große Siegel obenauf zu liegen kam . » Hier , Grete , der Brief ist vorhin im Kontor für dich abgegeben worden , « sagte er mürrisch . » Nur des Wappens wegen , das fast so groß ist , wie unser herzogliches , bin ich die zugige Treppe heraufgeklettert ; sonst ist es mir sehr egal , wer dir schreibt . « Das junge Mädchen war feuerrot geworden . Der Uebermut , der vorhin ihre ganze Erscheinung beseelt hatte , war kläglich zusammengesunken . Fast hilflos , mit einem angstvoll scheuen Blick nach dem Briefe , stand sie da wie ein tieferschrockenes Kind . » Das ist das Wappen der Herren von Billingen-Wackewitz , Reinhold , « sagte die Frau Amtsrätin ganz feierlich , mit hörbarer Ergriffenheit . » Ich könnte dir manches heilig aufgehobene Billetdoux mit diesem herrlichen Siegel zeigen . Ein Fräulein von Billingen war früher Oberhofmeisterin bei unseren gnädigsten Herrschaften . Sie war mir sehr gütig gesinnt und korrespondierte mit mir über unseren Frauenverein ... Mein Gott , wenn ich damals hätte denken sollen - « Sie brach ab mit einem fast verzückten Aufblick , schlang ihren Arm um die Taille der Enkelin und zog sie an sich . » Mein liebes , liebes Gretchen , du kleine Spitzbübin ! « rief sie mit tiefer Zärtlichkeit . » Also das ist der Magnet gewesen , der dich in Berlin festgehalten hat ? ... Und ich bin so unverantwortlich kurzsichtig gewesen und habe dir Vorwürfe gemacht , während du berufen warst , ein unaussprechliches Glück in unser Haus zu bringen . Solch eine blinde , ungerechte Großmama , gelt Herzenskind ? Bist du mir böse ? « Die Enkelin entschlüpfte der Umarmung und trat um einen Schritt weg . Sie hatte ihre Fassung wiedergewonnen . » Ich habe keinen Grund , böse zu sein - ein solches Gefühl würde sich auch wenig schicken für die Enkelin , « sagte sie fast trocken und zupfte ordnend , mit einem Seitenblick nach Reinhold , an den Spitzen des » kostbaren Inventarstückes « . » Solche Extravaganzen dürfen wir uns nicht erlauben , solange ich im Staatskleid der schönen Dore stecke - Reinhold wird zanken . « » Ach , wüßte er , was ich weiß , « entgegnete die alte Dame mit schalkhaftem Augenblinzeln , » dann würde er nur mit mir finden , daß dir die Robe unvergleichlich steht ! Ja , so wie ich dich da vor mir sehe , mit der wirklich vornehmen Haltung und dem - nun , auch eine Großmama darf einmal schwach sein in ihrer großmütterlichen Eitelkeit - und dem durchgeistigten , pikanten Gesichtchen - ja , so könntest du dich getrost den illustren Frauengestalten anreihen , die in einem gewissen Saale von den Wänden blicken . « » Auch mit dem wilden Haar und den Jungenmanieren , Großmama ? ! « Die Frau Amtsrätin wurde ein wenig rot und hob beide Hände empor . » Liebes Kind - doch nein , « unterbrach sie sich - » ich will heute still sein ! Morgen , oder vielleicht auch erst in einigen Tagen , wirst du mir viel zu sagen haben , unendlich viel , mein Kind , was mich lebenslang beseligen wird . Ich weiß es . Bis dahin will ich mich bescheiden ! « Margarete antwortete nicht . Mit scheuem Finger griff sie nach dem Briefe , schob ihn in die weite Kleidertasche und ging hinaus , um die Staatsrobe wieder an Ort und Stelle zu bringen . In diesem Augenblick erinnerte sich auch die Frau Amtsrätin , daß sie ja eigentlich nur heruntergekommen sei , um sich bei Tante Sophie ein Tortenrezept auszubitten ; der Herr Landrat aber , der ja auch nur