seinen Ekelhaftigkeiten verfolgt . Das geht ja schon seit Monaten so fort . Tätowierte Indianer , zerkratzte Zifferbläter , Schweinskotellets und so weiter fast in jeder Nummer . « » Tunkt das Schwein in ein Jauchenfaß , bis ihm der Dampf ausgeht ; wenn Züchtigung sein muß , ist dies die einzig angemessene , « schloß der Medizinmann die Debatte . » Das ist die Presse in Eurer vielgerühmten Kunststadt München ... « wollte der Rheinländer loslegen , als sich der müde Kuglmeier , der seither nur stumm zugehört , aufraffte und dem Sprecher ins Wort fiel : » Bitte , nicht die Presse , sondern nur ein einzelner Preßbandit , ein zoojournalistisches Unikum , eine Mißgeburt ... eine Sehenswürdigkeit ... eine ... « Da fiel ihm plötzlich nichts mehr ein . Die Kameraden lachten . Am Tisch vor dem Küchenfenster gab der Brand Veranlassung , die Baufragen im Lehel und an den Isarufern zu erörtern . » Das Lehel ist zwar ein Stück Altmünchen , wie man ' s nicht schöner malen kann , aber es paßt nicht mehr in den Nahmen der modernen Stadt , « behauptete der jüngere Kunstschlosser . » Gehen Sie mir doch mit Ihrer modernen Stadt , das ist ja der reine Schwindel , « grollte der Uhrmacher . » Ich weiß doch auch , wie viel es geschlagen hat und bin kein Rückschrittler , aber was man moderne Stadt nennt , ist keine Verschönerung der Welt . Im Lehel ist manches polizeiwidrig vernachlässigt ; das ist richtig . Deswegen braucht man das Alte nicht gleich mit Stumpf und Stil auszurotten . « » Da ist nichts mehr zu bessern , lieber Herr Rembold , « rief ein befreundeter Handwerksmeister vom Nachbartisch herüber . » Mit dem Gerümpel muß aufgeräumt werden . Dann gibt ' s Baugründe für wahre Prachtstraßen vom Gries bis an die Maximiliansbrücke . « » Die Pracht kennt man , die Quaistraße ist so ein Muster von neumodischer Pracht ! Ich geb ' keinen roten Heller dafür . « » Die Fortsetzung der Quaistraße wird schon besser werden . Wenn erst einmal das Ketterl und der grüne Baum wegrasiert sind und eine Palastreihe sich die Isar hinaufzieht ... « » Was ? « schrie der Uhrmacher auf , » der grüne Baum wegrasiert ? Da , wo wir jetzt sitzen , auf diesem herrlichen Fleck Gotteswelt , ein neumodischer Steinhaufen mit fünf Stockwerken ? Und daneben ein anderer und so fort ? Nein , das gibt ' s nicht . « Er schlug mit der Faust auf den Tisch . Der Kunstschlosser beschwichtigend : » Pläne , nichts als Pläne ; wir erleben das nimmer . « » Das möcht ' ich auch gar nicht erleben . Das ist ja der helle Wahnsinn , alles ummodeln zu wollen . Muß denn jetzt auf einmal alles anders sein , als es unsere Vorfahren gehabt haben ? Die waren doch auch nicht auf den Kopf gefallen . Und München ist schon berühmt gewesen , als man von dem ganzen neuen Schwindel noch nichts gewußt hat . Und unsere schöne wilde Isar , die soll wohl zwischen Mauern eng und pomade dahinfließen wie ein Bach , daß man mit venezianischen Gondeln darauf herumfahren kann ? Und noch mehr Brücken , daß man zuletzt vom Wasser gar nichts mehr sieht ? Deckt sie doch lieber gleich ganz zu , dann habt Ihr noch mehr Bauplätze ... Hoffentlich haben da auch noch andere Leute ein Wort mit zu reden , denk ' ich . « » Die anderen Leute haben schon geredet , der Magistrat zum Beispiel . Der ganze Ländeplatz hier ist doch städtischer Boden . Nun gut , die Lände wird weit weg verlegt , die paar Floßmeistershäuser werden abgebrochen , der grüne Baum und das Ketterl werden von der Stadt erworben und dann kann ' s losgehn , das ganze Terrain wird planiert und als Bauplatz losgeschlagen . « » Aber