denn erleben kann er es noch , Geizhälse werden immer steinalt - in feierlichem Ornate , hoch von der Kanzel herab , vor versammelter Gemeinde die Leviten so recht aus dem Grundtexte liest ! Einen Versuch zum wenigsten wäre die gute Sache doch wert . « » Und wenn der Versuch mißglückte , Exzellenz ? Wenn wir des Knaben Blick in eine geistige Sphäre gerichtet hätten , und ihm fehlte die Kraft , in derselben festen Fuß zu fassen ? Man soll eines Kindes Wiege nicht verrücken , hat Ihr Herr Bruder , der Propst , gesagt . « » Meinst du denn , Konstantin , « fiel seine Gattin ihm in das Wort , mit eindringlicherem Ernst , als er sie jemals hatte reden hören , » meinst du denn , daß du dieses Kindes Wiege nicht schon verrückt hast in der Stunde , wo du es in die deines eigenen Kindes legtest ? Meinst du , weil du den Knaben einen Bauernkittel tragen und eitel Brot zum Frühstück essen läßt , daß er unter den Knechten und Mägden eines Bauernhofes die Sitte und die Liebe deines Hauses jemals verschmerzen würde ? Du hast zu viel getan , Mann , oder nicht genug . « Ein tiefer Seufzer entrang sich statt der Gegenrede Konstantin Blümels Brust . » Und wenn dem so wäre , Hanna , « sagte er nach einer Pause , » so gehören zu allem geistlichen Werden zeitliche Mittel . Ich danke Ihrer Güte , Exzellenz , diese auskömmliche Pfründe . Aber ich bin ein Fünfziger , habe eine zahlreiche eigene Familie und kein Vermögen . Darum - - « » Darum muß und wird es meine Sorge sein , Freund , « fiel Herr von Hartenstein ein , » die Stellvertretung bei einem Königspaten , die von Gottes und Rechts wegen mir , als Gutsherrn , von Haus aus zugekommen wäre , fortan zu übernehmen . Habe ich nicht das Geschick gehabt , ein ritterschaftliches Patronat in meiner Soldatenfaust festzuhalten , so viel , um einen armen Hirtenbuben zu einem Kandidaten der Gottesgelahrtheit auszubilden , wird einem preußischen General allemal übrigbleiben . - Komm einmal herauf , mein Junge ! « rief er , das Fenster öffnend , unter welchem die Kinder sich im Garten tummelten , und als Dezimus eintrat , fragte er : » Was möchtest du einmal werden , Bursche ? « » Nur nicht Inspektor bei meinem Amtmannspaten ! « stieß Dezimus hervor mit zitternder Stimme und einer Blutwoge bis unter das strohgelbe Haar . » Gut . Was aber sonst ? « » Was mein Vater will . « » Möchtest du was Tüchtiges lernen , und wenn du groß wirst , studieren ? « » Ja , ja , studieren ! « rief Dezimus wie elektrisiert . » Auf den Himmel studieren , gnädiger Herr . « » Auf den Himmel ? Bravo ! Du bist unser Mann . Nun lauf , Student , bestelle mir in der Schenke den Wagen und sage meiner Nichte , daß sie sich bereithält . « Sobald der Knabe das Zimmer verlassen hatte , sagte Pastor Blümel , der während des kurzen Zwiegesprächs mit gefalteten Händen am Fenster gestanden hatte : » Der Mensch irrt nur allzu häufig , wenn er handelt , auch wenn er am besten zu handeln meint . Daher will ich Ihrer Anregung , Exzellenz , als einer Mahnstimme von oben folgen und meinen Pflegesohn der Probe einer wissenschaftlichen Ausbildung unterziehen , so wie ich meinen leiblichen Sohn derselben unterzogen haben würde . Ich bin viele Jahre Informator gewesen und traue mir die Fertigkeit noch zu , einen Knaben für die höheren Schulklassen vorzubereiten . Solange ich lebe , bleibt indes die Sorge für das Kind , dessen Wiege ich verrückt habe , und bleibt seine Führung mein , mein allein , Exzellenz . Schließe ich die Augen , bevor es sein Ziel erreicht - - « » Sorgt und führt es Gott , « rief