was sie bewegte , und als ihr Blick seitwärts streifte über die festen Linien seines Profils , über die Stirn , die gebieterisch und stolz blieb , während die Stimme weich und trauervoll klang , da kam ihr plötzlich die beängstigende Vermutung , er habe einen Moment vergessen , wer neben ihm sitze , sein aristokratisches Gefühl werde ihn später den Mißgriff bitter bereuen lassen , infolgedessen ein unbedeutendes Mädchen in sein streng verschlossenes Innere einen Blick werfen durfte ... Dieser Gedanke trieb ihr das Blut in die Wangen , sie erhob sich schnell und rief Ernst zu sich . Herr von Walde wandte überrascht den Kopf nach ihr und sein Auge ruhte einen Augenblick forschend auf ihrem Gesichte ; dann verließ er gleichfalls die Bank und stand , als wolle er ihre Annahme bestätigen , plötzlich in seiner ganzen , stolzen Ruhe und Gelassenheit vor dem jungen Mädchen ; aber jener düstere , schwermütige Zug zwischen den Augenbrauen , den der Vater schon beobachtet hatte , fiel ihr zum erstenmal auf und machte ihr denselben Eindruck , wie vorher seine Stimme . » Sie sind gewöhnlich sehr flink im Denken , « sagte er , sichtbar bemüht , einen leichteren Ton anzuschlagen , und langsam neben Elisabeth herschreitend - sie ging , um Ernst zu holen , der ihren Ruf nicht gehört hatte - » noch ehe man einen Satz völlig geendet hat , sieht man an Ihrem Auge , daß Sie die Antwort bereits auf den Lippen haben . Ihr Schweigen in diesem Augenblicke sagt mir also , daß ich vorhin recht hatte , als ich annahm , Sie würden mich nicht verstehen , weil Sie noch nichts vermissen . « » Der Begriff von Glück ist so sehr verschieden , daß ich in der That nicht wissen kann - « » Den Begriff haben wir alle gemein , « unterbrach er sie . » In Ihnen schlummert er nur noch . « » O nein ! « rief sie , ihre Zurückhaltung vergessend , lebhaft und erstaunt , » ich liebe die Meinen von ganzem Herzen und habe das beseligende Bewußtsein , daß ich wieder geliebt werde ! « » Ah , also haben Sie mich doch nicht ganz falsch verstanden ! ... Nun , und die Ihrigen ... das ist wohl ein sehr großer Personenkreis , den Sie da in Ihr Herz schließen müssen ? « » Nein , « rief sie lachend , » die sind schnell zusammengezählt ! Meine Eltern , der Onkel und dieses kleine Menschenkind hier , « sie nahm den herbeigelaufenen Ernst bei der Hand , » das sich sehr breit macht und mit jedem Jahre mehr Terrain erobert ... Jetzt müssen wir aber fort , mein Junge , « sagte sie zu dem Kleinen , » sonst ängstigt sich die Mama . « Sie verbeugte sich leicht vor Herrn von Walde , es kam ihr vor , als sei der Schatten auf seiner Stirn plötzlich wieder verschwunden . Er zog höflich den Hut vor ihr und reichte Ernst die Hand ; dann schritt er langsam hinüber zu dem Pferde , das ungeduldig stampfte , faßte den Zügel und führte es fort . » Weißt du , Else , « sagte Ernst , als sie den Berg hinaufstiegen , » wie Herr von Walde aussieht ? « » Nun ? « » Wie der Ritter Georg , der den Lindwurm totgemacht hat . « » Ei , « lachte das junge Mädchen , » du hast ja noch kein Bild dieses tapferen Ritters gesehen ! « » Nu nein - ich denke auch nur so . « Und sie hatte ähnlich gedacht , als sie ihn , das ungebärdige Pferd beherrschend , dahinfliegen sah ... In diesem Augenblicke erinnerte sie sich aber auch der Qualen , die sie ausgestanden bei dem Gedanken , er könne verunglücken und der unsäglichen Freude , als sie ihn aus dem Walde unversehrt zurückkehren sah ... Sie blieb stehen und legte , verwundert lächelnd , die Hand auf ihr klopfendes Herz . » Siehst du , « meinte Ernst , » du bist wieder einmal zu schnell bergauf gelaufen - ich konnte gar nicht nachkommen . Wenn das der Onkel wüßte , der würde schön zanken . « Langsam und träumerisch schritt sie weiter - sie hatte den Vorwurf des Kleinen kaum gehört ... Was war es nur , jenes wundersame Empfinden , das sich gestern zwischen ihre Melodien gedrängt hatte und sie zugleich jauchzen und weinen ließ ? ... In diesem Augenblicke wogte es wieder durch ihre Seele , weit mächtiger und berauschender als gestern , aber ebenso unverstanden und rätselhaft . » Aber Else , « rief Ernst ungeduldig , » was hast du nur ? ... Jetzt gehst du wieder so langsam , daß es gewiß dunkel ist , ehe wir hinaufkommen . « Er faßte ihr Kleid und suchte sie fortzuziehen . Diese Mahnung an die Außenwelt war doch zu energisch , als daß Elisabeth ihr länger hätte widerstehen können ; sie raffte sich auf und schritt nun zu des Kleinen Genugthuung im richtigen Tempo vorwärts . Oben in der Halle angekommen , legte Elisabeth Berthas Hut , der noch an ihrem Arme hing , auf das Büffett . Sie wollte den Eltern vorläufig noch nichts von der Begegnung sagen , weil sie mit Recht annahm , daß sie sich beunruhigen und es dem Onkel erzählen würden . Der war aber in den letzten Wochen wieder sehr heftig und bitter geworden , wenn er auf diesen Punkt zu reden kam , so daß Elisabeth die Ueberzeugung hatte , er werde nach einer solchen Mitteilung zum Aeußersten schreiten und die Störerin seines Hausfriedens verstoßen . Ernst hatte weder den Hut an Elisabeths Arme , noch ihr Bemühen , denselben zu verstecken , bemerkt , er konnte also nichts verraten . Nach dem Abendbrote ging Elisabeth hinunter ins Forsthaus . Sie traf Sabine im Garten und hörte befriedigt , daß der Onkel nach Lindhof gewandert sei . Indem sie der alten Haushälterin den Hut übergab , teilte sie ihr das auffallende Gebaren Berthas mit und fragte schließlich , ob dieselbe nach Hause gekommen sei . Sabine war außer sich . » Na , das können Sie mir glauben , Kindchen , « sagte sie , » waren Sie allein , die hätte Ihnen die Augen ausgekratzt ... Ich weiß nicht , was noch daraus werden soll , vorzüglich in den letzten Tagen ist es sehr schlimm geworden ... Sie schläft keine Nacht mehr , rennt auf und ab und spricht auch wieder , aber nur mit sich selbst ... Wenn ich ' s nur über mich gewinnen könnte , einmal geradezu die Thür aufzumachen , wenn der Spektakel so groß ist ; aber ich kann ' s nicht , und wenn Sie mir Berge von Gold hinlegen wollten ... Sie lachen mich aus , ich weiß es ; aber - mit der ist ' s nicht richtig ! Sehen Sie ihr nur einmal in die Augen ; das funkelt und blitzt , als wenn sie das ganze Feuer vom Blocksberge drin hätte ... Na , ich bin still , ich sage nichts , der Herr Oberförster hat einen gesunden Schlaf , und die anderen auch ; aber ich bin da , wenn sich ein Mäuschen rührt , und so weiß ich recht gut , daß Bertha gar des Nachts draußen herumflankiert , und allemal ist der Hofhund aus seiner Hütte verschwunden . Das ist noch der einzige im Hause , der sie lieb hat , und so bös er ist - ihr thut er nichts . « » Weiß das mein Onkel ? « fragte Elisabeth erstaunt . » Ei , beileibe nicht ! ... Ich werde mich hüten , etwas zu sagen , das könnte mir schlecht bekommen . « » Aber Sabine , bedenken Sie denn nicht , daß Sie mit Ihrem Schweigen dem Onkel großen Schaden zufügen können ? Das Haus liegt so allein ; wenn kein