zur Mumie vertrocknet , auf ihrem Bett gefunden haben . Dann freilich wäre das ganze Dorf samt dem Lauenhof zum Besuch gekommen . Die gnädige Frau würde sich arge Gewissensskrupel gemacht haben und der Herr Ritter von Glaubigern noch ärgere ; aber der Vorsteher Klodenberg hätte doch ziemlich gefaßt das kuriose Ereignis zu Protokoll genommen und dieses an die zustehende Behörde abgeliefert . » Sie hat ' s fast zu lange gemacht « , hätte ein würdiger Gemeinderat gesprochen . » Da sollt dem Geduldigsten der Geduldfaden reißen ! « - Nachher hätte der Pastor Buschmann den Sterbefall in sein Amtsregister eingetragen , um bei Gelegenheit den Totenschein ausstellen zu können . Krodebeck hätte nun auch leider noch die Kosten des Begräbnisses zu tragen gehabt . Dann hätte das Siechenhaus zum erstenmal seit fünfzig Jahren leer gestanden , und die Geschichte Hanne Allmanns wäre regelrecht zu Ende gewesen , wenn nicht vielleicht Jane Warwolf aus Hüttenrode auf einem Marsch durch Krodebeck einen boshaften Lärm und dem Gemeinderat eine häßliche Stunde gemacht hätte . Vielleicht hätte aber auch Jane Warwolf sich nur für eine stille Stunde in der leeren Hütte hingesetzt , um sich zum erstenmal seit langen Jahren recht auszuweinen . Das letztere wäre wohl , alles in allem genommen , das Passendere gewesen ! Die alte Hanne sandte auch jetzt das Kind nicht selber zu den Freunden auf dem Gutshofe . Sie hatte eine gewaltige Meinung von sich und hielt fast zuviel auf das , was sich schickte ; vielleicht war es aber auch nur der Instinkt des lieben Viehes , der sie verhinderte , um Hülfe zu rufen ; für solch ein armes Tier schickt es sich eben nur , bei keiner Gelegenheit , und selbst beim Sterben nicht , einen unnötigen Lärm zu machen . Also sagte Hanne Allmann zu Antonie Häußler : » Ich weiß nicht , was das mit mir ist . Ich bin krank ! Doch ich meine , so wohlauf bin ich in meinem Leben nicht gewesen . Aufstehen kann ich nicht , um uns die Suppe zu kochen ; im Schrank liegt ein Brot für dich und ein Beutel mit trockenen Birnen im untern Fach . Einen Groschen hab ich auch in meiner Kleidertasche ; den such und lauf ins Dorf um Milch . Sag aber nichts von mir , bring mir nur einen Krug voll frischen Wassers mit . « » Jaja , ich weiß alles und bin mit allem zufrieden ! « rief Tonie und tat , wie ihr geheißen . Sie aß das Brot und die gedörrten Birnen und trank die Milch ; die Pflegemutter aber trank das Wasser und fiel aus einem Schlaf in den andern . So ging dieser Tag ganz gut vorbei ; am Abend kroch das Kind ins Nest , und die Alte und die Junge verschliefen die Nacht ganz ruhig . Am folgenden Morgen , also am fünften Juni , war das Kind früh auf , allein Hanne Allmann schlief weiter ; Tonie wusch sich draußen vor dem Hause und kam glänzend zurück , half sich allein in die Kleider , aß den Rest des Brotes und trank jetzt ebenfalls Wasser . Die Alte verlangte nicht mehr nach dem irdenen Kruge , sondern schlief weiter , schlief immerzu , und das Kind saß den ganzen Tag hindurch still am Bette , sah dem Wege der Sonne durch die Stube zu , sah sie am Abend weichen , hatte am Tage einen Schutz vor den Gespenstern am Leben und Treiben auf der Landstraße , am Abend an dem Singen der jungen Dorfleute und fing erst dann an , im Innersten sich unbehaglich zu fühlen , als es wiederum in der vollen Dunkelheit in sein Bett kroch , und diesmal recht hungrig . Aber es schlief wieder schnell genug ein , schlief wiederum gesund und traumlos und