, schloß er humoristisch , vermöge er es nicht gerade als ein zweckmäßiges Mittel zur Lebensverlängerung anzusehen , wenn ein Volk die letzte Konsequenz , deren Keim in ihm stecke , vor der Zeit zu Tode hetze und damit sich selbst . Wir waren von dieser zurechtweisenden Rede des alten Herrn nicht wenig verblüfft , nahmen sie aber mit Achtung auf ; wir mußten das Tatsächliche daran zugestehen , da wir Ähnliches selbst schon unter der Jugend beobachtet , und belachten den Humor davon . Nachher sprach ich mit einem der Freunde , dem ich näher stehe , wiederholt von jener Unterhaltung ; wir dachten von dem Gesichtspunkte des Alten aus mehr über die politischen Tagesläufte nach , die wir aus der Heimat vernahmen . Kurz , wir gelangten endlich zu dem Entschlusse , im Gegensatze zu den Schulbankagitatoren , uns nicht als neue Generation aufzutun , sondern uns im stillen für alle Fälle brauchbar zu machen in Zeiten , wo es notwendig werden könnte , mit einzustehen und den Rang finden zu helfen . Am allgemeinen mitzudenken sei immer nötig , mitzuschwatzen aber nicht . Lieber Vater ! So ist nun die Gesinnung oder Stimmung beschaffen , aus welcher heraus ich mein Verhalten , wie ich es oben dargelegt , einzurichten vorhabe , insofern Du den Sohn in solcher Gestalt zunächst im Hause dulden kannst . Den Tribut , den ein Haus dem öffentlichen Leben schuldig ist , bezahlst Du ja indessen mit Deiner Person so vollgültig , daß ich noch lang hin im Schatten Deines Beispiels mich ruhig fortbilden kann ! « Martin legte den weitläufigen Brief offen auf sein Pult , nahm ihn wieder auf , wandte die Blätter und sagte : » Was ist nun das ? Treibt er Spaß oder Ernst ? Mit seiner Geschichte ! Und was ist das für ein alter Herr mit dem Käfer auf dem Tisch , den er dem Fortschritt vergleicht ? Halt , da dämmert was - ich glaube bald , ich habe einen jungen Doktrinär in die Welt gesetzt ! Er weiß , daß ich ein Mann des Fortschrittes bin , und kommt mir mit dem Käfer ! Das ist doktrinäre Kritik , am Ende die ganze Geschichte von dem alten Kerl erfunden ! Und doch nicht , er ist dafür zu ehrlich und ernsthaft ! Im Grunde , wenn er im Geschäfte mithelfen will , kann mir das nur lieb sein , ein doctor juris steht ihm nicht schlecht an . Der historische Doktrinarismus im politischen Gebiete wird ihm schon vergehen , wenn er in den Zug kommt . Dimensionen und Bedingungswert der werdenden Geschichte ! Gras wachsen hören ! Will er eingeschlagene Eier backen , den Thermometer in der Pfanne ? Sei es ! wenn er nur was Rechtes weiß , so ist ihm zuletzt dies oder jenes abzulernen , woran er selbst nicht denkt ! Das Ding mit dem stillen Privatgelehrten und dem Kaufmann , der es drauf ankommen läßt , ob er hervortreten wird oder nicht , hat doch etwas für sich und sieht gut aus , zumal wenn man es ja bequem machen kann ! In der Tat , es gefällt mir immer weniger übel ! Was schreibt er denn da noch ? Er wünschte noch ein Jahr zu reisen , wenn es anginge ! Warum nicht ? Ich wollt , ich hätt es auch tun können , als ich jung war , nur um mich zu unterrichten ! Nachher mußte ich freilich reisen , weit genug , hab aber vor Plackerei kaum was gesehen und an Weib und Kind denken müssen ! « Er teilte den Brief den Frauenzimmern mit , die aus verschiedenen Gründen betrübt waren , die Töchter , weil der Bruder nicht zur Hochzeit kam , die Mutter , weil sie den Sohn noch länger entbehren mußte , und gerade jetzt , wo sie die Töchter verlor . Und er hatte ihr noch nie Kummer gemacht . Sein Lebensplan aber , oder wie man