etwas Außerordentliches bedeuten . Herr Sesemann trat zu ihr heraus und erklärte ihr , wie es mit Heidi stehe , und daß er wünsche , sie möchte das Kind sofort , gleich heute noch , nachhause bringen . Die Base sah sehr enttäuscht aus ; diese Nachricht hatte sie nicht erwartet . Sie erinnerte sich auch noch recht wohl der Worte , die ihr der Öhi mit auf den Weg gegeben hatte , daß sie ihm nie mehr vor die Augen kommen solle , und so das Kind dem Alten einmal bringen und dann nehmen und dann wiederbringen , das schien ihr nicht ganz geraten zu sein . Sie besann sich also nicht lange , sondern sagte mit großer Beredsamkeit , heute wäre es ihr leider völlig unmöglich , die Reise anzutreten , und morgen könnte sie noch weniger daran denken , und die Tage darauf wäre es am allerunmöglichsten , um der darauffallenden Geschäfte willen , und nachher könnte sie dann gar nicht mehr . Herr Sesemann verstand die Sprache und entließ die Base ohne weiteres . Nun ließ er den Sebastian vortreten und erklärte ihm , er habe sich unverzüglich zur Reise zu rüsten ; heute habe er mit dem Kinde bis nach Basel zu fahren , morgen bringe er es heim . Dann könne er sogleich wieder umkehren , zu berichten habe er nichts , ein Brief an den Großvater werde diesem alles erklären . » Nun aber noch eine Hauptsache , Sebastian « , schloß Herr Sesemann , » und daß Er mir das pünktlich besorgt ! Den Gasthof in Basel , den ich Ihm hier auf meine Karte geschrieben , kenne ich . Er weist meine Karte vor , dann wird Ihm ein gutes Zimmer angewiesen werden für das Kind ; für sich selbst wird Er schon sorgen . Dann geht Er erst in des Kindes Zimmer hinein und verrammelt alle Fenster so vollständig , daß nur große Gewalt sie aufzubringen vermöchte . Ist das Kind zu Bett , so geht Er und schließt von außen die Tür ab , denn das Kind wandert herum in der Nacht und könnte Gefahr laufen in dem fremden Haus , wenn es etwa hinausginge und die Haustür aufmachen wollte ; versteht Er das ? « » Ah ! ah ! ah ! das war ' s ? so war ' s ? « stieß Sebastian jetzt in größter Verwunderung aus , denn es war ihm eben ein großes Licht aufgegangen über die Geistererscheinung . » Ja , so war ' s ! das war ' s ! und Er ist ein Hasenfuß , und dem Johann kann Er sagen , er sei desgleichen und alle miteinander eine lächerliche Mannschaft . « Damit ging Herr Sesemann nach seiner Stube , setzte sich hin und schrieb einen Brief an den Alm-Öhi . Sebastian war verdutzt mitten im Zimmer stehen geblieben und wiederholte jetzt zu öfteren Malen in seinem Innern : » Hätt ' ich mich doch von dem Feigling von einem Johann nicht in die Wachtstube hineinreißen lassen , sondern wäre dem weißen Figürchen nachgegangen , was ich doch jetzt unzweifelhaft tun würde ! « denn jetzt beleuchtete die helle Sonne jeden Winkel der hellgrauen Stube mit voller Klarheit . Unterdessen stand Heidi völlig ahnungslos in seinem Sonntagsröckchen und wartete ab , was geschehen sollte , denn die Tinette hatte es nur aus dem Schlafe aufgerüttelt , die Kleider aus dem Schrank genommen und das Anziehen gefördert , ohne ein Wort zu sagen . Sie sprach niemals mit dem ungebildeten Heidi , denn das war ihr zu gering . Herr Sesemann trat mit seinem Brief ins Eßzimmer ein , wo das Frühstück bereit stand , und rief : » Wo ist das Kind ? « Heidi wurde gerufen . Als es zu Herrn Sesemann herantrat , um ihm » guten Morgen « zu sagen , schaute er ihm fragend ins Gesicht : » Nun , was sagst du denn dazu , Kleine ? « Heidi blickte verwundert zu ihm auf . » Du weißt am Ende noch gar nichts « , lachte Herr Sesemann . » Nun , heut ' gehst du heim , jetzt gleich . « » Heim ? « wiederholte Heidi tonlos und wurde