, das soll der Sonntag und die Kirche bieten . Der Tempel soll die Schutzstätte in den Stürmen dieser Welt und er soll der Vorhof der Ewigkeit sein . Der Turm des Waldkirchleins sei schlank und luftig , wie ein aufwärts weisender Finger , mahnend , drohend oder verheißend . Drei Glöcklein mögen die Dreizahl in der Einheit Gottes verkünden und das dreitönige Lied singen von Glaube , Hoffnung und Liebe . Einen recht guten Platz möchte ich der Orgel bestimmen , denn der Orgelton muß den Armen im Geiste , so die Predigt nicht verstehen , das Wort Gottes sein . Vergoldete Bilder und prunkende Zieraten in der Kirche sind verwerflich ; die Gottesehre soll nicht liebäugeln mit Schätzen dieser Erde . Mit dem Einfachen und durch das Einheitliche kann man am beredtsten und würdigsten den Gott- und Ewigkeitgedanken versinnlichen . Es muß aber noch des weiteren das Zweckmäßige bedacht werden . So habe ich für die Mauern der Trockenheit wegen Backsteine vorgeschlagen . Die Bänke und Stühle müssen zum Ausruhen eingerichtet sein , denn der Sonntag ist ein Ruhetag . Wenn während des Orgelklingens auch einmal einer einnickt , was weiter ? Er träumt in den Himmel hinüber . - Für den Fußboden sind die Steinplatten zu feucht und zu kalt , dicke Lärchenbretter sind dazu geeignet . Für das Dach sind des häufigen Hagelschlages wegen weder Ziegeln , noch größere Bretterlatten anwendbar ; dazu sind kleine Lärchenschindeln am besten . Mein Plan ist angenommen worden . Es werden bereits Wege ausgeschlagen und Baustoffe herbeigeschafft . Im lehmigen Binstal wird eine Ziegelei errichtet ; an der Breitwand ist ein Steinbruch angelegt worden . Die Waldleute stehen da und sehen den fremden Arbeitern zu . Sie haben auch ihre Gedanken dabei . » Eine Kirche wollen sie uns bauen , « sagt einer , » gescheiter , sie täten das Geld den Armen teilen . Der Herrgott soll sich nur selber ein Haus bauen , wenn er nicht unter freiem Himmel bleiben und im Winkelwald wohnen will . « » Was sie uns nur für einen Kirchenheiligen einlegen werden ? « » Den Huberti , denk ' ich . « » Den Huberti ? Je , der ist Weidmann gewesen , der hält ' s nicht mit uns Arbeitsleuten , der mag nur die Jäger leiden . Ich sag ' , für uns wären die vierzehn Nothelfer recht . « » Geh ' , die täten uns zu viel kosten . Und der große Christof ist auch dabei ; für den wäre ja gar keine Kirchtür weit genug . « » Wer verlorne Sachen finden will : Sankt Antoni tut Wunder viel ! « sagt Rüpel , der alte Borstenbart , bei dem sich jedes Wort im Gleichklang zum andern fügt , er mag die Zunge wenden , wie er will . Andere wünschen zum Kirchenheiligen den Florian , der gegen das Feuer ist ; aber die am Wasser wohnen , möchten den Sebastian haben . Ein Weiblein hat gar nicht uneben bemerkt , in den ganzen Winkelwäldern sei kein Mensch , der die Orgel spielen könne , da wisse man doch , daß als Pfarrheilige nur Cäcilia die rechte . Darauf entgegnet ein alter Hirt : » So eine Red ' ist keine Sach ' . Die Leut ' können sich selbander helfen ; aber auf das arme Vieh müßt ihr denken ! Der heilige Erhart ( das ist ein Viehpatron ) geht uns schon herein in das Winkel . « Danach ein anderer : » Mit dem Vieh halt ich ' s nicht . Wir brauchen die Kirche für die Leut ' . Und weil sich einer schon was kosten läßt , so muß