das nur die haben , die schon mit am Cremmer-Damm und bei Ketzer-Angermünde waren . Aber das wird jetzt übersehen , übersehen in einer mir ganz unbegreiflichen Weise . Denn die höhere Disziplin ist lediglich eine Frage der Loyalität . Und das wissen auch die Hohenzollern . Aber weil sie nicht gerne dreinreden und allzu bescheiden sind und immer glauben , die Herren vom grünen Tisch ( und die Armee hat auch ihren grünen Tisch ) müßten es besser wissen , so lassen sie sich bereden und betimpeln . Ein erbärmlicher Zustand . Und daß es nicht zu ändern ist , das ist das schlimmste . Napoleon konnte nicht alle Schlachten selber schlagen , und die Hohenzollern können nicht allerpersönlichst in alle Winkel der Verwaltung hineingucken . Da liegt es , mein lieber Geheimrat . Da , nur da . Canossa hin , Canossa her . Preßfreiheit , Redefreiheit , Gewissensfreiheit , alles Unsinn , alles Ballast , von dem wir eher zuviel als zuwenig haben . « Cécile sah verlegen vor sich nieder . Sie kannte längst diese vom Ärger diktierte Beredsamkeit , die sie , bei früheren Gelegenheiten , immer nur als überflüssig , aber nicht als sonderlich störend empfunden hatte . Heute peinigte sie ' s , weil sie sah , was in Gordons Seele beim Anhören dieser Renommistereien vorging . Auch St. Arnaud empfand so , weshalb er es für ratsam hielt , sich der Situation zu bemächtigen und in geschickter Anknüpfung an die Rossowschen Worte » von der Bedeutung alter Familien « auf die Gordons überzugehen , die , seit dem Dreißigjährigen Kriege , jedenfalls aber seit dem Schillerschen » Wallenstein « , uns als unser eigenstes Eigentum angehören . Oberst Gordon , Kommandant von Eger , zähle zu den besten Figuren im ganzen Stück , und er glaube sagen zu können , die Tugenden desselben fänden sich in dem neuen Freunde seines Hauses vereinigt . Er trinke deshalb auf das Wohl seines lieben Gastes , des Herrn von Gordon . Gordon , der wohl wußte , daß rasches Erwidern die beste , jedenfalls aber die leichteste Form des Dankes sei , nahm unmittelbar nach diesem Toaste das Wort und bat , nachdem er in einer scherzhaft durchgeführten Antithese den » Obersten St. Arnaud des 4. Oktober « dem » General St. Arnaud des 2. Dezember « gegenübergestellt und in Cécile die Lichtgestalt , die den Unterschied zwischen beiden besiegte , gefeiert hatte , das Wohl der liebenswürdigen Wirte proponieren zu dürfen . Sein Trinkspruch war vorzüglich aufgenommen worden , am enthusiastischsten von der Baronin , die bei dieser Gelegenheit selbstverständlich nicht ermangelte , von ihrer im vorigen Sommer in Ragaz stattgehabten Promenadenbegegnung mit der Kaiserin Eugenie zu sprechen , » einer Frau , die , wenn sie , statt ihres Polisson von Gatten , das Heft in Händen gehabt hätte , Frankreich ganz anders regiert , jedenfalls aber männlicher verteidigt und höchstwahrscheinlich gerettet haben würde « . Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben , und als sich , nach abermals einer Minute , die gesamte Herrenwelt , mit Ausnahme des bei den Damen verbliebenen St. Arnaud , in das Rauchzimmer zurückgezogen hatte , nahm von Rossow - der vor gerade dreißig Jahren , als Hauptmann im Alexander-Regiment , einen schwachbesuchten Casino-Vortrag über den » 2. Dezember « gehalten hatte - noch einmal in der St.