Sache nicht gekommen . Eigentlich schlug ihr der Graf einen guten Handel vor - unter einer sentimentalen Bedingung . Das letztere tut er im Vertrauen auf den Ruf , den sie genießt . Regula überlegt , daß ihr Ruf von Edelmut und Seelengröße sie schon manchen Gulden gekostet hat . Diesmal trägt er etwas ein - viel sogar . Es ist ein Zukunftskauf , der ihr angeboten wird , aber ein glänzender . Sie kennt Rondsperg durch den Direktor so genau ! ... Nur ist ihr mit dem Kauf allein nicht gedient - als Gräfin von Rondsperg gedenkt sie dort zu residieren . Ronald sieht sie fragend an , wäre jetzt nicht der Moment gekommen für sie - die Hand auszustrecken , für ihn - die großmütige zu ergreifen ? » Was sagen Sie , mein Fräulein ? « spricht er . » Ich sage - ja « , lispelt sie und reicht ihm die zitternde Rechte . Er erfaßt und drückt sie herzhaft : » Ich danke Ihnen ! « Eine Pause tritt ein . Sein Haupt neigt sich leise . Nun erhebt es sich wieder , und er fährt in entschlossenem Tone fort : » Die gemütliche Seite unserer Angelegenheit wäre abgetan ; die geschäftliche kommt an die Reihe . « » Schon abgetan ? « ruft Regula unwillkürlich . Ronald betrachtete sie erstaunt , und sie schoß bestürzte Blicke umher , denen es nur darum zu tun war , dem seinen auszuweichen . Wahrlich , sie haßte ihn grimmig in diesem Augenblick ! Sie fragt sich : Hat mich dieser Graf zum besten ? Verbirgt sich Hohn hinter seiner scheinbaren Offenheit ? Sie sinnt bereits auf Rache , aber vor allem muß ihre Verwirrung ihm verborgen werden . Regula lächelt sauersüß und spricht : » Das Geschäftliche bitte ich abzumachen mit meinem Rechtsfreunde , Doktor Wenzel . « » Er ist auch der meine « , erwiderte Ronald , » und wenn Sie erlauben , will ich sogleich zu ihm . « » Sie träfen ihn vermutlich auf dem Wege hierher , er wird mit uns speisen . « » Um so besser , wenn ich mich mit ihm in Ihrer Gegenwart besprechen darf . Und wann gedenken Sie nach Rondsperg zu kommen , mein Fräulein ? « » Was soll ich dort ? « » Es kennenlernen . Sie müssen Rondsperg gesehen haben , bevor Sie es kaufen ; darauf bestehe ich . « Er fuhr mit der Hand über seine Stirn und setzte nach kurzem Schweigen hinzu : » Sie werden über die Verwahrlosung erschrecken , die Ihnen dort auf Schritt und Tritt begegnet . Ich wäre nicht gern Zeuge Ihrer ersten unangenehmen Überraschung . Gestatten Sie mir , einige Tage nach Ihnen einzutreffen , um Sie in Ihrem neuen Eigentume zu begrüßen . « Regula horchte hoch auf . Alle ihre entschwundenen Hoffnungen kehrten im Fluge zurück . Vielleicht zögert er nur noch zu sprechen ; er kann es ja kaum tun , ehe sie ihren künftigen Wohnsitz sieht und sich mit ihm zufrieden erklärt . Und Regula flüstert schüchtern : » Unter welchem Vorwande könnte ich erscheinen ? « » Es bedarf keines Vorwandes . Sie werden eine Einladung von meiner Mutter erhalten . Meine Mutter kennt unsere Lage genau ! « Ronald sprach rasch und mit einer Ergriffenheit , deren völlig Herr zu werden er nicht vermochte . » Obwohl sie sich nicht darüber ausgesprochen hat , weiß sie , weshalb ich hier bin . Was meinen Vater betrifft , so war es längst sein Wunsch , Sie nach Rondsperg zu bitten . Wir hielten ihn davon ab , meine Mutter und ich . Der Unterschied zwischen der Gastfreundschaft die wir einst in Ihrem Hause genossen , und der , die wir Ihnen zu bieten haben , wäre zu groß gewesen . « » O Herr Graf ! « sprach Regula geschmeichelt , » kein Wort weiter . Ich komme , sobald die Frau Gräfin mich dazu auffordert . Es sei mir jedoch gestattet , meine kleine Nichte und eine Dienerin mitzubringen ... denn so ganz allein - das könnte auffallen ... Meinen Sie nicht auch ? « Sie war in der heitersten Laune . Als ihre Tischgäste , Doktor Wenzel , Professor Bauer und der Direktor , eintraten , hatten ihre Wangen ein belebtes Gelb , das den Professor entzückte . Niemals war sie ihm angenehmer und , wie er sagte , » bedeutender « erschienen , ihre Augen strahlten förmlich vor Klugheit , und sie sprach gescheite Sachen . O wie haßte er den Reichtum der sie unabhängig und zugleich für so viele begehrenswert machte ! Er hätte ihre Häuser verbrennen , in ihren Geldschrank einbrechen und seinen Inhalt in alle Winde streuen mögen . Er war überzeugt , daß sie füreinander geboren waren und daß nichts zwischen ihnen stand als dieser abscheuliche Reichtum . Wenn Regula zuzeiten gnädig sagte : » Ja , mein Freund , ich ermesse die Tiefe der Neigung , die Sie mir weihen « , wähnte er sich dem Inbegriff aller Seligkeiten näher . Ludwig Bauer glich der Kohle , die sich in einen Eisblock verliebte und meinte , der weine vor innerer Rührung , weil ihre Nähe ihn tauen machte . Das Diner fiel vortrefflich aus . Der Tisch war tadellos gedeckt , ein Bedienter in einfacher , gar nicht geschmackloser Livree servierte behend und geräuschlos die feinen Gerichte , die milden und feurigen Weine . » Echter Heißensteiner ! « rief der Direktor nach jedem Trunke begeistert aus . Die Herren machten der Mahlzeit alle Ehre - den Professor ausgenommen , der sich sonst eines guten Appetits erfreute , aber heute nicht essen konnte . Er verschlang nur Ronald - nämlich mit den Augen . Ihm schwante Böses . Und Ronald dachte : Dieser Mann der Wissenschaft scheint sehr aufgeregt ; er ist gewiß im Begriffe , eine Entdeckung zu machen . Der Professor jedoch machte keine andere Entdeckung als die immer neue seiner Liebe zu Regula . 16 Die Eisenbahnfahrt dauerte nur wenige Stunden . Schon um zwölf Uhr mittags waren die Reisenden auf der Station angelangt , wo der Wagen aus Rondsperg ihrer wartete - eine grüne Kalesche auf Schneckenfedern , mit schmalem Kutschbock , der in der Luft zu schweben schien . Freundlich grinsend begrüßte der Kutscher die Damen und hob sie in den Wagen . Mit Hilfe zweier Volontärs , die ihre Dienste angeboten hatten , band er sodann den Koffer des Fräuleins und die Reisetaschen ihres Gefolges auf das Trittbrett fest und schwang sich auf seinen luftigen Sitz . Die Volontärs forderten eine unverschämte Entlohnung für ihre Mühewaltung , Regula machte ein saures Gesicht , murmelte etwas von » idyllischen Zuständen « , bezahlte , und die Equipage setzte sich in eine halb wiegende , halb schaukelnde Bewegung , die Röschen entzückte . Trotz der Abmahnungen ihrer Tante stand sie auf , kniete auf dem Rücksitze des Wagens nieder , lehnte sich an den Kutschbock und begann ein eifriges Gespräch mit dem Rosselenker . Er war ein alter Mensch mit krummem Rücken , trug einen weitläufigen Rock aus grobem grauem Tuch und auf dem Kopf einen hohen Zylinder , den er trotz des schönen Wetters unter den Schutz eines Überzugs aus Wachsleinwand gestellt hatte , dessen Bändchen ihm gemütlich um die Nase baumelten . Regula hatte sich anfangs sehr unwirsch über die Hitze geäußert , sich aber doch nicht entschließen können , den grünen Gazeschleier zu lüften , unter dem sie beinahe erstickte . Zuletzt kam sie in so