hier eingetreten , weil er draußen im Vorübergehen das Geräusch der stürzenden Vase gehört , hatte Hut und Stock vom Tische genommen und war mittlerweile in den Flursaal hinausgegangen . Er stand vor dem nächsten Büffett und besah anscheinend sehr interessiert die alten Humpen und Becher , als Margarete an ihm vorüber nach dem Gange schritt . » Du wirst mir später einmal viel abzubitten haben , Margarete , « sagte er halblaut , aber mit Nachdruck über die Schulter hinweg zu ihr . » Ich , Onkel ? « Sie hemmte ihre Schritte und trat verstohlen lächelnd näher . » Mein Gott , sofort , auf der Stelle soll es geschehen , wenn du es wünschest ! Töchter und Nichten müssen das , und können es auch getrost , unbeschadet ihrer Mädchenwürde . « Er wandte sich voll nach ihr um ; zugleich warf er aber auch auf den herankommenden Reinhold einen so streng und finster zurückweisenden Blick , daß der lange Mensch betroffen kehrt machte und mit den beiden alten Damen den Flursaal verließ . » Du scheinst die Jahre , während welcher wir uns nicht gesehen haben , für meine Person doppelt zu rechnen , « sagte Herbert finster . » Ich komme dir wohl sehr alt und ehrwürdig vor , Margarete ? « Sie bog ihr Gesicht ein wenig zur Seite und die übermütigen Augen huschten musternd über seine Züge . » Nun , weißt du , gar so schlimm ist ' s nicht - ich sehe noch kein einziges graues Haar in deinem schönen Barte . « » Schlimm genug , wenn du bereits danach suchst ! « Er sah einen Moment weg durch das nächste Fenster . » Es war mir ein wenig verwunderlich , bei deiner Ankunft so respektvoll von dir begrüßt zu werden ; meines Wissens hat mich immer nur Reinhold Onkel genannt , du nie ! « » Du hast recht - ich nie , trotz so mancher Strafpredigt ! - Dein Onkelgesicht imponierte mir nicht ! Gerade wie Milch und Blut ist ' s , sagte Bärbe immer . « » Ach so - nun sind dir die Farben greisenhaft genug ? « Sie lachte . » Ach , das spricht ja nicht mehr mit - der Bart macht ' s ! Solch ein aristokratisch gescheitelter Kinnbart imponiert , Onkel ! « Er verbeugte sich ironisch . » Und dann - als ich dich vorgestern abend neben der schönen Dame sitzen sah , und du kamst dann heraus in den Flursaal , Zoll für Zoll der erste Beamte der Stadt , und deine ganze Erscheinung umleuchtet von dem Widerschein fürstlicher Vornehmheit , da kam mir das Respektgefühl geradezu überwältigend , und ich schämte mich furchtbar . « » Da muß ich ja wohl sehr entzückt sein , daß dir der Onkeltitel nun so flott von den Lippen kommt ? « Sie wiegte lächelnd den Kopf . » Nun weißt du , so ganz unbedingt ist das nicht zu verlangen . Ich sehe recht gut ein , daß es nicht angenehm sein mag , von einem so alten Mädchen , wie ich bin , Onkel genannt zu werden . Aber ich kann dir nicht helfen . Wir armen Lamprechtskinder sind ohnehin zu kurz gekommen ; wir haben nur diesen einen Mutterbruder , und wenn auch nur ein Stiefonkel , mußt du dir es doch gefallen lassen , zeitlebens Onkel Herbert zu bleiben . « » Nun gut , ich bin ' s zufrieden , liebe Nichte . - Aber du wirst nun auch wissen , daß du diesem anerkannten Onkel gegenüber die Pflicht des Gehorsams übernimmst . « Sie stutzte ; aber sofort ging auch ein Strahl des Verständnisses durch ihre Züge . » Ah , du meinst das ! « Sie legte die Hand dunkel errötend auf die Tasche , in welcher das angekommene Schreiben steckte , und in ihren Augen glomm es wie