Rout anschloß . Krastinik begrüßte unter den Geladenen seinen Bekannten von jenem herzoglichen Schreckensball , Sir . Thomas de Mowbray . Nach Tisch beim Thee trieb man hohe Politik . » Glauben Sie an den Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ? « fragte Mr. Egremont , indem er Krastinik eine Shilling-Havanna huldvoll überreichte . » Zweifellos . Die beiden großen Maschinen heizen sich innerlich so lange , bis sie plötzlich mit voller Dampfkraft aufeinanderprallen . Die daran zweifeln , gleichen dem Vogel Strauß , der den Kopf in den Sand steckt , um sich dem Feind zu verbergen . « » Ich hoffe , « Sir Thomas de Mowbray reckte sich , » daß diese Preußen nicht wieder die armen Franzosen so unvorbereitet überfallen werden . Wodurch haben sie gesiegt ? Nur durch ihre kolossale Uebermacht und ihr überlegenes Gewehr , wie ich noch kürzlich in der Broschüre eines französischen Artilleriecapitäns las . « » Erlauben Sie , « sagte Krastinik ruhig . » Auch ich habe jenes thörichte Machwerk verdaut . Wenn der Verfasser wirklich den großen Krieg mitgemacht hat , so mag es um die militärische und sonstige Bildung des französischen Offiziercorps übel bestellt sein . Wenn er , von seinem eigenen Unsinn betäubt , bona fide seine lügenhasten Albernheiten ausstreut , so muß die Masse des französischen Volkes doch derlei Ungeheuerlichkeiten erst recht für baare Münze nehmen . « » Ah , ich wußte nicht , Sir , « wunderte sich der englische Kamerad , » daß Sie ein Bewunderer der Preußen seien . Sie nennen es lügenhafte Albernheiten , - « » Wenn der Herr Artilleriecapitän am Fieberdelirium der Spionenriecherei leidet , wenn er von überlegenem Gewehr fabelt - obschon doch selbst jeder Boulevardier wissen müßte , wie sehr grade das Chassepot dem Zündnadelgewehr überlegen war - , wenn er von der unvollkommenen kriegerischen Natur der Deutschen redet und erzählt , daß diese jedesmal die Flucht ergriffen , sobald man sich Mann an Mann mit ihnen kreuzte ! Warum ? Nun , weil wir tapfrer sind als sie , wie dieser Bramarbas prahlt . Die Deutschen können nur wünschen , daß man die Rathschläge solcher Broschüren befolgt : Das Losstürmen auf die kaltklütigen Nordländer , um sie mit dem Bajonett zu werfen , und besonders die Massen-Bajonettattacken bei Nacht werden gewiß zu empfehlen sein . So mag man den Heeren Moltkes nur mit Lachen entgegentreten , wie die unverdrossenen Chauvinisten lehren ! Aber wer zuletzt lacht , lacht am besten . - Meine Auffassung setzt Sie in Erstaunen ? « » Allerdings , ein wenig . « erwiderte der Brite kalt . » Man überschätzt Deutschlands Macht gewiß , « fiel Miß Maud Egremont ein , die sich soeben zu den Herren setzte , um an dem Gespräch theilzunehmen . » Ich bin überzeugt , wenn französische Truppen erst mal den Rhein überschreiten , fällt der Bundesstaat auseinander . « Krastinik schüttelte den Kopf . » Täuschen wir uns nicht ! Ein Ausländer hat meist gar keinen Einblick in die wahren inneren Verhältnisse eines Staates . Weil man im Deutschen Reichstag sich zankt , glauben die Fremden sozusagen an Keime zum Bürgerkrieg . Bedenken Sie , daß Napoleon III. allen Ernstes 1870 auf die Neutralität der Süddeutschen rechnete . - Kurz , ich fürchte , die Chauvinisten der Patriotenliga , die Boulangers und Deroulédes , machen sich um ihr Vaterland nicht wohlverdient durch ihr windiges Gerede über ihre Besieger , wodurch sie eigentlich nur sich selbst herabsetzen , da diese miserablen Soldaten doch Frankreich Stück für Stück zerbrachen , obschon es den äußersten Widerstand bis zu gänzlicher Erschöpfung ihnen entgegensetzte . Er entschuldigt höchstens , daß man in aller Einfalt das unpatriotische Verbrechen