die Auseinandersetzung seiner Absicht benennen will , auf die Martin sie aufmerksam machte , erfüllte sie mit stolzer Freude , so würdig und ernst erschien ihr alles , was er schrieb , und sie billigte zuletzt alles , selbst das Reisen . Mit dem Manne später allein , konnte sie sich nicht enthalten , sich mit einiger Überhebung der Gegenschwäherin gegenüberzustellen und im Hinblick auf deren Zwillinge den eigenen Sohn zu preisen . Salander wurde ordentlich eifersüchtig auf ihn . » Du bist ein bißchen Aristokratin , « sagte er , » ich weiß gar nicht , warum du die Leute so wenig leiden kannst ! Warte das Ende ab , wer zuletzt lacht , lacht am besten ! Die Zwillinge werden noch ein paar handfeste Männer werden und obenaufkommen , während unser Arnold mit seinen Schrullen vielleicht ein unbedeutender Stubenhocker wird ! « Er nahm den Brief mit auf das Kontor und las ihn nochmals durch . Wieder lief ihm der fortschrittliche Käfer des alten Herrn über die Leber und ärgerte ihn ; ein Gedanke gab den andern , Salander hätte Arnold auch gern an der Hochzeit gehabt , und bei diesem Punkte angekommen , änderte er plötzlich wieder seine Ansicht von dem Feste und beschloß , dem doktrinären Sprößling zum Possen doch eine politische Volkshochzeit zu feiern , damit er in der Ferne vernehme , was die Glocke geschlagen ! Ohne die Gattin weiter einzuweihen , verband er sich mit den künftigen Schwiegersöhnen und setzte mit ihnen den Plan fest . Dem Geiste der Zeit entsprechend , wurde von allem Auffahren einer Menge Kutschen abgesehen und die Eisenbahn als Beförderungsmittel gewählt . Die aus der Stadt und ihrer Umgebung geladenen Gäste verfügen sich nach dem Bahnhof , wo die Hochzeitspaare und deren Eltern sie erwarten . Jedermann ist anständig gekleidet , wie zu einem sonntäglichen Ausfluge ; aber keine Ballroben , keine Fräcke werden gesehen . Im Saale der Bahnhofswirtschaft wird die Morgensuppe genossen , mitten im Verkehr des reisenden Publikums , ein Bild des rastlosen Lebens . Es ist indessen dafür gesorgt , daß das Beste aufgetragen wird in der stillen Zeit , da die Züge abgefahren und die Säle leer sind . Dann führt ein Extrazug die Hochzeit nach dem Orte , wo die Trauung stattfinden soll ; es ist ein ansehnliches Dorf mit guter Wirtschaft , das ziemlich in der Mitte zwischen der Stadt , dem Lindenberg und Unterlaub liegt . Zwei kleine Sängerchöre , die von den beidseitigen Freunden und Anhängern der Bräutigame gestellt sind , empfangen die Versammlung und begleiten sie , eine kräftige Landwehrmusik voran , in die Kirche , wo ein geistlicher Demokrat die Predigt und den Trauungsakt verrichtet . Dann geht es zum Hochzeitsmahle , für das bei gutem Wetter im Baumgarten beim Hauptwirtshaus , also im Freien , die Tische gedeckt stehen , und eine Zahl fernerer Gäste der Landesgegenden sind herbeschieden , worunter redekundige Leute . Ein kleines Festspiel unterbricht den Schmaus und die Gesänge . Auf die verschiedene Parteistellung der zwei jungen Großräte anspielend , wird von allegorischen Figuren ein Waffenstillstand zwischen den Demokraten und den Altliberalen beraten und abgeschlossen , nicht ohne Hinweis auf die doppelte enge Verschwisterung der Hochzeitsparteien , die als schönstes Vorbild für das Wiedervereinigen der Landesparteien ausgerufen werden usw. Hat sich , wie zu erwarten , aus der zuschauend teilnehmenden Bevölkerung , welche freundlich zu bewirten ist mit den Gästen zusammen eine kleine Volksversammlung gebildet , so treten die Redner auf und benutzen die Reihe der