war , was er im Auge hatte , fand seine Tochter geradezu unbegreiflich . In der letzten Zeit hatte er sie für recht verliebt gehalten , drum glaubte er , nun müsse ihr jeder Weg recht sein , auf dem der Geliebte ihr entgegengeführt werden könne . Wunderbare Leute , diese Weibsbilder ! Schon an seiner Seligen hatte er zuweilen etwas bemerkt , was ihm rein unverständlich war . Der Mann saß und sann , bis es zu dunkeln begann . Auf einmal entstand draußen an der Haustür ein Gerumpel , als ob nicht nur ein , sondern wenigstens ein Dutzend Türklopfer in Bewegung gesetzt würden . Zusel wollte sehen , was es gebe . Sie verließ das Zimmer mit den Worten : » Den Hans mag ich unter solchen Umständen gar nicht , und du brauchst in der Sache nichts mehr zu tun . « Aber noch bevor der Krämer sich von seinem Erstaunen über diese Rede wieder erholt hatte , schoß das Mädchen zurück und hauchte fast atemlos : » Jetzt , Vater , jetzt haben wir ' s. Der Hansjörg ist da ! Geh doch du , denn ich kann ihn in seinen Soldatenkleidern , kann ihn jetzt durchaus gar nicht mehr sehen . « » Was mag er wollen ? « fragte sich der Krämer , während das Mädchen in seine Kammer eilte . Langsam und jeden Tritt noch langsamer ging der Mann der Haustüre entgegen . » Daß der Spitzbub ' schon heute kommen muß « , murmelte er . » Es steckt doch noch ein Tropfen vom früheren Blute in ihm , ein böser , giftiger Tropfen , und kein Mensch kann sagen , wie lange das Mädchen so fortläuft , wenn er kommt . Mit Hansen ist ' s wie aus . Sie hat keinen Sinn fürs Vermögen , denn die Verwöhnte weiß nicht , mit wie blutsaurer Arbeit man es erwerben muß . Wunderliches , ehrgeiziges , demütiges , opferwilliges , selbstsüchtiges Volk - diese Weiber ! Am End ' ist ' s gut , daß Hansjörg mich trifft . Er soll nicht Lust kriegen , so bald wiederzukommen . « Und der Krämer sah wirklich recht grimmig aus , als er der Türe zuschritt , seine Hand aber zitterte beim Öffnen gewiß ärger , als wenn er je einem Grenzjäger öffnete , der nach den wohl versteckten geschmuggelten Waren zu suchen kam . Er erwartete etwas ganz Besonderes und nahm alle seine Kraft zusammen . Trotzdem prallte er zwei Schritte zurück , als er die hohe Gestalt des schönen Kaiserjägers in der kleidsamen Uniform erblickte , die seinem ganzen Wesen etwas Stolzes , Sicheres gab , vor dem dem Handelsmann himmelangst wurde . Der Krämer hatte seine Sprache verloren ; auch der Mann mit dem schönen , etwas gebräunten Gesichte schwieg eine Weile und schien unterdessen jeden Augenblick noch größer zu werden . Endlich wünschte seine klangvolle Stimme einen guten Abend . » Was ist gefällig ? « » Ich hab ' mich nur sehen lassen wollen in des Kaisers Rock . « Dieser Trotz im Tone gab auch dem Krämer wieder Kraft . » Dann « , sagte er , » hättest du lieber am hellen Tage kommen sollen . « » Kann schon auch noch geschehen . Ich werde überall sein , wie das böse Gewissen . « » Hättest du sonst nichts wollen ? « fragte der Krämer etwas scheu . » Einen Pfeifenkopf kaufen . « Das Geschäft war bald abgetan , und der Kaiserjäger verließ brummend das Haus . » Was da « , rief der Krämer , die Schublade zuschlagend , daß die porzellanenen Pfeifenköpfe klirrten , » so einen Taugenichts , der mit lauter Kupferkreuzern zahlt , sollte unsereiner fürchten ? Dummheit ! « » Ist er fort ? « fragte Zusel , die unbemerkt bis unter die Ladentüre geschlichen war . » Natürlich , warum sollte er dableiben ? « » Ich glaub ' , er sei ins Dorf hinein . « » Ist mir gleichgültig . « » Aber mir nicht . Wenn er nun auf den Stighof geht ? « » So wird Hans keine große Freude haben . « » Oh , ich auch nicht ! « » Pah ! « » Der Kuppler und Verführer hat uns noch gefehlt . Wenn ein anderes Haus ins Geschrei käm ' wie der Stighof , dann tät ' s Predigten und Christenlehren geben , daß jedes Kind sie heimzutun wüßte . Ist ' s doch im Frühling denen von der Kanzel aus nachgetragen worden , die vor dem bestimmten Alter sich in den Jungfernstuhl machen . Hier aber will man nichts sehen und nichts sagen , wenn schon das ganze Dorf davon voll ist . « Der Krämer stand neben dem Ladentische und sann . Dann plötzlich sagte er : » Mädchen , das ist gar nicht so übel « , und ging hinaus . Am anderen Tage ging er zur Messe und dann in den Pfarrhof . Langsam schritt er durch den Garten , in dem er den greisen Pfarrer vergebens hinter schon welkenden Blumenbüscheln und Rosenhecken zu erspähen suchte . Vor der Türe band er sich noch das Halstuch fest , ordnete den Hemdkragen , nahm die Zipfelkappe ab und trat auf das einladende » Herein « herzhaft in die Stube . Der Pfarrer saß beim Frühstück und sah den seltenen Gast etwas strenge an . Doch länger als einige Augenblicke vermochte der gute Mann gegen keines seiner Pfarrkinder unfreundlich zu sein . » Es wird doch nichts fehlen , daß Ihr selbst einmal kommt ? « fragte er und fuhr dann lächelnd fort : » Es ist mir lieb , daß ich mich Ihres Besuches auch wirklich freuen darf . « » Ich hätte vielleicht zu einer etwas passenderen Zeit stören sollen « , stotterte der Krämer . » Ich gehöre meiner Gemeinde zu jeder Stunde , bei Tag und Nacht « , antwortete der Pfarrer . Der Krämer setzte sich auf den ihm gebotenen Stuhl und begann : » Es ist vielleicht nur eine Einbildung , was mich hertreibt ; aber solche Einbildungen können oft vom Schutzengel kommen oder von den armen Seelen . Mir einmal sind in meinem Leben schon weit weniger lebhafte Vorstellungen verhängnisvoll geworden . In den letzten Tagen und ganz besonders heut ' ist ' s mir immer ganz merkwürdig vorgestanden , ich sollte für die Seelen meiner guten Schwiegereltern doch auch etwas mehr tun , als was öffentlich und sozusagen nur anstandshalber für sie geschah . Zum Beten freilich hat unsereiner keine Zeit , drum tat ich gern für die Seligen ein Dutzend heilige Messen in aller Stille lesen lassen . « » So « , sagte der Pfarrer trocken und schritt langsam gegen den Schreibtisch . Dem Krämer war ordentlich wohl , daß der Pfarrer ihn endlich aus den Augen ließ . Der durchdringende Blick hatte ihm zuletzt beinahe die Sprache genommen . Jetzt plauderte er wieder so behaglich wie einer , der eben einer Gefahr entrann und nun jede Spur der gehabten Angst wegzulächeln sucht . » Mit meinen guten Schwiegereltern « , erzählte er , » hab ' ich denn doch nicht immer im schönsten Frieden gelebt . Was konnten sie für die ererbte Denkungsart ? Oh , es war gewiß nicht böser Wille , wenn sie mich meine frühere Armut und die Fehler meiner Schwester oft schmerzlich empfinden ließen . Ich ertrug das um so geduldiger , weil ich selbst noch manchen Fehler abzubüßen hatte . Ich hab ' viel