die Mutter , indem sie sich mit überströmenden Augen an ihres Gatten Brust warf . Auch der preußische Herr drückte bewegt seine Hand . » Mann , « sagte er , » Sie sind in Wahrheit unseres Heilands Jünger ! Wollte Gott , daß wir uns nicht zum letzten Male gesehen hätten ! « Rasch verließ er das Zimmer und das Haus , vor welchem der Wagen eben vorfuhr . An der Tür wartete Lydia reisefertig . Sie hatte vorhin bei Dezems eiligem Entbot ihr Gürteltäschchen abgenestelt und es Röschen gereicht , die es den ganzen Tag lüstern bewundert hatte und nun über den Besitz laut aufjubelte . Für den armen Hirtendezem hatte sie ein Geldstück aus ihrer Börse gelangt . Als der arme Hirtendezem aber jetzt atemlos , mit strahlenden Augen aus der Schenke zurückkam und rief : » Ich soll studieren , Röschen ! Ich soll auf den Himmel studieren , Fräulein Lydia ! « - da steckte sie den Taler leise wieder ein , und ein Hauch der Scham überflog ihre blütenweißen Wangen . » Ich schicke dir aus der Universitätsstadt eine Himmelskarte , Dezimus , « sagte sie zum Abschied , neigte sich darauf tief vor dem Prediger und seiner Gattin und küßte beider Hände , wie sie Vater und Mutter die Hände zu küssen gewohnt war ; dann stieg sie zu dem Oheim in den Wagen . » Tu deine Schuldigkeit , Königspate ! « rief der alte Herr von oben herab , warf Röschen noch eine Kußhand zu , und das Gefährt bog um die Friedhofsmauer . Dezimus ahnete nicht , was eine Himmelskarte sei , nicht einmal , was eine Erdenkarte , aber er schlief am Abend statt unter den Schauern erlittener Demütigung unter denen einer großen Erwartung ein . Am anderen Morgen ging er , wie alle Tage , in Kantor Beyfußens Dorfschule ; zuvor aber hatte sein Pastorvater die erste lateinische Lektion mit ihm abgehalten , und in der Vesperstunde hielt er eine zweite und also fortan einen Tag wie alle , außer am Sonntag , dem Tage des Herrn . Er lernte stetig , wie der alte Informator es nannte , und weil er dem alten Informator zur Ehre zu lernen hatte , lernte er auch freudig , wennschon er andere Gegenstände , die er nur dunkel ahnete , lieber gelernt hätte als Wortbeugungen und Vokabeln einer fremden Sprache . Konstantin Blümel aber schmeckte seit jener ersten Lektion den Johannissegen , welchen seine Hanna schon von dem Augenblicke an empfunden , wo sie das mutterlose Kind an ihre Brust genommen hatte . War er bis dahin Dezems christlicher Wohltäter gewesen , so machten die alten Heiden ihn zu Dezems Vater . Im Laufe der Woche traf aus der Universitätsstadt nebst einem großen Himmelsatlas ein fix und fertiger Schüleranzug ein , und der Hirtensohn wurde zum Kandidaten der Zukunft eingekleidet . Jeden Abend fortan aber , sobald er das Pensum , das ihn für ein unsichtbares Himmelreich vorbereiten sollte , zustande gebracht hatte , studierte er auf das sichtbare Himmelreich , das auf den Karten abgebildet stand , und zwar studierte er in Gesellschaft Schwester Erikas - häuslich Riekchens - und unter Anleitung eines wahlverwandten Liebhabers . Dieser Liebhaber war der Überbringer des Doppelgeschenkes , ein junger Architekt , welcher neben dem Umbau eines alten städtischen Klosters in ein neues Gymnasium die Instandsetzung des Werbener Schlosses übernommen hatte . Konferenzen mit der Hausfrau führten ihn häufig unter deren gastliches Dach , und wen dürfte es wundernehmen , daß er über Schwester Riekchens freundlichen Augensternen die Erklärung der himmlischen Sternenaugen , der er sich gefällig unterzogen hatte , oft und immer öfter vergaß und über dem