üble Laune , daß sie gar nicht mehr sprach , den Fächer dicht vor das Gesicht hielt und mit geschlossenen Augen sich in die Ecke des Wagens drückte , während Bozena wie eine japanische Zofe einen großen Sonnenschirm über dem Haupte der Herrin ausgespannt hielt . Röschen schwatzte indessen eifrig mit dem Kutscher weiter . Den Gegenstand ihres Gesprächs bildeten die zwei Braunen , die in bequem zottelndem Trabe das Gefährt hügelauf , hügelab zogen . Sie waren beide tief eingesattelt und hatten lange , abstehende Ohren , die sie unaufhörlich bewegten . Ihre Namen waren Kocka und Myska ( Katze und Maus ) , und Florian hatte sie gewartet von ihrem ersten Lebenstage an bis zu dem ehrwürdigen Matronenalter , in dem sie jetzt standen . Er erzählte seiner aufmerksamen Zuhörerin , sie seien Schwestern , die eine sechzehn Jahre - Röschen rief : » Gerade wie ich ! « - , die andere siebenzehn Jahre alt , und beide besäßen erwachsene Kinder . Als so klug schilderte er seine Zöglinge , daß man wohl begriff , warum er es für überflüssig hielt , ihnen irgendwelche Leitung oder Ermahnung angedeihen zu lassen . » Die spinnen so fort « , sagte er , » wenn drauf ankommt , ganze Tog , hoben Weg in die Füß ! « Lustig tanzten die Zügel auf den Kruppen der Braunen , als hätten sie nur den Zweck , ihnen die Fliegen zu verscheuchen . Wenn Myska , was regelmäßig geschah , sooft es bergab ging , stolperte , rief Florian mit geheuchelter Verwunderung : » Oho ? ! « Röschen meinte , die Fahrt habe kaum begonnen , als sie sich schon ihrem Ende nahte . Man war am Ausgange eines Wäldchens aus Laub- und Nadelholz angelangt . Florian richtete sich so gerade auf , als die Beschaffenheit seines Rückens es erlaubte , deutete mit der Peitsche auf ein großes , viereckiges Gebäude , das inmitten der Felder vor einem langgestreckten Dorfe lag , und sprach , die Brust von Stolz geschwellt , das Haupt auf die Seite geneigt , über die Achseln zu Röschen : » Rondsperg ! « Nun wurde ein schmaler Feldweg eingeschlagen , der sich so wunderlich krümmte und wand , daß es schien , als führe er statt in die Nähe des Reisezieles weitab von ihm . Kocka und Myska wußten das aber besser . Sie stießen einander mit den Köpfen an und ließen ein gedämpftes Wiehern vernehmen , ohne Übermut , aber voll Zufriedenheit . Jedes Kind mußte verstehen , daß sie sagten : Wir sind zu Hause ! Jetzt fuhr der Wagen über eine Hutweide , auf der einige Kühe ihr Futter suchten , aber nicht fanden , wie ihre eingefallenen Flanken und ihre schlotternden Euter bewiesen . Florian rang mit sich selbst , ob er etwas oder nichts sagen sollte . Nach einer Weile entschloß er sich zu ersterem und erklärte in bedauerndem Tone : » Herrschaftliche Viech ! « - Doch rasch , als gälte es , den unliebsamen Eindruck , den seine Worte hervorgebracht haben mochten , schleunigst zu verwischen , streckte er den Arm mit der Peitsche aus , beschrieb einen Bogen , der den halben Horizont umfaßte , und sprach : » Herrschaftliche Grund ! « Ein unabsehbares Heer aufgescheuchter , mit den Flügeln schlagender Gänse begrüßte die Ankömmlinge mit lautem Geschnatter . Ohne sich davon beirren zu lassen , liefen die Braunen über eine breite , geländerlose Brücke , welche die Ufer eines seichten , sanft dahingleitenden Bächleins miteinander verband , und einer Allee von überständigen , meist gipfeldürren Pappeln zu , an deren Ende die Einfahrt zum Schlosse sichtbar wurde . Es war dies ein gemauerter Bogen