freundschaftlichen Beziehungen zu mehreren einflußreichen Familien befähigten . Als ihm diese auszeichnende Mission angetragen wurde , stellte er , besserer Repräsentation halber , an die Gräfin das Ansinnen , ihn zu begleiten . Sie lehnte jedoch ab , zum Teil aus wirklicher Anhänglichkeit an den Prinzen , mehr noch aus einer ihr angeborenen Abneigung gegen England . Sie blieb also , blieb und huldigte , ohne ihres Bleibens und ihrer Huldigungen noch recht froh zu werden . Die glücklichen Tage lagen eben zurück . Alles war verändert , nicht nur der Hof , auch der Prinz . Seine Mißstimmungen wuchsen . Die staatlichen Interessen , so viele Jahre zurückgedrängt , traten wieder in den Vordergrund und beunruhigten ihn . Namentlich von dem Augenblick an , wo sich in Paris erkennbar die Gewitter zusammenzogen . Vor seinem großen , nun heimgegangenen Bruder , sowenig er ihn geliebt , soviel er ihn bekrittelt hatte , hatte er doch schließlich allem Besserwissen zum Trotz einen tiefgehenden , ganz ungeheuchelten Respekt empfunden ; nichts davon flößten ihm die neuen Verhältnisse ein , noch weniger die Personen . Die Weiberherrschaft , weil alles Feinen und Geistigen entkleidet , war ihm ein Greuel , und unserer Gräfin huldvoll die Hand küssend , sagte er , als der Name der Madame Rietz in seiner Gegenwart genannt wurde : » Je la déteste de tout mon coeur ; mes attentions , comme vous savez bien , appartiennent aux dames , mais jamais aux femmes . « Dies waren Äußerungen besonderen Vertrauens : nichtsdestoweniger überkam die Gräfin das Gefühl , daß ihre Rheinsberger Tage gezählt seien . Sie sehnte sich nicht fort , aber sie bereitete sich in ihrem Herzen darauf vor . Und der Augenblick kam eher , als sie erwartet . Anno 1789 war der Graf auf kurzen Urlaub zurück . Er erkrankte , von einem Schlaganfall getroffen , im Vorzimmer des Königs ; am anderen Tage war er tot . Die Nachricht davon erschütterte die Witwe mehr , als diejenigen , die ihre Ehe kannten , erwartet hatten ; sie wurde sich jetzt bewußt , in Hochmut und Caprice nicht seine Liebe , aber den Wert seiner edelmännischen Gesinnung unterschätzt zu haben . Sein Testament , das aufs neue ein vollkommener Ausdruck dieser Gesinnung war , konnte die Vorstellung ihres Unrechts , so frei sie ihrer ganzen Natur nach von sentimentaler Reue blieb , nur steigern . Schloß Guse , das , aus freier Hand erstanden , nicht zu den Familiengütern zählte , war der Gräfin samt einem bedeutenden Barvermögen zugeschrieben worden . Sie beschloß , ihr Erbe anzutreten und die Verwaltung des Gutes selbst in die Hand zu nehmen . Nur noch den Winter über wollte sie am Rheinsberger Hofe verweilen ; bei Ablauf desselben schied sie nicht ohne Bewegung von dem Prinzen , der ihr neben andern Souvenirs ein eigens gedichtetes Akrostichon überreicht hatte . Am Osterheiligabend 1790 traf sie in Schloß Guse ein . Das Schloß konnte zunächst nur den allerunwohnlichsten Eindruck machen . Die Administrationsjahre hatten es , einige wenige Räume abgerechnet , in eine Art Korn- und Futtermagazin umgewandelt ; Raps und Weizen lagen aufgeschüttet in den Zimmern , während Heu- und Strohmassen die Korridore füllten . Am störendsten wirkte der ganze linke Flügel , aus dessen zerbröckelten Dielen überall die Pilze hervorwuchsen . Alte Bilder aus der Derfflingerzeit , stockfleckig und eingerissen , die meisten ohne Rahmen , hingen schief und vereinzelt an den Wänden und mehrten nur den Eindruck des Verfalls . Die Gräfin indessen ließ sich durch den Anblick dieser Unbilden und Schädigungen , die das Schloß erfahren hatte , nicht beirren ; im Gegenteil , die Aussicht auf Tätigkeit , die sich für sie eröffnete , hatte für ihre energische Natur einen Reiz . Sie bezog zwei