begeht , falsche Vorstellungen und luftige Hoffnungen vorzuspiegeln . Nach solchen Reden und Brochüren muß das revanchelustige Volk ja glauben , daß man heut mit mehr Recht , denn je , von einer Militär- A Berlin reden könne . Wir wollen den Maulhelden nicht wünschen , daß sie die deutschen Bajonette in der Nähe schmecken lernen . Das Lachen würde ihnen dann wohl vergehn . « » Nun , eins können Sie doch nicht leugnen , « wandte Mr. Egremont ein , » daß die Deutschen stets über eine große Uebermacht verfügten . « » Hm , ich weiß nicht . Wie steht es mit dieser angeblichen Uebermacht ? In der zweiten Hälfte des Feldzugs war sie durchweg ( zweifach , dreifach , manchmal vier- und fünffach ) auf Seiten der Franzosen . Bei Weißenburg , Wörth , Spicheren , Gravelotte wurde die deutsche Ueberlegenheit an Truppen nicht nur aufgewogen durch unerhört starke Stellungen des Feindes , sondern an allen einzelnen Entscheidungspunkten war die Uebermacht ganz auf französischer Seite . Bei Vionville standen die Franzosen an den meisten Punkten mit sechsfacher Uebermacht entgegen , so daß ein deutsches Regiment gegen zwei Divisionen , eine Brigade gegen ein und einhalb Armeecorps kämpfte ; ja , am Abend , als alle Verstärkungen eingetroffen , war Bazaine immer noch ums Doppelte überlegen . Und nun Sedan ! Darüber herrschen vielfach falsche Begriffe . Mac Mahons Armee betrug gegen 130000 Mann , was aus Addition des Schlachtverlustes , der Kapitulirenden und der über Belgien und Mezières Entkommenen sich leicht ergiebt . Von deutschen Corps kämpften in der Schlacht selbst höchstens 150000 Mann . Da nun die Franzosen im Innenkreis in dicken Massen standen , so haben sie zweifellos in der Schlacht selbst überall Uebermacht gehabt gegen die dünnen Linien der Deutschen auf der Peripherie . So zerrinnt das Märchen von der deutschen Uebermacht ins leere Nichts . « » Also war es die deutsche Führung , Count de Rasteinik . « Egremont gab mit großer Wichtigkeit das entscheidende Votum des freien Briten ab : » Moltke ist der erste Feldherr Europas . « » Hm . « Krastinick schüttelte leicht , den Kopf . » Ob die Generale den Löwenantheil des Sieges beanspruchen dürfen , weiß ich noch nicht einmal . So vortrefflich die Kaiserlich Napoleonische Armee sich schlug , so war wohl auch das Material der Deutschen in jeder Einzeltruppe ein besseres . Nicht auf dem System Moltkes , wovon die Franzosen so viel Unklares träumen , nicht auf der Führung des Großen Generalstabes , die ja ebenso gut Schnitzer machte wie die französische Oberleitung , sondern auf der kriegerischen Natur der Deutschen beruht der Erfolg Deutschlands . « Er verbreitete sich noch weitläufig über die Autoritätsmichelei , die immer nur » oben « das Verdienst sucht , und über die völlige Unfähigkeit der französischen Führung und Intendantur , trotz welcher aber das kaiserliche Heer , wegen Geschicklichkeit und Bravour der Truppen selbst , einen furchtbaren Widerstand leisten konnte . Das Alles war den Hörern ganz neu und erregte ungläubiges Staunen , was im Laufe des folgenden Gesprächs sich zu einer gewissen Mißbilligung steigerte . Wer etwas Neues sagt , gilt stets für paradox ; wer liebgewordene Vorurtheile über den Haufen wirst , für arrogant . » Well , « sagte Mowbray , » Bazaine nennt sich ja noch in seiner bekannten Rechtfertigungsschrift den Besieger Preußens in den zwei schwersten Schlachten des Jahrhunderts . « » Ja , er wagt sich damit zu brüsten , « erwiderte der Oesterreicher trocken , » obschon er damit höchstens das niedrige Niveau seines Begriffsvermögens zeigt . « » Hört , hört ? Ein französischer Marschall .. « » Abgesehen von der taktischen Unbestreitbarkeit der