die Seite der Konvenienz , der Lüge ... allerdings auch der » Tugend « geschlagen - und hatte darüber die Freiheit und die Ungebundenheit der vorurtheilslosen » Sünde « eingebüßt ... Er war doch ein Schaafskopf ersten Ranges gewesen ... Aber der Groll gegen sich selbst ... der Aerger über seinen taktischen Schnitzer hatte doch nicht entscheidend bei Adam nachgewirkt . Nun er zu Hause war und sich mechanisch auf den Besuch bei Irmers vorbereitete , obwohl er eigentlich entschlossen war , diesen Kelch an sich vorübergehen zu lassen , hatte sich seiner das Gefühl einer entkräftenden inneren Leere und Nüchternheit bemächtigt . Alles widerte ihn an . Was sollte er in aller Welt heute Abend bei Irmers ! Wieder zu Hedwig die Fäden hinüberspinnen ? Zur Abwechslung sich wieder einmal von dieser Dame anregen oder aufregen lassen ? Es war so überflüssig ... so unsäglich überflüssig . Apathisch lag Adam auf dem Sopha . Es dünkte ihn erschütternd komisch , daß er sich soeben einen frischen Kragen umgeknöpft . Aber im nächsten Augenblicke ertappte er sich schon dabei , wie er nach einem besonders drastischen und impertinenten Motive suchte , mit dem er heute Abend Fräulein Irmer traktiren wollte . Adam wurde sich klar darüber , daß er das unnatürliche Verhältniß , in welchem heute das männliche und weibliche Geschlecht zu einander stehen , einmal mit rücksichtsloser und , wenn nothwendig , mit cynischer Offenheit einer Dame gegenüber zur Sprache bringen mußte . Und diese Dame abzugeben ... nun ! - dazu schien Fräulein Irmer , dieses blasse , spröde , in einem engen Leben hinkümmernde Weib , vorzüglich geeignet zu sein . Es war jedenfalls so etwas wie eine » That « , einmal mit der Brandfackel zu hantiren ... ein verlöschendes Dasein noch einmal den Traum von einem vollen , glühenden , ungehemmt vorwärtsstürmenden Leben träumen zu lassen ... Aber auch dieser Vorsatz erschien dem Herrn Doctor sehr bald geschmacklos . Wozu in aller Welt dieses doktrinäre Geschwafele ! Er erhob sich langsam , nachlässig ... zog die Augenbrauen dicht über der Nasenwurzel zusammen ... machte ein sehr verächtliches Gesicht ... und suchte nach dem Messerchen , mit welchem er seine Fingernägel pflegte . Wenn er gehen wollte , mußte er übrigens bald aufbrechen . Aber warum sollte er denn gehen ? Und doch ... mein Gott ! - warum sollte er denn nicht gehen ? Warum nicht ? Man thut so Vieles in dieser Welt , weil man absolut nicht weiß , warum man es nicht thun sollte ... Und zudem : es war ja auch schon zu spät , sich noch entschuldigen zu lassen . Getröstet von dem Gedanken , daß er ohne Verletzung des » gesellschaftlichen Anstandes « jetzt nicht mehr ausbleiben konnte , machte sich Adam auf den Weg zu Irmers . Er pfiff das unsterblich schöne » Komm herab , o Madonna Theresa - « leise vor sich hin , löste es einige Male mit Motiven aus Wagners » Fliegendem Holländer « und » Siegfried « ab ... und schluckte mit verhaltener Wollust die schweren , schwülen Lüfte des zusammendämmernden , letzten Maiabends ein . Adam dachte nicht mehr an sich und vergaß , daß er nicht wußte , wer er war ... was er von der Welt ... und was diese Welt von ihm wollte . - XIV. Ja ! Es war doch recht heiß bei Irmers ... in dem doch recht engen und niedrigen Wohnzimmer , in welchem die Drei , Vater , Tochter und Adam Mensch , um den runden Sophatisch beisammensaßen und einen » Imbiß « zu sich nahmen ... also einen kleinen Imbiß , den Adam wirklich etwas » frugal « finden mußte . Der Herr Doctor dachte unwillkürlich an den vornehmen Stil , an die Eleganz von Lydia ' s Wohnräumen zurück ... an die anheimelnde Lichtstimmung ... die behagliche , geschmackvolle Fülle , die sich im Arbeitscabinet Frau Lange ' s so wohlthuend dem empfänglichen Geiste mittheilte ... an das diskrete Werben des taktvoll arrangirten Reichthums um verständnißvolle Anerkennung - und ihn fror ein Wenig in dieser Umgebung , die nur von dem wehmüthigen Parfüm der notdürftig verhangenen , mühsam verschleierten Armut durchzittert wurde ... Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen . Hedwig schien verstimmt zu sein . Ihr Gesicht war fast noch blässer und ernster , ihr Blut fast noch schwerer , als sonst . Bläulich schwarze Halbringe unter den Augen deuteten auf schlaflos verbrachte Nächte hin . Die Pflichten der Wirthin erfüllte sie mit nervöser Aufmerksamkeit . Adam fühlte sich sehr peinlich berührt . Er sagte sich , daß Hedwig unter der reizlosen , kargen Unfruchtbarkeit , unter dem Druck und der Enge ihrer Lage litt . Sie gab sich alle Mühe , es nicht merken zu lassen ... besaß aber eine viel zu spröde und ungeschmeidige Natur , um sich zwanglos hinter das Pseudonym einer geraden , reinen , zugänglichen Stimmung verstecken zu können . Herr Doctor Irmer hustete viel ... einen kurzen , trockenen , heiseren Stoßhusten . Er sah sehr zusammengedrückt und entwaffnet aus ... sehr muthlos und ängstlich . Oefter preßte er die langen , mageren , wachsgelben Finger der rechten Hand gespreizt gegen die Brust ... und athmete fast stöhnend . » Papa hat sich vorgestern erkältet ... « erklärte Hedwig mit einem kurzen , nicht ganz beziehungslosen Seitenblick auf Adam . Der Herr Doctor verstand . Das gnädige Fräulein hielt es also für überflüssig , auf Grund und Gelegenheit dieser Erkältung näher einzugehen . Hm ! . Sie waren sich ja begegnet . Adam mußte sich das Uebrige selbst sagen können . Das that er denn auch . Zugleich ärgerte er sich aber , daß es Hedwig augenscheinlich vermeiden wollte , jene Begegnung selbst zu berühren . Sie war so harmlos . Und doch war Adam nicht im Stande , das gewiß nicht heikle , höchstens etwas pikante und widerhakige Motiv zur Sprache zu bringen . Vielleicht hinderte ihn die Rücksicht auf seinen leidenden Wirth daran . Oder wollte er Hedwig nicht wehe thun ? Schließlich entschuldigte er seine Feigheit mit dem lähmenden Einflusse , den diese dunstige Krankheitsatmosphäre auf ihn ausübte . Gewiß ! Er hätte viel gescheiter gethan , wenn er seiner Apathie nachgegeben und sich in letzter Stunde noch entschuldigt hätte . Das wäre wohl auch den beiden Menschen lieber gewesen , die da neben ihm saßen und sich redlich bemühten , das Unglück ihres Lebens zu verhüllen ... und doch nicht Komödianten genug waren , um das scheinen zu können , was sie nicht sein konnten ... Die Fenster standen offen . Auf der Straße war es still . Nur ab und zu stolperte ein Wagen über das Pflaster . Nun strich ein Luftzug herein , raschelte in den Papieren auf dem Schreibtische , zupfte an der grünen Gardine vor dem Bücherregal und gab der Lampenflamme ein kurzes , stechendes Zusammenzucken . Adam fühlte sich mit einem Male sehr angeheimelt von dieser einfachen , mit verhalten geschwätzigem Schweigen erfüllten Umgebung . Eine gewisse Stimmung ... ein zartes Fluidum rührender Poesie ließ sich schließlich auch aus dieser Gruppirung der Atome herausfühlen ... Der Herr Doctor wurde wärmer ... er erinnerte sich einiger Träumereien seiner Jugend ... einiger Träumereien , die ihm als Ideal ein schlichtes , bücherüberfülltes Arbeitszimmer vorgegaukelt ... und er saß unter seinen Schätzen , weltentrückt , weltentfremdet , unversuchbar ... aber viel Drang zu suchen und forschen war in ihm ... und viel tiefe Herzensstille - und Adam beneidete einen Augenblick seinen Wirth um die Enge und Weltabgekehrtheit seiner Klause ... und um eine Natur , die sich in ihren besten Stunden durch ernste , neutrale Betrachtung alles Seins und Werdens und gesammeltes Versenktsein in die Räthsel des Kosmos erlösen durfte vom Staube und der beklemmenden Enge des Daseins ... Oh ! Er genoß dieser großen Stunden manche nicht minder . Aber immer wieder ließ er sich in das Leben ... in dieses fade , ermüdende , abflachende und wurzelausrodende Werkeltagsleben hinausverführen ... Und darum denn so oft dieser Ekel ... und darum so oft diese namenlose , zermarternde Angst vor einem Verhängnisse , das über ihm schwebte - und dem zu trotzen er doch keine Waffen besaß ... keine Waffen mehr besaß ... Nein ! Er hatte nicht mehr die Kraft , mit souveräner Ironie auf das Leben zu verzichten - auf seine kargen Reize und Freuden , welche er aufsuchte , um sie einfach hinzunehmen ... kaum , um sie mit vollem , starkem , innerem Dabeisein zu genießen - und die er trotzdem so oft auch mit wahnsinniger Wuth und Gier aufsuchte , um sich zu vergessen - um sich zu betäuben ... um seine harte Seelennoth ... das bohrende Grübeln über die Fruchtlosigkeit seines Arbeitens ... die Unzuverlässigkeit seines Temperaments ... die sociale Lüge und Aussichtslosigkeit seiner Lage durch physische Ausschweifungen abzustumpfen ... » Wollen Sie nicht etwas Caviar nehmen , Herr Doctor - ? « » Ich danke recht sehr - « Eigentlich aß Adam Caviar sehr gern . Aber der ihm von Fräulein Hedwig angebotene sah nicht besonders appetitlich aus ... schien doch schon ein Wenig alt , trocken , zähe , salzig geworden zu sein . » Aber etwas Wurst oder Käse oder etwas Beef nehmen Sie doch noch - ja ? . Bitte ! . « » Wenn Sie gütigst gestatten - « Adam bediente sich . » Papa , Du vergißt Dein Bier ganz ... willst du nicht ' mal trinken ? . Es ist zwar etwas warm ... unser Keller taugt nicht viel - « » Mir ist gar nicht recht , Kind ... Du weißt ja ... und Bier - ich glaube , es ist besser , wenn ich ' s stehen lasse - es könnte mich noch mehr reizen - gieb mir bitte lieber noch einen Schluck Thee - obwohl Thee meinen Nerven - aber verzeihen Sie nur , Herr Doctor ! Wir haben ' s diesmal schlecht getroffen ... Sie hätten uns übrigens schon längst wieder einmal aufsuchen sollen ... Hedwig sprach öfter von Ihnen - ich bin heute leider sehr unpäßlich - vorgestern fühlte ich mich so wohl und frisch , wie lange nicht - und nun - « Ein neuer Hustenanfall unterbrach die mühsam , schleppend , unter stoßendem Athmen hingelispelten Worte Irmers . Adam sah zu Hedwig hinüber . Sie hatte sich zu ihrem Vater gekehrt und wischte diesem mit einem frischen , leinenen Tuche den Schweiß von der in krankhafter Blässe glänzenden , dick überperlten Stirn . Jetzt fühlte sie den unangenehm scharfen Blick Adams . Sie wurde unruhig ... in ihr Gesicht trat ein seltsamer Ausdruck , der zugleich Scheu , Aengstlichkeit , Verlegenheit ... einen leisen Aerger über die Ungeschicklichkeit ihres Vaters ... und doch auch eine gewisse Freude - aber worüber ? - verrieth . » Was arbeiten Sie jetzt , Herr Doctor ? « fragte Irmer nach einer kleinen Weile und sah mit müdem , erloschenem Blick zu seinem Nachbar hin . » Ach Gott ! Dies und Das ! Es ist nicht der Mühe werth . Ich mache jetzt anthropologische Studien - die sind werthvoller und ... nothwendiger - « bemerkte Adam kurz . Hedwig sah mit unsäglich wehmüthigem Blicke zu ihrem Vater hin . Eine längere Pause entstand . Adam betrachtete mit sehr gemischten Empfindungen die beiden Menschen , die da vor ihm saßen . Er fühlte sich nicht wohl bei ihnen - nein ! Ihre Hülflosigkeit machte ihn nervös ... peinigte , beklemmte ihn . Und doch appellirten sie , gewiß ganz , ohne daß sie es wollten , an sein Mitleid . Sie erwählten ihn unwillkürlich zum Vertrauten ihrer Schmerzen ... und sie wandten sich , gewiß nicht minder unbewußt , an ihn um Hülfe ... um Linderung ... Rettung ... Nun fiel es Adam schwer aufs Herz ... nun that es ihm sehr weh , daß er nicht helfen konnte ... Das » Schicksal « mußte wieder einmal seinen üblichen Lauf nehmen . Eines Tages würde Irmer sterben und seine Tochter mittellos ... aussichtlos ... zukunftslos zurücklassen . Und doch war es vielleicht das Beste , wenn der Vater bald starb ... und Hedwig bald in neue Verhältnisse , in eine neue Umgebung eintreten mußte . Hier verwelkte und verkümmerte sie ganz ... an der Seite eines Sterbenden ... unter dem steten Einflusse seiner Krankheit und seiner weltabgewandten Schattenphilosophie . Aber , wie würde es dieser spröden , schweren Natur draußen in der Welt ergehen ... unter den Menschen , denen sie dienen sollte ? Die Leute , die sichs gestatten können , » dienstbare Geister « zu halten , verlangen offene , empfängliche Charaktere ... Temperamente , die gleichsam mit großen , blanken Fensterscheiben ausgestattet sind , durch welche das volle Licht der Sonne in breiten Massen hereinfallen kann ... Adam sagte sich , daß Hedwig sehr wenig Glück und Erfolg unter den Menschen finden würde . Sollte er aber darum sein Schicksal mit dem dieses armen , hülflosen , verlassenen Weibes verknüpfen ? Er , der selbst schwer genug an seinem eigenen Leben trug ? Daran war doch nicht zu denken . Gesetzt selbst , daß er seinen ästhetischen und metaphysischen Widerwillen überwand - daß er es für eine » ethische « Forderung erkannte , der Verlassenen Stütze und Zuflucht zu werden : schon aus materiellen Gründen war es ihm unmöglich , diese Forderung zu erfüllen . Und dann - : schließlich das Opfer eines moralischen - Hirngespinnstes werden ? Da wurde ja alle Natürlichkeit über den Haufen geworfen . Daß er Hedwig liebte - davon konnte ja nicht die Rede sein - ebensowenig , wie davon , daß er sich intimer an Lydia oder an Emmy gefesselt fühlte . Je nachdem die Stunde die Stimmung brachte , dünkte er sich zu der einen oder anderen der Damen hingezogen . Die Stimmung lief ab - und über die Theilnahme triumphirte wieder die alte , müde , einfältige , unfruchtbare und doch so praktische Gleichgültigkeit ... Woher das nur kam ? Das hatte wohl seinen Grund zumeist darin , daß seine feine , ästhetische Natur zu hohe Anforderungen stellte ... daß sie zusammenzuckte , zurückführ , sich unbefriedigt ... oft verwundet und beleidigt fühlte , wenn einem , ob auch an sich noch so geringfügigen Bedürfnisse nicht genügt wurde ... Oh ! Er hatte es ja so oft in älteren und jüngeren Tagen mit Freunden und Bekannten durchgekaut , das ehrenwerthe Motiv von dem » hehren « Frauen-Ideale , das sich ein Jeder zusammenträumt und zusammendichtet in der großen Zeit seines geistigen und sinnlichen Aufwachens und Umsichgreifens ... in der großen Zeit seiner ersten gewaltigen Jugendschauer ! Und das beschworene Bildniß läßt nicht von dir . Es folgt dir zur Seite überallhin ... es zwingt dir Maß und Urtheil auf ... es beeinflußt alle deine » Beziehungen « und » Verhältnisse « zu den wirklichen , fleischgewordenen Töchtern der Erde - : das dein Glück dereinst gewesen , ist dir zum Fluche geworden . Es rächt seine