schneeweiß , und eine kleine Weile konnte es gar keinen Atem mehr holen , so stark wurde sein Herz von dem Eindruck gepackt . » Nun , willst du etwa nichts wissen davon ? « fragte Herr Sesemann lächelnd . » O ja , ich will schon « , kam jetzt heraus , und nun war Heidi dunkelrot geworden . » Gut , gut « , sagte Herr Sesemann ermunternd , indem er sich setzte und Heidi winkte , dasselbe zu tun . » Und nun tüchtig frühstücken und hernach in den Wagen und fort . « Aber Heidi konnte keinen Bissen herunterbringen , wie es sich auch zwingen wollte aus Gehorsam ; es war in einem Zustand von Aufregung , daß es gar nicht wußte , ob es wache oder träume , und ob es vielleicht wieder auf einmal erwachen und im Nachthemdchen an der Haustür stehen werde . » Sebastian soll reichlich Proviant mitnehmen « , rief Herr Sesemann Fräulein Rottenmeier zu , die eben eintrat ; » das Kind kann nicht essen , begreiflicherweise . - Geh hinüber zu Klara , bis der Wagen vorfährt « , setzte er freundlich , zu Heidi gewandt , hinzu . Das war Heidis Wunsch : es sprang hinüber . Mitten in Klaras Zimmer war ein ungeheurer Koffer zu sehen , noch stand dessen Deckel weit offen . » Komm , Heidi , komm « , rief ihm Klara entgegen ; » sieh , was ich dir habe einpacken lassen , komm , freut ' s dich ? « Und sie nannte ihm eine ganze Menge von Dingen , Kleider und Schürzen , Tücher und Nähgerät , » und sieh hier , Heidi « , und Klara hob triumphierend einen Korb in die Höhe . Heidi guckte hinein und sprang hoch auf vor Freude , denn drinnen lagen wohl zwölf schöne , weiße , runde Brötchen , alle für die Großmutter . Die Kinder vergaßen in ihrem Jubel ganz , daß nun der Augenblick komme , da sie sich trennen mußten , und als mit einemmal der Ruf erschallte : » Der Wagen ist bereit ! « - da war keine Zeit mehr zum Traurigwerden . Heidi lief in sein Zimmer , da mußte noch ein schönes Buch von der Großmama liegen , niemand konnte es eingepackt haben , denn es lag unter dem Kopfkissen , weil Heidi Tag und Nacht sich nicht davon trennen konnte . Das wurde in den Korb auf die Brötchen gelegt . Dann machte es seinen Schrank auf ; noch suchte es nach einem Gute , das man vielleicht auch nicht eingepackt hatte . Richtig - auch das alte rote Tuch lag noch da , Fräulein Rottenmeier hatte es zu gering erachtet , um mit eingepackt zu werden . Heidi wickelte es um einen anderen Gegenstand und legte es zuoberst auf den Korb , so daß das rote Paket sehr sichtbar zur Erscheinung kam . Dann setzte es sein schönes Hütchen auf und verließ sein Zimmer . Die beiden Kinder mußten sich schnell Lebewohl sagen , denn Herr Sesemann stand schon da , um Heidi nach dem Wagen zu bringen . Fräulein Rottenmeier stand oben an der Treppe , um hier Heidi zu verabschieden . Als sie das seltsame rote Bündelchen erblickte , nahm sie es schnell aus dem Korb heraus und warf es auf den Boden . » Nein , Adelheid « , sagte sie tadelnd , » so kannst du nicht reisen von diesem Hause aus ; solches Zeug brauchst du überhaupt nicht mitzuschleppen . Nun lebe wohl . « Auf dieses Verbot hin durfte Heidi sein Bündelchen nicht wieder aufnehmen , aber es schaute mit einem flehentlichen Blick zu dem Hausherrn auf , so , als wollte man ihm seinen größten Schatz nehmen . » Nein , nein « , sagte Herr Sesemann in sehr bestimmtem Tone , » das Kind soll mit heimtragen , was ihm Freude macht , und sollte es auch junge Katzen oder Schildkröten mit fortschleppen , so wollen wir uns darüber nicht aufregen , Fräulein Rottenmeier . « Heidi hob eilig sein Bündelchen wieder vom Boden auf , und Dank und Freude leuchteten ihm aus den Augen . Unten am Wagen reichte Herr Sesemann dem Kinde die Hand