noch nicht weiß ! Aber saget es ihm , Reb Itzig ! Er soll nicht klagen dürfen , daß wir ihm etwas verschwiegen haben ! « » Ich verstehe Euch nicht ! « versicherte der Marschallik treuherzig und blickte sie fragend an , » etwas , was dagegen spricht ? ! Davon habe ich Euch gegenüber nichts erwähnt und wüßte es auch unserem Sender nicht zu sagen . Es spricht ja alles dafür ! « » Nun « , sagte Frau Rosel , » zum Beispiel , daß leider ein Verbrecher in der Familie ist . « » Ein Verbrecher ? ! « rief Türkischgelb entrüstet . » In dieser Familie ? ! Frau Rosel , verzeiht , aber das müßt Ihr geträumt haben . Die Familie von Reb Mortche ist ja von einem Adel , einem Adel - Gott , wie soll ich den beschreiben ? ! Ist es nicht schon genug , wenn ich sage , daß Reb Mortches Großvater der berühmte Reb Srulze war , der den ganzen Talmud auswendig gekonnt hat ? ! Auswendig , Sender ! - von vorn und von hinten hat er ihn hersagen können , und wenn man ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf geweckt hat ! Von hinten , mitten in der Nacht ! - Wenn du nicht darauf brennst , die Urenkelin von einem solchen Gelehrten zum Weibe zu bekommen , so verdienst du nicht , ein Jude zu sein ! Und wer ist denn der Bruder deiner künftigen Schwiegermutter ? Der erste Gabe ( höherer Diener , etwa Sekretär ) beim Wunderrabbi von Nadworna . Und wen hat Reb Mortches Sohn , dein ältester Schwager , geheiratet ? ! Die Tochter von Reb Meier Hirschler in Tluste - ja , von Reb Meier so wahr ich lebe ! Und Reb Meier ist doch gewiß der größte Gelehrte im Barnower Kreis , aber der hat nicht von einer Verbrecherfamilie gesprochen ! « » Ich auch nicht « , meinte Frau Rosel . » Aber deshalb bleibt ' s doch wahr , daß Reb Mortches einziger Bruder - « » Still , Frau Rosel , still ! « Itzig Türkischgelb zuckte schmerzlich zusammen , dann erhob er sich würdevoll , ein Zug tiefer , milder Wehmut lag auf seinem Antlitz . » Still « , wiederholte er zum dritten Male . » Mir tut das Herz weh , wenn ich anhören muß , wie sich eine fromme Frau wie Ihr gegen Gott versündigt . Er , der Allerbarmer , hat uns befohlen : Lasset die Toten ruhen und richtet sie nicht ! Warum - « » Das hab ' ich nicht gewußt « , fiel sie ein . » Ist also der Mensch inzwischen gestorben ? « » Schon vor drei Jahren « , sagte Itzig Türkischgelb mit zitternder Stimme . » Er ruhe in Frieden ! « » Also gleich nachdem er ins Zuchthaus gekommen ist ? « fragte sie . » Denn vor drei Jahren ist er ja erst verurteilt worden ! Mir scheint aber , Ihr irrt Euch ! Denn wie ich mich nach der Sache erkundigt habe , hat mir Reb Jossele , der Lehrherr von Sender , der den Lumpen , den Noah kennt und damals auch als Zeuge vor Gericht erscheinen mußte , gesagt , daß er ihn erst vor einigen Monaten bei der Durchfahrt in Zloczow gesehen hat . Dort ist ja das Zuchthaus . Und Noah ist mit anderen Sträflingen im Straßengraben gesessen und hat Steine zum Straßenbau geklopft ! « » Und das nennt Reb Jossele leben ? ! « rief Türkischgelb . » Ich hätt ' ihn für gescheiter gehalten ! Wer ins Zuchthaus kommt , ist tot ! Noah ist tot für die Welt , tot für den Bruder ! ... Du darfst aber nicht glauben « , wandte er sich an Sender , » daß er am Ende gar ein Räuber oder ein Mörder war ! Unglück im Geschäft hat er gehabt - sonst nichts ! « » Saget das nicht « , verwies ihm Frau Rosel streng . » Ihr seid ja selbst ein so ehrlicher Mann . Auch Reb Mortche wird mir gerühmt , und daß er nicht das geringste mit den Gaunereien seines Bruders zu tun gehabt hat ! « » Ich