Schattenexistenz , seine vage Unkörperlichkeit an dir ... es flößt dir eine brennende , namenlose Sehnsucht nach seiner Verkörperlichung in die Seele - die reifsten , saftigsten Früchte giebst du aus der Hand , weil dein Auge auf der Schaale einen leisen , winzigen Makel entdeckt , der dich beleidigt ... Aber warum bauest du dir überhaupt , weltseliger , menschengläubiger Jüngling , ein solches despotisches » hehres Frauen-Ideal « auf - ? Ja ! Warum - ? Doch nein ! Das ging zu weit . Das war überflüssig . Was sollten diese tragikomischen Betrachtungen hier ? Adam sagte sich nicht mehr klar , fühlte aber instinktiv , daß er auf diesem Wege wieder einmal zu jenem Gebiete gelangen würde , mit dem er sich so oft in lautem Wort und leisem Gedanken beschäftigt : eben zu dem leidigen Verhältnisse , in das die beiden Geschlechter zu einander von Jugend auf durch Herkommen und Erziehung gestellt werden . Ach ja ! Er hatte dieses Thema heute Abend Fräulein Irmer gegenüber auf ' s Tapet bringen wollen ! Nun ! Vielleicht kam die Gelegenheit dazu noch ... Adam fühlte Hedwigs fragenden Blick auf sich . Das hülflose , verlassene Weib hatte plötzlich alle Konvenienz bei Seite geschoben . Nichts mehr lag zwischen ihm und dem Manne , der ihm in ernstem , bewußtem Schweigen gegenübersaß . Nichts mehr sollte nach diesem Blicke , der zugleich unendlich trostlos und unendlich begehrend , zwischen ihnen liegen . Adam fühlte sich gewaltig ergriffen . Es wäre ein Frevel gewesen , ein Verbrechen an dem » heiligen Geiste der Menschheit « - an den Adam allerdings in seinen besseren und größeren Stunden doch noch glaubte - ließ er thatlos untergehen , was dem Untergange - trotz alledem unabänderlich verfallen war ... Ja ! Er wollte ... was wollte er ? ... er wollte wenigstens sein » Gewissen « salviren . Er wollte sich sagen können , daß er Alles gethan hätte , was er zu thun vermocht habe . Er wollte der Selbstvorwürfe überhoben sein . Oder ... wenn er jetzt beschloß , in das Schicksal Hedwigs einzugreifen - bestimmte ihn dazu sein Egoismus ... seine geschmeichelte Eitelkeit ... die heiße Bitte , die in Hedwigs Blick gelegen ... das Versprechen , welches ihm dieser brüsterschütternde Blick nicht minder gegeben ? Es stieg glühend auf in Adam ... er hätte das Weib , das ihm bisher immer so spröde , so zurückhaltend begegnet war ... und das sich jetzt in seiner Noth und Verzweiflung ihm ergeben wollte ... gewiß ! sich ihn zu eigen geben wollte - er hätte es an sich reißen mögen - und mit ihm zu Füßen des armen Mannes stürzen : dem Sterbenden zu schwören , daß sein Kind nicht verlassen wäre , daß er über sein Kind liebend wachen werde in allen kommenden Tagen ... Die Kuckucksuhr über dem Sopha vermeldete glucksenden , mürrisch-verrosteten Tones die neunte Stunde . Hedwig erhob sich leise seufzend und wünschte mit müder , klangloser Stimme » Gesegnete Mahlzeit ! « Adam war unschlüssig . Sollte er noch bleiben oder sollte er lieber gehen ? Diesem Gefängniß ... diesem Lazareth entfliehen ? Sich draußen rein- und freiathmen von den hier eingeschluckten Miasmen ? Es war sicher das Gescheiteste . Und doch gewann er es nicht über sich , so hart abzubrechen ... so auffällig , so indiscret zu zeigen , daß sich ihm der Eindruck von Hedwigs stummer Augenbitte schon wieder stark verwischt hatte . Adam verspürte einen bezwingenden Appetit nach einer guten Cigarre . Doch ... hier im Krankenzimmer wurde nicht geraucht . Er mußte sich den Appetit schon verkneifen . Das ärgerte ihn ein Wenig . Und nun knurrte er sich im Geiste schon wieder an , daß ihn eine solche Bagatelle