gelitten , aber der liebe Gott hat mich dafür gesegnet , mehr als ich hoffen konnte - viel mehr , Herr Pfarrer ! Als Vater kann ich immerhin zufrieden sein - wenigstens mit dem Kinde , welches von mir erzogen wurde . Die Zusel hat freilich noch nicht alles im Kopf wie ich . Natürlich , junge Mäuse bemerken nur den Speck , ältere auch die Fallen , in welchen er liegt . Im ganzen muß ich das Mädchen loben und sagen , für dieses Alter könnt ' ich sie kaum anders wünschen . Verstand und Ernsthaftigkeit kommen erst mit den Jahren , das weiß ich nur zu gut von mir selbst und muß ihr im Grund verzeihen , daß sie sich mit Mathisles Hansjörg etwas zu tief einließ . Er war eben als Ladenschneider im Haus , und man weiß wohl , daß es kein Gut tun kann , wenn Feuer und Stroh so nahe zusammenkommen . Mich hat ' s schon lange gewundert , daß das auf dem Stighof , wenigstens scheinbar , immer noch so gut tun kann . Verbrannte Kinder fürchten das Feuer , und ich muß gestehen , daß ich da nicht immer nur müßig hätte zusehen mögen . Die gute Alte aber scheint nichts zu merken , und der Herr Pfarrer wird leider die Wichtigkeit der Sache bisher auch noch zu wenig erkennen . « Der Pfarrer , welcher mit immer noch größeren Schritten die Stube durchmessen hatte , blieb jetzt vor dem erschrockenen Krämer stehen und fuhr diesen an : » Ich hab ' in Konstanz studiert ! « Der Krämer verstand den Sinn dieser Worte nur zu gut . Der alte Pfarrer hatte seine Studien schon damals vollendet , als der Bregenzerwald noch zum Bistum Konstanz gehörte . Er meinte sich ordentlich damit , kein Brixner zu sein , und ermangelte nicht , den jüngeren Geistlichen gegenüber seinen Hirscher und Wessenberg mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Wesens zu verteidigen . So brachte er sich unter seinen eifrigen Berufsgenossen in den Ruf eines allzu freisinnigen Mannes , und bald betrachteten ihn seine Amtsbrüder nur noch so von oben herab , wie einen verirrten Führer , dem die rechte Erleuchtung fehle . Ihn aber schien das wenig zu kümmern . Lächelnd eilte er aus ihrer Gesellschaft zu seinen Büchern heim . Mit den Jahren aber erlag er mehr und mehr seinen Eigenheiten . Wenn andere Geistliche und besonders die ihm beigegebenen Kapläne das Betschwestertum großzogen , so sah er darin nur einen Schachzug gegen sich selbst , und der Ärger darüber , daß man ihn so zu unterhöhlen trachte , ließ ihn bald zu streng und bald zu milde vorgehen . Besonders stolz war er auf den unbestrittenen Ruf , daß er ein Mann des Friedens und für keinerlei Schwätzereien zugänglich sei . Es lag auch etwas von diesem Stolz in den Worten , mit denen er den Krämer und seit Jahren jeden heuchelnden und schmeichelnden Zuträger abgefertigt hatte . Der Krämer saß auf seinem Stuhle wie ein verhagelter Frosch . Er sah sich erraten , daher er denn von Stighansen und seiner Magd nichts weiter mehr sagen , sondern sich vor allem wieder selbst so gut als noch möglich aus der Schlinge ziehen wollte . Das ging wohl am besten , wenn er nochmals an den eigentlichen frommen Zweck seines Kommens erinnerte . Schon ihm selbst gab der Gedanke daran wieder eine gewisse Sicherheit , so daß er , während er die Zipfelkappe aus der Tasche zog , zwar leise , aber doch ziemlich fest zu sagen wagte : » Nun , der Herr Pfarrer muß ja seine Hirtenpflicht