nicht erspart bleiben , hatte sich Wilhelm manchmal dazu bequemen müssen , die mit erfinderischer Delikatesse dargebotene Hilfe seines Vetters anzunehmen . Aber es geschah so widerstrebend , daß Hermann immer die Geduld verlor : » Was soll das ? Du beleidigst mich ... Meine brüderliche Liebe nimmt er an , ja ; meine armseligen Groschen - ah , Gott bewahr ' s , nein , die nicht ! da wird protestiert . Warum , möcht ich doch wissen , warum ? « » Weil ich den nicht mag , dem ich etwas schuldig bin « , antwortete Wilhelm und bekam einen blauroten Kopf . » Nicht mag , hol ihn der Kuckuck , ich sag ' s , wie ' s ist ! Wenn mir einer unter die Arme greift , komm ich mir vor wie ein Bub . So bin ich . Mach mich anders , wenn du kannst . « Das allerdings konnte Hermann nicht , und ganz gut und herzlich wurde Wilhelm erst wieder , nachdem er die bei seinem nächsten Verwandten und besten Freund eingegangene Schuld abgetragen hatte . Ja , er war unverbesserlich und Hermann der letzte , der zum Prediger in der Wüste , zum Prediger überhaupt taugte . Wenn etwas seinen Spott reizte , war ' s der Hang zur Hofmeisterei , von dem die meisten Leute erfüllt sind , den sie aber ins Gewand einer Tugend kleiden und für Teilnahme ausgeben . Hermann vermochte nicht einmal einen Fehler , unter dem er litt , an Menschen , die er wert hielt , zu rügen . So schwieg er auch lange dazu , daß Maria ihr liebliches zweites Söhnchen auffallend gegen den älteren , den selbständigen , von Kraft strotzenden Knaben zurücksetzte , und verbarg ihr sein schmerzliches Befremden bei jedem Zeichen der Ungleichheit in ihrer Empfindung für ihre Kinder . Sie ahnte vielleicht nichts davon . Die Veränderung in ihrer ganzen Art und Weise , wenn sie sich von dem Kinde zu jenem wandte , ging vor - ihr selbst unbewußt . Wenn aber unbewußt , warum geschah es dann , daß Maria eine manchmal dem Kleinen gespendete Zärtlichkeit wie einen an ihrem Erstgeborenen begangenen Raub anzusehen schien , den sie hundertfach zu vergüten suchte ? Danach fragte er sie endlich doch , und ihre Antwort war ein so peinlich verwirrter Blick , daß Hermann dachte : Sie gibt sich Rechenschaft von ihrer Ungerechtigkeit , bekämpft gewiß das Gefühl , das sie dazu treibt , und wird es auch besiegen . Um diese Zeit übersiedelte Fee , die sich kürzlich im Gefolge Tante Dolphs in Dornach eingenistet , zu ihren Freunden Wonsheim . » Prächtige Leut , die da drüben « , sagte sie , » es is aber vor Langerweil bei ihnen nicht auszuhalten . Immer nur die Familie Wilhelm , immer nur Eintracht , immer nur Liebe - und noch dazu eine , bei der man nicht beteiligt is ... Nein , ich dank ! « Die Brüder gaben zu überlegen , ob es nicht recht praktisch wäre , abermals aufzumischen . Ein Versuch , der gemacht wurde , fand jedoch wenig Anklang . Es stellte sich bald heraus , daß die amüsanteste Person im Hause Dornach in diesem Augenblicke » die alte Dolph « war . Sie hatte wenigstens eine gehörige Leidenschaft für das Lawn-Tennis , den einzigen Sport , den die » fad « gewordenen Nachbarn nicht aufgehört hatten zu pflegen . Ihre Kopfschmerzen quälten sie auf dem Lande weit mehr als in der Stadt ; unter allen Dingen , die sie anfeindete , nahm die Zugluft einen hervorragenden Platz ein , trotzdem aber konnte sie beim Tennis stundenlang ausdauern in ihrer Rolle als Schiedsrichter , als drakonisch strenger Umpire . Weil sie dabei Gelegenheit findet zu seckieren , dachte Fräulein Nullinger . Wenn die Gesellschaft Wonsheim in ihrer Stage-coach zum Spiel nach Dornach fuhr , mußte sie sich ' s nicht selten gefallen lassen , der unwissenden Bevölkerung zum Gegenstand einer nicht schmeichelhaften Aufmerksamkeit zu dienen . Die Herren in ihren hohen weißen Filzhüten , weißen Jongleuranzügen , weißen Zwirnhandschuhen , die Damen schürzenumgürtet wie die kleinen Schmiede von Demavend , den Brustlatz geschmückt mit grellfarbigen heraldischen Emblemen , wurden oft für eine Truppe Seiltänzer gehalten . Natürlich waren sie samt und sonders im Tennis von einer Stärke , die sie berechtigt hätte , die englische Partie mitzuspielen . Hermann und Maria gaben ihnen wenig nach , und da kamen denn Serien vor , die kein Ende nahmen . Sogar die Gegner mußten einander bewundern , nur der Umpire war nie ganz zufriedenzustellen . Trotzdem mit unvergleichlicher Grazie haarscharf über das Netz serviert , mit fast nie fehlender Sicherheit aufgenommen wurde , ein Ball oft dreißigmal hin und her flog , bevor er zu Boden fiel , ließ sich Tante Dolph dennoch nur zu einem bedingten Lobe herbei . » Recht gut , meine Kinder ; für eine einheimische Leistung gar nicht übel . Im Auslande würdet ihr abblitzen ... Schreit nur , ich kann euch nicht helfen . Ganz kürzlich hatte ich den Besuch eines Fräuleins van Nieuwenhuis-Kabeljau , die erste Tennisspielerin der Welt . Die trägt einen Handschuh Nr. 61 / 2 an der linken , einen Handschuh Nr. 8 an der rechten Hand und ist , sage ich euch , so schief wie eine im Umkippen begriffene Treck-Schuite vor lauter Raketenschwingen . Das nenn ich Übung , und nur so erlangt man die Meisterschaft . « » Und einen Buckel « , erwiderte Fee ; » der möcht mich doch genieren . « » Dilettantin ! diese Jufvrouw ist stolzer auf ihn als ein Held auf seine Narben . « » Hat auch alle Ursach « , erklärte Betti Wonsheim , betrachtete ihre rechte Hand und schmeichelte sich im stillen : Etwas größer als die linke ist sie , Gott sei Dank , doch schon . Vor der Abfahrt der Gäste wurde noch Verabredung für den morgigen Nachmittag genommen , an dem ein Waldfest stattfinden sollte . Gräfin Dolph gab es am Marienfeiertag im August . Sie fand nötig , sich dankbar zu erweisen für die vielen Freundlichkeiten , die sie bereits in der Gegend genossen hatte . » Meine Einladung zu einem Pläsierchen , wie man vorzeiten in Wien sagte , ist nichts anderes als eine Retourchaise , meine Herrschaften Wilhelm und Wonsheim ; sie soll euch einen kleinen Teil des Vergnügens wieder hereinbringen , das mir eure Liebenswürdigkeit schon bereitet hat . « Groß und klein versprachen sich Wunder . Das Waldfest - Fee hatte der guten Nullinger das Geheimnis herausgelockt - bildete nur einen Vorwand , um Hermann und Maria für eine Weile vom Schlosse zu entfernen . Bei der Rückkehr wartete ihrer eine großartige Überraschung , zauberhafte Beleuchtung des Schlosses und des Gartens , Feuerwerk , von Stuwer in Person angeordnet . Ort und Stunde des Stelldicheins wurden bestimmt . Man beschloß , um vier Uhr nachmittags beim ehemaligen Vogelherd zusammenzutreffen . Die meisten wollten einen Umweg durch den Wald nehmen und zuerst die Burgruine ersteigen . Tante Dolph und Helmi zogen es vor , bei den Kindern