Spanne Zeit ändert . Nachdem sie eine Weile schweigend sich an den Händen gehalten , fragte die Dirne , den Burschen zärtlich anblickend : » Kannst hrüber ? « Sie meinte , über den Zaun . Er deutete lächelnd nein . » Dann komm ich ! « Sie schwang sich flink über das niedere Gatter , ohne auf ihre lüftige Gewandung zu achten ; sah es doch niemand als der eine , vor dem ihr ja fürder jede Scheu ausgeschlossen schien . Nun hing sie an seinem Halse und preßte die dürstenden Lippen auf die seinen , und er taumelte unter ihrer Last , wie trunken von ihren Liebkosungen . Da rief es vom Hause her : » Komm essen ! « Als aber die Kleebinderin in den Garten heraustrat , kreischte sie laut auf : » Muckerl ! « Die Dirne tat nur einen Schritt zur Seite hinter das dürftige Gebüsch . Sie kehrte der Alten den Rücken zu , und diese sah sie noch ein paarmal den Kopf neigen und mit den Händen ausdeuten , ehe der Bursche sich verabschiedete und langsam herankam . Als Muckerl vor der alten Frau stehenblieb , die ihn mit weit aufgerissenen Augen fragend anstarrte , wies er mit dem Daumen seiner Rechten hinter sich und sagte zutraulich : » Mußt wissen , Mutter , wir sind wieder gut . « » Wer ? « schrie sie entsetzt . » Na , ich und d ' Helen « , entgegnete er , mit Mund und Augen freudig lächelnd . Die Kleebinderin schlug die Hände zusammen und flocht die Finger ineinander , so schritt sie vor ihm her nach der Stube , wo sich beide zu Tische setzten . Da die Alte das Fragen unterließ , so blieb dem Jungen das Sagen erspart . Er beschäftigte sich angelegentlich mit dem Essen , während sie nachdenklich über ihrem leeren Teller saß , was ihm übrigens gar nicht auffiel . Wenn es wahr ist , daß seelische Erschütterungen auf die Befriedigung gemeiner leiblicher Bedürfnisse vergessen lassen , wonach sich die Verwaltung von Volksküchen viel ökonomischer gestalten ließe , falls psychische Konflikte billiger zu beschaffen wären wie Rindfleisch , wenn es ferner wahr ist , daß Appetitlosigkeit der Prüfstein wahrer Liebe ist , dann , ja dann hatte bei all dem Bedeutsamen , was die letztverflossenen Viertelstunden den Kleebinder Muckerl erleben ließen , dessen Gemüt und Herz gar nichts zu tun ; sicherlich veranlaßte ihn keines von diesen beiden , nachdem er Messer und Gabel aus der Hand gelegt , den Gurt zu lockern . Gar anders als die Mutter des Burschen nahm die der Dirne die Sache auf . » Hast du aber ein Glück « , rief lachend die alte Zinshofer . Helene runzelte die Stirne . » Was Glück ? Mer zertragt sich und findt sich wieder zusamm , das kommt häufig gnug vor . « Die Alte verzog höhnisch den Mund . » Freilich , häufig gnug , aber so wie in deinm Fall doch nur selten . Weiß er denn alles ? « » Gwiß . Ich betrüg kein ' n ! « » Na , und jetzt kimmst nit mit leeren Händen . « » Mutter « , schrie die Dirn zornig , » wann du mir von dem Geld redst , das ich dem Alten vor d ' Füß gworfen hab und das du dir ohne meinm Wissen und Willen zug ' eignet hast , so laß dir sagen , daß ich auch noch heut davon nix weiß und nix will ! Überhaupt , hüt du dein Zung ! Wann d ' nur mit einm einzign unbedachtsamen Wort ' n Hausfrieden zwischen mir und mein Mann störst , so hat ' s gute Auskommen zwischen uns zwei