gejagt . Die Welt bringt seinen Tod mit einer Prinzessin des herzoglichen Hauses in Verbindung - « » Heißt diese Prinzessin Sidonie ? « fuhr es mir heraus . » Ei , der kleine Wildling aus der Heide hat auch genealogische Kenntnisse ? ... Hieß , müssen Sie übrigens sagen , denn Prinzessin Sidonie ist auch längst gestorben - einige Tage vor dem Tode des schönen Offiziers ... Das ist eine längst verschollene Welt , über die niemand etwas Bestimmtes weiß , ich aber am allerwenigsten . Ich weiß eben nur , daß die Siegel da kleben und nach der letzten Verfügung des ehemaligen Bewohners dran bleiben sollen , bis - na , bis an das Ende aller Tage - will ' s Gott ! ... Hineingucken möchte ich schon einmal - so ganz verstohlen . Aber da ist ja alles verrammelt und verbarrikadiert für die Ewigkeit , und Onkel Erich wacht wie ein Argus über den Siegeln . « Himmel , wenn der unerbittliche Mann mit dem durchdringenden Blick je erfahren sollte , daß die Fremde bereits hinter den Siegeln umhergehuscht war ! Ein Zittern durchlief meine Glieder , und ich preßte die Lippen fest aufeinander - daß mir um Gottes willen nur nie das unselige Geheimnis entschlüpfte ! ... Kaum in die Welt eingetreten , hatte ich schon etwas vor ihr zu verbergen , ich , deren Gedanken und Plaudereien bis dahin so zwanglos , so frank und frei herausgeflattert waren , wie meine wilden Locken im Heidewinde . Unterdes war auch Ilse , hinter uns her , die Treppe heraufgekommen und schalt mich , daß ich » ihr durchgebrannt sei , derweil sie sich das Unheil im Gewächshause angesehen « . » Das ist ja eine schöne Geschichte , die das greuliche Tier angerichtet hat ! « sagte sie ganz entrüstet . » Zwei von den großen teuren Glasscheiben sind total zerschlagen , und einen großen Baum hat es mit dem einen Tritt auch umgeworfen - die schönen roten Blumen liegen wie hingeschneit an der Erde herum ... Und da ist der Mann mäuschenstill und sagt kein Wort - das hätte mir passieren sollen ! « » Onkel Erich hat Kamelien genug , « sagte Charlotte leichthin und spöttisch , » die paar abgeknickten Blüten zählen nicht ! ... Uebrigens glauben Sie ja nicht , daß auch nur eine einzige unbezahlt bleibt ; die werden auf Draht gesteckt und kommen in die Bouquets , die auf heute abend zu einem Bürgerball massenhaft bestellt sind . Bei uns kommt nichts um - darauf können Sie sich verlassen . « Sie öffnete die Thür des Bibliothekzimmers , ich aber drängte mich neben ihr hinein und lief nach der Fensterecke , wo mein Vater arbeitete . Nein , sie durfte es nicht sehen , wie er so lächerlich auffuhr von seiner Schreiberei und so hilf- und verständnislos in die Welt hineinsah ! Sie durfte nicht lachen , ich litt es nicht ! » Vater , wir sind wieder da , « sagte ich und legte meinen Arm um seinen Hals ; so konnte er nicht emporfahren , und er that es auch gar nicht , er schlug nur die Augen auf und sah lächelnd in mein vorgeneigtes Gesicht . Ich war überglücklich - er kannte bereits meine Stimme , und ich hatte Macht über ihn . » So , kleiner Schalk , so überrumpelst du mich ? « scherzte er und klopfte meine Wange . » Wenn du aber ganz so werden willst wie deine liebe Mama , dann darfst du nur ganz , ganz leise die Hand auf meine Stirne legen , oder nur eine Blume auf mein Manuskript fallen lassen und mußt husch wieder draußen sein , ehe ich mich nur besinnen kann , wer es gewesen . « Mir gab es jedesmal einen schmerzenden Stich durchs Herz , wenn er meine Mutter , die er über alles geliebt haben mußte , in der Weise erwähnte - für ihn hatte sie tausend zartsinnige Aufmerksamkeiten gehabt , aber ihr einsames Kind hatte nicht für sie existiert . Jetzt sah mein Vater auch Charlotte . Er sprang auf und verbeugte sich . » Ich habe Ihnen Ihr Töchterchen mitgebracht , « sagte sie . » Herr Doktor , Sie müssen schon erlauben , daß auch die Unwissenschaftlichen im Vorderhause ein wenig herummeißeln und bilden dürfen an der kleinen wilden Hummel aus der Heide . « Er dankte ihr herzlich für ihr Anerbieten und gab ihr unumschränkte Vollmacht . Dabei rieb er sich plötzlich besinnend die Stirne . » Da fällt mir eben ein - ach ja , ich bin manchmal ein wenig vergeßlich - ich habe ja gestern auch auf einige Augenblicke die Prinzessin Margarete gesprochen ; ich erwähnte beiläufig deine Ankunft , mein Kind , und sie sprach lebhaft den Wunsch aus , dich nächste Woche zu sehen . Sie hat deine Mama gekannt , als sie noch Hofdame am Hofe zu L. war . « - » Sie Glückliche ! « rief Charlotte . » Einen altadeligen Namen , einen hochberühmten Vater und eine Mutter , die Hofdame gewesen ist - wahrhaftig , die Götter haben ihr Füllhorn über Sie ausgeschüttet ! Und das erscheint Ihnen wohl gar nicht einmal wünschenswert ? « » Nein - ich fürchte mich vor der Prinzessin , « versetzte ich scheu und ängstlich und drückte mich neben Ilse . » Fürchte dich nicht , Lorchen ; du wirst sie sofort liebgewinnen , « tröstete mich mein Vater ; Charlotte aber zog die prächtigen , schöngeschwungenen Brauen zusammen . » Heideblümchen , seien Sie nicht kindisch ! « schalt sie . » Die Prinzessin ist sehr liebenswürdig . Sie ist die Schwester der Prinzessin Sidonie , von der wir eben noch gesprochen haben , und die Tante des jungen Herzogs . Sie macht die Honneurs an seinem Hofe , denn er ist noch nicht verheiratet , und soll ganz besonders lieb und gut gegen die kleinen , schüchternen , und - nehmen Sie mir ' s nicht übel - ein wenig albernen jungen Mädchen sein , die sich vor der ersten Vorstellung bei Hofe fürchten ... Also beruhigen Sie sich , Kleine ! « Sie drehte mich an den Schultern hin und her . » Wollen Sie der Prinzessin Ihr Töchterlein so vorstellen ? « fragte sie meinen Vater und zeigte mit einem wahren Koboldlächeln ihre perlmutterweißen Zähne . Er sah sie unsicher und verständnislos an . » Nun , ich meine in diesem vorsündflutlichen Kostüm ? « » Hören Sie mal , Fräulein , « fiel Ilse scharf ein , » in dem Kleide da hat meine arme Frau um den gnädigen Herrn getrauert . Dazumal war sie auch noch stolz und vornehm , und das Kleid ist ihr gut genug gewesen , und da wird es ja wohl der Frau Prinzessin auch nicht schaden , wenn sie die Kleine drin ansieht . « Charlotte lachte ihr ins Gesicht . » Vor wie viel Jahren war das , gute Frau Ilse ? « Jetzt ging auch meinem Vater ein Licht auf . Er strich sich mit der Hand über die Stirne . » Hm , darum handelt sich ' s ? ... Ja , ja , Sie haben recht , Fräulein Claudius , so ist Lorchen nicht ganz präsentabel . Ich erinnere mich - meine verstorbene Frau hatte einen exquisiten Geschmack und ist ja auch später noch viel mit mir zu Hofe gegangen . Liebe Ilse , drunten im Erdgeschoß , unter meinen Effekten müssen noch zwei Koffer voll Toilettengegenstände sein - nach dem schmerzlichen Ereignis hat sie die damalige Wirtschafterin gepackt - « » Daß Gott erbarm , das sind jetzt über die vierzehn Jahre her ! « rief Ilse , die Hände zusammenschlagend . » Und das alles ist nicht einmal aufgemacht und gelüftet worden ! « Er schüttelte den Kopf . » Ach , Sie arme Kreatur ! « jubelte Charlotte förmlich auf und schlang den Arm um mich . » Da muß ich retten , sonst hat die Residenz ein Gaudium , wie noch nie ! ... Ich werde für alles sorgen , Herr Doktor ! « » So - und wer bezahlt ' s denn ? « fragte Ilse trocken . Mein Vater machte ein sehr verdutztes Gesicht und sah seltsam ängstlich drein - er schlang die Finger ineinander und ließ sie in den Gelenken krachen . Charlotte bemerkte das sehr wohl . » Ich spreche sofort mit dem Onkel , « sagte sie . » Der kann der Kleinen auch kein anderes Geld geben , als ihr selber gehört , « fiel Ilse beharrlich ein , » und da haben wir ja gleich die Bescherung ; da fliegt das bißchen Vermögen für Lappen und Firlefanz in alle vier Winde , ehe wir es uns versehen . « » Nun meinetwegen , behalten Sie Ihr Geld in der Tasche ! « rief Charlotte ärgerlich . » Ich gebe ihr meine neueste Toilette , die der Schneider erst gestern gebracht hat ... In dem Aufzug lasse ich die Kleine nicht an den Hof - dazu habe ich sie schon viel zu lieb . « Ich neigte den Kopf seitwärts und küßte verstohlen die volle , weiße Hand , die meine Schulter umschloß . Ilse sah diese Bewegung ; sie schüttelte den Kopf , und ein niegesehener , wehmütig bitterer Zug stahl sich in ihr Gesicht . Ich glaube , sie bereute heute schon zum zweitenmal tief , mich in das Haus der » vernünftigen Leute « gebracht zu haben . Noch hatte sie übrigens keinen Grund zur Besorgnis ; noch mischte sich in das Dankgefühl , mit welchem ich Charlottens Hand küßte , nicht eine Spur von befriedigter Eitelkeit . Ich dachte nicht im entferntesten daran , daß ich ohne die dicke Mullkrause , von der mich Charlotte kühn befreite , schöner aussehen könne - mein braunes Gesicht wurde wohl auch über einem so zarten Spitzenkragen , wie die junge Dame ihn trug , nicht um einen Schein weißer , und die kleinen Ohren , die sich bei dem leisesten inneren Angstgefühl stets so heiß röteten , fuhren sicher ebenso lächerlich daraus empor wie aus den weißen Mullwogen . Aber auch das erwog ich nicht einmal in diesem Augenblick - ich dankte einzig und allein für die Liebe , die mir entgegengebracht wurde . Charlotte verabschiedete sich von meinem Vater , ohne das gewünschte Buch mitzunehmen ; meine Vorstellung bei Hofe schien hinter der festen weißen Stirne einen wahren Wirbel von Gedanken erregt zu haben . Sie versicherte mir drunten in der Halle nochmals , für alles Sorge tragen zu wollen , ermahnte mich noch einmal ernstlich , meine » völlig unmotivierte Scheu und Aengstlichkeit « zu besiegen , und eilte in das Vorderhaus zurück . » Du ziehst die geborgten Sachen natürlich nicht an , « sagte Ilse zu mir , während Charlotte jenseits des Teiches im Boskett verschwand . » Deine selige Großmutter müßte sich ja in der Erde umdrehen . . O Herr Jesus , nun muß ich auch gar noch selbst Herrn Claudius bitten , daß er das Geld für den Firlefanz ' rausgibt ! ... ... Sie werden eine schöne Putzdocke aus dir machen in dem Hause da vorn ! « Als wir in das Wohnzimmer traten , wo das Stubenmädchen eben den Tisch deckte , kam uns auch der alte , freundliche Gärtner entgegen und sagte mir , daß er im Auftrage des Herrn Claudius in meinem Zimmer einen Blumentisch aufgestellt habe . Mit Mühe suchte ich ein paar steife Worte des Dankes zusammen - ich wollte ja die Blumen des Herrn Claudius gar nicht haben ; mochte er sie doch lieber verkaufen , der engherzige Zahlenonkel ! ... Ich ging auch durchaus nicht hinein , um sie anzusehen . Aber nachmittags , in einer der heißesten und drangvollsten Stunden meines ganzen bisherigen Lebens , saß ich doch neben ihnen ; denn sie beschatteten halb und halb meinen Schreibtisch ... Meinen Schreibtisch ! Welche Ironie lag darin , mir einen Tisch