zwischen zwei steinernen Säulen , auf denen verwitterte Unholde hockten , die unförmigen Tatzen auf Wappenschilder gestützt , deren Embleme nicht mehr sichtbar waren . Die Pferde lenkten ein , der Wagen rasselte über das Pflaster des Schloßhofes und hielt unter der Einfahrt . Nachdem Florian aus allen Kräften mit seiner Peitsche geschnalzt hatte , erschien ein Diener in einem flatternden Zwilchkittel , öffnete den Wagenschlag und half den Damen beim Aussteigen . Bozena machte sich , von Florian auf das bereitwilligste unterstützt , mit der Bagage zu schaffen , Regula und Röschen traten in die Halle . An beiden Seiten derselben befanden sich hohe verhangene Glastüren ; eine Doppeltreppe , dem Eingange gegenüber , führte zu dem ersten Geschosse empor . Die Bildhauerarbeit an der Steinrampe und die Stukkaturen an den Wänden waren so oft übertüncht worden , daß es kaum mehr möglich war , ihre ursprünglichen zierlichen Formen zu erkennen . Vom Korridor her kamen der Graf und die Gräfin herbei und blieben , ihre Gäste erwartend , auf dem obersten Treppenabsatze stehen . Regula beschleunigte ihre Schritte nicht ; langsam stieg sie hinan , warf schräge Blicke um sich und dachte : Ärmlich ! ... Ärmlich ! - Voll peinlicher Ungeduld folgte Röschen der Tante und flüsterte ihr zu : » Sie warten , die alten Leute warten ! « Endlich vor dem Paare angelangt , machte Regula eine tiefe Reverenz , der Graf erwiderte sie freundlich mit entblößtem Haupte , die Gräfin verbeugte sich mehrmals nacheinander ; rasch und , wie es schien , unwillkürlich bewegten sich ihre Lippen . -Wehmütig ergriffen von dem Anblick der alten Frau , trat Röschen auf sie zu und küßte ihre Hand . Der Graf bot der Tante seinen Arm , die Gräfin nahm den der Nichte , und so geleiteten sie ihre Gäste zu den ihnen bestimmten Gemächern . An der Schwelle blieb der Hausherr stehen und sprach : » Es ist alles zu Ihrem Empfange bereit , treten Sie ein , meine Damen . « Die Hausfrau stammelte einige Worte der Entschuldigung und bat , vorliebzunehmen . Unzufrieden unterbrach sie ihr Gemahl : » Ohne Komplimente ! Nicht wahr , meine Damen ? - Lassen Sie sich ' s bei uns gefallen . In einer halben Stunde wird die Tischglocke das Zeichen zur Tafel geben . Auf Wiedersehen ! « Die Zimmer , welche die Ankömmlinge bezogen , waren groß und kahl : sie boten die Aussicht auf den Teich des Dorfes und auf einen Teil des verwilderten Parks . Ein kleineres , an das Röschens anstoßendes Zimmer war für Bozena bestimmt . Regula ließ sich von dieser ankleiden und fragte spöttisch : » Wie gefällt es Ihnen hier ? - Ein hübsches Haus ? - Ein hübscher Park ? « Dabei rieb sie sich die Hände mit Mandelkleie und sagte zu sich selbst : Das wird anders werden . Sie hatte ihre Toilette eben beendet , als eine heisere Glocke ertönte und derselbe alte Diener , der sie am Wagen begrüßt hatte , die Meldung brachte , die Suppe sei aufgetragen . Der » Lakai « war jetzt mit einem Frack nach der Fasson des Rondsperger Schneiders angetan . Er hatte ein weißes Tuch um den Hals geschlungen und trug Gamaschen , aber keine Handschuhe . Die Wappenknöpfe , die auf seiner Kleidung angebracht waren , mochten wohl einmal versilbert gewesen sein . Mit einer gewissen nachlässigen Grazie geleitete der Edle , sich von Zeit zu Zeit umsehend , ob sie ihm auch folgten , die Damen in den Salon . Der lag in der Mitte des Gartenflügels , hatte fünf Fenster und den Umfang einer mäßig großen Reitschule . An den