-Arnaud-Frage das Wort und sagte , während er den dritten ihm präsentierten Chartreuse mit einer an Grazie grenzenden Raschheit niederstürzte : » Was übrigens , mein werter Herr von Gordon , Ihre Gegenüberstellung oder meinetwegen auch Ihre Parallele betrifft , nun ja , der damalige St. Arnaud und der gegenwärtige , sie lassen sich , wenn ' s sein muß , vergleichen , und soviel konzedier ich Ihnen ohne weiteres , daß mit dem unseren auch schlecht Kirschenpflücken ist . Auch der unsere , wenn ich ihn recht beurteile , hat ein tiefes Überzeugtsein von der Gleichgültigkeit des Einzelindividuums , und daß er das Jeu liebt , wie sein berühmter Namensvetter , werden Sie mutmaßlich ebenfalls wissen . Aber der napoleonische , der Anno 51 die ganze Geschichte gemacht hat , war ihm denn doch um einiges über . Ein Deubelskerl , sag ich Ihnen . Und dabei filou comme il faut . Unsere schöne Cécile , was Sie freilich nicht wissen konnten , läßt sich denn auch in Anbetracht all dieser Umstände nicht gern an die Namensvetterschaft erinnern , St. Arnaud selbst aber ist stolz darauf . Und kann auch . Wenn wir unruhige Zeiten kriegen , und man kann nie wissen , so wächst er sich vielleicht noch in was hinein . Talent hat er . Sehen Sie nur das Faunengesicht , mit dem er zu dem arrondierten kleinen Fräulein spricht . Malerin , nicht wahr ? Wie heißt sie doch ? « » Fräulein Rosa Hexel . « » Mit einem x ? « » Ja , Herr General . « » Na , das paßt ja . Nur keine Spielverderberei . Da kommt übrigens das Tablett noch mal . Chartreuse . Den kann ich Ihnen empfehlen . « Um neun Uhr brach man auf . Alles drängte sich im Korridor , und Cécile fragte die Malerin , ob der Diener eine Droschke holen solle . Rosa dankte jedoch , Herr von Gordon werde sie bis an den Platz begleiten , und dort finde sie Pferdebahn . Unten bot ihr Gordon denn auch den Arm und sagte : » Wirklich nur bis an den Platz ? Und nur bis an die Pferdebahn ? « » O nicht doch « , lachte Rosa . » Was Sie nur denken ? So leicht kommen Sie nicht davon . Sie müssen mich bis nach Hause bringen , Engel-Ufer , und ich schenke Ihnen keinen Schritt . Aber sahen Sie nicht die Gesichter , als ich bloß Ihren Namen nannte ? Der Geheimrat hob den Kopf , wie wenn er eine Fährte suche . Man muß es den Schandmäulern nicht zu leicht machen . Und das sind sie samt und sonders , die ganze Gesellschaft . « » Ich fürchte , daß Sie recht haben . Aber doch alles in allem nicht übel , nicht dumm . « » Nein , nicht dumm . « » Und auch nicht uninteressant . « » Nein , auch nicht uninteressant . Und au fond doch wieder . Es sieht alles nach was aus und klingt leidlich . Aber was ist es am Ende ? Chronique scandaleuse , Malicen , Absetzen einiger Bitterkeiten . Und dann hat jeder sein elendes Steckenpferd . Der Klügste bleibt immer St. Arnaud selbst , er steht drüber und lacht . Aber dieser alte General ! Ich verstehe nichts von Politik und noch weniger von Armee , wer mir aber ernsthaft versichern will , daß ein kluger General Müller allemal eine Landeskalamität und neben einem Hampel von Hampelshausen nie zu nennen sei , wer mir das ernsthaft versichern will , mit dem bin ich fertig , und wenn ich ihn trotz alledem interessant finden soll , so bin ich dazu zwar bereit , aber frag mich nur nicht wie . « » Schau , schau , Fräulein Rosa , das sprüht ja wie ein pot à feu . « » Der ich auch bin . Und wenn ich nun gar erst von diesem Geheimrat rede , da sprüh ich nicht bloß , da zisch ich wie eine Schlange , versteht