daß Sie das nicht wissen , Herr Nachbar Rembold ! Man reißt sich ja jetzt schon um den Bauplatz . Der Bankdirektor und Konsul Schmerold in der Quaistraße hat schon längst ein Auge auf den Komplex geworfen und möcht ' ihn dem Magistrat abhandeln . Er hat sich hinter den grünen Baumwirt gesteckt , daß er vom Magistrat eine unmögliche Summe als Ablösung fordert , damit aus der Geschichte nichts wird , bis er mit noch einigen Spekulanten sich alles selber in die Hand gespielt hat . « » Das glaub ' ich wohl , daß die Herrgottsakermenter möchten . Zuletzt möchten sie uns noch den ganzen Himmel verbauen , daß man nicht mehr schnaufen kann . Aber das setzen sie nicht durch . So wird die Isar nicht verhandelt und verschandelt . Da ist die Bürgerschaft auch noch da und der König ... Und mag denn der grüne Baumwirt um so ein Sündengeld sich das anthun lassen ? ... Mutter ist ' s wahr ? « wandte er sich erregt gegen das Küchenfenster . » Es wird uns nicht viel anderes übrig bleiben , oder unsern Kindern . So schnell geht ' s übrigens nicht , Herr Rembold . « » Hat man nicht schon hundertfünfzigtausend Mark geboten , Mutter ? « fragte der Kunstschlosser . » Das schon , aber mein Mann thut ' s nicht unter zweihunderttausend . « » Ein schönes Stück Geld für die Knallhütte , « sagte unbefangen der eingeführte junge Geschäftsführer . Der alte Uhrmachermeister sprang auf , warf ihm einen vernichtenden Blick voll unsäglicher Verachtung zu , verließ den Tisch und ging heim . Sein » grüner Baum « eine Knallhütte ! Und wegrasiert ! Wahrhaftig , die junge Welt kennt keine Pietät mehr ... Das ist der Anfang vom Ende ... Wo soll denn das hinführen , wenn einmal ums Geld alles zu haben ist ? Da braucht man ja vor keiner Schandthat mehr zurückzuschrecken , sobald sie nur recht viel Geld einträgt ! Und wer das Geld hat , der hat die Macht , alles andere zu Boden zu treten ? Da soll doch gleich ein Donnerwetter dreinschlagen oder ... die Sozialdemokratie ... wenn alles ein Teufel ist ... An seiner Hausthür kehrte der Uhrmachermeister noch einmal um . Nein , mit solchen Gedanken kann er sich nicht ins Bett legen . Ein schwerer Seufzer entrang sich der Brust des greisen Mannes ; sein Kopf glühte , seine Schläfe hämmerten . Besser , er macht seiner geliebten Isar noch eine lange Nachtvisite und hält beruhigende Zwiesprach mit ihrem Rauschen und Murmeln , fern von allem Menschenvolk . Und er schlug die Richtung nach der Zweibrückenstraße ein . Der grüne Baumwirt hatte sich zu den Hofstallern gesetzt , um sie auszufragen und auszuhorchen , was in Hohenschwangau und Neuschwanstein los sei und was es für Bewandtnis mit dem neuen chinesischen Schloß habe , das auf dem Falkenberg errichtet werden soll und ob das französische Schloß auf der Chiemsee-Insel ausgebaut werde oder nicht . Letzteres interessierte ihn besonders , weil ein Verwandter seiner Frau , ein Steinbruchbesitzer , große Lieferungen für den Schloßbau übernommen hatte . Freilich hatte der Vetter noch starke Forderungen bei der königlichen Baukasse gut , allein das ängstigte ihn nicht , das Geschrei der Zeitungen über die Schuldenlast des Königs war jedenfalls übertrieben . Wer ein so großes Privatvermögen hat wie die Wittelsbacher und dazu noch eine Zivilliste von vier oder fünf Millionen jährlich , der kann sich schon etwas erlauben . Der König ist nur zu loben , daß er das Geld im Lande läßt und unter das Volk bringt . Das macht nichts , wenn auch langsam bezahlt wird ; bezahlt wird ja doch und sehr gut obendrein . » Also es wird weiter gebaut ? « fragte