und sagte ihm mit freundlichen Worten , sie würden seiner gedenken , er und seine Tochter Klara ; er wünschte ihm alles Gute auf den Weg , und Heidi dankte recht schön für alle Guttaten , die ihm zuteil geworden waren , und zum Schluß sagte es : » Und den Herrn Doktor lasse ich tausendmal grüßen und ihm auch vielmals danken . « Denn es hatte sich wohl gemerkt , wie er gestern Abend gesagt hatte : » Und morgen wird alles gut . « Nun war es so gekommen , und Heidi dachte , er habe dazu geholfen . Jetzt wurde das Kind in den Wagen gehoben und der Korb und die Provianttasche und der Sebastian kamen nach . Herr Sesemann rief noch einmal freundlich : » Glückliche Reise ! « und der Wagen rollte davon . Bald nachher saß Heidi in der Eisenbahn und hielt unbeweglich seinen Korb auf dem Schoße fest , denn es wollte ihn nicht einen Augenblick aus den Händen lassen , seine kostbaren Brötchen für die Großmutter waren ja darin , die mußte es sorglich hüten und von Zeit zu Zeit einmal wieder ansehen und sich freuen darüber . Heidi saß mäuschenstille während mehrerer Stunden , denn erst jetzt kam es recht zum Bewußtsein , daß es auf dem Wege sei heim zum Großvater , auf die Alm , zur Großmutter , zum Geißenpeter , und nun kam ihm alles vor Augen , eins nach dem anderen , was es wiedersehen werde , und wie alles aussehen werde daheim , und dabei stiegen ihm wieder neue Gedanken auf , und auf einmal sagte es ängstlich : » Sebastian , ist auch sicher die Großmutter auf der Alm nicht gestorben ? « » Nein , nein « , beruhigte dieser , » wollen ' s nicht hoffen , wird schon noch am Leben sein . « Dann fiel Heidi wieder in sein Sinnen zurück ; nur hier und da guckte es einmal in seinen Korb hinein , denn alle die Brötchen der Großmutter auf den Tisch legen , war sein Hauptgedanke . Nach längerer Zeit sagte es wieder : » Sebastian , wenn man nur auch ganz sicher wissen könnte , daß die Großmutter noch am Leben ist . « » Ja wohl ! Ja wohl ! « entgegnete der Begleiter halb schlafend ; » wird schon noch leben , wüßte auch gar nicht , warum nicht . « Nach einiger Zeit drückte der Schlaf auch Heidis Augen zu , und nach der vergangenen unruhigen Nacht und dem frühen Aufstehen war es so schlafbedürftig , daß es erst wieder erwachte , als Sebastian es tüchtig am Arm schüttelte und ihm zurief : » Erwachen ! Erwachen ! Gleich aussteigen , in Basel angekommen ! « Am folgenden Morgen ging ' s weiter , viele Stunden lang . Heidi saß wieder mit seinem Korb auf dem Schoß , den es um keinen Preis dem Sebastian übergeben wollte ; aber heute sagte es gar nichts mehr , denn nun wurde mit jeder Stunde die Erwartung gespannter . Dann auf einmal , als Heidi gar nicht daran dachte , ertönte laut der Ruf : » Maienfeld ! « Es sprang von seinem Sitz auf , und dasselbe tat Sebastian , der auch überrascht worden war . Jetzt standen sie draußen , der Koffer mit ihnen , und der Bahnzug pfiff weiter ins Tal hinein . Sebastian sah ihm wehmütig nach , denn er wäre viel lieber so sicher und ohne Mühe weitergereist , als daß er nun eine Fußpartie unternehmen sollte , die dazu noch mit einer Bergbesteigung enden mußte , die sehr beschwerlich und dazu gefahrvoll sein konnte in diesem Lande , wo doch alles noch halb wild war , wie Sebastian annahm . Er schaute daher sehr vorsichtig um sich , wen er etwa beraten könnte über den sichersten Weg nach dem » Dörfli « . Unweit des kleinen Stationsgebäudes stand ein kleiner Leiterwagen mit einem mageren Rößlein davor ; auf diesen wurden von einem breitschultrigen Manne ein paar große Säcke aufgeladen , die mit der Bahn hergebracht worden waren . Sebastian trat zu ihm heran und brachte seine Frage nach dem