zu bleiben , die mit ihrer Begleitung direkt zum » Uhuhaus « geschickt werden sollten . Es war ihr Lieblingsplatz im Walde und zu Wagen in einer halben Stunde leicht erreichbar . Die verlassene , von Schlingpflanzen überwucherte Vogelhütte erweckte das große Interesse Hermanns und Erichs . Sie rüttelten an der verschlossenen Tür , sie guckten mit heißer Neugier und leisem , köstlichem Gruseln durch die winzigen , hinter Drahtgittern halb erblindeten Fensterscheiben . Wer recht lange und recht aufmerksam schaute , wer den Augenblick erwischte , in dem der Wind das Gezweige der Bäume bewegte und ein Sonnenstrahl durch das geborstene Dach in den dunklen Raum dringen konnte - der sah etwas : die Trümmer eines Ofens und eines Lerchenspiegels , Netze , von Mäusen zernagt ; sah ein Wiesel , das von einem Loch in der Wand zum anderen huschte , und auf einer morschen Stange einen Uhu . Und der böse Raubvogel hatte nur noch einen Flügel und ein Glasauge , und das war fürchterlich und sandte gelbe Blitze aus , sooft ein Streiflicht darüber hinglitt ... Oh , die Hütte unter den Erlen barg Erstaunliches ! - nur zum Glück keine Gefahr mehr für Finken und Meisen und Rotkehlchen , und wie sie alle heißen , die kleinen Sänger . Getrost durften sie sich jetzt niederlassen auf die Zweiglein , die auf und ab schaukelten unter der leichten Last . Singt , trillert , jubelt und schwingt euch wieder auf , durchschneidet die Lüfte und kehrt heim zu euren Jungen . Ihr habt nicht mehr den Tod oder die Gefangenschaft zu fürchten . Die Hütte lag wunderschön , von Waldungen umringt und nur gegen Morgen frei . Da breitete sich ein grüner Wiesengrund , da sah man den klaren , breiten Bach erschimmern und durch die Felsschlucht als Wildbach toben ; da stiegen rechts von der Schlucht die bemoosten Steinriesen empor , deren einer die alte Burg trug . Heute noch , in ihrem Verfall , erhob sie sich stolz und herrschend . Die Wonsheim waren bereits fortgefahren , als Fräulein Nullinger müd und abgehetzt erschien . Sie war zweimal zur Post gelaufen , hatte im Auftrage ihrer Gräfin neun Telegramme gewechselt mit Sacher & amp ; Demel und eben erst die Versicherung erhalten , daß alles Bestellte aufgegeben sei und morgen pünktlich eintreffen müsse . Als sie erfuhr , daß eine Partie nach der Burg stattfinden werde , erklärte sie , dabeisein zu wollen . » Ich habe mich längst gesehnt , das Schloß zu besuchen « , sprach sie zu ihrer Gebieterin , » Sie kennen meine Vorliebe für das Mittelalter . « » Sagen Sie doch : Schwärmerei . Sie stellen sich das so poetisch vor , wie die edlen Ritter mit wehenden Helmbüschen über reisende Kaufleute herfielen , sie erschlugen und beraubten . Wie sie sengend und brennend das Land durchzogen , dem Bauer die Pferde vom Pfluge wegstahlen und ihm , wenn er sich wehrte , die Haut über den Kopf zogen . Wie sie das Haus des schwächeren Nachbarn zerstörten , sein Weib an den Türpfosten hingen , seine Töchter entführten , wenn sie schön waren natürlich , und in ihr verruchtes ... hm , hm « , sie räusperte sich , » schleppten . - Sie wären vielleicht auch entführt und geschleppt worden . Nulle . « » Frau Gräfin « , fiel ihr diese ins Wort , » ich muß mir verbitten ... « » Nichts da ! Sie hätten sich nichts verbeten . Sie hätten Schärpen gestickt für Ihren schwarzgelockten Ritter und hätten