kleine Zimmer im ersten Stock , die von der allgemeinen Zerstörung am wenigsten gelitten , zugleich auch eine gute Luft und einen freien Blick auf den schönen Park hatten . Von hier aus mit allen Handwerkern der nächsten Ortschaften , bald auch mit ihr bekannten hauptstädtischen Künstlern in Verbindung tretend , leitete sie den inneren Um- und Ausbau , der , soweit überhaupt beabsichtigt , in verhältnismäßig kurzer Zeit beendigt war . Am 31. Dezember 1790 zog sie , abergläubisch und tagewählerisch , wie sie war , in die neuen Räume ein , den Silvestertag jedes Jahres , aus allerhand heidnisch-philosophischen Gründen , in denen sich Tiefsinn und Unsinn paarte , zu den ausgesprochenen Glückstagen zählend . Die neuen Räume lagen sämtlich auf der rechten Seite und bestanden aus einem Billard- , einem Spiegel- oder Blumen- und einem Empfangszimmer , woran sich dann , in den entsprechenden Seitenflügel übergehend , der Speisesaal und das Theater schlossen . Denn ohne Vorhang und Kulissen konnten sich Personen , die aus der Schule des Rheinsberger Prinzen kamen , eine behagliche Lebensmöglichkeit nicht wohl vorstellen . Die ganze linke Hälfte des Schlosses , von Lüftung der Räume und Beiseiteschaffung alles Ungehörigen abgesehen , hatte baulich keine Veränderungen erfahren , während die große , zwischen beiden Hälften gelegene Flurhalle zum Stapelplatz für alle Derfflingerreminiszenzen gemacht worden war . Hier befanden sich zwei Falkonetts , zwei ausgestopfte Dragoner mit Glasaugen und die besterhaltenen jener Porträts und Schlachtenbilder , die bis dahin in den Räumen des Schlosses zerstreut gewesen waren . In Front der beiden Dragoner , ziemlich die Mitte der Flurhalle einnehmend , stand ein der Antike nachgebildeter Faun , dessen spöttisches Lachen die beste Kritik alles dessen war , was ihn umstand . Am folgenden Tage , dem Neujahrstage 1791 , gab die Gräfin zur Einweihung der neubezogenen Räume ihre erste Soiree . Der benachbarte Adel war geladen , und Tante Amelie machte die Honneurs ganz auf dem vornehmen Fuße , den ihr ihre Mittel , ihr Geist und die höfische Gewohnheit gestatteten . Alles war entzückt . Wirtin wie Gäste versprachen sich ein anregendes , vielleicht selbst ein freundschaftliches Beieinanderleben ; Pläne wurden entworfen ; die Zukunft erschien als eine lange Reihe von musikalisch-deklamatorischen Matineen , von L ' hombre-Partien und Aufführungen französischer Komödien . Aber es kam anders . Schon vor Ablauf des Jahres mußten sich beide Parteien überzeugen , daß man nicht füreinander passe ; die Gräfin war zu klug , der Nachbaradel nicht klug genug . Besonders die Frauen . Ihr Französisch ( nur noch übertroffen durch ihr Deutsch ) , die geheuchelten literarischen Interessen , das beständige Sprechen über Dinge , die ihnen ebenso unbekannt wie gleichgiltig waren , mußten den feinen Sinn einer Dame verletzen , die zwischen dem persönlichen Umgang mit einem Prinzen und dem geistigen Verkehr mit hervorragenden Geistern ihr Leben geteilt hatte . Nur die Flüchtigkeit erster Begegnungen hatte über diese Verhältnisse täuschen können . Die Gräfin , als sie den Tatbestand überschaute , brach allen Umgang ab und beschränkte sich , ihre Lesepassion wieder aufnehmend , mehrere Jahre lang auf einen allerengsten Kreis , der sich aus ihrem Bruder Berndt auf Hohen-Vietz , aus dem auf Hohen-Ziesar lebenden Grafen Drosselstein und dem dreiundachtzigjährigen Seelower Superintendenten , der schon die Schlacht bei Mollwitz als Feldprediger mitgemacht hatte , zusammensetzte . Ihrem tiefen Bedürfnisse nach Moquerie und Klatsch , dem in diesem frauenlosen Kreise ( Berndts Gemahlin schloß sich aus ) nur sehr unvollkommen entsprochen wurde , suchte sie durch ein briefliches