fremden Hausbau zum eigenen Hausbau Lust bekam . Der Taufsegen erneuerte sich . Bevor das Schloß wohnlich hergestellt war , gab es in der Pfarre wieder einmal eine Braut , Held Dezem , dem Glückskinde , aber war es beschieden , früher als die Grenzen von Reuß älterer und jüngerer Linie die der Milchstraße und der Venusbahn unterscheiden zu lernen . Alle Welt studierte den Winter hindurch in der Werbener Pfarre ; sogar die alte gräfliche Gouvernante wurde von dem Fieber angesteckt , kramte ihren Meidinger hervor und gab Kleinröschen jeden Abend eine französische Stunde . Weil Kleinröschen aber absolut nichts lernen wollte , was Bruder Dezem nicht mitlernte , wurde der Dezem auch Mutter Hannas Schüler , und die Mutter nannte - es ist bewundernswert , was solch ein achtjähriger Held alles fertig bringt ! - , aber wahrlich , die Mutter nannte die Fortschritte ihres Dezem im Vergleich zu denen des Quirlequitsch hundert Prozent ! » Die lateinische Grammatik arbeitet der französischen vor , Hanna , « entschuldigte Pastor Blümel seinen Liebling , indem er ihm die schwarzen Löckchen streichelte . Es war ein gesegneter Winter . Daß der Amtmann unwiderruflich zum Feind geworden sei , bezweifelte man zwar nicht , da man ihn jedoch niemals zu Gesicht bekam , so spürte man es auch nicht . Nur daß er seitdem auch in seiner Kirche fehlte , machte dem alten Seelsorger ernstliches Herzeleid . Beim nächsten Gerichtstag erzählte der Justizrat , wie sauer es seinem Herrn Patron ankomme , den ritterlichen Exbruder nicht wegen grober Mißhandlung verklagen zu können . » Aber wo sind die Zeugen ? « fragte lachend der Judex . » Der achtjährige Dezem zählt für Null , und ich , - ich habe nichts gesehen , als daß der Herr Amtmann auf der Nase lagen und etwelche Schwielen hatten , die vom Fall auf das kröpelige Hofpflaster gekommen sein können . Im übrigen , was hätte eine Buße der alten Exzellenz geschadet ? Auf ein paar hundert Taler kommt es keinem Hartenstein an . Und was hätte sie dem alten Mehlborn genutzt , da ja nicht er , sondern Majestät Fiskus die paar hundert Taler in die Tasche gesteckt haben würde . « So mußte der arme Amtmann denn auch diesen Grimm hinunterwürgen , und daß er noch im nämlichen Herbst das nachbarliche Bielitz an sich brachte , das war wohl eine gelungene Spekulation , aber ein Trost für die mißlungene war es nicht . Der Auenboden von Bielitz trug kräftiger als der Höhenboden von Werben , aber war es Heimatsboden ? Es fiel ihm denn auch gar nicht ein , auf das bedeutendere Gut zu übersiedeln . Nur zu der dortigen Kirche hielt er sich , wenngleich er jeden Sonntag die verdrießliche Bemerkung machte , daß es sich über seiner Gruft doch weit andächtiger als über der der bankerotten Grafen habe beten lassen . Eine Genugtuung sollte er in diesen bösen Tagen indessen doch erleben ; denn die Erdenluft wurde für ihn rein von dem Atem der beiden Menschen , die er auf der Welt am bittersten gehaßt , ja , der beiden einzigen , gegen welche er den Haß , wie vormals die Verehrung , sich nicht bloß in den Kopf gesetzt hatte . Der alte General starb eines raschen Todes , wenige Wochen , nachdem er seinem Bruder eine geziemende Heimstätte vorbereitet und von seinen Enkeln einen friedlichen Abschied genommen hatte ; wenige Wochen , nachdem er sich a priori an dem ruhmvollen Nachrufe eines ehemaligen Waffenbruders erbaut . Die drei Salven hatten also doch vorgespukt ! Für die neuen Freunde in dem Werbener Pfarrhause war dieses plötzliche Ende die einzige Trübung des so heiter zur Rüste