Hund im Hofe ist - « » So stehe ich droben am Fenster und wache , bis sie endlich wieder über den Berg kommt und das Tier an die Kette legt . « » Das sind ja übermenschliche Opfer , die Sie Ihrem Aberglauben bringen ! ... Man sollte doch lieber der Bertha - « » Still , nicht so laut , dort sitzt sie ! « Sabine deutete durch das Staket auf den Birnbaum im Hofe . Elisabeth ging leise näher . Unter dem Baume , auf der Steinbank , saß Bertha , scheinbar ruhig , und schnitt Bohnen . Die glühende Röte der Erregung auf Stirn und Wangen war einer fahlen Blässe gewichen . Elisabeth sah jetzt , daß das junge Mädchen in der letzten Zeit bedeutend magerer geworden war . Die schmale Nase trat schärfer aus dem Gesichte , und die Wangen hatten die liebliche Rundung verloren . Dunkle Ringe lagerten um die Augen , und zwischen den Brauen gruben sich zwei Falten tief in die feine Haut , die dem Gesichte etwas finster Brütendes , aber auch im Vereine mit gewissen Zügen um die Lippen einen unsäglich schmerzlichen Ausdruck gaben ... Dieser Anblick schnitt tief in Elisabeths Seele . Auf den Schultern jener Einsamen lastete das Elend und mußte sie um so tiefer beugen , weil sie es schweigend trug ... Elisabeth vergaß alle Feindseligkeit , die ihr Bertha bisher gezeigt hatte , und ging rasch einige Schritte näher , um jenes schmerzensmüde Haupt an ihre Brust zu lehnen und zu sagen : Hier ruhe dich aus ; schütte all deinen Jammer , mit dem du so allein kämpfst und ringst , in mein Herz , ich will ihn redlich mit dir tragen , - allein Sabine klammerte sich fest an ihrem Arm . » Sie werden doch nicht hingehen ! « flüsterte sie heftig . » Das leide ich nicht , sie ist im stande und stößt mit dem Messer nach Ihnen . « » Aber sie ist grenzenlos unglücklich . Es gelingt mir vielleicht doch , sie zu überzeugen , daß mich nur das innigste Mitgefühl zu ihr führt . « » Nein , nein ! ... Nun , Sie sollen gleich sehen , wie weit man mit ihr kommt . « Sabine schritt die Stufen hinab in den Hof . Bertha ließ sie herankommen , ohne die Augen aufzuschlagen . » Fräulein Elisabeth hat ihn gefunden , « sagte Sabine , Bertha den Hut hinhaltend ; dann legte sie ihre Hand auf die Schulter des jungen Mädchens und fuhr freundlich fort : » sie möchte Ihnen gern einige Worte sagen . « Bertha fuhr auf , als sei ihr eine tödliche Beleidigung widerfahren . Sie schüttelte wild die Hand von sich , und ihr Auge richtete sich zornig auf die Stelle , wo sich Elisabeth befand , ein Beweis , daß sie die Anwesenheit des jungen Mädchens längst bemerkt hatte . Sie warf das Messer auf den Tisch , stieß mit einer ihrer heftigen Bewegungen den Korb zu ihren Füßen um , so daß die Bohnen nach allen Seiten hin auf das Pflaster flogen , und ging in das Haus . Man hörte durch das offene Fenster , wie sie droben in der Stube die Thür zuschlug und den Riegel vorschob . Elisabeth war stumm vor Ueberraschung , aber auch vor Schmerz . Sie wäre der Unglücklichen so gerne näher getreten , doch jetzt sah sie , daß sie den Gedanken daran aufgeben mußte . Seit einer Woche ging sie täglich hinunter ins Schloß . Fräulein von Walde hatte sich merkwürdig schnell erholt seit jenem Nachmittage , wo sie , wie die Baronin zärtlich betonte , Heilung in dem von ihr eigenhändig bereiteten Kaffee gefunden hatte , und wo Herr von Hollfeld angekommen war . Sie übte aus allen Kräften einige vierhändige Musikstücke und vertraute Elisabeth endlich an , daß in die letzten Tage des August das Geburtsfest ihres