Geplauder mit dem Prinzen zu Hilfe zu kommen , der , ein Feinschmecker auf dem Gebiete der chronique scandaleuse , nicht müde wurde , sie zur Fortsetzung einer beiden Teilen gleich gewinnbringenden Korrespondenz zu ermutigen . Das ging bis 1802 , wo der Prinz starb . Erst nach dieser Zeit empfand sie wieder den Hang , aus ihrer Einsamkeit , die ganz und gar gegen ihre Natur und ihr durch die Verhältnisse nur aufgezwungen war , herauszutreten . Und so geschah es . Die Frauen , gegen die sie , mit den Jahren sich steigernd , eine fast zur Manie gewordene Abneigung hegte , blieben nach wie vor ausgeschlossen ; aber den kleinen Männerkreis , der bis dahin ihren Umgang gebildet hatte , suchte sie zu erweitern . Der Wechsel im Besitz auf mehreren der ihr benachbarten Güter bot dazu eine bequeme Gelegenheit , und jener Gesellschaftszirkel begann sich zu bilden , der , schon ein Jahrzehnt vor Beginn unserer Erzählung , zu allerhand kritischen Bemerkungen von seiten ihres Bruders Berndt , zugleich aber auch zu dem Verteidigungs-Konklusum der Gräfin : » Tous les genres sont bons , hors l ' ennuyeux « , geführt hatte . » Gut « , hatte Berndt geantwortet , » aber dann erfülle auch die Bedingung . Du wirst doch nicht den Kammerherrn von Medewitz als hors l ' ennuyeux bezeichnen wollen ? « » Doch « , hatte die Schwester repliziert und eine Unterredung abgebrochen , in der beide Geschwister , jeder von seinem Standpunkte aus , im Rechte waren . Die Gräfin , selbstisch in all ihrem Tun , verfuhr nicht nach allgemeinen Gesichtspunkten , sondern nach allerpersönlichstem Geschmack . Ihr Umgangskreis , den Berndt ziemlich spitz als » allerlei Freunde « bezeichnete , war nicht darnach gewählt worden , ob er andern , sondern lediglich darnach , ob er ihr gefiele . Was sie am meisten verachtete , waren herkömmliche Anschauungen ; ihre Laune war souverän . Wer ihr ein Lächeln abnötigte , ihr Gelegenheit zu einem Sarkasmus bot , war ihr ebenso unterhaltlich als derjenige , der ihr eine Fülle von Esprit , einen Schatz von Anekdoten entgegenbrachte . Nur die unausgesprochenen Menschen waren ihr interesselos , während alles Aparte , gleichviel , ob es nach der Beschränktheits- oder der Klugheitsseite hin lag , einen prickelnden Reiz für sie hatte . Sehen wir im folgenden Kapitel des näheren , welcher Art diese » allerlei Freunde « von Schloß Guse waren . Drittes Kapitel Allerlei Freunde Die » allerlei Freunde « bildeten einen weiteren und einen engeren Kreis . Der engere Kreis war eine Siebenzahl und bestand aus folgenden Personen : Graf Drosselstein auf Hohen-Ziesar , Präsident von Krach auf Bingenwalde , Generalmajor von Bamme auf Quirlsdorf , Baron von Pehlemann auf Wuschewier , Domherr von Medewitz auf Alt-Medewitz , Hauptmann von Rutze auf Protzhagen , Doktor Faulstich in Kirch-Göritz . Es wird unsere nächste Aufgabe sein , der bloßen Vorstellung dieser Herren , die mit Ausnahme Doktor Faulstichs alle das sechzigste Jahr erreicht oder überschritten hatten , eine kurze Charakterisierung folgen zu lassen . Wenn dies ein Verstoß gegen die Gesetze guter Erzählung ist , so möge der Leser Nachsicht üben , und um so mehr , als der zu begehende Fehler vielleicht mehr scheinbar als wirklich ist . Denn mit wie großem Recht auch die Vorführung abgeschlossener , ihr Tun und Denken zettelartig am Mantel tragender Gestalten verworfen und statt dessen jene Erzählungskunst gepriesen werden mag , die die Phantasie des Lesers in den Stand setzt , das nur eben Angedeutete schöpferisch auszubilden und zu vollenden , so mögen doch Ausnahmen überall da gestattet sein , wo , wie hier , das Nebeneinanderstellen fertiger Figuren nicht viel mehr bedeuten will als eine weniger um der Bildnisse selbst als um des Ortes