an seiner Seite , der Minne pflegend , gesessen vor dem Burgverlies , aus dem das Gewinsel der auf faulem Stroh verfaulenden Gefangenen zu Ihnen gedrungen wäre . « Das Fräulein erhob sich : » Es ist genug , Frau Gräfin , ich sage sogar , es ist zuviel . « » Da haben wir ' s , jetzt ist sie beleidigt « , seufzte Dolph ; » ja , meine Liebe , Sie dürfen nicht schwärmen für die Ritterzeit . Dazu ist die Haut Ihres Herzens zu fein geraten . « Bei Einbruch dieser Nacht wurde in Dornach und dessen Umgebung gar heiß gebetet . Lieber Gott , flehte Fee , auf den Knien liegend vor ihrem Bette , lieber Gott , du weißt alles , du weißt auch , daß Tante Dolph heute einen Brief von Tessin bekommen hat . Gib , lieber Gott , daß in dem Briefe steht : Ich hab immer eine Schwäche für die Kleine gehabt und will sie heiraten . Lieber Gott , murmelte Fräulein Nullinger , knüpfte ihre Nachthaube fest und zog die Decke über die Ohren , lieber Gott , Heilige Jungfrau , alle heiligen Märtyrer , gebt mir Geduld mit meiner Gräfin . Sie ging noch weiter und verlangte , sogar etwas Liebe für ihre Peinigerin empfinden zu können . Aber diese Bitte wurde selbst im Himmel indiskret gefunden und blieb unberücksichtigt . Inbrünstig gestaltete sich das Abendgebet der Jüngsten im Hause Wilhelm . Der sechsjährige Rudi sprach es vor : Du bist so gut für die Kinder , lieber Gott , gib , lieber Gott , weil du so gut bist , daß morgen ein schöner Tag ist . Bis in die Nacht hatte drückende Hitze geherrscht ; jetzt erhob sich , erst sanft , dann immer kräftiger , eine kühle nördliche Strömung . In den Wipfeln der Bäume begann es zu rauschen , allerlei Stimmen sprachen durcheinander ; es stöhnte wonnig und lachte im Geäst und stieß laute Schreie aus . Labung , Labung ! flüsterten die wehenden Zweige . Massige Wolken , die sich bequem hingelagert hatten rings am Horizont , stoben plötzlich aus ihrer Ruhe auf . Aus dicken Knäueln in lange Strähne verwandelt , jagten sie zuletzt ganz dünn und durchsichtig davon . In unbestrittener Herrlichkeit stand der Mond am Himmel , als Willi sich einige Stunden nach Mitternacht der elterlichen Behausung näherte . Er ritt im Schritt über den gepflasterten Hof . In den niederen , mit Schindeln gedeckten Stallungen an beiden Seiten schliefen noch Menschen und Tiere . Ein Hund , der auf einer Schwelle ganz zusammengerollt lag , knurrte im Traume ; dann schwieg wieder alles ; sogar das Brünnlein vor dem sogenannten Schlosse hatte sein Rauschen eingestellt . Das tat dem jungen Soldaten weh . Hatte er doch die Zulage , die sein Onkel Hermann ihm gab , auf die Anschaffung einer neuen , schönen steinernen Muschel für das Brünnlein verwendet . Und jetzt war ' s versiegt . - Die Wasserleitung einmal wieder schadhaft geworden , sagte er zu sich selbst , und kein Geld da , um sie herstellen zu lassen . Armes Brünnlein , armes , geliebtes Vaterhaus ! Selbst im alles verklärenden Mondlicht wollte sich ' s nicht hübsch machen mit seinen kahlen Mauern , dürftigen Bogenfenstern und dem steilen , Wellenlinien bildenden Dach . Als einziger Schmuck diente ein hölzerner Balkon , dessen schiefe Säulen und wackeliges Geländer sich unter üppig wucherndem wildem Wein verbargen . Leise pochte Willi ans Tor , um niemanden außer den auch Portiersdienste versehenden Gärtner zu wecken , übergab ihm das Pferd und