möcht ' s auch niemand raten , so was zu sagen ! « rief der Marschallik . » Dieser Noah - sieh , Sender , wie merkwürdig das Leben ist ! Er war der Enkel von Reb Srulze , der den ganzen Talmud von hinten hat hersagen können , und auch sein Vater war ein Frommer und Gerechter , und erst sein älterer Bruder Mortche - solche Vorbilder hat noch kein Mensch gehabt ! Und was wird aus ihm ? Ein Gauner ! Statt Uhrmacher zu bleiben wie Mortche , wird er Uhrenhändler , nimmt in der Schweiz und in Frankreich und weiß Gott wo Uhren auf Kredit und beschwindelt die Leut ' von hinten und vorn , fälscht Wechsel , handelt mit gestohlenem Gut ! Reb Mortche mahnt und rettet ihn ein- , zweimal , endlich sagt er sich von ihm los . Und wie hat er sich seinetwegen bei dem Prozeß gekränkt und geschämt , obwohl es doch eigentlich eine Ehre für ihn war - « » Eine Ehre ! « rief Sender . » Gewiß ! Denn alle Leut ' haben gesagt : So ein Lump und so ein Ehrenmann sind unter demselben Herzen gelegen - zwei so verschiedene Brüder hat die Welt noch nicht gesehen ! Übrigens frag ' ich - « der Marschallik erhob sich - » ich frag ' Euch , Frau Rosel , und dich , Sender , frag ' ich : Ist diese schöne , dicke Chaje mit den sechshundert Gulden die Tochter von Noah oder von Mortche ? ! Gebt mir zur Güte Antwort ! « » Ich hab ' s schon gesagt « , erwiderte Rosel , » es ist für Sender doch ein Glück , nur soll er alles wissen . Darum soll ihm auch die Bedingung nicht verschwiegen sein , daß er sich nach fünf Jahren überall , wo er will , niederlassen darf , nur in Mielnica nicht . Denn das verschlechtert die Partie ! « » Nein , es verbessert sie ! « rief der Marschallik . » Ein junger Ehemann soll nicht immer unter den Augen seiner Schwiegereltern bleiben - es tut nicht gut , Frau Rosel , glaubt meiner Erfahrung , es tut nicht gut . Wie gern wird Sender nach fünf Jahren mit seiner Chaje und seinen Kinderchen , die ihm Gott schenken wird , hierherziehen oder nach Tarnopol - wohin er will , und wo es gut für ihn ist . « » Warum stellt Mortche diese Bedingung ? « fragte Sender . » Weil er « , erwiderte Frau Rosel , » seinen Ältesten auch zum Uhrmacher ausbildet und nicht will , daß du ihm einst vielleicht die Kunden wegfängst . Der Sohn soll das Geschäft erben . Nun , das ist im Grunde auch nur gerecht , und ich kann mir ja auch für dich nicht alles auswählen , wie für einen Prinzen . Ich muß Gott danken , daß sich die Sache mit dem Noah ereignet hat , sonst würde Reb Mortche gewiß nichts von dir hören wollen . Aber was dies betrifft - das besprechen wir noch , wenn es nötig sein sollte . Ich hoff ' aber , es ist nicht nötig . « Sie blickte den Sohn fest an und strich die Tischdecke glatt . » Ich dank ' Euch , Reb Itzig « , wandte sie sich dann an den Marschallik . » Sender weiß jetzt , um was es sich handelt und daß es wirklich ein Glück ist , das wir ihm zuwenden wollen . Also - heut ' ist Mittwoch , Sonntag früh fahrt Ihr mit ihm auf Brautschau . Es bleibt dabei , wie wir es verabredet haben , Sonntag früh bitte ich Euch hierherzukommen . « » Gut ! « erwiderte Reb Itzig . » Aber ein Glück für Sender sagt Ihr - nur ein Glück ? ! Im siebenten Himmel kann er sich fühlen , im vierzehnten , im vierundzwanzigsten Himmel . Also - Sonntag früh . Lebt gesund ! « Elftes Kapitel Er ging . Mutter und Sohn blieben allein . Es war ein langes Schweigen zwischen den beiden . » Sonntag früh « , begann die Frau , » fährst du also mit dem Marschallik nach Mielnica und läßt dich von den Eltern des Mädchens anschauen . Wenn du ihnen gefällst , so fahre ich in den nächsten Tagen hinüber und mache die Verlobung fertig - « » Und wenn das Mädchen mir nicht gefällt ? « » So fahre ich dennoch hinüber und schaue sie mir an . Ich werde plötzlich kommen , so daß die Leut ' sich nicht herausputzen können . Und wenn mir das Haus und das Mädchen gefallen , so bringe ich die Sache ins reine . « » Wirst du sie heiraten ? « » Auf die Schönheit kommt es nicht an ! « sagte Frau Rosel . » Und die Eltern wissen da überhaupt besser Bescheid als die Kinder . « Jeder Nerv ihres Herzens zuckte schmerzhaft , während sie so sprach . Sie erinnerte sich ihrer eigenen Jugend und wie ihr das ganze Leben entzweigebrochen war , weil sie gegen den Willen der Eltern und nach ihrem Herzen gewählt hatte . » Es war eine Sünde « , sagte sie sich , » und sie hat sich gerächt ! « » Mutter « , bat Sender , » hast du es auch wohl überlegt ? « » Ja ! « erwiderte sie fest . » Das ist abgemacht und bleibt abgemacht , soweit wir beide etwas dazu tun können ... Spare dir deine Worte « , fuhr sie mit lauterer Stimme fort , als er sprechen wollte . » Es würde nichts nützen ... Gute Nacht ! « » Mutter , treib ' mich nicht in mein ... « » Ja ... ich treib ' dich in dein Glück ... Gute Nacht ! « Er ließ die flehend erhobenen Arme sinken und ging in seine Kammer . Dort saß er im Dunkeln auf den Stuhl neben seinem Bette nieder und überdachte seine Lage . » Es geht nicht anders « , murmelte er endlich , » es muß sein ! « Er machte Licht , zog seine Schreibsachen hervor und malte langsam in so deutlichen Buchstaben , wie er sie irgend fertig bringen konnte , den folgenden Brief : » An den Herrn Wohltäter Adolf Nadler in Czernowitz . Weil Sie es mir erlaubt haben so werden Sie mir nicht bös sein . Aber auch wenn Sie es mir nicht erlaubt hätten , so möchten Sie mir gewiß zur Güte verzeihen , weil es meine einzige Hoffnung ist . Nämlich , in Barnow kann ich nicht bleiben . Erstens haben sie mir meinen Soldaten fortgeschleppt und erschossen , vielleicht hat es auch der barmherzige Gott von dem armen Menschen abgewendet , aber gehört habe ich nichts mehr von ihm . Nämlich dies war mein Lehrer , sein Unglück war mit einem Büchel vom Pfaffen Moritz Hartmann . Geheißen hat er Wild . Zweitens habe ich jetzt im Saale bei den Mönchen Bücher , aber allein verstehe ich nur sehr wenig , vom Erfrieren gar nicht zu reden . Und weil ein Unglück nie allein kommt , soll ich jetzt auch noch eine Braut kriegen . Der Herr Wohltäter kann mir wirklich glauben , daß ich jetzt schon der traurigste Pojaz auf Gottes Erde bin . Lieber Herr Wohltäter - wie ich in Czernowitz war , haben Sie mit mir gemacht , was Gott mit Moses gemacht hat , Sie haben mich auf einen Berg hinaufgeführt und haben mir von fern das gelobte Land gezeigt . Moses hat sich mit dem Anschauen begnügen können , denn er war schon sehr alt , aber mir blutet das Herz , daß ich dieses Land nie soll erreichen können , weil ich noch so ein junger Mensch bin und gottlob so gut zum Theater passe ! Sie haben ja selbst gesagt , daß Sie einen solchen Spieler noch nie gesehen haben , und es ist auch gewiß wahr ! Hier wird nichts aus mir , das kann ich Ihnen ganz sicher sagen . Also flehe ich Sie an , daß Sie es mir erlauben und daß ich darf zu Ihnen nach Czernowitz kommen . Mein Brot verdiene ich mir schon , vielleicht bei Ihnen , denn es scheint ja nur , daß der Vorhang von selbst in die Höhe geht , es muß ja doch jemand ziehen , und Lampen möchte ich anzünden und Stiefel putzen und alles