willen , wo sie sich finden , dem Leser vorgeführte Porträtgalerie . Die vornehmste Erscheinung in Schloß Guse , zugleich dem Zirkel am längsten angehörig , war Graf Drosselstein . In Königsberg geboren , in dessen Nähe auch die Familiengüter lagen , war er , trotzdem er die Provinz gewechselt hatte , ein vollkommener Repräsentant des ostpreußischen Adels . Dieser Adel , dem Hofe und dem » Dienste « ferner stehend , hatte freilich - wenigstens damals noch - darauf verzichten müssen , seinen Namen gleich ruhmreich wie die märkisch-pommerschen Familien in unsere bis dahin wenig mehr als eine Reihe von Schlachten darstellende Geschichte einzutragen , aber was ihm dadurch an Volkstümlichkeit und historischem Klang verlorengegangen war , war wieder aufgewogen worden durch das Bewußtsein gewahrter Unabhängigkeit . Weniger ein- und untergeordnet in das Räderwerk des militärisch-bureaukratischen Staates , hatte sich ganz Ostpreußen und besonders sein Adel - im einzelnen zu seinem Nachteil , im ganzen zu seinem Vorzug - eine ausgesprochene provinzielle Eigentümlichkeit zu bewahren gewußt . In dieser provinziellen Eigentümlichkeit , die sich vielleicht am besten als ein mitunter herber Ausdruck des Freiheitlichen bezeichnen läßt , stand auch Graf Drosselstein , und wenn er an der Tafel seiner Freundin , der Guser Gräfin , dem säbelbeinigen Generalmajor von Bamme gegenübersaß , der zweideutige Anekdoten erzählte und von Pferden , Prinzen und Tänzerinnen , weniger aus Renommisterei als aus Übermut und schlechter Erziehung , in krähstimmigem Jargon perorierte , so mochte er sich , nicht ohne Anwandlung ostpreußischen Stolzes , des Unterschiedes zwischen seiner heimatlichen Provinz und dem märkischen Stammlande bewußt werden . Aber solche Anwandlungen schwanden so rasch , wie sie kamen . Von seltener Unparteilichkeit , allem Engen und Selbstischen fern , in welcher Form es auch auftreten mochte , stand es für seine Erkenntnis längst fest , daß die Mark , trotz aller ihrer Unleidlichkeiten , als das Kern- und Herzstück der Monarchie anzusehen sei , mit oder ohne Bammes , ja zum Teil wegen derselben . Der Graf hatte nur kurze Zeit dem Staate gedient . Mit zwanzig Jahren in das erste Bataillon Garde tretend , aber schon nach Ablauf eines Jahres gesundheitshalber den Abschied nehmend , war er froh gewesen , den Anblick des Potsdamer Exerzierplatzes mit dem der Marine von Nizza vertauschen zu können . Wiederhergestellt , durchzog er Italien , lebte , ganz dem Studium der Kunst hingegeben , erst in Rom , dann in Paris und beschloß seine » große Tour « durch einen Ausflug nach Holland und England . Er war ausgangs der Dreißig , als ihn um 1788 Familienangelegenheiten an den Petersburger Hof führten . Hier machte er die Bekanntschaft einer Komtesse Lieven , die ihn durch ihre durchsichtige Alabasterschönheit in demselben Augenblicke gefangennahm , in dem er sie sah . Seine Werbung wurde nicht zurückgewiesen ; die Kaiserin selbst beglückwünschte dasschöne Paar , das sich , unmittelbar nach der mit großer Pracht und unter Teilnahme des Petersburger Hofadels gefeierten Vermählung , auf die ostpreußischen Güter des Grafen zurückzog . Aber das stille Glück der Flitterwochen erschien der jungen Gräfin bald zu still . Sie sehnte sich nach dem zerstreuenden Leben der » Gesellschaft « , und da weder die politischen Verhältnisse noch die Gesinnungen des Grafen ein erneutes Auftreten am russischen Hofe - das die junge Gräfin allerdings am liebsten gesehen haben würde - ausführbar erscheinen ließen , so wurde die Übersiedelung nach Hohen-Ziesar , einem ursprünglich den märkischen Drosselsteins zugehörigen Gute , das erst vor zwei oder drei Jahren an die ostpreußische Linie gekommen war , beschlossen . Von