was Rechtes werden . Ich bin kein Heid ' und ich geh ' in die Kirche und ich bin für ein sauberes Weibsbild . « » Versteht sich , alter Loter ! « schreit sein Weib , » daß du nur alleweil fürs schlechte Beispiel bist ! « » Hast recht , Alte , für euch muß eine sein , die mit gutem Beispiel vorangeht . « So rechten sie , halb im Spaß und halb im Ernst . Den ganzen Himmel haben sie durchstöbert , und keinen Heiligen gefunden , der allen recht gewesen wäre . Und es muß doch eines kommen , das allen recht ist . Ich habe darüber schon meine Gedanken . Die Waldberge lichten sich immer mehr und mehr , wie wenn es Tag würde aus der Dämmerung . Die Höhenschneiden werden schartig und es dehnt sich der Himmel . Mancher Marder kommt um seinen hohlen Baum , mancher Fuchs um seine Höhle . Unschuldige Vöglein und raubgierige Geier werden heimatlos , da Wipfel um Wipfel hinstürzt auf den feuchten Moosboden , den endlich wieder einmal die Sonne bescheint . Winter und Sommer hindurch sind die Holzschläger tätig gewesen . Draußen im Lande haben Holz und Kohlen in gutem Begehr gestanden . In diesem Sommer habe ich nicht mehr viele freie Zeit . Draußen ist Krieg , der , Gott weiß es , nicht mehr enden will . Zu Holdenschlag sind schon wieder die Hämmer geschlossen worden und es kommt kein Kohlenwagen in den Wald . Die Holzarbeit ist eingestellt ; die kräftigsten Männer streichen müßig umher . Da drüben in den Lautergräben sollen vor kurz zwei Holzschläger eines Beutels Tabak wegen bös gerungen haben . Ich habe den Männern den Rat gegeben , zu den Vaterlandsverteidigern zu gehen . Davon wollen sie nichts hören . Sie haben keine Heimat , sie wissen von keinem Vaterlande . Willkommen sind ihnen die Welschen , wenn sie Geld mitbringen und eine bessere Zeit . Gott gebe die bessere Zeit und halte die Welschen fern ! Für mich ist es ein Glück , daß ich kühlen Blutes bin . Das wilde Jahr hat die Sprossen meiner Leidenschaft getötet . Nun darf ich mein ganzes Streben auf das eine Ziel lenken : aus diesen zerstreuten , zerfahrenen Menschen ein Gemeinsames , ein Ganzes zu bilden . Ist dieses gelungen , so haben wir alle einen Halt . - Ich werde ihnen und mir eine Heimat gründen . Vor allem kömmt es darauf an , den Freiherrn zu stimmen , sonach muß auf die Waldleute eingewirkt werden . Eine übermäßige Kraft scheint mir dazu nicht nötig zu sein , wohl aber ein zähes Bemühen . Diese Menschen sind wie Lehmkugeln ; ein Anstoß , und sie rollen eine Weile fort . Weiter kommen sie selbst , nur geleitet müssen sie werden , daß sie einem und demselben Ziele zustreben . Glieder sind genug , aber spröde und unschmiegsam selbander . Wenn nur erst die Kirche fertig ist , daß die Gemeinde ein Herz hat ; dann machen wir uns an den Kopf und bauen das Schulhaus . Im Herbste 1816 . In einer der letzten Wochen bin ich mit einem Papierbogen zu allen Hütten des Waldes herumgegangen . Da habe ich die Hausväter nach dem Stande ihrer Wirtschaft , nach der Zahl ihrer Familie , nach den Geburtsjahren und Namen der Leute gefragt . Das Geburtsjahr kann zumeist nur nach Geschehnissen und Zeitumständen angegeben werden . - Der ist geboren im Sommer , in welchem das große Wasser gewesen ; die ist zur Welt gekommen in demselbigen Winter , als man Strohbrot hat essen müssen . Solche Ereignisse