üblichen Toaste zum Einflechten derjenigen Betrachtungen , welche geeignet sind , das Volksbewußtsein zu heben , und in den höchsten sittlichen Prinzipien des freien Staates gipfeln , dessen Wurzeln in der freien Familie gegründet sind . Vom Tanzen wird vorläufig abgesehen und vielmehr auf die Musik zum Anstimmen und Begleiten einiger National- und Freiheitslieder gerechnet , welche durch die anbrechende Nacht bei Fackelglanz , von der ganzen Menge gesungen , weithin sich hören lassen sollen . Als Salander das Programm mit den Söhnen Weidelichs an Ort und Stelle des Festes zu ihrem anfänglichen Erstaunen und nachherigen großen Vergnügen vereinbart hatte , und zwar mit dem schließlichen Bemerken , daß er selbstverständlich als Urheber des Projektes die ganzen Kosten übernehme , fuhr er guter Laune nach Münsterburg zurück . » So , Meister Arnold , der das Gras will wachsen hören , « schmunzelte er in sich hinein , » kämest du an die Hochzeit deiner Schwestern , so würdest du es einen guten Atemzug tun sehen , vielmehr hören , will ich sagen , oder beides zusammen ! Du würdest lernen , daß dies Land noch keine runde Tischplatte ist , wo Käfer drauf hin und her rennen ! Sein alter Herr hat vielleicht an Krebse gedacht , die keine Augen in den Schwänzen zu haben pflegen , wenn sie ihre Fortschrittswege zurücklegen ! « In der fröhlichen Laune machte er auch Frau und Töchter mit dem Festverlaufe , wie er bestimmt worden , bekannt . Zu seiner Verwunderung blieb die Frau ganz gelassen und schien gar nicht so unzufrieden zu sein . » Ich freue mich , « sagte er , » daß du keinen Widerspruch mehr erhebst , du wirst sehen , es wird eine gelungene Hochzeitsfeier absetzen , wie sie nicht alle Tage vorkommt ! « Sie erwiderte mit schonendem Lächeln für die Töchter : » Ja , es ist mir soeben , während du erzähltest , ein anderes Licht aufgegangen : ich glaube jetzt , daß durch diese außerordentliche Art von Hochzeit die ungewöhnliche Geschichte derselben in den Hintergrund rückt oder vielleicht ganz ausgeglichen wird ! « » Nicht wahr ? Siehst du , wie klug du bist ? Daran habe ich nicht einmal gedacht ! « » Übrigens ist es mir auch sonst ein wenig besser zumute in der Sache . Ich bin heute im Zeisig oben gewesen wegen Aussteuersachen und habe die Frau Weidelich in großer Wochenarbeit getroffen und ein Weilchen warten und zusehen müssen . Es gefiel mir , daß sie gar keine Komplimente machte . Und dann hab ich mich ordentlich erbaut an dem rüstigen Fleiße , mit dem sie hantierte und die Arbeit regierte , wahrhaftig unermüdlich und auch umsichtig ; sie ließ nichts durchgehen , legte überall Hand an und sorgte zugleich für die Waschweiber und Plätterinnen . Den Mann hab ich auch gesprochen , und er gefiel mir in seiner ehrlichen Bescheidenheit und Ruhe noch besser als die Frau . Auch er scheint nie müßig zu sein , so gemessen er sich herumbewegt . Nun , dachte ich , wenn die Äpfel nicht weit vom Stamme fallen , so kann es auch da nicht stark fehlen ! « » Hört ihr , Kinder ! freut es euch nicht ? « redete Salander die Töchter an . » Was ? « sagten sie , aus düsterm Sinnen erwachend , in welchem sie gar nicht auf das Gespräch der Eltern geachtet hatten . Ihre Augen waren sogar voll Wasser . Nach und nach stellte sich heraus , daß die Morgensuppe ihres Ehrentages nicht im Gasthofe oberen Ranges , sondern in der Bahnhofrestauration , unter Geschäftsreisenden und glotzenden Engländerinnen eingenommen , ihre Betrübnis verursachte ; daß es keine Kutschen geben sollte , gerade für sie allein , während die ärmste Magd in einer Droschke zur Kirche fahre , machte sie traurig ; daß sie entweder im Brautgewand und Schleier , die Myrten auf dem Kopf , vielleicht den Regenschirm in der Hand , zu Fuß nach dem Bahnhof marschieren , oder dann , wie es den Gästen vorgeschrieben , als Rigireisende verkleidet gehen würden , beleidigte sie . » Merkwürdig ! Euere Verlobten haben gerade diese Idee mit wahrem Gaudium aufgenommen und denken sich damit auszuzeichnen ! Sie gehen sogar damit um , weiße leinene Sommeranzüge machen zu lassen und Strohhüte zu tragen ! « berichtete der Vater . » So , tun sie das ? Dann gehen wir einfach nicht mit ! « sagte Setti ; » wir haben nicht so lange geharrt und ausgehalten , um aus unserer Vermählung eine Maskerade zu machen ! « » Nein , das tun wir nicht ! « bestätigte Netti ; » wir haben auch etwas dazu zu sagen ! « Die Mutter schlichtete den Streit . » Genaugenommen haben sie recht , was den hiesigen Teil des Festes betrifft , « sagte sie , » es wäre im Bahnhof doch eine wunderliche Existenz und auch die Küche in einem guten Hotel angemessener . Das Getrappel zu Fuß geht ja eigentlich auch nicht , dazu ist die Stadt zu bevölkert ; tausend Kinder würden uns vor- und nachlaufen . Den Mädchen können wir das Brautkleid , das sie nur einmal im Leben tragen , auch nicht absprechen , und so sind Kutschen im voraus notwendig und damit müssen wir für die ganze Gesellschaft Kutschen haben ! Wie es draußen im Dorf gehalten werden soll , mag bei eurem Programm bleiben , dieser Teil ist ja die Hauptsache . « » Gut , ich füge mich ! « entschied sich Salander . » Dann frühstückt man aber im großen Saal zu den Vier Winden und fährt dahin und von dort nach dem Bahnhof , meinetwegen in hundert Kutschen und noch mehr ! Die Vier Winde möchte ich haben , weil das Lokal einen politischen Beigeschmack hat . « Frau Marie Salander blickte den Mann mit unmerklich zuckendem Munde an , vielleicht das erste Mal mit dem zweifelhaft fragende Ausdruck , der in ihren Augen lag . Der Tag war nach allen Vorbereitungen endlich da , inmitten des Junimonats , und der Himmel unbewölkt . Vom Salanderschen Hause fuhren zwei Wagen mit den Braut- und Elternpaaren nach den Vier Winden , während in einer Anzahl anderer Fuhrwerke gegen vierzig Personen beiderlei Geschlechts dort anlangten . Außer den Bräutigamen und ihren Vätern erschienen fast sämtliche Männer in bequemen Kleidern jeder Farbe und Machenschaft . Nur Herr Möni Wighart , vielleicht der einzige nicht demokratische Gast , kam schwarz gekleidet . Er stimmte stets mit der liberalen Partei , freute sich aber zuweilen , wenn sie eine Ohrfeige bekam , weil er es vorausgesagt , und ließ im übrigen die Dinge sich nicht viel zu Herzen gehen . Heute war er überaus gespannt auf das Hochzeitsfest , das schon im voraus von sich reden gemacht , und hatte die Einladung des alten Freundes mit Dank aufgenommen . Die Frauensleute der ganzen Gesellschaft kamen hochzeitlich gekleidet , mit frisierten Haaren , Blumen und anderer Zierat , wie es Alter , Geschmack und Mittel erlaubten . Und das ohne alle Verabredung ; jede tat , was sie wollte , und alle hatten das gleiche gewollt , trotz den Mahnungen der Männer , die sich an Salanders Vorschrift hielten . Sie freuten sich jetzt doppelt , als sie sich mit beflissener Neugier um die Bräute versammelten und deren romantischen Staat und Anblick bewunderten , den sie feenhaft nannten , während man ihnen hatte weismachen wollen , sie würden auch in gewohnten Sonntagsröcken auftreten . Setti und