überhaupt ärgern konnte . Allein er kam nicht über das peinigende Gefühl des Mangels hinweg . Was kümmerte ihn jetzt das Schicksal Hedwigs ? Und der Anblick dieses leidenden , zusammengedrückten Mannes war ihm jetzt über Alles lästig . Um die unbequeme Stimmungsscene zu wechseln , wandte sich Adam eine Andeutung nach rechts und streifte mit müder , zögernder Hand die grüne Gardine vom Bücherregal zurück . Langsam drehte ihm Doctor Irmer sein bleiches , weißes Gesicht zu . Jäh ließ Adam die Gardine fahren . Er mußte seinem Impulse folgen . Er konnte nicht widerstehen . Er fühlte sich plötzlich auf ' s Tiefste durch die Geduld beleidigt , mit der Irmer sein elendes Leben trug , weitertrug , weiterschleppte . Nichts von Mitleid mehr und Verständniß war in ihm . Ein kochender Groll über dieses reizlose , werthlose Ertragen und Aushalten siedete plötzlich in seiner Seele empor . Er konnte nicht an sich halten . Hedwig hatte mit dem Mädchen , welches die zusammengestellten Teller abgeholt , das Zimmer verlassen . Sie trat in dem Augenblick wieder ein , als Adam ihren Vater , ohne jede äußere Vermittlung , barsch anfuhr : » - Aber ich bitte Sie , Herr Doctor - warum haben Sie diesem Hundeleben nicht schon längst ein Ende gemacht - ? « Hedwig blickte halb erschreckt , halb erstaunt zu Adam hinüber , der , von seiner Offenheit selbst ein Wenig betroffen , wieder an der grünen Gardine zupfte . Ein leichtes Verlegenheitsroth stand doch auf seinem Gesicht . Irmer schien den psychologischen Proceß , der sich in Adams Brust abspielte , zu begreifen , zu durchschauen . Ein verhaltenes , nur markirtes , aber doch unverkennbar souveränes Lächeln legte sich auf eine kleine Weile über seine scharfen Dulderzüge . » Sie täuschen sich , Herr Doctor « , antwortete er nun mit seiner müden , schleppenden , heiseren Stimme , » - wenn Sie glauben , daß Ihr Leben etwa weniger elend sei , als das meine ... Ich leide nur sichtbarer , als Sie ... erkennbarer für jedes Laienauge - Sie - - « » Pardon ! Ich fühle mich sehr wohl auf der Welt ... Aber verzeihen Sie mir meine brutale Geradheit - es fuhr mir so heraus - « » - Als Sie mich wie ein Häufchen Unglück vor sich sitzen sahen - ich begreife , Herr Doctor - « » Oh ! « stotterte Adam . » Was ist ' s denn , daß Sie noch an diesem Hundeleben festhält , wie Sie sagen - ? Was denn - ? « » Eigentlich nichts ... uneigentlich sehr viel - « erwiderte Adam gleichmüthig . Er hatte seine volle Selbstbeherrschung wiedergewonnen . » Mit dem uneigentlich - das ist so ' ne Sache ! Nun - Sie werden sich wohl ebenso täuschen , wie ich mich getäuscht habe , als ich in Ihren Jahren war ... Damals waren mir einzelne pessimistische Ahnungen und Stimmungen gleichsam Surrogate , wenn ' s mit dem Leben selber einmal nicht recht klappen wollte ... So wird ' s bei Ihnen auch sein . Aber Sie werden so sicher wie ich zu der Erkenntniß kommen , daß Sie sich belogen - allerdings Ihrer psychischen Combination gemäß belügen mußten ... Das ist ja eben das sogenannte Glück der Jugend , daß sie sich an jedem Daseinsmomente zu sättigen vermag ... nach der Kette der Entwicklung aber , dem logischen Zwange der Fortbildung , nichts fragt . Es giebt natürlich noch Millionen andere Spielarten von Seelenanlage . Aber ich ging jetzt von der meinen aus und von der Ihrigen , die , wenn ich mich nicht sehr täusche , der meinen doch immerhin ziemlich verwandt ist ... Und darum werden Sie , Herr Doctor , mit der Zeit , früher oder später , zu denselben Resultaten kommen , zu denen ich gelangt bin . Ihr Selbstbetrug besteht nur darin , daß