deutschen Siege , « fuhr Jener unverdrossen fort , » wurden Vionville und Gravelotte ja zu schweren strategischen Niederlagen .. « » Hört , hört ? Sie widersprechen sich da doch , Sir , « fiel ihm Maud spitz ins Wort und schien sich dieses Hiebes zu freuen . » Sie verkleinern die preußische Strategie und sagen nun doch selber .. « » Pardon , Miß . Nicht die geniale Voraussicht des preußischen Hauptquartiers erzielte diese Erfolge , welches z.B. bei Gravelotte die Entscheidung ganz an falscher Stelle , statt bei St. Privat auf dem entgegengesetzten Flügel suchte . Bazaines Auffassung seiner Lage am 16. August war von seinem Standpunkt aus ganz richtig . Er wollte ja eigentlich gar nicht nach Verdun abmarschiren , wie deutscherseits immer behauptet , sondern vor allem sich an Metz lehnen . Der angebliche Plan des deutschen Obercommandos , die 200000 Mann starke Bazainesche Armee in das für uneinnehmbar gehaltene Metz hineinzudrängen , ist ihm erst nachträglich als von Anfang an bestehend untergeschoben . Der Plan schien auch so unerhört kühn , daß er kaum Erfolg versprach . Am 16. August , dem eigentlichen Entscheidungstag des Feldzugs , ohne den das spätere Sedan unmöglich war , operirte man beiderseits so planlos wie irgend möglich und der ganze Ruhm gebührt den unübertrefflichen altpreußischen Truppen . « » Und Sedan ? « fragte Egremont . » Glauben Sie denn etwa , ein Sedan wäre möglich gewesen ohne die zwingende Gewalt schicksalsschwerer Umstände ? Die deutsche Oberleitung , die auf Paris vorrücken wollte , tappte ganz im Dunkeln und der gewagte Plan Mac Mahons , an der Nordgrenze durchzuschlüpfen , war beinahe geglückt - als man im letzten Augenblick die Falle merkte und nun in unerhörten Gewaltmärschen an die Maas eilte , die man nur deutschen Truppen zumuthen durfte . Uebrigens wird auch hier Moltkes spezielles Verdienst etwas überschätzt . Der Befehl an die dritte Armee zu der großen Rechtsschwenkung kam schon zu spät - hätte nicht der Generalstabschef dieser Armee , der alte Blumenthal , auf eigene Initiative hin schon vorher die Rechtsschwenkung ausgeführt . Diese Thatsache , ist freilich nur sehr Wenigen bekannt . Trotzalledem aber fruchtete das Alles nichts , falls nicht Mac Mahon so schandbar langsam marschirt wäre . Aber auch daß er an der Maas ereilt wurde , ehe noch ein Theil seiner Truppen auf das jenseitige Ufer gelangt war , hätte ausgeglichen werden können , falls nicht Faillys Corps sich bei Beaumont in so unerhörter Weise überfallen ließ . Und selbst dies hätte noch verwunden werden können , wenn Mac Mahon nicht unbegreiflicherweise unter den Wällen von Sedan hätte abkochen lassen und sich achtundvierzig Stunden dort zur Ruhe gesetzt hätte . Ja , und selbst dann noch war , wenn auch nicht eine schreckliche Niederlage , so doch die Kapitulation vollständig zu vermeiden , wenn man nur am Morgen oder Vormittag mit aller Macht auf Mezières abrückte . Unter solchen Umständen zu siegen , ist keine Kunst . In der Schlacht von Sedan selber aber hat wieder nur die wundervolle Sicherheit und Energie der deutschen Truppen selbst so glänzende Resultate ermöglicht . - Was geschah aber nach Sedan ? Vinoy , der unrettbar verloren war , entkam mit seinem ganzen Heer und in dem nun völlig waffenlosen entblößten Frankreich marschirte Moltke so vorsichtig mathematisch , daß man Paris richtig nicht mehr überrumpelte , wie man so leicht konnte . Und am Tag von Châtillon beim Eintreffen vor Paris , wo man notorisch die Stadt hätte nehmen können , fehlte es ganz an selbstständiger Initiative . Selbst Blücher handelte 1815 beim Vormarsch auf Paris nach Waterloo viel genialer und darum richtiger . Und wie anders