Sie legte das Buch wieder aus der Hand , gab ihren Platz vor dem Kamin auf und setzte sich in die Fensternische . Wenn nicht alles täuschte , so mußte sich das Wetter zum Guten geändert haben ; nur kalt schien es geworden zu sein , denn die Scheiben beschlugen sich , und die Tropfen zogen Rinnen über das Glas . » Ich muß doch sehen « , sagte sie neugierig und erhob sich halb von ihrem Sitz , um den Fensterflügel zu öffnen . Wirklich , der Regen hatte nachgelassen , und nur ein Nebel , der aus der halbüberschwemmten Landschaft aufstieg , lagerte noch zwischen Schloß und See . Seine Dichtigkeit hinderte den Schall , und nichts von Lärm und Leben drang von unten herauf , bis mit einem Male , wenn auch schwach und gedämpft nur , die Glocke des sich eben nähernden Dampfschiffes vernehmbar wurde . Sie freute sich des Tons und suchte begierig nach dem Schiff , aber nach mehreren Minuten erst sah sie , daß ein dunkelroter Schimmer allmählich und wie mühevoll durch den Nebel brach . Das war das Laternenlicht vorn am Bugspriet , und nun wuchs es und wurde ein Feuerauge . Sie konnte den Blick nicht davon abwenden und hatte das Gefühl dabei , daß das noch unsichtbare Schiff ihr etwas bringen müsse . Was ? Nun , zum mindesten ein Zeichen aus der Welt . Endlich schwieg das Läuten , und sie hörte nur noch den Pfiff und das Zischen des Dampfes , der abgelassen wurde . Sie schloß das Fenster wieder . Josephine kam , um ihr beim Auskleiden behülflich zu sein , aber Franziska schickte sie wieder fort , weil ihr daran lag , sich ungestört ihren Gedanken und Träumereien überlassen zu können . Alte Bilder zogen herauf und mit ihnen ein Gefühl unendlicher Sehnsucht . Wonach ? Wohin ? In ihre Kindheitstage zurück ? War sie glücklicher gewesen , als sie mit Hannah auf dem Kirchplatze gesessen und hinaufgesehen und die Sterne gezählt hatte ? Nein . Unbefriedigt damals wie heute . » Und so haben wir denn nichts sicher als ein ewig ungestilltes Verlangen ? « Immer leidenschaftlicher und fiebriger drängten sich ihr die Fragen , bis sie zuletzt ermattet einschlief . Aber nicht lange , so war sie wieder wach , warf einen Plaid über und trat auf den Balkon hinaus , auf denselben Gitterbalkon , auf dem sie schon einmal , damals von Angst und Schreck wie heute von Unruhe gepeinigt , gestanden hatte . Der Nebel war fort , eine scharfe Luft zog vom Gebirge her , und sie sog die Kühle begierig ein . Über einem der bewaldeten Vorberge stand die Mondessichel , und an ihr vorüber zogen die Reste der Regenwolken endlos und in fliegender Hast . Alles war längst still in Schloß und Stadt , nur ein dumpfes Donnern und Brausen traf ihr Ohr , und als sie hinhorchte , woher es komme , sah sie , daß es der unter den tagelangen Regengüssen angeschwollene Bergbach war , der ihr zur Linken über die Klippenwand hin in die Tiefe schoß . Die ganze Wassermasse lag in Nacht und Dunkel , und nur immer auf Augenblicke , wenn die Sichel drüben ihr Licht herüberschickte , leuchtete der Schaum auf . Aber unausgesetzt hörte sie von der Klippenwand her das eintönig mächtige Rauschen , und dazu klang es plötzlich und erinnerungsvoll in ihrer Seele : Hörbar rauscht die Zeit vorüber An des Mädchens Einsamkeit . Es waren dieselben Worte , die damals an jenem ersten Abend in Gräfin Judiths engerem Kreise den alten Grafen entzückt und vielleicht über ihr und sein Leben entschieden hatten . Vierundzwanzigstes Kapitel Franziska hatte nach der unruhigen