gehenden Jahres ; bald genug aber dankten sie für dieses Ende als für eine Gnade von Gott ; denn es ersparte dem greisen Vater die Kunde , daß - wie er weheleidig es als Sühne auch für die eigene Torheit vorausgeschaut - ein Tscherkessenblei seinen armen Jungen getroffen habe . Brigitte Mehlborn war somit , wie dem Herzen und dem Gesetze nach schon längst , auch der reinen Vernunft nach die Witwe Hilmars von Hartenstein . Daß sie als solche dem Vater Mehlborn wieder näher gerückt sei , kann in dieser Chronik von Werben leider nicht verzeichnet werden . Hat die Erbitterung sich nur einmal in einem harten Kopfe festgesetzt , erlischt sie nicht mit ihrem Gegenstand ; sie überträgt sich . Und auf wen hätte der Patriarch Mehlborn die seine wohl natürlicher übertragen sollen als auf die unnatürliche Tochter , die sich steifte , die Witwe Hilmars von Hartenstein zu heißen und als solche zu leben ? Gegen den Frühling hin war das Schloß in wohnlichen Zustand gebracht , und auf mächtigen Wagen langte der Hausrat der künftigen Bewohner an , dessen Ordnung Frau Hanna Blümel leitete . Etliche Tage später folgte die Familie nebst einem Hauslehrer und zahlreicher Dienerschaft . Die Gärten standen noch kahl , aber an Gewinden von Tannenreis und Efeublättern hatten Röschens kunstfertige Hände es nirgends fehlen lassen . Sie lauschte mit ihrem Dezem hinter einer Hofmauer verborgen , während der Vater die Ankömmlinge auf der Schloßrampe empfing und mit einer Anrede begrüßte , so warm , wie er eine zuständige Gutsherrschaft begrüßt haben würde . Alle trugen , zufolge der beiden Familiensterbefälle , denen sich noch der des jüngstgeborenen Töchterchens gesellt hatte , tiefe Trauerkleider . Alle schienen durch Abschluß und Eintritt tief bewegt . Am tiefsten der Propst . Er war tödlich bleich und in den neun Jahren , daß Pastor Blümel ihn nicht gesehen hatte , zum Greise ergraut . Lydia wendete ihre großen , ernsten Augen kaum von seinem Gesicht . Die Mutter schwamm in Tränen . Die Kinder - außer Lydia zwei Söhne und zwei Töchter - ließen die Köpfe hängen . Herr von Hartenstein reichte dem Pastor stumm die Hand und schritt , eine Foliobibel im Arm , in das Haus voran ; seine Gattin , Kinder und Dienerschaft folgten in geordnetem Zuge . Die Blümelsche Familie wendete sich heimwärts . Bevor sie den Hof verlassen hatte , ertönte von oben herab der Chorgesang : » Ein feste Burg ist unser Gott « , begleitet von einer kleinen Orgel , welche Kantor Beyfuß in dem Werbenschen Ahnensaale , dem einzigen unverändert gebliebenen Raume im Schloß , aufgestellt hatte . Die Spielerin war Lydia . Zu einem traulichen Verkehr zwischen den beiden geistlichen Familien , wie ihn die Blümelsche wohl gewünscht , aber kaum erwartet hatte , kam es nicht . Herr und Frau von Hartenstein machten nach Verlauf einer Woche im Pfarrhause einen Besuch , der in geziemender Frist von dem Pastor und seiner Gattin erwidert und von beiden Seiten ein und das andere Mal im Jahre wiederholt wurde . Damit hatte es sein Bewenden . Nach jedem dieser Besuche aber belebte sich im Pfarrkreise das Interesse an diesen edlen Menschen , die in einer dem eigenen Leben so fremden Beschränkung ihr Gnügen fanden , und war es zumal Frau Ottilie , welche in ihrer mädchenhaften zarten Schöne ein herzrührendes Bild hinterließ . Bei mehr als dreißig Jahren war der Ausdruck ihrer Züge und Augen kindlich heiterer als der ihrer zwölfjährigen Tochter ; und welche ein Kontrast mit dem ernsten , greisenhaften Gatten ! » Behüte Gott dieses Weib , « sagte