trat ein . Am nächsten Morgen begrüßten seine jubelnden Brüder einen Tag von unerhörter Pracht und wußten wohl , wem zuliebe er so geworden war . In Dornach lief der kleine Hermann vom Vater zur Mutter und von der Mutter zum Vater . Er hatte nirgends Ruhe und war entzückend in seinem Eifer und seiner Ungeduld . » Weißt du , Erich « , sprach er , ihn stürmisch umarmend , » wir gehen heut so spät schlafen wie die großen Menschen . Wir gehen zum Uhu . « » Und was wirst du dort tun ? « fragte Tante Dolph . » Ich werd halt schauen . « » Und dann ? « » Dann werd ich laufen , laufen auf der Wiese , so geschwind , daß man mich gar nicht sieht ... so geschwind - « er machte große Augen , hob die Arme über den Kopf und strengte sich an , einen drastischen Vergleich zu finden , » so geschwind - « » Wie der Teufel « , kam die Tante ihm zu Hilfe , er aber machte eine geringschätzige Gebärde und sagte : » Oh , viel schneller ! « Sie klopfte ihm lachend die Wange ; sie , die Kinder nicht leiden konnte , weil sie Lärm machen und die Türen offen lassen , hatte eine Schwäche für diesen Großneffen . » Das echte Aristokratenkind « , erklärte sie . » Aus reiner , gesunder Rasse , vom ersten Atemzuge an gut genährt , gut bewohnt , gut gewaschen , weiß nicht , was Furcht ist , und nicht , was Geiz ist , schlägt drein , wenn ' s gilt , und gibt , wenn ' s gilt , das Hemd vom Leibe . Mut , Wohlwollen , Güte - er hat alle Tugenden , die mir fehlen - darum lieb ich ihn . « Fräulein Nullinger blickte sie ganz verdutzt an und dachte : Merkwürdig , sie hat doch bisher kein Herz gehabt , sollte ihr eines gewachsen sein ? 17 Am Saume des Kiefernwaldes , durch den ein breiter Weg zur Ruine führte , trafen Hermann und Maria , begleitet von Fräulein Nullinger , die Wonsheim mit Fee und Wilhelm mit Willi und den zwei nächsten Anwärtern . Den letzteren hatten ein paar tüchtige Ackergäule den Gefallen erwiesen , sie hierherzutragen in einem Galopp , der ringsum den Boden lockerte . Die Damen waren bereits aus dem Wagen gehüpft , Wilhelm und seine Söhne abgestiegen , nur Gustav und Clemens saßen noch zu Pferde und parlamentierten mit ihren Frauen , die es nötig gefunden , als Touristinnen zu erscheinen . Sie trugen leichte Hüte mit blauen Schleiern , fußfreie Kleider aus Sommerloden , Schnürstiefel aus Juchten , dicke Strümpfe aus Ziegenhaaren und über den Schultern Gummimäntel aus lichtgelbem Oriental-India-Cloth . » Schaun ' s her , Gräfin « , sagte Clemens zu Maria , nicht ohne geheimen Stolz , » wie die sich anglegt haben . Und was ihnen nicht wieder einfallt . Jetzt wollens auf dem schlechten Fußsteig zur Burg hinaufkraxeln . « » Weil man von dort so eine schöne Aussicht hat « , sagte Carla . » Und weil ' s gefährlich ist « , fiel Betty ein . » Und so poetisch , nicht wahr , Fräulein Nullinger ? Das ist etwas für Sie « , sprach Fee mit gutmütigem Scherze . » Ich biet Ihnen meinen Arm , ich bring Sie hinauf , ich schwör ' s ! « Fräulein Nullinger machte einen Bückling , so tief , als ob sie sich niedersetzen wollte , und nahm , in nervöser Dankbarkeit zerfließend , den gütigen Vorschlag an . Der Kutscher mit dem Wagen , die Reitknechte mit den Pferden wurden nach dem Versammlungsplatz geschickt . Wilhelm erteilte seine Befehle in ungewohnt mürrischer Art und brummte dazwischen vor sich hin : » Unsinn ! was das