, der da sprach , trotz seines spießbürgerlichen Aufzuges ein Mann von Freimut und untadeliger Gesinnung sei . Das half ihm rasch aus seiner Verwirrung heraus , und er hatte Haltung und Ruhe ziemlich wiedergewonnen , als er über den Tisch hin fragte : » Sie sind ein Anverwandter Lenens ? Verzeihung , Herr Franke , daß ich meine alte Freundin bei diesem alten , mir so lieben Namen nenne . « Franke verbeugte sich und erwiderte : » Nein , Herr Baron , kein Verwandter ; ich habe nicht diese Legitimation . Aber meine Legitimation ist vielleicht keine schlechtere : ich kenne die Lene seit Jahr und Tag und habe die Absicht , sie zu heiraten . Sie hat auch zugesagt , aber mir bei der Gelegenheit auch von ihrem Vorleben erzählt und dabei mit so großer Liebe von Ihnen gesprochen , daß es mir auf der Stelle feststand , Sie selbst , Herr Baron , offen und unumwunden fragen zu wollen , was es mit der Lene eigentlich sei . Worin Lene selbst , als ich ihr von meiner Absicht erzählte , mich mit sichtlicher Freude bestärkte , freilich gleich hinzusetzend : ich solle es lieber nicht tun , denn Sie würden zu gut von ihr sprechen . « Botho sah vor sich hin und hatte Mühe , die Bewegung seines Herzens zu bezwingen . Endlich aber war er wieder Herr seiner selbst und sagte : » Sie sind ein ordentlicher Mann , Herr Franke , der das Glück der Lene will , soviel hör und seh ich , und das gibt Ihnen ein gutes Recht auf Antwort . Was ich Ihnen zu sagen habe , darüber ist mir kein Zweifel , und ich schwanke nur noch wie . Das beste wird sein , ich erzähl Ihnen , wie ' s kam und weiterging und dann abschloß . « Franke verbeugte sich abermals , zum Zeichen , daß er auch seinerseits dies für das beste halte . » Nun denn « , hob Rienäcker an , » es geht jetzt ins dritte Jahr oder ist auch schon ein paar Monate darüber , daß ich bei Gelegenheit einer Kahnfahrt um die Treptower Liebesinsel herum in die Lage kam , zwei jungen Mädchen einen Dienst zu leisten und sie vor dem Kentern ihres Bootes zu bewahren . Eins der beiden Mädchen war die Lene , und an der Art , wie sie dankte , sah ich gleich , daß sie anders war als andere . Von Redensarten keine Spur , auch später nicht , was ich gleich hier hervorheben möchte . Denn so heiter und mitunter beinahe ausgelassen sie sein kann , von Natur ist sie nachdenklich , ernst und einfach . « Botho schob mechanisch das noch auf dem Tische stehende Tablett beiseite , strich die Decke glatt und fuhr dann fort : » Ich bat sie , sie nach Hause begleiten zu dürfen , und sie nahm es ohne weiteres an , was mich damals einen Augenblick überraschte . Denn ich kannte sie noch nicht . Aber ich sah sehr bald , woran es lag ; sie hatte sich von Jugend an daran gewöhnt , nach ihren eigenen Entschlüssen zu handeln , ohne viel Rücksicht auf die Menschen und jedenfalls ohne Furcht vor ihrem Urteil . « Franke nickte . » So machten wir denn den weiten Weg , und ich begleitete sie nach Haus und war entzückt von allem , was ich da sah , von der alten Frau , von dem Herd , an dem sie saß , von dem Garten , darin das Haus lag , und von der Abgeschiedenheit und Stille . Nach einer Viertelstunde ging ich wieder , und als ich mich draußen am Gartengitter von der Lene verabschiedete , frug ich , ob ich wiederkommen dürfe , welche Frage sie mit einem einfachen Ja beantwortete . Nichts von falscher Scham , aber noch weniger von Unweiblichkeit . Umgekehrt , es lag etwas Rührendes in ihrem Wesen und ihrer Stimme . « Rienäcker , als das alles wieder vor seine Seele trat , stand in sichtlicher Erregung auf und öffnete beide Flügel der Balkontür , als ob es ihm in seinem Zimmer zu heiß werde . Dann , auf und ab schreitend , fuhr er in einem rascheren Tempo fort : » Ich habe kaum noch etwas hinzuzusetzen . Das war um