daß du uns nicht gerne hier siehst . « » Wenn ihr das wißt , « sprach Amalaswintha mit Hoheit , » wie könnt ihr wagen , dennoch vor unser Angesicht zu treten ? Wer gestattet euch , wider unsern Willen zu uns zu dringen ? « - » Die Not gebeut es , hohe Frau , die Not , die schon stärkere Riegel gebrochen als eines Weibes Laune . Wir haben dir die Forderungen deines Volkes vorzutragen , die du erfüllen wirst . « - » Welche Sprache ! Weißt du , wer vor dir steht , Herzog Thulun ? « - » Die Tochter der Amalungen , deren Kind ich ehre , auch wo es irrt und frevelt . « - » Rebell ! « rief Amalaswintha und erhob sich majestätisch vom Throne , » dein König steht vor dir . « Aber Thulun lächelte : » Du würdest klüger tun , Amalaswintha , von diesem Punkt zu schweigen . König Theoderich hat dir die Mundschaft über deinen Sohn übertragen , dem Weibe : - das war wider Recht , aber wir Goten haben ihm nicht eingeredet in seine Sippe . Er hat diesen Sohn zum Nachfolger gewünscht , den Knaben : - das war nicht klug . Aber Adel und Volk der Goten haben das Blut der Amalungen geehrt und den Wunsch eines Königs , der sonst weise war . Niemals jedoch hat er gewünscht , und niemals hätten wir gebilligt , daß nach jenem Knaben ein Weib über uns herrschen solle , die Spindel über die Speere . « » So wollt ihr mich nicht mehr anerkennen als eure Königin ? « rief sie empört . » Und auch du , Hildebrand , alter Freund Theoderichs , auch du verleugnest seine Tochter ? « » Frau Königin , « sprach der Alte , » wollest du selbst verhüten , daß ich dich verleugnen muß . « Thulun fuhr fort : » Wir verleugnen dich nicht - noch nicht . Jenen Bescheid gab ich nur , weil du auf dein Recht pochst und weil du wissen mußt , daß du ein Recht nicht hast . Aber weil wir gern den Adel des Blutes ehren - wir ehren damit uns selbst - und weil es in diesem Augenblick zu bösem Zwiespalt im Reich führen könnte , wollten wir dir die Krone absprechen , so will ich dir die Bedingungen sagen , unter denen du sie fürder tragen magst . « Amalaswintha litt unsäglich : wie gern hätte sie das stolze Haupt , das solche Worte sprach , dem Henker geweiht . Und machtlos mußte sie das dulden ! Tränen wollten in ihr Auge dringen : sie preßte sie zurück , aber erschöpft sank sie auf ihren Thron , von Cassiodor gestützt . Cethegus war indessen an ihre andre Seite getreten : » Bewillige alles ! « raunte er ihr zu , » ' s ist alles erzwungen und nichtig . Und heute nacht noch kömmt Pomponius . « » Redet , « sprach Cassiodor , » aber schont des Weibes , ihr Barbaren . « - » Ei , « lachte Herzog Pitza , » sie will ja nicht als Weib behandelt sein : sie ist ja unser König . « » Ruhig , Vetter , « verwies ihn Herzog Thulun , » sie ist von edlem Blut wie wir . « » Fürs erste , « fuhr er fort , » entläßt du aus deiner Nähe den Präfekten von Rom . Er gilt für einen Feind der Goten . Er darf nicht die Gotenkönigin beraten . An seine Stelle bei deinem Thron tritt Graf Witichis . « » Bewilligt ! « sagte Cethegus selbst , statt Amalaswinthas . » Fürs zweite erklärst du in einem Manifest , daß fortan kein Befehl von dir vollziehbar , der nicht von Hildebrand oder Witichis unterzeichnet , daß kein Gesetz ohne Genehmigung der Volksversammlung gültig ist . « Die Regentin fuhr zornig auf , aber Cethegus hielt ihren Arm nieder . » Heute nacht kommt Pomponius ! « flüsterte er ihr zu . Dann rief er laut : » Auch das wird zugestanden . « » Das dritte , « hob Thulun wieder an , » wirst du so gern gewähren , als wir es empfangen . Wir drei Balten haben nicht gelernt , in der Hofburg die Häupter zu bücken : das Dach ist uns zu niedrig