ein End , und du sollst mich kennenlernen ! « » Na , na « , murmelte die Alte , » ich mein , ich kenn dich eh , Giftnickl du ! Schau einmal ! « Damit schlich sie sich beiseite . Als abends die Matzner Sepherl kam , saß die Kleebinderin im Vorgärtel , sie erhob sich und hielt die Dirne , die mit freundlichem Gruße an ihr vorüber wollte , am Arme zurück . » Bleib ein wenig « , sagte sie , » ich wart da schon d ' längste Zeit auf dich ; ich muß dir doch sagen , was Neues da bei uns vorgeht , willst dann noch hnein , armer Hascher , so kannst ' s ja . « » Je , du mein ! Ja , was gibt ' s denn ? « » Sie sind wieder auf gleich . « Die Dirne machte ihre wundernden Augen noch größer . » Sie sein wieder auf gleich ? Ja , wer denn , Kleebinderin ? « Die alte Frau deutete nach der eigenen Hütte und dann nach der Zinshoferschen . » Hm ! Der da drin und dö dort drübn ! « » Ei , so lach ! Das is doch sein Ernst nit . Wie s ' gegn ihn war ... « » Daran denkt er nit , und sie laßt ' n sich nit drauf bsinnen . Nun , er mag tun , wie er für recht halt . Er is groß gnug , um sein Willen z ' haben , und alt gnug zun Überlegen ; aber das weiß ich , wenn er die heirat , ich bleib nit im Haus ! « Das Mädchen starrte der Alten in die feuchten Augen , plötzlich senkte es den Kopf , sagte tief aufseufzend : » Nun , so bhüt dich Gott , Kleebinderin « , kehrte sich ab und ging ungleichen Schrittes den Weg zurück , auf dem es hergekommen war , eine Strecke säumig schlendernd , die andere schußlich dahineilend . Die Leute , an welchen die Dirne , so verworren und verloren , vorüberstrich , lachten und meinten : » D ' Matzner Sepherl tut schier was suchen , hat wohl ' n gestrigen Tag verloren . « Möglich ! Und vielleicht nicht nur den gestrigen , sondern mehrere Tage mit allem , was diese sie Liebes und Gutes hoffen ließen ! XIII An einem der nächsten Abende kam die Kleebinderin zur alten Matzner gelaufen . In der rückwärtigen Kammer , auf einer Gewandtruhe , neben dem Fenster , durch dessen blauen , rotgeblümten Vorhang die Strahlen der untergehenden Sonne brannten , saßen die beiden Weiber , und ihre einander zugekehrten Gesichter erschienen halbseitig wie blau und rot tätowiert . Sepherl kauerte auf einem Schemel im Winkel und horchte wundernd zu . » Ich kenn mich nit aus , Matznerin « , klagte die Kleebinder , » nit um die Welt kenn ich mich aus . Schon ' n frühen Morgen kommt das Mensch an ' n Zaun und ruft dem Bubn ein Gruß zu , und dann geht das Hin- und Hergelauf an . ' n Tag über rennt s ' alle Daumlang herzu und zärtelt und läppelt mit ihm , daß einm vom Anschaun nit gut werdn könnt , und ' s Ganz is am End doch nix wie Falschheit , denk ich ! Laßt sie sich einmal a Weil länger nit blicken , so schleicht ihr der Lapp nach , wie scheu er auch sonst gwest is ; sie muß ' n rein behext habn ! « » Wär nit unmöglich « , nickte die Matzner , » die Dirn is mir nit z ' gut für so Praktiken , und ihr Mutter weiß wohl auch dazu Rat , die schaut nit umsonst aus , wie wann s ' afm Besen reiten könnt ; aber was half ' s , wann mer ' s gleich z ' beweisen vermöcht , wo s ' heuttags in den Grichten nit mehr drauf glauben ? ! « Sepherl schüttelte seufzend den Kopf - nicht über den Unglauben der Gerichte , sondern weil sie bedauerte , daß bei der Gottlosigkeit so wirksamer » Praktiken « eine brave Dirn an deren Anwendung gar nicht denken durfte . » Ich sag dir , Matznerin « , fuhr die Kleebinder eifrig fort , » ich werd noch krank vor Ärger . Jedn freien Augenblick , den s ' habn , stecken s ' beieinander , und wann s ' kein habn , so machen sie sich ein . Ging eins verloren , wär nur d ' Möglichkeit , daß mer ' s mitm anderm zsamm fänd ; aber dafür niemal keine , daß du s ' auseinander brächtst ! Und bei all dem Getu und Getreib , wo sie sich eh kaum ausn Augen kommen , begreif ich nit , warum s ' ' n Tag völlig gar nit erwarten können , wo ' s zur Kirchen geht . « » Wann soll denn d ' Hochzeit schon sein ? « » Nach ihrn Redn , heut über vierzehn Tägn . « » Dös geht ja nit . Wo blieb denn da ' s kirchlich Aufgebot von der Kanzel , drei Sonntäg hintereinander ? ! « » Sie lassen sich ein für allemal verkünden . « » Das geht ja nit . « » Aber mitm Dispens . « » Mitm Dispens ? Ah , freilich wohl ! Schau , mer muß sich nur z ' helfen wissen . Ehnder hat man gsagt , ' s ging was so schnell wie mit der Post , neuzeit mag mer wohl sagn , wie mit der Eisenbahn . Hihihi ! « » Mein liebe Matznerin , ein Fremds hat da leicht lachen . Du steckst eben nit in meiner Haut und weißt nit , wie mir is . Dank du Gott dafür ! « » Mein liebe Kleebinderin , sei nit harb , ich hab ja nit über dich glacht , sondern über dö . « » Glaub dir ' s , glaub dir ' s schon . Ich biet doch auch kein Anlaß dazu , hitzt , wo sich mein einzig Kind von mir abwendt und ich mir fremd wo ein Unterkunft suchen muß . « » Aber Kleebinderin - - « Diese war mit der Schürze vor den Augen aufgestanden . Sepherl eilte herzu . » Das laßt der Muckerl niemal gschehn . « Die alte Frau ließ das Vortuch sinken . » In derselben Wirtschaft , was dann anhebt , kann ich nit bleiben und mag auch nit ! « Sie streckte die Hand zum Abschied hin . » Nun mach ich euch weiter keine Unglegenheit , bhüt dich Gott , Matznerin . « » Behüt dich Gott , Kleebinderin ! Sepherl , begleit s ' heim , d ' Kleebinderin ! Jesses , jesses , hat mer oft im Alter ein Kreuz , woran mer jung gar nit denkt . « Über diesen unstreitigen Erfahrungssatz verfiel die alte Matzner , während sie den Davongehenden nachblickte , in ein chronisches Kopfschütteln . Sepherl schritt neben der Mutter des Holzschnitzers einher , und da diese unterwegs nicht zum Sprechen aufgelegt schien , so beschränkte sich die Dirne darauf , von Zeit zu Zeit zu versichern , all das jüngst Geschehene wär » schon aus der Weis - ja völlig aus der Weis tät ' s sein « . Als die beiden die Hütte erreichten , fand gerade in dem Rahmen eines offenstehenden Fensters ein schäkerndes Gebalge zwischen Helene und Muckerl statt . Die Dirne drohte dem Burschen , sie werde ihn beim » Schüppel « nehmen , und er vermaß sich » bei seiner Seel « , wenn er sie bei den Händen zu fassen kriegte , ihr alle Finger auszudrehen oder ihr den kleinen wurz abzubeißen . Sepherl machte die wunderndsten Augen . Alle Finger will er der ausdrehen oder ' n klein wurz abbeißen ! Schau , das hätt sie ihm gar nie zugtraut , daß er vermöcht so - zärtlich z ' tun ! Als Muckerl der Herankommenden ansichtig wurde , rief er : » Grüß Gott , Mutter ! Gutn Abend , Sepherl ! « » Je « , sagte die Helen , » Sepherl , was machst denn du da ? « Was sie da mache ? Sie , die da unterm Dach schwere Zeiten hat tragen helfen ? Und das fragt die , welche dieselbn herbeigführt hat und ihr jetzt bei gutem Wetter wieder breit die Tür verstellt ! Oh , wie das hochmütig und höhnisch war ! - Dafür nahm es die eifersüchtige Dirne , und ihrem Empfinden nach hatte sie recht ; Helene aber dachte nicht , daß so ein unbeholfenes , unschönes Ding sich einbilde , man könne ihm ernstlich übelwollen oder überhaupt gegen es hochmütig sein . Sie hatte , ohne eine Antwort abzuwarten , die Neckerei mit dem Burschen wieder angehoben . Sepherl stemmte den einen Arm in die Seite und schüttelte den andern gegen das Paar . » Galsterts nur nit gar soviel « , rief sie kichernd , » sonst habt ihr ' s mit d ' Bauern z ' tun , dö brauchen hitzt schön Wetter , und wann Kaibeln raufen , kimmt bald ein Regen ! « Damit lief sie fort , und oft schlug sie mit der geballten Rechten in die flache linke Hand und lachte : » Dösmal hab ich ihr ' s gebn ! Ah , ich laß mich nit feanzen ! Dösmal hab ich ihr ' s ghörig gebn ! « Zwar hat sich der Muckerl auch ihre » spitze Red « gefallen lassen müssen , dem war nicht abzuhelfen , aber rechtschaffen freuen tat es sie nur , der hochmütigen Dirn eins angehängt zu haben . In ganz Zwischenbühel wunderte man sich darüber , » wie der Herrgottlmacher mit der Zinshofer Helen so gschwind wieder übereins hat werden können « , und besonderes Aufsehen machte es , » daß ' s den zwein Leuteln mitm Hochzeitmachen so unmenschlich eilt « . Auch im Pfarrhofe kam die Rede darauf . Die Zwischenbüheler Kirche war gar klein geraten , man hatte sie , seitab der Straße , auf den Hügel hingebaut , und eine ziemliche Anzahl niederer , breiter Stufen , für altersmüde Beine vorgesehen , führten zu ihr hinan , und eine eiserne , längs der Wand festgenietete Stange leitete die zitternden Hände . Rechter Hand umfriedete eine verfallene Bruchsteinmauer ein kleines Grundstück , durch die schwarz angestrichenen Latten des Tores sah man tiefgrünen , hügeligen Rasen , aus dem hie und da ein Kreuz ragte . Die Torflügel standen halb zugelehnt , und zwischen den Gräbern graste eine braungefleckte Kuh , sie beschnüffelte eben ein ganz verwittertes Blechschild , das einst jeden , der sich aufs Lesen verstand , davon benachrichtigte , daß hier die Margarete Zauner , genannt » Schluckaufgredl « , Kuhmagd beim Hochleitnerbauer , beerdigt liege . Die kannte vielleicht bei Lebzeiten die Braungefleckte noch als Kalb . Linker Hand lehnte sich der Pfarrhof an das Kirchlein , klein und unansehnlich wie dieses ; zwei Fenster im Erdgeschosse und zwei im Stockwerke und an Stelle des dritten , ober dem Tore , eine Nische , in welcher ein Heiliger stand , von dem unter den ältesten Leuten im Dorfe die Sage ging , es wäre der heilige Pamphilius gewesen , denn dermalen war das Steinbild durch langjährige Unbilden des Wetters so mitgenommen , daß davon nicht mehr übergeblieben als eine höchst fragwürdige Verallgemeinerung menschlicher Gestalt . Ein kleiner Hofraum , in welchem der Stall für die Braungefleckte stand , und ein schattiges Gärtchen