pünktlich verrichten , bis ich spielen kann . Oder vielleicht trifft sich mir ein Uhrmacher in Czernowitz , oder sonst was , denn bin ich nicht gottlob ein geschickter Mensch ? So haben unsere Väter in der Wüste nicht nach dem Manna gelechzt oder nach dem Wasser , wie ich auf Ihre Antwort warte . Bitte ich also , mir zu schreiben , aber nicht an mich , sondern an Fedko Hayduek im Kloster in Barnow , weil sonst hier die Leut ' was merken könnten . Fedko wird mir schon den Brief geben , zu verzahlen brauchen Sie ihn nicht , denn meinetwegen sollen Sie nicht Geld ausgeben . Ich grüße den Herrn Wohltäter und die Frau Wohltäterin und schreibe darunter als Ihr Sender , der Pojaz . Daß ich schon schreiben kann , sehen Sie , lesen natürlich auch , und Deutsch kann ich reden , als wenn ich nie einen Kaftan getragen hätte . Alles auf Ehre ! - Sie können es mir glauben . « Als Sender am nächsten Tage diesen Brief im Schalter des Postamtes verschwinden sah , kehrten ihm auch Mut und Entschlossenheit zurück . Nun galt es , die nächste Gefahr abzuwehren , die Verlobung . Er machte keinen Versuch mehr , die Mutter umzustimmen ; er wußte , daß es vergeblich sein würde ; nun mußte auf eigene Faust gehandelt sein , freilich nicht mit Gewalt . Als ihm Frau Rosel am Freitag morgen den Befehl gab , für den Sonntag bei seinem einstigen Lehrherrn , dem lustigen Simche Turteltaub , ein Wägelchen zu mieten , verzog er keine Miene . » Es soll geschehen « , erwiderte er und entledigte sich des Auftrags . Auch dem Marschallik , der ihn am Sonnabend morgen vor der Schul ' beglückwünschte und umarmte , sagte er kurz : » An mir soll ' s nicht fehlen ! « » Gottlob , er scheint vernünftig geworden « , sagte der Alte einige Stunden später zu Frau Rosel , als er ihr seinen Besuch machte , um alles für den nächsten Tag genau festzustellen . » Wenn ich ihm noch so auf der Fahrt einige Winke gebe , so wird alles gut ablaufen . « » Was wollt Ihr ihm sagen ? « fragte sie . » Nun , wie er sich zu benehmen hat , um Reb Mortche und seinem Weibe zu gefallen . Sie sind auch Menschen und haben ihre Schwächen . « Sie dachte nach . » Davon redet ihm lieber nicht « , entschied sie . » Nicht etwa , als ob ich ihm nicht trauen würde . Ich habe ihn zum Gehorsam erzogen , er weiß , daß er sich fügen muß . Aber vergesset nicht , Reb Itzig , daß er ein Pojaz ist ! Ich werde ihn mahnen , sich anständig zu benehmen - mehr wäre von Übel ! « Zur selben Stunde unterhielt sich Sender mit seinem fröhlichen Freunde , dem dicken Simche , über dasselbe Thema , seine Brautfahrt . Aber auch dies geschah in einer Art , mit welcher der Marschallik anscheinend nur hätte zufrieden sein können . Simche , der nie den Verdruß verwunden , seinen liebsten Jungknecht an die langweilige Uhrmacherei verloren zu haben , neckte den Pojaz soviel er konnte , aber der ließ sich nicht unterkriegen . » Natürlich « , rief er , » Euer Mädele hätt ' ich nehmen sollen , an der kein Quentchen Fleisch ist , damit ich immer an die sieben mageren Küh ' denken muß . Da lob ' ich mir meine Dicke ! Das ist doch ein Beweis , daß Reb Mortches Kost gut ist . « » Gut und kräftig ! « höhnte Simche . » Die Fliegen in der Supp ' werden das einzige Geflügel sein , das du zu sehen bekommst . « » Ihr wißt es , Ihr wart bei Reb Mortche immer eingeladen ! « » Das nicht - aber wenn man alle Monat ' zweimal nach Mielnica kommt , wie ich , so kennt man die Leut ' und ihren Ruf . Dein Schwiegervater wägt seinem Weib die Knochen zur Supp ' zu - ein Knauser wie kein