sind ragende Marksteine . Das Namensverzeichnis wird nicht gar zu mannigfaltig . Die Bewohner männlicher Art heißen Hannes oder Sepp , oder Berthold , oder Toni , oder Mathes ; die Leute weiblicher Gattung sind Kathrein benamset , oder Maria , welcher Name in Mini , Mirzel , Mirl , Mili , Mirz , Marz umgewandelt und ausgesprochen wird . Ähnlich geht es mit anderen Namen ; und kommt einer von draußen , so muß er sich eine Umwandlung nach den Zungen der Hiesigen sogleich gefallen lassen . Mich haben sie einige Zeit den Andredl geheißen ; aber das ist ihnen ein zu großer Name für einen so kleinen Menschen , und heute bin ich nur mehr der Redl . Von Geschlechtsnamen wissen schon gar die wenigsten was . Viele mögen den ihren verloren , vergessen , andere einen solchen nie gehabt haben . Die Leute gebrauchen eine eigene Form , ihre Abstammung und Zugehörigkeit zu bestimmen . Beim Hansl-Toni-Sepp ! Das ist ein Hausname , und es ist damit angezeigt , daß der Besitzer des Hauses Sepp heißt , dessen Vater aber Toni und dessen Großvater Hansel genannt worden ist . - Die Kath-Hani-Waba-Mirz-Margaret ! Da ist die Kathi die Ururgroßmutter der Margaret . - Der Stamm mag doch schon lange in der Waldeinsamkeit stehen . Und so wird eine Person oft durch ein halbes Dutzend Namen bezeichnet und jeder schleppt die rostige Kette seiner Vorfahren hinter sich her . Es ist das einzige Erbe und Denkmal . Das Wirrsal darf aber nicht so bleiben . Die Namen müssen für das Pfarrbuch vorbereitet werden . Zu den Taufnamen müssen Zunamen erfunden werden . Das wird nicht schwer gehen , wenn man der Sache am Kern bleibt . Man benenne die Leute nach ihren Eigenschaften , oder Beschäftigungen oder Stellungen ; das läßt sich leicht merken und für die Zukunft beibehalten . Ich nenne den Holzarbeiter Paul , der die Annamirl geheiratet , nicht mehr den Hiesel-Franzel-Paul , sondern kurzweg den Paul Holzer , weil er die Holzstrünke auf den Riesen zu den Kohlstätten befördert und die Leute diese Arbeit » holzen « heißen . Der Schwammschlager Sepp , der seines Vaters Namen vergessen , soll auch nicht mehr anders heißen als der Schwammschlager , und er und seine Nachkommen mögen angehen , was sie wollen , sie bleiben die Schwammschlager . Eine Hütte in den Lautergräben nenne ich die Brunnhütte , weil vor derselben eine große Quelle fließt . Wozu den Besitzer der Hütte Hiesel-Michel-Hiesel-Hannes heißen ? Er ist der Brunnhütter und sein Weib ist die Brunnhütter , und wenn sein Sohn einmal in die Welt hinausfährt , Soldat wird oder Fuhrmann oder was immer , er bleibt der Brunnhütter allerwegen . So haben wir nun auch einen Sturmhanns ; der hat oben auf der stürmischen Wolfsgrubenhöhe sein Haus . Einen alten , sehr dickhalsigen Zwerg , den Kohlenführer Sepp , heißen sie seit lange schon den Kropfjodel . Da habe ich letztlich das Männlein gefragt , ob es zufrieden sei , wenn ich es unter dem Namen Josef Kropfjodel in meinen Bogen einschreibe . Er ist gerne dazu bereit . Ich habe ihm noch vorgestellt , daß aber auch seine Kinder und Kindeskinder Kropfjodel heißen würden . Da grinst er und gurgelt : » Zehnmal soll er Kropfjodel heißen , mein Bub ! « Und ein wenig später setzt der Schelm bei : » Den Namen , gottdank , den hätten wir ! - Ei , hätten wir den Buben auch ! « Drüben im Karwasserschlag stehen drei buschige Tannen , die der Holzschläger-Meisterknecht , der Josel-Hansel-Anton zu Schutz für Mensch und Tier hat stehen gelassen . Zu Lohn heißt der Mann Anton Schirmtanner für ewige Zeiten . Die neuen Namen finden Gefallen , und jeder , der einen solchen trägt , hebt seinen Kopf höher und ist zuversichtlicher , selbstbewußter , als er sonst gewesen . Nun weiß er , wer er ist . Jetzund kommt es darauf an , dem neuen Namen einen guten Klang zu erwerben und ihm Ehre zu geben . Schauderlich erschreckt hat mich nur der Almbursche Berthold . » Einen Namen , « ruft er , » für mich ? ich brauch ' keinen Namen , ich bin ja niemand . Zu einem Weib hat mich Gott nicht gemacht , und ein Mann sein , das erlaubt der Pfarrer nicht . Die Ehe ist mir verwehrt , weil ich bettelarm bin . Heißet mich den Berthold Elend ! Ich brech ' die Satzung und mein Fleisch und Blut verrat ich nicht ! « Nach diesen Worten ist er wie ein Wütender davon geeilt . Der einst so lustige Bursche ist kaum mehr zu erkennen . Ich habe in den Bogen den Namen Berthold geschrieben und ein Kreuz dazu gemacht . Auch noch ein anderer streicht in den Winkelwäldern herum , von dem ich nicht weiß , ob und welchen Namen er trägt . Wenn doch , so kann ' s ein böser sein . Der Mann weicht am liebsten den Leuten aus , vergräbt sich oft für lange Zeit , und man weiß nicht wo , taucht zu seltsamen Stunden wieder auf , und man weiß nicht , warum . Es ist der Einspanig . Im Mai 1817 . In diesem Winter habe ich eine schwere Krankheit zu bestehen gehabt . Die Ursache derselben ist das Unglück des Markus Jäger , den ein Wildschütze angeschossen hat . Der Jäger ist drüben in einer Hütte der Lautergräben gelegen . Ich gehe mehrmals zu ihm hinüber , weil der Brand in die Wunde zu kommen droht , und weil sonst niemand ist , der den Kranken pflegen will und kann . Anstatt daß die Leute hier eine Wunde mit lauem Wasser und gezupften Linnen rein halten täten , kleben sie allerlei Schmieren und Salben hinein . Das muß schon eine kräftige Natur sein , die sich trotz solcher Hemmnisse aufrafft . Ich habe recht zu tun gehabt , daß mir der Jäger nicht unterlegen ist . Als ich das letztemal bei ihm bin , ist ein stürmischer Märztag . Auf dem Rückwege sind die Pfade schauderhaft verschneit und verweht . Stellenweise ist mir der Schnee bis zur Brust emporgegangen . Viele Stunden habe ich mich so fortgekämpft , aber es bricht die Nacht herein und ich habe das Winkeltal noch lange nicht erreicht . Eine unsägliche Ermüdung kommt über mich , der ich zwar lange widerstehe , die endlich aber nicht mehr zu überwinden ist . Da habe ich schon gar nichts anders mehr gemeint , als daß ich so mitten im Schnee würde umkommen müssen , und daß sie mich im Frühjahr finden und an der neuen Kirche im Winkel vorüber nach Holdenschlag tragen würden . - Dahier im Waldesfriedhof möcht ich liegen . Aber noch lieber darauf stehen . Erst nach Wochen habe ich es erfahren , daß ich nicht erfroren bin , daß mir an demselbigen Abende zwei Holzhauer auf Schneeleitern entgegengekommen sind , mich bewußtlos gefunden und ins Winkelhüterhaus getragen haben . Als ich nachher viele Tage lang in der schweren Krankheit gelegen , sollen sie sogar einmal den Bader von Holdenschlag zu mir gerufen haben . Und