Frau Hanna , » daß es nicht eines Tages eine schwere Mutterlast auf seinen Schultern zu tragen habe ! « Lydia war regelmäßig Zeugin jener förmlichen Besuche und unverändert das stille weiße Fräulein wie bei der ersten Begegnung auf dem Hünengrabe . Keine Spur jemals wieder von dem Anemonenhauch beim fröhlichen Exzellenzenmahl . Wie ihre Mutter für die Pfarrfrau , so ward für deren Gatten die Tochter je mehr und mehr zu einem Gegenstande sinnend sorglichen Anteils . Er pflanzte sie in seinen Kindergarten und nannte sie seine Lilie . » Behüte Gott diese Blume mit dem reinen Trieb zur Höh vor Lohe und Wurm , daß sie nicht schon im Morgenlicht den Kelch des Herzens zusammenziehe ! « sagte Konstantin Blümel . Die Hartensteinsche Familie besuchte die Dorfkirche niemals . Der Vater hielt häusliche Erbauungen und gab den Kindern auch selbst den Unterricht in der Religion . In weltlichen Fächern lehrte sie , als Lebensgenosse , ein von der Regierung suspendierter Dozent der heimischen Provinz , Magister Klein . Da die Standesgenossen weit und breit nicht zugleich Gesinnungsgenossen waren , wurde auch nach außenhin kein Umgang gepflegt . Es gab in der Gegend zwar einige Adelsfamilien von innerlich religiöser Richtung , Stille im Lande , wie sie seit Herrmann Frankes Zeiten genannt wurden ; ohne Ausnahme jedoch hatten sie sich dem Unionsedikt unterworfen , und das war eine Kluft , über welche für den Doktor von Hartenstein keine Brücke führte . So beschränkte sich denn der gelegentliche Verkehr auf etliche Treugebliebene aus dem Gelehrtenstande der benachbarten Universität , die ein dem Hartensteinschen verwandtes , einflußloses Separatistenleben führten . Der dem Propst am nächsten Stehende , aus dessen Händen er für seine Person auch das Abendmahl nach der alten Spendeformel empfing , war der in neuerer Zeit häufig genannte Professor Hildebrand . Während seiner Lehrtätigkeit ohne wesentlichen akademischen Einfluß , hatte bei seiner Suspension die Studentenschaft einmütig durch einen solennen Fackelzug gegen den Gewaltakt demonstriert und den unbeugsamen , still gelehrten Herrn für einen Tag oder zwei zu einem Glaubenshelden erhoben . Seitdem gehörte auch er zu der kleinen Schar der Auserwählten , welche von einem gewissen Wendepunkte erwartete , daß die Dornenkrone sich in eine Siegerkrone verwandeln werde . So verband sich einem innersten Gesetz eine Art von äußerer Notwendigkeit , um das häuslich klösterliche Wesen , in welches die Familie wie die Perle in der Muschel sich abschloß , vollständig zu machen ; vielleicht auch die Absicht , es augenfällig zu machen . Es kennzeichnete das Exil . Die Lebensweise war eine reichliche , aber streng geregelt ; die Dienerschaft bejahrt und sinnesverwandt ; die Einrichtung etwas kahl und ohne individuelles Gepräge , aber von übereinstimmender Gediegenheit . Das Silberzeug wie das dunkelgebräunte Zimmergerät bekundeten neben Sammlerfleiß und Kunstverstand den früheren kostspieligen Aufwand . Man würde sich in eine Abtei des fünfzehnten Jahrhunderts oder in eine Ritterburg versetzt geglaubt haben , wenn der lichte , glatte , nüchternbehagliche Schloßbau nicht gar zu widerspruchsvoll an eine neuere Zeit erinnert hätte . Von der Gemeinde wurden die Schloßbewohner nur vom Tale aus bemerkt , sobald sie sich auf den Terrassen bewegten . Selbst Ein- und Ausgang nahmen sie nicht durch den Wirtschaftshof , sondern unterhalb durch den Garten . Diese Ein- und Ausgänge beschränkten sich indessen auf einen fast täglichen Samariterweg die arme Frönerschlucht