kennen . Messen aber für Verstorbene werden wohl auch in Konstanz gelesen ? « » Ja « , antwortete der Pfarrer mit erzwungener Ruhe , » in Konstanz und überall ; ob man ein paar Gulden zahlt oder nicht , wird wenig ändern . Da kommt ' s beim Stifter auf die Absicht an . Ist die gut , so ist alles gut ; mir selbst aber schmeichelt das gar nicht , und ich mag mich durch solche Stiftungsgelder auch in keinem Kloster besonders empfehlen lassen . Wer ein Opfer bringen will , der komme mit reinem Herzen , sonst muß ich ihn bedauern . Ich will damit niemand beleidigen , aber gegen so wackere Leute wie die vom Stighof solltet Ihr niemand aufreden wollen , verstanden ? Ein altes Weib kann Hans doch als Magd nicht anstellen . « » Aber - « » Gut - weiß schon , daß Dorothee Euch im Weg ist , Euer Goldfischlein unterzubringen und reichen Fischfang zu halten . Der gute Hans könnte mich wahrhaftig dauern . Er ist schon was Rechtes wert , und die Dorothee auch . - Nur nicht gemuckst ! Wo die ganze Gemeinde fürs Reden und Lügen bezahlt wird , darf der Pfarrer doch auch noch etwas sagen , wenn er es umsonst tut . Der Dorothee tät ich ein rechtes Glück gönnen , aber dreinreden möcht ' ich weder so noch so , denn ich hab ' in Konstanz studiert - « Der Krämer war zum Pfarrhof hinaus , als ob ein Sturmwind ihn erfaßt hätte , und heim kam er , ohne etwas davon zu merken . Aber müde fühlte er sich , unaussprechlich müde , so daß er eine Weile sich erschnaufen mußte , bevor er seiner Tochter das Erlebte zu erzählen imstande war . Der Bericht wurde etwas ungenau , so daß Zusel daraus die Überzeugung schöpfte , der Pfarrer müsse von Dorotheen schon gewonnen sein . » Zum Pfarrer hätte man eigentlich gar nicht gehen sollen « , meinte sie . » Wär ' s aber anders gegangen , so würdest du alles jetzt dein Werk heißen « , antwortete der Krämer ärgerlich . » Beim Kaplan werden deine Freundinnen sicher das Ihrige tun . Mein Gang hat doch zuwege gebracht , daß wir wissen , woran wir mit dem alten Konstanzer sind . « » Das hätte man sich denken können . « » Nicht so leicht « , widersprach der Krämer . » Nicht viele würden Dorotheen vor dir den Vorzug geben . « Jetzt stellte sich Zusel in Gedanken zum erstenmal neben das stille , fleißige , bescheidene Kind . Sie dachte sich an den Platz des Pfarrers und derer vom Stighof und wechselte die Farbe . » Heiraten wird sie Hans aber doch nie « , tröstete der Krämer . » Da wird die alte Stigerin entschieden auf deiner Seite sein , und die ist denn doch noch mehr als der wunderliche Pfarrer . « » Mir ist Hans am meisten « , klagte Zusel . » Der sollte wollen , und sonst sollte dann meinetwegen alles dagegen sein . Ja , erst dann wär ' s hübsch und könnte man seine Freud ' haben an einer Liebschaft . So aber , wie du die Sache nimmst , ekelt ' s mich ordentlich an , und ich hab ' s schon gesagt , daß ich keinen mag , den man mir mit Gewalt zuführen muß . Weit lieber ging ich noch heut ' in ein Kloster . « » Oho ! « » Ja ja , man hat mir schon gesagt , wie es dort eine mit meinen Mitteln so gut haben könnte , und der Himmel wäre gewiß . « Der Krämer kannte die Launenhaftigkeit seines Kindes zu gut , um diese Worte besonders ernsthaft aufzunehmen . Vielleicht war ' s auch nur ein Seitensprung , um ihn von der Hauptsache abzubringen . Das sollte aber nicht