feindselig auf . Er sah nur mit halbem Blick hin und schwieg . » Ja , das ist ' s ! « nickte sie mit Bestimmtheit . » Du denkst genau wie die Großmama . Ihr seid stolz auf die Aussicht , die sich mir bietet , und öffnet dem Freier Herz und Arme , ohne ihn je gesehen zu haben . Wozu auch ? Kennt ihr doch seinen Namen - mehr braucht es nicht ... Nun kennst du aber auch den Querkopf deiner Nichte , und vielleicht beschleicht dich die geheime Furcht , daß sie den grenzenlos dummen Streich machen könnte , lieber Grete Lamprecht bleiben zu wollen ; da ist ein Recht mehr gegen den Oppositionsgeist von großem Wert für die Familie . Das Haus Marschall ist im Begriff , bis über die Wolken zu steigen , und da verlangt es das eigene Interesse , daß auch die verwandten Lamprechts höher gehoben werden . « » Es ist erstaunlich , wie scharfsinnig du bist ! « Sie lachte . » Nein , Onkel , das Kompliment weise ich zurück ! Du denkst zu schmeichelhaft von mir . Der da , « - sie hob den kleinen Finger der Rechten - » der sagt mir ' s nicht ... Für mich ist die ganze Luft unseres Hauses beseelt und lebendig ; aus allen Gängen und Treppenwinkeln wispert und flüstert es mir zu ; denn ich bin an einem Ostersonntag geboren und habe mich immer sehr gut mit unseren Hausgeisterchen gestanden . Und wie sie mir früher von den alten Zeiten zuraunten , von den Silberfäden des Lein , die sich draußen auf Handelswegen verwandelt und als eitel Gold in die Truhen meiner Urväter zurückgeflossen seien , so flüstern sie jetzt von einem ganz anderen Glanz , von fürstlicher Huld und Gnade , von der Gunst schöner , blaublütiger Frauen , und von dem alten Plebejerblut , das nach jahrhundertelangem Sammelfleiß nunmehr reif sei , in einer höheren Kaste aufzugehen . « » Ei , das sind ja ganz allerliebste Kobolde mit ihren kleinen Bosheiten , die die Luft vergiften ! Man sollte auf sie fahnden - « » Mit deinen Gendarmen , Onkel ? Das gäb ' aber einen Spaß für die lustigen Kameraden ! Sie würden erst recht an meinem Ohr niederhocken und weiter erzählen von dem neuen Theaterstück in Lamprechts Hause , in welchem sogar das dumme Ding , die Grete , mitspielen soll - ein Freiherrnkrönchen auf das Struwwelhaar gesetzt , und die Wandlung sei fertig , meinen sie ... Aber weißt du , Onkel , ein ganz klein wenig Stimme habe ich doch auch dabei , meinst du nicht ? Das kleine Wörtchen Ja muß doch auch gesagt werden . Und da nehmt euch nur in acht , daß der Vogel nicht davonfliegt , ehe er gesungen hat ! Mich fangt ihr nicht ! « » Es käme auf eine Probe an - « » Versuch ' s , Onkel ! « Sie sah halb über die Schulter nach ihm zurück , und ihre Augen sprühten auf , als sei sie sofort bereit , den Wettlauf der Geister anzutreten . » Ich nehme die Herausforderung an , darauf verlasse dich ! Aber das merke dir , habe ich den Vogel einmal , dann ist ' s um ihn geschehen ! « » Ach , das arme Ding , da muß es singen , wie du pfeifst ! « lachte sie . » Aber ich fürchte mich nicht - ich bin eine Spottdrossel , Onkel , und könnte dich leicht auf den verkehrten Weg locken ! « Sie verbeugte sich graziös , unter heimlichem Lachen , und schritt eiligst nach dem Gange hinter der Frau Dorotheens Sterbezimmer , und während sie mit flinken Händen die Spangen des Kleides löste , hörte sie , wie der Landrat den Flursaal verließ . Zugleich wurde aber auch die Stimme ihres die Treppe heraufkommenden Vaters