zweiter ! « » Und stehlen tut er auch ! « » Das besorgt sein Bruder , dein neuer Herr Onkel ! Nein , im Ernst , Sender , Reb Mortche ist sonst ein braver Mensch , aber wirklich ein Geizhals ! Ich rat ' dir , beding ' dir bei der Verlobung mindestens für jeden Sabbat fünf Lot Fleisch aus , sonst kriegst du es nie zu sehen , auch wenn du seiner Frau täglich sagst , daß sie das schönste Weib auf der Welt ist ! « » So schön wie Eure Surke ist meine Schwiegermutter natürlich nicht ! Eurem Schwiegersohn könnt Ihr ruhig täglich drei Pfund Fleisch versprechen , wenn er Eure Surke ansieht , vergeht ihm der Appetit ! « » Dafür ist meine Surke nicht lächerlich und zum Gespött fürs ganze Städtchen wie Mortches Rifke ! « erwiderte der Kutscher vergnügt . » Nämlich weil sie einmal hübsch war , hält sie sich noch heute dafür und tut so , als wär ' sie ein geschämig Mädele von vierzehn Jahren . « » Wer ' s glaubt ! « rief Sender anscheinend sehr grimmig . » Nun - nur zu ! Was wißt Ihr sonst noch von ihnen ? ! « » Nichts ! « sagte Simche einlenkend . » Auch will ich dich wahrhaftig nicht abschrecken . Was ich gesagt hab ' , ist wahr , aber deshalb rat ' ich dir doch zu der Partie ! Viel Glück auf den Weg ! « » Schön Dank ! « erwiderte Sender , schlug herzlich in die dargebotene Hand ein und drückte sie warm . » Ihr habt mir einen großen Dienst erwiesen - « Dann eilte er rasch hinweg . Der Kutscher blickte ihm erstaunt nach . » Pojaz ! « murmelte er . » Ein anderer wär ' bös , und der fährt vor Freud ' schier aus der Haut , wenn man auf seine Schwiegereltern schimpft ! « Am Sonntag morgen war Sender schon so früh vom Hause fortgegangen , daß ihn die Mutter nicht mehr sprechen konnte . Sie sah ihn nur eine Stunde später , als er in Simches Wägelchen , den Marschallik neben sich , am Mauthause vorüberfuhr . » Du benimmst dich vernünftig ! « rief sie ihm streng nach . Er sagte nichts . Der Marschallik aber erwiderte statt seiner : » Keine Sorg ' , Frau Rosel , er ist wie ausgetauscht ! « In der Tat war Türkischgelb vom Benehmen seines Begleiters aufs angenehmste enttäuscht ; er konnte sich die ermunternden Trostreden sparen , die er in Bereitschaft gehalten . Sender lachte und scherzte , als wäre ihm mit dem Leitseil , das er so oft geführt , auch die fröhliche Laune seiner Fuhrmannsjahre zurückgekehrt . So konnte der Marschallik statt aller Predigten jene saftigen Scherze an Mann bringen , die sein eigentliches Element waren . Aber Sender blieb nicht hinter ihm zurück , und die beiden kamen gar nicht aus dem Lachen heraus . » Sender « , rief der Marschallik fröhlich , » so lustig bin ich noch nie auf Brautschau gefahren , aber so eine Braut hat auch noch niemand gekriegt . Schön wie die Sonn ' - « » Die Sonn ' hat auch Flecken ! « meinte Sender . » Dann ist sie noch schöner wie die Sonn ' ! Das Mädchen hat keinen Fehler ! - Du wirst selbst sehen ! « » Aber wenn sie gar so herrlich ist « , meinte Sender , » dann nimmt sie mich am End ' gar nicht ! « Reb Itzig lachte . » So gefällst du mir ! Hast sie noch gar nicht gesehen und sorgst dich schon um den Ausgang ! Aber da kannst du ganz ruhig sein ! Ein Bursch ' wie du ! Und dann : die Hauptsach ' ist doch , daß du den Eltern gefällst ! Und daran wird ' s nicht fehlen , wenn du dich anständig benimmst ! « » Seid unbesorgt ! « lachte Sender . » So hat sich bisher noch nie ein Freier benommen ! « Sie langten in Mielnica an , stellten das Wägelchen im Wirtshause ein und machten sich sofort zum Hause Mortche Diamants auf . Mit jedem Schritt