Bruders falle ; sie wolle dasselbe diesmal ganz besonders verherrlichen , weil sie mit ihm die glückliche Rückkehr des Vielgereisten zu feiern gedenke . An diesem Tage sollte er sie zum erstenmal nach langer Zeit wieder spielen hören ; sie wußte , daß sie ihn damit freudig überraschen würde . Elisabeth sah diesen Uebungsstunden stets mit einem Gemisch von Freude , Angst und Widerwillen entgegen ... Sie wußte selbst nicht warum , aber Schloß und Park waren ihr plötzlich lieb und vertraut geworden ; ja , sie fühlte sogar für jene Bank , auf der sie mit Herrn von Walde gesessen hatte , eine Art zärtlicher Zuneigung , wie für einen alten Freund , so daß sie stets , um an derselben vorüberzukommen , einen kleinen Umweg machte ... Angst und Widerwillen dagegen flößte ihr Herrn von Hollfelds Benehmen ein . Nachdem sie einigemal seine Versuche , ihr in den Weg zu treten , durch schleuniges Ausweichen vereitelt hatte , kam er eines Tages ohne weiteres auf Fräulein von Waldes Zimmer und bat um die Erlaubnis , der Stunde beiwohnen zu dürfen . Zu Elisabeths Schrecken versicherte ihm Helene mit freudestrahlenden Augen , sie heiße ihn doppelt willkommen als einen Bekehrten , der ja früher der Musik keinen Geschmack habe abgewinnen können ... Er erschien nun beharrlich jedesmal , legte stillschweigend bei seinem Kommen einige frischgepflückte Blumen vor Helene auf das Klavier nieder , infolgedessen sie konsequent verschiedene falsche Akkorde griff , und setzte sich in eine Fensterecke , von wo aus er den Spielenden gerade in das Gesicht sehen konnte . Er hielt , solange musiziert wurde , die Hand über die Augen , als wolle er sich gänzlich den Eindrücken der Außenwelt entziehen , um im Reiche der Töne zu versinken . Elisabeth bemerkte jedoch sehr bald zu ihrem Verdrusse , daß er sein Gesicht nur so weit bedecke , als es von Helene gesehen werden konnte ; hinter der vorgehaltenen Hand starrte er unausgesetzt zu ihr selbst hinüber und verfolgte jede ihrer Bewegungen . Sie erbebte unter diesen Augen , die , sonst so nichtssagend und leer , ihr gegenüber stets in einem eigentümlichen Feuer aufglühten , so daß sie oft die größte Selbstbeherrschung nötig hatte , um unbeirrt weiter zu spielen . Helene hatte augenscheinlich keine Ahnung von der Hinterlist , mit welcher Hollfeld seinen Zweck zu erreichen suchte . Sie machte öftere Pausen und unterhielt sich lebhaft mit ihm , das heißt sie sprach dann fast immer allein und meist sehr hübsch . Jede seiner einsilbigen Antworten , so banal und gewöhnlich wie sie waren , nahm sie auf wie eine Gunst , wie einen Orakelspruch , dessen Sinn man stets tiefer zu suchen habe . Wenige Minuten vor dem Schlusse der Stunden entfernte er sich stets . Gleich das erste Mal jedoch hatte ihn Elisabeth beim Nachhausegehen bemerkt , und zwar durch eines der Korridorfenster im ersten Stocke , von wo aus man einen bedeutenden Teil des Parkes überblicken konnte , wie er wartend vor dem Waldwege auf und ab ging , den sie passieren mußte . Sie durchkreuzte seinen Plan , nicht ohne heimliches Lachen , indem sie Miß Mertens besuchte , und sich über eine Stunde bei ihr aufhielt . Dort wurde sie stets mit offenen Armen aufgenommen und gewann die Gouvernante allmählich so lieb , daß sie zuletzt gar nicht mehr an deren Thür vorbeigehen mochte , ohne auf ein Plauderstündchen einzukehren . Miß Mertens war meist traurig und niedergeschlagen . Sie fühlte , daß ihr Bleiben in Lindhof immer unmöglicher wurde . Die Baronin , ihrer Herrschermacht und der damit verknüpften Thätigkeit plötzlich enthoben , langweilte sich jetzt öfter bis zum Sterben . Ihren Verwandten gegenüber mußte sie die Maske der Harmlosigkeit und Zufriedenheit vornehmen , was ihr wohl herzlich sauer werden mochte , sie war also gezwungen , ihre üble Laune hinter den verschlossenen Thüren ihrer Appartements zu lassen , dort aber wurde sie nachgerade unerträglich ; nicht für Bella , denn dem Kinde gegenüber , in welchem sie bereits mehr die geborene Baronesse , als ihre Tochter sah , ließ sich die Dame nie zu Ausschreitungen hinreißen ; vor ihrer alten Kammerfrau aber hatte sie , man wußte nicht warum , » einen heillosen Respekt « , wie der Hausverwalter Lorenz sich ausdrückte , und der niederen Dienerschaft durfte sie nicht zu nahe treten , ohne den Herrn des Hauses herauszufordern ; mithin wurde all der verbissene Groll gegen die unglückliche , wehrlose Gouvernante geschleudert . Um ihr Opfer recht gründlich zu quälen , befahl die Dame , daß die Unterrichtsstunden von nun an unter ihrer höchsteigenen Aufsicht stattfinden sollten . In Gegenwart der Schülerin wurde die Methode der Lehrerin vom ersten Momente an unausgesetzt getadelt . Man wunderte sich jetzt durchaus nicht mehr , daß das Kind bei dem Unterricht nicht vorwärts komme , auch mußten ja die Nerven der Kleinen in steter Aufregung sein , denn Miß Mertens hatte beim Dozieren die widerlichste Stimme von der Welt ; und wie sollte Bella jemals graziös werden , wenn sie immer die eckigen Bewegungen vor Augen haben mußte , mit denen ihre Gouvernante das Buch hielt , die Blätter umwendete u.s.w. ? In der Geschichte zeigte Miß Mertens hier zu sentimentale , dort fast lächerlich spießbürgerliche Anschauungen und war bisweilen sogar so maßlos unverschämt , eine freie Ansicht zu haben . In solchen Fällen wurde die Stunde förmlich unterbrochen ; die Frau Baronin setzte sich auf den Lehrstuhl , und die Gouvernante mußte eine mit Hohn , aristokratischem Hochmut und Bosheit gesättigte Vorlesung in Devotion anhören . Fühlte sich die Dame nicht sattelfest genug , so wurde Herr Kandidat Möhring zu diesem Gerichte herbeigerufen . Die Nadelstiche ihrer eigenen Vorträge aber verschwanden neben dieser Grausamkeit , die alle bisher unterdrückten Predigten , alle heimlich verschluckte Galle des vermeintlichen Märtyrers in einem unabsehbaren Redestrome auf die bedauernswürdige Gouvernante herabbeschwor . Die Baronin wußte , daß der Kandidat ein abscheuliches Französisch sprach ; gleichwohl wurde er gebeten , solange er noch im Schlosse Lindhof sei , den Sprachstunden beizuwohnen , um die Aussprache der Lehrerin zu korrigieren ... Wie Bella dabei fuhr , das kam bei solchen Anwandlungen von Bosheit nicht in Betracht . Gar oft sagte Miß Mertens unter Thränen , nur die Liebe zu ihrer alten alleinstehenden Mutter bewege sie immer wieder , diesen Martern sich zu unterwerfen . Die alte Frau lebe fast nur von dem , was ihr die Tochter schicke , deshalb sei sie gezwungen , ein öfteres Wechseln der Stellung , der pekuniären Verluste wegen , zu vermeiden ... So betrübt sie nun aber auch meist war , ihre sanften Züge hellten sich ganz gewiß auf , wenn Elisabeth den Kopf durch die Thür steckte und mit ihrer fröhlich frischen Stimme hereinrief , ob sie kommen dürfe . Mit dem Eintritte des jungen Mädchens flohen die Bekümmernisse und Sorgen , und wenn sie auf dem kleinen Sofa am Fenster dicht nebeneinander saßen , so fand ein Gedankenaustausch