laut . Die beiden Herren begrüßten sich , wie es schien , unter der Thür ; dann fiel diese zu und der Kommerzienrat ging nach seinem Zimmer . Er war schon in aller Frühe nach Dambach geritten , war über Mittag draußen verblieben und kam eben heim . Es drängte sie , ihn zu begrüßen , um so mehr , als er heute Morgen düster schweigend , mit verfinstertem Gesicht zu Pferde gesessen und für ihr fröhliches » Guten Morgen « vom Fenster aus kaum ein leichtes Kopfnicken und kein Wort der Erwiderung gehabt hatte . Das war ihr schmerzlich auf das junge , froh gestimmte Herz gefallen . Aber Tante Sophie hatte sie getröstet . Das sei wieder einmal solch ein schlimmer Tag , wo man sich stillschweigend zurückhalten und ihm aus dem Wege gehen müsse , hatte sie gemeint . Er wisse da selbst am besten , was ihm not thue , um das schwarze Gespenst los zu werden - das sei ein Ritt in die frische Luft hinaus und Zerstreuung draußen im Fabrikgetriebe . Abends werde er schon » umgänglicher « zurückkommen . Die Brokatschleppe der schönen Dore hing wieder in der tiefsten Schrankecke , und Margarete war eben im Begriff , ihr Haar zu ordnen , als sie abermals die Zimmerthür ihres Vaters gehen hörte . Er trat wieder heraus und ging den Flursaal entlang . Er kam rasch näher , und es schien , als schreite er direkt dem Gange zu . Margarete erschrak . Sie war in Unterkleidern und mochte sich überhaupt nicht hier vor ihm sehen lassen ; wußte sie doch nicht , in welcher Stimmung er heimgekommen war und wie er ihr mutwilliges Attentat auf das ehrwürdige Inventarstück des Hauses beurteilen würde . Ein wahres Angstgefühl packte sie . Unwillkürlich schlüpfte sie in den Schrank , schmiegte sich tief in die Seidenwogen - es war ihr , als versinke sie in rauschenden Gewässern - und zog die Thür leise an sich . Wenige Augenblicke nachher kam der Kommerzienrat um die Gangecke . Durch die schmale Thürspalte konnte ihn die Tochter sehen . Der Ritt in die frische Luft und das Fabriktreiben in Dambach hatten nicht an das Gepräge schwarzer Melancholie gerührt , welches diese schöne Männererscheinung für alle im Hause oft so furchterweckend machte . Er hatte einen kleinen Strauß frischer Rosen in der Rechten und schritt achtlos zwischen den Bilderreihen seiner Vorfahren hin . Nur das Oelbild der schönen Dore , welches schräg zwischen die Schrankecke und die Wand gelehnt , ihm die bezaubernde Gestalt gewissermaßen entgegentreten ließ , schien eine unheimliche Wirkung auf ihn zu üben . Er fuhr zurück und legte die Hand über die Augen , als befalle ihn ein Schwindel . Dieses Erschrecken war begreiflich . Drüben im roten Salon , hoch an der hellen Wand , trat das Dämonische dieser Schönheit nie so sieghaft hervor , wie hier im spukhaften Halbdunkel ... Er murmelte leidenschaftliche Worte in sich hinein , packte wie in einem Wutanfall das schwere Bild und kehrte es gegen die Wand . Der Rahmen schlug hart an das Mauergestein und krachte in den Fugen . Der erschrockenen Tochter stockte der Atem . War es doch , als schlage aus dem finsteren , melancholischen Brüten plötzlich die Flamme des Irrsinns empor , als müsse die gewaltthätige Hand zerstörungswütig das stille Kaufmannshaus zum Schauplatz grauenvoller Ereignisse machen . Aber das Furchtbare geschah nicht . Mit dem Verschwinden der Frauengestalt in der dunklen Ecke schien auch der Sturm des in der Seele aufgeregten Mannes beschwichtigt . Er schritt weiter , dicht an der Tochter vorüber , so daß sie durch die klaffende Thürspalte sein heftiges Ausatmen zu spüren meinte . Gleich darauf rasselte der Schlüssel im nächsten Thürschloß . Der Kommerzienrat trat ein , zog den Schlüssel wieder ab und schob drinnen den Riegel vor . Ein Grauen überschlich die Lauschende . Was that er drinnen , so allein mit seinen dunklen Gedanken in den öden , verstaubten Räumen ? - Niemand im Hause ahnte , daß er noch hier verkehrte . Bärbe behauptete , er sei mit keinem Fuß wieder in den Gang gekommen - dazumal müsse ihm doch gar zu arg aufgespielt worden sein ; denn für nichts und wieder nichts gebe kein beherzter Mann so jämmerlich Fersengeld , daß er sich nicht wieder zurücktraue . Nun war er doch drin - wie vergraben in der tiefen Stille und Dämmerung ; denn kein Laut drang heraus . - Vielleicht war es aber gerade diese grabesruhige Abgeschiedenheit , die er schließlich suchte , wenn er im Weltgetriebe seinen bösen Dämon nicht abzuschütteln vermochte . Sie sänftigte wohl den inneren Sturm , das heiße , kranke Blut , das ihm so beängstigend den Kopf verdunkelte ... Ja , er war krank . Es war nicht , wie die Großmama fälschlich behauptete , ausschließlich der Gram um ihre verstorbene Mutter , der ihn so furchtbar verändert - war er doch in den ersten Jahren nach ihrem Tode nicht so verbittert und schwarzgallig gewesen - nein , er war krank , Wahngebilde verfolgten und marterten ihn ; das hatte sie schon am Abend ihrer Ankunft erkennen müssen . Er , der strengrechtliche , pünktliche Chef der hochgeachteten Firma Lamprecht , der stolze Mann , auf dessen Ehre auch nicht der leiseste Makel haftete , er bildete sich plötzlich ein , es könne eine Zeit kommen , wo man mit Fingern auf ihn zeige , wo er verfemt sein werde in Kreisen , denen sein falscher Ehrgeiz unablässig zustrebte . Das Herz krampfte sich ihr zusammen vor Weh , indem sie sich vergegenwärtigte , wie er vor ihr , seinem Kinde , in jenem Augenblick fast flehend gestanden und an ihre Mithilfe , ihre kindliche Treue appelliert hatte . So weit hatte ihn die tückische Krankheit bereits gebracht ! Einen Moment noch horchte sie nach der verriegelten Thür hin - es blieb totenstill dahinter - , dann stieg sie mit zitternden Knieen aus ihrem Versteck , raffte ihre vorhin abgeworfenen Oberkleider zusammen und flog nach einem der vorderen Zimmer , um dort ihren Anzug schleunigst wieder in Ordnung zu bringen ... Welch ein Glück , daß der Papa nicht zehn Minuten früher nach Hause gekommen war ! Versetzte ihn schon die gemalte , leblose Leinwand in eine so hochgradige Aufregung , was wäre wohl geschehen , wenn er das unselige Weib scheinbar leibhaftig jählings vor sich gesehen hätte ! Daß die Mummerei bereits ein anderes Unheil angerichtet , daran dachte ihre Seele nicht . Seit einer halben Stunde saß er drunten auf der Küchenbank , der erschrockene Hausknecht . Die zitternden Beine trugen ihn noch immer nicht , und die sonst so schön rot lackierten Backen blieben blaß . Die ganze Küche roch nach Likör - » nichts besseres als das ! « hatte Bärbe gesagt und ihm ein beträufeltes Stück Zucker um das andere in den Mund geschoben . Und das ganze Hausgesinde stand um ihn her und konnte sich nicht satt hören und » graulen « . » Nein , nein , nein - ein für allemal nicht ! « wiederholte er zum so und so vielten Male entschieden . » Ich rühre