Nacht länger geschlafen als gewöhnlich , so daß , als sie zu später Stunde erwachte , die Sonne bereits hell ins Zimmer schien . Alles war wie verändert und ihre melancholische Stimmung wie mit dem Regen fortgezogen . Auch die beiden Kranken hatten sich erholt und gingen unter dem Einfluß des Wetterumschlags ihrer Genesung ersichtlich entgegen . Der Graf saß aufrecht in seinem Feldbett , und Tür und Fenster waren geöffnet , um dem Licht überall Zutritt zu gönnen . Franziska versäumte nicht , von der so vorteilhaft veränderten Situation auch ihrerseits Nutzen zu ziehen und über das Schiff und das Feuerauge zu berichten , die sie beide bis in ihren Traum hinein verfolgt hätten . Übrigens sei sie sicher , daß ihr das Schiff eine Neuigkeit gebracht habe . » Hat es auch , Fränzl , einen Brief von Judith . Sie kommt und Egon auch , und beide warten nur noch auf bessere Tage . « Franziska , während der Graf diese Worte sprach , sah vor sich hin und wechselte die Farbe . » Du freust dich nicht ? « » O doch , ich freue mich . Und wie könnt ich auch anders , als mich freuen ? Du weißt , wie sehr ich die Gräfin verehre , ja wie sehr ich sie liebe ; Wochen und Tage , die sie mir hätte vergällen können , hat sie mir zu den unvergeßlich glücklichsten gemacht . Ich freue mich wirklich und aufrichtig , und wenn ich doch vielleicht einen Augenblick erschrak , so geschah es in dem Gedanken , aus dieser mir liebgewordenen Stille plötzlich und unerwartet herausgerissen zu werden . « Er sah sie scharf an , aber sie hatte durchaus die Herrschaft über sich zurückgewonnen und begegnete ruhig seinem Blick . » Im übrigen « , nahm der Graf wieder das Wort , während er unter Papieren umhersuchte , die neben ihm auf dem Tisch lagen , » im übrigen hat der Brief an mich auch eine Einlage . Da ! Schwester Judith scheint sich wie gewöhnlich nicht ganz kurz gefaßt zu haben . Im Briefeschreiben ist sie noch ganz die Dame des vorigen Jahrhunderts , obschon sie dem unsrigen angehört und sich sogar den Tag von Austerlitz als ihren Geburtstag ausersehen hat . Beiläufig die wenigst patriotische Tat ihres Lebens . « Franziska hatte den Brief genommen , augenscheinlich in der Absicht , ihn auf ihrem Zimmer in aller Muße zu lesen , aber Petöfy war andern Sinnes und fuhr fort : » Ich bin neugierig zu hören , was sie dir schreibt . Es werden keine Staatsgeheimnisse sein , überflieg es also und laß mich wissen , was ich wissen darf . Nur die Überschrift möcht ich mit eigenen Augen sehen ... Liebe Gräfin ... Ah , das ist gut ; und nun lies . « Franziska nahm den Brief zurück und las : » Ich bin noch altmodisch genug , meine liebe Franziska , Briefe durch Einlage zu schicken ; in meiner Jugend tat man dies oft und gern , jetzt lächelt man darüber . Jede neue Zeit dünkt sich eben klüger als die vorausgegangene . So war es von jeher , und ich entsinne mich , über vieles gelacht zu haben , was meine Mutter , trotzdem sie doch manches Freiere von England her mit herübergebracht hatte , noch als einen Gegenstand von besonderer Wichtigkeit ansah . « » Alltagsbetrachtung ! « unterbrach der Graf . » Aber laß uns weiter hören . « » Ich freue mich , daß Dein Leben auf Schloß Arpa Dich so glücklich macht , und find es klug , daß Du das Ungrische so gleichsam von verschiedenen Seiten her in Angriff nimmst . Aber wenn Du den Rat einer alten Frau nicht verschmähst , so gehe darin nicht zu weit . Es wird das klügste für Dich sein , deutsch