sich Feuerwerksschlange . « » Und doch war vieles richtig , was er sagte . « » Vielleicht ; vielleicht auch nicht . Ich versteh nichts davon . Aber unehrlich war es jedenfalls . Er ist ein schlechter Kerl , frivol , zynisch , und kein Frauenzimmer , und wenn es die keusche Susanne wäre , kann eine Minute lang mit ihm zusammen sein , ohne sich einer Unpassendheit ausgesetzt zu sehen . Er versteht unter protestantischer Freiheit die Freiheiten , die er sich nimmt , und deren sind viele , jedenfalls genug . Sein ganzer Liberalismus ist Libertinage , weiter nichts . Ein wahres Glück , daß man ihn beiseite geschoben hat . Er schreibt jetzt , natürlich pseudonym , an einer neuen Broschüre . Daß er unterhaltlich ist , will ich nicht bestreiten , aber St. Arnaud könnte was Besseres tun , als ihn auszuzeichnen und ihn neben unsere schöne Cécile zu setzen . Ich hoffe , sie duldet ihn nur . Aber auch das ist schon zuviel . Er sollte zum Islam übertreten und Afrikareisender werden . Da gehört er hin . Und irgend so was passiert ihm auch noch . « Gordon lachte . » Bravo , Fräulein Rosa . Fehlt von den Gästen eigentlich nur noch die Snatterlöw . « » Über die zu sprechen ich mich hüten werde . Haben Sie doch , mein werter Herr von Gordon , in aller Intimität zwei Stunden lang neben ihr gesessen . Und ich sah wohl , wie sie jedesmal Ihren Arm nahm und ihn zustimmend drückte . Sie hat überhaupt etwas von einer Massage-Doktorin . « » Und Cécile ? « » Ach , die arme Frau ! Es wird wohl auch nicht alles sein , wie ' s sein sollte . Schönheit ist eine Gefahr von Jugend auf ; nicht als ob ich aus Erfahrung spräche , dafür ist gesorgt . Aber sie ist lieb und gut und viel zu schade . Gebe Gott , daß es ein gutes Ende nimmt . « Einundzwanzigstes Kapitel Es war spät geworden , und der Wächter patrouillierte schon durch die Lennéstraße hin , als Gordon wieder vor seiner Wohnung anlangte . Rosa hatte , den ganzen Weg über , fast unausgesetzt gesprochen , am meisten über St. Arnaud , auf den sie wiederholt und mit einer gewissen Teilnahme zurückgekommen war . » Er läßt viel zu wünschen übrig , und ich möcht ihn nicht zum Feind und fast ebensowenig zum Freunde haben ; aber trotz alledem ist er immer noch der Beste , weil der Ehrlichste . Natürlich seine arme Frau ausgenommen . Erst gestern wurde bei Grolmans von ihm gesprochen , und wenn auch nicht gerade mit Respekt , so doch mindestens mit Bedauern . Es war ein Unglück , daß er den Dienst quittieren mußte . Blieb er in der Armee , so war alles gut oder konnt es wieder werden . Jetzt ist er verbittert , befehdet , was er früher vergöttert hat , und sitzt auf der Bank , wo die Spötter sitzen . Und das ist eine schlimme Bank . Er war ganz Soldat und ging darin auf . Nun hat er nichts zu tun und steht im Tattersall umher oder besucht den Club , ja , fast läßt sich sagen , er lebe da . Vor Tisch liest er Zeitungen , nach Tisch spielt er Whist oder Billard ; das klingt sehr harmlos , aber , wie Sie vielleicht wissen werden , es geht um Summen , die für unsereins ein Vermögen bedeuten . « Gordon folgte jedem Wort und fragte nach dem , was ihn selbstverständlich am meisten interessieren mußte : nach dem Verhältnis und der Lebensweise des Ehepaares untereinander . Aber was er als Antwort darauf hörte , war im wesentlichen nur eine Bestätigung dessen , was er schon während der Harzer Sommertage beobachtet hatte . » Ja « , schloß Rosa , » sein Verhältnis zu Cécile , da hab ich kein gutes Wort für ihn . Mitunter freilich hat er seinen Tag der Rücksichten und Aufmerksamkeiten , und man könnte dann beinahe glauben , er liebe sie . Aber was heißt Liebe bei Naturen wie St. Arnaud ? Und wenn es Liebe wäre , wenn wir ' s so nennen wollen , nun so liebt er sie , weil sie sein ist , aus Rechthaberei , Dünkel und Eigensinn , und weil er den Stolz hat , eine schöne Frau zu besitzen . In Wahrheit ist er ein alter Garçon geblieben , voll Egoismus und Launen , viel launenhafter als Cécile selbst . Die Ärmste hat ihr Herz erst neulich darüber zu mir ausgeschüttet . Er hält , sagte sie , viertelstundenlang meine Hand und erschöpft sich in Schönheiten gegen mich , und gleich danach geht er ohne Gruß und Abschied von mir und hat auf drei Tage vergessen , daß er eine Frau hat . « Das und viel anderes noch ging Gordon im Kopfe herum , als er wieder in seiner Wohnung war ; vor allem aber klang ihm das im Ohr , was Rosa gleich zu Beginn ihrer Unterhaltung gesagt hatte : » Gebe Gott , daß es ein gutes Ende nimmt . « Zu guter Zeit war er auf und bei seinem Kaffee , schob aber die Zeitungen , die die Wirtin gebracht hatte , zurück . Alles Behagens unerachtet , war er in keiner Lesestimmung und beschäftigte sich nach wie vor mit dem , was ihm der gestrige Tag gebracht hatte . Die Fenster standen auf , und er sah hinaus auf den Tiergarten . Ein feiner , von der Morgensonne durchleuchteter Nebel zog über die Baumspitzen hin , die , trotz der schon vorgerückten Jahreszeit , kaum ein welkes Blatt zeigten ; denn am Tage vorher war es windig gewesen , und das wenige , was sich bis dahin von gelbem und rotem Laube mit eingemischt hatte , lag jetzt unter den Bäumen und bildete Muster auf dem Rasenteppich . Dann und wann fuhr ein Wasserkarren langsam durch die Straße ; sonst alles still , so still , daß Gordon es hörte , wenn die Kastanien aufschlugen und aus der Schale platzten . Ein immer wachsendes Wohlgefühl überkam ihn . » Ich glaube , ich bin so glücklich , weil ich wieder in der Heimat bin . Wo war ich nicht alles ? Aber solche Momente hat man nur daheim . « Als er sich wieder zurückwandte , vernahm er deutlich , daß draußen auf dem Korridor gesprochen wurde . » Der Herr muß unterschreiben . « Und gleich danach trat der Briefträger ein . Er brachte Karten und Geschäftsanzeigen , der eingeschriebene Brief aber , über dessen Empfang quittiert werden mußte , war der langerwartete von Schwester Clothilde . » Nun endlich . « Gordon setzte sich in den Schaukelstuhl am Fenster , um hier con amore zu lesen . » Mein lieber Roby . Deinen zweiten Brief , in dem Du Dich über mein Schweigen beklagst , erhielt ich gleichzeitig mit dem ersten . Ich fand beide hier vor , als ich vorgestern abend von meinen Weltfahrten nach meinem lieben Liegnitz zurückkehrte . Dein Brief aus Thale war mir selbstverständlich nach Johannesbad und , weil er mich dort nicht mehr traf , nach Partenkirchen hin nachgeschickt worden . An letzterem Orte kam er früher an als wir ( wir heißt Kramstas und ich ) , was die Partenkirchner Post veranlaßte , Deinen Brief nach Liegnitz zurückzuschicken . Da hat er zwei Monate lang gelagert . Du siehst , ich bin außer Schuld . Eine Welt von Dingen habe ich , seitdem Du hier warst , erlebt : die junge Kramsta hat sich mit einem Offizier verlobt , Helene Rothkirch