sie nicht wieder an - nicht um die Welt ! Mag sie doch sehen , wie sie wieder hinaufkommt an ihren Haken ... Ich und etwas zerbrechen ! - Du lieber Gott , meinen Pfeifenkopf habe ich nun schon an die vierzehn Jahre , und soll mir , mal einer herkommen und auch nur ein Ritzchen dran finden ! Und zeigen Sie mir den Teller oder das Glas , das ich beim Abtrocknen hier in der Küche zerbrochen hätte , Bärbe ! Sie können ' s nicht , mit dem besten Willen können Sie ' s nicht - so was giebt ' s nicht bei mir ! ... Und da oben fliegt mir das Ding , die Vase , nur so aus der Hand ! So ein heimlicher Puff von hinten an den Ellbogen und , krach , da lag die Bescherung am Erdboden ! Und das war die Strafe , weil ich sie von ihrem Platz genommen hatte , die Boshaftige ! ... Ich dachte mir ' s gleich und wollte nicht . Die Stube wird ja nicht tapeziert , Fräulein , sagte ich . Das Bild könnte am Ende hängen bleiben . - Aber Fräulein Sophie glaubt ja an nichts - das Bild mußte runter , absolut runter , und ich armer Teufel kriegte die Prügel . Ja , den Schreck verwind ' ich in meinem Leben nicht ! Und wie sie nachher auf mich zukam , just aus dem Rahmen ' raus , und das grüne Kleid rauschte und brauste , und die Karfunkelsteine glühten ihr auf dem Kopfe , wie Funken aus dem höllischen Feuer , da dachte ich , jetzt ist dein Brot gebacken , ' s ist aus mit dir ! Die Thüre hab ' ich noch glücklich erwischt , und sie krachte fürchterlich hinter mir zu ; aber auf der Treppe hat ' s mir doch noch eiskalt an den Hals gegriffen - « » Unsinn , Friedrich ! Auf der Treppe that sie Ihnen nichts mehr - sie kann ja nicht über die Thürschwelle ! « sagte Bärbe und reichte ihm ein Likörgläschen hin . » So - und nun nehmen Sie ' mal den Schluck Pfefferminzschnaps da , der bringt Sie auf die Beine ! ... Und daß ich ' s euch sage , ihr Leute - die Geschichte bleibt unter uns ! Bei der Herrschaft findet man ja doch keinen Glauben , und wenn man ' s schwarz auf weiß brächte . Da wird allemal zuerst gelacht und nachher gezankt , und man kriegt seine Totenunke und Jammerbase nur so an den Kopf geworfen und hat seinen Aerger weg . Und den Leuten in der Stadt dürfen wir auch die Mäuler nicht aufsperren - beileibe nicht ! Die sind uns Lamprechts ohnehin nicht grün ; unser großes Geschäft und das Ansehen und der unmenschliche Reichtum - das alles paßt den Neidhammeln nicht ; für die ist ein Unglück in unserem Hause so gut wie Zuckerbrot - und ein Unglück gibt ' s , das steht fest . Dazumal , wie unser Gretchen beinahe gestorben ist , da hat es da oben auch so lange rumort , bis sie uns das Kind halbtot ins Haus brachten ... Da heißt ' s nun , die Ohren steif halten und aufpassen . Ich sage euch , nehmt Feuer und Licht in acht - das ist unsere Sache ! Was freilich sonst geschehen soll , daran kann unsereiner nichts ändern ... Mich überläuft eine Gänsehaut - « Sie streifte zur Beweisführung den Aermel vom Arm zurück . - » Jeden Augenblick kann ' s kommen - jeden Augenblick ! « - 13 Und in der darauffolgenden Nacht war es wirklich , als heule eine wehklagende Stimme diese Prophezeiung nach , auch über den Markt und die ganze Stadt hin - der erste Oktobersturm brauste durch das Land . Die Raben hatten den ganzen Nachmittag in großen Schwärmen wie toll über der Stadt gekreist , und abends war die Sonne wie in einem Blutmeer untergegangen ; der Glutschein hatte noch lange auf