Ostern , und wir hatten einen Sommer lang allerglücklichste Tage . Soll ich davon erzählen ? Nein . Und dann kam das Leben mit seinem Ernst und seinen Ansprüchen . Und das war es , was uns trennte . « Botho hatte mittlerweile seinen Platz wieder eingenommen , und der all die Zeit über mit Glattstreichung seines Hutes beschäftigte Franke sagte ruhig vor sich hin : » Ja , so hat sie mir ' s auch erzählt . « » Was nicht anders sein kann , Herr Franke . Denn die Lene - und ich freue mich von ganzem Herzen , auch gerade das noch sagen zu können - , die Lene lügt nicht und bisse sich eher die Zunge ab , als daß sie flunkerte . Sie hat einen doppelten Stolz , und neben dem , von ihrer Hände Arbeit leben zu wollen , hat sie noch den andern , alles gradheraus zu sagen und keine Flausen zu machen und nichts zu vergrößern und nichts zu verkleinern . Ich brauche es nicht und ich will es nicht , das hab ich sie viele Male sagen hören . Ja , sie hat ihren eigenen Willen , vielleicht etwas mehr , als recht ist , und wer sie tadeln will , kann ihr vorwerfen , eigenwillig zu sein . Aber sie will nur , was sie glaubt verantworten zu können und wohl auch wirklich verantworten kann , und solch Wille , mein ich , ist doch mehr Charakter als Selbstgerechtigkeit . Sie nicken , und ich sehe daraus , daß wir einerlei Meinung sind , was mich aufrichtig freut . Und nun noch ein Schlußwort , Herr Franke . Was zurückliegt , liegt zurück . Können Sie darüber nicht hin , so muß ich das respektieren . Aber können Sie ' s , so sag ich Ihnen , Sie kriegen da eine selten gute Frau . Denn sie hat das Herz auf dem rechten Fleck und ein starkes Gefühl für Pflicht und Recht und Ordnung . « » So hab ich Lenen auch immer gefunden , und ich verspreche mir von ihr , ganz so wie der Herr Baron sagen , eine selten gute Frau . Ja , der Mensch soll die Gebote halten , alle soll er sie halten , aber es ist doch ein Unterschied , je nachdem die Gebote sind , und wer das eine nicht hält , der kann immer noch was taugen , wer aber das andere nicht hält , und wenn ' s auch im Katechismus dicht daneben stünde , der taugt nichts und ist verworfen von Anfang an und steht außerhalb der Gnade . « Botho sah ihn verwundert an und wußte sichtlich nicht , was er aus dieser feierlichen Ansprache machen sollte . Gideon Franke aber , der nun auch seinerseits im Gange war , hatte kein Auge mehr für den Eindruck , den seine ganz auf eigenem Boden gewachsenen Anschauungen hervorbrachten , und fuhr deshalb in einem immer predigerhafter werdenden Tone fort : » Und wer in seines Fleisches Schwäche gegen das sechste verstößt , dem kann verziehen werden , wenn er in gutem Wandel und in der Reue steht , wer aber gegen das siebente verstößt , der steckt nicht bloß in des Fleisches Schwäche , der steckt in der Seele Niedrigkeit , und wer lügt und trügt oder verleumdet und falsch Zeugnis redet , der ist von Grund aus verdorben und aus der Finsternis geboren , und ist keine Rettung mehr und gleicht einem Felde , darinnen die Nesseln so tief liegen , daß das Unkraut immer wieder aufschießt , soviel gutes Korn auch gesäet werden mag . Und darauf leb ich und sterb ich und hab es durch alle Tage hin erfahren . Ja , Herr Baron , auf die Proppertät kommt es an , und auf die Honettität kommt es an und auf die Reellität . Und auch im Ehestande . Denn ehrlich währt am längsten und Wort und Verlaß muß sein . Aber was gewesen ist , das ist gewesen , das gehört vor Gott . Und denk ich anders darüber , was ich auch respektiere , geradeso wie der Herr Baron , so muß ich davon bleiben und mit meiner Neigung und Liebe gar nicht erst anfangen . Ich war lange drüben in den States , und wenn auch drüben , geradeso wie hier , nicht alles Gold ist , was glänzt , das ist doch wahr , man