ist Hofdame bei der Prinzessin Alexandrine geworden , und der alte Zedlitz hat sich wieder verheiratet . Und nun erst die jetzt zurückliegende Reise mit ihren hundert Bekanntschaften und Eindrücken ! Aber ich werde mich hüten , Dir von Berchtesgaden und dem Watzmann eine lange Beschreibung zu machen , einmal , weil Dir 8000 Fuß nicht viel bedeuten können , und zweitens , weil ich annehme , daß junge Kavaliere , die sich nach einer schönen Angebeteten erkundigen , lieber von dieser Angebeteten als vom Watzmann hören wollen . « Gordon lachte . » Ganz Clothilde . Und wie recht sie hat . « » ... Also die St. Arnauds . Nun wir kennen sie hier recht gut , oder doch wenigstens die Vorgänge , die seinerzeit viel von sich reden machten . Es war nicht gerade das Beste , wobei Dich das eine trösten mag , daß es , alles in allem , auch nicht das Schlimmste war . St. Arnaud war Oberstlieutenant in der Garde , brillanter Soldat und unverheiratet , was immer empfiehlt . Man versprach sich etwas von ihm . Es sind jetzt gerade vier Jahre , daß er in Oberschlesien Oberst und Regimentskommandeur wurde . Den Namen der Garnison hab ich vergessen ; übrigens auch ohne jede Bedeutung für das , was kommt . Er nahm Wohnung in dem Hause der verwitweten Frau von Zacha , richtiger Woronesch von Zacha , in deren bloßem Namen schon , wie Dir nicht entgehen wird , eine ganze slawische Welt harmonisch zusammenklingt . Frau von Zacha war eine berühmte Schönheit gewesen ; ihre Tochter Cécile war es noch . Jedenfalls fand es der Oberst und verlobte sich mit ihr . Vielleicht auch , daß er sich in dem Nest , das ihm die Residenz ersetzen sollte , bloß langweilte . Gleichviel . Drei Tage nach der Verlobung empfing er einen Brief , worin ihm Oberstlieutenant von Dzialinski , der älteste Stabsoffizier , seitens des Offiziercorps und als Vertreter desselben die Mitteilung machte , daß diese Verlobung nicht wohl angänglich sei . Daraus entstand eine Szene , die mit einem Duell endete . Dzialinski wurde durch die Brust geschossen und starb vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden . Das Kriegsgericht verurteilte St. Arnaud zu neun Monaten Festung , wobei , neben seiner früheren Beliebtheit , auch die Tatsache mit in Rechnung gestellt wurde , daß er provoziert worden war . Provoziert , so gerechtfertigt die Haltung Dzialinskis und des gesamten Offiziercorps gewesen sein mochte . « Gordon legte den Brief aus der Hand und wiederholte : » So gerechtfertigt diese Haltung gewesen sein mochte . Warum ? Wodurch ? Aber was frag ich ? Clothilde wird mir die Antwort nicht schuldig bleiben . « Und er las weiter . » Und hier ist nun die Stelle , mein lieber Robert , wo Herr von St. Arnaud zurück- und Frau von St. Arnaud in den Vordergrund tritt . Was lag vor , daß das Offiziercorps gegen seinen eigenen Obersten Front machen mußte ? Cécile war eine Dame von zweifelhaftem oder , um milder und rücksichtsvoller zu sprechen , von eigenartigem Ruf . Als sie kaum siebzehn war , sah sie der alte Fürst von Welfen-Echingen und ernannte sie bald danach , und zwar nach wenig schwierigen Verhandlungen mit Frau von Zacha , zur Vorleserin seiner Gemahlin , der Fürstin . Die Fürstin war an derartige Ernennungen gewöhnt , erhob also keinen Widerspruch . So kam Cécile nach Schloß Cyrillenort , lebte sich ein , begleitete das fürstliche Paar auf seinen Reisen , war mit demselben in der