stießen rückwärts an das Haus , dessen niedere Gemächer , man konnte in jedem mit ausgereckter Hand an die Decke reichen , drei Personen bewohnten . Die Stube unten , gleich neben dem Tore , war als Pfarrkanzlei eingerichtet , und die anschließende Kammer , mit den Fenstern nach dem Hofe , hatte ein junger Hilfsgeistlicher inne ; im Stockwerke waren diese Wohnräume getrennt und mündeten Tür an Türe nach dem Gange ; da hauste der Herr Pfarrer in der Stube und die Pfarrköchin in der Kammer nebenan , aber in Zwischenbühel hatte dessen niemand ein Arg , denn die Pfarr-Regerl war ein überjähriges , langes , dürres Weibsbild ; die Bauern meinten , vor der liefe der Teufel davon , wenn sie ihm Karessen mache , und der höllische Erbfeind soll doch sonst nicht heikel sein . Man sagte der Regerl nach , daß sie wie die » teuere Zeit « aussehe und der Herr Pfarrer wie die » gute Stund selber « ; er sah auch unter dem kurzgeschnittenen , schneeweißen Haar mit dem gutmütigsten Gesichte in die Welt , über dem zahnlosen , freundlich lächelnden Munde und den rot angehauchten Bäckchen blinkten ein Paar klare , graue Augen , forschend und traulich , selten saß davor , auf dem leicht gebogenen Sattel der Nase , die Brille mit der Horneinfassung , meist schob sie der alte Herr nach der Stirne hinauf , da er ihrer nur zum Lesen bedurfte . Von Gestalt war er ein kleines Männlein , kurz , beweglich , nirgendwo lange standhaltend , was ja auch zu dem Vergleiche mit der guten Stunde paßte , wie jeder bezeugen wird , der eine solche einmal erlebt . Als vor ungefähr einem Jahre der hochwürdige Herr Leopold Reitler , Pfarrer zu Zwischenbühel , merkte , daß ihm beim Schreiben manchmal die Hand versage und er sich obendrein über einigen Vergeßlichkeiten ertappte , da schritt er bittlich um einen geistlichen Hilfsarbeiter ein , der ihm denn auch nach überraschend kurzer Frist in der Person des hochwürdigen Herrn Kaplans Martin Sederl zugeteilt ward . Der junge Kleriker war ein hoch aufgeschossener , derbknochiger Mensch , er trug den Kopf , zu dessen beiden Seiten die Ohren fast platt anlagen , auf vorgerecktem Halse , das kurze , braune Haar fiel ihm struppig in die niedere Stirne , in seinem durch die vortretenden Backenknochen und derben Kinnladen auffallend breiten Gesichte verschwand eine kaum nennenswerte Nase und trat dagegen ein schrecklich großer Mund hervor , dessen Lippen über einem Gebiß von langen , stellenweise mißfärbigen Zähnen fletschten , selbst die glänzenden dunklen Augen machten keinen gewinnenden Eindruck , da er sie beständig rollte ; mochte er auch durch dieses unvorteilhafte Äußere gegen mancherlei Anfechtungen gefeit sein , so förderte ihn dasselbe durchaus nicht in seinem Berufe und gab erst vor kurzem den Anlaß , daß er in der benachbarten Diözese , wo er in einem größeren Pfarrsprengel wirkte , das Opfer eines unverzeihlichen Mißgriffes geworden war . Ein Gutsbesitzer fühlte sich sterbenskrank . Für den Mann blieb sonst die Kirche , wo sie war , nämlich zwei Stunden Weges seitab seiner Straße ; aber nun gab er dem Andringen seiner Verwandten und Freunde nach und wollte sich , » der Leute wegen « , die » letzten Tröstungen « gefallen lassen . Es wurde also nach