für ein verfluchter Unsinn ist ... sich einen solchen Weg auszusuchen , das ist keinem anderen eingefallen als dem Willi ... « » Voraus , Einjähriger ! Sie führen an « , sprachen die Damen , winkten den Zurückbleibenden einen Gruß zu und traten ihre Wanderung an . Wilhelm zögerte einen Augenblick , dann folgte er ihnen , um seinen Willi zu überwachen . - Der verdammte Bursch hüpft herum wie auf Springfedern ; schneidet , scheint mir , schon die Cour ... Und gleich dreien auf einmal . Wart , Kerl , dir geh ich nicht von der Seite . » Und was machen denn Sie , Gräfin ? « fragte Gustav . » Ich gehe auch zu Fuß , aber auf dem guten Wege « , antwortete Maria heiteren Tons und nahm den Arm ihres Mannes . » Da werden wir halt langsam vorausreiten . « Und sie setzten sich in Bewegung auf ihren zwei berühmten Vollblutrappen . » Alle auf und davon . Gibt ' s etwas Unhöflicheres als unsere Gäste ? « scherzte Hermann . » Wir sind ' s ; wir lassen sie gar so ungehindert ziehen . « » Und bleiben allein , was das Schönste ist auf der Welt « , begann er nach einer kleinen Weile wieder . » Wenn ich denke , daß es Leute gibt , die sagen : die Liebe vergeht - und glauben sie zu kennen , die Narren ! Die meine ist heute , was sie in der Stunde war , in der ich dir zum ersten Male begegnete und von dir nichts wußte als deinen Namen . « Er umschlang sie fest ; Seite an Seite schritten sie dahin . Die Reiter waren ihren Blicken entschwunden ; eine großartige Einsamkeit herrschte , eine zauberhaft belebte Stille . Über den Häuptern der Bäume webte glühender Sonnenschein , kühle Schatten wallten zu ihren Füßen . Unabsehbar schien der Wald sich zu breiten , ein heiliger , ein geweihter Raum , der , von Liebenden betreten , sie frei macht von dem störenden Gedanken an die Außenwelt , von dem Bewußtsein der verrinnenden Zeit . Maria hatte sich sanft losgemacht ; sie trat vor Hermann hin und blickte ihm ernsthaft in die Augen . » Ich aber « , begann sie plötzlich , » liebe dich alle Tage mehr . Und meine Liebe - sieht . « » Im Gegensatz zu der meinen , die wohl blind ist ? « » Unleugbar « , versetzte sie und zog ihn wieder an sich . Da rief er aus : » Es lebe meine blinde Liebe ! Die Nacht , mit der sie mich umgibt , ist nicht wie eine andere ; ' s ist eine hellschimmernde Nacht . Sie zeigt mir den guten Geist meines Hauses , die Trösterin des Betrübten ... « » Und so weiter ! « unterbrach sie ihn mit erzwungenem Lachen . » Lassen wir das , ich bitte dich , Hermann - « » Nun denn , nein ; kein Wort zu deinem Preise . Wie fang ich ' s aber an , zu verschweigen , wovon mein Herz voll ist ? Du forderst von mir Verstellung , du immer und unverbrüchlich Wahrhaftige ! « Er ergriff ihre beiden Hände , sie zitterten in den seinen : » Was bewegt dich so ? - sag es deinem besten Freunde ... Sieh , manchmal - ich will dir ' s gestehen , manchmal ist mir - wenn du wie jetzt meinen Blick vermeidest , bei meiner Berührung erbebst , als ob deine Seele ein Geheimnis berge , ein rätselhaftes Gefühl , eine schmerzliche Erinnerung - was weiß ich ? ... Ist das Täuschung , Maria , Torheit , Frevel an dir ? - - Gib Antwort . « Sie stand wie versteinert . Aufrecht die königliche Gestalt , den Kopf erhoben , als biete sie ihn dem niederzuckenden Blitzstrahle dar , kaum atmend , die Lider gesenkt , ein unausgesprochenes Wort