zu bleiben und das Ungrische nur so weit gelten zu lassen , soweit es gelten muß . Alles , was in Deinem neuen Leben an Dich herantritt , mußt Du freundlich ansehen und ein Wort der Anerkennung dafür haben , auch selbst gegen besseres Wissen , aber Du darfst nicht selbst ungrisch sein oder werden wollen . Es wird einem ein solches Opfer in den seltensten Fällen gedankt . Und kann auch kaum . Denn so gewiß ein Sichselbstvergessen unser Schönstes ist , so geziemt sich dies Selbstvergessen doch immer nur im Sinn und Dienste des christlichen Ideals . Wir sollen unser Ich opfern um der erlösenden Liebe willen , das ist etwas Großes , aber wir sollen uns , unser Volk und unsere Sprache nicht aufgeben , bloß um einer andern in gleicher Selbstsucht und Selbstgerechtigkeit befangenen Nationalität willen . « » Und doch hat sie ' s getan . Aber fahre fort . « » All das ist weder nach Gottes Gebot noch nach dem Gesetz der Klugheit , und ich lebe der Überzeugung , daß der Herr Curatus von Szegenihaza diese meine Meinung teilen wird . Wär es anders , so wär er mehr ungrisch als christlich , was ich nach dem Bilde , das ich in früherer Zeit von ihm empfangen habe , nicht glaube . Der Unglücksfall auf dem See hat mich tief erschüttert , am meisten aber , daß die Gegenwart des Allerheiligsten das Unglück nicht abwenden konnte . Vielleicht daß um eines Schuld und Missetat willen soviel Unschuldige den Tod miterleiden mußten . « » Judith hat eine Neigung « , warf hier der Graf ein , » an den einfachsten Erklärungen vorüberzugehen und immer nach wenigstens einem Geheimnis zu suchen , wenn es ein Wunder nicht sein kann . Das Fährboot kenterte , weil es überladen und der Fährmann betrunken war . C ' est tout . Aber laß mich auch den Schluß hören . « » Durch Graf Adam wirst Du , noch ehe Du diese Zeilen liest , von unserer Absicht eines kurzen Herbstaufenthalts auf Schloß Arpa vernommen haben . Wenn ich sage , von unserer Absicht , so heißt das , Egon begleitet mich . Er wünscht an den Wolfsjagden teilzunehmen , die der alte Graf Pejevics in der Umgegend von Schloß Falcavar und auf seinen Gütern überhaupt abzuhalten gedenkt . Auch der junge Graf , den du ja kennst , wird , wenn er Urlaub erhält , bei den Jagden zugegen sein . Ich freue mich sehr auf diesen Aufenthalt , den ersten wieder seit nun gerade zehn Jahren . Wohl ist es wahr , die Stätten unserer Jugend bleiben uns allzeit teuer , und wir hängen daran mit der Kraft einer ersten Liebe . Sage dem Pfarrer meinen Gruß , ebenso dem alten Toldy . Sowie der Regen nachläßt , den wir hier unausgesetzt seit fast zwei Wochen gehabt haben , brechen wir auf . Ein Telegramm meldet Euch zuvor noch Bestimmtes und wenn nicht die Stunde , so doch den Tag unserer Ankunft . In herzlicher Ergebenheit Deine Judith v. Gundolskirchen , geb . Gräfin Petöfy « Franziska legte den Brief aus der Hand und sagte : » Wie liebenswürdig ! Und am liebenswürdigsten da , wo sie mich tadelt . Ich glaube , daß sie recht hat und daß es in der Tat eine Gefahr in sich birgt , sich irgendwo gewaltsam einbürgern zu wollen . Ich muß alles mehr abwarten lernen . Das aber überrascht mich doch , und du selbst , Petöfy , schienst etwas der Art andeuten zu wollen , die Gräfin , deine Schwester , so wenig ungrisch zu sehen , trotzdem sie doch ihrer ungrischen Jugendtage mit Vorliebe zu gedenken scheint . Ist sie deutsch geworden ihrem deutschen Eheherrn oder einfach ihrem deutschen Namen