Wänden ließen sich die Spuren einer äußerst feinen und zarten Malerei entdecken und Reste von Vergoldung an der weiß lackierten Einrichtung im Stile des Kaiserreichs . Über einem Kanapee , auf dem sechs Personen bequem Platz gefunden hätten , hing das Brustbild der Mutter des alten Grafen . Sie war als Hebe gemalt und nur mit einer roten Echarpe aus durchsichtigem Stoff bekleidet . Regula , deren Auge sich zufällig zuerst auf sie gerichtet hatte , dachte mit stillem Entsetzen : Die Hebe wird verbrannt ! - Und doch war dieses Bild das einzige in dem ganzen Gemache , das nicht mit grausamer Beredsamkeit von Verfall sprach . Die blauen Seidenüberzüge der Möbel , so matt und glanzlos und so vielfach geflickt , die kunstvoll geschnitzten Trophäen über den Fenstern und Türen , die einst kostbare Vorhänge getragen hatten und jetzt so nutzlos in ihren eisernen Haken hingen , an den Pfeilern die halb erblindeten Spiegel , die traurig all diese verblichene Pracht widerstrahlten , wie deutlich bezeugten sie den Gegensatz , der hier herrschte zwischen einst und jetzt ! Am Eingange des Saales stand das greise Ehepaar , wie es im Treppenhause gestanden hatte . Er zufrieden und selbstbewußt ; sie kummervoll und beschämt . In respektvoller Entfernung hielt sich ein großer alter Mann mit derben Zügen , das dichte graue Haar über der Stirn zu einer Schnecke zusammengedreht , einen goldenen Siegelring auf dem knochigen Zeigefinger . Er wurde von dem Hausherrn als » mein Burggraf « vorgestellt , und man begab sich zu Tische . Die Gräfin selbst servierte eine safrangelbe Suppe , und Peter trug mit großer Geschäftigkeit die gefüllten Teller umher und schien sich nichts daraus zu machen , wenn sein heißer Inhalt seine Daumen umspülte . Ein bäurischer Gesell , Peters Gehilfe , den dieser seit langem mit wenig Geduld und wenig Glück in die Geheimnisse seines Berufes einzuführen suchte , schlich hinter ihm her . Peter kommandierte ihn mit Blicken , Winken und halblauten Anrufungen , wovon eine - sie lautete : » Du Roß ! « - vom Grafen überhört wurde , die Gräfin in Schrecken versetzte , Regulas Indignation erweckte und den Burggrafen ergötzte . Auf dem Tische stand prachtvolles Obst in Schalen aus Sevresporzellan und dazwischen ein Bronzeaufsatz ; wunderbare Arbeit aus der besten Florentiner Zeit , ein Kunstwerk von hohem Werte . Regula nahm sich vor , heute noch an Wenzel zu schreiben , im Kaufvertrage sei der Punkt , der von der Erwerbung des Schlosses samt Mobiliar handelt , ganz besonders zu betonen . Und sie sprach : » Ein bewunderungswürdiger Tafelschmuck ! - Die Figuren sind vorraffaelisch gedacht und könnten wohl von Donatello oder von Bruneleschi ausgeführt sein , wenn nicht gar von Ghiberti - ja , ich würde es sogar wagen , sie Benvenuto Cellini zuzuschreiben . « » Sie sind Kennerin ! « antwortete der Graf vergnügt . » Ich hatte keine Ahnung von dem Werte dieses Dings . Ein Schurke von Antiquar , der hier herumreist und die Schlösser unter dem Vorwande bestiehlt , er wolle Einkäufe machen für Sabatier in Paris , hat viele tausend Francs dafür geboten . Aber wir pflegen nicht Handel zu treiben , und ich gab Befehl , den Mann an die Luft zu setzen . Unter anderm « - sprach der Greis lebhaft zum Burggrafen - : » Ist es geschehen ? Ich vergaß bisher , danach zu fragen : Ist es geschehen ? « Der Burggraf verneigte sich und erwiderte : » Sozusagen , gräfliche Gnaden . « Während die Suppe gegessen wurde , stand Peter