Netti aber fühlten eine große Befangenheit , denn noch nie war eine Hochzeit in Münsterburg gewesen , an welcher die Braut so wenig bekannte Gesichter unter den Hochzeitsgästen sah . Indessen schuf das gute Frühmahl , verbunden mit dem sonnigen Tage , bald eine vertrautere Stimmung , und der Extrazug in der Bahnhalle nahm eine zur Heiterkeit ziemlich gleichmäßig vorbereitete Gesellschaft auf . In einer Stunde war man an Ort und Stelle . Auf dem Stationsplatze bliesen acht gediente und geübte Musikanten einen schönen Marsch , bis der Zug anhielt und die Insassen ausgestiegen ; im Wartesaal begrüßten die versammelten Gäste von der Landschaft die Ankommenden und ordneten sich mit denselben zum Gange nach der Kirche . Beim Heraustreten machte die Musik kehrt und führte den Zug unverweilt mit klingendem Spiele in den Tempel . Der Teil des Volkes , das nicht schon dort saß , besonders die Jugend , lief nebenher , am dichtesten , wo die denkwürdigen Zwillingsbrüder und die geschmückten , ebenso merkwürdigen Bräute gingen . In der gefüllten Kirche standen auf der Empore in der Tat zwei Häuflein Sänger , jedes von einem Schulmeister mit gelber Stimmpfeife angeführt , die ihm zugleich als Taktstock diente . Takt im weiteren Sinne besaßen sie nicht genug , denn statt sich als ein Chor zusammenzutun , hatten sie sich ausgestellt , als ob sie gegeneinander das bekannte Pintschgauer Wallfahrtslied singen wollten . Dennoch intonierten sie gemeinschaftlich unter dem Schwingen der zwei Stimmpfeifen ganz ordentlich ein kirchliches Lied , welches vom Gemeindegesang kräftig gedeckt wurde . Der Pfarrer verlas hierauf ein eigens verfaßtes Gebet , welches den kirchlichen Sinn und die Rechte des freien Denkens gleichmäßig vertrat , und hielt eine schöne Predigt oder religiöse Rede über das gefeierte Ereignis , dasselbe mehrseitig erklärend und zu einer Parabel ausgestaltend , die allgemein wohlgefiel und wahrhaft erbauend genannt wurde . Zum Schlusse trugen die Sänger eine treffliche Komposition von Uhlands » Brautgesang « vor , die ihnen etwas schwieriger wurde als der vorige Choral , indem sie jetzt ohne die Gemeinde singen mußten und die gelben Stimmpfeifen nicht ganz gleich auf und nieder gingen . Auch war im Text durch den heutigen Sonderfall eine kleine Änderung als geboten erachtet worden . Statt des Einganges : Das Haus benedei ich und preis es laut , Das empfangen hat eine liebliche Braut ; Zum Garten muß es erblühen ; wurde gesungen : Das Haus benedei ich und preis es heut , Das empfangen hat zwei liebliche Bräut ' usw. und statt » Aus dem Brautgemach tritt eine herrliche Sonn ' « hieß es : » tritt eine doppelte Sonn ' « . Allein niemand bemerkte die unnötige Verschlimmerung , und die kleinen Takt- und Harmoniewirren fanden duldsame Hörer . Zufrieden mit dem guten Willen , wenn es unter sich ist , betrachtet das Volk eine stramme Kunstübung eher als ein aristokratisches Wesen und ist durch alle Schichten hindurch darauf aus , eifrig zu demokratisieren , was in seinen Bereich kommt . So ungefähr äußerte sich Martin Salander der Gattin gegenüber , als sie später neben ihm am Tische saß und bemerkte , es dünke sie , die Sänger hätten ein wenig stark falsch gesungen . » Und das Volk hat recht ! « schloß er . » Warum recht ? Früher , es ist freilich lange her , dachtest du anders , als der Wohlwend so falsch sang und deklamierte ! « » Hm ! Ja , das heißt , es ist nicht der gleiche Fall ! Dieser tat es in einer gebildeten Welt , inmitten eines Vereines wohlgeübter Leute , die er störte . Hier hätte er niemandem die Freude verdorben ! « Marie Salander ließ aber den Mann noch nicht los von dem leise geführten Zwischengespräch . » Es will mir aber doch scheinen , daß es nicht ganz recht sei , das gute Volk nicht auch darüber aufzuklären . Was brauchen sie denn so schwere Stücke zu singen , die sie nicht ausführen können ? Mich dünkt , wer in der einen Sache pfuscht , gewöhnt es sich auch in allen anderen Dingen an , und man darf ihm zuletzt nirgends mehr die Wahrheit sagen , er leidet es einfach nicht ! « Martin schwieg hiezu eine Minute und sann , in das Kelchglas blickend , das er in der Hand hielt . Dann ließ er es sanft an dem ihrigen klingen und sagte : » Trink auf deine Gesundheit , Marie ! Du sollst den ersten Toast haben an dieser Hochzeit , ganz im stillen ! Und jetzt wollen wir der Sache den Lauf lassen ! « Sie trank unverweilt einen besseren Schluck als gewöhnlich und mit ihm einen jener kurzen Sonnen-oder Silberblicke , die mit der Länge der Zeit sich immer mehr verlieren , wenn die Menschen sich in Wind und Wetter leise ändern , so daß die Klugen weniger klug , die weniger Klugen Narren und die Narren oft schnell noch Halunken werden , eh sie sterben , wie wenn sie Gott weiß was versäumten . Als die Mama Weidelich , die gegenüber saß , das verstohlene Anstoßen des Ehepaars Salander bemerkte , hielt sie ihr Glas auch herüber und rief fröhlich : » Potztausend , darf man nicht dabei sein ? « Sie stießen mit ihr an , der Weidelichsvater kam auch herbei , und von da verbreitete sich das Klingeln über den ganzen Tisch , über alle Tische wie ein Sturmgeläute , ohne daß man wußte , wie es entstand und was es bedeute ; und als man nichts Gewisses erfahren konnte , lachte alles über den blinden Lärm , der darum nicht minder vergnüglich gewesen . Da das Essen eben erst begonnen und Salander ein verfrühtes Reden befürchtete , welches die Gastgemeinde darin störte , die Ordnung des Auftragens unterbrach und die Schüsseln kalt werden ließ , so forderte er die Musik auf zu blasen und fleißig fortzufahren . Das taten die ältlichen Kriegstrompeter auf die zweckmäßigste Art. Statt der geläufigsten Soldatenmärsche führten sie eines ihrer Konzertstücke auf , mit denen sie Staat zu machen pflegten , nämlich die für eine kleinere Blechmusik arrangierte Ouvertüre zu der Oper » Wilhelm Tell « . Mit redlicher Mühe , im gemächlichsten Zeitmaße halfen sie sich so vorsichtig und Gott vertrauend über das Meer von Schwierigkeiten hinweg , daß die tafelnden Völker weder im Essen noch im gemütlichen Gemurmel der einzelnen Nachbargruppen beirrt wurden und am Ende , welches auch diese Tathandlung nahm , mit einem donnernden Bravo die gewissenhaften acht Männer lohnten . Dankbar ließen sie nach kurzer Pause eine mutig schmetternde Marschweise erschallen , und etwas später ein beliebtes Volkslied , worauf sie aber schleunig das Wasser aus den Instrumenten ablaufen machten und dicht hintereinander das Treppchen an ihrer Bühne herunterstiegen , um in die Ecke zu eilen , wo auch für sie der Tisch gedeckt war . Da soeben in Erwartung neuer Gerichte die Teller gewechselt wurden , benutzte der Herr Pfarrer den Augenblick , das erste Lebehoch auf die Brautpaare und beiderseitigen Eltern auszubringen . Er schlug mit dem Messerrücken kräftig an das Glas , blickte gebieterisch umher , bis das Tellerklappern nachließ , unterstützt durch Silentiumrufen , und erhob dann die weithin tönende Stimme . Seine Toastrede bildete die Ergänzung der gehaltenen Predigt . Erst schilderte er das