der Bote , der den Arzt geholt , hätte , wie er mir seither selbst erzählt , den Auftrag gehabt , gleich auch mit dem Totengräber zu reden . Der Totengräber hätte gesagt : » Wenn mir der Mann nur das nicht antäte , daß er jetzt stürbe ; ' s ist ja kein Loch zu machen in dieser steinhart gefrornen Erden ! « Es freut mich recht , daß ich dem guten Mann die Mühe hab ' ersparen mögen . Als die Gefahr der Krankheit vorbei , hat mich erst ein recht hartnäckiges Augenleiden verfolgt , das noch nicht ganz gehoben ist . Ich muß noch eine lange Zeit in der Stube verbleiben , wohl so lange , bis draußen das Tauen eingetreten und das Wildwasser vorbei . Mir ist gar nicht einsam . Ich schnitze in Holz , ich will mir eine Zither zusammenleimen oder so etwas , daß ich mich in der Tonkunst übe , bis in der Kirche die Orgel fertig sein wird . Es sind oft Leute gekommen , die sich neben mir auf die Bank gesetzt und gefragt haben , ob ich schon recht gesund sei . Die Ruß-Annamirl , die jetzund mit den Ihren in das Holzmeisterhaus der Lautergräben gezogen ist und nach der neuen Ordnung Anna Maria Ruß heißt , hat mir in der vorigen Woche drei große Krapfen herübergeschickt . Dieselben sind von denen , die zur Festfreude gebacken worden , da ein kleinwinziger Ruß angekommen ist . Sie haben den Kleinen mit Krapfen getauft . Auch die Witwe des schwarzen Mathes ist einmal zu mir gekommen . Sie hat mich in großem Kummer gefragt , was mit ihrem Buben , dem Lazarus zu machen , der habe die wilde Wut . Die wilde Wut , das sei , wenn einer über den geringsten Anlaß in Zorn ausbreche und alles bedrohe . Der Lazarus sei so ; er habe das in noch höherem Grade , als es sein Vater gehabt ; Schwester und Mutter seien in Gefahr , wenn der Knabe nur erst kräftiger würde . Ob es gegen ein solches Elend denn gar kein Mittel gäbe . Was kann ich der bedrängten Frau raten ? Eine stete , gleichmäßige Beschäftigung und eine liebreiche , aber ernsthafte Behandlung sei dem Knaben angedeihen zu lassen , habe ich vorgeschlagen . Unter allen Menschen der Winkelwälder dauert mich dieses Weib am meisten . Ihr Mann ist nach einem unglückseligen Leben gewaltsam erschlagen und ehrlos begraben worden . Dem Kinde steht nichts Besseres bevor . Und das Weib , vormaleinst an bessere Tage gewöhnt , ist so weichherzig und milde . Ehgestern kommt ein Knabe zu mir , der einen Vogelkäfig mit sich schleppt . Der Junge ist so klein , daß er mit seinem Händchen gar die Türklinke nicht erreichen kann und eine Weile zaghaft klöpfelt , bis ich ihm öffne . Er steht noch in der Tür , als er anhebt : » Ich bin der Bub ' vom Markus Jäger , und mein Vater schickt mich her - der Vater schickt mich her ... « Der Schlingel hat die Ansprache auswendig gelernt und bleibt stecken und wird rot und will sich wieder von dannen wenden . Ich habe Mühe , bis ich es erfahre , daß sein Vater mir sagen lasse , er sei völlig geheilt und mir wünsche er dasselbe , und er komme demnächst zu mir , um sich zu bedanken , und er schicke zwei übermütige Schopfmeisen , und er möchte mir , da ich , wie er wisse , noch nicht in das Freie gehen könne , das ganze Frühjahr in die Stube senden . Was fange ich mit den kleinen Tieren an ? sie flattern , wenn man ihnen nahe kommt , wirr im Käfig umher und zerstoßen sich vor Angst