zuliebe ? « » Weder das eine noch das andere . Kirchliche Leute haben eben die Kirche . Die bedeutet ihnen Heimat und Vaterland , und nur die . Die Nationalitäten sind ihnen nichts und empfangen ihre Schätzung erst aus der Frage , wieweit sie der Kirche dienen oder nicht . Übrigens ist Judith nach Art aller Langsamen und Schwerfälligen auch rascher Entschlüsse , ja vollkommener Überhastungen fähig , und da wir , wie der Augenschein , Gott sei Dank , zeigt , seit sechs Stunden ein anderes Wetter haben , so können wir sie nach sechsmal sechs Stunden erwarten . Ich werde mich also von heut an in Papier Fayard wickeln und mit meinem Rest von Hüftweh wenigstens soweit aufzuräumen suchen , um die Häuser Gundolskirchen und Asperg auf gut ungrisch empfangen zu können . « Fünfundzwanzigstes Kapitel Den dritten Tag darnach kam ein Telegramm : » Wir treffen mit dem Mittagsdampfer ein ; Egon . « Und wenn schon in den Tagen vorher ein Lüften und Klopfen , ein Schieben und Stellen gewesen war , so verdoppelte sich jetzt der Einrichtungseifer . Für Gräfin Judith wurden die Zimmer bestimmt , die neben denen ihres Bruders gelegen waren , während für Egon , wie schon bei manchem früheren Besuche , wieder die kleine Turmstube hergerichtet wurde , womit der in seinem unteren Teile nur ein Treppenhaus bildende alte Schloßturm nach obenhin abschloß . Egon , wenn er hier wohnte , stieg dann oft und gern auf die Plattform hinauf und erfreute sich von dieser aus der wunderbar schönen Aussicht über den See . Der alte Graf behandelte dies als » deutsche Romantik « und spottete darüber , obschon er selbst in Dinge verfallen konnte , die viel romantischer waren . Und nun brach der Tag an , wo sie kommen sollten . Franziska war früh auf , nahm noch einmal bis in die Turmstube hinauf eine Musterung vor und stand eben auf dem Punkte , durch den großen Eßsaal in ihre Zimmer zurückzukehren , als sie Hannahs ansichtig wurde , die von dem der alten Kapelle gegenüber gelegenen Balkon her irgendeinem auf dem Schloßhofe stattfindenden Vorgange neugierig zuzusehen schien . » Was hast du ? « fragte sie , Hannah aber winkte nur halb geheimnisvoll , so still wie möglich heranzutreten , und als Franziska diesem Winke folgte , sah sie , daß eine Taube bemüht war , ein großes Wollknäuel abzuwickeln , das mitten auf dem Schloßhof lag und von einer der Mägde verloren sein mußte . Das Tierchen , eine Kropftaube , pickte beständig daran herum und ruhte nicht eher , als bis es einen wohl zwanzig Fuß langen Faden abgewickelt hatte , mit dem es nun , während das unten liegenbleibende Knäuel sich abwechselnd hob und wieder fiel auf eine dicht neben dem Glockenstuhl befindliche Maueröffnung zuflog . Es war ganz ersichtlich , daß es den unten von ungefähr gemachten Fund benutzen wollte , sich oben ein Nest zu bauen , und als Hannah wahrnahm , daß alles beinahe abgewickelt war , schickte sie sich an , an das alte Knäuel ein neues anzubinden , bloß um sich zu vergewissern , wie lange das Tier wohl in seinem Fleiße verharren würde . Franziska litt es aber nicht und sagte : » Du darfst es dem , der sein Nest bauen will , nicht zu schwer machen . « » Ich mach es ihm nicht schwerer , als er sich ' s selber macht . Dieser Kröpfer kann ja den Faden , wenn er will , jeden Augenblick wieder fallen lassen . « Es war nur ein kleiner und unbedeutender Hergang , und doch haftete das Bild davon in Franziskas Seele . » Trieb ! « sagte sie . » Wohl