erwachte erst , als die Sonne hell und hoch am Himmel stand . Das war der sechste Juni . Die Sonne stand hoch und hell am Himmel ; es war fast neun Uhr , als Tonie aufrecht auf ihrem Strohsack saß , mit beiden Händen sich fest aufstützte und nach der Pflegemutter hinübersah und horchte . Die Pflegemutter schnarchte ; aber auf sonderliche Art. Ihr Kopf lag zurückgebogen , und sie hatte die Augen halb geöffnet , doch sah man nur das Weiße , und das war ganz schrecklich anzusehen . » Mutter , Mutter ! « rief das Kind ; aber es war die eigene Mutter , nach der es nun in seiner plötzlichen , heftigen , zitternden Angst rief . Hanne Allmann antwortete auf den Ruf nicht . Nun stand Tonie auf bloßen Füßen neben dem Lager der Greisin und rief auch sie leise mit Namen und streichelte ihr zitternd den dürren Arm ; Hanne Allmann antwortete nicht und regte kein Glied . Rückwärtsschreitend im immer heftigeren Entsetzen , zog sich das Kind , unverwandt den Blick auf das Bett heftend , gegen die Tür , und als es dieselbe erreichte , riß es sie mit Macht auf , warf sie mit einem erbärmlichen Schrei hinter sich wieder ins Schloß und stürzte hinaus aus dem Siechenhause von Krodebeck auf die sonnebeschienene Landstraße und lief , von allen Schauern gejagt , dem Dorf und dem Gutshof zu . So kam der erste Schrecken , den Hanne Allmann auf ihrem Lebenswege einem Wesen einjagte , vollständig an das unrechte . In dem chinesischen Pavillon auf der Terrasse des Gutsgartens aber saß Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin , den schönen Morgen und Gressets » Vert-Vert « genießend . Sie sah entsetzt das Kind der schönen Marie nackt , im bloßen Hemde , mit aufgelöstem Haar und vorgestreckten Händen heranstürzen ; sie sah es am Fuße der Treppe , die von der Terrasse auf den Fahrweg hinunterführte , zusammensinken ; sie beugte sich über die Brüstung der Mauer und rief hinab : » Mädchen , was soll das ? Wie siehst du aus ? Schäme dich ! Steh auf , geh fort ! ... Du böses Kind , welch eine Unanständigkeit ! Soll ich hinunterkommen und dir Beine machen ? « Und sie kam , als das Kind sich nicht aus dem Staube der Heerstraße erhob , wirklich herunter , langsam - grimmig-ernsthaft - ganz Porphyrogenneta , im Purpur Geborene , und wurde fünf Minuten später von dem Ritter von Glaubigern in dem chinesischen Lusthause gefunden , das Haupt Antoniens im Schoß und ihr energisch die Schläfen mit Kölnischem Wasser reibend . In dem nämlichen Augenblick erwachte das Kind und rief wimmernd : » Ich bin so sehr hungrig und - zu Hause - ist - ein Gespenst ! Ich weiß mir nicht zu helfen ! « Sechzehntes Kapitel » Herr Chevalier « , hatte dann das Fräulein gesagt , zum erstenmal seit ziemlich langer Zeit wieder einmal das Wort an den Leutnant richtend , » Herr Chevalier , es scheint mit diesem unglücklichen Geschöpf etwas vor sich gegangen zu sein . « » In der Tat , mein Gnädiges ! « hatte der Ritter erwidert und , ohne vorerst das ihm widerfahrene Glück zu würdigen , das Kind auf seinen eigenen braven Armen in das Herrenhaus getragen . Adelaide , mit dem » Vert-Vert « in der einen Hand und dem Eau-de-Cologne-Fläschchen in der andern , war ihm , äußerlich höchst unbewegt , auf dem Fuße gefolgt und hatte auch den ferneren Hülfsleistungen und Bemühungen um das Kind nur von weitem durch die Lorgnette zugesehen . Ein wirres Zulaufen aus allen Ecken , Gängen und Räumen des Lauenhofes war geschehen , die gnädige Frau hatte sich wie gewöhnlich groß gezeigt , Tonie Häußler hatte sich allmählich ein wenig erholt und klareren Bericht über die Zustände des Siechenhauses gegeben ; Fräulein Adelaide von Saint-Trouin schien ihre Beteiligung an der Sache für vollkommen abgeschlossen zu halten . In eigener Person , doch nicht ohne die Begleitung des Ritters von Glaubigern , hatte sich die Frau Adelheid auf den Weg zum Siechenhause gemacht . Stärkungsmittel , kühlende Säfte , Delikatessen aller Art folgten im Überfluß . Der Pastor Buschmann war unnötigerweise gleichfalls von der Sachlage benachrichtigt worden ; Klodenberg war , begleitet von einem Mitgliede des Gemeinderats , gekommen ; nichts von dem traf ein , was hätte eintreffen können ! Hanne Allmann starb , wohlversehen mit allen geistlichen und leiblichen Tröstungen , unter den Augen sowohl des Staates wie der Kirche und unter der fast allzu regen Teilnahme der gesamten Bevölkerung von Krodebeck . Hanne Allmann erlangte aber ihr Bewußtsein nicht so weit wieder , um das alles genießen , empfinden und würdigen zu können ; sie starb oder vielmehr sie schlief weiter und hinweg , und selbst der gnädigen Frau und dem guten Herrn von Glaubigern gelang es nicht , ihr noch einen freundlichen Blick abzugewinnen . Eines Tages war sie gestorben ; und als eine Woche darauf Jane Warwolf durch das Dorf kam , erschrak sie sehr heftig , als sie an das Fenster des Siechenhauses nach ihrer Art klopfte und niemand antwortete und als sie die Tür verschlossen fand . Sie ließ ihren Stab fallen und sah um sich , blind und blaß ; sie griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und rief : » Ist das wahr ? Ist das wahr ? Ist das möglich ? Hanne , Hanne , mach auf ! Reg dich ! Ich bin ' s , ich , ich , die Jane , die Jane ! Hanne , Hanne Allmann , ich bin ' s. Wir kennen einander länger als fünfzig Jahre , und es soll , es soll nicht wahr sein ! « Als alles Rufen und Pochen nichts geholfen hatte , war sie auf den Lauenhof getaumelt , einer Betrunkenen gleich , und da saß sie dann auf der untersten Stufe der Treppe , die unter das Vordach der Haustür führte , hatte das Gesicht , unter der Schürze verborgen , auf die Knie gelegt , und um sie her im gedrängten Kreis stand stumm und angstvoll das Hofvolk , unter welchem auch der Ritter , das gnädige Fräulein , die gnädige Frau und die kleine Antonie Häußler nicht fehlten . Als sie zum erstenmal aufsah , sagten alle weiter nichts als : » O Jane ! « oder » O Jane Warwolf ! « , und dann sagte sie : » Ja - o Jane ! Das ist zu schrecklich ! Ich weiß nicht , wie mir ist ; aber Hanne , Hanne Allmann , fünfzig Jahre , sechzig Jahre , und auf solche Weise vorbei ! Tür zu und Fenster zu , und alles vorbei , alles vorbei , als ob nie etwas gewesen sei . Ja , guckt alle nur und seht betrübt - es hat sie kein Mensch gekannt und liebgehabt wie ich , und ihr wußtet alles und habt ihren armen Sarg gesehen , und ich laufe draußen herum in der Welt , lustig und grimmig , immer lustig ! Tür zu , Fenster zu ! Alles wie nichts , wie nichts ! Keinem König kann ' s grausamer zumute sein ! O Herr von Glaubigern , was soll ich anfangen ? Sagen Sie mir , was ich anfangen soll ? « Da ist der Herr von Glaubigern näher zu dem armen alten Weib herangetreten , hat ihr die Hand gegeben und sie sanft emporgezogen ; der schlimmste Grobian auf dem Lauenhof hat ihr höflich ihren schweren Tragkorb vom Buckel gehoben und die gnädige Frau sämtliches Volk kurz an seine Geschäfte geschickt . Der Chevalier ist allein