hinan und allezeit auf den Vater und die älteste Tochter . Was aber auf diesen Wegen erbaulich und hülfreich gespendet und allmählich auch gebessert worden ist , das schätzte und dankte Pastor Blümel als einen persönlich empfangenen Segen . Wie freudig würde er Hand in Hand mit diesem Paar die Schäden in seiner Gemeinde ausgeheilt haben ! Schon vor den Schloßbewohnern war der neue Pächter eingezogen , mit welchem sich indessen , da er nicht eine mildherzige Rosine , sondern eine handfeste Großmagd zu seiner Eheliebsten erkoren hatte , keine Pfarrfreundschaft hegen ließ . Den Wirtschaftsbetrieb änderte er insofern , als er die Hofprodukte in die entferntere nördliche Nachbarstadt absetzte , weil er mit dem Besitzer des Talgutes und des reichen Bielitz , welcher die seinen nach wie vor in die nahe Kreisstadt tragen ließ , nicht Konkurrenz zu halten vermochte . In der Morgenfrühe jedes Mittwoch und Sonnabend fuhr daher ein schwer beladener Pächterkarren nach X. , und mehr als einmal saß in Ferienzeiten Dezimus , nicht im neuen Schülerrock , aber im alten Leinenkittel hinter dem Knecht auf einem Butterkübel , um für seinen Vater in der alten Dombibliothek ein seltenes Bücherexemplar zu entlehnen oder bei dem Schloßgärtner ein seltenes Blumenexemplar zu erhandeln , bei Wege auch wohl für die Mutter diese oder jene wirtschaftliche Besorgung abzumachen . An einem des Predigtstudiums halber lektionsfreien Sonnabend während der Ernteferien des nächsten Jahres machte er wieder einmal diese Marktfahrt mit . Ein werter Amts- und Blumenbruder Vater Blümels hatte von einem ausländischen lieblich duftenden Gewächs berichtet , das der Schloßgärtner heuer in besonderer Üppigkeit zum Blühen gebracht habe . Vater Blümel schmachtete nach dem Duft der unbekannten Gardenia , und sein Dezem freute sich , ihm zu dem Genuß verhelfen zu dürfen . Doch war es ein Fleischergang ; die Spezies bereits ausverkauft . Der Abgesandte wurde an den Gärtner Reichart in der Universitätsstadt , der noch Vorrat habe , verwiesen . In der Universitätsstadt ! Den Knaben durchzuckte ein Blitz : das Ziel seiner Sehnsucht seit Jahr und Tag ! So oft hatte er die Hälfte des Weges zu diesem Ziele zurückgelegt , ohne daß ihm der Einfall gekommen wäre , auch die zweite Hälfte zurückzulegen . Heute kam ihm der Einfall . » Ich hole meinem Vater die Gardenia auf der Universität ! « rief er entschlossen . Würde er sie ihm geholt haben , würde er zwei Meilen in das Blaue hinein gerannt sein , wenn » auf der Universität « nicht die Warte mit den in den Himmel dringenden Rohren gestanden hätte ? Weiß schon ein Kind , was ein Vorwand - nun ja ! aber auch , was ein Selbstbetrug ist ? Gleichviel : ob die Mutter der Weisheit oder Kindesliebe , ein Genius war es , welcher Held Dezem in sein erstes Abenteuer hetzte . Zunächst in die vorstädtische Ausspännerei , wo dem Knecht die erklärende Bestellung in das Pfarrhaus übertragen wurde ; dann spornstreichs voran auf der schnurgeraden , pappelgesäumten Chaussee . Den Weg verfehlen konnte er nicht , und weitere Skrupel sparte er sich . » Erst hole ich die Gardenia , dann gucke ich fix einmal durch das große Rohr und laufe in der Nacht nach Hause zurück . « So sein Programm . Daß das Gucken durch das große Rohr mehr Schwierigkeit machen könne als etwa das Wasserschöpfen an einem Born , daran dachte er nicht . Nach den Sternen gucken kann jeder , so gut wie Wasser schöpfen . Daß er hungrig und müde werden könne , daran dachte er noch viel weniger ; so satt war er von Erwartung und