so leicht gehen . Er fragte geradezu : » Du willst also den Hans nicht ? « » Eben will ich ihn , und nur daß er nicht auch will , noch lieber als ich , könnte mich zum Weinen bringen . « » Dann sind wir ja eins . « » Bei weitem nicht . Mir ist sein Vermögen ganz gleichgültig . « » Du bist halt eben verliebt . In der Ehe wird das schon wieder anders kommen . « » Verliebt bin ich nicht . Wenigstens war mir Hansjörg einmal viel lieber . Wenn nur der nicht gerade jetzt gekommen wäre , daß noch eine Weile alles beim alten bleiben dürfte . Aber ich bin im Gerede . Es muß etwas geschehen , und ich weiß nicht , was . In meinem Kopf dreht sich alles um und um . Vater , du kluger Mann , mach ' mich ruhig . Du hast mir den Hansjörg genommen , nimm mir auch den Hans ! Dir muß das noch viel leichter werden . Gib ihnen Geld , tu , was du kannst , daß niemand mehr von mir und von ihm und von Dorotheen rede . Tu das , oder ich werde krank und sterbe . « Der Krämer verließ unmutig die Stube , Zusel blieb allein . Aber schon einige Minuten später schlich eine ihrer Freundinnen , die Köchin des Kaplans , so leise zu ihr herein , daß Zusel sie erst bei ihrer leisen Anrede erschrocken auffahrend wahrnahm . » Ich hab ' dir nur noch geschwind etwas erzählen wollen « , flüsterte die Betschwester . » Ich dir auch « , sagte Zusel etwas unfreundlich . » So erzähle nur , ich muß gleich wieder gehen , damit mich niemand hier sieht . « » Man darf dich hier schon sehen . « » Aber so erzähle doch « , drängte die Köchin . » Wir haben die arme Dorothee denn doch zu sehr ins Geschrei gebracht . Es könnte sie leicht den Dienst kosten , wenn einmal die alte Stigerin etwas davon erfährt . « » Das soll es auch « , fuhr die Betschwester auf . » Wenn du auch erkalten solltest im frommen Eifer , die Mitglieder des Dritten Ordens , den der Kaplan selbst errichtete in diesem Dorfe , haben sich der Sache kräftig angenommen , und dir winkt die Siegespalme schon auf Erden , wenn du nicht wankst . Dorothee ist eine Sünderin , und die Mutter unseres Ordens , bei der du sehr wohlan bist , hat unter den Schwestern ein tägliches Gebet für sie und um Ausrottung des Ärgernisses angeordnet . Das wird wirken . « » Ist Dorothee denn auch im Orden ? « » Keine Rede , aber wir haben die Pflicht , für große Sünder und für Bedrängte zu beten . « » Dann betet nur auch für mich ! « » Warum nicht gar ! Das würde dich gleich in ein böses Gerede bringen . « » Wie denn in ein Gerede ? « » Man hat so seine Gedanken über die , für welche man betet , und es gibt viel zu viele , die diese Gedanken , die man natürlich nicht immer für sich selbst behält , zu erhorchen wissen . Aber um so fruchtbarer ist unser Gebet . Ich will dir zu deiner Aufrichtung nur ein einziges Beispiel erzählen . Unser jetziger Pfarrer war in der ganzen Gemeinde seiner Lauheit wegen beliebt , und es schien unmöglich , die Leute darauf zu bringen , daß etwas nicht in Ordnung sei , da ja Frieden und Eintracht herrschte . Lachte doch noch fast alles mit , als er die ersten Schwestern unseres Ordens ihrer vielen Kommunionen wegen Tabernakelmäuse nannte . Nun , wer zuletzt lacht , der lacht am besten . Wir begannen , für ihn um Erleuchtung und einen christlichen Eifer zu beten , und schon steht er ziemlich ohne Einfluß , wie gefällig er sich auch gegen jedermann