hinzustellen , auf welchem ausschließlich geschrieben werden sollte ! ... Und nun saß ich doch dran und schwitzte vor Seelenangst und Mühe ; denn ich sollte und mußte einen Brief schreiben - den ersten in meinem Leben . Ilse war unerbittlich gewesen . » Siehe du nun auch , wie du mit der eingerührten Geschichte fertig wirst ; nicht einen Finger rühre ich darum ! « hatte sie mitleidslos und entschieden erklärt und mich mit meiner Riesenaufgabe allein gelassen . » Liebe Tante ! Ich habe Deinen Brief gelesen . Es thut mir in der Seele weh , daß Du Deine schöne Stimme verloren hast , und da meine liebe Großmutter gestorben ist , so schicke ich Dir das Geld , « besagten die durcheinanderquirlenden schwarzen Buchstaben auf dem weißen Papier , das vor mir lag . Der Anfang war glücklich gefunden , und ich schlug die Augen auf nach weiterer Eingebung von außen . Ein köstlicher Duft strömte mir zu ; ja , da stand der Blumentisch ; prachtvolle , blaßgelbe Theerosen hingen schwer herüber und - o Himmel - um alle diese hochstrebenden , blütenbeschneiten Rosen- , Azaleen-und Kamelienbäume legte sich drunten ringsum ein Kranz von blühenden Heidebüschen ! Das hatte der alte Gärtner doch zu sinnig ausgedacht ! ... Ich warf die Feder hin und griff mit beiden Händen in die Blütenrispen ... Da stieg es auf , das bienenumsummte Dach mit der Heidegarnitur unter jeder Ziegelreihe , und von den Eichenwipfeln schrieen die Elstern in den stillen Baumhof hinab . Die alte Föhre trug die ganze Last der glühenden Nachmittagssonne auf ihren struppigen Zweigen , und in dem rot- und lilafarbenen Heideteppich blinkten die gelben Ginsterblüten wie eingestickte Goldsternchen ... Blaue Schmetterlinge ! Ich lief ihnen nach bis unter die Birke , in das dicke Erlen- und Weidengebüsch hinein , und , husch , fuhren meine nackten , heißen Füße in den köstlich kühlen , dunklen Heidefluß ! ... Ich schrak empor und zog die Hände zurück und tunkte aufs neue tief und zornig die Feder in das tückische Schwarz , das die Menschen zu meiner Qual erfunden . Aber nun weiter ! » Ich wohne mit meinem Vater bei Herrn Claudius in K. , wenn Du mir vielleicht schreiben und mir sagen willst , ob Du das Geld richtig durch die Post bekommen hast . « - Punktum ! Das war ganz gut so , aber ob sie es lesen konnte ? Ilse sagte immer , man könne keinen Sinn in meiner Schreiberei finden , weil die Buchstaben » gar so falsch nebeneinander stünden « . - Ach , da fing draußen der Kranich an zu tanzen , und eine Schar Perlhühner flüchtete scheu hinter die steinerne Teicheinfassung - Dagobert trat drüben aus dem Boskett ; er hieb im raschen Weiterschreiten mit seinem schlanken Stöckchen durch die Luft und schritt stracks auf die Karolinenlust zu ... Ich duckte mich ganz erschrocken nieder , denn er sah unverwandt nach dem Fenster , an welchem ich saß . Nein , nein , er kam nicht herein - es wäre doch zu einfältig gewesen , wenn ich meinem ersten , blitzschnellen und angstvollen Gedanken gehorcht und die Thür verriegelt hätte ! ... er ging hinauf in das Bibliothekzimmer ; ich hörte noch seinen verhallenden Tritt droben auf der letzten Stufe der Steintreppe ... Gott , was alles geschah doch in der Welt und wie viel gab es zu sehen und zu erleben , und doch gab es Menschen , die den ganzen Tag schrieben und sich über das starre , leblose Papier bückten , wie zum Beispiel Herr Claudius über seinen großen Folianten im Vorderhause ! ... Nun noch die Unterschrift : » Deine Nichte Leonore von Sassen , « und schließlich die Adresse , die ich mühsam , Buchstaben um Buchstaben , von dem zerknitterten