lernt drüben anders sehen und nicht immer durchs selbe Glas . Und lernt auch , daß es viele Heilswege gibt und viele Glückswege . Ja , Herr Baron , es gibt viele Wege , die zu Gott führen , und es gibt viele Wege , die zu Glück führen , dessen bin ich in meinem Herzen gleicherweise gewiß . Und der eine Weg ist gut und der andre Weg ist gut . Aber jeder gute Weg muß ein offner Weg und ein gerader Weg sein und in der Sonne liegen und ohne Morast und ohne Sumpf und ohne Irrlicht . Auf die Wahrheit kommt es an , und auf die Zuverlässigkeit kommt es an und auf die Ehrlichkeit . « Franke hatte sich bei diesen Worten erhoben , und Botho , der ihm artig bis an die Tür hin folgte , gab ihm hier die Hand . » Und nun , Herr Franke , bitt ich zum Abschied noch um das eine : grüßen Sie mir die Frau Dörr , wenn Sie sie sehn und der alte Verkehr mit ihr noch andauert , und vor allem grüßen Sie mir die gute alte Frau Nimptsch . Hat sie denn noch ihre Gicht und ihre Wehdage , worüber sie sonst beständig klagte ? « » Damit ist es vorbei . « » Wie das ? « fragte Botho . » Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben , Herr Baron . Gerade heut vor drei Wochen . « » Begraben ? « wiederholte Botho . » Und wo ? « » Draußen hinterm Rollkrug , auf dem neuen Jakobikirchhof ... Eine gute alte Frau . Und wie sie an der Lene hing . Ja , Herr Baron , die Mutter Nimptsch ist tot . Aber Frau Dörr , die lebt noch « ( und er lachte ) , » die lebt noch lange . Und wenn sie kommt , ein weiter Weg ist es , dann werd ich sie grüßen . Und ich sehe schon , wie sie sich freut . Sie kennen sie ja , Herr Baron . Ja , ja , die Frau Dörr ... « Und Gideon Franke zog noch einmal seinen Hut , und die Tür fiel ins Schloß . Einundzwanzigstes Kapitel Rienäcker , als er wieder allein war , war von dieser Begegnung und vor allem von dem , was er zuletzt gehört , wie benommen . Wenn er sich , in der zwischenliegenden Zeit , des kleinen Gärtnerhauses und seiner Insassen erinnert hatte , so hatte sich ihm selbstverständlich alles so vor die Seele gestellt , wie ' s einst gewesen war , und nun war alles anders , und er hatte sich in einer ganz neuen Welt zurechtzufinden : in dem Häuschen wohnten Fremde , wenn es überhaupt noch bewohnt war , auf dem Herde brannte kein Feuer mehr , wenigstens nicht tagaus , tagein , und Frau Nimptsch , die das Feuer gehütet hatte , war tot und lag draußen auf dem Jakobikirchhof . Alles das ging in ihm um , und mit einem Male stand auch der Tag wieder vor ihm , an dem er der alten Frau , halb humoristisch , halb feierlich , versprochen hatte , ihr einen Immortellenkranz aufs Grab zu legen . In der Unruhe , darin er sich befand , war es ihm schon eine Freude , daß ihm das Versprechen wieder einfiel , und so beschloß er denn die damalige Zusage sofort wahr zu machen . » Rollkrug und Mittag und pralle Sonne - die reine Reise nach Mittelafrika . Aber die gute Alte soll ihren Kranz haben . « Und gleich danach nahm er Degen und Mütze und machte sich auf den Weg . An der Ecke war ein Droschkenstand , freilich nur ein kleiner , und so kam es , daß trotz der Inschrifttafel » Halteplatz für drei Droschken « immer nur der Platz und höchst selten eine Droschke da war . So war es auch heute wieder , was mit Rücksicht auf die Mittagsstunde ( wo die Droschken überall , als ob die Erde sie verschlänge , zu verschwinden pflegen ) an diesem ohnehin nur auf ein Pflichtteil gesetzten Halteplatz kaum überraschen konnte . Botho ging also weiter , bis ihm , in Nähe der Van-der-Heydt-Brücke , ein ziemlich klappriges Gefährt entgegenkam , hellgrün mit rotem Plüschsitz und einem Schimmel davor . Der Schimmel schlich nur so hin , und Rienäcker konnte sich angesichts der » Tour « , die dem armen Tiere bevorstand , eines wehmütigen