Elternhaus der soeben vermählten Jünglinge , den schlichten Landmann , der im Verein mit der rastlosen Hausfrau sich zu bescheidenem Wohlstande emporgeschwungen , aber wozu ? » Nur um das blühende Knabenpaar , welches der im All waltende Gott in christlichem Ehestande ihnen aus reicher Hand geschenkt , des Segens der Schulanstalten teilhaftig werden zu lassen mit derselben unermüdlichen Opferwilligkeit , mit welcher unser Volk sie begründet hat und durch alle Stürme aufrecht hält ! Und wie hat dieser Segen angeschlagen ? Es ist ein ewig denkwürdiges Beispiel ! Nach kaum erreichtem Alter hat das Volk die Jünglinge , ja Jünglinge sage ich ! an wichtige Amtsstellen berufen , deren treue Verwaltung namentlich der landwirtschaftlichen Ökonomie so unendlich wichtig ist ! Und nicht nur das ; in unsere höchste Landesbehörde , die nur das Gesamtvolk und Gott allein über sich hat und sonst niemanden fürchtet , hat es sie gleichzeitig entsendet , eine Ehre , welche wohl kaum je einem so bescheidenen Hause widerfahren ist . Blicket hin und seht sie dort beieinander sitzen , Eltern und Söhne , in all ihrem Werte , als ob es sie nichts anginge ! « Sie schauten den Sprecher unverwandt an , als alles Volk nach ihnen sah und Beifall rief . Erst jetzt kehrte sich der Vater ab und blickte verlegen vor sich nieder ; die Mutter wischte sich die Augen , aus denen die Tränen flossen , und faltete die Hände ; die Söhne neben ihren Bräuten verneigten sich leicht gegen die Rufenden und den Redner , der weitersprach : » Treten wir hinüber in das bräutliche Haus , was sehen wir da ? Auch einen aus dem Volke hervorgegangenen Mann , der sich durch Fleiß und Intelligenz emporgeschwungen und gegen alle Schicksalsschläge immer wieder erhoben hat , höher als vorher . In fernen Weltteilen ums Dasein kämpfend , kehrt er immer wieder mit der gerechten Siegesbeute zu den Seinigen zurück , zu den Kindern , die ihm die Gattin , ein Muster edler Weiblichkeit , treulich erzieht . Ein geachteter Handelsherr , ist er jetzt ein reicher Mann , ein Großer unter den Großen . Was tut er ? Baut er sich Paläste und Villen ? Fährt er in Kutschen , hält er Pferde wie die andern seinesgleichen ? Nein , er kennt schönere Freuden ! Die Ideale seiner Jugend sind es , welchen er nachgeht , fort und fort , jetzt wie einst ; an ihnen hängt er , an sie denkt er im Wachen und im Schlafen , für sie arbeitet und lebt und webt er ! Und was sind das denn für Ideale , wo liegen sie ? Sie liegen bei dir , o Volk , dein Wohl , deine Bildung , deine Rechte , deine Freiheit sind es , denen er einzig Zeit und Arbeit widmet , die er dem Geschäftsdrange abringen kann . Und was verlangt er dafür ? Anerkennung ? Ehrenämter ? Titel und Würden ? Nicht daß ich wüßte , meine Freunde ! Da sitzt er unter uns mit der verehrten Gattin , wie der Geringste so anspruchslos , um dem Volke sein Bestes darzubringen , den jugendlichen Söhnen und Vertretern desselben die geliebten Töchter ! Eine bedeutungsvolle Hochzeit ! Hat er sie in den blumengeschmückten , teppichbelegten Domkirchen , in den Prunksälen der Hauptstadt feiern wollen ? Hierher in unsere ländliche Gegend hat es ihn gezogen ; unser altes Dorfkirchlein , dieser grüne Rasen , der Schatten dieser Fruchtbäume ist der Schauplatz , den er sich auserwählte , um so recht in der Mitte , am Herzen des Volkes das Fest abzuhalten ; da ist ihm wohl und da soll es auch den neuen Familien wohl sein und bleiben ; denn hellere Sterne könnten nicht über ihren Dächern strahlen als die Ideale unseres Freundes