mit verschränkten Armen am Kredenztische und warf unverschämte Blicke auf die beiden Fremden . Dabei dachte er : Nun , ihr Weinhändlerinnen , gefällt es euch bei uns ? Habt ihr in eurem Leben schon etwas dergleichen gesehen ? ... Was sagt ihr dazu ? Dann servierte er weißes ausgekochtes Rindfleisch auf silberner Schüssel und Kohlrüben in einer blauen Kasserolle mit abgebrochenem Henkel . Der Hausfrau standen Schweißtropfen auf der Stirn , der Hausherr war in der muntersten Laune , und als Peters Adlatus eine der Sevresschalen fallen ließ und diese zerbrach , sagte der Graf : » Es tut nichts ; mein Peter repariert das wieder . Nicht wahr , Peter ? « Peter zog den Mund so schief , als wollte er sich in das Ohr beißen , und antwortete : » Jo . « Der Graf sprach mehrmals von Ronald , doch geschah dies immer in gereiztem Tone . Er stellte selten eine Behauptung auf , ohne hinzuzufügen : » Mein Sohn ist andrer Meinung . « Er bedauerte , daß Ronald nicht anwesend sei , um den Damen die Honneurs von Rondsperg zu machen - aber : » Mein Sohn ist niemals da , wo er sein sollte . « » Er kommt morgen « , warf die Gräfin ein . Ohne Notiz von den Worten seiner Frau zu nehmen , erklärte der Greis seinen Gästen , warum er sie nicht begleiten könne bei den kleinen Ausflügen in die Umgebung , die er ihnen zu unternehmen riet . Er hatte die Grenzen des Parks seit dem Jahre achtundvierzig nicht mehr überschritten , denn er wollte sich nicht der Möglichkeit aussetzen , einem Bauern zu begegnen , der sich vielleicht besänne , ob er den Hut vor ihm abziehen solle , oder gar einem , der ein Gewehr auf dem Rücken trüge . » Wenn man zu alt ist , die Anarchie zu bekämpfen , muß man zum mindesten gegen sie protestieren . Mein Sohn freilich verträgt sich mit ihr « , setzte er achselzuckend hinzu . Nach dem Speisen begab man sich in den Garten . Der Kaffee wurde auf der Terrasse getrunken , die den Gartenflügel des Schlosses umgab und zu der man durch die Halle und eine Salle à terrain gelangte , welche einst , ihrer kühlen Lage und freundlichen Aussicht wegen , als Sommerspeisesaal gedient hatte . Von der Terrasse aus überblickte man einen Teil des Parks , der allen Anforderungen , die Jean Jacques Rousseau an einen solchen stellt , auf das vollständigste entsprach . Ringsum dehnte sich das fruchtbare , wohlgepflegte Land . Da war jedes Fleckchen ausgenützt , jeder Wegrain mit Obstbäumen bepflanzt . Schwerlich hätte ein Maler sich hier seine » Motive « geholt ; die charakterlosen Hügel in der Nähe , die grüne Bergesreihe , die den Horizont mit einer fast geraden Linie abschloß , konnten auf Schönheit keinen Anspruch machen , aber herzerfreuend wie die Großmut , wie die Dankbarkeit war der Anblick des tausendfachen Segens , mit dem dieser Boden die Sorgfalt lohnte , die ihm zuteil wurde von Menschenhand . Der Graf blieb neben Regula stehen und sah sie erwartungsvoll an . Sie schwieg und - schwieg . Er sprach endlich mit Ungeduld : » Was sagen Sie zu meiner Aussicht ? « Regula liebte es nicht , interpelliert zu werden . Mit steifer Haltung und einem bösen Lächeln antwortete sie : » Wenn ich gleich Ihnen , Herr Graf , mit Polykrates sprechen dürfte : Dies alles ist mir untertänig , würde ich ohne Zweifel finden , daß Ihre Aussicht schön sei . « Röschen hatte sich stumm neben die Gräfin gesetzt und versank ganz und gar in Bewunderung . - So große Weizenfelder , das ist ja eine Pracht ! Und wie der Wind spielend darübergleitet