der Wirt befriedigt über die erhaltene Auskunft . » Warum denn nicht ? Meinen Sie , der König läßt sich etwas verbieten ? « antwortete der mit dem Dachsgesicht . » Wozu wär ' er denn König ? « Die Zahl der Gäste war allmählich zusammengeschmolzen . Die Tische wiesen große Lücken auf . Zwei Gasflammen konnte die sparsame Kathi , auch eine Verwandte der Wirtin , schon ausdrehen . » Schauen ' s wer da noch kommt ! « sprach der Wirt aufstehend , wandte sich aber noch rasch aus Ohr des herablassenden , auskunftspendenden Stallbeamten und flüsterte : » Die sind von der Gesellschaft der Ungespundeten - « Dann ging er begrüßend den späten Ankömmlingen entgegen : » Habe die Ehre , Herr Oberst ! Guten Abend , Herr Baron ! Grüß Gott , Herr Doktor ! « Die Ungespundeten nahmen an dem äußersten Tisch unter dem mächtigen Kastaniengeäst stillschweigend Platz . Der Wirt zog sich etwas pikiert zurück . Kathi erschien , dienstwillig und lächelnd wie immer , trotzdem sie vor Müdigkeit ihre Beine nicht mehr spürte . Der Baron schob seinen glänzenden schwarzen Cylinderhut in den Nacken , wischte mit dem weißen Taschentuch seinen Zwicker , zupfte seine lange Manschette zurecht , legte Tabakdose und Zigarrettenpapier vor sich hin , rückte sich den Zündholzständer näher , stützte dann die beiden Ellbogen auf den Tisch und begann mit der feierlichen Grazie eines Türken und » Ketters « seine Zigarrette zu drehen . Unter seinen langen , wohl gepflegten Aristokratenfingern rollte sich der goldbraune Sultantabak in dem knisternden Papierchen zu der denkbar elegantesten Form . Die erste Zigarrette reichte er galant dem Doktor über den Tisch . » Ecco , caro Dottore ! « » Remplem ! « schnauzte der Oberst und setzte seinen Schlapphut tiefer ins Gesicht , daß unter der breiten Krempe nur noch der leichtgeschwungene Rücken der kraftvoll sinnlichen Nase und der lange graue Knebelbart mit der vom vielen Rauchen in der Mitte angegelbten trotzigen Schnurre ins Licht fielen . » Hol , Hol , Wotan ! « grüßte ein stämmiger Trinker in grüngarnierter Lodenjoppe herüber und that den letzten tiefen Zug aus dem Maßkrug , den er mit Wucht auf den Tisch zurückstellte . Dann trug er auf den kurzen dicken Beinen seinen runden Bauch wie einen lebendigen Vierschlauch vor sich her , trat an den Tisch der Ungespundeten und richtete seine fette Stimme mit breitem Grinsen des umbarteten Vollmondgesichtes an den Oberst : » Alter Germane , man sieht Dich ja nicht mehr , ich muß leider schon gehen - weißt , meine Schicksalswalterin wartet am Wehr ! - aber nächsten Sonntag solltest Du doch dabei sein : unsere Markgenossenschaft feiert zu ihrem vierten Alting ein Waldfest in Gauting mit Vorführung einer altgermanischen Hochgetid , Speerwerfen , Frauenspielen , Tanz und so fort . Du kommst ? « » Fällt mir gar nicht ein . Remplem . Ich pfeif ' auf Eure Germanenkomödie . « » Gut ' Nacht , Wotan . « Und der stämmige Markgenosse wackelte mit seinen nägelbeschlagenen Schuhen knirschend davon . » Grobian ... « » Was war denn das für ein Mannsbild und ein Kauderwelsch ? « fragte der Baron und saugte an seiner Zigarrette . » Bah ! Ein Lumpenhund , der sich auf den Urgermanen dressiert hat . Wo hängt die Wurst ? War einst ein schneidiger Bursch , ein flotter Forstmann , hatte eine Menge seiner Liebschaften , schön Hadwig von der Pfalz , schwarz Bärbele von Würzburg - ich erinnere mich noch ganz genau . Dann kamen wir auseinander , als er zu strebern anfing . Mit unglaublicher Rücksichtslosigkeit ist er dabei zu Werk gegangen . Der verstand ' s , alle Hasen