den Turmspitzen und Kirchendächern gelegen . Und nun kam ' s. Die ganze Nacht hindurch fauchte und johlte es in den Lüften und gönnte sich selbst kein Aufatmen ; und als es wieder Tag wurde , da pfiff die Sturmmelodie erst recht durch die Straßen . Die Leute , die über den hochgelegenen Markt gingen , konnten sich kaum auf den Füßen erhalten , und um die Straßenecken flogen Hüte und Mützen im förmlichen Wirbeltanz . Die Frau Amtsrätin ärgerte sich . Ihre zarten Füßchen waren ein wenig unsicher und wackelig geworden . Bei starkem Wind traute sie sich nicht mehr auf die Straße , und so mußten die auf den heutigen Tag festgesetzten Besuche mit der heimgekehrten Enkelin in der Stadt unterbleiben . Margarete war desto zufriedener . Ihr erschien der freigewordene Nachmittag wie geschenkt . Sie saß droben im Wohnzimmer der Großmama und half der alten Dame mit flinken Fingern an der großen prachtvollen Stickerei . Der Teppich solle auf Herberts Weihnachtstisch kommen , wurde ihr geheimnisvoll zugezischelt , eigentlich aber sei er dazu bestimmt , im künftigen jungen Haushalt vor dem Damenschreibtisch zu liegen . Und Margarete stickte unverdrossen an den Blütenbüscheln , auf welche der Fuß der schönen Heloise treten sollte . Um vier Uhr kam auch der Herr Landrat vom Amte heim . Er hatte nebenan sein Arbeitszimmer . Eine Zeitlang hörte man drüben Leute kommen und gehen ; der Amtsdiener brachte Aktenbündel , ein Gendarm machte eine Meldung , auch bittende Stimmen wurden laut , und Margarete mußte denken , wie doch die tiefe , behütete Stille in den oberen Regionen des alten Kaufmannshauses völlig verscheucht sei durch Bewohner , die den Namen Lamprecht nicht führten . Das hätten sich die alten Kaufherren auch nicht träumen lassen ! Es war immer ihr Stolz gewesen , das mächtige Vorderhaus allein zu bewohnen und das obere Stockwerk lieber leer stehen zu lassen , auf daß kein fremder Fuß das Recht habe , ihre schöne , breite Treppe auf und ab zu wandern und profanen Lärm zu machen . Trotz des Sturmes , ja , gerade in einem Moment , wo die Fenster unter heftigen Windstößen klirrten , wurde auch ein reizend arrangierter Korb voll köstlichen Tafelobstes aus dem Prinzenhof gebracht . Der Frau Amtsrätin zitterten die Hände vor Freude über die Aufmerksamkeit . Sie breitete schleunigst ein verhüllendes Tuch über den Weihnachtsteppich und rief den Sohn herüber , nachdem sie den Boten mit einem reichen Trinkgeld entlassen . Der Landrat blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen , als sei er betroffen , noch jemand außer seiner Mutter im Zimmer zu finden ; dann kam er näher und grüßte nach dem Fenster hin , an welchem Margarete saß . » Guten Tag , Onkel ! « erwiderte sie seinen Gruß freundlich gleichmütig und stickte an dem Teppichende weiter , das unter dem Tuch hervorsah . Er zog flüchtig die Brauen zusammen und warf einen zerstreuten Blick auf den Obstkorb , den ihm seine Mutter entgegenhielt . » Seltsame Idee , bei solchem Wetter einen Boten in die Stadt zu jagen ! « sagte er . » Das hatte doch Zeit - « » Nein , Herbert ! « unterbrach ihn die Frau Amtsrätin . » Das Obst ist frisch gepflückt und sollte seinen Duftanhauch nicht verlieren . Und dann - du weißt ja , daß man draußen nicht gern einige Tage vergehen läßt , ohne daß gegenseitig Lebenszeichen ausgetauscht werden ... Welch köstlicher Duft ! - Ich werde dir gleich einen Teller