und sanfte Wellen sich bilden , die jetzt wie Silber schimmern und jetzt wie Gold . Der Schatten einer Wolke kommt geflogen und spiegelt sich in diesem Meere von Ähren . Neben den gelben Feldern stehen grüne , dazwischen farbenprächtige Mohnblumenbeete , sie würden einen Garten schmücken ! An der Ecke der Parkmauer , wo der Weg in das Dorf führt , erheben sich drei uralte Linden , ihre Zweige sind so dicht verschlungen , daß sie zusammen nur eine Krone bilden - eine Riesenkuppel über dem heiligen Johannes aus Stein , der sein graues Haupt zu dem Kreuz in seinem Arm demutvoll niederbeugt . Die vom Acker heimkehrenden Weiber , mit schweren Grasbündeln auf dem Rücken , steigen , so müde sie sind , doch die Stufen des Standbildes hinan und küssen den halbverlöschten Namen Jesu auf seinem Sockel . Desgleichen tun die alten Bauern , und ihre aufgeklärteren Söhne entblößen zum mindesten das Haupt vor dem Schutzpatron des Dorfes . - Die Sonne neigt sich zum Untergange , immer einsamer wird es auf den Wegen , nur einzelne Nachzügler kommen noch langsam einhergeschritten . An ihnen vorbei galoppiert eine Schar kleiner Jungen mit nackten Beinen ; sie reiten die Pferde von der Hutweide nach Hause unter Hurra und lautem Geschrei ... Röschen möchte mit ihnen jauchzen , so seelenvergnügt fühlt sie sich . Sie sieht die Augen der Gräfin mit dem Ausdruck so innigen , so mütterlichen Wohlgefallens auf sich gerichtet . Ach , könnte sie etwas tun für die arme alte Frau ! ... Aber sie kann nichts tun , als sich zu ihr neigen und sagen : » Wie schön ist es bei Ihnen ! « Die Greisin streichelt ihr sanft die Wange - der alte Herr blickt schalkhaft zu ihr hinüber und droht ihr mit dem Finger : » Oh - o diese Augen ! Werden die noch Unheil genug in der Welt anrichten ? ... Sehen Sie mich nicht an , Fräulein von Fehse - sehen Sie mich nicht an ! « Am nächsten Morgen , in aller Gottesfrühe , war Röschen schon im Garten , und zu Mittag lag schon - niemand wußte , durch welche Zauberkünste - das Kindervolk im ganzen Umkreise des Schlosses in ihren Fesseln . Die zwei » Jüngsten « des Maiers und das » Allerjüngste « des Schmiedes und die » Sämtlichen « des Gärtnergehilfen liefen hinter ihr her wie Hündlein . Eine kleine , kugelrunde Anitschka mit kurzem Näschen und roten Pausbacken pflanzte sich vor dem Schloßtore auf , als Röschen darin verschwunden war , und ließ sich so wenig wie eine treue Schildwache von ihrem Posten vertreiben . Sobald der Gegenstand ihrer Leidenschaft wieder erschien , machte sie eine dicke Lippe , ergriff eine Falte von Röschens Kleid und watschelte so resolut neben ihr her , als hieße es nun : Durch Not und Tod ! Während Röschen die Jugend bezwang , eroberte Bozena das Alter . Gleich bei ihrer ersten Begegnung mit ihm hatte sie des alten Grafen Gunst errungen . Er erklärte sie sofort für eine der gescheitesten Personen , die ihm jemals vorgekommen seien . Sie mußte sich nachmittags auf der Terrasse einfinden und die Aussicht bewundern . Zufällig - dieser Zufall traf immer ein , sobald der Greis zehn Worte mit einem fremden Menschen gewechselt hatte - kam das Gespräch auf die Ereignisse des Jahres achtundvierzig . Bozena erzählte , durch seine Fragen gedrängt , von ihrem Aufenthalte in Ungarn , von ihrer Wanderung durch das kaum niedergeworfene Land . Der Graf - honneur aux dames ! - forderte sie auf , sich zu setzen , und als Bozena diese Zumutung , als könne sie nur im Scherze gemeint sein , lächelnd