nichts weiter als Trieb . Aber er bedeutet Arbeit und Mühe um Lebens und Liebe willen . « Und sie hing diesen und ähnlichen Betrachtungen noch eine Weile nach . Aber die Mittagsstunde war nahe heran , und der Graf ließ sagen , daß der Wagen in einer Viertelstunde vorfahren werde . Da galt es denn , sich zu eilen . Sie wußte , wie sehr er auf Pünktlichkeit hielt , und trat eine Minute vor der Zeit in sein Zimmer in leichtem Hut und schwarz und weiß gestreiftem Burnus , darin er sie mit Vorliebe sah . Die Kapuze mit der Quaste daran und mehr noch der seidenglänzende Stoff , der im Winde bauschte , kleideten sie in der Tat vorzüglich . Ein zweiter , leerer Wagen , ebenfalls zweisitzig , folgte . Den Bergweg hinunter ging es in einem mäßigen Trab , unten aber jagten die Pferde durch die Tümpel hindurch , die hier noch überallhin von der Regenzeit her standen . Der Mais ragte hoch auf , so hoch , daß auf eine ganze Strecke hin der Ausblick gehindert war , kaum indes , daß ihr Wagen die Maisplantage hinter sich hatte , so ward auch schon der Dampfer sichtbar , der auf die Anlegestelle zusteuerte . » Rasch , rasch ! « rief der Graf , indem er dem Kutscher einen Schlag auf die Schulter gab und auf das immer näher kommende Schiff deutete , dessen unausgesetztes Läuten eine ganze Welt von Ankömmlingen erwarten ließ . Aber nur wenige Passagiere standen unter dem ausgespannten Dach , dessen rot eingefaßte Borte lustig hin und her flatterte . Franziska glaubte die Gräfin schon von fernher erkannt zu haben und wies auf eine stattliche Gestalt in schwarzer Robe ; der alte Graf aber , der schärfer sah , lachte herzlich , daß sie den Geistlichen von Nagy-Vasar , » der freilich noch schwärzer als Schwester Judith sei « , mit dieser verwechselt habe . Fast im selben Augenblick , wo der Wagen hielt , hielt auch der Dampfer . Egon , in Jagdrock und steirischem Hut , sprang ans Ufer , umarmte den Oheim und küßte Franziska die Hand . Er schien in ausgiebigster Laune , freilich auf Kosten der alten Gräfin , die noch immer nicht sichtbar wurde . Die Tante habe sich zu Beginn der Fahrt auf Deck befunden und bei den gleichgültigsten Stellen im heißesten Sonnenbrande tapfer ausgehalten , im Moment aber , wo der See breit und schön geworden sei , habe sie sich in die Kajüte zurückgezogen , nicht um zu schlafen , was er gelten lasse , sondern um eines seekranken Kanarienvogels willen , der seit etwa zwei Monaten mit Feßler die Herrschaft teile . » Mais voilà . « Und nun wies er auf die Tante , die mit dem Vogelbauer in der Hand eben die Kajütentreppe heraufkam und gleich darnach auch die kleine Rollbrücke passierte , die man inzwischen von der Landungsstelle her auf das Schiffsdeck geschoben hatte . Die Begrüßung war herzlich , weniger mit dem Bruder als mit Franziska , deren Handkuß sie mit einem Kuß auf die Stirn erwiderte . » Wie gut dir die Luft von Schloß Arpa bekommen ist ! Vortrefflich . Du siehst besser und frischer aus als in Öslau . Und das waren doch auch schöne Tage . Nicht wahr ? Hörst du noch dann und wann von dem reizenden Fräulein Phemi ? « Unter solchem Gespräch und Geplauder hatte man von der Landungsbrücke her den Punkt erreicht , wo die beiden Wagen hielten , Franziska nahm im ersten neben der Gräfin Platz , Egon aber im zweiten neben dem alten Grafen . Und im Fluge ging es nun auf Schloß Arpa zu . » Nun , meine liebe kleine Gräfin « , sagte Judith , während sie die Quaste , die beständig