voll Birnen und Trauben arrangieren und hinüberstellen - « » Danke schön , liebe Mama ! Freue dich nur selbst daran . Ich erhebe keinen Anspruch - die Aufmerksamkeit gilt einzig und allein dir . « Damit ging er wieder hinüber . » Er ist empfindlich , weil das Liebeszeichen nicht direkt an ihn selbst adressiert war , « flüsterte die Frau Amtsrätin der Enkelin ins Ohr , während sie nach ihrer Brille griff und die Arbeit wieder aufnahm . » Mein Gott , noch kann und darf ja Heloise nicht in der Weise vorgehen ! Er ist so scheuverschlossen , so unbegreiflich wenig selbstbewußt und scheint fast zu hoffen , daß sie zuerst das entscheidende Wort herbeiführen soll . Dabei ist er furchtbar eifersüchtig , selbst auf mich , auf seine selbstlose Mama , wie du eben gesehen hast ... Ja , Kind , darin wirst du nun auch deine Erfahrungen machen ! « setzte sie laut in neckendem Tone hinzu und war damit wieder bei dem Thema angelangt , das der Bote vorhin unterbrochen . Sie versuchte die Fensternische zum Beichtstuhl zu machen - es handelte sich um das Schreiben des Herrn von Billingen-Wackewitz . Margarete hatte das Papier gestern abend noch verbrannt , und die ablehnende Antwort war bereits unterwegs , darüber entschlüpfte ihr aber kein Wort . Sie antwortete diplomatisch einsilbig und war innerlich empört , daß die alte Dame den Namen des Zurückgewiesenen einigemal so laut und ungeniert nannte , als gehöre er bereits zur Familie . Es verletzte sie um so mehr , als die Thüre des Nebenzimmers vorhin nicht fest genug geschlossen worden war ; der klaffende Spalt erweiterte sich zusehends , und wer drüben aus und ein ging , konnte jede dieser indiskreten Bemerkungen hören . Die Großmama hatte die Thüre freilich im Rücken und konnte nicht wissen , daß sie offen stehe , bis sie durch ein Geräusch drüben aufmerksam wurde und sich erstaunt umdrehte . » Wünschest du etwas , Herbert ? « rief sie hinüber . » Nein , Mama ! Erlaube nur , daß die Thüre ein wenig offen bleibt ; man hat mein Zimmer überheizt ! « Die Frau Amtsrätin lachte leise in sich hinein und schüttelte den Kopf . » Er denkt , wir sprechen von Heloise , und das ist selbstverständlich Musik für sein Ohr , « raunte sie der Enkelin zu und sprach sofort vom Prinzenhof und seinen Bewohnern . Nicht lange mehr , da fing es an zu dämmern . Die Arbeit wurde zusammengerollt und weggelegt , und damit waren auch die überschwenglichen Schilderungen der Großmama zu Ende . Margarete atmete auf und verabschiedete sich schleunigst . Sie brauchte auch nicht einmal in das Nebenzimmer zu grüßen , die Thüre war längst wieder leise von innen zugedrückt worden . Im Treppenhause fing sich der Zugwind - kein Wunder ! - in der Bel-Etage stand ein Flügel des großen nach dem Hofe gehenden Fensters offen , und der Sturm , der von Norden her über das Dach des Packhauses kam , schnob direkt herein und zog wie Orgelton an den hallenden Wänden hin . Beim Herabkommen sah Margarete ihren Vater an dem Fenster stehen . Der Sturmwind fuhr ihm gegen die breite Brust und zerwühlte das volle Kraushaar auf seiner Stirn . » Willst du wohl heruntergehen ! « rief er heftig in das Tosen und Klingen hinaus und winkte mit dem Arm über den Hof hin . Die Tochter trat an seine Seite . Er schrak zusammen und wandte ihr hastig sein tieferregtes Gesicht zu . » Der Tollkopf dort will sich wahrscheinlich das Genick brechen ! « sagte er gepreßt und