welken Laube gehen - das Aufwühlen des melancholischen Herbstniederschlages gab ihr eine Beschäftigung , bei der sich gut nachdenken ließ . Nachdenken ? Worüber ? Ueber den neuen Umstand , daß ihr Lanzenaus Abreise fast eine Erleichterung schien ? Welch ein Unrecht gegen den Treuen und wie unbegründet auch ! Denn sein Benehmen gegen sie wa doch dasselbe gewesen , wie in all den vielen , vielen Jahren , wo ihr seine unermüdliche Freundschaft Wärme und Inhalt in das einsame Leben getragen . Was hatte sich denn verändert ? Fanny fühlte ganz , daß auch in ihrem Herzen die dankbare Anhänglichkeit für den Freund ihrer Jugend , den Genossen ihrer Irrtümer und ihrer als recht erkannten Lebensaufgaben , unvermindert fortlebte , ja , um einen Ton wärmer geworden war durch eine Art Mitleidsgefühl - und doch eine Veränderung ? Durch die kahlen Baumwipfel sauste der Novemberwind . Sonnenstrahlen , gelb und blank wie Messingglanz und so ohne Wärme , lagen auf dem braunfeuchten Blattgehäuf zu Fannys Füßen und ließen darin bläuliche Tinten aufschimmern . Auf dem grünen , von welkem Laub überfleckten Rasen standen da und dort kleine Holzkästen - sie bargen die empfindlichen Coniferen gegen den Winterfrost . Wie unlustig das aussah , und in der Pappel dort saß es schwarz voll und hob sich jetzt wie ein auseinander flatterndes , vom Winde getragenes Laken in die Luft : ein Schwarm Krähen , der gegen den hellblauen Himmel flog . Fanny fror ; sie kehrte eilig zurück . Nahe dem Hause überflog ein helles Freudenrot ihr Gesicht . Am Fenster stand Joachim mit seinem kleinen Neffen , den er sich auf die linke Schulter gesetzt . Der Kleine schlug mit den Patschhändchen gegen die Scheiben , daß es bumste , Joachim lachte und nickte . Wie schnell war Fanny drinnen ! » Aber nun muß er fort , « sagte Joachim , denn gleich nach Fannys Eintritt meldete der Diener , daß das zweite Frühstück servirt sei . » Unser Kind « - Fanny und Joachim nannten den Kleinen immer » unser Kind « - » kann hier bleiben , « bestimmte Fanny . » Er ist zu lebhaft , und wenn er schreit ... « sagte Adrienne bedenklich . » Was schadet ' s - Lanzenau ist ja fort , wir sind unter uns , « sprach Fanny heiter . Sie dachte nicht daran , daß dieses » unter uns « Lanzenau , mit dem sie viele Jahre gelebt , als Fremden von einer Gemeinsamkeit ausschloß , in der sie sich erst seit wenig Monaten mit Adrienne und Joachim befand . Wäre ihr selbst oder den beiden das aufgefallen , würde sie sich wahrscheinlich mit der Erklärung geholfen haben , daß ja Adrienne und Joachim ihre Verwandten seien . Für jetzt freuten sie sich harmlos , daß sie einmal den Kleinen selbst füttern durften . Natürlich zerschlug er eine Tasse und sein Kleidchen wurde mit Eigelb betröpfelt . Aber sie hatten noch nie so vergnügt gefrühstückt wie heute . Lanzenau freilich , der konnte den Kinderlärm nicht ertragen . Nach dem Frühstück kam Severina zum Vorlesen . Magnus hatte neue Bücher geschickt , neue für diese Gesellschaft , die , wie so viele Leser , das Neueste kannten , aber die Perlen unbeachtet ließen , die schon vor einem halben oder gar ganzen Menschenalter von Berufenen dem Volk geschenkt waren . Severina begann heute » Ginevra und Lanzelot « von Hertz vorzulesen . Das hohe Lied der Leidenschaft hätte von keinen heißeren Lippen vorgetragen werden können . Severina vergaß sich und die Welt , sie las nicht mehr für den einen Geliebten . Die Naturgewalt der Liebe erstand vor ihr als etwas so Uebermächtiges , daß