mit der alten Jane fortspaziert , hat sie zuerst in die Putzstube derer von Lauen geführt , dann auf seine eigene Stube , sodann im Verlauf des Tages nach dem Kirchhofe , hat auch einen Boten an den Gemeindevorsteher um den Schlüssel zum Siechenhause geschickt und hat am Abend , als die Sonne untergehen und die Vagabundin unter keiner Bedingung auf dem Lauenhofe und in Krodebeck übernachten wollte , sie auf den Weg gebracht , ihren Bergen zu . Die Sonne ist recht schön untergegangen und hat die zwei Alten auf der Höhe des Weges freundlich genug bei ihrem Scheiden angeblickt . » Glück auf , Herr von Glaubigern « , rief da Jane Warwolf , » ich will nie vergessen , was Sie heute an mir getan haben ! Sie haben recht in allen Dingen , so altes Volk wie wir sollte wahrhaftig das Sterben leichter nehmen als das Leben ; wenn es nur nicht gegen die Natur wäre ! Das weiß der liebe Gott , was für eine gottsjämmerliche Plage man an sich selber hat ; die ganze übrige Welt macht einem nicht halb soviel zu schaffen . Ja , freilich weiß ich es recht gut , daß der Herrgott auch aus Ihnen ein arm Tier gemacht hat ; aber die Hände will ich Ihnen küssen für Ihr tapferes liebes Herz , wenn Sie es verlangen . Und was die Hanne Allmann anbelangt , so hat die es sicher jetzt gut ; der langt niemand mehr mit Krallen und Klauen in ihre Ruhe hinunter . Schön und zufrieden ! sagte mein Vater , wenn er die Klappe vor seinem Bergwerk schloß und die Einnahme auf fünf Silbergroschen gestiegen war . Und was das Kind anbetrifft , so - « » Die Gnädige hat nichts dagegen , daß es auf dem Hofe bleibt unter der speziellen Obhut der Mamsell Molkemeyer , die eine sehr respektable Dame ist . Auch das gnädige Fräulein scheint glücklicherweise nichts dagegen zu haben , und so brauchst du dir deswegen weiter keine Sorgen zu machen , Jane . « » Sehen Sie nach dem Rechten , so ist mir alles recht , Herr von Glaubigern . Es wäre mir um der Hanne willen lieb , wenn das Geschöpf nicht verkäme und verwahrloste . Es hat der Alten gutgetan in ihren letzten Tagen , und das soll ihm in alle Ewigkeit hinein vergolten werden ; dafür würde ich es im Notfall oben auf meiner Kiepe durch die Welt tragen . Ja , die Hanne ! Es ist nicht auszudenken , daß sie da unten liegt und daß ich jetzt fortgehe und weiß , daß ich nicht mehr anzuklopfen brauche an ihrem Fenster . Wären die alten Berge dort nicht , ich glaube , das Himmelszelt fiele doch noch heut abend über mich , so wenig trau ich mich jetzt im flachen Land ! Die ganze Welt ist anders geworden seit heute morgen ; wie ein gejagt Kind muß ich laufen , um zu meinen Bergen zu kommen . Und der Tau fällt auch ; kehren Sie um , Herr von Glaubigern ; ich muß laufen - von allen Seiten schreit das platte Land auf mich ein ! « » Das weiß ich leider wohl , daß du wie blind und toll in die Nacht hineinrennen wirst « , rief der Chevalier . » Jane , Jane , nimm dich zusammen und sei ein vernünftig Weib ! « » Wie blind und toll ! Wie blind und toll ! « murmelte die Alte ; dann wendete sie sich plötzlich , rief mit lautem Schluchzen : » Glück auf , Herr von Glaubigern ! « und ging mit weiten , doch nicht wie sonst sicheren Schritten . Der Chevalier hat noch lange Zeit gestanden und ihr nachgesehen , mit diesem Geschick auch das seinige im Busen bewegend ; denn auch ihm war es im Verlauf seines langen und gar kümmerlichen Lebens sehr oft zumute gewesen , als schreie alles Land rings um ihn her auf ihn ein ! - - Hanne Allmann war