habe plötzlich Schatten auftauchen und verschwinden sehen , - Schatten , die , glimpflich gesprochen , nur seinem überhitzten Hirne entstammen können ? - Was wollte er in dem Garten , meine Herren Geschworenen ? Ich überlasse es Ihrem Scharfsinn und Ihrer Lebenskenntnis , sich diese Fragen selber zu beantworten , und was den Zeugen anbelangt , so ist es seine Sache , seinen Eid und sein Gewissen zu befreunden . « Da sank er vollends zusammen ... Die Geschworenen sprachen ihr » schuldig , « Michel Raudszus wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt . In demselben Augenblicke , in dem der Präsident den Spruch des Gerichtshofes verkündete , hallte ein höhnisches Gelächter durch den Saal . - Es kam aus dem Munde Meyhöfers . Er hatte sich in seinem Stuhle aufgerichtet und streckte die gekrümmten Hände nach Douglas aus , als wollte er ihm an den Hals . Als er hinausgetragen wurde , rief er in einem fort : » Die kleinen Brandstifter hängt man , die großen läßt man laufen . « Unheimlich dröhnte das Gelächter des hilflosen Mannes durch die weiten Korridore . - - - 16 Der Winter kam und verging ... Die Heide schneite ein und grünte wieder ... Die Ranunkeln hoben ihre goldigen Häupter ... der Wacholder trieb seine zarten Sprossen , und vom blauen Himmel herab tönte Lerchengewirbel . Nur in dem düsteren Heidehaus wollte es noch immer nicht Frühling werden . Wohl hatte Paul es möglich gemacht , das Korn zur Aussaat zu beschaffen , auch erhob sich bereits ein hölzerner Bau auf der Trümmerstätte , aber die Hoffnung auf bessere Zeiten war immer noch nicht eingekehrt . Dumpf und freudlos tat er seine Pflicht , und tiefer und tiefer gruben sich die Furchen in seine Stirn . Mehr denn je grübelte er in sich hinein , und die Sorge , einen Meineid geleistet zu haben , lastete schwer auf ihm . Wohl Monate vergingen , ehe er sich klar wurde , daß sein Grämen nichts weiter war als müßige Tüftelei , die seinem verängstigten wortklauberischen Sinne entsprungen war . Er überlegte sich genau die Frage , die der Präsident an ihn gerichtet hatte , und fand , daß er nicht anders hätte antworten können . Es war ja in der Tat das erstemal gewesen , daß er in den fremden Garten gedrungen war . Was einst in einer wonnigen Mondnacht diesseits des Zaunes geschehen , was ging das die Herren vom Gerichte an ? » Nein , ein Meineidiger bin ich nicht , « sprach er zu sich , » ich bin nur ein Feigling , ein Pinsel , der vor dem bloßen Schatten einer Tat zurückschreckt . Hätte ich nicht stolz und freudig den falschen Eid schwören müssen um Elsbeths willen ? Dann wäre ich doch etwas , dann hätte ich doch irgendwas getan , während ich nun stumpf und mutlos dahinlebe , ein Knecht und weiter nichts . « Und in dem Hirne dieses Musterknaben stieg der glühende Wunsch auf , ein großer Verbrecher zu sein , nur weil es ihn drängte , sein » Ich « zu bestätigen . Die beiden Stunden , da er auf dem Dach und vor den Schranken gestanden , galten ihm jetzt als der Inbegriff irdischer Glückseligkeit , und je mehr er arbeitete und schuf , desto träger und nutzloser erschien er sich nun . Der Vater war noch immer an seinen Tragestuhl gefesselt , den er allem Anschein nach nicht mehr verlassen sollte , denn das gebrochene Bein war schlecht geheilt . Mürrisch und müßig saß er in seinem Winkel , blätterte stumpfsinnig in einem alten Kalender und schalt auf jeden , der ihm in den Weg kam . Nur vor Paul hegte er eine Art widerwilligen Respektes , er grollte in sich hinein , sobald er ihn sah , wagte aber nicht mehr , ihm offen zu widersprechen . Und die Mutter ! Ein wenig müder war sie geworden , ein wenig stiller noch , sonst war wenig Veränderung an ihr wahrzunehmen , wer