sie sich und ihre friedliche , stillglühende Neigung vergaß und vor der Gottheit erbebte . So vergessen wir ob gewaltiger Naturereignisse die Erschütterungen eigenen Seins , so erscheint unser Leben nichts gegen die Ewigkeit . Das eine Kleine geht im Großen auf . Sie saßen alle und lauschten atemlos . Fannys Augen hingen groß und leuchtend an Severinas Lippen ; Adrienne hatte die Hand über ihre Augen gelegt ; selbst Joachim fühlte sich von dem Gedicht ergriffen . Die ritterlich kühne und doch so sündige Leidenschaft Lanzelots für Ginevra , das Weib seines Königs , entflammte ihn zum Mitgefühl ; er sah Ginevra , das glühende , schöne , an den alten Artus vermählte Weib , vor sich - sie mußte ausgesehen haben wie Fanny . So hoch , so frauenhaft , so milde und das blonde Haupt so frei und königlich . Severina las von Mordreds Warnung , von des Königs scheinbarer Jagdfahrt , von der Zusammenkunft , die Ginevra und Lanzelot für diesen Fall verabreden und zu dem eine rote Rose das glückverheißende Zeichen sein soll . Sie las von dieser wilden Nacht . Und dann heischte die Stunde für heute ein Ende . Sie bedauerten es alle und fanden lange noch nicht den heiteren Ton wieder . Fieberheiß hatte sich ihnen das Nachempfinden in die Adern gegossen . Freilich riefen die kleinen Obliegenheiten des Tages den einen an diese , den andern an jene Beschäftigung und das nahm allmälich der Erregung das persönlich Ergreifende . Aber als Severina gegen Abend schied , ward sie ermahnt , ja andern Tags recht zeitig zu kommen . Joachim brachte sie nach Haus . Das hatte sich so als Brauch eingeschlichen , seit die Abende früh das Land deckten . Sie gingen immer auf einem Umweg . Seltsamerweise war ihnen das Glück dabei so günstig , daß noch niemand sie dabei ertappte . Joachim drückte Severinas Arm zärtlich an sich und sagte : » Wie Du heute schön gelesen hast ! - Wenn mir das jemand prophezeit hätte , daß ich noch einmal ganz spießbürgerlich und gebildet beim Vorlesen zuhören würde wie ein Pensionsmädchen in der Literaturstunde ! In meinen anderen Stellungen bin ich in den Mußestunden in die benachbarten Garnisonen geritten oder habe mit dem Gutsherrn Billard gespielt , gejagt oder dergleichen . « » Ist es nicht hübscher so ? « fragte Severina . » Freilich - weil Du dabei bist . Und wenn man so von all den verrückten Menschen hört , die die Liebe so tragisch nehmen und sich und anderen das Leben damit sauer machen , freut man sich der eigenen , modernen Vernünftigkeit , « sagte Joachim behaglich . » Die ganze Vernünftigkeit , die Du manchmal in diesem Punkt an Dir rühmst , « bemerkte Severina mit einem zärtlichen Lächeln , » ist weiter nichts als Dein ruhiges Glücksgefühl . Wenn Du früher zu lieben glaubtest , fandest Du fast immer Entgegenkommen ; stellte es sich dann heraus , daß es bloß eine beiderseitige Täuschung gewesen war , tröstetest Du Dich aus dieser Erkenntnis sehr schnell . « » Die Liebe liebt das Wandern , Gott hat sie so gemacht , Von einer zu der andern , Fein ' s Liebchen , gute Nacht ! « sang Joachim halblaut . » Und jetzt , « fuhr Severina eifrig fort , » wo Du zum erstenmal wirklich liebst , mich , findest Du grenzenlose Gegenliebe . Du hast also gar keine Gelegenheit zur Unvernunft ! Aber das ist gewiß , daß auch ein stilles Glück , ein vernünftiges Glück durch einen Querstrich ins übermenschlich Traurige umschlagen kann . Wenn ich Dir untreu würde , Du ertrügst es nicht . Und ich - ich stürbe , wenn Du mich verrietest . « Sie