in seine Küche zu treiben . « » Und ist schließlich doch ein Troddel geworden , « bemerkte der Doktor . » Er macht mit seinem Urgermanentum einen urdummen Eindruck , « der Baron . » Laßt mich aus ! Die Dummen sind die Gescheidten . Wo hängt die Wurst ! Remplem . Prosit ! « » Prosit ! Es lebe das Spundloch ! « » Das ist die ganze Lebenskunst : immer das rechte Loch zu finden . « » Und den unbequemen Kerls immer prompt dasjenige zu zeigen , das der Zimmermann gemacht hat . « » Wie vorhin dein Markgenossen . « » Das ist mir der rechte Urgermane , daran erkenn ' ich ihn : er fürchtet Gott - und sein Weib . Letzteres thatsächlich , ersteren nur mit dem Maul , und wenn er Zuhörer hat . Am besten einen ganzen Reichstag voll . Gottesfurcht , Weiberfurcht . Dem neumodischen Urgermanen spezifisch wie der preußische Stechschritt . Prosit ! « » Drillinger schon lang nicht mehr gesehen ? « » Eine Ewigkeit . « » Ist auch kein rechtes Mannsbild . Das Beste an ihm war sein Bruder , der rote Ludwig . Aber der hat in Europa nicht mehr schnaufen können . Hoffentlich hat er das rechte Loch jetzt gefunden . « » Wie haben sie auch den armen Meister Effenbach gehetzt , bis er in seinem Steinbruch zu Höllriegelskreut untergekrochen ist . Da haust er jetzt wie ein Einsiedler im Urwald . Man hört und sieht nichts mehr von ihm . Das ist ein Glück : vergessen werden . Ein Original , ein Narr ! haben sie geschrieen , weil er keine wattierten Röcke , keine Lackstiefeln , keine Glacehandschuhe , keine Angströhre tragen mochte , sondern barhäuptig und barfüßig in seiner weißen Kutte sich wohl fühlte . Ein großer Mensch und ein großer Künstler ! Mit dem Malen wird ' s jetzt freilich Matthäi am letzten sein . In seiner Armut kann er sich weder Leinwand noch Farben noch Pinsel mehr kaufen . Aber seinen Christuskopf malt ihm in der ganzen Akademie doch keiner nach . Welch ' eine Apotheose des Leids und der Verzeihung ! Das bleibt sein Denkmal . « Des Doktors Augen funkelten . » Es ist in der That merkwürdig , wie es diesem seltenen Charakter endlich doch geglückt ist , in dieser Welt der Charakterlosigkeit , in diesem Zeitalter der Waschlappigkeit , verbunden mit der Raubtiergier nach Geld , Besitz , Macht , als Mensch für sich zu leben , eine Welt für sich zu schaffen und in frei erwählter Armut in vollkommenster Zurückgezogenheit sich seiner Freiheit zu freuen . « » Und das zwei Stunden von München . « » Remplem ! Wenn er sich ' s einfallen ließe , hier wieder einmal aufzutauchen , würden sie ihn wieder auf den Kopf schlagen , daß ihm Sehen und Hören vergeht . Richtig bemerkt , Doktor , es gibt nur ein Glück : vergessen zu werden . Ruhm und Ruhmesgeschrei - blauer Dunst . « » Es lebe - das Glück ! « » Ah bah , das Spundloch ! « » Zahlen , Kathi . « » Gut Nacht . « Die reckenhaften Gestalten des Obersts und des Doktors nahmen den kleinen Baron in die Mitte und schritten hinaus in die Nacht . Als sie sich unter der großen Hängelampe des Ausgangsthores bückten , lief ein bizarrer , dreigezackter Schatten die weiße Wand hinauf . In der Wasserstraße streunten beutegierige Isarnymphen in großer Zahl am Ufer her und hin , nächtliche Wanderer mit heiseren Kehlen anrufend , scheltend , wenn ein Einsamer verächtlich oder mit hart abweisender Rede ihren Reizen entging , lachend und spottend , wenn ein ehrsamer Philister , der sich im braunen Nektar etwas mehr als die übliche Bettschwere angetrunken , mit strauchelndem Fuß sich in ihren Netzen verstrickt . Es war spät und empfindlich kühl geworden . Nur die Eifrigsten hielten noch