Schweiz und Italien , las am Teetisch vor ( aber selten ) und blieb im Schloß , als die alte Fürstin gestorben war . Nicht sehr viel später schied auch der Fürst selbst aus dieser Zeitlichkeit und hinterließ dem schönen Tee-Fräulein ein oberschlesisches Gut , zugleich mit der Bestimmung , daß es ihr freistehen solle , Schloß Cyrillenort noch ein Jahr lang zu bewohnen . Es lag dem schönen Fräulein aber fern , aus diesem ihr bewilligten Witwenjahr irgendwelchen Nutzen ziehen oder sich überhaupt unbequem machen zu wollen , und erst als Prinz Bernhard , der Neffe , zugleich Erbe des verstorbenen Fürsten , auch seinerseits den Wunsch äußerte , daß sie Schloß Cyrillenort nicht verlassen möge , gab sie diesem Wunsche nach und blieb . Prinz Bernhard kam von Zeit zu Zeit zu Besuch , dann öfter und öfter , und als das Trauerjahr um war , zog er von Schloß Beauregard , das er bis dahin bewohnt hatte , nach dem Hauptsitz und Stammschloß der Familie hinüber . Sonst blieb alles beim alten ; nichts änderte sich , auch nicht in den Ausflügen und Reisen , die nur weiter gingen und bis Algier und Madeira hin ausgedehnt wurden . Denn wenn der alte Fürst alt gewesen war , so war der junge krank . Er starb schon das Jahr darauf , und man erwartete nunmehr allgemein , daß die schöne Cécile dem von ihr protegierten Kammerherrn von Schluckmann ( der , nach Ableben des alten Fürsten , als Hofmarschall in die Dienste des jungen eingetreten war ) die Hand zum Bunde , zum Ehebunde , reichen würde . Dieser Schritt unterblieb aber , aus Gründen , die nur gemutmaßt werden , und die schöne Frau kehrte jetzt , wie sie ' s schon unmittelbar nach dem Tode des alten Fürsten beabsichtigt hatte , zu Mutter und Geschwistern zurück , von denen sie sich mit Jubel empfangen sah . Eine verhältnismäßig glänzende Wohnung wurde genommen , und in dieser Wohnung war es , daß St. Arnaud , zwei Jahre später , die still und zurückgezogen lebende Cécile ( damals noch katholisch ) kennenlernte . Sie soll inzwischen übergetreten sein ; einer Euerer beliebtesten Hofprediger wird dabei genannt . Da hast Du die St.-Arnaud-Geschichte , hinsichtlich deren ich Dich nur noch herzlich und inständig bitten möchte , von Deiner durchgängerischen Gewohnheit ausnahmsweise mal ablassen und das Kind nicht gleich mit dem Bade verschütten zu wollen . Als Leslie-Gordon kennst Du natürlich Deinen Schiller und wälzt hoffentlich mit ihm , als ob es sich um Wallenstein in Person handele , die größere Schuldhälfte den unglückseligen Gestirnen zu . Wirklich , mein Lieber , an solchen unglückseligen Gestirnen hat es im Leben dieser schönen Frau nicht gefehlt . Ihre frühesten Jugendjahre haben alles an ihr versäumt , und wenn es auch nicht unglückliche Jahre waren ( vielleicht im Gegenteil ) , so waren es doch nicht Jahre , die feste Fundamente legen und Grundsätze befestigen konnten . Eva Lewinski , die , wie Du Dich vielleicht entsinnst , lange bei den Hohenlohes in Oberschlesien war und ihre Kinderjahre mit Cécile verlebt hat , hat mir versprochen , alles aufzuschreiben , was sie von jener Zeit her weiß . Ich schließe diesen Brief erst , wenn ich Evas Zeilen habe ... Diesen Augenblick kommen sie . Lebe wohl . Elsy ist in Görlitz bei der Großtante , daher kein Gruß von ihr . In herzlicher Liebe Deine Clothilde « Zweiundzwanzigstes Kapitel Gordon war in der höchsten Erregung . Einzelnes , was er in der