aber schärfer hinhörte , der vernahm in den Lüften ein Rauschen , als flöge ein Geier über dem Heidehause hin und her und zöge enger und enger seine Kreise , um sich eines Tages auf seinen Raub herabzustürzen . Sie selbst hörte das Rauschen wohl , sie wußte auch , was es bedeutete , aber sie schwieg , wie sie ihr Lebtag geschwiegen hatte . Und das Glück war noch immer nicht gekommen ... Zu Anfang April legte sie sich nieder . » Allgemeine Schwäche « konstatierte der Arzt und empfahl ihr den Besuch eines Stahlbades . Sie lächelte und bat ihn , zu niemandem von dem Stahlbade zu reden , denn sie wußte , daß Paul sich zuschanden arbeiten würde , um ihr die Kur zu ermöglichen . Die Kur , die doch nichts half ! Sie wußte wohl , was ihr fehlte : der Sonnenschein ! Zu dicht hatte Frau Sorge den düsteren Schleier um sie gebreitet , als daß ein Strahl noch in ihre Seele hätte dringen können . Den Zwillingen oblag nun die Sorge um die Wirtschaft . Und flink ging ihnen die Arbeit vonstatten , das mußte selbst Paul gestehen . Wenn sie etwas zerschlagen hatten , lachten sie , und wenn ihnen ein Spaziergang verwehrt wurde , weinten sie , aber das Weinen schlug bald wieder in Lachen um , und der Tisch war nie so prompt bestellt , das Milchgeräte nie so blitzend blank gewesen . Die Mutter sah das wohl von ihrem Fenster aus und sagte : » Es ist gut , daß ich von dannen gehe - ich war auch zu nichts mehr nütze auf der Welt . « Um die Pfingstzeit begann ihr der Schlaf zu fehlen , auch Fieber stellte sich ein ... » Ach , wie ist das Chinin so teuer ! « seufzte Paul , wenn der Knecht in die Apotheke ritt , und schaute hilfesuchend auf die » schwarze Suse « , aber die rührte sich nicht . Oft mußten die Ackerarbeiten eingestellt werden , damit durch den Torfstich ein paar Groschen in die Wirtschaft kämen . Die Mutter fing an , an Beängstigungen zu leiden , und wünschte dringend , daß jemand nächtlich bei ihr wache . Die Zwillinge aber , die sich tagsüber müde gearbeitet hatten , schliefen abends an der Seite der Kranken ein und sanken wohl quer über ihrem Bette , so daß die alte , schwache Frau oft noch die blühende Last der jungen Leiber zu tragen hatte . Paul schickte die Schwestern zur Ruhe und übernahm selber das Wachamt . » Geh schlafen , mein Sohn , « sagte die Mutter , » du brauchst von uns allen die Rast am nötigsten . « Aber er blieb - und in den Maiennächten , wenn draußen im Garten die Blüten flüsterten und der Fliederduft durch die Ritzen quoll , saßen die beiden oft stundenlang Hand in Hand und sahen sich an , als ob sie sich wunder was zu sagen hätten . So war es schon immer zwischen Mutter und Sohn gewesen . Die Fülle ihrer Liebe suchte nach Worten , aber die Sorge hatte ihnen die Sprache geraubt . Morgens , wenn die Sonne aufgegangen war , tauchte er den Kopf in eiskaltes Wasser und ging an die Arbeit . - Seine Gegenwart gab der Mutter soweit den Frieden , daß sie dann und wann zu schlafen vermochte . Alsdann schlich er sich auf Zehenspitzen in seine Kammer und holte die physikalischen Bücher herunter , in denen so gelehrt und unverständlich die Konstruktion der Dampfmaschinen beschrieben war . Sein Kopf , müde vom vielen Wachen und jeder Geistesarbeit entwöhnt , erfaßte nur schwer den Sinn der dunklen Worte - aber - er hatte ja Zeit , und unentwegt arbeitete er fort , Seite um Seite , wie wenn ein Ackersmann ein steiniges Brachfeld pflügt . Schlug die Mutter die Augen auf , so fragte sie : » Wie weit bist du , mein Sohn ? « Und dann mußte er ihr erzählen , und sie tat so , als verstände sie etwas davon . Fragte sie aber : » Und wozu tust du das ? , « dann machte er ein schlaues Gesicht und sagte : » Ich lerne Goldmachen . « » Mein armer Junge , « erwiderte sie und streichelte seine Hand . Eine Nacht war ' s - gleich nach den Pfingstfeiertagen - da konnte sie wieder nicht einschlafen . » Lies mir aus den gelehrten Büchern vor , « sagte sie , » die sind so hübsch langweilig . Vielleicht fallen mir dabei die Augen zu . « Und er tat , wie sie geheißen , aber als er wohl eine Stunde gelesen hatte , bemerkte er , daß sie ihn mit großen fieberglänzenden Augen anstarrte und dem Einschlafen ferner war als je . » Also daraus willst du Gold machen ? « fragte sie . » Ja , Mutter , « erwiderte er betreten , denn die Wiederkehr des Fiebers ängstigte ihn . » Wie willst du das anfangen ? « » Du wirst schon sehen , « sagte er wie gewöhnlich . Aber diesmal ließ sie sich nicht abtrösten . » Sag ' s mir lieber , mein Junge , « bat sie , » sag ' s mir gleich ... Wer weiß , was geschieht ? ... Ich möchte wenigstens ' ne Kleinigkeit für mich zum Trösten haben , bevor ich einschlafe . « » Mutter , « rief er erschrocken . » Sei ruhig , mein Junge , « sagte sie , » was liegt daran ? Aber erzähl ' mir - erzähl ! « Sie bat , wie in aufsteigender Angst , als könnte es in der nächsten Minute zu spät sein . Mit stockendem Atem und wirren Worten sprach er von dem , was ihm vorschwebte , wie er die » schwarze Suse « zum Leben erwecken wollte , so daß das Moor ausgeschöpft werden könnte bis in seine tiefsten Tiefen - aber mitten im Reden überwältigte ihn die Angst , er stürzte schluchzend vor dem Bette auf die Knie und verbarg das Gesicht an ihrer Brust . Sie hieß ihn sich aufrichten und sagte : » Es ist nicht recht von mir , daß ich dich bange gemacht habe . So Gott will , kann ja noch alles anders kommen . - Was du mir da sagst , hat mir große Freude bereitet . - Ich weiß , wenn du was in die Hand nimmst , läßt du ' s so bald nicht fallen . Ich wünschte nur , ich könnt ' s noch erleben . « So sprach sie ihm leise und unbemerklich wieder Mut ein , da sie für sich selber nichts mehr zu hoffen hatte . In einer anderen Nacht , als er übermüdet auf dem Stuhle eingeschlafen war , rief sie seinen Namen . » Was wünschst du , Mutter ? « fragte er auffahrend . » Nichts , « sagte sie . » Verzeih mir , ich hätte dich sollen ruhen lassen . - Aber , wer weiß , wieviel wir miteinander noch reden werden - ich möchte die Zeit gerne ausnutzen . « Er war dieses Mal allzu schlaftrunken , um den Sinn ihrer Worte zu verstehen . Er setzte sich dichter neben sie und faßte ihre Hand , aber die Augen fielen ihm sogleich wieder zu . Sie glaubte ihn wachend und fing an zu reden : » Ich bin einmal ein sehr lustiges junges Ding gewesen , nicht viel anders wie deine Schwestern ... Das Herz hat mir vor Jubel fast zerspringen wollen , und meine Augen haben immer in die Ferne geschaut , als müßte von dort irgend etwas ungeheuer Schönes dahergefahren kommen - ein Prinz oder sonstwas derart . Einmal hab ' ich auch zu lieben angefangen - mit der anderen Liebe , der großen , der himmlischen , die wie das Schicksal über einen kommt . Aber er hat mich nicht haben wollen - er war schlank und blond und hatte eine Warze auf dem Kinn . Die Warze hab ' ich immer küssen mögen , aber ich bin nie dazu gekommen . - - Er sah meine Liebe wohl , und eines Tages , als er besonders übermütig war , hat er mich in den Arm genommen und hat mich geherzt und dann wieder laufen lassen . - - Ich war aber fröhlich und freute mich , daß er mich doch einmal im Arm gehalten . « Sie hielt inne . Ihr Auge leuchtete , ihre Wangen überfloß ein rosiger , fast mädchenhafter Schimmer - sie hatte sich wunderbar verjüngt . Da sah sie , daß er eingeschlafen war , und traurig schwieg sie stille . Als er erwachte , sagte er : » Mir war so , Mutter , als ob du mir was erzähltest . « » Du hast wohl nur geträumt , « sagte sie und lächelte , aber ihre Gedanken waren inzwischen weiter und weiter gewandert durch ihr ganzes Leben hin und hatten aus allen Winkeln die Restchen der Freude hervorgekehrt , die sich allda verkrochen . » Ich weiß eigentlich nicht , « sagte sie , » warum ich mein Lebtag so traurig gewesen bin . Wenn ich zurückdenke , ein großes Unglück ist mir eigentlich niemals passiert . Zwar schön war es nicht , als wir von Helenental heruntermußten , und als ich die Stube von der brennenden Scheune blutrot beleuchtet sah , war mir der Schreck schlimm genug in die Glieder gefahren , aber im großen ganzen hab ' ich ' s doch immer recht gut gehabt . - Ich hab ' euch Kinder alle großgezogen und kein einziges durch den Tod verloren - zu essen und zu trinken haben wir auch immer gehabt . - Der Vater hat zwar manchmal gebrummt , aber das ist nicht anders in der Ehe , das wirst du selbst einmal erleben . - - Ihr Kinder habt mich alle liebgehabt . - Ihr Jungen seid tüchtige Männer geworden , und die Mädchen werden tüchtige Frauen werden , so Gott will und du sie nicht aus den Augen läßt . Was will ich denn nun eigentlich ? « Und so quälte dieses arme , allmählich zu Tode gemarterte Weib sich ab , um zu erfahren , wodurch es zu Tode gemartert worden . Langsam lüftete Frau Sorge den Schleier von ihrem Haupte , damit der Tod ihr ins Antlitz hauchen könne . Und eines Abends starb sie ... Die Augen fielen ihr zu , sie wußte selbst nicht wie . Der Arzt , der noch gerufen wurde , sprach von Entkräftung , Anämie ; nur die Empfindsamen sagen in solchen Fällen : » Sie starb an gebrochenem Herzen . « Bitterlich weinend knieten die Zwillinge an ihrem Bette , der Vater , der in seinem Stuhl hereingetragen worden , schluchzte laut und wollte sie mit Gewalt ins Leben zurückrufen ... Paul stand zu Kopfenden des Bettes und biß sich auf die Lippen . » Ich hab ' doch recht behalten , « dachte er , » sie ist gestorben , eh ' das Glück gekommen ist . Hungrig hat sie von der Mahlzeit des Lebens aufstehen müssen , ganz wie ich es sagte . « Er wunderte sich , daß er keinen so großen Schmerz empfand , wie er es sich vorgestellt hatte . Nur die wirren Gedanken an allerhand dummes Zeug , die ihm fortwährend durch den Kopf schossen , wie Fledermäuse durch die Dämmerung , zeigten ihm , wie es mit seinen Sinnen bestellt war . Es schlug Mitternacht , da sagte der Vater : » Wir wollen zur Ruh ' gehn , Kinder ... Wer schlafen kann , der schlafe ... Schwere Tage stehen uns bevor . « Er umarmte die Zwillinge , schüttelte Paul die Hand und ließ sich in sein Zimmer tragen . » Wie gut der Vater heut ist ! « dachte Paul , » er ist zu ihren Lebzeiten nie so gewesen . « Die Schwestern klammerten sich schluchzend an seinen Hals und verlangten , daß er bei ihnen wache . Sie hätten solche Furcht . Paul redete ihnen tröstend zu , geleitete sie in ihre Kammer und versprach , in einer Stunde nach ihnen sehen zu kommen . Als er nach dieser Frist mit einem Lichte in der Hand leise an ihr Bette trat , fand er sie fest eingeschlafen . Sie hatten sich eng umschlungen , und auf ihren roten Wangen standen noch die Tränen . Dann ging er an die Tür von Vaters Zimmer , um zu horchen , und als er auch hier keinen Laut vernahm , schlich er sich auf den Zehenspitzen in das Gemach , in dem die Tote ruhte . Er wollte zum letztenmal an ihrer Seite Wache halten . Die Schwestern hatten beim Schlafengehen ein weißes Tuch über ihr Antlitz gebreitet , das nahm er hinweg , faltete die Hände und sah zu , wie der flackernde Schein des Lichtes auf ihren wächsernen Zügen spielte . Sie hatten sich wenig verändert , nur das blaue