Brieffragment meiner Tante kopierte ... Gott sei Dank ! Das war der erste , aber auch gewiß der letzte Brief , den ich geschrieben - ich wollte es nie wieder thun ! Da lag die Feder wieder auf dem altfränkischen Tintenfaß , wo ich sie vorgefunden - ich gönnte ihr von Herzen die ewige Ruhe einer Dahingeschiedenen . Ilse mußte , wohl oder übel , die fünf Siegel auf das Kouvert drücken ; dann trug sie den Brief zornig , mit spitzen Fingern , als brenne er , aber doch eigenhändig auf die Post - fremden Händen mochte sie um alle Welt das viele Geld nicht anvertrauen . Dieses mein armseliges Schriftstück und seine Folgen lassen mich stets an einen kleinen unschuldigen Vogel denken , der unbewußt das Samenkorn eines schlimmen , überwuchernden Unkrautes in ein künstlich angelegtes Blumenbeet trägt . 15 Die Firma Claudius war sehr alt . Sie hatte schon geblüht und einen bedeutenden Ruf gehabt , als der Tulpenschwindel von Holland aus durch die Welt lief , in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts , wo für drei Zwiebeln des Semper Augustus die unserem Jahrhundert völlig unbegreifliche Summe von dreißigtausend Gulden gezahlt wurde . Aus jener Zeit hauptsächlich stammte das große Vermögen der Claudius . Sie hatten sich dieses Zweiges der Blumenindustrie bemächtigt und die kostbarsten Tulpenexemplare erzielt . Man erzählte sich , viele der berühmtesten Spezies seien aus den geschickten deutschen Händen der Claudius hervorgegangen , man habe sie in Holland um fabelhafte Preise angekauft , adoptiert und unter holländischem Stempel in den Handel geschickt ... Je mehr aber die Reichtümer des Handlungshauses sich angehäuft , desto ehrbarer , einfacher und zurückhaltender gegen die Welt und ihre Freuden waren die verschiedenen Chefs der Firma geworden . Sie hatten die strengste bürgerliche Einfachheit und Schlichtheit aufrecht erhalten , und durch eine ganze Reihe von Testamenten und letztwilligen Verfügungen lief - für die jedesmaligen Nachfolger - eine ernste Mahnung zur Zucht und Ehrbarkeit und zum Fernhalten von jedwedem Luxus unter Androhung der Enterbung im Fall des Ungehorsams . So kam es , daß die äußere Physiognomie des dunklen , steinernen Hauses in der abgelegenen Mauerstraße nie eine verschönernde Restauration erfahren hatte ... Sie mußten alle darin wohnen , wie sie nacheinander folgten , und das Geschäftslokal , die große steingewölbte Stube mit den braunen Ledertapeten sah heute noch genau so aus , wie dazumal , wo in ihr jene kostbaren Zwiebeln verpackt wurden , aus denen , vor den entzückten Augen der fieberhaft erregten Tulpenfanatiker , die despotisch herrschende Blumenkönigin in neuem Farbenspiel emporsteigen sollte . Die alten Herren , die mit einer Hand zarte Blumengestalten pflegten und mit der anderen eiserne Ketten und Panzer um ihr nachfolgendes Geschlecht zu gürten suchten , hätten doch am besten wissen sollen , daß Abart oder Varietät bei ihrem Durchbruch nicht nach dem Gängelband der Gesetze fragt , und wenn sie weise gewesen wären , hätten sie diese Blumenerfahrung auch zu gunsten der Menschennatur gelten lassen . Eberhard Claudius , ein geistig offenbar sehr bedeutender Mensch , hatte unter den beengenden Traditionen des Hauses jedenfalls schwer leiden müssen , aber er hatte sich zu helfen gewußt . Wie man sich erzählte , war seine schöne , vornehme und leidenschaftlich geliebte Frau in den düsteren Räumen des Vorderhauses schwermütig geworden ... Da waren - ohne daß die Welt es ahnte - eines Tages fremde Arbeiter gekommen , hatten unter Anleitung eines französischen Baumeisters