Hohen-Ziesar aus ermöglichte sich ein verhältnismäßig leichter Verkehr mit der Hauptstadt , wo das Hofleben , das während der Friderizianischen Zeit beinahe völlig geruht hatte , eben damals einen neuen Aufschwung zu nehmen begann . Es war nicht Petersburg , aber es war doch Berlin . Die junge Gräfin , wiewohl zeitweise von einem halb ermüdeten , halb zerstreuten Ausdruck , als ob ihre Seele nach etwas Fernem und Verlorenem suche , gab sich nichtsdestoweniger den Zerstreuungen ohne Rückhalt hin . Sie galt für glücklich ; sie schien es auch . Aber der durchsichtige Alabasterteint hatte nichts Gutes bedeutet ; ein Blutsturz überraschte sie kurz vor einer Opernhausvorstellung ; eine Abzehrung folgte , sie starb vor Ausgang des Winters . Der Graf war wie niedergeworfen . Er mied auf lange Zeit hin jeden Umgang ; selbst in Schloß Guse , wo er damals schon verkehrte , blieb er aus . Als er wieder in der Gesellschaft erschien , war seine Selbstbeherrschung vollkommen ; aber er hatte jenen lebemännischen Frohsinn und die gesprächige Heiterkeit eingebüßt , die ihn früher ausgezeichnet hatten . Er lachte nicht mehr . Er hatte nur noch das Lächeln derer , die mit dem Leben abgeschlossen haben . Hier und dort hieß es , daß es nicht der Tod der jungen Gräfin allein sei , der diesen Wandel in seinem Wesen geschaffen habe . Er wandte sich großen Bauten zu ; besonders waren es Parkanlagen , die ihn zu zerstreuen begannen . Hohen-Ziesar bot ein gutes Material , und so entstand im Geschmack jener Zeit eine kostspielige Schöpfung , die sich , vom Flachdach des Schlosses oder noch besser vom Kirchturm aus angesehen , als eine große in Stein und Erde ausgeführte Alpenreliefkarte darstellte . Granitblöcke wurden zu irgendeinem Rigi aufgetürmt , über den Grat des Gebirges liefen zwei Pässe , die nach Altdorf oder Küßnacht führten , während ein aus unsichtbaren Quellen gespeister See einen kataraktreichen Bergstrom in die Tiefe schickte . Sennhütten und Matten lösten sich untereinander ab ; zu Füßen dieser Künsteleien aber , in das wirkliche Oderbruch übergehend , dehnte sich eine reizende Flachlandszenerie mit Feld und Wiesen , mit Fluß , Bach und Brücken und einem stillen , weidenumstandenen Teich , dessen japanisches Inselhäuschen die Schwäne umzogen . An der Herstellung dieses Parkes nahm unsere Guser Gräfin , die sich zu allem Rokokohaften hingezogen fühlte , den regsten Anteil , der Verkehr wuchs , Briefe wurden gewechselt , Konferenzen abgehalten , deren endliches Resultat nicht nur der Aufbau der Hohen-Ziesarschen » Schweiz « , sondern auch die Etablierung einer Freundschaft war , die sich seitdem , namentlich von seiten der Gräfin , zu einer wirklichen , über Laune und Zerstreuungsbedürfnis weit hinausgehenden Intimität gesteigert hatte . Dies konnte kaum ausbleiben . Denn so gewiß die Gräfin am Aparten hing , sowenig sie der Originalfiguren ihres Zirkels entraten mochte , sosehr empfand sie doch auch , was der Mehrzahl derselben fehlte : Schliff , Bildung , Ton , vor allem jegliches Verständnis für Kunst und Schönheit . All dies besaß der Graf . Er hatte nicht nur die Höhe der Rheinsberger Gesellschaft , er übertraf dieselbe sogar durch jenes nachhaltig wirkende Ansehen , das allein aus Selbstsuchtlosigkeit und reinem Wandel sprießt . Ein bestimmtes Ereignis gab der schon gefestigten Freundschaft ein neues Band . Der Graf nahm Veranlassung , die Gräfin ins Geheimnis zu ziehen ; er erzählte ihr die Geschichte vom Hinscheiden seiner Frau , auch von dem , was diesem Hinscheiden unmittelbar vorausgegangen war . Es war das Folgende . Die junge Gräfin , nach einem heftigen Hustenanfall , schien in einen Zustand tiefen Schlummers zu verfallen , auch der Graf , ermüdet von tagelangem