zwischen den beiden statt , bei dem die Gouvernante sich in die eigene Jugend zurückversetzt fühlte , und Elisabeth manchen Schatz hob aus den reichen Kenntnissen und Lebenserfahrungen der älteren Freundin . Diese kleinen Nachmittagsbesuche hatten aber auch noch einen geheimen Reiz für das junge Mädchen , den sie sich aber um alles in der Welt nicht eingestand , obgleich sie infolge desselben schon vor der Thür ein starkes Herzklopfen zu bekämpfen hatte und ein unerklärliches Gemisch von Freude und Bangen empfand . Die Fenster von Miß Mertens ' Wohnung sahen in einen großen Hofraum , den Elisabeth den Klostergarten zu nennen pflegte , denn er lag so still und abgeschieden zwischen den vier hohen Mauern . Einige breitästige Linden warfen eine grüne Dämmerung auf die saftigen Rasenplätze , die nur hier und da ein gepflasterter Weg durchschnitt . Inmitten des Hofes befand sich ein Brunnen , der das Haus mit einem köstlichen Wasser versorgte ; auf dem Rande des mächtigen Bassins ruhten die weißen Glieder einiger Sandsteinfiguren , umhaucht von dem grünen Lichte der Wipfel droben . Wenn draußen auf den Bosketts und Kieswegen die Nachmittagssonne glühend und träge lastete , wie flüssiges Blei , dann wehte hier unter den Bäumen eine erfrischende Kühle . Eine Thür im Erdgeschosse , die unmittelbar aus dem Arbeitskabinett des Herrn von Walde in den Hof führte , stand deshalb auch meist offen . Er selbst trat dann und wann heraus und schritt mit gekreuzten Armen auf und ab ... Welcher Gedankenstrom mochte dann wohl hinter der schönen , bleichen Stirn fluten , wenn er , eine Zeitlang gesenkten Hauptes dahinwandelnd , plötzlich sich aufrichtete , wie aus einem lieblichen Traume aufgeschreckt ? Miß Mertens sagte öfter , sie finde , daß er sehr verändert zurückgekehrt sei . Vor seiner Reise , erzählte Miß Mertens , sei ihr Herrn von Waldes Gesicht vorgekommen , wie das einer Statue , so ernst und unbewegt , und obgleich sie schon damals erkannt habe , daß er ein durchaus edler Mensch sein müsse , sei sie doch stets in seiner Nähe von einer Eiskälte überschlichen worden . Jetzt käme es ihr vor , als habe eine lebenerweckende Hand über seine Erscheinung hingestreift ; selbst sein Gang sei elastischer und rascher geworden , und sie wolle darauf schwören , daß bei seinen einsamen Wanderungen durch den Hof öfter ein Lächeln über seine Züge gleite , als tauche irgend ein Wesen vor ihm auf , dessen Anschauen ihn glücklich mache . Bei dieser Bemerkung lächelte Miß Mertens selbst und meinte geheimnisvoll , er habe auf alle Fälle sehr angenehme Erinnerungen mit heimgebracht , und sie könne die stille Ahnung nicht unterdrücken , als müsse binnen kurzem alles anders werden in Lindhof . Sie sah aber nie , daß ihre junge Freundin bei dieser Schlußfolgerung stets mit der Hand nach dem Herzen griff , und diese selbst bemerkte es noch viel weniger , denn der schmerzliche Stich , der schneidend ihr Inneres durchdrang , ließ sie ganz und gar vergessen , ihre äußeren Bewegungen zu beherrschen . Die stillen Spaziergänge unter den Linden wurden aber auch öfter unterbrochen , und zwar durch die Leute , die irgend ein Anliegen vorzubringen hatten . Dann kamen die Arbeiter und Geschäftsleute , aber auch die Unglücklichen und Bedürftigen . Zagend schritten die letzteren , vom Bedienten angewiesen , die Stufen herab und standen dann meist mit gesenktem Kopfe vor der gebietenden Gestalt des Herrn , der sie mit milder Stimme aufforderte , zu sprechen , und sich gütig zu ihnen herabbog , um keines ihrer geflüsterten Worte zu verlieren . Sie verließen ihn stets gehoben und getröstet ; denn diejenigen , die seiner Hilfe nicht würdig waren , wagten schon gar nicht , ihm unter die Augen zu treten . Heute hatte Elisabeth ihre Wanderung ins Thal eine halbe Stunde früher angetreten . Der Vater war nämlich mittags , als er aus dem Forsthause zurückkehrte , Miß Mertens im Walde begegnet . Sie hatte sehr verweint ausgesehen und war augenscheinlich im Momente außer stande gewesen , zu sprechen , denn sie hatte ihm nur einen Gruß zugenickt und war rasch weiter gegangen . Diese Nachricht ließ Elisabeth keine Ruhe ; um keinen Preis hätte sie mit ihrem Besuche bei der Gouvernante bis nach Beendigung der Stunde warten können ; das arme einsame Wesen brauchte sicher Trost und ein Herz , an dem es sich ausweinen konnte . Jenseits der großen Wiese , die an den Saum des Waldes stieß , lag ein allerliebster Pavillon . Ein dunkles Gebüsch umschloß den zierlichen Bau von drei Seiten und ließ die helle Fronte um so leuchtender hervortreten . Das kleine Haus hatte bisher verschlossen gestanden ; die Läden waren jedoch meist zurückgeschlagen und durch den Spalt , den ein verschobenes Rouleau bildete , hatte Elisabeth gesehen , daß der innere Raum sehr elegant eingerichtet war . Als sie heute aus dem Walde trat , sah sie sogleich , daß die Thüren des Pavillons offen standen . Ein Bedienter mit einem leeren Präsentierteller trat heraus und winkte ihr , hinüber zu kommen . Beim Näherschreiten erkannte sie bald Fräulein von Walde , die Baronin und Hollfeld , die den Kaffee tranken in dem einzigen Zimmer , aus welchem der Pavillon bestand . » Sie kommen heute ein wenig zu früh , liebes Kind ! « sagte Helene , als das junge Mädchen über die Schwelle trat . Elisabeth sagte ihr , daß sie Miß Mertens zuvor einen Besuch machen wolle . » Ach , lassen Sie das heute ! « rief Helene lebhaft , aber sehr verlegen , während die Baronin mit einem unbeschreiblich maliziösen Lächeln von ihrer Häkelarbeit aufsah . » Wissen Sie , daß diesen Morgen ein großes Paket neuer Musikalien aus Leipzig angekommen ist ? « fuhr Fräulein von Walde fort . » Ich habe sie schon ein wenig durchgestöbert , meist prächtige Sachen . Vielleicht finden wir noch eine brillante Piece für unser Konzert ... Setzen Sie sich ; wir gehen dann zusammen ins Schloß . « Sie bot Elisabeth ein Körbchen mit Kuchen und legte ihr eine schöne Birne auf den Teller . Herrn von Waldes Hund sprang in diesem Augenblicke über die Schwelle . Sofort richteten sich beide Damen aus ihrer bisherigen Stellung auf . Helene blickte gespannt nach der Thür und gab sich offenbar die größte Mühe , so freundlich und harmlos wie möglich auszusehen . Die Baronin aber warf ihre Arbeit in den Korb ; sie untersuchte die silberne Kaffeekanne , ob sie noch heiß sei , stellte eine Tasse nebst Zuckerschale zurecht und zog einen Stuhl aus der Ecke an den Tisch . Das impertinente Lächeln war verschwunden , dafür lagerte sich ein gewisser Ernst auf ihre Stirn , und die ganze Erscheinung präparierte sich , einen würdevollen und imposanten Eindruck zu machen . Hollfeld eilte beim Erblicken des Hundes sogleich hinaus in den Garten und trat nach wenigen Minuten mit Herrn von Walde wieder ein , der , wie es schien , von einem Ausfluge zurückkam , denn er trug einen staubgrauen Ueberzieher und einen runden Filzhut . » Wir haben schon gefürchtet , lieber Rudolf , « rief Helene ihm