ablehnte , nahm der alte Herr seinen Hut ab und legte ihn neben sich auf die Bank . Beim Abendessen sprach er mit Regula mehrmals von ihrer Magd : » Eine Libussa , Ihre - wie heißt sie ? ... Eine Fürstin Libussa ! ... Eine solche Dienerin macht der Herrin Ehre . Auf Ihr Wohl , mein Fräulein ! « Er leerte ein Glas sauern Landweins mit einem solchen Behagen , als verwandle er sich auf seiner Zunge in den edelsten Johannisberger . Regula hatte den Nachmittag ihrer Korrespondenz gewidmet . Sie schrieb einen langen Brief an Wenzel und einen nicht viel kürzeren an Mansuet . Dem letzteren trug sie Grüße auf an alle ihre Bekannten und Verehrer . In der langen Liste der angeführten Namen fehlte nur der des Professors Bauer . Von diesem Getreuen erwartete sie schon mit der morgigen Post einen Brief , den zu beantworten sie sich vornahm . Ihr letzter Gedanke , als sie ihr Haupt auf das Kissen ihres dürftigen Lagers legte , war an ihn : Was wird er sagen , wenn er von meiner Verlobung hört ? ... Der Arme - vielleicht erschießt er sich ! Es war Sitte auf Schloß Rondsperg , um neun Uhr zur Ruhe zu gehen . Drei Stunden vor Mitternacht mußte der Graf geschlafen haben , sonst hatte er , seiner Meinung nach , nicht geschlafen . Um zehn Uhr durfte eigentlich kein Licht mehr im Hause brennen . So war denn auch heute alles still und dunkel , als Ronald langsam in den Schloßhof ritt . Nur an einem Fenster schimmerte noch ein matter Lichtschein wie der von einer verdeckten Lampe . Zu diesem blickte Ronald eine Weile sinnend und zögernd empor , dann faßte er einen raschen Entschluß , übergab seinen Klepper - einen Sohn der Myska - dem herbeieilenden Florian und trat einige Minuten später , nach leisem Pochen , in das Schlafzimmer seiner Mutter . Die alte Frau saß noch angekleidet vor dem Arbeitstischchen im Fenster . Vor ihr auf dem Nähkissen lag ein zerlesenes Buch : Albachs » Heilige Anklänge « . - Bei dem Anblick ihres Sohnes fuhr sie erschrocken zusammen ; er bemerkte es wohl und sprach beklommen : » Sie sind noch auf , gute Mutter ... « » Ich werde sogleich Nacht machen - wollte nur noch - « wie entschuldigend wies sie auf das Buch , » ein wenig beten . « » Der Vater schläft ? « » Seit einer Stunde . « Sie wagte nicht , ihn anzusehen ; ein Gefühl peinlicher Furcht hatte sie ergriffen , das echt weibliche Gefühl der Furcht vor der Entscheidung . O ging er wieder ! ... O spräch er nicht ! dachte sie und sagte : » Es ist spät . « Ronald blieb trotz dieses Winkes . Er holte einen Stuhl aus der Ecke des Zimmers und setzte sich seiner Mutter gegenüber . » Wir haben Gäste ? « fragte er . » Ja . Und - die kleine Waise « , fügte sie mit Lebhaftigkeit hinzu , » welch ein holdes Geschöpf ! ... Ein Herzenslabsal , dieses Kind ... « » So ? « entgegnete Ronald zerstreut und suchte vergebens nach Worten . Auch er hatte die Augen gesenkt und sah die Hände seiner Mutter in ihrem Schoß beben ; und diese welken , hilflosen Hände raubten ihm den Mut , brachten ihn um seine Entschlossenheit . Mutter und Sohn wandelten seit Jahren fast stumm nebeneinander . Was am schwersten auf ihnen lastete , darüber durften sie nicht sprechen , denn es hätte zur Klage geführt über den Gatten , den Vater , und Sorglosigkeit zu heucheln vermochten sie nicht . Bei ihrem Manne und bei der Tochter , die in ihrer Nähe lebte , hatte die Gräfin es endlich aufgegeben , Verständnis zu suchen ; allzu verschieden von ihr waren sie geartet . Durch mehr als