Lächelns nicht erwehren . Aber so weit er auch das Auge schicken mochte , nichts Besseres war in Sicht , und so trat er denn an den Kutscher heran und sagte : » Nach dem Rollkrug . Jakobikirchhof . « » Zu Befehl , Herr Baron . « » ... Aber unterwegs müssen wir halten . Ich will nämlich noch einen Kranz kaufen . « » Zu Befehl , Herr Baron . « Botho war einigermaßen verwundert über die mit soviel Promptheit wiederkehrende Titulatur und sagte deshalb : » Kennen Sie mich ? « » Zu Befehl , Herr Baron . Baron Rienäcker , Landgrafenstraße . Dicht bei ' n Halteplatz . Hab Ihnen schon öfter gefahren . « Bei diesem Gespräche war Botho eingestiegen , gewillt , sich ' s in der Plüschecke nach Möglichkeit bequem zu machen , er gab es aber bald wieder auf , denn die Ecke war heiß wie ein Ofen . Rienäcker hatte den hübschen und herzerquickenden Zug aller märkischen Edelleute , mit Personen aus dem Volke gern zu plaudern , lieber als mit » Gebildeten « , und begann denn auch ohne weiteres , während sie im Halbschatten der jungen Kanalbäume dahinfuhren : » Is das eine Hitze ! Ihr Schimmel wird sich auch nicht gefreut haben , wenn er Rollkrug gehört hat . « » Na , Rollkrug geht noch ; Rollkrug geht noch von wegen der Heide . Wenn er da durchkommt un die Fichten riecht , freut er sich immer . Er is nämlich von ' s Land ... Oder vielleicht is es auch die Musike . Wenigstens spitzt er immer die Ohren . « » So , so « , sagte Botho . » Bloß nach tanzen sieht er mir nicht aus ... Aber wo werden wir denn den Kranz kaufen ? Ich möchte nicht gern ohne Kranz auf den Kirchhof kommen . « » O damit is noch Zeit , Herr Baron . Wenn erst die Kirchhofsgegend kommt , von ' s Hallsche Tor an un die ganze Pionierstraße runter . « » Ja , ja , Sie haben recht ; ich entsinne mich ... « » Un nachher , bis dicht an den Kirchhof ran , hat ' s ihrer auch noch . « Botho lächelte . » Sie sind wohl ein Schlesier ? « » Ja « , sagte der Kutscher . » Die meisten sind . Aber ich bin schon lange hier und eigentlich ein halber Richtiger-Berliner . « » Und ' s geht Ihnen gut ? « » Na , von gut is nu woll keine Rede nich . Es kost ' t allens zuviel un soll immer von ' s Beste sein . Und der Haber is teuer . Aber das ginge noch , wenn man bloß sonst nichts passierte . Passieren tut aber immer was , heute bricht ' ne Achse , un morgen fällt en Pferd . Ich habe noch einen Fuchs zu Hause , der bei den Fürstenwalder Ulanen gestanden hat ; propres Pferd , man bloß keine Luft nich un wird es woll nich lange mehr machen . Un mit eins ist er weg ... Un denn die Fahrpolizei ; nie zufrieden , hier nich un da nich . Immer muß man frisch anstreichen . Un der rote Plüsch is auch nich von umsonst . « Während sie noch so plauderten , waren sie , den Kanal entlang , bis an das Hallesche Tor gekommen ; vom Kreuzberg her aber kam gerad ein Infanteriebataillon mit voller Musik , und Botho , der keine Begegnungen wünschte , trieb deshalb etwas zur Eile . So ging es denn rasch an der Belle-Alliance-Brücke vorbei , jenseits derselben aber ließ er halten , weil er gleich an einem der ersten Häuser gelesen hatte : » Kunst- und Handelsgärtnerei « . Drei , vier Stufen führten in einen Laden hinauf , in dessen großem Schaufenster allerlei Kränze lagen . Rienäcker stieg aus und die Stufen hinauf . Die Tür oben aber gab beim Eintreten einen scharfen Klingelton . » Darf ich Sie bitten , mir einen hübschen Kranz zeigen zu wollen ? « » Begräbnis ? « » Ja . « Das schwarzgekleidete Fräulein , das , vielleicht mit Rücksicht auf den Umstand , daß hier meist Grabkränze verkauft wurden , in seiner Gesamthaltung ( selbst die Schere fehlte nicht ) etwas ridikül Parzenhaftes hatte , kam alsbald mit einem Immergrünkranze zurück , in den weiße Rosen eingeflochten waren . Zugleich