so rege von Lust . Und noch satt und rege erreichte er am Nachmittag das städtische Tor . Er hatte sich eine Universität anders vorgestellt . Nichts als ganz gewöhnliche Häuser , längs ganz gewöhnlicher Gassen in einer ganz gewöhnlichen Stadt , wie er schon ihrer zwei hatte kennen lernen . Die Gassen liefen geradeaus , nach dieser , nach jener Seite , liefen kreuz und quer . Wohin sollte er sich nun wenden ? Er fragte eine Heringshökerin - nach der Sternwarte ? - o nein ! welcher Jüngling wird den Namen seiner ersten Geliebten vor einer Heringshökerin entweihn ? Er fragte nach dem Gärtner Reichart . » Da mußt du erst geradeaus gehen , dann links , dann wieder rechts , und wenn du ans Wasser kommst , mußt du weiter fragen , « belehrte recht anschaulich die Hökerfrau . Und Dezimus lief geradeaus und links und wieder rechts , fragte auch diesen und jenen und schaute sich zwischendurch nach allen Seiten um , ob nicht irgendwo die hohe Warte in den Himmel rage . Aber bis zum Gärtner Reichart sollte es immer noch weit sein , und ein paar Türme sah er wohl über die kleineren Häuser sich erheben , aber einen Bau , so majestätisch , so ganz absonderlich , auf dessen Dache statt der Feueressen goldglänzende Rohre gen Himmel gerichtet waren , solch ein ragendes Wunderwerk erblickte er nirgends . Endlich gelangte er an den Fluß , und weil nicht alsobald ein Mensch zum Weiterfragen bei der Hand war , schritt er eine Weile auf einem schmalen Pfade zwischen dem schilfbewachsenen Ufer und umzäunten Gärten voran . Über einer von diesen Gartentüren konnte ja leicht das Schild des Gärtners Reichart angebracht sein . Bei der Wendung um eine vorspringende Gartenmauer stand er jählings wie in den Boden gewurzelt . Sein Atem stockte , die Augen starrten in die Höhe . Auf steilem Felsen , zwischen Bäumen und wirrem Strauchgeschlinge ragte ein Turm , ragten Mauern und Pfeiler , wie er noch keine gesehen . So grau und anscheinend wandelbar hatte er sich allerdings eine Sternwarte nicht gedacht ; von blitzenden Rohren keine Spur . Aber wer konnte wissen , was alles noch hinter den Bäumen verborgen stak ? Es war auf dem höchsten Punkte der Gegend der am höchsten ragende Bau ; eine gewöhnliche Menschenwohnung konnte es nicht sein , auch kein Schloß und keine Kirche , welche beide einem Werbener Eingeborenen ja sattsam bekannt waren . Was also sonst als die Universität mit ihrer Warte ? Dem Knaben war , als stände er vor eines alten Königs Thron . Dort oben , dort oben , da lag sein gelobtes Land ! Er hätte hinandringen mögen , hineindringen gleich jetzt . Er mußte bei Tage ja aber erst die Gardenia holen . Nur den Pfad , der auf die Höhe führte , wollte er erspähen , um ihn später in der Dunkelheit ohne Aufenthalt einschlagen zu können . Vorwärts fiel der Felsen steil nach dem Flusse ab ; zur Seite hinderte die Gartenmauer den Überblick . Ob er wohl hinanklimmen durfte , um auf ihrer Höhe eine Umschau zu halten , ohne vielleicht wie ein Dieb von ihr heruntergejagt zu werden ? Aber halt ! dort , nahe dem Ufer , steht ja wie zur Rundschau aufgepflanzt eine alte Buche , breit geästet mit mächtiger Krone . Das Erklettern ein Spiel für den Dezem , der schon manches Jahr das Obst im Pfarrgarten abgenommen hat . Hinan also , hinan bis zum Wipfel ! Im Nu ist er oben , und oben , oben , da , - neue Verzückung ! da starrt er statt auf die Warte in ein Menschenantlitz , so schön , so wunderschön , wie er noch kein Menschenantlitz gesehen , schöner selbst als das des weißen Fräuleins , denn es blüht wie eine