Wachen , schlief in seinem Lehnstuhl ein . Es war spät , nur eine Schirmlampe brannte . Als er erwachte , bemerkte er , daß die Kranke aufgestanden war und sich der Tapetentür eines Wandschrankes näherte . Eine lethargische Schwere , zugleich ein dunkeles Gefühl , daß er die Kranke in ihrem Tun nicht stören dürfe , hielten ihn in seinem Lehnstuhl fest . Er sah nun , daß sie zunächst ein Kästchen aus dem Schranke , dann aus einem verborgenen Fach des Kästchens eine Anzahl Briefe nahm , die mit einer roten Schnur zusammengebunden waren . Sie schritt wieder zurück , an ihm vorbei , glaubte sich zu überzeugen , daß er schlafe , und trat dann an den Kamin . Sie berührte die Briefe mit den Lippen , löste die Schnur und warf dann jeden einzelnen Brief vorsichtig , damit die Flamme nicht zu hell aufschlüge , in das halberloschene Feuer . Als alles verglimmt war , kehrte sie an ihr Lager zurück , hüllte sich in die Decken und atmete hoch auf , wie befreit von einer bangen Last . Es war ihr letztes Tun . Ehe der Morgen kam , war sie nicht mehr . Welch ein Tag für den Überlebenden ! Er hatte sich geliebt geglaubt ; nun war alles Wahn und Traum . Wessen Hand hatte die Briefe geschrieben , die die Empfängerin bis zuletzt wie ein Allerteuerstes gehegt hatte ? Er frug es immer wieder ; aber keine Antwort . Das Geheimnis war bei der Toten und der Asche im Kamin . So hatte der Graf erzählt . Die Erzählung selbst aber , wie schon angedeutet , besiegelte die Freundschaft , die von jenem Tage an unauflöslich zwischen dem Witwergrafen und Hohen-Ziesar und der Gräfinwitwe auf Schloß Guse bestand . Schloß Guse hatte jedoch nur einen Drosselstein ; alles andere , was sich von » allerlei Freunden « daselbst versammelte , konnte so ziemlich als Revers des Grafen gelten . Ihm im Range am nächsten stand Präsident von Krach , ein Mann von Gaben und Charakter . Er galt als ein bedeutender Jurist , hatte durch hartnäckige Opposition den Zorn des großen Königs herausgefordert und seinerseits , in tiefer Verstimmung über die bei dieser Gelegenheit erfahrene Unbill , sich nach Bingenwalde zurückgezogen . Er war hager , groß , scharf , wenig leidlich . Sein hervorstechender Zug war der Geiz . Er beanstandete jede Rechnung und bezahlte sie , nach dem Grundsatze : » Zeit gewonnen , Zins gewonnen « , immer erst nach eingeleitetem prozessualischen Verfahren . Die Betroffenen spotteten , daß es aus alter Anhänglichkeit an die Gerichte geschähe , zu denen sich sein juristisches Paragraphenherz doch immer wieder hingezogen fühle . Eines besonderen Rufes genossen auch seine Diners , die , wiewohl alljährlich nur einmal wiederkehrend , ein wahres Schrecknis der gesamten Oderbruch-Aristokratie bildeten . Einzig und allein der alte Bamme - den seine Trinkgelder und Kordialequivoken zum Liebling aller als Livreediener eingekleideten Kutscher und Gärtner machten - hatte sich bisher unter Anwendung von Flascheneskamotage diesem Schrecknis zu entziehen gewußt , so daß beispielsweise Baron Pehlemann auf das ernsthafteste versicherte : » Nie , während sämtlicher Krachschen Diners , sei seitens des Generals ein Tropfen anderen Weines als aus seinem eignen , Bammeschen , Keller getrunken worden . « Bamme selbst , ohnehin von einer beinahe krankhaften Neigung erfüllt , sein Husarentum coûte que coûte zur Geltung zu bringen , ließ sich solche Huldigungen gern gefallen , ermangelte aber andererseits nie , natürlich nur zugunsten neuer Malicen gegen Krach , seinen Schlauheitstriumph über diesen entschieden in Abrede zu stellen . Krach , so schwur er , sei viel zu scharf , um getäuscht werden zu können ; er habe den Kriminal- und Inquisitorialblick einer dreißigjährigen Praxis , er sehe alles , er wisse alles ; aber freilich , er schweige auch , weil er bei kleinem Ärger die großen Vorteile der Situation sofort überblicke und in Wahrheit nur von einer Frage bestürmt werde : » Warum sind sie nicht alle Bammes ? « Die Gräfin , persönlich von großer Freigibigkeit , nahm wenig Anstoß an diesem Geiz . Sie hatte lange genug gelebt , um zu wissen , daß das gegen sich selbst und andere gleich erbarmungslose Sparen den Körper fest und zäh , den Geist scharf und schneidig mache , vor allem auch der Ausbildung von Originalen günstig sei , freilich keiner angenehmen . Aber darauf kam es ihr nicht an . Was schließlich den Ausschlag zugunsten Krachs gab , war , daß auch der Prinz einen starken Hang zum Ökonomisieren gehabt hatte . Die dritte Figur des Kreises war der schon mehrgenannte Generalmajor von Bamme oder der » General « , wie er kurzweg in Schloß Guse genannt wurde , ein kleiner , sehr häßlicher Mann mit vorstehenden Backenknochen und Beinen wie ein Rokokotisch ; die ganze Erscheinung husarenhaft , aber doch noch mehr Kalmück als Husar . Er gehörte einem alten havelländischen Geschlechte an , Haus Bamme bei Rathenow , das mit ihm erlosch . Die Wahrheit zu gestehen , erlosch nicht viel damit . Seine eigene Jugend war hingewüstet worden ; wunderbare Geschichten gingen davon um . Ein adliges Fräulein , das sich von ihm geliebt glaubte , Tochter eines Nachbars , hatte er in Unehre gebracht ; den Bruder , der auf Eheschließung drang , jagte er vom Hofe . Das Mädchen selbst , übrigens im Hause der Eltern bleibend , wurde irrsinnig . Ein Jahr später starb der alte Bamme ; Vater und Sohn waren einander wert gewesen . Sie setzten des Alten Sarg auf eine Gruftversenkung , und neben den Sarg , eine Fackel in der Hand , stellte sich der Sohn . Er trug die rote Uniform des Husarenregiments Zieten ; die kleine Kirche war schwarz ausgeschlagen . In dem Augenblicke , in dem der Sarg niederstieg , rief die Irrsinnige , die sich auf dem Orgelchor versteckt hatte : » Seht , nun fährt er in die Hölle . « Alles entsetzte sich ; nur der , an den sie die Worte gerichtet hatte , lächelte . Er war übrigens ein ausgezeichneter Soldat , das hielt ihn . Als er nach dem Basler Frieden , der ihn wurmte , seinen Abschied nahm , zog er aus dem Havellande ins Oderbruch und kaufte sich in der Nähe von Schloß Guse an . Die Groß-Quirlsdorfer hatten sich wenig über ihn zu beklagen . Er setzte zwar das alte Leben fort ; aber die Oderbrücher , selber nicht diffizil , legten ihm durch Mißbilligung keinen Zwang auf . Sein Geschmack wurde immer wunderlicher . Starb wer Junges im Dorf , Bursch oder Mädchen , so ließ er ein großes Begräbnis anrichten , vorausgesetzt , daß die Leidtragenden ihre Zustimmung gaben , die Leiche zu schminken und in einem mit vielen Lichtern geschmückten Flur aufzubahren . Dann stellte er sich zu Füßen , rauchte aus einem Meerschaumkopf und sah , halb zugekniffenen Auges , die Leiche eine halbe Stunde lang an . Was dabei durch seine Seele ging , wußte niemand . Er galt für einen Tückebold , auch noch für Schlimmeres ; indessen er war General , märkisch und soldatisch vom Wirbel bis zur Zeh und von einem humoristisch verwegenen Mut . Erst vor drei Jahren hatte sein letztes Rencontre stattgefunden . Die Veranlassung war ganz in seiner Art. Eine Scheune auf einem Nachbargute brannte nieder ; Bamme , der den Besitzer nicht leiden konnte , sagte bei offener Tafel : » Hochversicherte Scheunen brennen immer ab . « Er sollte zurücknehmen . Statt dessen maß er seinen Gegner und krähte nur : » Jede Feuer-Assekuranz sagt dasselbe . « Nun kam es zum Duell ; Hauptmann von Rutze sekundierte . Der Beleidigte schoß Bammen den rechten Ohrzipfel samt dem kleinen goldenen Ohrring weg , den er » Rheumatismus halber « trug . Er