aus bis Mitternacht . » Wer torkelt denn da unten hart am Wasser herum ? « fragte eine ihre Genossin und wies aus eine kleine Gestalt , die jetzt kauernd mit den Händen in den Fluß griff . » Der wird sich waschen wollen , oder abkühlen , oder gar ersäufen . Was geht das uns an ? « Eine Dritte trat herzu : » Das scheint ein Verrückter zu sein . Er wackelt schon lange am Ufer auf und ab und hält Ansprachen an die Isar und die Bäume . Dazwischen hat er geflucht und dann wieder geschluchzt . Laßt ihn in Ruh . Jessas , jetzt hab ' ich gar den Schnackler . Ich geh . « Die Erste : » Und ich bleib ' , ich bin neugierig , was der macht . Wart ' doch . « Die Zweite : » Geh ' n wir wenigstens näher hin , damit wir hören , was er sagt . « Die Dritte : » Er sagt fast immer das Nämliche , einmal : Verhandeln und verschandeln will man Euch , wer am meisten bietet , der kriegt Euch und er kann dann mit Euch thun was er will . O Sünd ' , o Jammer ! und dann : Ich geh ' mit Euch , ich mag nimmer , nehmt mich mit . Und lauter solche verrückte Reden . « Die Zweite : » Das ist doch nicht auf uns gemünzt ? Es paßt fast jedes Wort . « Die Dritte : » Bist Du einfältig . Die Bäume und das Wasser spricht er so an . Es ist ein Verrückter . Laßt ihn in Ruh ' . Das ist ein bedauernswerter Mensch . Ich geh ' heim . « » Heilige Mutter Gottes , « schrie die Erste . » Jetzt ist er im Wasser , die Wellen reißen ihn fort . Hilfe ! Hilfe ! « Die drei Nymphen liefen kreischend hinab , hielten sich an einem Floß und entrissen den Ertrinkenden der Flut . Ein herbeigeeilter Gendarm erkannte in ihm den alten Uhrmachermeister .... Auf der Kohleninsel heulte ein Hund ... 6. .... » Man merkt ' s Ihnen an , lieber Schlichting , daß Sie das Erlebnis der vergangenen Nacht angegriffen hat . Kein Zweifel , das war kein Brand von ungefähr . Die Bosheit der Menschen ist grenzenlos . Was in der moderigen Schneiderherberge aufflammte , sengende und brennende Liebe war ' s gewiß nicht ; das hatte seinen Zunder in irgend einer gemeinen Leidenschaft , in Haß , Neid , Rachsucht ... Forschen Sie gelegentlich der Ursache nach . Das alles ist belehrend und läßt sich schriftstellerisch verwerten , sobald man alle Mittelglieder zwischen Ursache , Wirkung und Folgenreihe in der Hand hat ... Ein Glück , daß das Feuer so rasch gelöscht wurde . Sie hätten ja entweder in Ihrem Dachstübchen ersticken oder bei einem Versuch , durch das Fenster zu entkommen , den Hals brechen müssen . Feuersnot ist entsetzlich . Ich wohne darum mit meiner Weltlitteratur und meinen andern geringen Habseligkeiten zu ebener Erde . « Doktor Trostberg hatte sich eine frische Zigarrette aus Genidze-Tabak gedreht und angezündet - wenigstens die zehnte in dieser Frühe , denn das ganze weitläufige Gemach schwamm in Rauch und hüllte die Büchergestelle an den Wänden und das große Bild Schopenhauers über dem Schreibtische so dicht in blaugraues Gewölke , daß man sie kaum mehr erkennen konnte - dann zog er die gelbe Schnur seines roten Schlafrocks enger um den schlanken Leib und legte sich der Länge nach mit dem Rücken auf das niedrige , breite Ruhebett , das mit einem kostbaren Eisbärenfell , einem Geschenk des Königs - überzähliges Stück aus der Hundinghütte beim Linderhof - bedeckt war . Er strich sich mit der schmalen Hand über das ovale , gelbliche Gesicht , das von den Augenwinkeln die Wangen herab eigentümlich symmetrische Runzeln hatte , zwirbelte seinen langen , schwarzen Spitzbart und begann wieder , während Schlichting bleich und sinnend an dem halbgeöffneten großen Gartenfenster