Adergeäst in den Schläfen trat stärker hervor , und die Augenwimpern warfen tiefere Schatten auf die abgezehrten Wangen . Er zündete die Nachtlampe an , die während ihrer Krankheit allnächtlich an ihrem Lager gebrannt hatte , setzte sich auf den Stuhl , auf dem er sonst gesessen , und gedachte eine stille Totenandacht zu halten . Aber plötzlich fiel ihm ein , daß er vergessen hatte , nach dem Tischler zu schicken , damit er zeitig käme , Maß zu nehmen . - Ein schlichter Tannensarg sollte es sein - schwarz angestrichen - und ringsum eine Girlande von Erikazweigen , denn sie hatte das stille , zarte Pflanzenwesen vor allen andern geliebt . » Was wird der Sarg wohl kosten ? « dachte er weiter , und plötzlich erschrak er in tiefster Seele , denn er hatte nichts , wovon er die Tote begraben konnte . Er fing an zu zählen und zu rechnen , aber er konnte zu keinem Abschlusse kommen . » Es ist das erstemal , daß sie für ihre Person etwas braucht , « sagte er leise vor sich hin und gedachte des verschossenen Kleides , das sie jahraus , jahrein getragen hatte . Er rechnete alles zusammen , was er an Außenständen in Eile wohl eintreiben konnte , aber die Summe war klein und bei weitem nicht genügend , die Begräbniskosten zu bestreiten . Auch die drei Fuder Torf , die er morgen und übermorgen allenfalls nach der Stadt schicken konnte , vermochten daran nichts zu ändern . Darauf nahm er ein Blatt Papier vor und fing an , die Kosten zusammenzuzählen : Ein Sarg 15 Taler Der Platz auf dem Kirchhof 10 Taler Dem Küster 5 Taler Das Linnen zum Totenhemde 2 Taler Dann die Kosten des Begräbnisses , das der Vater wahrscheinlich so großartig wie möglich hergerichtet wissen wollte : 10 Flaschen Portwein 10 Taler 1 Kiste Zigarren 2 Taler 2 Achtel Bier 2 Taler Zutaten für den Kuchen ... das Weizenmehl war zwar im Hause , aber Zucker , Rosinen , Mandel , Rosenwasser usw. mußten neu beschafft werden . Wieviel würde das wohl ausmachen ? Er rechnete eifrig , aber die Taxe wollte nicht stimmen . » Die Mutter wird ' s schon wissen , « dachte er , und eben wollte er sie um Rat fragen , da - sah er , daß sie tot war . Er erschrak heftig . Erst jetzt , da seine Phantasie sie wieder lebendig gemacht hatte , begriff er , daß er sie verloren . - Er wollte laut aufschreien , aber er bezwang sich , denn er mußte weiterrechnen . » Verzeih mir , Mütterchen , « sagte er , mit der Rechten ihre kalten Wangen streichelnd , » ich kann noch nicht um dich trauern , ich muß dich erst unter die Erde bringen . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Drei Tage später sollte das Begräbnis stattfinden . Wie Paul vorausgesehen , hatte der Vater es sich nicht nehmen lassen , eine große Festivität zu veranstalten . An alle seine Freunde in der Stadt hatte er Einladungen gesandt , auf schönem Glanzpapier mit fingerbreitem Trauerrande . - Seinem Schmerze hatte er darin in schönen , wohlgewählten Worten Ausdruck gegeben , auch nirgends versäumt , seinen Namenszug mit einem weitausgreifenden Schnörkel zu versehen . Am Wachtabend , als die Leiche eben aufgebahrt worden , trafen die beiden Brüder ein . Sie waren seit vielen Jahren nicht daheim gewesen , und Paul hätte sie beinahe nicht wiedererkannt . Gottfried , der Gymnasiallehrer , ein würdiger Mann mit strengem Gesichtsausdruck und dem Ansatz zu einem Bäuchlein , führte eine junge , schwarzbeflorte Dame am Arm , seine Braut , die mit verwundertem Blicke die niedrigen , ärmlichen Räume maß und sich bemühte , eine ebenso freundliche wie schmerzbewegte Miene zu zeigen , da ihre Lage beides von ihr verlangte ... Max , der Kaufmann , kam hintendrein . Er sah ein wenig locker aus , sein kecker Schnurrbart wollte sich vergebens