entgegen , während sie sich erhob und ihm die Hand hinreichte , » dich für heute ganz entbehren zu müssen . « » Ich fand in L. mehr Geschäfte vor , als ich erwartet hatte , « erwiderte er und setzte sich nicht auf den ihm gebotenen Stuhl , sondern neben seine Schwester auf das Sofa , wodurch Elisabeth gezwungen wurde , sobald sie die Augen erhob , ihm in das Gesicht zu sehen , denn er saß ihr gerade gegenüber . » Uebrigens , « fuhr er fort , » bin ich schon seit einer halben Stunde wieder zurück ; allein Reinhard hatte mir eine Privatangelegenheit mitzuteilen und verlangte eine sofortige Entscheidung von mir ... deshalb wäre ich beinahe um das Vergnügen gekommen , den Kaffee bei dir zu trinken , liebe Helene . « » Der böse Reinhard , « schmollte Fräulein von Walde , » er hätte auch ein wenig warten können , die Welt würde ja wohl nicht gleich aus den Fugen gegangen sein . « » Ach , liebes Kind , « seufzte die Baronin , » das sind Dinge , die wir nie ändern werden ... Wir sind eben für unser ganzes Leben verurteilt , die Sklaven unserer Untergebenen zu sein . « Herr von Walde wendete ruhig den Kopf nach ihr und ließ seinen Blick langsam über ihre Gestalt gleiten . » Nun , weshalb fixierst du mich so angelegentlich , lieber Rudolf ? « fragte die Baronin nicht ohne einen Anflug von Verlegenheit . » Ich wollte mich nur überzeugen , ob du in der That geeignet seiest , eine jener traurigen Rollen in Onkel Toms Hütte durchzuführen . « » Stets Spott , wo ich Teilnahme suche , « entgegnete die Dame , indem sie sich bemühte , ihrer spröden Stimme einen weichen trauervollen Klang zu geben . » Ich könnte es nun nachgerade wissen ; allein ... « sie seufzte abermals . » Nicht jeder hat übrigens deinen beneidenswerten Gleichmut , der die kleinen Bitterkeiten und notwendigen Uebel des Lebens an sich vorübergleiten läßt ... Wir armen Frauen haben leider unsere unseligen Nerven , die uns jede Gemütserschütterung doppelt fühlbar machen ... Hättest du mich heute morgen gesehen , in welch trostlosem Zustande ich war - « » So ? « » Ich habe einen furchtbaren Aerger gehabt ... Nun , diese Miß Mertens wird es dereinst verantworten müssen ! « » Hat sie dich beleidigt ? « » Welcher Ausdruck , liebster Rudolf ! Wie könnte mich diese Person in ihrer Stellung beleidigen ! ... Erzürnt , auf das äußerste erbittert hat sie mich ! « » Nun , ich sehe mit großer Befriedigung , daß du dich nicht so leicht unter das Sklavenjoch beugen wirst . « » Ich habe in der letzten Zeit unsäglich viel mit dieser albernen Person zu ertragen gehabt , « fuhr die Baronin fort , ohne den Einwurf ihres Kousins zu beachten . » Meine Mutterpflichten sind mir heilig und aus dem Grunde halte ich es für unumgänglich nötig , den Unterricht meines Kindes zu überwachen ; denn es kann mir durchaus nicht gleichgültig sein , welche Richtung der jungen Seele gegeben wird ... Leider mußte ich immer mehr finden , daß Miß Mertens ' Wissen sehr mangelhaft , und ihre Anschauungsweise durchaus nicht derart ist , daß ich eine gleiche für ein junges Mädchen in Bellas Verhältnissen wünschen möchte ... Heute morgen höre ich , wie diese einfältige Mertens dem Kinde sagt , der innere Adel stehe weit über dem Adel der Geburt - als ob das zu trennen sei - sie stelle den Bettler , der ein reines Herz habe , höher , als ein gekröntes Haupt , das sündige , und dergleichen mehr ... Wenn ich dir nun sage , daß Bella dereinst - so es im Ratschlusse des Herrn liegt - am Hofe leben wird - ich habe eine