inmitten des umfangreichen Waldreviers , das durch weite Mauern umgrenzt zu dem Grundbesitz der Firma gehörte , eine Anzahl uralter , geschonter Bäume ausgerodet , und allmählich war im beschützenden Walddickicht ein heiteres Schlößchen voll Sonnenlicht und schwellender Seidenpolster , voll flatternder Liebesgötter und deckenhoher Spiegel , welche die Schönheit der angebeteten Frau glanzvoll zurückwarfen , in die Lüfte gestiegen . Und an dem Tage , wo die bleiche Blume zum erstenmal den märchenschnell hervorgezauberten Teich umschritt , und in der weiten sonnigen Halle dem zärtlich besorgten Mann aufjauchzend um den Hals gefallen war , hatte er das Schlößchen ihr zu Ehren » Karolinenlust « getauft . Eberhard Claudius war auch der Begründer des Antikenkabinetts und der reichhaltigen Bibliothek und Handschriftensammlung gewesen . Er hatte Italien und Frankreich durchreist und mit seltenem Kennerblick Schätze der Kunst und Wissenschaft aufgefunden und eingeheimst , die aber auf deutschem Boden , in den Räumen der Karolinenlust ebenso verborgen hausten , wie die schöne , neu aufblühende Frau . Nach ihm war Konrad , sein Sohn , Chef des Hauses geworden und in die alten Geleise zurückgekehrt . Er hatte mit puritanischer Strenge die alten Hausregeln auch im Innern wieder aufgerichtet , hatte die Karolinenlust , als ein gegen den Geist der Vorfahren verstoßendes Werk des raffiniertesten Luxus- und Weltsinnes , samt ihren Schätzen unter Schloß und Riegel gelegt , und die Varietät war erst wieder in seinem Enkel , Lothar Claudius , zum Durchbruch gekommen . Dieser hatte sich entschieden geweigert , Vertreter der Firma zu werden , als er und sein jüngerer Bruder Erich sehr früh beide Eltern verloren . Sein feuriges Temperament entschied sich für die militärische Karriere . Er avancierte schnell , wurde geadelt und Adjutant und bevorzugter Liebling des Landesfürsten . Nun wurde die Karolinenlust wieder aufgeschlossen . Sie eignete sich vortrefflich zum Wohnsitz für den hochaufstrebenden , sich abzweigenden Ast des alten Handelsgeschlechts , und , wie um gegen jegliche fernere Gemeinschaft mit dem Vorderhause zu protestieren , wurde plötzlich sogar am Brückenkopf auf Seite der Karolinenlust eine festverschlossene Thür angebracht . Da residierte nun , umgeben von einer wahren Waldeinsamkeit , der schöne , junge Offizier , während im Vorderhause der Buchhalter Eckhof das Geschäft verwaltete , bis der in einem Knabeninstitut erzogene Erich Claudius von seinen Reisen zurückkehrte und , den alten Traditionen getreu , mit eiserner Ausdauer und Arbeitskraft sein Erbe antrat . Für das Antikenkabinett hatte der verstorbene , flotte , gefeierte Offizier so wenig Verständnis gehabt wie seine Vorgänger . Die Kisten und Kasten im Souterrain waren nicht berührt worden seit langen Jahren , bis plötzlich der junge Herzog an das Ruder kam und eine wahre Leidenschaft für Archäologie an den Tag legte . Mein Vater , eine der größten Autoritäten , wurde nach K. berufen , und nun wuchsen die Antiquitätenliebhaber wie Pilze aus der Erde . - Seine Hoheit hätte Höchstseine Residenz mit ihnen pflastern können . Die Ballgespräche bei Hofe wimmelten von griechischen , römischen und etruskischen Altertümern , und schwerwiegende Wörter , wie Numismatik , Glyptik und Epigraphik , perlten nur so von den rosigen Lippen der graziösen Tänzerinnen . Die Nachricht von dem neuen Umschwung bei Hofe hatte Dagobert in das stille Geschäftshaus der Mauerstraße gebracht . Fräulein Fliedner , die noch bei Lebzeiten der letztverstorbenen Frau Claudius , Lothars und Erichs