der Pfarre geschickt , und dort dachte man , es sei ganz gleichgültig , wen man abordne ; war der berüchtigte Freigeist unbußfertig , dann kam ihm keiner recht , und wollte er sich wahrhaft bekehren , so war dazu jeder gut ; es wurde daher ohne weiters der Kaplan Sederl samt dem Kirchendiener in die Kutsche gepackt und an Ort und Stelle spediert . Als der junge Mann allein an dem Sterbelager saß und sich mühte , dem flachen Gesichte einen salbungsvollen , auferbaulichen Ausdruck zu geben , als er das große Maul öffnete und in einem erschrecklichen Deutsch zu sprechen begann , jeden einzelnen Vokal wie einen Doppellaut dehnend und mit Weiche und Härte der Mitlaute ein bedenkliches Wechselspiel treibend , da geriet der Kranke in eine so ausgelassene Heiterkeit , daß der Kaplan bestürzt und entrüstet die Flucht ergriff . Wenige Tage darnach war der Gutsbesitzer auf dem Wege der Besserung , aber in der Pfarrei vermochte man sich dieses medizinischen Erfolges auf Kosten des theologischen nicht zu erfreuen , und man wäre den im Grunde ganz unschuldigen Martin Sederl gerne losgeworden , hätte man nur gewußt , wohin mit ihm ; im Konsistorium , wo die Eingaben der beiden Pfarrämter zusammentrafen , ward die eine durch die andere erledigt , und so kam der hochwürdige Herr Kaplan , schneller als er und andere es dachten , nach Zwischenbühel . Da saß er nun in der dumpfigen Kanzleistube an dem verstaubten Amtstische und las , da er sich vor Langweile nicht auswußte , die Eintragungen in den Kirchenbüchern , was ihn allerdings längere Zeit beschäftigen konnte , da selbe hundertfünfzig Jahre zurückreichten . Fliegen umschwärmten ihn , und wenn sich eine oder mehrere auf seinem Kopfe tummelten und in dem steifen Haar verwirrten , so schlug er mit der flachen Hand darnach ; einem Statistiker würde es nicht schwergefallen sein , durch Ermittlung der Ziffer des Prozentsatzes der Getöteten einem Gesetze auf die Spur zu kommen , das , im Hinblick darauf , daß meist nur die verbuhlten Individuen der Gattung diesem Verderben sich aussetzten und ihm anheimfielen , einer sittlichen Basis nicht ermangelt hätte ; aber der Kaplan hielt wenig von den Wissenschaften , von der Statistik das allerwenigste , die Geschicke der Menschen standen ja in Gottes Hand , und erschlagene Fliegen zählt man höchstens , wenn es eine Wette gilt , wer mehr erschlüge . Er hob eben wieder die Hand , ließ sie aber auf halbem Wege sinken , denn im Flur wurden hastig schlurfende Schritte laut , die Türe öffnete sich , und der Pfarrer schoß herein in die Stube . » Guten Morgen ! Guten Morgen ! « rief er dem sich erhebenden Kaplan zu . » Bleiben S ' sitzen , bleiben S ' sitzen , lieber Sederl ! Schau einmal « - er nahm das lange Rohr seiner Pfeife aus dem Munde und deutete mit der Federspule nach den auf dem Boden liegenden Fliegen - , » Sie sein ja so ein arger Fliegentöter , wie der römische Kaiser Domitianus , von dem ein Höfling einm , der a Audienz unter vier Augen wollt , gsagt hat , der wär allein , nit amal a Fliegn bei ihm . « » So weit hab ich es noch nit gebracht « , meinte der Kaplan , und wenn er sprach , wie ihm der Schnabel gewachsen , so klang das ganz erträglich . » Seine römische Majestät hat sie wohl