Rose . Ein Knabe , nein , ein junger Herr , wenn auch nicht größer als Dezimus selbst , goldgelockt und geputzt gleich einem Prinzen , sitzt zwischen den Ästen behaglich wie in einer Laube , raucht eine Zigarre und lacht dem Dezem in das verblüffte Gesicht . » Du , was suchst du hier oben , Junge ? « rief der junge Herr . » Vogelnester ? Das will ich dir anstreichen ! « Er wippte mit einer Reitgerte , die er in der Hand hielt ; Sporen an den Stiefeln trug er auch und in das eine Auge ein Brillenglas geklemmt . » Ich wollte bloß sehen , wie man auf die Sternwarte kommt , « antwortete Dezimus schüchtern , indem er auf den Turm deutete . Der junge Herr wollte vor Lachen sich ausschütten . » Das alte Gerümpel hältst du für die Sternwarte ? Das ist ja die Burgruine , Dummrian ! « Dezimus blickte beschämt zu Boden . » Wo liegt denn die Sternwarte ? « fragte er aber doch . » Die liegt näher der Stadt zu . Von hier aus kann man sie nicht sehen . Was hast denn aber du auf der Sternwarte zu suchen , Bursche ? « » Ich will durch ein Fernrohr die Sterne sehen , die auf meinen Himmelskarten gezeichnet stehen . « » Du , ein Bauernjunge , eine Himmelskarte ? Nein , das ist aber toll ? Wo kommst du denn her , Bursche ? « » Von Hochwerben . « » Von unserem Gut ! Na , das nenne ich gelungen ! Kennst du die Lydia Hartenstein ? « » Ja . « » Und den alten Mehlborn ? « Dezimus wurde rot , zögerte einen Augenblick , und dann sagte er leise : » Ja . « » Ein richtiger Bauernfilz , nicht wahr ? « Keine Antwort . » Wie heißt du denn , Junge ? « » Dezimus Frey . « » Dezimus Frey , der Hutmannszehent , der ein Schwarzrock werden soll ! Famose Geschichte , ganz famos ! Wie sie die Sidi amüsieren wird ! Warum hast du denn aber den verschossenen Kittel an ? Wir haben dir doch voriges Jahr einen Rock geschickt , so gut wie meinen eigenen . Na , wie dieser da freilich nicht : das ist mein Reitanzug . - Aber still , still ! « flüsterte er plötzlich . » Da unten kommen sie ! « Dezimus lugte durch die Zweige nach denen , die unten kommen sollten ; und da bemerkte er denn , um die Gartenmauer biegend , einen langen , von Kopf zu Fuß in Schwarz gekleideten Herrn , der an jedem Arm eine Dame führte . Die eine hager und auffallend runzelig , daher wohl hochbetagt , aber in blühende Farben angetan , sogar das kaum handgroße Gesichtchen rosenrot und die zierlich beschuhten Füßchen vogelleicht schwebend ; die andere Dame jung , wohlbeleibt , daher der Gang etwas schleppend , das Gesicht bläßlich , der Anzug schlicht und dunkel . Ein kleines Mädchen schlenderte hinterdrein , einen Busch von blühendem Schilf im Arm . Sobald die vorderen aus dem Gesicht waren , streckte der junge Herr den Kopf durch das Laub und ließ einen Ruf gleich dem des Wachtelschlags erschallen : » Pittperitt , pittperitt ! « Das kleine Mädchen kehrte um und blickte in die Höh . » Du , Mäxchen ! « rief es lachend ; worauf der junge Herr mit gedämpfter Stimme fragte : » Ist die Luft rein ? Vermissen sie dich nicht , wenn du hier ein paar Minuten zurückbleibst ? « » Sie schwatzen von untergegangenen Städten ; ich pflücke Schilf . Fiele ich in das Wasser wie dazumal aus dem Bett , wer merkte es ? « versetzte die Kleine mit munterem Klang , aber einem wenig kindlichen Spott im Blick . » So warte ! Ich habe einen gottvollen Scherz für dich ! « sagte der junge Herr , indem er sich behende durch die Zweige wand und von dem letzten mit einem kecken Satz zu Boden sprang . Dezimus folgte gelassener . Da er die Frage nach dem Gärtner Reichart noch auf