hing leidenschaftlich an ihm . » Aber , Kindchen , « sagte er mißmutig , » Du weißt , ich kann die überspannten Redensarten nicht leiden . Ob ich Dir treu bleibe - Du mir - wer kann ' s beschwören ? Aber wir wollen es hoffen . Wenn wir erst verheiratet sind , macht sich das von selbst . « Severina zitterte . O , über seinen leichten Ton ! Aber gewiß , es war nur der Ton . » Lanzenau sagt mir , « erzählte Joachim , » daß er Aussichten für mich hat . In drei Wochen kann es sich entscheiden . Dann soll Fanny aber die erste sein , die es erfährt , vor ihr schäme ich mich der Heimlichkeit am meisten . Wie sie sich wohl freut , sie ist so teilnehmend . Weißt Du , bei der Geschichte mußte ich immer denken , daß Ginevra gewiß ebenso ausgesehen hat wie Fanny - es ist so das heldenhafte Genre . « » Nein , bei all ihrer Schönheit finde ich dafür Fanny nicht ideal genug . Sie ist viel zu klug und energisch , als daß man sie sich als Type für eine Ginevra denken könnte . « Sie sprachen noch einige Augenblicke von Fanny voll Anhänglichkeit und Verehrung , wie sie immer thaten , und dann schieden sie . Joachim ging in der angenehmsten Stimmung denselben Weg zurück . Dieser führte ihn durch den Nutzgarten , im Warmhause sah er Licht . Der Gärtner war dort , der die Oefen zuschraubte und die Thüren verschloß . Joachim trat ein . Der Schein der Stalllaterne , die der Mann an den Ast eines Orangenbaumes gehängt hatte , lag ungewiß auf dem glänzenden Dunkelgrün der Lorbeeren und Orangen . Auf den Borden an der schräg aufsteigenden , von Eisenstäben durchkreuzten Glaswand stand Topf an Topf Rosen , Kamelien und der keimende Frühlingsflor der Hyazinthen und Maiblumen . Von dort her leuchteten zwei helle Rosenblüten , der Stolz des Gärtners , der seiner Herrin gestern noch die so künstlich gezeitigten Knospen gezeigt . Ohne Bedenken ging Joachim darauf zu und schnitt sie mit seinem Taschenmesser ab . Er lachte den entsetzten Gärtner aus und versicherte , daß es der Rosen würdiger sei , im Zimmer der Herrin zu welken , als hier still zu blühen . » Ich wollte ihr morgen den Topf in den Blumentisch stellen , « klagte der Mann . » Es sind noch fünf Knospen daran , gute Nacht ! « Pfeifend ging Joachim dem Hause zu und trat in das Speisezimmer . Die Frauen waren nicht anwesend . Er legte auf ihre Servietten je eine Rose und wartete . Fanny und Adrienne , als sie erschienen , freuten sich des Blumengrußes sehr . Daß er nur durch einen Raub in Fannys Gewächshaus ermöglicht war , nahm ihm nichts von seinem Reiz . Man setzte sich heiter zusammen , Fanny befestigte die La france-Rose in ihrem Knopfloch . Die Lampe brannte auf dem Tisch , rings war die totenhafte Stille eines ländlichen Winterabends . Das Glücksgefühl , welches Fanny den ganzen Tag darüber gehabt , daß sie unter sich seien , steigerte sich beinahe bis zum jubelnden Uebermut . Die Dienerschaft auf Mittelbach hatte noch nie ein so vergnügtes Lachen aus den Zimmern der Herrschaft gehört . Joachim spielte sich gewaltig als alleinigen Beschützer und Hausherrn auf , und das stand ihm reizend . Endlich setzte er sich an den Flügel und sang und sang , als wollte er sein ganzes Herz ausschütten : all die ungemessene Jugendlust , alle Liebesfreude , alles Ahnen tieferen Empfindens , das er in Gedanken gern von sich wies , alles strömte er in Liedern aus . Bunt ging es durch einander , Lustiges und Trauriges . Aber die Musik ist eine eigene Zauberin . Mit Schmeichelei fängt sie die Seelen und faßt