hier . Amaler und Balten leben am besten weit voneinander - wie Adler und Falk . Und das Reich bedarf unsres Arms an seinen Marken . Die Nachbarn wähnen , das Land sei verwaiset , seit dein großer Vater ins Grab stieg . Avaren , Gepiden , Sklavenen springen ungescheut über unsre Grenzen . Diese drei Völker zu züchtigen , rüstest du drei Heere , je zu dreißig Tausendschaften und wir drei Balten führen sie als deine Feldherrn nach Osten und nach Norden . « Die ganze Waffenmacht obenein in ihre Hände : - nicht übel ! dachte Cethegus . » Bewilligt , « rief er lächelnd . » Und was bleibt mir , « fragte Amalaswintha , » wenn ich all ' das euch dahingegeben ? « » Die goldne Krone auf der weißen Stirn , « sagte Herzog Ibba . » Du kannst ja schreiben wie ein Grieche , « begann Thulun aufs neue . » Wohlan , man lernt solche Künste nicht umsonst . Hier dies Pergament soll enthalten - mein Sklave hat es aufgezeichnet - was wir fordern . « Er reichte es Witichis zur Prüfung : » Ist es so ? Gut . Das wirst du unterschreiben , Fürstin . - So , wir sind fertig . Jetzt sprich du , Hildebad , mit jenem Römer . « Doch vor ihn trat Teja , die Rechte am Schwert , zitternd vor Haß : » Präfekt von Rom , « sagte er , » Blut ist geflossen , edles , teures , gotisches Blut . Es weiht ihn ein , den grimmen Kampf , der bald entbrennen wird . Blut , das du büßen « - der Zorn erstickte seine Stimme . » Pah , « rief , ihn zurückschiebend , Hildebad - denn er war der baumlange Gote - » macht nicht soviel Aufhebens davon ! Mein goldner Bruder kann leicht etwas missen von überflüssigem Blut . Und der andre hat mehr verloren , als er missen kann . Da , du schwarzer Teufel , « rief er Cethegus zu und hielt ihm ein breites Schwert dicht vor die Augen , » kennst du das ? « » Des Pomponius Schwert ! « rief dieser erbleichend und einen Schritt zurückweichend . Amalaswintha und Cassiodor fragten erschrocken : » Pomponius ? « » Aha , « lachte Hildebad , » nicht wahr , das ist schlimm ? Ja , aus der Wasserfahrt kann nichts werden . « » Wo ist Pomponius , mein Nauarch ? « rief Amalaswintha heftig . » Bei den Haifischen , Frau Königin , in tiefer See . « » Ha , Tod und Vernichtung ! « rief Cethegus , jetzt fortgerissen vor Zorn , » wie geht das zu ? « » Lustig genug . Sieh , mein Bruder Totila - du kennst ihn ja , nicht wahr ? - lag im Hafen von Ancona mit zwei kleinen Schiffen . Dein Freund Pomponius , der machte ihm seit einigen Tagen ein so übermütiges Gesicht und ließ so dicke Worte fallen , daß es selbst meinem arglosen Blonden auffiel . Plötzlich ist er eines Morgens mit seinen drei Trieren aus dem Hafen entwischt . Totila schöpft Verdacht , setzt alle Leinwand auf , fliegt ihm nach , holt ihn ein auf der Höhe von Pisaurum , stellt ihn , geht zu ihm an Bord mit mir und ein paar andern und fragt ihn , wohinaus ? « » Er hatte kein Recht dazu , Pomponius wird ihm keine Antwort gegeben haben . « » Doch , Vortrefflicher « , er gab ihm eine . Wie der sah , daß wir zu sieben allein auf seinem Schiff , da lachte er und rief : » Wohin ich segle ? Nach Ravenna , du Milchbart , und rette die Regentin aus euren Klauen nach Rom . « Und dabei winkte er seinen Leuten . Da warfen aber auch wir die Schilde vor und hui , flogen die Schwerter aus den Scheiden . Das war ein harter Stand , sieben gegen dreißig . Aber es währte zum Glück nicht lang , da hörten unsre Bursche im nächsten Schiff das Eisen klirren und flugs waren sie mit ihren Booten heran und erkletterten wie die Katzen die Wandung . Jetzt waren wir die mehreren : aber der Nauarch - gib dem Teufel sein Recht ! - gab sich nicht , focht wie ein Rasender