in die Gemütsverfassung eines frischverwaisten Sohnes hineinzwängen , und seine Trauer äußerte sich weniger in Schmerz als in Unbehagen . Beide Brüder umarmten den Vater feierlich , und die fremde junge Dame neigte sich hernieder und küßte ihm erst die Hand und dann die Stirne . - Alsdann begrüßten sie die Zwillinge , die in ihren Trauerkleidern frischer und lieblicher dreinschauten denn je . - Paul , der an der Türe stand und verlegen seine Mütze drehte , hatten sie übersehen . Endlich fragte Gottfried : » Wo ist unser Bruder ? « Da trat er schüchtern vor und reichte ihm die Hand ... Drei Augenpaare maßen ihn prüfend ... » Wär ' ich doch erst draußen ! « dachte er , und sobald es anging , machte er sich in dem Stalle zu schaffen . Gottfried folgte ihm dorthin . Paul erschrak , als er ihn kommen sah , denn er wußte nicht , was er mit dem vornehmen Mann reden sollte . » Lieber Bruder , « sagte jener , » ich habe eine Bitte an dich . Kannst du meiner Braut nicht ein freundlicheres Logis verschaffen ? Sie fühlt sich ein wenig beengt in der Kammer der Mädchen . « » Ich werde ihr mein Giebelzimmer einräumen , « sagte Paul . » Du würdest mich zu Dank verpflichten , wenn du es tätest . « Dann richtete er noch etliche Fragen an ihn über die Leiden der Mutter , über den Viehstand und über die Hypotheken , die auf dem Grundstück lasteten . » Ihr Armen , « sagte er , » habt wohl manche Sorgen gehabt . Aber hast du es dir auch angelegen sein lassen , die letzten Tage unserer seligen Mutter so viel als möglich zu erleichtern ? « Paul versicherte , er hätte getan , was in seinen Kräften gestanden . » Das freut mich , « erwiderte der Bruder in strengem Tone , » es wäre eine schwere Pflichtversäumnis gewesen , wenn du es unterlassen hättest . - Und nun komm , laß uns gemeinsam vor die Leiche der Verklärten treten , damit sie vom Himmel herab die Ihren all beieinander schaue . « Er bot Paul die Hand und zog ihn in das Zimmer , in dem die Mutter friedlich zwischen Blumen und Lichtern ruhte und wo die andern schon versammelt waren . Paul blieb beklommen in der Tür stehn . Er hätte viel darum gegeben , hätte er für einen Augenblick mit der Toten allein sein können , da es aber nicht anging , schlich er sich leise hinaus und schaute von draußen durch das Fenster , wo die fremden Gaffer aus dem Dorfe standen , als wäre er einer von ihnen ... Eine Weile später kam Max zu ihm und führte ihn vertraulich beiseite . » Ich habe eine Bitte an dich , lieber Junge , « sagte er , » die Kehle ist mir ganz ausgetrocknet vom Wegstaub und vom Weinen . Kannst du mir nicht einen Schluck Bier verschaffen ? « Paul erwiderte , es wären wohl zwei volle Achtel da , die sollten aber erst morgen zur Begräbnisfeier angesteckt werden . » Gib mir nur immer den Kran , « antwortete Max , » ich verstehe mich darauf . Das Bier im Achtel wird morgen so frisch sein wie heute . « Und als Paul ihm seinen Willen getan , drehte er ihm den Rücken und ging von dannen . Um elf Uhr wurden die Kerzen am Sarge ausgelöscht man begab sich zur Ruhe . Paul fand , daß kein Bett mehr für ihn übrig war , und kletterte auf den Heuboden , wo er die Nacht über grübelnd aufrecht saß ... Um zehn Uhr morgens fanden sich die ersten Gäste ein , und zwar solche , die weder zugesagt hatten noch überhaupt erwartet wurden . Als Paul sie kommen sah , war sein erster Gedanke : » Hab ' ich auch genug Essen und Trinken besorgt ? « und je mehr Wagen auf den Hof gerollt kamen , je mehr wildfremde Männer den Seinen die schwarzbehandschuhten Hände entgegenstreckten , desto höher schwoll seine Angst , desto lauter klangen die Worte ihm ins Ohr : » Es wird nicht reichen ! « Der Vater hatte heute wieder einmal