Sie Ihre Weiterentwickelung jetzt noch nicht voraussehen können . Jawohl : können ! Sie sind für Ihre Verblendung nicht verantwortlich - sie liegt in der Natur der Sache - « Adam dünkte diese Ausführung Doctor Irmers gar seicht und oberflächlich . Was sollte er darauf erwidern ? Hatte denn Irmer gar nicht herausgefühlt , daß er jene barsch herausgeschleuderte Vorwurfsfrage in tiefstem Grunde nur an sich selber gerichtet ? Oh ! Er war trotz seinen jungen Jahren in der » Erkenntniß « schon weiter vorgeschritten , als dieser arme , eingekapselte Entsagungsfanatiker und Kartoffelsuppenmeergreis glaubte . Ihre Seelenanlagen waren doch wohl unter sich ausnehmend verschieden . Allein - es tickte ihn , den Unmündigen und Kurzsichtigen zu spielen - sich so zu geberden , als coquettire er eigentlich nur mit seiner Blasirtheit ... als sei er noch voll von flammendem Jugendfeuer ... als halte er es wirklich noch der Mühe für werth , für ein Dutzend » bedeutender Ideale « einzutreten . Hedwig hatte sich einen Stuhl an den Tisch gerückt und eine Häkelarbeit vorgenommen . Sie hielt den Kopf über die Arbeit gebeugt ... sah nur zuweilen zu ihrem Vater auf ... und in ihrem Blick lag dann die ganze Sorge um den Leidenden , zugleich aber auch , wie es Adam schien , ein Wenig Ungeduld , ein Wenig Zorn . Selten schielte sie einmal zu Adam hinüber . Blendend hob sich das weiße Garn von der kirschbraunen Tischdecke ab . Mit diesem dunklen Untergrunde , den weißen Fingern , dem blaßgelben Teint und dem schwarzen Haar Hedwigs bildete es eine Farbengruppe voll einfach-bizarrer Plastik . Adam aber begann also zu sprechen - allerdings nicht ohne vorher noch einmal im Stillen bedauert zu haben , daß ihm keine gute Cigarre die Rede begleiten und würzen sollte - : » Sie beurtheilen mich vielleicht doch etwas zu sehr nach sich , Herr Doctor - verzeihen Sie , daß ich sogleich mit einer deductio ad personam beginne . Es klingt ein Wenig paradox , enthält jedoch sehr viel Richtiges , wenn ich behaupte , daß wir , das heißt : ich und verschiedene Andere meiner Generation - wir sind übrigens so frech , uns immerhin zu den Besten des jungen Nachwuchses zu zählen ! - also daß wir mit dem Momente - ich möchte beinahe sagen : angefangen haben , mit dem Sie und mit Ihnen gewiß Unzählige Ihrer Generation aufhören . Ihre Entwicklung hat sich den individuellen Verhältnissen gemäß , von denen Sie ausgingen , ganz organisch , ganz normal vollzogen . Aber die unsere nicht minder . Zu Ihren Resultaten sind wir in unserem Gedanken- und Gefühlsleben schon vor Jahr und Tag gelangt . In einem Punkte mögen Sie allerdings Recht haben : die Jugend , das heißt : unsere allerdings vielfach lädirte , durchbrochene , beeinträchtigte Kräftegruppe , läßt sich nicht verleugnen - sie muß sich nach den natürlichen Gesetzen alles Geschehenen auslösen und in Handlungen umsetzen . So arbeiten wir trotz all ' unserer Müdigkeit ... und Blasirtheit - arbeiten ... einmal zielbewußt ... zumeist aber nur im Zwange jenes sogenannten metaphysischen Stadiums , wo das Individuum über sich hinausgeht ... wo sein Wille waltet und wirkt , ohne jedoch eine klare Tendenz zu besitzen . So sind wir denn vorwiegend auch in der Arbeit Aesthetiker - den ethischen Effekt bedingen ja so wie so die Gesetze , nach denen der sociale Zellenverband funktionirt ! . Aber wir arbeiten eben ... wenn auch stets der Gefahr ausgesetzt , das uns eine schwere , dunkle Stunde der Verzweiflung ... des erneuten Durchschauens ... der gespanntesten Sammlung und klarsten Umsicht in alle Horizonte - daß uns eine solche Stunde , sage ich , die Waffe zur letzten , realsten und ... reellsten Abfuhrthat in die Hand preßt ... die Waffe , die wir als Sclaven kleinlicher Umstände und Verhältnisse so oft schon bei Seite werfen mußten ... Es ist eben nicht nur sehr gut möglich - es ist sogar beinahe selbstverständlich , daß eine Erkenntniß einmal so intensiv und überzeugend wirkt , daß unter ihrem heißen Athem auch die letzte Rücksicht und Beanstandung dahinschmilzt ... Dann ist ' s eben aus - dann heißt es nur noch : tirez le rideau ! La farce est jouée ! - wir empfehlen uns auf gut Rabelais ' sch ... Aber vor der Hand ist ja dieser letzte Knalleffekt noch unvollbracht . Und wir müssen mit den Thatsachen rechnen ... so , wie sie liegen . Wir sättigen uns durchaus nicht an jedem Daseinsmomente in dem Sinne , wie Sie es vorhin meinten , Herr Doctor . Wir können uns eigentlich gar nicht mehr begeistern . Wohl sind wir noch großer , starker Gefühle fähig ... eben weil wir noch eine Fülle gesammelter , großer , unverbrauchter Kräfte besitzen . Aber wir stellen diese Gefühle zumeist in den Dienst des Intellekts , wenn ich mich so ausdrücken darf . Wir haben die historische Entwicklung der Philosophie vom Dogmatismus über den Skeptizismus zum Kritizismus in unserem individuellen Sonderleben in schneidender Schärfe und Betonung durchgemacht . So sind wir - und mag das noch so widerspruchsvoll klingen - hagebüchene Individualisten - geblieben ... und doch zugleich auch Positivsten und Phaenomenalisten geworden . Sie haben sich gerade umgekehrt entwickelt , Herr Doctor . Und ... offen herausgesagt : von der social-ethischen Bedeutung Ihres Resignationsstandpunktes verspreche ich mir nicht viel - mögen Sie Ihre Anschauungen nun im Sinne Schopenhauers , Hartmanns oder Mainländers krönen ... Kann sein , daß das sogenannte Volk für die Ethik eines Hartmanns eines Tages reif geworden ist - ich wüßte nicht , ob ich mich darüber freuen , oder ob ich es bedauern sollte ... Sie sind Aristokrat , Herr Doctor - wir sind auch Aristokraten . Aber wir sind Aristokraten der Zukunft ... vielleicht der nächsten - Sie dürfen , höchstens erst am jüngsten Tage in die Urne greifen und das große Loos der geistigen Weltherrschaft ziehen ... Nun ja ! Sie können uns bemitleiden ... Sie können über unsere Bescheidenheit ... über unseren praktischen , realistischen Sinn mit souveräner Erhabenheit lächeln ... Wir verstehen Sie verhältnißmäßig sehr gut , Herr Doctor . Denn wir haben einmal mutatis mutandis Ihnen sehr ähnlich gedacht und gefühlt . Mein Gott ! Die Entwicklung eines modernen Menschen , der einigermaßen außergewöhnlich ... einigermaßen über den Durchschnitt hinausragt , vollzieht sich ja verhältnißmäßig sehr einfach . Das mit reichen Kräften ausgestattete Individium entfaltet sich gewöhnlich in der ersten Zeit unter relativ guten Bedingungen . Dadurch wird ein ebenso hochgradiger , wie einseitiger Idealismus provocirt - ein Idealismus , der sich über Alles gern in Thaten setzen möchte ... dem aber Gott sei Dank ! vorläufig noch alle Thaten allergnädigst geschenkt bleiben . Allmählich kommt das arme-reiche Individuum mit der Welt in Berührung ... mehr und mehr . Natürlich stößt es an allen Ecken und Enden an ... findet allorts Widerspruch ... und zieht sich , in der Regel noch dazu sehr zart , sehr fein , sehr sensitiv von Natur , wieder scheu zurück ... Aber der heißen Schwüre , die es sich und Seinesgleichen in den großen Schwärmertagen seiner Jugend gegeben hat , kann es nicht vergessen . So stürzt es sich in die Welt zurück ... und tritt jetzt gewöhnlich sehr kühn und