bei geschlossenen Fenstern erschlagen . « » Hm « , der Pfarrer schüttelte den Kopf , » weiß nit , Fensterscheiben hat ' s damal noch nit gegeben , Fliegengatter vielleicht - « » Er hat s ' wohl mehr im Griff gehabt . « » So wird ' s sein « , lachte der alte Herr , schulterte sein Pfeifenrohr und drückte die Asche im Tonkopfe mit dem Daumen zusammen , dann sog er an der Spitze , um zu erproben , ob noch ein Stäubchen glimme ; es bekam ihm übel , verkohltes Gekrümel flog ihm in den Mund , er eilte zum Spucknapf und sprudelte und spuckte . » Kreuzdividomini « , schimpfte er , » daß ich allweil vergeß , daß aus aus ist . « Er klopfte mit der Pfeife so energisch gegen das Fensterbrett , daß die Tonscherben hinaus ins Freie sprangen . » Oh , Sakra hnein , jetzt is s ' hin auch noch ! « Der Kaplan lehnte sich mit einem überlegenen Lächeln in seinem Stuhl zurück und begann - vermutlich wähnte er , der Geist sei über ihn gekommen - in fremder Zunge zu reden : » Här Bfarrer , Sie zaigen da eihnen so hibschen Zoornesaifer , deer auhf gresere Dünge ankewahndt ... « Der Pfarrer drehte sich auf dem Absatze nach dem Sprecher um . Er kniff die Augen zusammen , als wolle er sich seinen Mann genauer betrachten . » Sein S ' gscheit ? Sie werdn doch mir kein Predigt halten wolln , Herr Sederl ? Wo wolln S ' denn hnaus damit ? « Sederl vermied das ihm abträgliche Hochdeutsch , als er fortfuhr : » Nehmen S ' ' s nit übel , ich bin jetzt lang genug um Sie , seh , daß Sie das Zeug dazu hätten , so recht dareinzuteufeln , aber Sie erhitzen sich über Kleinigkeiten , statt ... « » Das is a Fehler « , fiel ihm der Pfarrer eifrig ins Wort , » ein leidiger Temperamentsfehler , da habn S ' vollkommen recht , mein lieber Sederl ! Sooft mir so ein verluderter Ausdruck hrausfahrt , reut mich ' s und bitt ich unsern Herrgott , daß er mir d ' Sünd verzeiht , und schäm mich nit wenig , mich alten - mich alten Menschen über so einer Ungebühr zu ertappen , wogegen ich jahraus und -ein ' n Bauern gute Lehren geb ! Nun , Sie habn gsehn , das vorhin war wegn der verhöllten Pfeifen , das is mein Schaden gwest , den ich durch mein Zornmütigkeit nur größer gmacht hab , daß ich mich aber einmeng und dadurch etwa ein fremden vergrößer , da werd ich mich hüten ; überhaupt , Gott dienen und Dreinteufeln , stimmt mir nit . Doch weil wir just auf dem Gegenstand sein , reden wir sich aus ! Sie sind noch jung , Herr Kaplan , und können zulernen , und ich bin nit zu alt , mich aufklären zu lassen . Reden wir sich aus ! Wo nachher , meinen S ' denn , daß ' sselbe Dreinteufeln am Ort wär ? « » Der Johann Nepomuk Kleebinder und die Helene Zinshofer haben das einmalige Aufgebot erwirkt und können in wenig Tagen über Hals und Kopf in den heiligen Ehstand treten . « » Wohl ! « » Nach dem Gemunkel und Gered der Leute dürfte aber eine Entwürdigung des Sakramentes dahinterstecken , die für die Gemeinde vom übelsten Beispiel sein könnte . « » Versteh , versteh Sie vollkommen , Herr Kaplan . Aber auf Dürfen und Können können und dürfen wir nichts geben . Wo Sie fürchten , in Schmutz zu greifen , da halten S ' als reinlicher Mensch die Händ davon . Alles Gred und Gmunkel hat nicht Hellers Wert für mich , erst wenn sich dessen