seinen großen Tag . Er saß in seinem Tragesessel wie auf einem Throne - seine beiden ältesten Söhne wie Vasallen um sich her - und ließ sich in seinem Schmerze bewundern . Wenn ein neuer Gast auf ihn zutrat , preßte er die dargebotene Rechte mit seinen beiden Händen , als ob er derjenige wäre , welcher zu kondolieren hätte , neigte gramvoll das Haupt und sprach mit schmerzerstickter Stimme abgebrochene Worte , wie : » Ja , sie ist dahin ! - Hin ist hin ! - - Es gibt keinen Balsam für die Wunden des Herzens ! - Möge der Himmel an ihr gutmachen , was die Erde verschuldete , « und dergleichen mehr . Dazwischen rief er zu Paul : » Mein Sohn , du sorgst nicht für Wein ! - Mein Sohn , Herr Wegmann wünscht eine Zigarre ! - Mein Sohn , denke daran , daß unsere Gäste sich erlaben . « Paul lief von einem zum andern , gleich einem Kellner , zählte voll Angst die Flaschen , die sich mit rapider Hast verringerten , und beneidete die Schwestern , die sich in ihren schönen , schwarzen Kleidern ruhig in eine Ecke setzen und von Herzen ausweinen durften , während die fremde Schwägerin sie tröstete . - An die Trauerkleider hatte er in seiner Berechnung gar nicht gedacht , und es war ein Glück , daß der Kaufmann sie ihm gutschrieb , sonst hätten die Schwestern sich nicht sehen lassen dürfen . Er selbst sah in seinem unscheinbaren grauen Anzug gar nicht wie ein Leidtragender aus , und die meisten der Gäste , die ihn nicht kannten , gingen ruhig an ihm vorüber und nahmen nur Notiz von seiner Existenz , wenn er ihnen Wein und Zigarren anbot . Auf dem Hofe hatte sich eine Anzahl fremder Frauen eingefunden , die die Mutter ihres stillen , schlichten Wesens halber lieb gehabt hatten und sich dem Zuge anschließen wollten , ohne daß sie zur Trauergesellschaft gehörten . Der Feldherrnblick des Vaters hatte sie alsbald entdeckt . » Paul , mein Sohn , « rief er , » geh hinaus und nötige die Damen ins Trauerhaus . « Zögernd folgte Paul dem Befehle , denn er wußte nicht , wie er die Einladung in Worte kleiden sollte . Als er auf die Schwelle trat , fiel sein erster Blick auf Elsbeth , die in einfachem Trauerkleide unter den Frauen des Dorfes stand und einen Kranz von weißen Rosen trug . Und als sie ihn sah , füllten sich ihre Augen mit Tränen . Für einen Augenblick war ihm zumute , als sollte er den Kopf in die Falten ihres Kleides pressen , um sich dort auszuweinen , aber daneben standen die andern und starrten ihn an . Er machte eine linkische Verbeugung und sagte : » Der Vater läßt bitten - ob Sie die Tote nicht sehen möchten . « Die Frauen schoben sich langsam in das Innere , nur Elsbeth zögerte noch . » Kommst du nicht auch herein ? « fragte er . » Mein armer , lieber Paul , « sagte sie und ergriff seine Hand . Er schloß die Augen und taumelte zwei Schritte zurück . » Komm doch , « sagte er , sich wieder fassend , » sieh sie dir an , sie hat dich ja immer so lieb gehabt . « » Paul , mein Sohn , wo bist du ? « hallte die Stimme des Vaters aus dem Innern . » Paul , « sagte sie stockend unter quellenden Tränen , » du sollst nicht verzagen , es gibt noch andre , die dich - lieb haben . « » O ja , « sagte er , » ich weiß wohl - aber komm - ich muß Wein einschenken . « Sie seufzte tief auf , dann ging sie schüchtern hinter ihm drein und mischte sich wieder unter die fremden Frauen . » Paul , komm her ! « winkte der Vater , der sich heute in seine alte Macht zurückzuträumen schien , und als Paul den Kopf zu ihm niederbeugte , flüsterte er ihm ins Ohr : » Ich höre , der Wein ist alle ? Was heißt das ? Willst du uns blamieren ? « » Ich glaub ' , es sind noch ein paar Flaschen da , « antwortete Paul . » Sorg , daß sie reichen , bis der Pfarrer kommt ;