hin und her flog , in Franziskas Kapuze zurückstopfte , » nun sage mir : come sta ? Wie lebt sich ' s mit diesem Ungeheuer von Bruder , mit diesem Infidèle , mit diesem Überbleibsel aus dem Nachlasse des Herrn von Voltaire ? Du hast mir geschrieben , du seist glücklich , und dein Teint und deine klaren Augen scheinen es mir bestätigen zu wollen , aber , meine teure Franziska , Briefe lügen und Teint und Augen auch . Aber was nicht lügt , das ist die Stimme , und so sage mir denn , denn so schön und so frei fahren wir nicht wieder in die Welt hinein , sage mir also : bist du glücklich ? « Franziska nahm Judiths Hand und küßte sie . Dann sagte sie , während sie zu der Gräfin aufsah und ihre Hand , die sich wie Wohlwollen anfühlte , fest in der ihrigen behielt : » Ich habe mehr Glück gewonnen , als ich erwartete . Der Graf liebt mich und ist edel und gerecht . Ob ich glücklich bin ? Ich weiß es nicht , gnädigste Gräfin , aber ich hoff es . Vielleicht kann man glücklich sein , wenn man es sein will , und ich hab einmal gelesen , man könne das Glück auch lernen . Das hat mir gefallen . Und wirklich , es muß Mittel dazu geben . « » Ja , das Gebet . Und vor allem das eine : Führ uns nicht in Versuchung . « Auch in dem Wagen , der folgte , ging das Gespräch . Etwas von dem Schlammwasser spritzte gegen Egons Hut , der ihn abnahm , um ihn wieder zu säubern . » Sieh , gerad an den Gemsbart « , sagte der Oheim . » Und so straft dich denn der erste magyarische Tümpel für dein unmagyarisch Herz . In allem Ernst , Egon , du kannst in dem Gemsbarthute nicht zu dem alten Pejevics fahren , der , weil er eigentlich kein Magyar ist , selbstverständlich den Doppelmagyaren spielt . Aber gleichviel , deine Mutter war eine Petöfy , das vergißt man dir nicht und fordert einen Reiherbusch oder eine Adlerfeder von dir , solange du hier bist . Du kennst unsere kleinen Schwächen . « » Und unterwerfe mich ihnen . Am wenigsten aber möcht ich mir die Jagd und die Stimmung auf Schloß Falcavar verderben . Weißt du , wer zugegen sein wird ? Natürlich Szabô . « » Der gewiß und sehr wahrscheinlich auch Perczel . Devaviany zweifelhaft . Familienmalheur . Im übrigen steh ich mit der Nachbarschaft auf einem Grollfuß und weiß eigentlich so gut wie nichts . Man beliebt nämlich , meine Gräfin nicht gräflich genug zu finden , oder bemängelt ihren Stammbaum . Ich bin aber nicht gewohnt , mir Vorschriften machen oder wohl gar alte Vorurteilsalbernheiten als ebensoviel Weisheit aufdrängen zu lassen . « » Und so lebt ihr denn ziemlich einsam ? « » Nein und ja . Jedenfalls einsam genug , um sich eines lieben Besuches doppelt zu freuen . « Und damit fuhr ihr Wagen unter dem Portal fort in den Schloßhof ein . Sechsundzwanzigstes Kapitel Seit jenem Ankunftstage war eine geraume Zeit , über drei Wochen , vergangen und Egon längst wieder von den großen Jagden im Pejevicsschen Schlosse zurück . Man war mitten im Oktober und sprach bereits von Abreise , das wundervolle Wetter aber , das jetzt ausgleichen zu wollen schien , was der Regen vorher verschuldet hatte , schob den Termin immer wieder hinaus . Auch war es mit dem Aufbruch ein gut Teil weniger ernsthaft gemeint , als es den Anschein hatte , wenigstens von seiten Egons , der nicht müde wurde , das » sich in der Ellipse bewegende Leben oder , was dasselbe sagen wolle , das Leben mit dem Doppelmittelpunkte zweier Tanten « als eine neue und höchste Daseinsform zu proklamieren . Mit