sichersten Weg zum Dörfli vor . » Hier sind alle Wege sicher « , war die kurze Antwort . Jetzt fragte Sebastian nach dem besten Wege , auf dem man gehen könne , ohne in die Abgründe zu stürzen , und auch wie man einen Koffer nach dem betreffenden Dörfli befördern könnte . Der Mann schaute nach dem Koffer hin und maß ihn ein wenig mit den Augen ; dann erklärte er , wenn das Ding nicht zu schwer sei , so wolle er es auf seinen Wagen nehmen , da er selbst nach dem Dörfli fahre , und so gab noch ein Wort das andere , und endlich kamen die beiden überein , der Mann solle Kind und Koffer mit auf seinen Wagen nehmen , und nachher vom Dörfli aus könne das Kind am Abend mit irgendjemand auf die Alm geschickt werden . » Ich kann allein gehen , ich weiß schon den Weg vom Dörfli auf die Alm « , sagte hier Heidi , das mit Aufmerksamkeit der Verhandlung zugehört hatte . Dem Sebastian fiel eine schwere Last vom Herzen , als er sich so auf einmal seiner Aussicht auf das Bergklettern entledigt sah . Er winkte nun Heidi geheimnisvoll auf die Seite und überreichte ihm hier eine schwere Rolle und einen Brief an den Großvater , und erklärte ihm , die Rolle sei ein Geschenk von Herrn Sesemann , die müsse aber zuunterst in den Korb gesteckt werden , noch unter die Brötchen , und darauf müsse genau achtgegeben werden , daß sie nicht verloren gehe , denn darüber würde Herr Sesemann ganz fürchterlich böse und sein Leben lang nie mehr gut werden ; das sollte das Mamsellchen nur ja bedenken . » Ich verliere sie schon nicht « , sagte Heidi zuversichtlich und steckte die Rolle samt dem Brief zu allerunterst in den Korb hinein . Nun wurde der Koffer aufgeladen , und nachher hob Sebastian Heidi samt seinem Korb auf den hohen Sitz empor , reichte ihm seine Hand hinauf zum Abschied und ermahnte es noch einmal mit allerlei Zeichen , auf den Inhalt des Korbes ein Auge zu haben ; denn der Führer war noch in der Nähe , und Sebastian war vorsichtig , besonders jetzt , da er wußte , er hätte eigentlich selbst das Kind an Ort und Stelle bringen sollen . Der Führer schwang sich jetzt neben Heidi auf den Sitz hinauf , und der Wagen rollte den Bergen zu , während Sebastian , froh über seine Befreiung von der gefürchteten Bergreise , sich am Stationshäuschen niedersetzte , um den zurückgehenden Bahnzug abzuwarten . Der Mann auf dem Wagen war der Bäcker vom Dörfli , welcher seine Mehlsäcke nachhause fuhr . Er hatte Heidi nie gesehen , aber wie jedermann im Dörfli wußte er von dem Kinde , das man dem Alm-Öhi gebracht hatte ; auch hatte er Heidis Eltern gekannt und sich gleich vorgestellt , er werde es mit dem vielbesprochenen Kinde hier zu tun haben . Es wunderte ihn nun ein wenig , warum das Kind schon wieder heimkomme , und während der Fahrt fing er nun mit Heidi ein Gespräch an : » Du wirst das Kind sein , das oben beim Alm-Öhi war , beim Großvater ? « » Ja . « » So ist es dir schlecht gegangen , daß du schon wieder von so weit her heimkommst ? « » Nein , das ist es mir nicht ; kein Mensch kann es so gut haben , wie man es in Frankfurt hat . « » Warum läufst du denn heim ? « » Nur weil es mir der Herr Sesemann erlaubt hat , sonst wär ' ich nicht heimgelaufen . « » Pah , warum bist du denn aber nicht lieber dort geblieben , wenn man dir ' s schon erlaubt hat , heimzugehen ? « » Weil ich tausendmal lieber heim will zum Großvater auf die Alm , als sonst alles auf der Welt . « » Denkst vielleicht anders , wenn du hinaufkommst « , brummte der Bäcker ; » nimmt mich aber doch wunder « , sagte er dann zu sich selbst , » es kann wissen , wie ' s ist . « Nun fing er an zu pfeifen und sagte nichts mehr , und Heidi schaute um sich und fing