur durch eine linienbreite Spalte unter den Wimpern - konnte ich sehen , daß es der Erwartete war . Ich machte keinen Versuch , mich aus meinem Halbschlummer herauszureißen - dadurch hätte ich möglicherweise das ganze Bild verscheuchen können , denn vielleicht war die Erscheinung an der Thür nur ein fortgesetzter Traum , und vielleicht träumte ich nur , daß ich die Lider linienbreit geöffnet ... Jetzt schloß ich dieselben ganz und gab mir Mühe , weiter zu träumen , daß der Teuere näher kommt - sich herabbeugt und mir die Stirne küßt ... So geschah es auch . Dann kniete er neben mein Lager nieder und blieb eine Weile regungslos . Noch immer dufteten die Rosen und trarate das ferne Hornsignal ... » Martha , schläfst Du , « hörte ich ihn leise fragen . Da schlug ich die Augen auf . » Um Gotteswillen , was ist ' s ? « rief ich , zu Tode erschreckt - denn das Antlitz des an meiner Seite knieenden Gatten war von so tiefer Trauer übergossen , daß ich mit einemmal erriet , es sei ein Unglück hereingebrochen . Statt zu antworten , legte er sein Haupt an meine Brust . Ich wußte alles : Er muß fort ... Ich hatte den Arm um seinen Hals geschlungen und so blieben wir beide eine Zeit lang stumm . » Wann ? « fragte ich endlich . » Morgen früh - « » O mein Gott - mein Gott ! ! « » Fasse Dich , meine arme Martha - « » Nein , nein , laß mich jammern ... Mein Unglück ist zu groß - und ich weiß - ich seh ' Dir ' s an : das Deine auch . So viel Schmerz , wie ich vorhin in Deinen Zügen gelesen , habe ich noch in keines Menschen Angesicht gesehen . « » Ja , mein Weib - ich bin unglücklich . Dich jetzt lassen zu müssen , in einer solchen Zeit - « » Friedrich , Friedrich , wir sehen uns nimmer - ich werde sterben ... « Es war ein herzzerreißender Abschied , der diese letzten vierundzwanzig Stunden füllte ... Das war nun das zweite Mal im Leben , daß ich einen teueren Gatten zu Felde ziehen sah . Doch unvergleichlich schwerer war diese zweite Losreißung , als die erste . Damals war meine und besonders Arnos Auffassung eine ganz andere , primitivere gewesen : ich hatte das Ausrücken als eine alle persönlichen Gefühle überwiegende Naturnotwendigkeit - er sogar als eine freudige Ruhmesexpedition betrachtet . Er ging mit Begeisterung , ich blieb ohne Murren . Noch haftete etwas von der Kriegsbewunderung an mir , die ich in meiner Jugenderziehung eingesogen ; noch fühlte ich dem Hinausstürmenden etwas von dem Stolze nach , welchen er angesichts der großen Unternehmung empfand . Aber jetzt wußte ich , daß der Scheidende eher mit Abscheu , denn mit Jubel an die Mordarbeit ging ; ich wußte , daß er das Leben liebte , welches er aufs Spiel setzen mußte ; daß ihm über alles - ja , alles , auch über die Rechtsansprüche des Augustenburgers - sein Weib teuer war , sein Weib , das in wenigen Tagen Mutter werden sollte . Während ich bei Arno die Überzeugung gehabt , daß er mit Gefühlen schied , um die er immerhin zu beneiden war , erkannte ich , daß bei dieser zweiten Trennung wir beide gleiches Mitleid verdienten . Ja , wir litten in gleichem Maße und wir sagten und klagten es einander . Keine Heucheleien , keine leeren Trostphrasen , keine Prahlworte . Wir waren ja eins und keines suchte das andere zu betrügen . Es war noch unser bester Trost , daß jedes seine Trostlosigkeit vom andern voll verstanden wußte . Die Größe des über uns hereingebrochenen Unglückes suchten wir durch keine konventionellen , patriotischen und heroischen Mäntelchen und Lärvchen zu verhüllen . Nein - die Aussicht , auf Dänen schießen und hauen zu dürfen , war ihm keine , gar keine Wettmachung des Leides , mich verlassen zu müssen ; im Gegenteile - eher eine Verschärfung : denn Töten und Zerstören widert jeden » Edelmenschen « an . Und mir war es kein , gar kein Ersatz für mein Leid , daß der Vielgeliebte etwa um eine Rangstufe vorrücken könnte . Und falls das Unglück der gefährlichen Trennung noch zum Unglück der ewigen Trennung sich steigerte - sollte Friedrich fallen - so war mir die Staatsraison , wegen welcher dieser Krieg geführt werden mußte , nicht im entferntesten erhaben und heilig dünkend genug , um solches Opfer aufzuwiegen . - Vaterlandsverteidiger : das ist der schön klingende Titel , mit welchem der Soldat geschmückt wird . Und in der That : was kann es für die Glieder des Gemeinwesens für eine edlere Pflicht geben , als die , die bedrohte Gemeinschaft zu verteidigen ? Warum aber bindet dann den Soldaten sein Fahneneid zu hundert anderen Kriegspflichten , als die der Schutzwehr ? Warum muß er angreifen gehen , warum muß er - wo dem Vaterlande nicht der mindeste Einfall droht - wegen der bloßen Besitz-und Ehrgeizstreitigkeiten einzelner fremder Fürsten , dieselben Güter - Leben und Herd - einsetzen , als ob es sich , wie es doch zur Rechtfertigung des Krieges heißt , um die Verteidigung des gefährdeten Lebens und Herdes handelte ? Warum mußte hier zum Beispiel das österreichische Heer ausziehen , um den Augustenburger auf das fremde Thrönchen zu setzen ? Warum - warum ? - das ist ein Fragwort , welches an Kaiser oder Papst zu richten , an sich schon hochverräterisch und lästerlich ist , welches dort als Irreligiosität und hier als Illoyalität gilt und welches nie beantwortet zu werden braucht ... Um zehn Uhr morgens sollte das Regiment ausrücken . Wir waren die ganze Nacht aufgeblieben . Nicht eine Minute des uns noch beschiedenen Zusammenseins hatten wir verlieren wollen . Es war so viel , was wir uns noch zu sagen hatten , und doch sprachen wir nur wenig . Küsse und Thränen waren es zumeist , welche beredter als alle Worte sagten : Ich hab ' Dich lieb und muß Dich lassen . Dazwischen fiel auch wieder ein hoffnungsvolles Wort : » Wenn Du wiederkommst « ... Es war ja möglich ... es kommen ja so viele heim . Doch sonderbar ! ich wiederholte : » Wenn Du wiederkommst « und bemühte mich , mir das Entzückende dieser Eventualität vorzustellen , aber vergebens : meine Einbildungskraft vermochte kein anderes Bild zu schaffen , als des Gatten Leiche auf der Wahlstatt oder mich selber auf der Bahre mit einem toten Kind im Arm ... Friedrich war von ähnlichen trüben Vermutungen erfüllt ; denn sein » Wenn ich wiederkomme « klang nicht aufrichtig , und häufiger sprach er von dem , was geschehen sollte , » wenn ich bleibe « . » Heirate kein drittes Mal , Martha ! Verwische nicht durch neue Liebeseindrücke die Erinnerungen dieses herrlichen Jahres ... nicht wahr , es ist eine glückliche Zeit gewesen ? « Wir ließen nun hundert kleine Einzelheiten , welche von unserer ersten Begegnung bis zu dieser Stunde sich uns eingeprägt hatten , an unserem Gedächtnis vorüberziehen . » Und mein Kleines , mein armes Kleines , das ich wohl nie an mein Herz drücken werde - wie soll es getauft werden ? » Friedrich oder Friederike . « » Nein - Martha ist schöner . Wenn es ein Mädchen ist , so nenne ich es mit dem Namen , den sein sterbender Vater zuletzt - « » Friedrich - warum sprichst Du immer vom Sterben ? Wenn Du wiederkommst ... « » Wenn ... « wiederholte er . Als der Tag zu grauen begann , fielen mir die thränenmüden Augen zu . Ein leichter Schlummer senkte sich auf uns beide ; mit verschlungenen Armen lagen wir da , ohne das Bewußtsein zu verlieren , daß dies unsere Scheidestunde war . Plötzlich fuhr ich auf und brach in lautes Stöhnen aus . Friedrich erhob sich rasch : » Um Gotteswillen , Martha , was ist Dir ? ... Doch nicht ? ... So sprich ... Etwa ? ... Ich nickte bejahend . War es ein Schrei , oder ein Fluch , oder ein Stoßgebet , das sich seinen Lippen entrang ? Er riß die Glocke und gab Alarm : » Augenblicklich zum Arzt , zur Wärterin ! « rief er der herbeigeeilten Dienerin zu . Dann warf er sich an meine Seite knieend nieder und küßte meine herabhängende Hand : » Mein Weib , mein alles ! ... Und jetzt - jetzt muß ich fort ! « Ich konnte nicht sprechen . Der heftigste physische Schmerz , den man sich vorstellen kann , wand und krümmte meinen Leib und dabei war das Seelenweh doch noch entsetzlicher , daß er » jetzt , jetzt fort mußte « und daß er darüber so unglücklich war ... Bald kamen die Gerufenen herbei und machten sich um mich zu schaffen . Zu gleicher Zeit mußte Friedrich die letzte Vorbereitung zum Abmarsch treffen . Nachdem er damit fertig