würde ein Napoleon handeln ! Nein , Mac Mahon und Bazaine waren nichts wie leidliche Routiniers der Taktik , sogenannte Bataillegenerale - aber die preußische Führung riecht andrerseits immer wieder nach der Studirlampe . Statt Napoleons Kriegskunst haben wir heut eine Kriegs wissenschaft , ein Schachspiel mit höherer Mathematik ! « Eine Pause trat ein . Die Einen schienen das Gehörte verdauen zu wollen , die Andern schienen , schon ungeduldig . Mowbray gähnte laut . » Wie der aber arrogant über Alles aburtheilt ! « flüsterte eine Freundin Miß Mauds dieser zu , welche zu der Gruppe getreten war und sich über Mauds Stuhl lehnte - ungeduldig , daß dieser fesche Ausländer die Herrn durch gelehrte Gespräche so lange von dem Thee der Damen fernhalte . Gar kein ladies-man ! » Hört , hört ! « verlautbarte sich Egremont gedehnt » Uebrigens , wenn Sie Bonaparten heranziehn , würden nicht 100000 Mann , von ihm selber geführt , heut von jedem beliebigen General mit 50000 heutigen Gewehren geschlagen werden ? « » Ich glaube , Sie irren , Mr. Egremont . « Krastinik befand sich in der unglücklichen Lage , stets widersprechen zu müssen . » Sie sind nicht Militär und grade Laien fassen den Krieg zu mathematisch-mechanisch auf , würdigen nie das hauptsächlich entscheidende psychologische Moment der Taktik . Eben weil sie dazu geneigt sind , überschätzen sie die nur partielle Wirkung des Fernfeuers . « » Wie das ? « fragte Maud . » Nun , erstlich ist die Wirkung des Massen-Schnellfeuers auf weite Entfernung verhältnißmäßig gering . Erfahrungen durch Verlustziffern des siebziger Krieges lehren , daß von 1000 Geschossen bei Massenfeuer auf Stürmende selbst auf ganz deckungsloser Fläche mit rasanter Flugbahn erst eins trifft . Das große Sicheln beginnt erst auf 400 Meter Entfernung und steigert sich progressiv . Nun verführt aber das Fernschießen , zumal jetzt beim Magazin-Gewehr , dazu , ununterbrochen draufloszupaffen , so daß beim fünfzigsten Schuß ( - bis zu 150 Schuß kann man hintereinander verknallen - ) ein blindes zielloses Knattern eintritt . Das überhitzte Gewehr droht zu springen . Indem er fälschlich ein massenhaftes Treffen seines massenhaften Kugelverbrauchs voraussetzt , macht ein unentwegtes Vordringen des Feindes den Vertheidiger stutzig . Seine Nerven werden von dem Rollen seines eignen Feuers erschüttert , die Hand am Laufe fliegt , der Arm zittert , er verliert jede Selbstbeherrschung und verschießt seine Munition : in dieser Verfassung trifft ihn ein entschlossener kühner Sturmlauf , der den umfassenden Bleimantel nicht scheut . Der Angreifer hingegen empfängt durch seinen Sturmlauf einen nervösen Elan . Er schieße nun erst , sobald er auf 400 bis 100 Meter herangekommen , im Vorgehen kaltblütig und ruhig . Noch hat er keinen Schuß gethan ; seine Nerven sind noch nicht vom augenflimmernden Knall-Wahnsinn ( diesem selbstüberschätzenden Größenwahn des modernen Hinterlader-Fußvolks ! ) ergriffen ; er pustet treffsicher und klaren Blicks in runden Salven sein Nah-Feuer dem Feind ins Gesicht und bringt ihm in einem Zehntel der Zeit stärkere Verluste bei , als er während des ganzen Sturmlaufs erlitten . - Unter diesen Umständen bei gesunder taktischer Formation scheint also immer noch eine gutgeschulte Truppe einer minder tüchtigen überlegen , falls nur die Führung den Unterschied der Waffe ausgleicht . « Nur Wenige waren dieser lichtvollen Auseinandersetzung gespannt gefolgt . » Der schwatzt , als ob er ein Feldherrngenie wäre ! « näselte Mowbray Miß Maud ins Ohr . » Ja , das läßt sich Alles hören , « brummte Herr Egremont . » Ob aber in der Praxis .. « » Nun , Sie müssen ' s ja am Besten wissen , Sir Thomas , « wandte sich der Oesterreicher an diesen , nicht ganz ohne boshafte Nebenabsicht . » Wie leicht sprengten doch im Sudan die Mahdisten , bloß mit Schwert und Schild bewaffnet , die Magazingewehr-Vierecke der besten englischen Truppen ! « Ein unruhiges Räuspern ließ sich vernehmen . Der Ausländer war doch auch gar zu taktlos ! Vom Sudan-feldzug zu reden - gradezu shoking , Mangel an respectability ! » Mein Herr , die britischen Vierecke wurden keineswegsgesprengt , « erwiderte Mowbray schroff , indem er seinen Giraffenhals majestätisch reckte . » Englische Vierecke pflegen überhaupt nicht gesprengt zu werden . « Krastinik zuckte verstohlen die Achseln . Doch ein beifälliges Gemurmel belehrte ihn darüber , daß man nicht ungestraft dem Größenwahn nationaler Ueberhebung auf die Zehen tritt . Mowbray schien einen Augenblick zu zögern , ob er noch etwas hinzufügen solle , platzte aber , ohne lange an dem Brocken » glory « zu würgen , dann plötzlich los : » Uebrigens , Herr Graf , was Sie da vom Fernfeuer u.s.w. äußerten , trifft natürlich auf britische Truppen nicht zu . Nerven-Erschütterung ist bei uns Insel-Leuten nicht zu befürchten ; die haben Nerven von Stahl . « Krastinik hatte sich zwar baß gewundert , an allen mit Reklameprospekten beklebten Mauern , ja sogar in Anstalten für öffentliche Nothdurft , Mittel gegen » nervous debility « empfohlen zu sehen . Doch er biß sich auf die Lippen und schwieg , bis der alte Egremont mit Würde das unumstößliche Dogma hinwarf : » Well , Sir , das werden Sie ja nicht bestreiten : Der englische Soldat ist der beste der Welt . Sogar der deutsche Kronprinz hat auf einer Revne in Aldershot dies geäußert . Es stand in allen Blättern . « » Dann muß es freilich wahr sein , « versetzte Krastinik ernsthaft , obschon er gern etwas von » Compliment aus Höflichkeit « hätte einfließen lassen . Dagegen bemerkte er mit ruhiger Ironie : » Ja freilich . Auch Napoleon soll so etwas auf St. Helena einigen Engländern gesagt haben . Die englische Infanterie sei die beste in Europa . Nur fügte er hinzu : Gott sei Dank , giebt ' s nicht viel davon . « Auch diese Einschränkung , deren Stachel man wohl fühlte , kam der britischen » Glory « ( dieser widerlichen Bastardschwester der französischen Gloire ) augenscheinlich ungelegen . Denn Mowbray fiel hastig ein : » Doch haben diese Wenigen ganz Europa geschlagen . « Krastinik hätte sich gern erkundigt : wo , und würde in Sachen Waterloo dem britischen Kameraden die » Waterloo-Lectures « des Colonel Chesney an der Woolwicher Kriegsschule empfohlen haben . Doch behielt er wohlweislich sein Wissen für sich . Egremont ritt jetzt wieder sein pomphaftes Steckenpferd . Nachdem die » Britische Aristokratie « durch das Toryministerium Salisbury wieder die Leitung der auswärtigen Geschäfte übernommen , werde Großbritannien aufs Neue die entscheidende Rolle in Europa und speziell in dem kommenden Weltkrieg spielen . Krastinik hütete sich wohl anzudeuten , daß man auf dem Continent über die » Krämerpolitik « ganz anders denke , und meinte auch , daß England in Asien seine Suprematie behaupten werde . Ueberhaupt überschätze man Rußlands Macht bei weitem , das wegen gänzlicher Verrottung der Verwaltung so spät mobilisiren könne , daß an einen erfolgreichen Offensivkrieg desselben gar nicht zu denken sei . Dagegen sei man , wenigstens im großen Publikum , geneigt , Frankreichs in der That furchtbare Macht jetzt zu unterschätzen . Ebenso sei Oesterreich bei all seinen unteren Schäden die drittgrößte und -beste Militairmacht geblieben und könne zur Noth allein mit Rußland fertig werden . Das Gespräch lenkte sich jetzt auf den Nihilismus und von da auf ähnliche