Charlottenburger Villa , gleich nach seinem Eintreffen in Berlin , und dann gestern wieder aus dem Munde des alten Generals gehört hatte , hatte freilich nicht viel Gutes in Sicht gestellt , aber dieser Schlag ging doch über das Erwartete hinaus . Fürstengeliebte , Favoritin in duplo , Erbschaftsstück von Onkel auf Neffe ! Und dazwischen der Kammerherr - ein Schatten , der sich schließlich gesträubt hatte , sich zum Ehemann zu verdichten . Er warf den Brief fort und erhob sich , um in hastigen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen . Dann aber trat er an das zweite , bis dahin geschlossene Fenster und riß auch hier beide Flügel auf , denn es war ihm , als ob er ersticken solle . Der eingelegte Zettel von Eva Lewinski ( nur ein halber , eng bekritzelter Briefbogen ) war auf den Teppich gefallen . Er nahm ihn jetzt wieder auf und sagte : » Besser alles in einem . Lieber die ganze Dosis auf einmal als tropfenweis . Und wer weiß , vielleicht ist auch etwas von Trost und Linderung darin . « Und er setzte sich wieder und las . » An alles andre , meine liebe Clothilde , hätt ich eher gedacht als daran , daß ich noch einmal in die Lage kommen könnte , von der Familie Zacha zu plaudern . Und zu Dir ! Nun , wir waren Nachbarn , und solange der alte Zacha lebte , der übrigens nicht alt war , ein mittlerer Vierziger , ging es hoch her . Er war ein Betriebsdirektor bei den Hohenlohes , verstand nichts und tat nichts ( was noch ein Glück war ) , gab aber die besten Frühstücke . Kavalier , schöner Mann und Anekdotenerzähler , war er allgemein beliebt , freilich noch mehr verschuldet , trotzdem er ein hohes Gehalt hatte . Plötzlich starb er , was man so sterben nennt ; die Verlegenheiten waren zu groß geworden . Das Wie seines Todes wurde vertuscht . Ich sehe noch die Frau von Zacha , wie sie dem Sarge folgte , tief in Trauer und angestaunt von der gesamten Männerwelt . Denn Frau von Zacha , damals erst dreißig , war noch schöner als Cécile . Diese mochte zwölf sein , als der Vater starb , aber sie wirkte schon wie eine Dame , darauf hielt die Mutter , die wohl von Anfang an ihre Pläne mit ihr hatte . Verwöhntes Kind , aber träumerisch und märchenhaft , so daß jeder , der sie sah , sie für eine Fee in Trauer halten mußte . Kurz nach dem Tode des Vaters ging es . Die junge Herzogin auf Schloß Rauden , die sich für die schöne Witwe mit ihren drei Kindern interessierte , gab und half . Aber die Wirtschaft war zu toll , und so zog sie zuletzt ihre Hand von den Zachas ab . Alles , was diesen blieb , beschränkte sich auf eine kleine Pension . An Erziehung war nicht zu denken . Frau von Zacha lachte , wenn sie hörte , daß ihre Töchter doch etwas lernen müßten . Sie selbst hatte sich dessen entschlagen und sich trotzdem sehr wohl gefühlt , bis zum Hinscheiden ihres Mannes gewiß und nachher kaum minder . Es stand fest für sie , daß eine junge schöne Dame nur dazu da sei , zu gefallen , und zu diesem Zwecke sei wenig wissen besser als viel . Und so lernten sie nichts . Oft mußten wir lachen über den Grad von Nichtbildung , worin Mutter und Töchter wetteiferten . Alle Quartal kam ihre Pension . Dann gaben sie Festlichkeiten und schafften neue Rüschen und Bänder an , auch wohl Kleider , aber immer noch Trauerkleider , weil die Mutter wußte , daß ihr Schwarz am besten stände . Vielleicht auch , weil sie gehört hatte , daß Königin-Witwen die