auf den leise zuckenden Lippen . Und sie war schön in dieser feierlichen Regungslosigkeit , mit diesem demütig stolzen Ausdruck einer gefolterten Heiligen . Der Mann , der sie vergötterte , starrte sie beschämt und reuig an . War das nicht ein Zweifel an ihr , den er mit seiner lange unterdrückten und nun unbedacht hingeworfenen Frage ausgesprochen hatte ? » Und wenn du recht hättest ? « sagte Maria in einem Tone , so herb gewürgt , als ob er ihr die Kehle zerschnitte . » Worin ? - Du hast mich mißverstanden ... « » Nimm an , daß ich schuldig wäre gegen dich « , fuhr sie fort , mühsam und unterdrückt wie früher . » Nimm es an . « » Was soll ich annehmen - das Unmögliche ? ... Erst doch verrückt werden ... « Er schlug sich mit der Faust vor die Stirn . » Ich begreife dich nicht ... Warum diese unnötige Grausamkeit ? ... Auf welche entsetzliche Probe stellst du mich ? « » Probe ? « wiederholte sie . » Würde deine Liebe sie bestehen , die schwerste , schrecklichste ... Und wenn geschehen wäre - wovon ich sprach - was tätest du ? « Sie blickte unverwandt zur Erde nieder ; sie fühlte nur , daß er seine Hand mit festem Drucke auf ihren Arm legte . - Und nun sprach er , und seine Stimme hatte wieder ihren tiefen , sanften Klang , und seine Worte kamen aus dem unerschöpflichen Borne seiner Güte : » Wenn geschehen wäre , was du nicht einmal zu nennen vermagst , dann wäre mir genommen , was meinem Dasein den Wert gibt ; aber lieben würde ich dich doch , und zu dieser unüberwindlichen Liebe käme noch ein grenzenloses Bedauern . Ich kenne dich und weiß , daß du zugrunde gehen müßtest am Bewußtsein einer Schuld . « O dieser Glauben , so stark und treu wie das Herz , das ihn hegte und das sie brechen gewollt , um das ihre zu erleichtern ! - Du darfst nicht ! schrie es in ihr auf . Du hast betrogen - lüge ! Dein Recht auf Wahrheit ist verwirkt . » Komm « , sagte Hermann , indem er sich auf einen moosüber- wachsenen , im weichen Waldboden halb versunkenen Stein niederließ . » Du mußt erst ausruhen und wieder heiter werden , ehe wir den anderen folgen . Da ist eigens für uns ein wunderbares , sammetnes Kissen ausgebreitet . Komm zu mir ! « » Da bin ich « , sagte sie , ließ sich vor ihn hingleiten , legte die gefalteten Hände auf seine Knie und warf sich an seine Brust . » Laß mich , es tut mir wohl , in Demut zu dir aufzublicken . « » Wir haben einander recht gequält , und ich bin schuld an allem mit meinen törichten Grübeleien « , sagte er . » Verzeih ! « » Ich - dir ? Mein Freund , mein guter Engel , daß du mir einmal einen Grund dazu geben könntest ! Tu es doch . Lehre mich die Wonne kennen , dir etwas verzeihen zu dürfen . « » Ich danke dir für die vortreffliche Absicht « , rief er mit komischer Bestürzung ; » ich will ihr Gelegenheit geben , sich zu betätigen ... will wenigstens einen Versuch machen . « » Er wird mißlingen . « Sie umfing ihn mit ihren Armen und verschränkte ihre Finger um seinen Nacken . » Sieh mich an , deine Augen sind wie deine Seele . Sieh mich an mit diesem segnenden Blick . Wie fromm bin ich ! der Wald wird zum Tempel , und ich bin ein armes Menschenkind , und du bist der Priester , der es zum Heile führt an seiner starken Hand . « 18 Auf der Burg herrschte schon ein sehr reges Treiben , als Hermann und Maria herannahten . Fräulein Nullinger , die röter aussah