Martin Salander ! Sehet dort die lieblichen Bräute in Schleiern und Myrtenkränzen und sehet die edeln Eltern und helfet mir nun , das feurigste Lebehoch mit Glück- , Heil- und Segenswünschen den vier verbundenen Gastfreunden darzubringen ! « Bis das Hochrufen und Gläserklingen verrauscht war , hatten sich die Sänger zusammengestellt und trugen ein bei politischen und sonstigen öffentlichen Akten übliches Vaterlandslied vor . Der Geistliche , von der Bühne heruntergestiegen , drang mit seinem Notpokale , einem vom Wirte gelieferten Schützenbecher , bis zu dem Tischhaupte vor , wo die Gefeierten saßen und auch er seinen Platz hatte . Salander sagte just zu seiner Frau , die blutrot im Gesichte war und nicht aufblickte , der Herr Pfarrer habe ihm die Rede unmöglich gemacht , die er nun zu halten beabsichtigt . Alle Gesichtspunkte seien ihm von der gewaltsamen Schmeichelei schiefgedrückt - da unterbrach ihn der Pfarrer mit dem Pokale , mit dem er herumging . Salander schwieg und stieß mit ihm an . » Ich danke herzlich für die gute Meinung ! « sagte er , ihm die Hand schüttelnd . » Wieso gute Meinung ? Hab ich etwa gelogen ? « erwiderte jener mit dem Tone , in welchem derartige Naturen in solch unvermuteten Fällen sogleich eine Schraube anziehen . Einen Schritt weiter , mit Frau Marie Salander anstoßend , sagte er : » Wie steht es mit Ihnen , verehrte Frau , sind Sie auch nicht zufrieden mit meinem Toast ? « » Im Gegenteil , mehr als zufrieden , Herr Pfarrer , « gab sie zur Antwort , » ich danke Ihnen auch nur für das , was mir wirklich zukommt ! « » Das kann ich nicht so genau bemessen , wie Sie sich denken können , und nehme daher an , Sie danken mir für alles , was ich gesagt . Ein Volksredner muß immer ein Ganzes bieten . das sozusagen künstlerisch abgerundet ist . Wer sich in Gefahr begibt , kommt darin um , das müssen Sie nicht vergessen ! « » Wir wollen uns nicht streiten , Herr Pfarrer ! Auf Ihr Wohlsein ! « Damit schien sie ihn abzudanken , und er schritt würdig um das obere Tischende herum zu den Gegeneltern . Jakob Weidelich äußerte gar nichts , als daß er mit ihm anstieß , als daß er für die Ehre danke , worauf der geistliche Herr sich an Frau Amalie wandte : » Und wie sind Sie mit meinem Trinkspruch zufrieden , Frau Weidelich , hab ich ' s Ihnen recht gemacht ? « » Schön haben Sie ' s gemacht , Herr Pfarrer ; wenn ich so reden könnte ! Es muß doch , der Tausend noch einmal ! etwas Schönes sein , wenn man den Menschen eine solche Freude machen kann ! Sehen Sie , es ist mir nicht um mich zu tun , ich bin eine unwissende Frau ; aber der Söhne wegen freut es mich doch , solche Dinge zu erfahren ! Sie sollen auch hochleben , Herr Pfarrer ! Ich danke Ihnen tausendmal ! « Der Pfarrer betrachtete sie mit wohlwollendem Lächeln . Sie glühte vor Vergnügen und auch vom heute zahlreicheren Nippen wie ein Rose , durch welche die Sonne scheint , und sah dabei aus wie eine Landvögtin . Auf den Rat der Salandertöchter hatte sie eine frisierende Frauensperson kommen und sich von ihr die immer noch braunen Haare besser ordnen und mit ein wenig Spitzenwerk bereichern lassen . Auf dem nagelneuen dunkeln Seidenkleide prangten Uhr und Kette nebst einer Agraffe , welche die auf Porzellan übertragenen Photographien der Zwillinge enthielt , wie sie als Knaben gewesen . Sie war aufgestanden , und da der Pfarrer sich mit seinem Schützenbecher den Brautpaaren selbst näherte , ging sie , das Glas in der Hand , in ihrer Lebhaftigkeit mit , um auch mit ihnen anzustoßen und anzufragen , wie es