stand , mit seiner trockenen , etwas schnarrenden Stimme : » Also Punkt Eins wäre geordnet ; Sie können sich auf mich verlassen , daß ich mit Baron Drillinger einen Versuch machen werde . Ganz unter uns : ich thu ' es aus purer Menschenliebe , nicht aus verstandesmäßiger Überzeugung ; ob Drillinger mit der stattlichen Frau Soundso oder der zierlichen X Y Z kost oder schmollt , das sind für den Lauf der Welt ganz belanglose Zwischenaktsscherze . Aber das in ihrer Ehe unbefriedigte Weib hat sich nun einmal unsern Schwerenöter als Tröster in den Kopf gesetzt - gut , thun wir ihr den Gefallen ; obschon ich mir , ich wiederhole dies , keinen oder nur einen sehr geringen Erfolg davon verspreche . Drillinger ist eine optimistisch-flatternde Seele , und dabei oft eigensinnig und trotzig wie ein Kind . Es muß ja auch solche Käntze geben . Ich erwarte ihn ohnehin heute oder morgen . Und nun zu Punkt Zwei : in Sachen Preßbandit , Ergänzung des bereits Bekannten . Das ist auch ein Kantz , aber ein bodenlos schlechter . Deshalb jedoch nicht weniger interessant . Nicht als Mensch , denn ich wüßte nicht , was an einem solchen Stegreifritter von Schmierfinkski Interessantes zu finden wäre , sondern als Kulturerscheinung , als soziologischer Typus , als Produkt unserer verrotteten und verpesteten Sittenzustände . An solchen Früchten kann man zunächst erkennen , wohin die Freiheit des journalistischen Gewerbes führt , welch ' ein mächtiges Element zur Durchseuchung und Auflösung der modernen Gesellschaft sie darstellt . Das Zeitungswesen ! Dieser ständige geistige und moralische Seuchenherd ! Der pure Hohn auf den vielgerühmten Willen der Kulturmenschheit , zur Wahrheit und Gesundheit zu gelangen . Haben Sie sich einmal in einem Kaffeehaus die Horde der Baccillenschlucker , vulgo Zeitungsleser , angesehen ? Wie sie dahocken und mit stieren Blicken und dummen , vom Qualm der schlechten Luft und des schlechten Gesöffes aufgedunsenen Gesichtern das bedruckte vergiftete Papier gierig hineinschlingen ? Wie sie ihre Hohlschädel mit politischem Quark und feuilletonistischem Kohl und Klatsch und Tratsch ausmöbeln ? Und haben Sie einmal eine Sudelküche gesehen , wo diese journalistischen Gerichte zusammengeschmiert und gepappt und gekocht werden ? Das müssen Sie einmal nach der Natur studieren , mein lieber Herr Schlichting . Da werden Ihnen elektrische Lichter aufgehen ! Da werden Sie auch die Verachtung begreifen lernen , mit der ein Bismarck von den Journalisten als von Leuten spricht , die ihren Beruf verfehlt haben . Die Presse ! Der Leipziger Professor Wuttke , mein alter Lehrer hat ein Buch darüber geschrieben . Der Unglückliche ! Der Menschheit ganzer Jammer packt einen an , wenn man das liest ... Ich sage Ihnen , hüten Sie sich vor der Tages-Zeitungsschreiberei - überhaupt vor dem ganzen politischen Wischiwaschi . Das ist Gift für jede seiner organisierte Natur . Und alles für die Katz ' ! Von allen irdischen Nichtigkeiten und Dummheiten ist die Tagespolitik die allernichtigste und allerdümmste . Drum blasen sich die Politiker mit ihrem Geträtsche auch so auf , weil sie selbst die Empfindung nicht los werden können , daß sie wie Wolken vom Winde verjagt werden , daß sie nur Schattenbilder von Schatten sind . Betrogene Betrüger , Larifari-Kakaphonisten . Ein jeder glaubt ein All zu sein , und jeder ist im Grunde nichts . Lassen wir nur erst einmal den sozialen Cäsarismus , der bereits in der kaiserlichen Botschaft leise präludierte , über das alte , geschwätzige Europa kommen ! ... Die Presse ist