denn je und vor Erhitzung förmlich geschwollen , war die erste , die sie erblickte . » Da sind sie , da ist das reizende Paar « , rief sie . » Bitte , den Herrn Grafen zu betrachten . Es ist hold zu sehn , wie die Sonnen seines Herzens ihm im Auge untergehn . Und wie er heute wieder dem Bilde , das wir uns von Held Siegfried machen , ähnlich sieht ! « » Ja , ja , Sie haben nicht unrecht , seine Frau ist aber nicht die Kriemhild , sondern die Isolde « , sagte Fee und lief den Ankommenden entgegen , die sich bald darauf in Gesellschaft ihrer lustigen Gäste befanden und mit ihnen die Großtaten anstaunen konnten , zu denen Willi durch die Gegenwart dreier junger und schöner Damen begeistert wurde . Er spazierte eben von der Zinne eines Turmes zur anderen auf einem zu deren Stütze angebrachten Sparren . Seine Brüder , angeeifert durch sein Beispiel , kletterten wie Katzen an den alten Mauern empor . Wilhelm stand unten und ballte die Fäuste . » Alle meine Buben haben den Teufel im Leib , wenn es heißt , sich produzieren vor einem weiblichen Publikum « , sprach er zu Hermann . » Gar nicht gut so was . Aus solchem Holz schnitzt man Schürzenknechte . « Hermann klopfte ihm auf die Schulter : » Das glaubst du ja selbst nicht , Alter « , und die Wonsheim lächelten und sahen den tollkühnen Unternehmungen der Burschen mit Beschützermienen zu . Betty jammerte , daß sie kein Mann geworden , was doch einzig und allein das richtige sei ; Fräulein Nullinger schwelgte in Entzücken , machte sich nichts daraus , daß ihr buntes Musselinkleid bei der » Aszension « sehr gelitten hatte , und baute in Gedanken die ganze Burg wieder auf . Die zerstörten Zingel stiegen aus dem Boden und umfaßten wie einst die Tore , den Zwingolf , die Zugbrücke , den Burhurdierplatz , auf dem geharnischte Ritter Lanzen brachen . Sie stellte die Pforte wieder her und die zum herrlichen Palas hinaufführenden Greden . Carla und Gustav , denen sie versicherte , die » dames châte-laines « hätten alle ausgesehen wie die blonde Gräfin Wonsheim , hörten ihr aufmerksam zu . Gustav staunte über soviel » Gelahrtheit « und wußte nicht , ob er sie lächerlich finden oder bewundern sollte . Obwohl von der Richtigkeit aller Aussagen Annettens überzeugt , widerstrebte es ihm , das merken zu lassen , und so sprach er zwischen jeder Pause , die sie machte : » Gehen S ' weg ! « » Ach , und diese Luft ! dieses Ozon ! « schwärmte das Fräulein . » Daß ich mich hier etablieren könnte ! « » Etablieren Sie sich , soviel Sie wollen « , erwiderte Fee , die hinzugetreten war . » Aber rechnen Sie nicht auf mich beim Aufstieg . Sie sind siebenzehnmal ausgerutscht - ich hab ' s gezählt . Mein rechter Arm , an den Sie sich angekrampelt haben wie eine Ertrinkende , ist kaputt . - Sie werden fett , mit Respekt zu sagen . « Fräulein Nullinger zog den Atem ein und streckte sich , um schlanker auszusehen : » Wenn ich Fett ansetze , kann es nur vor Kummer sein . Das geschieht , jawohl - ich bin der lebende Beweis « , sagte sie nicht ohne Bitterkeit . Fee entschuldigte sich : » Nun , nun , nehmen Sie mir ' s nicht übel . « Die Gesellschaftsdame schwor , daß sie eher sterben als der Frau Gräfin etwas übelnehmen würde , worauf Fee sie umarmte und sprach : » Sie sind halt nicht verwöhnt , Sie gute Haut , Sie liebes , altes Nullerl . « Clemens war inzwischen auf