und stieß meinem Bruder das Schwert durch den Schild in den linken Arm , daß es hoch aufspritzte . Da aber ward mein Bruder auch zornig und rannte ihm den Speer in den Leib , daß er fiel wie ein Schlachtstier . » Grüßt mir den Präfekten , « sprach er sterbend , » gebt ihm das Schwert , sein Geschenk , zurück und sagt ihm , es kann keiner wider den Tod : sonst hätte ich Wort gehalten . Ich hab ' s ihm gelobt , es zu bestätigen . Er war ein tapfrer Mann . Hier ist das Schwert . « Schweigend nahm es Cethegus . » Die Schiffe ergaben sich und mein Bruder führte sie zurück nach Ancona . Ich aber segelte mit dem schnellsten hierher und traf am Hafen mit den drei Balten zusammen , gerade zur rechten Zeit . « Eine Pause trat ein , in welcher die Überwundnen ihre böse Lage schmerzlich überdachten . Cethegus hatte ohne Widerstand alles bewilligt in der sichern Hoffnung auf die Flucht , die nun vereitelt war . Sein schönster Plan war durchkreuzt , durchkreuzt von Totila : tief grub der Haß diesen Namen in des Präfekten Seele . Sein grimmiges Rachesinnen ward erst durch den Ausruf Thuluns gestört : » Nun , Amalaswintha , willst du unterzeichnen ? oder sollen wir die Goten zur Wahl eines Königs berufen ? « Rasch fand bei diesen Worten Cethegus die Fassung wieder : er nahm die Wachstafel aus der Hand des Grafen und reichte sie ihr hin : » Du mußt , o Königin , « sagte er leise , » es bleibt dir keine Wahl . « Cassiodor gab ihr den Griffel , sie schrieb ihren Namen und Thulun nahm die Tafel zurück . » Wohl , « sagte er , » wir gehn , den Goten zu verkünden , daß ihr Reich gerettet ist . Du , Cassiodor , begleitest uns , zu bezeugen , daß alles ohne Gewalt geschehen ist . « Auf einen Wink Amalaswinthens gehorchte der Senator und folgte den gotischen Männern hinaus auf das Forum vor dem Schlosse . Als sie sich mit Cethegus allein sah , sprang die Fürstin heftig auf : nicht länger gebot sie ihren Tränen . Leidenschaftlich schlug sie die Hand vor die Stirn . Ihr Stolz war aufs tiefste gebeugt . Schwerer als des Gatten , des Vaters , ja selbst als Athalarichs Verlust traf diese Stunde ihr Herz . » Das , « rief sie laut weinend , » das also ist die Überlegenheit der Männer . Rohe , plumpe Gewalt ! o Cethegus , alles ist verloren . « » Nicht alles , Königin , nur ein Plan . Ich bitte um ein gnädiges Andenken , « setzte er kalt hinzu , » ich gehe nach Rom . « » Wie ? du verläßt mich in diesem Augenblick ? Du , du hast mir all diese Versprechungen abgewonnen , die mich entthronen , und nun scheidest du ? O besser , ich hätte widerstanden , dann wär ' ich Königin geblieben , hätten sie auch jenem Rebellenherzog die Krone aufgesetzt . « Jawohl , dachte Cethegus , besser für dich , schlimmer für mich . Nein , kein Held soll mehr diese Krone tragen . - Rasch hatte er erkannt , daß Amalaswintha ihm nichts mehr nützen könne - und rasch gab er sie auf . Schon sah er sich nach einem neuen Werkzeug für seine Pläne um . Doch beschloß er , ihr einen Teil seiner Gedanken zu enthüllen , damit sie nicht auf eigne Faust handelnd jetzt noch ihre Versprechungen widerriefe und dadurch Thulun die Krone zuwende . » Ich gehe , o Herrin , « sprach er , » doch ich verlasse dich darum nicht . Hier kann ich dir nichts mehr nützen . Man hat mich aus deiner Nähe verbannt und man wird dich hüten , eifersüchtig wie eine Geliebte . « » Aber was soll ich tun mit diesen Versprechungen , mit diesen drei Herzogen ? « » Abwarten , zunächst dich fügen . Und die drei Herzoge , « setzte er zögernd bei - » die ziehn ja in den Krieg - vielleicht kehren sie nicht zurück . « » Vielleicht ! « seufzte die Regentin . » Was nützt ein vielleicht ! « Cethegus trat fest auf sie zu : » Sie kehren nicht zurück - sobald du ' s willst . « Erschrocken bebte die Frau : » Mord ? Entsetzlicher , was sinnst du ? « - » Das Notwendige . Mord ist das falsche Wort dafür . Es ist Notwehr . Oder Strafe . Hattest du in dieser Stunde die Macht , du hattest das volle Recht , sie zu töten . Sie sind Rebellen . Sie zwingen deinen königlichen Willen . Sie erschlagen deinen Nauarchen , den Tod haben sie verdient . « » Und sie soll ' n ihn finden , « flüsterte Amalaswintha , die Faust ballend , vor sich hin , » sie soll ' n nicht leben , die rohen Männer , die eine Königin gezwungen . Du hast recht - sie sollen sterben . « - » Sie müssen sterben - sie , und , « fügte er ingrimmig bei , » und - - der junge Seeheld ! « » Warum auch Totila ? Er ist der schönste Jüngling meines Volks . « » Er stirbt , « knirschte Cethegus , » o , könnt ' er zehnmal sterben . « Und aus seinem Auge sprühte eine Glut des Hasses , die , plötzlich aus der eisigkalten Natur brechend , Amalaswintha in Schrecken überraschte . » Ich schicke dir , « fuhr er rasch und leise fort , » aus Rom drei vertraute Männer , isaurische Söldner . Die sendest du den drei Balten nach , sobald sie in ihren Heerlagern eingetroffen . Hörst du , du sendest sie , die Königin : denn sie sind Henker , keine Mörder . Die drei müssen an Einem Tage fallen . - Für den schönen Totila sorge ich selbst ! Der Schlag wird alles erschrecken . In der ersten Bestürzung der Goten eile ich von Rom herbei . Mit Waffen , dir zur Rettung . Leb ' wohl . « Er verließ rasch die Hilflose , an deren Ohr in diesem Augenblick von dem Forum vor dem Palatium jubelndes Freudengeschrei der Goten schlug , die den Erfolg ihrer Führer , die Besiegung Amalaswinthas feierten . Sie fühlte sich ganz verlassen . Daß die letzte Verheißung des Präfekten kaum mehr als ein leeres Trostwort zur Beschönigung seines Abgangs war , ahnte sie mit banger Seele . Gramvoll stützte sie die Wange auf die schöne Hand und verlor sich eine Weile finster in ihren ratlosen Gedanken . Da rauschten die Vorhänge des Gemaches : ein Palastbeamter stand vor ihr : » Gesandte von Byzanz bitten um Gehör . Justinus ist gestorben : Kaiser ist sein Neffe Justinian . Er bietet dir seinen brüderlichen Gruß und seine Freundschaft . « » Justinianus ! « rief die ganze Seele der bedrängten Frau . Sie sah sich ihres Sohnes beraubt , von ihrem Volk bedroht , von Cethegus verlassen : ringsumher hatte sie in trübem Sinnen vergeblich Hilfe und Halt gesucht , und aufatmend aus tiefer Brust wiederholte sie jetzt : » Byzanz - Justinianus ! « Viertes Kapitel . In den Waldbergen von Fiesole findet heutzutage der Wandrer , der von Florenz heranzieht , rechts von der Straße die Ruinen eines ausgedehnten villenartigen Gebäudes . Efeu , Steinbrech und Wildrosen haben um die Wette die Trümmer überkleidet : die Bauern des nahen Dorfes haben seit Jahrhunderten Steine davongetragen , die Erde ihrer Weingärten an den Hügelrändern aufzudämmen . Aber noch immer bezeichnen die Reste deutlich , wo die Säulenhalle vor dem Hause , wo das Mittelgebäude , wo die Hofmauer stand . Üppig wuchert das Unkraut auf dem Wiesgrund , wo dereinst der schöne Garten in Zier und Ordnung prangte : nichts davon hat sich erhalten als das breite Marmorbecken eines längst vertrockneten Brunnens , in dessen kiesigem Rinnsal sich jetzt die Eidechse sonnt . Aber in den Tagen , von denen wir erzählen , sah es hier viel anders aus . » Die Villa des Mäcen bei Fäsulä , « wie man das Gebäude damals , wohl mit wenig Fug , benannte , war von glücklichen Menschen bewohnt , das Haus von sorglicher Frauenhand bestellt , der Garten von hellem Kindeslachen belebt . Zierlich war die rankende Klemmatis hinaufgebunden an den schlanken Schäften der korinthischen Säulen vor dem Haus und der Wein zog freundlich schmückend über das flache Dach . Mit weißem Sande waren die schlängelnden Wege des Gartens bestreut und in den Nebengebäuden , die der Wirtschaft dienten , glänzte eine Reinlichkeit , waltete eine stille Ordnung , die nicht auf römische Sklavenhände raten ließ . Es war um Sonnenuntergang . Die Knechte und Mägde kehrten von den Feldern zurück : die hoch mit Heu beladenen Wagen mit Rossen nicht italischer Zucht bespannt , schwankten heran : von den Hügeln herunter trieben die Hirten Ziegen und Schafe herzu , von großen zottigen Hunden umbellt . Dicht vor dem Hoftor gab es die lebendigste Szene des bunten Schauspiels : ein paar römische Sklaven trieben mit tobenden Gebärden und gellendem Geschrei die keuchenden Pferde eines grausam überladnen Wagens an : nicht mit Peitschenhieben , sondern mit Stöcken , deren Eisenspitzen sie den Tieren immer in dieselbe wunde Stelle stießen . Nur ruckweise ging es trotzdem vorwärts . Jetzt lag ein großer Stein vor dem linken Vorderrad , jeden Fortschritt unmöglich machend . Aber der wütige Italier sah es nicht . » Vorwärts , Bestie , und Kind einer Bestie , « schrie er dem zitternden Rosse zu , » vorwärts , du gotisches Faultier ! « Und ein neuer Stich mit dem Stachel und ein neuer verzweifelter Ruck : aber das Rad ging nicht über den Stein , das gequälte Tier stürzte in die Knie und drohte den Wagen mit umzureißen . Darüber wurde der Treiber erst recht grimmig . » Warte , du Racker ! « schrie er und schlug nach dem Auge des zuckenden Rosses . - Aber nur einmal schlug er , im nächsten Augenblick stürzte er selbst wie blitzgetroffen unter einem mächtigen Streiche nieder . » Davus , du boshafter Hund ! « brüllte eine Bärenstimme und über dem Gefallenen stand schier noch mal so lang und gewiß noch mal so breit wie der erschrockene Tierquäler ein ungeheurer Gote , einen derben Knüttel wiederholt auf den Rücken des Schreienden schwingend . » Du elender Neiding , « schloß er mit einem Fußtritt , » ich will dich lehren , umgehn mit einem Geschöpf , das sechsmal besser ist als du . Ich glaube , du Schandbub quälst den Hengst , weil er von jenseit der Berge ist . Noch einmal laß mich das sehn , und ich zerbreche dir alle Knochen im Leibe . Jetzt auf und abgeladen : - du trägst alle Schwaden , die zuviel sind , auf deinem eignen Rücken in die Scheuer . Vorwärts . « Mit einem giftigen Blick stand der Gezüchtigte auf und schickte sich hinkend an , zu gehorchen . Der Gote hatte das zuckende Roß sogleich aufgerichtet und wusch ihm jetzt sorglich die geschürften Knie mit seinem eignen Abendtrunk von Wein und Wasser . Kaum war er damit zu Ende , als ihn vom nahen Stall her dringend eine helle Knabenstimme rief : » Wachis , hierher , Wachis ! « - » Komme schon , Athalwin , mein Bursch , was gibt ' s ? « - und schon stand er in der offnen Türe des Pferdestalles , neben einem schönen Knaben von sieben bis acht Jahren , der sich heftig die langen , gelben Haare aus dem erglühenden Antlitz strich und mit Mühe in den himmelblauen Augen zwei Tränen des Zornes zerdrückte . Er hatte ein zierlich geschnitztes Holzschwert in der Rechten und hob es drohend gegen einen schwarzbraunen Sklaven , der mit gebognem Nacken und mit geballten Fäusten trotzig ihm gegenüberstand . » Was gibt ' s da ? « wiederholte Wachis über die Schwelle tretend . » Der Rotschimmel hat wieder nichts zu saufen , und sieh nur , zwei Bremsen