ließ sich nun einen neuen Ring durch die stehengebliebene Ohrhälfte ziehen und sah seitdem skurriler aus denn je . Eine gewisse Schelmerei , wie zugestanden werden muß , söhnte manchen seiner Gegner mit ihm aus ; dazu kam , daß er sich gab , wie er war , und sein eigenes Leben rückhaltlos in den pikantesten Anekdoten aufdeckte . Seine geistigen Bedürfnisse bestanden in Necken , Spotten und Mystifizieren , weshalb er , wie kein zweiter , von allen Sammlern und Altertumsforschern in Barnim und Lebus gefürchtet war . Um seine Tücke besser üben zu können , war er Mitglied der Gesellschaft für Altertumskunde geworden . Feuersteinwaffen , bronzene Götzenbilder und verräucherte Topfscherben ließ er aussetzen und verstecken , wie man Ostereier versteckt , und war über die Maßen froh , wenn nun die » großen Kinder « zu suchen und die Perioden zu bestimmen anfingen . Turgany , wie sich denken läßt , zog den möglichsten Nutzen aus diesen Mystifikationen , und jedesmal , wenn Seidentopf etwas Urgermanisches aufgefunden haben und zum letzten Streiche gegen den zurückgedrängten Justizrat ausholen wollte , pflegte dieser wie von ungefähr hinzuwerfen : » Wenn nur nicht etwa Bamme ... « , ein Satz , der nie beendet wurde , weil schon die Einleitung desselben zur vollständigen Verwirrung des Gegners ausreichte . Alles in allem war der » General « eine Lieblingsfigur auf Schloß Guse , auch der Hecht im Karpfenteich . Die Gefahren und Unbequemlichkeiten , die sich daraus ergaben , wurden durch das frische Leben , das er brachte , wieder aufgewogen . Es kam nicht in Betracht , daß er über Sittlichkeit seine eigenen Ansichten hatte . Man ließ dies gehen . Die Gräfin schlug jede Kritik darüber mit der Bemerkung nieder : » L ' immoralité ouverte , c ' est la seule garantie contre l ' hypocrisie . « Nur den Vitzewitzes , alt und jung , war mit solcher Bemerkung nicht beizukommen ; sie verharrten , bei äußerlich leidlicher Stellung zu dem alten Schabernack , in ihrer Abneigung gegen ihn , und Berndt pflegte zu sagen : » Bamme und Hoppenmarieken , das hätt ein Paar gegeben ! « Neben Bamme , zugleich als sein natürlicher Gegensatz , stand Baron Pehlemann , die vierte Figur des Guser Kreises . Was Bamme an Mut zuviel hatte , hatte Pehlemann zuwenig . Daß er der Gräfin dadurch ein kaum geringeres Interesse einflößte als sein encouragiertes Widerspiel , braucht nicht erst versichert zu werden , aber auch der Kreis selbst war weit entfernt davon , dies Manko an Herzhaftigkeit ernstlich zu beanstanden . Am wenigsten die Militärs . Es läßt sich Ähnliches auch heute noch beobachten . Alle Stubenhocker dringen beständig auf » Opfertod « ; alte geschulte Soldaten aber , die aus fünfzig Schlachten her wissen , einerseits , welch ein eigen und unsicher Ding der Mut ist , andererseits , welche niedrige Organisation , welch bloßer , wer weiß woher genommener Taumelzustand ausreicht , um ein Heldenstück gewöhnlichen Schlages zu verrichten , alle diese denken sehr ruhig über Bravourangelegenheiten und haben in der Regel längst aufgehört , alles , was dahin gehört , in einem besonderen Glorienschein zu sehen . So kam es , daß Bamme und Pehlemann die besten Freunde waren . Natürlich fehlte es nicht an Hänseleien . Erst einige Wochen vor Beginn unserer Erzählung hatte Pehlemann , der mitunter ein ihn plötzlich überkommendes Zutrauen zu sich selbst faßte , die Versicherung abgegeben : » seine Abneigung gegen Schußwaffen beruhe lediglich auf einer allzu feinen Organisation seines Ohres « , worauf von seiten Bammes mit soviel Ernst wie möglich erwidert worden war : » Gewiß , dergleichen kommt vor ; so lassen Sie uns , wie alte Corpsburschen , einen Gang auf krumme Säbel machen ; das ist ein stilles Geschäft ; Ihr Ohr