sie dann mit ihrem Pathos . Der Uebermut entschlüpfte unversehens so dem Sänger wie den Hörern , und Joachim reihte Lied an Lied von Schumann , Brahms und Jensen . Und als er , sich selbst berauschend am Text und der Melodie , das Lied von Jensen gesungen : » Lehn deine Wang ' an meine Wang ' , Dann fließen die Thränen zusammen ! Und an mein Herz drück fest dein Herz , Dann schlagen zusammen die Flammen . Und wenn in die große Flamme fließt , Der Strom von unsern Thränen , Und wenn dich mein Arm gewaltig umschließt - Sterb ' ich vor Liebessehnen ! « Da erschauerte Fanny . Die ganze Menschenohnmacht , die mit den heißesten Wünschen vergebens strebt , ein vollkommen gesättigtes Glück zu genießen oder auszudrücken , spricht sich in diesem Liede aus . Es ist der Notschrei des Titanen , der Göttlichstes empfindet und verlangt und nie ganz auskosten kann . Als der letzte Ton verhallte , sagte sie mit bleichen Wangen : » Heute nichts mehr ! « Joachim fühlte , daß er so gut gesungen habe wie noch nie und daß er mit seinem Gesang Fanny erschütterte . Es freute ihn sehr , daß er , der sich ihr gegenüber stets als unbedeutender junger Mensch fühlte , doch etwas könne , das ihr eine Stunde ausfülle . Auch Adrienne war tief ergriffen und verließ das Zimmer sogleich . Die anderen sollten sie nicht weinen sehen - sie würden erraten haben , daß Adrienne von einem unbestimmten Heimweh erfaßt sei . Von Heimweh ? - nach ihrer sonnenlosen grauen Stube in Kiel , oder nach dem Klang einer ruhigen , ernsten Stimme , in welcher doch ein Ton mitbebte , der Joachims Sang so ähnlich war ? Fanny und Joachim blieben aber nicht mehr beisammen , während er den Flügel schloß und die Noten ordnete , sagte sie ihm gute Nacht . Aber er lief in heiterer Galanterie voraus , um ihr die Thür zu öffnen . Während sie an ihm vorbei schritt , entfiel ihr die Rose . Er nahm sie auf und deklamirte in einer unwillkürlichen Gedankenverbindung : » Ginevra , im Vorüberwallen , Ließ eine rote Rose fallen . « Fanny lachte , ließ ihm die Rose und ging in ihr Zimmer . Die Erregungen des Tages bebten in ihr nach und ließen sie lange nicht schlafen . Lanzenaus Abreise , das schöne Gedicht von Ginevra und Lanzelot , Joachims Gesang - alles kam zurück und forderte seinen Teil abschließender Betrachtung . Und zuletzt hafteten ihre Gedanken auch bei Joachims Citat , als ihr die Rose entfiel . » Ginevra , im Vorüberwallen , Ließ eine rote Rose fallen . « Ja , das that Ginevra - als Zeichen , daß der Geliebte in der Nacht kommen dürfe . Wie unbedacht , wie leichtsinnig , ja wie unpassend war es von Joachim gewesen , das zu citiren . Aber natürlich , das waren in jenem Augenblick nur Worte ohne Sinn gewesen , und er hatte gar nicht daran gedacht , welche Bedeutung sie im Gedicht haben . Sie lächelte in ihre Kissen hinein . Wie reich doch jetzt die Tage waren ! Neben der Arbeit und Aufsichtsführung in Haus und Feld und Scheunen blieben genug Stunden , dem frohen Beisammensein gewidmet . Was war doch früher in diesen Stunden geschehen ? Fanny erinnerte sich nicht . Es schien , als habe es früher gar keine Erholungsstunden gegeben . Das Licht flackerte auf und schreckte Fanny von den Grenzen des Halbschlummers zurück . Sie erhob sich halb und löschte es , fiel zurück und schlief ein . Ganz gegen ihre Gewohnheit träumte sie - buntes , sinnloses Zeug . Aber endlich siegten die beiden Eindrücke , die heute am mächtigsten gewesen : Fanny träumte , sie sei Ginevra und Lanzelot säße zu ihren