entschuldigte sie sich , daß es nur weiße Rosen seien . Weiße Kamelien stünden höher . Botho seinerseits war zufrieden , enthielt sich aller Ausstellungen und fragte nur , ob er zu dem frischen Kranz auch einen Immortellenkranz haben könne . Das Fräulein schien über das Altmodische , das sich in dieser Frage kundgab , einigermaßen verwundert , bejahte jedoch und erschien gleich danach mit einem Karton , in dem fünf , sechs Immortellenkränze lagen , gelbe , rote , weiße . » Zu welcher Farbe raten Sie mir ? « Das Fräulein lächelte : » Immortellenkränze sind ganz außer Mode . Höchstens in Winterzeit ... Und dann immer nur ... « » Es wird das beste sein , ich entscheide mich ohne weiteres für diesen hier . « Und damit schob Botho den ihm zunächst liegenden gelben Kranz über den Arm , ließ den von Immergrün mit den weißen Rosen folgen und stieg rasch wieder in seine Droschke . Beide Kränze waren ziemlich groß und fielen auf dem roten Plüschrücksitz , auf dem sie lagen , hinreichend auf , um in Botho die Frage zu wecken , ob er sie nicht lieber dem Kutscher hinüberreichen solle . Rasch aber entschlug er sich dieser Anwandlung wieder und sagte : » Wenn man der alten Frau Nimptsch einen Kranz bringen will , muß man sich auch zu dem Kranz bekennen . Und wer sich dessen schämt , muß es überhaupt nicht versprechen . « So ließ er denn die Kränze liegen , wo sie lagen , und vergaß ihrer beinah ganz , als sie gleich danach in einen Straßenteil einbogen , der ihn durch seine bunte , hier und da groteske Szenerie von seinen bisherigen Betrachtungen abzog . Rechts , auf wohl fünfhundert Schritt Entfernung hin , zog sich ein Plankenzaun , über den hinweg allerlei Buden , Pavillons und Lampenportale ragten , alle mit einer Welt von Inschriften bedeckt . Die meisten derselben waren neueren und neusten Datums , einige dagegen , und gerade die größten und buntesten , griffen weit zurück und hatten sich , wenn auch in einem regenverwaschenen Zustande , vom letzten Jahr her gerettet . Mitten unter diesen Vergnügungslokalen , und mit ihnen abwechselnd , hatten verschiedene Handwerksmeister ihre Werkstätten aufgerichtet , vorwiegend Bildhauer und Steinmetze , die hier , mit Rücksicht auf die zahlreichen Kirchhöfe , meist nur Kreuze , Säulen und Obelisken ausstellten . All das konnte nicht verfehlen , auf jeden hier des Weges Kommenden einen Eindruck zu machen , und diesem Eindruck unterlag auch Rienäcker , der von seiner Droschke her , unter wachsender Neugier , die nicht enden wollenden und untereinander im tiefsten Gegensatze stehenden Anpreisungen las und die dazugehörigen Bilder musterte . » Fräulein Rosella das Wundermädchen , lebend zu sehen ; Grabkreuze zu billigsten Preisen ; amerikanische Schnellphotographie ; russisches Ballwerfen , sechs Wurf zehn Pfennig ; schwedischer Punsch mit Waffeln ; Figaros schönste Gelegenheit oder erster Frisier-Salon der Welt ; Grabkreuze zu billigsten Preisen ; Schweizer Schießhalle : Schieße gut und schieße schnell , Schieß und triff wie Wilhelm Tell . « Und darunter Tell selbst mit Armbrust , Sohn und Apfel . Endlich war man am Ende der langen Bretterwand , und an eben diesem Endpunkte machte der Weg eine scharfe Biegung auf die Hasenheide zu , von deren Schießständen her man in der mittäglichen Stille das Knattern der Gewehre hörte . Sonst blieb alles auch in dieser Fortsetzung der Straße so ziemlich dasselbe : Blondin , nur in Trikot und Medaillen gekleidet , stand balancierend auf dem Seil , überall von Feuerwerk umblitzt , während um und neben ihm allerlei kleinere Plakate sowohl Ballonauffahrten wie Tanzvergnügungen ankündigten . Eins lautete : » Sizilianische Nacht . Um zwei Uhr Wiener Bonbonwalzer . « Botho , der diese Stelle wohl seit Jahr und Tag nicht passiert hatte , las alles mit ungeheucheltem Interesse , bis er nach Passierung der » Heide « , deren Schatten ihn ein paar Minuten lang erquickt hatte , jenseits derselben in den Hauptweg einer sehr belebten und in ihrer Verlängerung auf Rixdorf zulaufenden Vorstadt einbog . Wagen , in doppelter und dreifacher Reihe , bewegten sich vor ihm her , bis mit einem Male alles stillstand und der Verkehr stockte . » Warum halten wir ? « Aber ehe der Kutscher antworten konnte , hörte Botho schon das Fluchen und Schimpfen aus der Front her und sah , daß alles ineinandergefahren war . Sich vorbeugend und dabei neugierig nach allen Seiten hin ausspähend , würde ihm , bei der ihm eigenen Vorliebe für das Volkstümliche , der ganze Zwischenfall sehr wahrscheinlich mehr Vergnügen als Mißstimmung bereitet haben , wenn ihn nicht ein vor ihm haltender Wagen sowohl durch Ladung wie Inschrift zu trübseliger Betrachtung angeregt hätte . » Glasbruch-Ein- und Verkauf von Max Zippel in Rixdorf « stand in großen Buchstaben auf einem wandartigen Hinterbrett , und ein ganzer Berg von Scherben türmte sich in dem Wagenkasten auf . » Glück und Glas ... « Und mit Widerstreben sah er hin , und dabei war ihm in allen Fingerspitzen , als schnitten ihn die Scherben . Endlich aber kam die Wagenreihe nicht nur wieder in Fluß , sondern der Schimmel tat auch sein Bestes , Versäumtes einzuholen , und eine kleine Weile , so hielt man vor einem lehnan gebauten , mit hohem Dach und vorspringendem Giebel ausstaffierten Eckhause , dessen Erdgeschoßfenster so niedrig über der Straße lagen , daß sie mit dieser fast dasselbe Niveau hatten . Ein eiserner Arm streckte sich aus dem Giebel vor und trug einen aufrechtstehenden vergoldeten Schlüssel . » Was ist das ? « fragte Botho . » Der Rollkrug . « » Gut . Dann sind wir bald da . Bloß hier noch bergan . Tut mir leid um den Schimmel , aber es hilft nichts . « Der Kutscher gab dem Pferd einen Knips , und gleich darnach fuhren sie die mäßig ansteigende Bergstraße hinauf , an deren einer Seite der alte , wegen Überfüllung schon wieder halb geschlossene Jakobikirchhof lag , während an der dem Kirchhofszaun gegenübergelegenen Seite hohe Mietskasernen aufstiegen . Vor dem letzten Hause standen umherziehende Spielleute , Horn und Harfe , dem Anscheine nach Mann und Frau . Die Frau sang auch , aber der Wind , der hier ziemlich scharf ging , trieb alles hügelan , und erst als Botho zehn Schritt und mehr an dem armen Musikantenpaare vorüber war , war er in der Lage , Text und Melodie zu hören . Es war dasselbe Lied , das sie damals auf dem Wilmersdorfer Spaziergange so heiter und so glücklich gesungen hatten , und er erhob sich und blickte , wie wenn es ihm nachgerufen würde , nach dem Musikantenpaare zurück . Die standen abgekehrt und sahen nichts , ein hübsches Dienstmädchen aber , das an der Giebelseite des Hauses mit Fensterputzen beschäftigt war und den um- und rückschauhaltenden Blick des jungen Offiziers sich zuschreiben mochte , schwenkte lustig von ihrem Fensterbrett her den Lederlappen und fiel übermütig mit ein : » Ich denke dran , ich danke dir mein Leben , doch du , Soldat , Soldat denkst du daran ? « Botho , die Stirn in die Hand drückend , warf sich in die Droschke zurück , und ein Gefühl , unendlich süß und unendlich schmerzlich , ergriff ihn . Aber freilich das Schmerzliche wog vor und fiel erst ab von ihm , als die Stadt hinter ihm lag und fern am Horizont im blauen Mittagsdämmer die Müggelberge sichtbar wurden . Endlich hielten sie vor dem Neuen Jakobikirchhof . » Soll ich warten ? « » Ja . Aber nicht hier . Unten beim Rollkrug . Und wenn Sie die Musikantenleute noch treffen ... hier , das ist für die arme Frau . « Zweiundzwanzigstes Kapitel Botho hatte sich der Führung eines gleich am