zeigt . Nur noch der Doktor , die Zeitungsleser und einige Fremdler stehen auf seiner Seite . Der verspottete Kaplan aber ist zu Ehren gekommen in der Gemeinde , bei den anderen Geistlichen und auch beim Bischof , der dem guten Manne , von Haus aus blutarm und niedrig , seinen Eifer noch auf dieser Welt belohnen kann . Soviel vermag unser Orden selbst gegen den Pfarrer . « Zusel hatte erstaunt zugehört . Von dem vielen Gehörten war ihr nur noch eines ganz klar , daß der Pfarrer nicht den rechten Eifer habe . Sie sagte : » Was du erzählst , kommt mir fast wie ein Wunder vor . « » Das ist es auch . « » Daß ihr aber recht habt , weiß ich wegen dem Pfarrer . Daß der manches zu leicht nimmt , haben wir selbst erfahren . Es ist wohl recht , wenn man dem auf die Finger klopft . « » Und die Dorothee sollten wir schonen ? Du willst Hansens arme Seele nicht retten ? « » Laß mich darüber nachsinnen . « Die Köchin stand auf , öffnete die Tür und fragte zurück : » Wir haben für dich angefangen , sollten wir gegen dich enden ? « » Wer so viel kann , muß recht haben . Ich gehe in Gottes Namen mit und will das Meine tun « , antwortete das Mädchen langsam mit bebender Stimme . Zwölftes Kapitel Eine Versöhnung Während wegen Stighansen soviel geredet , vermutet , gehofft , gewünscht und gefürchtet wurde , bewegte dieser sich arglos in Haus und Feld . Recht aufpasserische Nachbarinnen freilich wollten behaupten , das Gerede über ihn und seine Magd mache ihm weit mehr Kopfarbeit , als er sich anmerken lasse . Sonst hab ' er immer mit Dorotheen gesungen , schon am frühen Morgen , und in der ganzen Nachbarschaft habe man keinen Menschen früh zu wecken gebraucht . Jetzt aber bleibe den ganzen Tag alles still , und man könne leicht auf den Glauben kommen , daß Hans kein gutes Gewissen habe . Etwas jedenfalls müsse ihm über das Leberlein gekrochen sein , da man ihn auch nie mehr neben Dorotheen arbeiten sehe , neben der er sonst in der letzten Zeit noch gewisser als ihr Schatten gewesen . Wer aber Hansens kräftige , gedrungene Gestalt so sicher und gleichsam stich- und kugelfest in den wenigstens achtpfündigen Holzschuhen unter der breiten Stalltüre sah , mit dem stolz aufgerichteten Krauskopf ob den beiden lateinischen roten H , welche die Hosenträger mit den breiten Querbändern über Brust und Rücken auf dem blauen Werktagshemde bildeten , der verließ den beinahe trotzig und doch auch wieder so gutmütig unter schwarzen Lockenrädern herausblickenden Burschen mit der festen Überzeugung , daß dem noch nichts aufs Leben oder auch nur bis an die Haut gekommen sei . Unter dem , was ihm jetzt Sorge machte und was allenfalls für Minuten seinen Humor verderben konnte , war das Gerede wegen seinem Verhältnisse mit der Magd ganz hinten dran . Gehört hatte er allerdings davon und sich etwa eine Viertelstunde darüber geärgert , weil möglicherweise doch auch die Mutter davon hören konnte , die in diesem Stücke sehr streng war . Aber dann konnte er sie ja fragen , warum denn das Mädchen am Kirchweihtag so ganz gegen alle Art von seiner Seite weg und dem händelsüchtigen Knechte nachgelaufen sei . Gewiß , mit diesem konnte er die Mutter beruhigen , viel besser beruhigen als sich selbst . Ihn wurmte dieser Streich noch immer recht gewaltig , und das Gerede von einem heimlichen Liebesverhältnis mit