Mutter , als Stütze derselben , in das Haus gekommen und seitdem , kraft testamentlicher Verfügung , in ihrer Stellung als Kastellanin und Verwalterin verblieben war , wußte manches Halbverschollene aus der Familie zu erzählen , und so erinnerte sie sich auch der eingesargten Antiken . Dagobert hatte meinen Vater davon in Kenntnis zu setzen gewußt . Der letztere erzählte später wiederholt , daß er einen Augenblick zweifelhaft lächelnd vor dem haus mit der strengen , ehrbar bürgerlichen Physiognomie gestanden habe : aber er war doch eingetreten , um die Erlaubnis , behufs einer Nachforschung , von dem Besitzer zu erbitten . Herr Claudius hatte sie erteilt , wenn auch dem Anschein nach nicht besonders gern . Am frühen Morgen war mein Vater in das Souterrain der Karolinenlust hinabgestiegen und den ganzen Tag nicht wieder zum Vorschein gekommen ; er hatte weder gegessen , noch getrunken , er war wie toll vor Aufregung gewesen - eine ungeheure Fundgrube für die Wissenschaft hatte sich vor ihm aufgethan ... Herr Claudius gestattete das Auspacken und Aufstellen der Kunstschätze und räumte meinem Vater die Wohnung im Erdgeschoß und die unumschränkte Benutzung der Bibliothek ein . Dies alles erfuhr ich freilich nicht in den ersten Tagen meines Aufenthaltes in K. Ich war da überhaupt wenig geneigt , mich zu orientieren ; denn , nachdem sich die Flut der ersten Eindrücke einigermaßen gelegt , da kam das Heimweh nach der Heide mit aller Macht über mich ... Ilse war zwar noch da ; sie hatte sich einige Tage Urlaub zugegeben , um » einmal gründlich Ordnung in der Junggesellenwirtschaft meines Vaters zu machen « , und wohl auch , damit sie mich erst in dem neuen Boden ein wenig einwurzeln sähe . Allein das beschwichtigte mein unruhiges Herz nicht ; ich wußte ja doch , daß sie schließlich gehen und mich zurücklassen würde , und der Gedanke brachte mich stets in eine unbeschreibliche Aufregung . Im Vorderhause war man unsäglich gut gegen mich , aber ich haßte das dunkle , kalte Haus und betrat es nur gezwungen an Fräulein Fliedners oder Charlottens Hand . Zu einem Besuch aus eigenem Antrieb konnte ich mich nie entschließen . Dagegen zog es mich immer mehr in die Nähe meines Vaters . Auf seine zarte Zurechtweisung hin störte ich ihn freilich nicht mehr in der kräftigen Art und Weise wie neulich , wo ich unversehens meinen Arm um seinen Hals gelegt hatte - ich wagte es nicht einmal , wie meine Mutter , eine Blume auf sein Manuskript zu werfen ; aber seit ich Mut gefaßt , stand jeden Morgen eine Vase voll frischer Waldblumen auf seinem Schreibtisch , und im unhörbaren Vorüberhuschen ließ ich meine Hand scheu und leise über sein halbergrautes Haar hingleiten . Ich war gern in der Bibliothek , noch lieber aber in dem Saal » mit dem zerbrochenen Zeug « , wie Ilse beharrlich sagte . Alle diese stummen Gesichter gewannen allmählich Macht über mich und ließen mich manchmal sogar auf Augenblicke vergessen , daß droben im Norden die weite Heide lag , nach der meine ganze Seele fieberte . Aber ich wurde dort auch sehr oft verscheucht . Dagobert , der eine wahre Leidenschaft für Altertumskunde an den Tag legte und sich stolz den Famulus meines Vaters nannte , verweilte halbe Tage lang in Bibliothek und Antikenkabinett . Sobald ich ihn in die Bibliothek treten hörte , entfloh ich durch die entgegengesetzte Thür , rannte über Hals und Kopf die Treppe hinab , und dieser kindischen Angst und Scheu genügte oft nicht einmal der weite Raum zwischen Mansarde und Erdgeschoß - ich lief und lief , bis ich mich atemlos im Walde wiederfand . Dieses Stück