volle Wahrheit im Beichtstuhl erweisen sollt , tritt die Frag an mich heran , wie wohl das räudige Schaf am heilsamsten zu behandeln wär , ob ich ' n Stab Wehe oder ' n Stab Sanft dazu aus ' m Winkel langen soll , und bitte , Herr Kaplan , bitte , sich eben just da an meine Stell zu versetzen . Was würden Sie tun ? Würden Sie durch ein besonderes Veranstalten , und wär ' s auch nur durch ein Verdonnern in der Amtsstube , wo jeds horchen herzurennt , das in der Näh weilt , würden Sie durch so was Vergehen , die schon unters Beichtsiegel gnommen sind , ' n Leuten zu vermerken geben ? Wollen Sie die Gfallnen , statt sie aufzurichten , tiefer niederducken und die andern drüber wegsteigen lassen und in ihrer Schadenfreud und Hochmütigkeit bestärken ? Wollen Sie einm Gschöpf , das die Unsauberkeit , in der ' s bisher gsteckt hat , mit einmal inne wird und sich rechten Wegs besinnt und voll Angst und Verzagtheit auf selbm hinflücht , denselbigen verlegn und erschweren ? Wolln Sie das ? « Er machte dabei mit dem Pfeifenrohre einen Ausfall gegen den jungen Kleriker und traf mit der Federspule dessen zweiten Rockknopf . Der Kaplan knickte , beide Hände vorstreckend , in dem Stuhle zusammen , als ob ihn der Stoß niedergeworfen hätte . » Mein Gott , nein « , sagte er . » Ich denk selber , daß Ihnen dazu ' s Herz versaget « , fuhr der Pfarrer fort . » Schaun S ' , Hasen vom Kohl scheuchen und Gäns in Stall treiben , is halt zweierlei ! Um von üble Vorsätz abzschrecken , mag ' s schon taugn , ein rechten Lärm z ' schlagen , aber ' m Gschehnen gegenüber richt mer mit alle Himmelheiligkreuzdonnerwetter nix , und wann einer da werktätig Reu bezeigt , so muß ich trachten , daß ich ihn bei gutm Mut und Willen erhalt ! Die Leut sündigen oft in aller Unschuld , will sagen aus purer Dummheit , Bosheit liegt ihnen fern , und ' m Dolus fragt selbst die irdische Gerechtigkeit nach . Nun mag ' s in dem Fall mit der Braut schlimm gnug bestellt sein , aber ' n Umständen nach is es ausgeschlossen , daß das ' m Bräutigam verborgen bleibt , und der is ein braver Bursch , und wenn der ' n Mantel der christlichen Nächstenlieb über ' n Schaden breit , soll ich ' n nachher aufdecken ? Soll ich die Dirn , die sich grad noch rechtzeit , bevor sie sich verloren gibt , auf Zucht und Ehrbarkeit zurückbesinnt , hart anlassen und machen , daß s ' auch nur für ein Augenblick ihre guten Vorsätz bereut ? « Er reckte die Hand empor und schüttelte mit den gespreizten Fingern . » Ah , nein , nein , mein Lieber ! Ich weiß zu gut , was so eine zrückgtretene Reu stiften kann , das is wie bei einm Ausschlag , und die Folg möcht ich nit auf mein Gwissen nehmen ! « » Ich ja auch nit « , seufzte der Kaplan . » Und was Sie von einm üblen Beispiel und Entwürdigung reden , trifft auch nit zu . So ein ledigs Zsamm- und Auseinanderlaufen findt mer , leider Gotts , gnug da herum in der Gegend , und in dem liegt ' s üble Beispiel , nit an denen , die ' n kirchlichen Segen ansuchen . Es kann auch von keiner Entwürdigung des Sakraments die Red sein , denn dem der Eh geht , wie wir wissen , das der Buß voran , auf alle Fälle treten also beide Teile rein vor ' n Altar hin ; ins Herz vermag ich keinm z ' schaun ; steckt noch in