wurde Sender ernster , und nahe dem Laden hielt er zögernd still . » Reb Itzig « , begann er unsicher . » Nun ? ! « rief Türkischgelb . » Ich glaube gar , du hast Furcht ! ... Vorwärts , es muß sein ! « Sender war bleich geworden . » Es muß sein « , sagte er finster . » Aber meine Schuld ist ' s nicht ! « Dann lachte er laut auf . Sie traten in den Laden . Mortche Diamant , ein wohlbeleibter Mann mit gutmütigem Gesichte , erhob sich von der Arbeit und begrüßte sie freundlich . » Es freut mich , daß Ihr mir die Ehre schenkt « , sagte er zu Sender . » Was führt Euch nach Mielnica ? « Solche Diplomatie schreibt die Sitte dem Brautvater vor . Aber Sender war nicht in der Laune , darauf einzugehen . » Das wißt Ihr ja ! « rief er lachend . » Ich komme , um mir Eure Tochter anzuschauen und ob Ihr wirklich was habt ! - Na - Uhren scheinen ja genug da ! « Und ungeniert trat er an den großen Schaukasten und begann die Ware zu mustern . » Aber nichts Rechtes ! « Der dicke Mann räusperte sich befremdet . Auch Türkischgelb war einen Augenblick verdutzt , aber er faßte sich rasch . » Gott ! « rief er , » was für ein Uhrmacher ist unser Sender ! Mit Leib und Seel ' ist er dabei ! - Wo er Uhren sieht , muß er sie anschaun ! « » Ei , Reb Itzig ! « lachte Sender , » was seid Ihr für ein unverschämter Lügner ! Ihr wißt ja ganz genau , wie verhaßt mir das Handwerk ist und daß mich mein Meister jeden Tag dreimal wegjagen will . Recht hat er , ich bin als Uhrmacher ein Stümper und werd ' s bleiben ! Aber mich kränkt das nicht und Euch hoffentlich auch nicht , Reb Mortche ! Übrigens - Ihr habt ja außer den Uhren wahrscheinlich noch Geld im Beutel , he ? « » Verzeiht ihm « , sagte der Vermittler , » er - er ist so wirtschaftlich , so sparsam ! « » Hm ! Hm ! « Der Uhrmacher räusperte sich immer verlegener und blickte dabei zur Erde nieder oder vielmehr nur - jeder , wie er kann ! - auf seinen mächtigen Leibesvorsprung . » Na , nichts für ungut , Alter « , sagte Sender und klopfte ihm gemütlich auf das Bäuchlein . » Ihr scheint mir ein stilles , gutmütiges Fäßchen , - solche Leute hab ' ich gern . Der Alte spart ' s , der Junge gibt ' s aus - wir werden uns schon vertragen ! Aber wo ist das Mädel ? « Türkischgelb gab ihm einen Rippenstoß , daß er drei Schritte weit flog . » Verzeiht ! « sagte er zum Uhrmacher , » er ist so aufgeregt , weil ich ihm viel von dem Mädchen erzählt habe , und jetzt brennt er schon darauf , sie zu sehen . Nun - da kommt sie ja ! « In der Tat erschien jetzt in der Türe , welche in die Wohnung führte , die Frau des Uhrmachers und hinter ihr ein sechzehnjähriges wohlbeleibtes Mädchen . » Guten Tag ! « rief ihnen Sender entgegen . » Ist das das Mädel ? Na , für den Winter nicht übel - aber im Sommer müßte man sie im Keller halten , sonst zerschmilzt sie an der Sonne - « » Was ? ! « rief Frau Rifke - sie traute ihren Ohren nicht - » Nun , Reb Itzig « , fuhr Sender gemütlich fort , » ich hab ' sie mir zwar nach Eurer Beschreibung anders gedacht , aber - « fügte er in gedämpftem Tone hinzu , den man bis auf die Gasse hinaus hören konnte , » wenigstens sieht sie gottlob ihrer Mutter nicht ähnlich ! « » Was ? ! « rief Frau Rifke noch gellender und stemmte die Arme in die Seiten . » Ja , ja ! « rief Türkischgelb laut , » freilich sieht sie der Mutter ähnlich - ich hab ' s dir ja gesagt - darum ist sie so schön , so - « Frau Rifkes überbreites Antlitz verzog sich zu einem verlegenen Lächeln - wem sollte sie nun glauben ? ! » Gottlob gar nicht ähnlich ! « wiederholte