die Köpfchen an den Spangen . Ich lasse sie in unseres Herrgotts Vogelkäfig , in den Mai hinausfliegen . Und als endlich die Zeit erfüllt , da bin ich eines frühen Morgens auch selber hinausgetreten in den freien Mai . - Der Haushahn kräht , der Morgenstern guckt helläugig über den dunkeln Waldberg . Der Morgenstern ist ein guter Geselle ; der leuchtet getreulich , so lange es noch dunkel ist , und tritt bescheiden in den Hintergrund , sobald die Sonne kommt . Leise schleiche ich durch das Haustor , daß ich die Leute nicht wecke , die haben sich nicht wochenlang so ausgerastet , wie ich ; denen liegt noch der gestrige Tag auf den Augenlidern , die der heutige schon wieder wach begehrt . Im Walde ist bereits das zitternde , rieselnde Erlösen aus tiefer Ruhe . Wie ist eines Genesenen erster Ausgang so eigen ! Man meint , der ganze Erdboden schaukelt mit einem - schaukelt sein wiedergeborenes Kind in den Armen . O du heiliger Maimorgen , gebadet in Tau und Wohlduft , durchzittert und durchklungen von ewigen Gottesgedanken ! - Wie gedenke ich dein und deines Märchenzaubers , der sich zu dieser Stunde von der Glocke des Himmels und von den Kronen des Waldes niedergesenkt hat in meine Seele ! Und dennoch habe ich zur selbigen Stunde ein seltsam Weh empfunden . - Mir ist die Jugend gegeben und ich lebe sie nicht . Was ist mein Zweck ? Was bedeute ich ? - Kurz vor diesen Tagen bin ich seit Ewigkeit her ein Nichts gewesen ; kurz nach diesen Tagen werde ich ein Nichts sein in Ewigkeit hin . Was soll ich tun ? Warum bin ich an dieser kleinen Stelle und zu dieser kurzen Zeit mir meiner bewußt worden ? Warum bin ich erwacht ? Was muß ich tun ? - Da habe ich mir ' s von neuem gelobt , zu arbeiten nach allen meinen Kräften , und auch zu beten , daß mir so schwere , herzverbrennende Gedanken nicht mehr kommen möchten . Als die Sonne aufgeht , stehe ich noch am Waldessaume . Unten rauscht das Wasser der Winkel und aus dem Rauchfange des Hauses steigt ein bläulich Schleierband auf und im Kirchenbaue hämmern die Maurer . Meine Hauswirtin hat es gleich wahrgenommen , daß ich des Morgens nicht in der Stube , und hat gezetert über meinen Leichtsinn . Und als sie erst gar erfährt , daß ich in der kühlen Frühe auf feuchtem Moosboden geruht , da fragt sie mich ganz ernsthaft , ob es mir denn zu schlecht sei in ihrem Haufe , oder ob ich sonst was auf dem Herzen hätte , daß ich mir so ans Leben wolle ; ja , und ob ich nicht wisse , daß der , welcher sich so auf den Tauboden des Frühjahrs hinlege , dem Totengräber das Maß gebe ! - Sonnenwende 1817 . Das ist ein seltsamer Waldgang gewesen , und ich ahne , er läßt sich nicht verantworten im Himmel und auf Erden . Wo in den schattigen Felsschluchten des Winkelegger Waldes das Wässerlein rieselt , da bleibe ich stehen . - Hier auf diesen Wellen lasse deine Gedanken schaukeln ohne Zweck und Ziel . Du kennst die Mär vom Lethestrom der Griechen . Das ist ein eigen Wasser gewesen , wer davon getrunken , hat der Vergangenheit vergessen ; die Wellen des Waldbächleins sind ein noch eigeneres Wasser , wessen Seele auf denselben schaukelt , und trüge er auch den Winter im Haar , der findet wieder die längst vergangene Zeit seiner Kindheit und Jugend . - Sollte nicht der Lethe für mich besser taugen ? Ich gehe tiefer