haben sich eingesogen oben an seinem Bug , wo er mit der Mähne nicht hinreichen kann und ich nicht mit der Hand und der böse Cacus da , wie ich ' s ihm sage , will mir nicht folgen : und gewiß hat er mich geschimpft auf römisch , was ich nicht verstehe . « Wachis trat drohend näher . » Ich habe nur gesagt : « sprach Cacus langsam zurückweichend , » erst ess ' ich meine Hirse ; das Tier mag warten ; bei uns zu Lande kömmt der Mensch vor dem Vieh . « - » So , du Tropf ? « sagte Wachis , die Bremsen erschlagend , » bei uns kommt das Roß vor dem Reiter zum Futter ; mach vorwärts . « Aber Cacus war stark und trotzig : er warf den Kopf auf und sagte : » wir sind hier in unserm Land - da gilt unser Brauch . « - » Eia , du verfluchter Schwarzkopf , wirst du gehorchen ? « sprach Wachis ausholend . - » Gehorchen ? Nicht dir ! Du bist auch nur ein Sklave wie ich : und meine Eltern haben schon hier im Hause gelebt als deinesgleichen noch Küh ' und Schafe stahlen jenseit der Berge . « Wachis ließ den Knüttel fallen und wiegte seine Arme : » Höre , Cacus , ich habe ohnehin noch einen Span mit dir , du weißt schon , was für einen . Jetzt geht ' s in einem hin . « - » Ha , « lachte Cacus höhnisch , » wegen Liuta , der Flachsdirn ? Pah , ich mag sie nicht mehr , die Barbarin . Sie tanzt wie eine Jungkuh . « - » Jetzt ist ' s aus mit dir , « sagte Wachis ruhig und schritt auf seinen Gegner zu . Aber dieser wandte sich wie eine Katze aus dem Griff des Goten , riß ein spitzes Messer aus der Brustfalte des Wollrocks und warf es nach ihm : da sich Wachis bückte , sauste es haarscharf an seinem Kopf vorbei und fuhr tief in den Pfosten der Tür . » Na , warte , du Mordwurm ! « rief der Germane und wollte sich auf Cacus werfen ; da fühlte er sich von hinten umklammert . Es war Davus , der die Gelegenheit der Rache scharf erpaßt hatte . Aber jetzt ward Wachis sehr zornig . Er schüttelte ihn ab , packte ihn mit der Linken am Genick , erwischte mit der Rechten Cacus an der Brust und stieß nun mit Bärenkraft seinen beiden Gegnern die Köpfe zusammen , jeden Stoß mit einem Ausruf begleitend , » so , meine Jungen - das für das Messer - und das für den Rückensprung - und den für die Jungkuh « - und wer weiß , wie lange diese seltsame Litanei noch fortgedauert haben würde , hätte sie nicht ein lautes Rufen gestört . » Wachis - Cacus - auseinander sag ' ich ! « rief eine volle starke Frauenstimme , und vor der Tür erschien ein stattliches Weib in blauem gotischem Gewand . Sie war nicht groß und doch imposant : ihr schöner Bau eher mächtig als zart . Die goldbraunen Haare waren in reichen , doch einfachen Flechten um das runde Haupt geschlungen , die Züge regelmäßig , aber eher fest als fein gezeichnet . Geradheit , Tüchtigkeit , Verlässigkeit sprachen aus den fast allzugroßen graublauen Augen : die unbedeckten vollen Arme zeigten , daß sie der Arbeit nicht fremd . An ihrem breiten Gürtel , über den das braune Untergewand von selbstgewirktem Zeuge bauschte , klirrte ein Bund von Schlüsseln : die Linke stemmte sie ruhig in die Hüfte und befehlend streckte sie die Rechte vor sich hin . » Eia , Rauthgundis , strenge Frau , « sagte Wachis loslassend , » mußt du denn überall die Augen haben ? « » Überall , wo mein Gesinde Unfug treibt . Wann werdet ihr lernen , euch vertragen ? Euch Welschen fehlt der Herr im Hause . Aber du , Wachis , solltest nicht auch der Hausfrau Verdruß machen . Komm , Athalwin , mit mir . « Und sie führte den Knaben an der Hand mit fort . Sie ging in den Seitenhof und füllte aus einer Truhe Körner in ihr Gewand , die Hühner und Tauben zu füttern , die sie sogleich