Füßen und sänge : » Lehn deine Wang ' an meine Wang ' « . Ein unendliches Glücksgefühl überwältigte sie . Das Lied aus seinem Mund , der flehende Liebesblick aus seinem Auge bezwang sie ohne Widerstreben . Sie sank in die Arme , die sich ihr entgegen öffneten und vermählte sich dem geliebten Mann . Vom Uebermaße der Wonne erschrak ihr Herz und in diesem Schrecken erwachte sie . Lanzelot war im Traum eins mit Joachim gewesen . Sie begriff mit wachem Geiste , daß sie im Traum sich Joachim ergeben . Fanny erkannte , daß ihr Leib und Seele in Liebe zu Joachim entbrannt seien . Sie barg ihr Angesicht im Kissen ihres Lagers und weinte . Sie fühlte , daß in dieser Stunde all ihr dunkles Glückssehnen , von dem sie einmal zum Freunde gesprochen , zielbewußt geworden . Sie fühlte , daß ihr Leben in diesem Augenblick einen neuen , einen einzigen Inhalt bekommen habe : Joachim ! Und mit freudigem Stolz gestand sie sich , daß alles , was sie zu geben habe , des besten Mannes nicht unwert sei . Alles , was ihre unermüdliche Kraft sich in den vergangenen Jahren geschaffen , das arbeitsreiche , gesunde Leben , die eigentümliche und so viel verehrte Herrscherstellung , die sie in der Gegend einnahm , die treue Anhänglichkeit ihrer nächsten Untergebenen , der Reichtum , den das Schicksal ihr in den Schoß geschüttet und den sie weise und wohlthätig zugleich verwaltet , alles , alles hatte nun dadurch erst rechten Wert und Bestimmung erhalten , daß sie es dem geliebten Mann zu Füßen legen konnte . Ein frommes Gebet entstieg ihrer Brust . Sie dankte Gott , daß sie sich dieser Stunde reinen Herzens freuen könne , daß sie ihr Glück ohne Bangen empfangen dürfe , denn es treffe ihre Seele nicht im Uebermut , es habe sie gefunden nach langen Jahren ehrlicher Selbstbezwingung . Und dann streckte sie sich wieder und lag ganz still . Nicht um zu schlafen - nein , um in glücklichem Wachen an alles zu denken , was nun kommen könne , kommen müsse . Auch nicht von fern streifte ihre Seele die Furcht , daß Joachim nicht ganz dasselbe fühle wie sie . Mit der Erkenntnis , daß sie ihn liebe , war wie ein Himmelswunder die zweifelsfreieste Gewißheit in ihr Herz gekommen , daß er schon lange harre , das Glück aus ihrer Hand zu empfangen . O , und es sollte ihm werden , reich und königlich , wie nur sie es ihm geben konnte . Zehntes Kapitel Was sind die kühnsten und seligsten Entschlüsse der Nacht gegen die nüchternen Wirklichkeiten des Tages ! Als Fanny am nächsten Morgen Joachim sah , zitterten ihr die Kniee , die Stimme schien ihr versiegt , Flammenglut deckte ihr Antlitz . Aber er war unbefangen heiter wie immer . Und unter der Dienerschaft des Hauses war großes Erstaunen : Frau Förster gab verkehrte Befehle ! Frau Förster vergaß oft , was sie vor einer Viertelstunde angeordnet ! Wenn man sie anredete , fuhr sie erschreckt auf ! Und sie ritt allein bei regnerischem Windwetter aus ! Und die Pastorsleute waren neulich abgewiesen worden - zum ersten , unerhört Aufsehen erregenden mal - weil Frau Förster Kopfweh habe ! Was bedeutete das ? » Was bedeutet das ? « fragte sich auch Severina , als Fanny beim Vorlesen nicht mehr malen konnte , überhaupt nicht mehr stillsitzen zu können schien . Was bedeutete das , daß Fanny sie nicht immer aufforderte : » Komm morgen wieder ! « War das Gedankenlosigkeit ? Und warum dann diese Gedankenlosigkeit ? Was beschäftigte sie so ganz ? Oder wollte sie Severina nicht mehr so oft mit Joachim zusammenkommen lassen ? Hatte sie das