an innerlich zu zittern vor Erregung , denn es erkannte die Bäume am Wege , und drüben standen die hohen Zacken des Falknis-Berges und schauten zu ihm herüber , so als grüßten sie es wie gute , alte Freunde ; und Heidi grüßte wieder , und mit jedem Schritt vorwärts wurde Heidis Erwartung gespannter und es meinte , es müsse vom Wagen herunterspringen und aus allen Kräften laufen , bis es ganz oben wäre . Aber es blieb doch still sitzen und rührte sich nicht , aber alles zitterte an ihm . Jetzt fuhren sie im Dörfli ein , eben schlug die Glocke fünf Uhr . Augenblicklich sammelte sich eine Gesellschaft von Kindern und Frauen um den Wagen herum , und ein paar Nachbarn traten auch noch herzu , denn der Koffer und das Kind auf des Bäckers Wagen hatten die Aufmerksamkeit aller Umwohnenden auf sich gezogen , und jeder wollte wissen , woher und wohin und wem beide zugehörten . Als der Bäcker Heidi heruntergehoben hatte , sagte es eilig : » Danke , der Großvater holt dann schon den Koffer « , und wollte davonrennen . Aber von allen Seiten wurde es festgehalten , und eine Menge von Stimmen fragten alle auf einmal , jede etwas Eigenes . Heidi drängte sich mit einer solchen Angst auf dem Gesichte durch die Leute , daß man ihm unwillkürlich Platz machte und es laufen ließ , und einer sagte zum anderen : » Du siehst ja , wie es sich fürchtet , es hat auch alle Ursache . « Und dann fingen sie noch an , sich zu erzählen , wie der Alm-Öhi seit einem Jahr noch viel ärger geworden sei , als vorher , und mit keinem Menschen mehr ein Wort rede und ein Gesicht mache , als wolle er am liebsten jeden umbringen , der ihm in den Weg komme , und wenn das Kind auf der ganzen Welt noch wüßte wohin , so liefe es nicht in das alte Drachennest hinauf . Aber hier fiel der Bäcker in das Gespräch ein und sagte , er werde wohl mehr wissen , als sie alle , und erzählte dann sehr geheimnisvoll , wie ein Herr das Kind bis nach Maienfeld gebracht und es ganz freundlich entlassen habe , und auch gleich ohne Markten ihm den geforderten Fahrpreis und dazu noch ein Trinkgeld gegeben habe , und überhaupt könne er sicher sagen , daß es dem Kind wohl genug gewesen sei , wo es war , und es selbst begehrt habe , zum Großvater zurückzugehen . Diese Nachricht brachte eine große Verwunderung hervor und wurde nun gleich im ganzen Dörfli so verbreitet , daß noch am gleichen Abend kein Haus daselbst war , in dem man nicht davon redete , daß das Heidi aus allem Wohlleben zum Großvater zurückbegehrt habe . Heidi lief vom Dörfli bergan , so schnell es nur konnte ; von Zeit zu Zeit mußte es aber plötzlich stillestehen , denn es hatte ganz den Atem verloren ; sein Korb am Arm war doch ziemlich schwer , und dazu ging es nun immer steiler , je höher hinauf es ging . Heidi hatte nur noch einen Gedanken : » Wird auch die Großmutter noch auf ihrem Plätzchen sitzen am Spinnrad in der Ecke , ist sie auch nicht gestorben unterdessen ? « Jetzt erblickte Heidi die Hütte oben in der Vertiefung an der Alm , sein Herz fing an zu klopfen , Heidi rannte noch mehr , immer mehr und immer lauter schlug ihm das Herz . - Jetzt war es oben - vor Zittern konnte es fast die Tür nicht aufmachen - doch jetzt - es sprang hinein bis mitten in die kleine Stube und stand da , völlig außer Atem , und brachte keinen Ton hervor . » Ach du mein Gott « , tönte es aus der Ecke hervor , » so sprang unser Heidi herein , ach , wenn ich es noch ein Mal im Leben bei mir haben könnte ! Wer ist hereingekommen ? « » Da bin ich ja , Großmutter , da bin ich ja « , rief Heidi jetzt und stürzte nach der Ecke und gleich auf seine Knie zu der Großmutter heran , faßte ihren Arm und ihre Hände , und