Dorothee kam ihm fast wie ein Hohn vor . Das war für ihn eine Demütigung , welche sogar die schöne Zusel nicht wegzulächeln vermochte ; ein Schlag für sein Herz , der ihn schon genugsam dafür gestraft hätte , daß er den Knecht so ganz sich selbst und seinem traurigen Schicksal überließ . Und doch kam etwas noch viel Ärgeres . Jos , der kluge , unentbehrliche Jos , der Ratgeber und Helfer in allen Fällen , war arbeitsunfähig geworden und mußte daheim liegen in der unruhigen , peinlichen Zeit der Viehmärkte , wo es auf dem Stighof so viel zu tun und zu sinnen gab . Das blieb jetzt Hansens schwerste Sorge , weil es die nächste war . Sie konnte diese breite , hosenträgerumpanzerte Brust recht schwer drücken , wenn er ratlos vor einem listigen Viehhändler stand , welcher die Bäche aufwärts schwätzen zu können schien . Jetzt erst fühlte er , was das verteufelte Bürschchen war , und viel leichter als sich selbst seine Untätigkeit verzieh er ihm , daß es das Köpfchen auch einmal ein wenig hatte aufrichten wollen . Jetzt stand Jos bei ihm zu hoch , als daß er noch hätte Unrecht auf Unrecht häufen und einen der vielen Burschen anstellen können , die ihm unter den vorteilhaftesten Bedingungen ihre Dienste antrugen . Er wollte sich , bis Jos wieder ein wenig hergestellt war , mit Taglöhnern behelfen . Freilich lebten die sich weniger in alles hinein , was zum Hause gehörte , als ein Knecht , ließen auch eher dies und jenes außer acht ; aber ob jetzt hundert Gulden mehr oder minder aufgingen , kam weit weniger in Betracht als die Ehre des Stighofes , die es soweit als möglich zu retten galt . Unter Ehre denkt man sich sehr verschiedenes . Fast jede Lebensstellung bildet dafür ein eigenes Gefühl ; doch überall wird schließlich die Frage entscheidend , ob es dem Menschen um das Sein oder nur um den Schein zu tun ist . Im ersteren Falle findet er die Befriedigung seines Ehrgefühls in der Ruhe des Gewissens , die ihn bei allen äußeren Stürmen aufrechterhält , im anderen kann ihm nur Kühnheit oder der Zufall und die Blindheit der Menge , die nur dem Scheine folgt , dazu verhelfen . Hans dachte nie daran , daß das Gerede wegen der Magd seiner oder der Ehre des Hauses weh tun könne , weil er sich Dorotheen gegenüber nichts vorzuwerfen hatte , als was er nun selbst büßen mußte , nämlich die stolze Trägheit , mit welcher er den trotzigen Knecht in seiner üblen Laune ganz dem Schicksal überließ und schließlich durch sein ungeschicktes Auftreten zum Äußersten trieb . Wenn er hören mußte , er habe dem Knechte nicht geholfen und sei sogar noch gegen denselben im entscheidenden Augenblicke aufgetreten , weil er , wie Jos ja selbst deutlich genug verraten , den lästigen Nebenbuhler nicht nur habe entfernen , sondern auch demütigen wollen , so tat ihm das weit weniger weh , als wenn man sagte , er habe den Knecht verlassen , wo er mit einem Worte den Frieden hätte herstellen können , und der Beweis wäre nun geliefert , daß er selbst neben dem betrunkenen Jos noch der Dümmere sei . Das hatte Hans von einigen Freunden des ehemaligen Schneiders hören müssen , und das schnitt furchtbar tief ein . Entschuldigt freilich war Jos damit noch nicht . Das Bürschchen tat damals viel zu stößig und war zu sehr obenauf . Es tat gar nicht wie gewöhnlich und war kaum noch für den klugen Jos zu erkennen . Wer aber konnte das so gut wissen als Hans ? Jeder hat einmal seine schwache Stunde , und wer soll ihn dann ertragen und zurechtweisen so gut als möglich , wenn nicht die , die ihn besser kennen ? Dorothee hatte das auch gesagt , und er , zu redlich , um seine Fehler hinter fremde zu verstecken , ließ ihr ohne Widerrede vollkommen recht ; nur meinte er , daß eine kleine Demütigung dem Jos denn doch nicht übel getan hätte . Er sagte das an dem Morgen nach der Kirchweih , als er die Magd in der Küche traf , und hatte dabei schon etwas Schlaf in den Augen . Der aber verging ihm , als das Mädchen sich hart vor ihn hinstellte und sagte : » Weißt du nicht , daß einem leicht Seifenschaum in die Augen kommt , wenn man ihn mit Gewalt weißwaschen will ? Warum soll gerade er , der Fleißige , Durchtriebene , Unermüdete , von dessen Kraft und Kühnheit du und dein Hof das ganze Jahr zehren , an dem Tage gedemütigt werden , an welchem ihr alle euch in euerer Herrlichkeit zeigt und mit allem prahlt , was ihr habt ? « Hans eilte aus der Küche , als ob er fürchte , die aufgeregte Magd könnte ihm mit einem Topf voll siedenden Wassers nachstürmen . Das war aber auch alles , was die beiden in der Woche nach der Kirchweih über diese Geschichte miteinander redeten . Sie redeten überhaupt nicht mehr , als die Verrichtung der täglichen Arbeiten unumgänglich notwendig machte , und die Nachbarinnen hatten nicht ganz unrecht , wenn sie behaupteten , daß die beiden sich mit solchem Fleiß mieden , als sie sich in den Wochen vor der Kirchweih gesucht hätten . Das Unglück des armen Jos , den Dorothee jeden Abend besuchte , und seine unsicher gewordene Zukunft mit der seiner vielgeprüften Mutter machten dem Mädchen um so mehr Kopfweh , da es selber sich nichts vorzuwerfen hatte . Wenigstens in den ersten Tagen nicht . Nach und nach aber war denn der armen Magd nicht mehr recht wohl neben dem immer mürrischeren , immer schweigsameren Hans . Das Gefühl der Abhängigkeit begann ihre Teilnahme für Jos zu schwächen und sie immer schwerer , immer schmerzlicher zu drücken . Auf dem Stighofe hielt man sie so , daß sie kaum anders einmal an ihre Stellung gegenüber den Besitzern dachte , als wenn sie den außerordentlich großen Jahreslohn empfing . Dann war sie gerührt von so großer Güte , und mit tausend guten Vorsätzen ging sie gleich an ihre Arbeit , um wenigstens so vieler Wohltaten sich nicht unwert zu zeigen . Dieses Abhängigkeitsgefühl konnte aber bei so liebevoller Behandlung um so weniger lange dauern , da nur kindliches Pflichtgefühl sie noch an die Heimat am Argenstein fesselte , seit die Mutter einem jahrelangen Leiden erlag . Wohl trug sie dem alten , geldgierigen Vater und der kränkelnden Schwester jeden verdienten Kreuzer zu , ja sie versagte sich noch manches , um ihnen einen frohen Tag machen zu können , was , wie sie wußte , mit Geschenken immer gelang ; aber sie lieben , so recht gern haben und alles vor ihnen abschütteln , was drückte , das konnte sie nie . Es fehlte ihr Achtung und Vertrauen , doch wagte sie sich das nie zu gestehen und errötete vor sich selbst bei der Frage , was denn in der engen , heißen Stube ihr so die Brust beklemme und sie immer fast mit Gewalt hinaus und auf den Stighof zurücktreibe . Um sich wenigstens dem Vater gegenüber zu entschuldigen , hatte sie ihm