hinein in die Wildnis und ruhe im Moose und lausche der immerdar klingenden Ruhe . Manches erst aufgeblühte Blümlein wiegt nah ' an meiner Brust und will leise anklopfen an der Pforte meines Herzens . Und mancher Käfer krabbelt ängstlich heran , er hat im Dickicht der Gräser und der Moose etwan den Weg verloren zu seinem Liebchen . Jetzund hebt er seinen Kopf empor und frägt nach dem rechten Pfad . Weiß ich ihn selber ? - Sag ' du uns an , wo wird die Sehnsucht gestillt , die mit uns ist auf allen Wegen ? - Eine Spinne läßt sich nieder vom Geäste ; sie hat sich emporgerungen zur Höhe , und nun sie oben ist , will sie wieder unten sein auf der Erden . Sie spinnt Fäden , ich spinne Gedanken . Wer ist der Weber , der aus losen Gedankenfäden ein schönes Kleid weiß zu weben ? - Wie ich noch so träume , rauscht es im Dickicht . Es ist kein Hirsch , es ist kein Reh ; es ist ein Menschenkind , ein junges , glühendes Weib , erregt und angstvoll , wie ein verfolgtes Wild . Es ist Aga , das Almmädchen . Sie eilt auf mich zu , erhascht meine Hände und ruft : » Weil Ihr ' s nur seid , weil ich Euch nur finde ! « Dann schaut sie mich an , und es stockt ihr der Atem , und sie vermag den Aufruhr in ihr nicht niederzudämpfen . » Es hat einen bösen Schick ! « schreit sie wieder , » aber ein ander Mittel weiß ich nimmer . Der bös ' Feind stellt mir nach , mir und ihm gleichwohl auch . Wir fürchten die Leut ' jetzund , aber Euch bin ich zugelaufen ; Ihr seid fromm und hochgelehrt ! Ihr helft uns , daß wir nicht versinken allbeid ' , ich und der Berthold ! Wir wollen in Ehren und Sitten leben , gebt uns den Eh ' spruch ! « Ich weiß anfangs nicht , was das bedeutet , und als sie es klar tut , sage ich : » Habt Ihr den treuen Willen , so wird Euch der Ehesegen von der Kirche nicht vorenthalten werden . « » Mein Gott im Himmel ! « schreit das Mädchen , » mit der Kirche heben wir nichts mehr an , die versagt uns die Ehe , weil wir nichts haben . Aber wenn der Herrgott bös ' auf uns tät ' werden , das wäre arg ! - Das Gewissen läßt mir keine Ruh ' , und zu tausendmal bitt ' ich Euch , schenket uns den Segen , den jeder Mensch kann schenken . Ihr seid wohl selber noch jung , und habt Ihr ein Lieb , so werdet Ihr ' s wissen , es gibt kein Lösen und Lassen . Wir leben in der Wildheit zusammen , weil wir uns lassen mögen ; wir haben keine Seel ' , die unser Freund wollt ' sein und uns das Glück wollt ' wünschen von Herzen . Ein gutes Wort möchten wir hören , und wenn nur einer tät ' kommen und sagen : wollet mit Gottes Willen und Segen einander verbleiben bis zum Tod ! So ein einzig Wort und wir wären erlöst von der Sünd ' und ein Eh ' paar vor Gott im Himmel ! « Diese Sehnsucht nach Befreiung von der Sünde , dieses Ringen nach dem Rechten , nach der menschlichen Teilnahme , nach dem Frieden des Herzens - wen hätte das nicht zu rühren vermögen ! » Ihr herzgetreuen Leut ' ! « rufe ich aus , und reck ' die Arme : » der Herrgott mög ' mit Euch sein , ich wünsche es Euch ! « Da ist schon auch der Bursche neben dem Mädchen gekniet . Und so habe ich mit meinen Worten etwas getan , was von mir gar nicht zu verantworten ist im Himmel und auf Erden . Ich habe eine Trauung vollzogen mitten im grünen Wald . Am Peter- und Paulitag 1817 . Doch seltsam , was in diesem