begraben , und Tonie Häußler hatte auf dem Lauenhofe ein Unterkommen gefunden . Im Dorfe schwatzte man viel über das letztere ; aber glücklicherweise brauchten die Leute , auf welche das Geschwätz hinausging , sich am wenigsten darum zu kümmern . Mamsell Molkemeyer hatte die Kleine gern unter ihre spezielle Aufsicht in der Milchkammer genommen , der Ritter behielt sie mit dem größten Wohlwollen im Auge , die Gnädige sah scharf , aber durchaus nicht unfreundlich auf das arme , heimatlose Wesen , und das Gnädige sah mit immer seltsameren Blicken auf es . Das gnädige Fräulein hatte seit jenem Tage , an welchem es fürs erste so unwiderruflich mit dem Chevalier brach , aus seinem Leben eine Wüste gemacht , unübersehbar nach allen vier Himmelsgegenden hin , graufarbig , schwül und mit Peccadillo als einzigem lebendem Wesen darin . Aber was am Ende war Peccadillo in der Sahara ? Ein schwärzlicher , hin und her hüpfender Punkt auf einem Riesenbettlaken ! Er machte die Landschaft doch nur ungemütlicher , unbehaglicher ! Adelaide von Saint-Trouin fühlte zu groß , um die Lücke , welche der Junker Hennig in ihrem Busen gelassen hatte , vollständig durch ihren Schoßhund ausfüllen zu können ; sie fühlte zu stolz , um ihrer Verlassenheit durch erhöhte Unliebenswürdigkeit am Busen eines Mannes Luft zu machen , den sie verworfen hatte , sie fühlte sich auf Tonie Häußler - reduziert , und man konnte gerade nicht sagen , daß die Existenz des Kindes dadurch im Anfang anmutiger gemacht wurde . Die Zuneigung begann unter fortwährendem Tadeln , Ohrzupfen und In-den-Weg-Fahren . Die Tochter der schönen Marie lernte den Schatten , welchen Byzanz auf Krodebeck und den Lauenhof warf , kennen , wie ihn Meister Hennig und der Herr Ritter von Glaubigern kennengelernt hatten . » Es ist ein Jammer ; keine Katze spielt ärger mit der Maus als das Gnädige mit der armen Kreatur ! « sagte die Mamsell Molkemeyer . » Es sollte doch an der Mutter genug gehabt und getan haben ! « sagte die gnädige Frau . Der Ritter von Glaubigern sagte gar nichts ; ein Schrei der Überraschung aber ging über den Lauenhof , als an einem Sonntagmorgen Tonie Häußler in einem seidenen Röckchen erschien und zwischen Lachen und Weinen erzählte , das gnädige Fräulein habe sie auf ihr Zimmer geführt und ihr den Staat unter Verabreichung von zwei tüchtigen Ohrfeigen ( auf jede Backe eine , sagte Tonie ) angelegt . » Es ist der Rest von einer alten Fahne ihrer Mutter ! « rief die gnädige Frau . » Ich kenne es genau , von dem übrigen hat sie vor Jahren der Marie eine Jacke gemacht ; - ach du himmlischer Vater , jetzt geht auch das liebe Leiden von neuem an ! « Der Ritter von Glaubigern sagte gar nichts ; aber er nahm das Kind ebenfalls mit auf sein Zimmer und fing an , ihm in verschiedenen guten Dingen Unterricht zu geben , jedoch ohne diesmal den Amos Comenius zu Hülfe zu nehmen . Daß dieser Eingriff des Chevaliers dem Fräulein sehr kränkend erschien , muß jedermann einsehen ; - Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin holte ihrerseits die Antonie auf ihr Zimmer , um die schlechten Einflüsse so nachdrücklich und schnell als möglich zu neutralisieren . Die gnädige Frau schlug die Hände über dem Kopfe zusammen ; aber der Ritter rieb die seinigen sehr heiter aneinander und sprach : » Frau Adelheid , diesmal gewinnen wir den Sieg auf der ganzen Linie . Dieses Kind ist zu unser aller Segen auf den Hof gesendet worden , verlassen Sie sich darauf . Und , Frau Adelheid , verlassen Sie sich auch auf mich ; wir werden hier ein Wunder erleben , wenn wir es erleben . « » Ich will es wünschen , lieber Alter « , sagte die Gnädige mit einem tiefen Seufzer , » aber , erinnern Sie sich , an der Marie wollte das Frölen gleichfalls ein Wunder tun , und wir haben es erlebt , was daraus geworden ist . « » Auf meine Ehre , der Fall wird sich nicht wiederholen ! « rief der Chevalier mit einem Nachdruck in Stimme und Gebärde , vor welchem selbst die Frau Adelheid von Lauen betroffen zurückwich . Als der Junker Hennig zum erstenmal von der Schule heimkam , hatten die Einwirkungen des Ritters und des Fräuleins auf seine kleine Spielkameradin im vollsten Maße begonnen . Mit seltsam veränderten Augen sah sie schon in eine neue Welt , während der Meister Hennig , wie wir bemerkten , durchaus nichts Verwunderungswürdiges in den neuen Zuständen fand . Er hatte wichtigere Dinge im Kopfe und lebte ja noch in dem glücklichen Alter , in welchem man das Außergewöhnlichste als das Selbstverständlichste nimmt und eigentlich nur dann überrascht wird , wenn sich das Mirakelhafte in das ganz Gewöhnliche , Alltägliche auflöst . Er trug nunmehr auch eine rote Mütze und kam munter in Begleitung des Pastorenfranz auf dem Hügel an , von welchem man zuerst den spitzen Kirchturm von Krodebeck zu Gesicht kriegt . Es war gegen Abend und der Marsch durch den heißen Sommertag ziemlich anstrengend gewesen ; aber das Herz des wackeren Jungen war leicht und vergnügt genug , während das seines Begleiters mit etwas bänglichen Gefühlen dem Vaterhause entgegenschlug . Das Sündenregister des Pastorenfranz , auf welchem übrigens die Unterlassungssünden am schärfsten hervortraten , war diesmal nicht klein und der Arm des Herrn Pastors unter Umständen nicht schwach . Je mehr Hennig vorwärts trieb , desto trübseliger schritt sein Wandergenoß einher ; je mehr Lust zum Jauchzen und Jubilieren der eine verspürte , desto mehr Neigung zum Heulen und Zähneklappern verspürte der andere . Bedenkliche Visionen von einem nicht in den Teichen Krodebecks gewachsenen gelben Röhrchen tanzten vor seinen wässerigen Blicken , und er trug sehr schwer an seinem Ranzen , in welchem auch der Bericht über sein ethisches und intellektuelles Verhalten neben der Notiz steckte , daß man ihn , den Träger , keineswegs schon in der Oberquarta brauchen könne und daß man in Halberstadt wenig Hoffnung habe , ihn jemals - wenigstens sicherlich nicht vor dem vierzigsten Lebensjahre - in ihr gebrauchen zu können . Franz Buschmann begriff durchaus nicht , weshalb Hennig so eile , um nach Haus zu kommen . Er erklärte , ihm liege nicht das geringste an dem albernen Dorf und am liebsten würde er auch jetzt noch umkehren , um auf jeder beliebigen wüsten Insel ein glücklicheres Dasein zu führen und wenigstens dort seinen eigenen Willen zu haben . So warfen beide Knaben recht lange Schatten über die Felder , als sie an den Rand jenes Gehölzes gelangten , in welches der Kobold aus dem Siechenhause vordem den Junker zu so argem Schreck und Ärger des Fräuleins von Saint-Trouin entführt hatte , um ihm Reineke des Fuchses Wohnung zu Malepartus zu zeigen . Und siehe - wer wandelte jetzt zuerst den heimkehrenden Söhnen des Tals auf den Gefilden der Heimat entgegen ? Der Chevalier Karl Eustach von Glaubigern sowie Fräulein Adelaide Klotilde Paula von Saint-Trouin ! Und zwischen den beiden Alten schritt Antonie Häußler , die Tochter der schönen Marie , das Kind aus dem Siechenhause , der Kobold aus dem Kuckelrucksholze , ganz zierlich und ohne die allergeringste Koboldhaftigkeit einher , und alle drei freuten sich sehr der glücklichen Begegnung , jedoch ohne außergewöhnliche Ekstase . Das Fräulein hatte einen Ersatz für die Bedürfnisse seines Herzens gefunden , und der Herr Ritter war zu gescheit , um in diesem Augenblicke seine Genugtuung darüber zu laut werden zu lassen . Im Innern sang sein Herz freilich sehr , und zwar aus der tiefsten Tiefe des Satzes vom zureichenden Grunde . Ganz zierlich reichte Tonie Häußler dem Spielgesellen die Hand , sagte : » Guten Abend , Buschmann ! « und verkroch sich scheu hinter dem Ritter , welcher beide Knaben auf die Schultern klopfte und sprach : » Da seid ihr also wieder ? Sehr schön ! Sehr erfreulich ! Nun , ich hoffe , wir werden recht vergnügte Wochen miteinander verleben . « » Das hoffe ich auch « , sprach das gnädige Fräulein . » Übrigens , mein lieber Hennig , ist Peccadillo seit deiner Abwesenheit nicht mehr daran gewöhnt , am Schwanz in die Höhe gehoben zu werden . Ich bitte dich dringend , dieses in Zukunft zu unterlassen . « Beschämt ließ der Junker den Köter fallen . Mit zornigem Gebell verkroch sich Peccadillo hinter seiner Herrin , und der Chevalier setzte nun doch alle Vorsicht beiseite und rieb sich so befriedigt die Hände , daß ihn nur ein sehr wohlmeinender Dämon vor großem Schaden und vielen Verdrießlichkeiten bewahren konnte . Im Triumph stieg jetzt die Gesellschaft zum Dorf hinunter . In diesem Triumphzuge aber agierte der Pastorenfranz den gefesselten barbarischen König , die Fürstin Zenobia oder sonst eine jammergeschlagene antike Persönlichkeit trefflichst durch hängende Lippen , gesenktes Haupt , schwankenden Fuß und verstockt trotzig-wütigen Blick , und zwar ohne den geringsten Kunstaufwand . Der Empfang auf dem Lauenhofe entsprach dann freilich nicht ganz der Feierlichkeit des Moments . Die gnädige Frau bezeigte nicht die mindeste Lust , dem heimkehrenden Sohne einen Lorbeerkranz auf die Stirn zu drücken . Im Gegenteil , sie fuhr , ohne sich im mindesten gerührt oder begeistert zu zeigen , in ihrer Arbeit , nämlich im Brotkneten , fort , reichte dem Sohne nur einen mit Mehl und Teig bedeckten Finger und sagte : » So , da bist du also wieder , Junge ! Na , da wird die ruhige Zeit wohl wieder fürs erste zu Ende sein . Na , ' s ist gut marsch hinein , und laß dir von der Mamsell Molkemeyer ein Butterbrot geben , nachher wollen wir eine Stunde früher zu Nacht essen , daß du doch merkst , daß du zu Hause bist . « Der Gruß war doch auch römisch und solide , und der Junker merkte es in der Tat bald , daß er zu Hause sei . Nur ein wenig ungewöhnlich erschien es ihm , daß ihm die kleine Antonie Häußler in die Speisekammer folgte ; aber auch der Ritter von Glaubigern und Fräulein Adelaide gingen mit , und dieses hielt die Sache im alten Gleichgewicht . Nach dem Abendessen in der Gartenlaube wurde der Ranzen des jungen Scholaren einer genauen Prüfung unterworfen , und der Chevalier nahm mit großem Ernst und vieler Würde die Zeugnisse der Halberstädter Scholarchen entgegen , schüttelte nicht wenig das Haupt und sprach zuletzt mit etwas zögernder Wehmut : » Es hätte noch schlimmer ausfallen können ! « Auch der Koffer des Junkers langte noch am nämlichen Abend an und wurde ebenfalls ausgepackt . Er enthielt den gelehrten Apparat sowie die Wäsche und Kleidungsstücke des Meister Hennig und gab Anlaß zu einer heftigern Szene , und