Kirchhofseingange beschäftigten Alten anvertraut und das Grab der Frau Nimptsch in guter Pflege gefunden : Efeuranken waren eingesetzt , ein Geraniumtopf stand dazwischen , und an einem Eisenständerchen hing bereits ein Immortellenkranz . » Ah , Lene « , sagte Botho vor sich hin . » Immer dieselbe ... Ich komme zu spät . « Und dann wandt er sich zu dem neben ihm stehenden Alten und sagte : » War wohl bloß ' ne kleine Leiche ? « » Ja , klein war sie man . « » Drei oder vier ? « » Justement vier . Und versteht sich unser alter Supperndent . Er sprach bloß ' s Gebet , und die große mittelaltsche Frau , die mit dabei war , so vierzig oder drum rum , die blieb in einem Weinen . Und auch ' ne Jungsche war mit dabei . Die kommt jetzt alle Woche mal , und den letzten Sonntag hat sie den Geranium gebracht . Und will auch noch ' n Stein haben , wie sie jetzt Mode sind : grünpoliert mit Namen und Datum drauf . « Und hiernach zog sich der Alte mit der allen Kirchhofsleuten eigenen Geschäftspolitesse wieder zurück , während Botho seinen Immortellenkranz an den schon vorher von Lene gebrachten anhing , den aus Immergrün und weißen Rosen aber um den Geraniumtopf herumlegte . Dann ging er , nachdem er noch eine Weile das schlichte Grab betrachtet und der guten Frau Nimptsch liebevoll gedacht hatte , wieder auf den Kirchhofsausgang zu . Der Alte , der hier inzwischen seine Spalierarbeit wieder aufgenommen , sah ihm , die Mütze ziehend , nach und beschäftigte sich mit der Frage , was einen so vornehmen Herrn , über dessen Vornehmheit ihm , seinem letzten Händedruck nach , kein Zweifel war , wohl an das Grab der alten Frau geführt haben könne . » Das muß so was sein . Und hat die Droschke nicht warten lassen . « Aber er kam zu keinem Abschluß , und um sich wenigstens auch seinerseits so dankbar wie möglich zu zeigen , nahm er eine der in seiner Nähe stehenden Gießkannen und ging erst auf den kleinen eisernen Brunnen und dann auf das Grab der Frau Nimptsch zu , um den im Sonnenbrand etwas trocken gewordenen Efeu zu bewässern . Botho war mittlerweile bis an die dicht am Rollkruge haltende Droschke zurückgegangen , stieg hier ein und hielt eine Stunde später wieder in der Landgrafenstraße . Der Kutscher sprang dienstfertig ab und öffnete den Schlag . » Da « , sagte Botho ... » Und dies extra . War ja ' ne halbe Landpartie « » Na , man kann ' s auch woll vor ' ne ganze nehmen . « » Ich verstehe « , lachte Rienäcker . » Da muß ich wohl noch zulegen ? « » Schaden wird ' s nich ... Danke schön , Herr Baron . « » Aber nun futtert mir auch den Schimmel besser raus . Is ja ein Jammer . « Und er grüßte und stieg die Treppe hinauf . Oben in seiner Wohnung war alles still , selbst die Dienstboten fort , weil sie wußten , daß er um diese Zeit immer im Club war . Wenigstens seit seinen Strohwitwertagen . » Unzuverlässiges Volk « , brummte er vor sich hin und schien ärgerlich . Trotzdem war es ihm lieb , allein zu sein . Er wollte niemand sehn und setzte sich draußen auf den Balkon , um so vor sich hin zu träumen . Aber es war stickig unter der herabgelassenen Markise , dran zum Überfluß auch noch lange blauweiße Franzen hingen , und so stand er wieder auf , um die große Leinwand in die Höh zu ziehn . Das half . Die sich nun einstellende frische Luftströmung tat ihm wohl , und aufatmend und bis an die Brüstung vortretend , sah er über Feld und Wald hin bis auf die Charlottenburger Schloßkuppel , deren malachitfarbne Kupferbekleidung im Glanz der Nachmittagssonne schimmerte . » Dahinter liegt Spandau « , sprach er vor sich hin . » Und hinter Spandau zieht sich ein Bahndamm und ein Schienengeleise , das bis an den Rhein läuft . Und auf dem Geleise seh ich einen Zug , viele Wagen , und in einem der Wagen sitzt Käthe . Wie sie wohl