heimliche Verlöbnis entdeckt und billigte es nicht ? Aber dann entsprach es Fannys Art , dies offen zu sagen und Severina sowie Joachim eine Vernunftrede zu halten . Was bedeutete das also ? Mit dem Instinkt des liebenden Weibes , das im tiefsten Herzen weiß , der Geliebte sei kein Fels , sondern ein unergründliches Meer mit veränderlichem Wogenschlag , mit dem Instinkt , der sich an der Sorge schärft , fühlte Severina plötzlich , daß es bedeuten könne , Fanny liebe Joachim . Sie hatte nicht die Klugheit Lanzenaus , der sich gesagt , » daran rühren , heißt Flammen schüren « ; sie hatte die eifersüchtige Todesangst ihrer Jugend und ihres Temperaments . » Joachim , « sagte sie eines Tages , als sie sich in Adriennens Wohnzimmer befanden , während die junge Frau nebenan das schreiende Kind besänftigte , » Joachim , merkst Du nicht , daß Fanny ganz verändert ist ? « » Wieso verändert ? « » Nun , sie wird immer dunkelrot , wenn Du eintrittst . « In diesem Augenblick kam Adrienne herein , holte aus einem Schrank ein frisches Kleidchen und sprach dabei von den Schmerzen , die der arme Schelm von den Zähnen habe . Währenddessen standen die beiden mit pochendem Herzen am Fenster . Severina fühlte ihres bis zum Halse hinauf schlagen . Was wird Joachim antworten ? Hat er es auch schon bemerkt ? Hat es Eindruck gemacht ? Die Eifersucht , die immer ihre Schläge zurückführt gegen diejenigen , welche sie auszuteilen meinen , hatte Severina zu einer fürchterlichen Unvorsichtigkeit fortgerissen , von deren Tragweite freilich in diesem Augenblick nichts zu spüren war . Kaum hatte Adrienne das Zimmer wieder verlassen , so wiederholte Severina ihre Frage : » Nun - hast Du nichts bemerkt ? « Joachim schwieg noch einen Herzschlag lang . » Ach - Unsinn ! « sagte er dann mit einem fast ärgerlichen Gesicht . Wenn man einen Funken vor sich niederfallen sieht , erschrickt man immer . Von dieser Stunde an bemerkte auch Joachim , daß Fanny sich ganz verändert habe . Die natürlichste Rückwirkung dieser Veränderung war , daß Joachim etwas Unfreies bekam . Wie sollte ihn die Frage nicht beschäftigen , weshalb Fanny zuweilen bei seinem Eintritt erglühte , und wie sollte das Grübeln darüber ihn nicht verhindern , mit Severina den alten Ton einer Zärtlichkeit anzuschlagen , die alle Gedanken ausschließlich auf die Eine , Geliebte gerichtet gehalten . Mit steigender Unruhe bemerkte Severina eine ganz neue Zerstreutheit an ihm , sah auch , daß er beflissener um Fanny war als vordem . Anstatt die Neugier in seiner jungen und ungefesteten Seele unberührt zu lassen , - denn eine natürliche , von Eitelkeit und von Verehrung für Fanny gesteigerte Neugier war es , die Joachim zunächst erfaßt hatte - anstatt also die unberührt zu lassen , beging sie die Thorheit , Joachim durch Vorwürfe und Fragen zu beunruhigen , ja , ihn geradezu zu verstimmen . Es gab kleine Scenen zwischen den heimlich Verlobten , die Joachim anfangs dadurch zu beendigen suchte , daß er heftig erklärte , wenn Fanny ihm denn ein wärmeres Interesse schenke , habe er nur dankbar dafür zu sein und es durch erhöhte Verehrung zu vergelten . Später aber ging er von der Heftigkeit , mit der er das Recht der Neigung und ehrfurchtsvollen Gegenneigung zu beweisen suchte , zu der schroffen Behauptung über , alles bestände nur in Severinas Einbildung , Fanny sei gar nicht verändert . Und eben in dem Maße , wie diese Veränderung offenbarer wurde , bestritt er sie mehr und mehr . Und Joachim , ohne sich