Franziska stand er überhaupt auf dem Neckfuß und versicherte , daß sie gleich vom ersten Augenblick an ihn in ihrer neuen Eigenschaft als » Magyarin « enttäuscht habe . Schon am Dampfschiff hab es begonnen . Er habe sie nämlich auf einem Rassepferd erwartet , im Reitkleid , mit wehendem Schleier und englischer Gerte ; statt dessen sei sie wohlverwahrt in einem Korbwagen herangekommen , ganz wie protestantische kleine Comtessen , die zum Religionsunterricht oder zum Kinderball in die Stadt gefahren werden . Ja , so hab es begonnen , und was er seitdem hier erlebt habe , habe seine Verwunderung und seine Betrübnis nur gesteigert und ihn mehr und mehr erkennen lassen , auf wie falschen Wegen sie wandle . Sie wolle magyarisch sein oder doch wenigstens werden und fange das Magyarische mit der Korrektheit an , während sie ' s umgekehrt mit der Unkorrektheit versuchen müsse . Korrektheit , und noch dazu solche , zu der man durch Grammatik und die kleine Kirchengröße von Szegenihaza herangebildet werde , sei durchaus alltäglich , und was alltäglich sei , sei nicht ungrisch . In Ungarn müsse das Leben in der Attacke genommen werden . Und er wette , daß sie , richtig geleitet , den Mut und die Geschicklichkeit und vielleicht auch schon ein Stück Vorbildung dazu besäße . Die richtige Leitung aber habe gefehlt . Das Nächste sei , den kleinen Geistlichen unten auf Urlaub zu schicken , für den Rest hoff er sich persönlich verbürgen zu können . Egon , wenn er so neckte , durfte der Zustimmung des alten Grafen jedesmal sicher sein , der nur noch hinzuzufügen liebte : Franziska habe zuviel von des Goldschmieds Töchterlein mit Gebetbuch und Trippelschritt ; sie sei nicht bloß deutsch , sie sei sogar schwäbisch . Nur Gräfin Judith opponierte , wenn so gesprochen wurde , schüttelte den Kopf und wollte von Steeplechase nichts wissen . Franziska sei mehr auf die Betrachtung als auf die Durchlebung der Dinge gestellt und werde den Geistlichen , wenn er ausbleibe , gewiß schmerzlich vermissen ; sie säh es durchaus als ihre Pflicht an , um Franziskas willen in diesem Sinne zu sprechen . In Wahrheit aber sprach sie nur deshalb mit soviel Wärme für das Weitererscheinen des Herrn Curatus , weil sie persönlich nichts lieber hatte als Plaudereien über Beichtgang und den Stand der Sittlichkeit in der Gemeinde . Franziska , wenn der Kampf der Parteien in dieser Weise tobte , horchte dankbar lächelnd dem Lobe zu , das ihr von der alten Gräfin gespendet wurde , war aber doch zu jung , als daß sie nicht die bald in Angriff genommenen Lektionen im Sattel denen in der Grammatik vorgezogen hätte . Mitunter schloß sich der alte Graf an , meist aber war es Andras , der das junge Paar in die Berge hinein begleitete . Während dieser Ausflüge war es denn auch , daß sich Egon und Franziska recht eigentlich erst kennen und ein Gefallen aneinander finden lernten . In der rasch durchtrabten Plaine sprachen sie wenig , aber in das Schluchten- und Waldeswirrwarr einbiegend , wo zwischen Gestrüpp und Unterholz hin der Weg erst gebahnt werden mußte , wurde ihr Gespräch lebhaft . Egon zeigte sich dann sehr anders als im Kreise daheim . Er ließ den spöttischen Ton fallen , sprach ernst und einfach und vermied Fragen , die für ihn ohnehin so gut wie beantwortet waren . Er sah deutlich , daß Franziska vor einer Aufgabe stand , die schließlich ihre Kraft übersteigen würde . Sie gab sich freilich kühl . Aber war sie ' s ? Er hegte