zwar zwischen dem gnädigen Fräulein und dem heimgekehrten jugendlichen Ungeheuer . Zu dem gelehrten Apparat gehörten natürlich auch die blauen Hefte des Knaben , und in dem ersten derselben , welches der Chevalière in die Hände fiel , fand sie auf der ersten Seite eine ausgezeichnet gelungene , aber sonst keineswegs schmeichelhafte Federzeichnung , sie selber darstellend mit Peccadillo unter dem Arm und ihrem Namen samt einigen bodenlos frechen Notizen über ihren Charakter , ihr Alter und ihren jungfräulichen Stand zu Füßen . Mit einem Schrei der Entrüstung ließ Adelaide von Saint-Trouin dieses schändliche , schändliche Pasquill aus den Händen fallen , schauderte im Innersten zusammen , brach mit einem nicht unbedeutenden Teil ihrer Vergangenheit , indem sie sich erhob , ihrem früheren Liebling und Goldsohn die nachdrücklichste aller Ohrfeigen versetzte und zu Bett ging , nachdem sie ihn einen Flegel ersten Ranges geheißen hatte . Nachdem hierauf auch der Junker , und zwar in ziemlich kläglicher Stimmung , zu Bett geschickt worden war sagte der Herr Ritter von Glaubigern nichts weiter als : » Sehen Sie wohl , Frau Adelheid ! ? « , und die gnädige Frau erwiderte mit sehr munterer und befriedigter Miene : » Jawohl sehe ich , alter Freund ! Und daß Sie wieder einmal recht gehabt haben , sehe ich gleichfalls . « » Nun , so wollen wir auch das kleine Mädchen fürs erste unter dem Schutze der Mamsell Molkemeyer ruhig schlafen lassen . « » Jaja , so sind die alten Jungfern und Junggesellen ! « lächelte die Gnädige . » Ohne ein Spielzeug trotz Mystax und Peccadillo geht ' s nun einmal nicht . Na , ich mengeliere mich in nichts ; - gute Nacht , Glaubigern . « Der Chevalier erhob sich ebenfalls und küßte der Frau von Lauen die Hand , was er nur dann tat , wenn er mit ihr und sich in der Tiefe seines guten Herzens so recht zufrieden war . Aus dem Pfarrhause hat man in dieser nämlichen stillen und milden Sommernacht immer von neuem sich wiederholende , eigentümlich klatschende Töne , vermischt mit einem immer von neuem beginnenden Zetergeschrei und Jammergeheul , vernommen . Siebzehntes Kapitel Auch am nächsten Morgen schien die Sonne hell , und der Junker war früh aus den Federn ; denn so wie die Krodebecker Spatzen sangen die Spatzen vor dem Fenster des Oberlehrers Krummholz zu Halberstadt doch nicht . Er fand sich sehr behaglich in der Heimat , und mit ihm verzichten wir gern auf alle zarteren und innigeren Gefühle und Empfindungen in dieser Hinsicht , haben dagegen mitzuteilen , wie er , der Pastorenfranz und die kleine Tonie sich von neuem zusammenfanden und in welcher Weise sie ihre Erfahrungen und Anschauungen gegeneinander austauschten . Es geschah an dem nämlichen Tage , und zwar in dem bekannten Pavillon auf der Terrasse an der Landstraße , wo das chinesische Dach einen erquicklichen Schatten gegen die heiße Mittagssonne gab und wo man doch auch die Welt , nämlich die Dorfgasse , nicht gänzlich aus den Augen verlor . Franz Buschmann , welcher bei weitem die meisten Erfahrungen gesammelt zu haben glaubte , ganz abgesehen von denen , welche er noch am vergangenen Abend zu den übrigen gelegt hatte - führte selbstverständlich das große Wort und war gegen das Bettlerkind ausnehmend grob und unverschämt . » So , Hennig « , sprach er , » da wären wir zwei mal wieder bei den Alten ; und wenn ' s auch kein Spaß und Vergnügen ist , so werde ich mir für die lumpigen vier Wochen nichts daraus machen . Na , gestern abend -