Großmacht , wenn und wo es gilt , die öffentliche Versimplung und die nichtsnutzigen Keime im Volksleben zu entwickeln ; ihr tägliches , unausgesetztes Getröpfel höhlt den härtesten Stein . Sie ist eine Ohnmacht , wenn - - doch davon ein andermal . Kommen wir auf unsern Münchener Fall und erlauben Sie mir - wollen Sie nicht Platz nehmen ? nein ? nach Belieben ! - daß ich etwas weiter aushole , es kann zur Förderung Ihres Manuskriptes nur nützlich sein . Es liegt mir in der That daran , Ihnen meine Erfahrungen und Erkenntnisse gerade auf diesem Gebiete zu novellistischer Verwertung möglichst umfassend mitzuteilen . Sie können ja alles kontrollieren und brauchen sich nichts aufbinden zu lassen . Ja , Sie sollen alles kontrollieren ! Man soll keinem Menschen aufs Wort glauben in Dingen , die man mit eigenen Sinnen erforschen und durchprüfen kann . Und nun bietet sich Ihnen ja die denkbar schönste Gelegenheit , Ihre impressionistische , prüfende und nachbildende Kraft zu erproben . Ich habe jetzt keine Zeit und keine Lust , solche Geschichten nach der Natur zu schreiben . Ich hätte vielleicht auch gar nicht das notwendige Handwerkszeug dazu . Ich bin Dramatiker und nicht Novellist . Sie sind noch keines von beiden , aber Sie fühlen den Drang , als Novellist wenigstens einen Versuch zu machen . Wohlan denn ! Und Sie wollen keine schon millionenfach geschriebene banale Liebesgeschichte vom Hans und seiner Grete schreiben , sondern - etwas anderes . Auch keine krachledernen Hosenfabeleien aus dem dichterisch schon ganz zermürbten bayerischen Hochgebirg , keine Salontirolerei oder sonst eine troddelhafte Volksmünchhausiade , wie sie noch immer schockweise von den geriebenen Erfolgsspezialisten , die mit anderthalb Ideen zwanzig Bände vollschreiben , auf den Markt geschleudert werden . Das gefällt mir . Was es wird , wird sich ja am Ende zeigen . Zunächst gilt es : frisch zu wagen und nach echten Dokumenten zu arbeiten . Da setzt meine Handreichung ein ... Ohne die berühmte Liebe werden wir dabei freilich nicht auskommen . Denn wenn wir , nur einen Goetheschen Ausdruck zu nehmen , ein wahres Bild des beschatteten , buntgrauen Erdenlebens entwerfen wollen , müssen wir unseren Pinsel auch in jenen unheimlich gemischten Farbentopf tauchen , den uns die schlimme Teufelin Venus aus ihrem Schoße darreicht . Was nun dazu Eigenerlebtes gehört , das müssen Sie sich selbst erwerben . Auch die wichtigste Zuthat , warmes , rotes Herzblut , können Sie nicht aus zweiter Hand empfangen , das müssen Sie sich heißdampfend aus der eigenen Brust abzapfen . Aber vergeuden Sie die kostbaren Tropfen nicht . Aphrodite , die schöngelockte , mache es gnädig mit Ihnen ! Hüten Sie sich vor den blassen , blonden Lotosblumen , auch vor den roten , berauschend duftigen Nelken : die gehen bis ans Mark . Eine volle , üppige Rose , dornenbewehrt , das erträgt sich am besten . Und für das Studium reicht ' s. Unsere alten Helden nahmen ein blankes Schwert mit aufs Minnelager : ein Stock , oder eine Peitsche thut ' s auch - - - Unsere Liebesproblemdichter , die auf kaltem Verstandeswege arbeiten , kommen mir vor wie Prostituierte , die sich dem Liebesakte gewerbsmäßig hingeben , ohne jedwede Innigkeit der Empfindung , die bei der Umarmung nur den materiellen Gewinn fühlen , der in ihr Portemonnaie fällt , oder die stupide Befriedigung einer tierischen Laune , in welche höchstens die schamlos kühle Beobachtung und Vergleichung des gegenwärtigen Falles mit vorausgegangenen einen Zug entmenscht menschlicher Besinnung bringt . Diese