Zweifel und sah sich eines Tages in diesen seinen Zweifeln bestärkt . In einem benachbarten adligen Hause nämlich hatte sich ganz vor kurzem erst ein Entführungsroman abgespielt , in dem eine Schwägerin Graf Devavianys die Schuldige , nach Ansicht andrer aber , und zwar mit Rücksicht auf ihren sittenverdorbenen und grundschlechten Eheherrn , die Heldin war . Auch Franziska trat für die Verklagte mit lebhaften Worten ein , und als Egon , übrigens mehr aus Überlegung als aus Überzeugung , ihr widersprach , wurde sie mit jedem Momente heftiger und erregter . Einer der ihr feststehenden Grund- und Lebenssätze sei der von der Gegenseitigkeit der Pflichten , und die Forderung , eine gewohnheitsmäßige Pflichtuntreue mit unerschütterlicher Pflichttreue beantworten zu sollen , empöre sie geradezu , ja mehr , sie fühle ganz deutlich , daß sie durch Verrat und Untreue , denen sie wie selbstverständlich hingeopfert werden solle , zu den extremsten Dingen hingerissen werden könne . Dank und Pietät , ohne die die Welt roh und gemein sei , seien ihr , so hoffe sie wenigstens , tief ins Herz geschrieben , aber ebenso tief berge sie den leidenschaftlichen Hang nach Wiedervergeltung in ihrem Gemüt , und wenn sie zurückblicke , so gäb es für sie kein Gefühl , in dem ihre Phantasie so geschwelgt habe wie in dem befriedigter Rache . Egon , während sie so sprach , hatte sie von der Seite her scharf beobachtet und hielt ich von dem Augenblick an mehr noch als vorher überzeugt , daß die Kühle , die sie zeigte , nur Täuschung sei . Sein Interesse wuchs aber , je mehr ihn diese Frage beschäftigte . Siebenundzwanzigstes Kapitel Auch die Beziehungen , die Franziska zur alten Gräfin unterhielt , gestalteten sich , soweit eine Steigerung überhaupt noch möglich war , immer freundlicher und erfuhren durch kleine , halb scherzhafte Meinungsverschiedenheiten keine Schädigung , weil man sich in ernsthaften Dingen einig wußte . Dies trat schon an einem der ersten Tage hervor , wo Gräfin Judith , ihre Scheu gegen Treppensteigen überwindend , einen speziellen , allerdings auch wohl von Neugier diktierten Anstandsbesuch bei Franziska gemacht und eine herzliche Plauderstunde mit dieser gehabt hatte . Gleich beim Eintritt war sie froh überrascht gewesen , dem Muttergottesbilde wiederzubegegnen , das sie sich sehr wohl entsann in den Tagen ihrer Kindheit an eben dieser Stelle gesehen zu haben . Und wirklich , nur der Rosenkranz am Arm des Christkindes war neu hinzugekommen . Franziska , die rasch bemerkte , was im Gemüte der alten Gräfin vorging , schob ihr einen bequemen Sessel heran , setzte sie sorglich hinein und sagte dann erklärend und in einem gedämpften Tone : sie habe sich wohl gedacht , daß ihr das Muttergottesbild eine besonders liebe Erinnerung sein werde , weshalb sie denn auch eine Weile geschwankt habe , ob sie ' s nicht von der Konsole herabnehmen und unten im Schlafzimmer der Gräfin aufstellen solle . Aber sie woll es nur gestehen , sie habe sich ihrerseits nicht davon trennen mögen . Denn das Muttergottesbild sei das erste gewesen , von dem sie hier auf Schloß Arpa begrüßt worden sei , noch früher als von Hannah , und sosehr sie sich im ersten Augenblick als Protestantin über diesen Gruß verwundert und beinahe erschreckt habe , so sei ' s ihr doch am andern Tage schon gewesen , als wüchse das kleine Nischendach und nehme sie mit unter seinen Schutz . Von all diesem , als Franziska so sprach , war der guten