Erscheinungen : Die Irischen Dynamitverschwörer , die Deutsche Socialdemokratie , den Anarchismus . Nachdem man hin- und hergeredet und auch die Millionen umfassende socialistische Liga . » United Workmen « , welche der englischen Gesellschaft Gefahr drohe , besprochen , sagte Krastinik plötzlich : » Ja , wir werden wohl Alle noch dranglauben müssen . « » Wie meinen Sie das ? « Der zur Ruhe gesetzte Bücher-Millionär blies die Backen auf und steckte unwillkürlich die Hände in die Hosentaschen . » Ich meine , daß wir Alle noch ins Gras beißen werden und daß die sociale Revolution ein unabwendbar drohendes Gewitter ist . « Miß Alice , die auch hinzugetreten war , stieß einen allerliebsten kleinen Schrei aus . Mowbray , der britische Leu , ermuthigte sie jedoch mit einem feurigen Blick : » Fürchten Sie nichts , Miß . Noch wird es nicht an Männern fehlen , welche die Gesellschaft zu schützen wissen . Gott sei Dank giebt es noch Armeeen und Offiziere zur Rettung der Staatsgewalt . « Krastinik sah nicht den kokett zärtlichen Dankbarkeitsblick der reizenden jungen Dame , sondern fuhr düster und etwas unwirsch drein : » Bravo ! So sprach man auch vor der Französischen Revolution ! Das sicherste Kennzeichen für die positive Gefahr scheint es mir aber , daß man überall in der Guten Gesellschaft von der socialen Revolution wie von einer Wahrscheinlichkeit schwatzt - grade so wie damals die Grandseigneurs thaten . Welche schöne Revolution werdet Ihr haben ! Kinder , ich beneide Euch ! rief der Patriarch Voltaire als gefeierter Jubelgreis der liberalen Jeunesse dorée zu , die sich als schwärmende Schöngeister eine Revolution wie eine galante Oper dachten . Ach , er brauchte sie nicht zu beneiden ! Sie wurden ja Alle geköpft . Je mehr sie von Freiheit und Brüderlichkeit schwatzten , desto eher . Was half ' s dem Herzog von Orleans , daß er sich Bürger Philipp Egalité nannte ? Die Egalité verlangte darum doch seinen Kopf - eben weil er Herzog gewesen war . Das kommt Alles viel schrecklicher wie man denkt . « Er sah vor sich nieder . Die Gesellschaft fühlte sich in der Verdauung gestört und ein reicher Brauer legte mit schmerzhafter Miene seine Hand auf die weiße Weste seiner Magenhöhle . » Sie machen Einem Angst und Bange , « sagte Miß Maud mit ihrer scharfen Stimme . » Aber wie wäre das Alles denn möglich ? Wer will denn in Europa Revolution außer den unteren Ständen ? Man mag ja wohl einige sociale und sonstige Uebelstände abschaffen ; aber darüber hinaus geht Niemandes Wollen . « Krastinik lachte leicht auf . » Ja wohl , wer will Revolution ! Die paar hundert Jacobiner sind es gewesen , die ganz Frankreich tyrannisirten und die Besiegung Europas organisirten . Und mit dem Abschaffen socialer Uebel auf gesetzlichem Wege geht es , wie mit der Lawine , die aus einem Schneeball sich bildet und ins Rollen kommt , bis sie im Abgrund verdonnert . Niemand wollte damals die Republik , Jeder nur die Constitution . Aber es liegt in der Art der Monarchie , daß sie ihr abgerungene Beschränkungen nie gutwillig trägt , sondern stets dagegen opponirt . Ich , Aristokrat , Monarchist bis in die Knochen , Royalist , getreu meinem kaiserlichen Herrn , würde es nicht anders machen ; würde den Thron im Kampf gegen die siegreiche Demokratie unterstützen . Diese aber ist wie der Tiger , der Blut geleckt hat . Man gebe ihr nur den triftigen Vorwand , indem man ihr trotzt , und sie springt von Stufe zu Stufe ihren letzten Ziele entgegen . Auch überstürzt sich ja Alles in solchen Zeiten . In der berühmten Nachtsitzung des französischen Adels vom 4. August 1789 wollte man auch mit einigen allgemeinen Gleichheitstiraden beginnen und endete um 2 Uhr Morgens , nachdem man die gesammten Privilegien und Feudalrechte mit eigener Hand vernichtete ! - Uebrigens doch bei alledem eine merkwürdige Nacht , « fügte er nach einer Pause hinzu , da Alles schwieg und sich betreten ansah . » War ja verrückt , aber wird dem französischen Adel doch ewig zur Ehre gereichen . Denn .. « » Meine Herren , « unterbrach ihn Miß Maud , indem sie sich hastig erhob : » Ich finde , das Gespräch nimmt eine zu ernste Wendung . Die Damen erwarten Sie schmerzlich . « .. Xaver empfahl sich bald . » A queer little fellow ! « näselte Mowbray , indem er ihm durch sein Monocle nach sah . Alice , der er die Cour schnitt , antwortete nicht . » Ein schrecklich geschwätziger altkluger Mensch . Läßt Niemanden zu Worte kommen , « brummte Egremont , der mehrmals pompöse Phrasen hatte verschlucken müssen . » Und was für baroke Ansichten er hat ! « meinte , eine Freundin von Miß Alice . » Und so von sich eingenommen ! « meinte eine Freundin von Miß Maud . » Man begreift gar nicht .. « sagte der fette Brauer , der die Hand auf die weiße Weste seiner Magenhöhle , zu legen liebte . » Ein Graf .. und so vulgär radikale Ansichten ! « » Ueberspannt ! « » Revolutionär ! « » Hm , you know .. Graf .. das bedeutet nicht viel auf dem Continent .. da ist immer der Zehnte Graf . « » Hm , er ist ja wohl auch ein jüngerer Sohn , « warf Egremont nachdenklich hin . » Ah , ein jüngerer Sohn ? ! « näselte Mowbray . » Das erklärt mir Alles ! « entschied der fette Herr mit der weißen Weste . » Jüngere Söhne - hähä - sind immer radikal . « » Kurz , a queer fellow ! « setzte Mowbray als letztes Punktum . Miß Alice ermuthigte ihn durch einen schmachtenden Blick . Eine entscheidende gesellschaftliche Niederlage . » A queer fellow « - dieser Spitzname hatte den fremden Eindringling für immer gestempelt . Das kommt davon , wenn man diese Ausländer , diese Foreigners , in die britische Respektabilität aufnimmt Sie zweifeln an der Unfehlbarkeit alles Englischen , sie reden von unbequemen Sachen , welche die Verdauung stören . Sie verletzen die herkömmlichste Sittlichkeit in ihrem wilden barbarischen Größenwahn . Viertes Buch . » Bitu meine Nauze ? « flüsterte Mary in ihrem Kellnerinnen-Jargon , indem sie ihre Arme zum Abschied um Rothers Hals schlang . - » Adieu , mein Schatz . « Rother warf sich in eine Droschke , nachdem er die ihre bezahlt , um sie allein nach Hause fahren zu lassen . - Der Droschkengaul trug ihn langsam durch die lautlose Winternacht . Ein sonderbarer Geruch haftete an seinen Kleidern , wie auf einer Wange der Biß oder die Nässe eines allzufeurigen Kusses haften bleiben - ein Geruch , wie ihn ein transpirirender Mädchenkörper ausströmt , dessen Schweiß durch die Blumen und den Parfüm der Kleider einen durchdringenden wollüstigen Duft empfängt . Rother befand sich in einem Zustand willenlos mechanischer Apathie . Der Trieb zum Produciren schien ihm ganz verloren gegangen . Er bummelte in den Spelunken herum , wie ein von mechanischen Fäden , gezogener Automat . Bei Marys Freundinnen verlieh man ihm den Spottnamen » der Trompeter « , da Scheffels Säkkinger Aventüre diesen Weibern meist geläufig ist - sie wollten damit das Künstlerisch-Ideale bezeichnen und griffen daher , als Mary schwärmerisch von ihrem neuen Freunde meinte , er sei so süß und lieb wie der Trompeter von Säkkingen , diese Bezeichnung auf . Immer neue Flaschen Wem trinken , gilt als Bedingung eines innigen Verhältnisses in diesen Lokalen , wenn der Wirth sie väterlich sanctioniren und die Kolleginnen ein Auge zudrücken sollen . Das fängt auf die Dauer an , lästig zu werden . Aber Rother fühlte , wie sehr der Mensch ein Sklave der Gewohnheit wird , aus