geworden : » Doktor , Doktor , « rief er , den Arzt bei beiden Händen fassend , » nicht wahr - Sie versprechen mir - Sie bringen sie durch ? Und Sie telegraphieren mir heute noch dort- und dahin ? Er nannte die Stationen , welche er auf der Reise berühren sollte . » Und wenn eine Gefahr wäre ... Ach , was hilft ' s ? unterbrach er sich selber - » wenn auch die Gefahr die äußerste wäre , könnte ich denn zurück ? « » Es ist hart , Herr Baron , « bestätigte der Arzt . » Aber seien Sie unbesorgt - die Patientin ist jung und kräftig ... heut ' abend ist alles überstanden und Sie erhalten beruhigende Depeschen . « » Ja , Sie werden mir auf jeden Fall günstig berichten , da ja das Gegenteil nichts nützen könnte ... Ich will aber die Wahrheit ! Hören Sie , Doktor , ich verlange Ihren heiligsten Ehreneid darauf : die ganze Wahrheit ! Nur unter dieser Voraussetzung kann eine beruhigende Nachricht mich wirklich beruhigen - sonst halte ich alles für Lüge . Also schwören Sie . « Der Arzt leistete das verlangte Versprechen . » O , mein armer , armer Mann « - schnitt es mir durch die Seele . - » Wie , wenn du heute noch die Nachricht erhältst , deine Martha liege im Sterben und darfst nicht umkehren , ihr die Augen zuzudrücken ... Du hast wichtigeres zu thun : es gilt des Augustenburgers Thronansprüche . - Friedrich ! « rief ich laut . Er flog an meine Seite . Im selben Augenblick schlug die Uhr . Wir hatten nur noch ein paar Minuten Zeit . Aber auch um diese letzte Frist wurden wir betrogen , denn wieder erfaßte mich ein Anfall , und statt der Abschiedsworte konnte ich nur Schmerzenslaute ausstoßen . » Gehen Sie , Herr Baron , brechen Sie diesen Auftritt ab , « sagte der Arzt . » Solche Erregung ist für die Kranke gefährlich . « Noch ein Kuß und er stürzte hinaus ... mein Wimmern und des Doktors letztes nachklingendes Wort » gefährlich « gaben ihm das Geleite . In welcher Stimmung mag er wohl geschieden sein ? Darüber gab das Olmützer Lokalblättchen am nächsten Tage Bescheid : Gestern verließ das -te Regiment unter klingendem Spiel und mit flatternden Fahnen unsere Stadt , um sich in dem meerumschlungenen Bruderlanden grüne Lorbeeren zu holen . Helle Begeisterung erfüllte die Reihen , man sah den Leuten die Kampfesfreude aus den Augen leuchten u.s.w. , u.s.w. ... Friedrich hatte vor seiner Abreise noch an Tante Marie telegraphiert , daß ich ihrer Pflege bedürfe , und sie kam einige Stunden später bei mir an . Sie fand mich bewußtlos und in großer Gefahr . Mehrere Wochen schwebte ich zwischen Leben und Tod . Mein Kind war am Tage seiner Geburt gestorben . Der moralische Schmerz , den mir der Abschied von dem geliebten Manne verursacht hatte - gerade in dem Zeitpunkt , wo ich aller Kräfte bedurft hätte , um den physischen Schmerz zu bewältigen - durch den war ich widerstandsunfähig geworden , und es fehlte nicht viel , so wäre ich unterlegen . Meinem armen Manne mußte der Arzt , seinem eidlichen Versprechen gemäß , den traurigen Bericht schicken , daß das Kind gestorben und die Wöchnerin in Todesgefahr sei . Was die Nachrichten betraf , die von ihm anlangten , so konnten mir dieselben nicht mitgeteilt werden . Ich kannte niemand und delirierte Tag und Nacht . Ein sonderbares Delirium . Ich habe davon eine schwache Erinnerung in das zurückgekehrte Bewußtsein mit hinübergenommen - aber dies mit vernünftigen Worten wiederzugeben , wäre mir unmöglich . In dem anormalen Wirbel des fiebernden Hirns bilden sich eben Begriffe und Vorstellungen , für welche die dem normalen Denken angepaßte Sprache keine Ausdrücke hat . Nur so viel kann ich andeuten - ich habe das phantastische Zeug in die roten Hefte einzuzeichnen versucht - : daß ich die beiden Ereignisse , den Krieg und meine Niederkunft , miteinander verwechselte ; mir war , als wären Kanonen und blanke Waffen - ich fühlte deutlich die Bajonettstiche - das Werkzeug der Geburt und als läge ich da , das Streitobjekt zwischen zwei aufeinander losstürmende Armeen ... Daß mein Gatte fortgezogen , wußte ich ; doch sah ich ihn in Gestalt des toten Arno , während Friedrich an meiner Seite , als Krankenwärterin verkleidet , den silbernen Storch streichelte . Jeden Augenblick erwartete ich die platzende Granate , welche uns alle drei - Arno , Friedrich und mich zersplittern sollte , damit das Kind zur Welt kommen könne , welches bestimmt war , über Dänewig , Schlesstein und Holmark zu regieren ... Und das alles that so unsäglich weh und war so überflüssig ... Es mußte doch irgendwo jemand geben , der es hätte ändern und aufheben können , der diesen Alp von meiner Brust und von der ganzen Menschheit mittelst eines Machtwortes hätte abwälzen können - und die Sehnsucht verzehrte mich , diesem jemand mich zu Füßen zu werfen und zu flehen : Hilf ab - aus Barmherzigkeit , aus Gerechtigkeit hilf ab ! - Die Waffen nieder - nieder ! ! Mit diesem Ruf auf den Lippen erwachte ich eines Tages zum Bewußtsein . Mein Vater und Tante Marie standen am Fuße des Bettes , und beschwichtigend sagte mir der erstere : » Ja , ja , Kind , sei ruhig , - alle Waffen nieder - « Dieses Wiedererlangen des Ichgefühls nach langer Geistesabwesenheit ist doch ein eigentümlich Ding . Zuerst die frohe erstaunte Wahrnehmung , daß man lebt und dann die gespannte , an sich selber gerichtete Frage : wer man eigentlich sei ... Aber die plötzlich mit vollem Licht hereinbrechende Antwort auf diese Frage verwandelte mir die eben erwachte Daseinslust in heftigen Schmerz . Ich war die kranke Martha Tilling , deren neugeborenes Kind gestorben , deren Mann in den Krieg gezogen war ... Seit wann ? Das wußt ' ich nicht . » Lebt er ? Sind Briefe da ? Depeschen ? « war meine erste Frage . Ja , es hatte sich ein ganzer kleiner Stoß von Briefen und Telegrammen angesammelt , welche während meiner Krankheit eingelangt . Zumeist waren es nur Anfragen über meinen Zustand , Bitten um tägliche , um möglichst stündliche Benachrichtigung . Dies natürlich nur , solange der Schreiber an Orten sich befand , wo der Telegraph ihn erreichen konnte . Man wollte mir nicht gleich erlauben , die Briefe Friedrichs zu lesen ; - es hätte mich zu sehr aufregen und erschüttern können , meinten sie , und jetzt , da ich kaum aus dem Delirium erwacht , mußte ich vor allem Ruhe haben . So viel konnten sie mir sagen : Friedrich war bis jetzt unversehrt . Er hatte schon mehrere glückliche Gefechte durchgemacht - der Krieg müßte bald zu Ende sein ; der Feind behauptete sich nur noch auf Alsen ; und war dies einmal genommen , so würden unsere Truppen - ruhmgekrönt - heimkehren . So sprach mein Vater tröstend auf mich ein . Und Tante Marie erzählte mir meine eigene Krankheitsgeschichte . Es waren nun mehrere Wochen seit dem Tage ihrer Ankunft vergangen , welcher zugleich der Tag war , an welchem Friedrich schied und an welchem mein Kind geboren wurde und starb ... Daran war mir die Erinnerung geblieben , aber was dazwischen lag : des Vaters Ankunft , die laufenden Nachrichten von Friedrich , der Verlauf meiner Krankheit - von dem allen wußte ich nichts . Jetzt erst erfuhr ich , mein Zustand sei ein so schlimmer gewesen , daß die Ärzte mich bereits aufgegeben hatten und mein Vater gerufen worden war , um mich » ein letztes Mal « zu sehen . An Friedrich waren die bösen Nachrichten gewissenhaft geschickt worden , aber auch die besseren Nachrichten - seit einigen Tagen nämlich gaben die Ärzte wieder Hoffnung - mußten zur Stunde schon in seinen Händen sein . » Wenn er selbst noch am Leben ist « - warf ich mit einem schweren Seufzer ein . » Versündige Dich nicht , Martha , « ermahnte die Tante ; » der liebe Gott und seine Heiligen werden Dich nicht auf unser Flehen hin gerettet haben , um Dich dann so heimzusuchen . Auch Dein Mann wird Dir erhalten bleiben , für den ich , Du kannst es mir glauben , ebenso heiß gebetet habe , wie für Dich ... sogar ein Skapulier habe ich ihm nachgeschickt ... Ja , ja - zucke nur die Achseln - aber schaden können sie doch keinesfalls , nicht wahr ? Und wie viele Beispiele hat man , daß sie genützt haben ... Du selber bist mir auch wieder ein Beweis , was die Fürsprache der Heiligen vermag - denn Du warst schon am Rande des Grabes , glaube mir - da habe ich mich an Deine Schutzpatronin , die heilige Martha , gewendet - «