legte sich an sie und konnte vor Freude gar nichts mehr sagen . Erst war die Großmutter so überrascht , daß auch sie kein Wort hervorbringen konnte ; dann fuhr sie mit der Hand streichelnd über Heidis Kraushaare hin , und nun sagte sie ein Mal über das andere : » Ja , ja , das sind seine Haare und es ist ja seine Stimme , ach du lieber Gott , daß du mich das noch erleben lässest ! « Und aus den blinden Augen fielen ein paar große Freudentränen auf Heidis Hand nieder . » Bist du ' s auch . Heidi , bist du auch sicher wieder da ? « » Ja , ja , sicher , Großmutter « , rief Heidi nun mit aller Zuversicht , » weine nur nicht , ich bin ganz gewiß wieder da und komme alle Tage zu dir und gehe nie wieder fort , und du mußt auch manchen Tag kein hartes Brot mehr essen , siehst du , Großmutter , siehst du ? « Und Heidi packte nun aus seinem Korb ein Brötchen nach dem andern aus , bis es alle zwölf auf dem Schoß der Großmutter aufgehäuft hatte . » Ach Kind ! Ach Kind ! was bringst du denn für einen Segen mit ! « rief die Großmutter aus , als es nicht enden wollte mit den Brötchen und immer noch eines folgte . » Aber der größte Segen bist du mir doch selber , Kind ! « Dann griff sie wieder in Heidis krause Haare und strich über seine heißen Wangen , und sagte wieder : » Sag noch ein Wort , Kind , sag noch etwas , daß ich dich hören kann . « Heidi erzählte nun der Großmutter , welche große Angst es habe ausstehen müssen , sie sei vielleicht gestorben unterdessen und habe nun gar nie die weißen Brötchen bekommen , und es könne nie , nie mehr zu ihr gehen . Jetzt trat Peters Mutter herein und blieb einen Augenblick unbeweglich stehen vor Erstaunen . Dann rief sie : » Sicher , es ist das Heidi , wie kann auch das sein ! « Heidi stand auf und gab ihr die Hand , und die Brigitte konnte sich gar nicht genug verwundern darüber , wie Heidi aussehe , und ging um das Kind herum und sagte : » Großmutter , wenn du doch nur sehen könntest , was für ein schönes Röcklein das Heidi hat , und wie es aussieht ; man kennt es fast nicht mehr . Und das Federnhütlein auf dem Tisch gehört dir auch noch ? Setz es doch einmal auf , so kann ich sehen , wie du drin aussiehst . « » Nein , ich will nicht « , erklärte Heidi , » du kannst es haben , ich brauche es nicht mehr , ich habe schon noch mein eigenes . « Damit machte Heidi sein rotes Bündelchen auf und nahm sein altes Hütchen daraus hervor , das auf der Reise zu den Knicken , die es schon vorher gehabt , noch einige bekommen hatte . Aber das kümmerte das Heidi wenig ; es hatte ja nicht vergessen , wie der Großvater beim Abschied nachgerufen hatte , in einem Federnhut wolle er es niemals sehen ; darum hatte Heidi sein Hütchen so sorgfältig aufgehoben , denn es dachte ja immer ans Heimgehen zum Großvater . Aber die Brigitte sagte , so einfältig müsse es nicht sein , es sei ja ein prächtiges Hütchen , das nehme sie nicht ; man könnte es ja etwa dem Töchterlein vom Lehrer im Dörfli verkaufen und noch viel Geld bekommen , wenn es das Hütlein nicht tragen wolle . Aber Heidi blieb bei seinem Vorhaben und legte das Hütchen leise hinter die Großmutter in den Winkel , wo es ganz verborgen war . Dann zog Heidi auf einmal sein schönes Röcklein aus , und über das Unterröckchen , in dem es nun mit bloßen Armen dastand , band es das rote Halstuch , und nun faßte es die Hand der Großmutter und sagte : » Jetzt muß ich heim zum Großvater , aber morgen komm ' ich wieder zu dir ; gute Nacht , Großmutter . « » Ja , komm auch wieder , Heidi , komm auch morgen wieder « , bat die Großmutter und drückte seine Hand zwischen den ihrigen und konnte das Kind fast nicht loslassen . » Warum hast du