sogenannten keuschen Dichter mit ihrer ausgeklügelten Liebesschilderei und Schleierweberei und Andeuterei sind die eigentlich unkeuschen Dichter ; sie leisten bei aller anscheinenden Wohlanständigkeit ihrer Darstellung der allzeit regen und aufgestachelten Phantasie ihrer Leser die schmutzigsten Kupplerdienste . Natürlich wissen sie sich sehr gescheidt damit zu decken , daß sie bei aller halbverhüllten Brünstelei und Liebesstöhnerei die legitime Regulierung des Liebestriebes zu fördern vorgeben . Nachdem sie ihr Liebespärchen und mit ihm den Leser und besonders die Leserin mit heißen Blicken , Küssen und anderen noch in den Rahmen der konventionellen Sittlichkeit fallenden Betastungen und Entblößungen weit genug gebracht haben , dann legen sie den Finger an den Mund , ziehen den Vorhang zu und pantomimen als echte Komödianten der Feigenblattmoral : So , meine Lieben , jetzt seht euch nach einem legitimen Strohsack oder , wenn ' s die Mittel erlauben , nach einem schwellenden Himmelbett um , und laßt den Herrn Standesbeamten oder den hochwürdigen Herrn Pfarrer rufen - und damit ist alles in schönster Ordnung , das sonst Zuchtloseste und Verfehmteste ist dann eitel Zucht und Sitte . Form ist alles . Legitimität und Justemilieu ! Und die gute , gedrillte Kulturmenschheit weiß sich nichts Erhabeneres in ihren Gedichten , Bildern , Romanen und Theaterstücken , als diese ewigen Liebes-Legitimitäts-Aufschneidereien abzuorgeln und - - - in Wirklichkeit doch alles hinterrücks so geschehen zu lassen , wie ' s der alten und ewig jungen Natur gefällt . Nein , mein Freund , mit solchem Zeug wollen wir nichts zu thun haben . Das ist den Tropfen Tinte nicht wert , mit dem man ' s niederschreibt . Herzblut und Wahrheit ! - - Haben Sie schon einmal gründlich erfahren , was Liebe ist - himmlische und irdische Liebe , wie sie unsere ästhetisch-sittlichen Spaltpilz-Spalter so weise und klug unterscheiden ? Haben Sie ... Ich verstehe Ihr Schweigen zu würdigen , junger Freund . Es ist kräftiger , als ein lautes Ja . Aber wollen Sie wirklich nicht Platz nehmen ? Ich spreche leichter , wenn ich Sie gut aufgehoben weiß . Ziehen Sie sich wenigstens den Schaukelstuhl ans Fenster ; sitzend hört man nicht nur bequemer , sondern auch besser . Und Sie sind noch müde und nervös von gestern und haben einen Tag voll Arbeit vor sich . Rücken Sie mir das Rauchtischchen näher , bitte ! So - Sie lieber Mensch . « Schlichting hatte sich im Schaukelstuhl am Fenster niedergelassen . Er wandte sein bleiches Gesicht dem Sprecher zu , dessen ruhendes Längenbild sich ihm in phantastischer Verkürzung zeigte , im Nebel des Zigarrettendampfes : zunächst die schimmernde Glatze eines fast kreisrunden Schädeldaches , dann den seinen Nasenrücken , dann die rote Fläche des Schlafrocks auf dem weißen Fell dann zwei gelblederne Pantoffelspitzen . » Es ist schade , Herr Schlichting , daß Sie nicht rauchen , und es ist zugleich ein Gewinn denn das Rauchen - ich denke dabei nur an die Zigarrette , nicht an den derben Glimmstengel , noch an die klobige Pfeife - ist eins der wenigen wahrhaftigen Vergnügen , die uns das erbärmliche Leben bietet und welches sich auch der Weise gestatten darf ; es ist leider aber auch eine Verführung zu erschlaffender Träumerei nicht allein , sondern auch zum Übermaß des Genusses . In letzter Hinsicht bin ich selbst ein abschreckendes Beispiel . Ich rauche viel zu viel , entsetzlich viel . Meine Stube ist ein blaues Wolkenheim , nicht wahr ? Und Sie leiden gewiß darunter ? Armer Freund , öffnen Sie nur ganz das Fenster .