Jungen steckt , in des schwarzen Mathes Sohn . Er hat das Herz seiner Mutter und das Blut seines Vaters . Nein , er hat ein noch größeres Herz als seine Mutter und ein dreimal wilderes Blut , als sein Vater . Dieser Knabe wird ein Heiland oder ein Mörder . Die alte Ruß-Kath siecht seit Monaten . Die Leute sagen , es fehle ihr an gesundem Blut . Das hat auch der kleine Lazarus gehört , und gestern ist er zu mir gekommen mit einem hölzernen Töpfel und dem großen Seitenmesser seines Vaters und hat mich aufgefordert , ich möge aus seiner Hand Blut ablassen und es der Ruß-Kath schicken . Er glüht im Gesicht , ist aber sonst ruhig . Ich verweise ihm sein Ansinnen . Er schießt davon . Und bald danach hat er im Hofe des Winkelhüterhauses eine Taube erwürgt - aus Zorn , aus Liebe - ich mag es nicht entscheiden . Ich trete hinaus zu dem toten Tiere . » Lazarus , « sage ich , » jetzt hast du eine Mutter umgebracht . Siehst du die armen , hilflosen Jungen dort ? Hörst du , wie sie weinen ? « Bebend steht der Knabe da , blaß wie Stein , und ringt nach Luft und zerbeißt sich die Unterlippe . Ich drehe ihm den eingezogenen Daumen aus und gieße Wasser auf seine Stirn . Ich führe ihn in seine Hütte zurück . Dort fällt er erschöpft auf das Moos und sinkt in einen tiefen Schlaf . Es muß was geschehen , um das Kind zu retten . Wie , wenn es zu mir nähme , sein Vater und sein Bruder wäre , es zähmte und leitete nach meinen Kräften , es unterrichtete und zur Arbeit anhielte und in aller Weise seine Leidenschaft zu töten suchte ? Etwan hat der Knabe doch zu viel Blut ... meinen die Leute . Hundstage 1817 . Der Sturmhanns hat ein Hündlein , ein gar possierlich Tier , weiß recht klug dreinzuschauen und freundliche Augen zu machen und anhänglich schweifzuwedeln , daß man meint , man müsse es frei liebhaben , wie ein Menschenkind . Und da ich ihm in die Nähe gekommen bin - schwapp ! hab ' ich eins in den Waden . - Wie dieser Hund , so sind auch die Hundstage . Das ist ein Glitzern und Sonnenleuchten des Morgens und ein Vogelzwitschern und alle Blumen heben ihre Köpfeln zur Höhe und grüßen und lachen dich an . Und die Sonne streichelt dich und küßt dich und die Sonne umarmt die Welt mit glühender Lieb ' - wer wollte da nicht hinausstreichen in den wohligen Schatten der Wälder ? Du wandelst frei dahin und schauest zur grünen Erde und denkst : du lieber , du holder Tag ! - Da sind auf einmal die finsteren Wolken über dir und der Sturm reißt dir den Hut vom Haupt und der Regen schlägt dir rasend ins Gesicht - birg dich rasch - es kommt auch Eis gesaust . Die Hundstage . Kann denn auch die Natur untreu sein ? Der Mensch ist ' s , der ihr Böses zeiht , weil sein Denken unvernünftig und seine Weisheit mangelhaft ist . Es gibt nichts Böses und nichts Gutes , außer in dem Herzen des einen Wesens , dem der freie Wille gegeben ist . Wenn wir uns den freien Willen abstreiten könnten , dann wären wir alles Gewissens los . Im Walde gibt es manchen , dem das recht wäre . Am Jakobitag 1817 . Heute bin ich wieder im Hinterwinkel , im Hause des Mathes gewesen . Das Weib trostlos . Seit zwei Tagen ist der Knabe Lazarus verschwunden . Das Schreckliche ist geschehen . In seinem Jähzorn hat er einen Stein nach der Mutter geschleudert . Als das geschehen , hat er einen grausen