Trauer nie ablegen . Sie hatte ganz verschrobene Ideen und war abwechselnd unendlich hoch und unendlich niedrig . Sie sprach mit der Herzogin auf einem Gleichheitsfuß , am liebsten aber unterhielt sie sich mit einer alten Waschfrau , die in unsrem Hause wohnte . War dann das Geld vertan , was keine Woche dauerte , so hatten sie zwölf Wochen lang nichts . Es wurde dann geborgt oder von Obst aus dem Garten gelebt , und wenn auch das nicht da war , so gab es Pilzchen . Aber glaube nur nicht , daß Pilzchen wirklich Pilze gewesen wären . Pilzchen waren große Rosinen , in welche , von unten her , halbe Mandelstücke gesteckt wurden . Das war mühevoll genug , und mit Anfertigung davon verbrachte Frau von Zacha den ganzen Vormittag , um die Götterspeise dann mittags auf den Tisch zu bringen . Inmitten des Schüsselchens aber lag , um auch das nicht zu verschweigen , eine besonders große Rosine , die nicht nur den ihr zuständigen Mandelfuß hatte , sondern auch noch von zwei horizontal liegenden und ebenfalls aus Mandelkern geschnittenen Speilerchen kreuzartig durchstochen war . An den vier Spitzen dieser Speilerchen saßen dann ebenso viele kleine Korinthen und stellten das morceau de résistance her , das in der Sprache der Zachas le Roi Champignon hieß . Eine Bezeichnung , von der die Leute sagten , daß sich sowohl der Witz wie das damalige Französisch der Familie darin erschöpft habe . Dies , meine liebe Clothilde , sind meine persönlichen Erlebnisse , Kindererlebnisse . Was dann weiter kam , weißt Du besser als ich . Wie immer Deine Eva L. « Gordon hielt den Zettel in der Hand und zitterte . Dann aber war es mit eins , als ob er seine Ruhe wiedergefunden habe . » Ja , das entwaffnet ! Großgezogen ohne Vorbild und ohne Schule , und nichts gelernt , als sich im Spiegel zu sehen und eine Schleife zu stecken . Und nie zu Haus , wenn eine Rechnung erschien . Und doch tagaus und tagein am Fenster und in beständiger Erwartung des Prinzen , der vorfahren würde , um Kathinka zu holen oder vielleicht auch Lysinka , trotzdem beide noch Kinder waren . Aber was tut das ? Prinzen sind fürs Extreme . Vielleicht nimmt er auch die Mutter . Alles gleich , wenn er nur überhaupt kommt und überhaupt wen nimmt . Sie gönnen sich ' s untereinander . Er ist ja generös , und dann können sie weiterspielen . Ja , spielen , spielen ; das ist die Hauptsache . Nur kein Ernst , nicht einmal im Essen . Ach , wer schön ist und immer in Trauer geht und Pilzchen ißt , der ist für die Fürstengeliebte wie geschaffen . Arme Cécile ! Sie hat sich dies Leben nicht ausgesucht , sie war darin geboren , sie kannt es nicht anders , und als der Langerwartete kam , nach dem man vielleicht schon bei Lebzeiten des Vaters ausgeschaut hatte , da hat sie nicht nein gesagt . Woher sollte sie dies Nein auch nehmen ? Ich wette , sie hat nicht einmal an die Möglichkeit gedacht , daß man auch nein sagen könne ; die Mutter hätte sie für närrisch gehalten und sie sich selber auch . « Er drehte den Zettel noch immer zwischen den Fingern , zupfte daran und knipste gegen Rand und Ecken , alles , ohne zu wissen , was er tat . Endlich erhob er sich und sah auf die Baumwipfel hinüber , die jetzt in vollem Morgenlichte lagen . » Die Nebel drüben sind fort , aber ich stecke darin , tiefer , als ob ich auf dem Watzmann wär . Und ist man erst im Nebel , so ist man auch schon halb in der Irre . Que faire