Wald war köstlich in seiner scheinbaren Urwüchsigkeit . Die alten Herren Claudius hatten es angekauft und mit Mauern umzogen , nicht zur Nutzbarmachung für das Geschäft , sondern einzig und allein zu dem Zweck , daß sie ihren sonntäglichen Erholungsspaziergang , ungestört und unbehelligt durch fremde Gesichter , auf eigenem Grund und Boden ausführen konnten - der einzige Luxus , den sie sich gestattet ... Die heiße Sehnsucht nach dem schrankenlos weiten Himmel der Heide machte mich anfänglich eiskalt und verständnislos für die Waldschönheit . Meine Blicke richteten sich nie aufwärts - ein grüner Himmel , wie schrecklich ! - Desto zärtlicher aber hingen sie an den hellen Blüten , die mit scheuen , wilden Aeuglein aus Moos und Blattwerk und schattenfeuchtem Steingeröll hervorguckten - sie kamen mir so weltverschlagen und furchtsam vor , wie ich selber . So sorglos ich die Heide stets durchstreift hatte , so wenig Mut fand ich , tiefer in die anscheinende Wildnis einzudringen . Ich beschränkte mich auf die nahe Umgebung des Hauses , und mein liebster Aufenthalt wäre sicher das Ufergebüsch des Flusses geworden , denn da drinnen war es doch genau so wie daheim ; allein ich wurde schon am zweiten Tag meines Aufenthaltes in K. daraus vertrieben . Als Ilse den Brief auf die Post trug , begleitete ich sie bis an die Brücke . Unter dem zierlich geschwungenen eisernen Bogen hin floß das farblos klare Wasser so leise und lieblich murmelnd , wie der traute Heidefluß hinter dem Dierkhof . Ich schlüpfte in das Gebüsch - es waren Erlen und Weiden , und von draußen dämmerten weißglänzende Birkenstämme herein . Perlmuscheln lagen nicht auf dem Grund , wohl aber die kleinen glattgewaschenen Kiesel , und das seichte Ufer war mit Laichkräutern und weißblühenden Ranunkeln ausgekleidet . Ein zackiger , leuchtend blauer Fleck zitterte auf den Rieselwellchen - der hereinlauschende Sommerhimmel - alles , alles wie in dem kleinen Becken daheim ; ich warf die Fußbekleidung ab , und bald floß die blaugefärbte Flut um die Füße , die freilich zu meinem Verdruß in den wenigen Tagen strenger Inhaftierung schon weißer geworden waren . Es fiel mir wie Ketten von Leib und Seele und floß mit den Wellen dahin . Vor Vergnügen und Wonne lachte ich in mich hinein und stampfte wiederholt und übermütig das Wasser , so daß die blauen Tropfen hochauf spritzten . Da knisterte es im Gebüsch . - Spitz war ja so oft vom Dierkhof gekommen , hatte mich gesucht und war zu mir ins Wasser gesprungen . Er brach dann gewöhnlich quer durch das Buschwerk , und jetzt fühlte ich mich so ganz in die Umgebung der Heimat versetzt , daß ich bei jenem Knistern den lieben täppischen Gefährten zu hören glaubte . Laut rief ich seinen Namen - ach , ich hatte mich schön blamiert mit meiner Illusion - es kam selbstverständlich kein Spitz ; an der Stelle aber , wo ich das Geräusch gehört hatte , bewegten sich die Weidenzweige durcheinander , und ein hellbekleideter Männerarm zog sich hastig zurück . Mit einem Satze flüchtete ich an das Ufer ; ich hätte weinen mögen vor Aerger . Gleich in den ersten Stunden der bildenden zwei Jahre war ich rückfällig geworden ; Dagobert hatte die Eidechse bereits wieder barfuß gesehen - nun wurde gelacht und gespottet im Vorderhause ... Aber er war ja dunkel gekleidet gewesen , als ich ihn vor kaum einer Stunde zu meinem Vater hatte gehen sehen , und dann - hatte nicht ein heller Blitz aus dem Gebüsch herübergezuckt ? Das Blitzen hatte ich heute schon einmal gesehen , und zwar am Kontorschreibtisch , es kam von dem Ring an Herrn Claudius ' Hand ... Ich