der man sich nur gewaltsam herausreißen kann . Auch behielt Mary in ihrer spanischen Mantille und ihrem Spitzenschleier für ihn etwas » Aristokratisches « und es besteht nun einmal ein lähmend Zwingendes in verliebter Herzenssympathie . Die Freundschaft mit einem Weibe wird für den Mann in den Widerwärtigkeiten des Lebens stets einen unerklärlichen Balsam besitzen , und wäre das Weib selbst eine Schenkmamsell . In dieser Beziehung zeigt sich die unverwischbare Allgewalt der Geschlechtssympathie . Mary hatte ihren Amant , wie das so üblich , ihrer Zimmer-Wirthin ( » Comment-Mutter « ) vorgestellt , welche ihr mütterliches Urtheil dahin abgab , daß der Herr mit dem hübschen Gesicht , so » blaue treue Augen « habe , also zu cultiviren sei . Marys Wünsche betreffs Einlösung ihrer versetzten Uhr , und dergleichen mehr , fielen bei Rother auf fruchtbaren Boden ; ihre Droschken nach Hause bezahlte er ihr pflichtschuldigst , aber sie selbst besuchte er selten . Es schien mit der Zeit mehr ein gewisses Mitleid , was ihn an sie kettete , indem er ihre Neigung für eine wirklich tiefere hielt . Hierin irrte er auch nicht , wohl aber , wenn er ihrer Versicherung Glauben schenkte , sie habe sonst kein » ernsthaftes Verhältniß « nebenbei . Ja , war denn das wirklich er , Rother , der sich , wie ein Ladenschwengel oder ein halbwüchsiger Student mit seiner Kneipmamsell oder Confectioneuse , mit einem thörichten Bierbaß-Mädel umhertrieb , die zufällig in ihn verliebt war und ihren Mund unersättlich mit der Mahnung » Kuß « ihm entgegenspitzte ? Und das Alles nur , um die nagende Sehnsucht und Erinnerung zu betäuben ! War das denn nicht eine Profanation seiner wirklichen wahren Liebe für jene Andere , die er sich doch mit Leib und Seele als Braut erkoren ? Und dabei liebelte er nebenbei noch mit der Dienstmagd der Wirthsleute , wo er wohnte ! Kein Zweifel , sein ganzes Wesen war in kindsköpfische Sinnlichkeit aufgelöst , er schien von einem erotischen Teufel besessen . Diesen Teufel kann man nur austreiben durch Beelzebub , den obersten der Teufel . Und so keimte denn in Rother der künstlerische Größenwahn um so stärker hervor , jemehr seine Farben auf der Palette trockneten und der Pinsel nervös seiner Hand entglitt . Stundenlang auf einem Divan ausgestreckt , eine Virginia nach der andern schmauchend - manchmal aus Apathie nur an dem Strohhalm derselben kauend , ohne den » Rattenschwanz « anzuzünden - , fing er an , über seiner verkannten künstlerischen Bedeutung zu brüten . Aber statt diese mit dem Pinsel zu beweisen , griff er zur Feder . Wegen leidlichen Stils geschätzter Correspondent einer Kunstchronik , verriß er nunmehr rücksichtslos alle Lebenden . Adolf Menzel sei nur ein Vorläufer des Naturalismus . Da sehe man dagegen die Warzen der drei alten Weiber in der Kirche an , mit denen Meister Laibl uns beschenkte - dafür gebe er , Eduard Rother , den ganzen Rafael ! Doch auch dies Gezanke um eine Kunst-Revolution vermochte seine innere Unrast nicht zu stillen . Wer irgend eine Handlung beging , die ihn schädigen oder lächerlich machen kann , wird ewig von den Dämonen einer ungewissen Furcht umhergesagt . Wie oft verwirklicht die Furcht sich nicht und wie oft tritt die gefürchtete Unannehmlichkeit grade an einer Stelle auf , wo man sie nicht erwartet ! Wie oft räumt das Schicksal oder der Zufall eine Reihe von Gefahren , die uns drohten , aus dem Wege , und wie oft schafft er neue Hemmnisse , an die man nicht denken konnte ! Wie sollte es denn Alles enden ! Nachdem eine etwas kühlere Ueberlegung seine blinde Leidenschaft abgeschwächt , legte er sich diese Frage täglich vor . Was für entsetzliche Schranken thürmten sich