dessen bewußt zu sein , halb aus Trotz gegen Severina , halb aus noch unerkanntem Verlangen , Fannys aufleuchtendes Auge zu sehen , fing an , alle seine Zeit Fanny zu widmen , und das war im November so ziemlich der ganze Tag . Fannys Wesen war in dieser Zeit von dem Sonnenschein eines unaussprechlichen Glückes durchglüht . Die Gewißheit , daß sie geliebt werde , ward ihr nie erschüttert . Sie war zu sehr mit sich selbst beschäftigt , um Severinas bleiche Wangen und unruhige Augen zu bemerken . So kam der Tag heran , an dem Fanny und Joachim nach der Taißburg fahren sollten . Ein Tag , an den Severina mit allen Qualen eines eifersüchtigen Herzens dachte , denn dann würden Joachim und Fanny allein viele Stunden im Wagen zusammensitzen , und Adrienne wollte durchaus nicht mit . » Mir ist nicht nach Festen ums Herz . Wenn ich erst einen Brief von Arnold habe , finde ich vielleicht die innere Freiheit , heiter zu sein . Laßt mich still bei meinem Kinde , « bat sie , und dagegen etwas zu sagen , wäre Fanny die letzte gewesen . Severina mußte für die wenigen Nächte im Herrenhause schlafen ; der Pastor und seine Frau sollten am Tage bei den einsamen Frauen sein . So glaubte Fanny alles auf das beste bestellt zu haben . Zwei Tage vor ihrer Abfahrt hüllte sich die Welt in einen frühen Winterschnee , der so andauernd und so dicht auf die leicht gefrorene Erde fiel , daß es offenbar ward , aus der Wagenreise würde eine lustige Schlittenfahrt werden . Das machte Fanny Spaß . » Es gibt eine lustige Fuhre , « sagte sie , » voran Achim und ich im Schlitten mit den Juckern , hinterher der Kartoffelschlitten mit den Braunen als Gepäckdroschke . « Joachim staunte über den Riesenkoffer , den Fanny in den Flur schaffen ließ . » Soll alles , was da drin ist , in drei Tagen angezogen werden ? « fragte er . » Natürlich , « sagte Fanny , » ich gehe darauf aus , mit einigen Gersonschen Kleiderwundern Erfolg zu haben . « Sie , die Einfache , nie Geputzte , hatte sich in die Mühe des Nachdenkens gestürzt , was ihr am schönsten stände . Severinas Hände zitterten , als sie Fanny beim Einpacken half , und ihr Herz klopfte , als sie jetzt Joachim darüber scherzen hörte . O , es war nur seinetwegen , nur um ihm zu gefallen . Und sie war wieder so verblendet , ihm das zu sagen , ihm daraus einen Vorwurf zu machen - einen blinden , ungerechten Vorwurf . Die letzte , hastige Minute , die ihnen ein Zufall zum unbeachteten Abschied gönnte , ward ihr und ihm dadurch verbittert . Er fühlte Severinas Liebe gleich einer Tyrannei auf sich lasten , und sie litt unter seiner Unfreundlichkeit in einem unbeschreiblichen Grade . Die ganze Hausbewohnerschaft , die Pastorsleute , Adrienne und Severina standen im Flur und auf dem Beischlag , als die » lustige Fuhre « abging . Die Jucker , die Joachim selbst lenkte , trugen stolze schwarzweiße Roßhaarbüschel auf den nickenden Köpfen und eine schwarzweiß gestreifte Decke , die sich an den Schlitten schloß , in der Fahrt sich wie ein Segel blähte und die Schlitteninsassen vor umherspritzender Erde oder aufgestiebtem Schnee beschützte . Joachim hatte eine Pelzmütze auf dem Blondhaar und einen mächtigen Pelz an . Seine Hände staken in pelzgefütterten Fahrhandschuhen . Fannys Gesicht guckte gleichfalls aus dem hochgeschlagenen Kragen ihres Wagenpelzes ; auf ihrem Kopf saß ein Sealskinbaret . Sie sahen , als sie nun auch das Pantherfell über ihre Kniee gedeckt hatten , gerade aus , als wollten sie direkt nach Sibirien fahren . Trotzdem gab die Pastorin noch tausend Ratschläge und trotzdem lief Adrienne noch nach einem Cognacfläschchen . Severina hörte den lachenden Abschied mit stummer Verzweiflung an . Wie diese unnützen Reden vom glücklichen Hinkommen , vielmals Grüßen , nicht Erkälten , keinen Wind schlucken , wie sie ihre Ungeduld erregten ! Wie gleichgiltig , wie alltäglich , wie fade war das alles ! Unerträglich ! Die eine Warnung , die einzige , rief ihnen niemand zu ! Und alles andere war so verächtlich daneben . Da fuhren sie hin . Sie winkten lachend zurück . Die Glöckchen an den Roßhaarbüschen klingelten silbern . Die Decke blähte sich . Da fuhren sie und hinterher glitt das häßliche Lastgespann . Es war , als ob zwei auf Nimmerwiederkehr auszögen und gleich ihren Hausrat mitnähmen . Fort - da - und da - noch ein letztes Winken . Und Severinas Glück fuhr auf gleitendem Schlitten , auf glatter Bahn in die Welt hinein . Kam es ihr wieder ? Sie ging mit stummen Lippen und in schweigender Qual , in der Einsamkeit den Mut zur Hoffnung zu suchen . Wer kennt nicht die Schönheit der Welt , wenn sie in üppiger Sommerschwüle farbenprächtig ihre Reize enthüllt ? Wer kennt nicht die zarten Zauber der Natur , wenn sie in der Frühlingsjugend ihre ersten grünen Schleier über die Fluren hinbreitet ? Ueberall ist die Schönheit zu Hause : sie thront unter den Palmen Siziliens und schaut aus glühenden Augen über das blaue südliche Meer ; sie sitzt auf den grauen Felsenschroffen der Alpen und sieht mit ehernem Antlitz zum nahen Gewölk empor ; sie wandelt mit stillen , freundlichen Blicken unter den Buchenwäldern des Nordens , am schilfbesäumten Ufer langsam fließender Flüsse entlang . Aber nie ist sie so unbegreiflich , so geisterhaft schweigsam , als wenn sie über den unermeßlichen Schneegefilden der norddeutschen Ebene schwebt . Da ist ihr Wesen Majestät , aber es ist nicht die stolze Majestät des Lebens , es ist die erhabene der Ruhe . Weit und breit kein Farbenton als der silberweiße . Selbst dort am Horizont der Waldsaum , der sonst bläulich schimmert , ist von frischen Schneelasten weiß beschüttet . Die Knicke , welche die Landstraße einfassen , gleichen niedrigen weißen Mauern . Lautlos schlagen die raschen Pferdehufe auf die schneegepolsterte Straße , lautlos gleiten die Schlitten in der Spur . Das lustige Klingkling der Glöckchen ist der einzige Ton , der laut wird . Der andere Schlitten , auf dem die Jungfer bei den Koffern sitzt und mit dem Kutscher schwatzt , ist längst zurückgeblieben . Jetzt nähern sie sich einem Dorf . Der Rauch wölkt sich weißlich gegen den blauen Himmel ; die Schornsteine , denen er entsteigt , haben da , wo sie im Dache wurzeln , einen kleinen dunklen Kreis um sich , den die Wärme in den Schnee getaut . Der Schnee liegt locker , dick und weiß auf den schräg abfallenden Dächern ; die der Straße zugewandten Häuserseiten gucken mit ihren Fenstern aus dem Schneerahmen wie alte Frauengesichter aus weißen Tüllmützen . Aus den Pappeln fliegen Raben auf . Ein Bauernwagen mit dampfenden Pferden zieht langsam vorbei . Das eintönige Geräusch des Dreschflegels klingt aus einer Scheune und aus dem Schulhause der plärrende Gesang der Kinder . Der Schulmeister , der zum Fenster hinaussieht , grüßt - er hat die » Mittelbacher « erkannt . Vorüber ! Und wieder das weite , stumme , geisterhafte Land . Und Fanny und Joachim haben noch kein Wort zusammen gesprochen , kein einziges . Ihr ist es lange nicht aufgefallen , und er hat geschwiegen