denn dein schönes Röcklein ausgezogen ? « fragte die Brigitte . » Weil ich lieber so zum Großvater will , sonst kennt er mich vielleicht nicht mehr , du hast mich ja auch fast nicht gekannt darin . « Die Brigitte ging noch mit Heidi vor die Tür hinaus , und hier sagte sie ein wenig geheimnisvoll zu ihm : » Den Rock hättest du schon anbehalten können , er hätte dich doch gekannt ; aber sonst mußt du dich inacht nehmen ; der Peterli sagt , der Alm-Öhi sei jetzt immer bös und rede kein Wort mehr . « Heidi sagte » gute Nacht « und stieg die Alm hinan mit seinem Korb am Arm . Die Abendsonne leuchtete ringsum auf die grüne Alm , und jetzte war auch drüben das große Schneefeld an der Schesaplana sichtbar geworden und strahlte herüber . Heidi mußte alle paar Schritte wieder stillestehen und sich umkehren , denn die hohen Berge hatte es im Rücken beim Hinaufsteigen . Jetzt fiel ein roter Schimmer vor seinen Füßen auf das Gras , es kehrte sich um , da - so hatte es die Herrlichkeit nicht mehr im Sinn gehabt und auch nie so im Traum gesehen - die Felshörner am Falknis flammten zum Himmel auf , das weite Schneefeld glühte und rosenrote Wolken zogen darüber hin ; das Gras rings auf der Alm war golden , von allen Felsen flimmerte und leuchtete es nieder und unten schwamm weithin das ganze Tal in Duft und Gold . Heidi stand mitten in der Herrlichkeit , und vor Freude und Wonne liefen ihm die hellen Tränen die Wangen herunter , und es mußte die Hände falten und in den Himmel hinaufschauen und ganz laut dem lieben Gott danken , daß er es wieder heimgebracht hatte , und daß alles , alles noch so schön sei und noch viel schöner , als es gewußt hatte , und daß alles wieder ihm gehöre ; und Heidi war so glücklich und so reich in all der großen Herrlichkeit , daß es gar nicht Worte fand , dem lieben Gott genug zu danken . Erst als das Licht ringsum verglühte , konnte Heidi wieder von der Stelle weg ; nun rannte es aber so den Berg hinan , daß es gar nicht lange dauerte , so erblickte es oben die Tannenwipfel über dem Dache und jetzt das Dach und die ganze Hütte , und auf der Bank an der Hütte saß der Großvater und rauchte sein Pfeifchen , und über die Hütte her wogten die alten Tannenwipfel und rauschten im Abendwind . Jetzt rannte das Heidi noch mehr , und bevor der Alm-Öhi nur recht sehen konnte , was da herankam , stürzte das Kind schon auf ihn hin , warf seinen Korb auf den Boden und umklammerte den Alten , und vor Aufregung des Wiedersehens konnte es nichts sagen , als nur immer ausrufen : » Großvater ! Großvater ! Großvater ! « Der Großvater sagte auch nichts . Seit vielen Jahren waren ihm zum erstenmal wieder die Augen naß geworden , und er mußte mit der Hand darüberfahren . Dann löste er Heidis Arme von seinem Hals , setzte das Kind auf seine Knie und betrachtete es einen Augenblick . » So bist du wieder heimgekommen , Heidi « , sagte er dann ; » wie ist das ? Besonders hoffärtig siehst du nicht aus , haben sie dich fortgeschickt ? « » O nein , Großvater « , fing Heidi nun mit Eifer an , » das mußt du nicht glauben , sie waren alle so gut , die Klara und die Großmama und der Herr Sesemann ; aber siehst du , Großvater , ich konnte es fast gar nicht mehr aushalten , bis ich wieder bei dir daheim sein könnte , und ich habe manchmal gemeint , ich müsse ganz ersticken , so hat es mich gewürgt ; aber ich habe gewiß nichts gesagt , weil es undankbar war . Aber dann auf einmal an einem Morgen rief mich der Herr Sesemann ganz früh - aber ich glaube , der Herr Doktor war schuld daran - aber es steht vielleicht alles in dem Brief « - damit sprang Heidi auf den Boden und holte seinen Brief und seine Rolle aus dem