Sender laut . Dann wandte er sich an den Uhrmacher . » Nebenbei - « sagte er halblaut - » eine Frage im Vertrauen ! Wie seid Ihr zu den vielen Uhren gekommen ? ! « » Was meint Ihr damit ? « fragte der Uhrmacher entrüstet . » Gekauft hab ' ich sie ! « » Ich hab ' gemeint , weil auf so vielen Genève steht - das sind vielleicht Andenken an Euren Bruder ! « ( Ein unübersetzbares Wortspiel : » Genève « , die Bezeichnung der Genfer Uhren , » Geneve « , hebräisch Diebstahl . ) Reb Mortches breites Gesicht färbte sich dunkelrot . » Ihr wagt es ... « pustete er . » Ihr wagt es ... « Wieder gab Türkischgelb dem Jüngling einen Puff , daß er gegen den Ladentisch flog . » So ist der Jung ' ! « lachte er . » Brennt fürs Geschäft ! Sieht gleich nach , welcher Stempel auf einer Uhr steht ! « Aber alle Geistesgegenwart nützte da nichts mehr . » Genug ! « unterbrach ihn der dicke Mann keuchend vor Erregung , aber entschieden . » Ich hab ' Euch gleich gesagt , ich will mit dem Pojaz nichts zu tun haben . Ihr habt mir vorgelogen , daß er vernünftig geworden ist . Es ist nicht wahr ! - Geht mit Gott - kommt gesund heim ! « » Bleibt gesund ! « rief Sender fröhlich und war mit einem Satz zur Türe hinaus . Er ging zur Schenke und harrte auf den Marschallik . Aber dieser kam nicht wieder . Und je länger er ausblieb , desto ernster wurde Sender , desto bänger wurde ihm vor den Folgen seiner Handlungsweise . Und als er sich endlich nach vierstündigem Warten entschloß , allein heimzufahren , da war ihm alle Lustigkeit vergangen . Der Abend dämmerte schon , als er vor den Mautschranken hielt . Die Mutter öffnete ihm . Ein Blick in ihr Antlitz zeigte ihm , daß der Marschallik bereits vor ihm dagewesen . Er hatte diese Züge noch nie so streng und finster gesehen . » Ich will den Wagen abliefern « , sagte er demütig . Sie nickte stumm . Als er heimkam , sagte sie mit jener dumpfen , klanglosen Stimme , die der Sohn so sehr fürchten gelernt : » Du bist ein Lump ! Aber ich spreche nicht gern über Dinge , welche sich nicht mehr ändern lassen . Nur über die Zukunft ein Wort ! Ich habe den Marschallik bewogen , dir eine andere Partie zu suchen . Benimmst du dich da ähnlich , so jage ich dich aus dem Hause und kenne dich nicht mehr . So wahr mir Gott gnädig sei ! « Sie erhob die Hand zum Schwure . Zwölftes Kapitel In den nächsten Tagen war Sender sehr zerknirscht , die Reue , die Mutlosigkeit lasteten schwer auf ihm . » Es war Notwehr « , sagte er sich zur Entschuldigung , aber wenn er die Trauer der Mutter sah oder ihrem finsteren , vorwurfsvollen Blick begegnete , kam er sich wie ein rechter Sünder vor . Dann freilich regte sich jener leichte Sinn wieder , der ihm ebenso im Blute lag wie der dunkle Drang nach seinem Ziel . Es gab nun freilich nur noch eine Hilfe für ihn : der Direktor in Czernowitz mußte ihn aus seinen Barnower Ketten befreien , aber dieser Mann tat es auch sicherlich ! Und seltsam genug wuchs seine Zuversicht desto mehr , je länger die Antwort auf sich warten ließ . » Warum schweigt er ? « dachte er . » Weil der gute Mensch eine Beschäftigung für mich sucht . Einen anderen Grund kann er gar nicht haben . Wollte er Nein sagen , er würde mich darauf nicht warten lassen ! Und bis er was findet , brauch ' ich ja nicht müßig zu bleiben : ich hab ' ja die Bücher im Kloster ! Freilich schneidet mein Fedko mürrische Gesichter , wenn ich ihm keinen Schnaps zahlen kann , aber er läßt mich doch immer hinein , und mit der Zeit wird mir der liebe Gott auch wieder zu einem Fläschchen