dicht umdrängten . Athalwin sah eine Weile schweigend zu . Endlich sagte er : » Du , Mutter , ist ' s wahr ? ist der Vater ein Räuber ? « Rauthgundis hielt inne in ihrem Tun und sah das Kind an : » Wer hat das gesagt ? « » Wer ? Ei , des Nachbars Calpurnius Neffe . Wir spielten auf dem großen Heuhaufen seiner Wiese drüben überm Zaun und ich zeigte ihm , wie weit das Land uns gehöre rechts vom Zaun - weit und breit - soweit unsre Knechte mähten und fern der Bach schimmerte . Da ward er zornig und sagte : Ja , und all ' das Land gehörte früher uns , und dein Vater oder dein Großvater , die haben ' s gestohlen , die Räuber . « » So ? und was sagtest du drauf ? « » Ei , gar nichts , Mutter . Ich warf ihn nur über den Heuhaufen hinunter , daß er die Füße gen Himmel schlug . Aber jetzt , nachderhand , möcht ' ich doch wissen , ob ' s wahr ist . « » Nein , Kind , es ist nicht wahr . Gestohlen hat ' s der Vater nicht . Aber offen genommen , weil er besser war und stärker als diese Welschen . Und alle starken Helden haben ' s immer so gemacht zu allen Zeiten . Und die Welschen in den Tagen , da sie stark waren und ihre Nachbarn schwach , am allermeisten . Aber nun komm , wir müssen nach dem Linnen sehen , das auf dem Anger zur Bleiche liegt . « Als sie nun den Stallungen den Rücken wandten und dem nahen Grashügel links vom Hause zuschritten , hörten sie den raschen Hufschlag eines Rosses , das auf der alten römischen Heerstraße nahte . Rasch hatte Athalwin den Gipfel des Hügels erreicht und blickte nach der Straße hin . Da sprengte ein Reiter auf einem mächtigen Braunen die Waldhöhe herab auf die Villa zu : hell funkelte sein Helm und die Spitze der Lanze , die er schräg über dem Rücken trug . » Der Vater , Mutter , der Vater ! « rief der Knabe und rannte pfeilgeschwind den Hügel hinab dem Reiter entgegen . Rauthgundis hatte jetzt auch die Höhe erreicht . Ihr Herz pochte . Sie legte die Hand vors Auge , in die schimmernde Abendröte zu schauen : dann sagte sie still glücklich vor sich hin : » Ja , er ist ' s. Mein Mann ! « Fünftes Kapitel . Inzwischen hatte Athalwin den Nahenden schon erreicht und kletterte an seinem Fuß hinan . Der Reiter hob ihn mit liebevoller Hand herauf und setzte ihn vor sich in den Sattel und flog jetzt im Galopp heran : lustig wieherte Wallada , das edle Tier , einst Theoderichs Streitroß , die Heimat und die Herrin erkennend und schlug freudig mit dem langen wallenden Schweif . Nun war der Reiter heran und stieg ab mit dem Knaben . » mein liebes Weib ! « sprach er , sie herzlich umarmend . » Mein Witichis ! « flüsterte sie , an seiner Brust erglühend , entgegen , » willkommen bei den Deinen . « - » Ich hatte versprochen , noch vor dem neuen Mond zu kommen - schwer ging ' s - « » Aber du hieltst Wort wie immer . « - » Mich zog das Herz , « sagte er , den Arm um sie schlingend . Sie schritten langsam dem Hause zu . » Dir , Athalwin , ist , scheint ' s , Wallada wichtiger als der Vater , « lächelte er dem Kleinen zu , der sorgfältig das Pferd am Zügel nachführte . » Nein , Vater , aber gib mir noch die Lanze dazu - so gut wird mir ' s selten hier in dem Bauernleben « - und den langen schweren Speerschaft mit Mühe einherschleppend , rief er laut : » he , Wachis , Ansbrand , der Vater ist da ! - Jetzt holt den Falernerschlauch aus dem Keller . Der Vaterhat Durst vom scharfen Ritt . « Lächelnd strich Witichis über den Flachskopf des Knaben , der jetzt an ihnen vorüber und voran eilte . » Nun , und wie steht ' s hier draußen bei euch ? « fragte er , auf Rauthgundis blickend . » Gut , Witichis , die Ernte ist glücklich eingebracht , die Trauben